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Full text of "Friedrich Schleiermacher's sämmtliche Werke"

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Sriedrich 1 ป 
fammtlihe Werke. 


Zweite Abtheilung, 


Predigten 


Erfier Band, 


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Berlin, 
bei 8 Neime.r 
. 1834. 

















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An 


Seren 


Prediger Stubenrauch 


zu kandsberg an der Warthe. 


12 


©. empfangen hier, mein innigft verehrter vaͤter⸗ 
licher Freund, ein Eleines Gefchenf; Taffen Sie mich 
nicht vergebens Hoffen, daß es eine guͤtige Auf 
nahme bei Ihnen finden werde. Mein Hecht es 
Ihnen eigenthümlich Darzubringen werden Sie mir 
wohl nicht Beftreiten; ich wuͤrde mich auf Ihre An: 
leitung, unter welcher ich zuerft den öffentlichen Lehr: 
fuhl der Religion beftieg, ich würde mich auf Ihre 
früheren Werdienfte um mich ๕ 8 Sie noch afade: 
mifcher Lehrer waren, ich würde: mich ſtatt alles. 
defien auf die väterlichen Gefinnungen berufen, Die 
Sie von meiner Kindheit an gegen mich gehegt haben. 
und die mich zu Allem berechtigen, was die liebevolle. 
Ehrerbietung eines Sohnes eingeben Fann. | 

Sie haben den Vorſaz einige meiner Vor—⸗ 
traͤge dem groͤßern Publikum zu uͤbergeben ſchon 
ſonſt nicht gemißbilligt; waͤren Sie nun nur mit der 
Ausfuͤhrung zufrieden, uͤber welche ich mir leider 
Ihren Rath vor dem Drukk nicht erbitten konnte. 
Bei der Auswahl haͤtte J mich gern ganz auf be⸗ 


fondere Gegenftände beſchraͤnkt und am liebſten dad 
ganze Bändchen der Beftreitung foIcher ‚religiöfen und 
. befonders moralifchen Vorurtheile gewidmet, über 
welche man fich felten oder meiner Meinung nach nicht 
auf die vechte Art von der Kanzel verbreitet: allein 
Gründe, welche Sie Teicht errathen koͤnnen, hielten 
mich hievon ab, und fo habe ich einige andere hinzu: 
gefügt, die ich nur um der Behandlung willen an: 
dern. vorzog. Ehriftliche Feftpredigten habe ich ab: 
fichtlich ganz ausgefchloffen, weil mir diefe unzwekk⸗ 
mäßig fcheinen, wenn man nicht den ganzen Cyclus 
unſerer Feſte vielfeitig abhandeln kann, was mir 
unmöglich war, ohne über die Grenzen, welche ich 
mir vorgefchrieben Hatte, hinauszugehen; ſo daß auch 
die Predigt am Eharfreitage nur hier ſteht, meil 
fie fich auf den Gegenſtand des Feftes dogmatiſch 
gar nicht bezieht. Dagegen haͤtte ich gern, wenn 
es der Kaum erlaubt Hätte, die bürgerlichen Feſttage, 
den Bettag und das Erntefeſt von mehreren Seiten | 
dargeſtellt. u 


ฯ 


Daß Feine einzige von dieſen Predigten. meiz 
ner jezigen Gemeine *) vorgetragen worden ift, bes 
theuere ich Ihnen nicht erſt. Wie Sie diefe Fennen, 
wären fehon die hier behandelten Gegenftände und 
ber ganze Zufchnitt, wenn auch der Styl urfprüng- 
ich noch fo populdr geweſen wäre, eine unverzeih: 
liche Sünde, deren ich mich Bei meiner Liebe zu 
dieſem Amte nicht ſchuldig machen Fonnte; vielmehr 
find alle dieſe Predigten theils gelegentlich in andern 
hiefigen Kirchen gehalten worden, theild Früchte mei⸗ 
ne interimiftifchen Dienftes bei Ihrer Gemeine und 
in Potsdam. Aber Feine einzige erfcheint auch ganz 
ſo wie ich. fie gefprochen Habe. Sie willen, daß 
ih ſchon feit mehreren Jahren das woͤrtliche Aufe 
fhreiben meiner Neben unterlaffe und daß ich alſo 
größtentheild was ich gefprochen für den Druff 
nur nach ausführlichen Entwürfen wieder herftelfen 
konnte: aber felbft einige, die ich unmittelbar nach 





ฯ *) Der Verfaffer. war damals Prediger am Charité/Hauſe zu 
rlin. 0 ) . . 





7 


dem Vortrage zu Papier bringen konnte, haben 
bedeutende Veraͤnderungen erfahren. Was Lichten- 
berg..in feinen nachgelaffenen Schriften fast, daß 
eine gedrukkte Rede anders fein müffe, als eine ge: 


fihriebene, das feheint mir in einem weit größeren 
Unmfange wahr zu fein,-ald er. es gemeint hat. Es 
muß nicht nur aus Mängel an vhetorifchen Zeichen 
manches mit Worten angedeutet. werben, mas Beim 
Vortrage fehon der richtige Gebrauch der Stimme ง 
und des Zeitmanßes ausrichtet; fondern es giebt: 
noch andere Gründe- zu größeren Veraͤnderungen. 
Obgleich auch eine. gedruffte Predigt, wenn fie dem 
Charakter ihrer Gattung treu bleiben will, den Eefer 
zwingen muß, ihr einen feierlichen Tangfamen Ernft 
und: eine fautere Stimme zu vergönnen: fo Fann 
. Doch. niemand im. Zimmer fo langſam leſen, als 


- auf der. Kanzel gefprochen werben foll, und eine 


gedruffte Predigt. Darf Daher gar wohl. etwas lan: 
ger fein, ald mir beide dem gefprochenen erlauben, 
Sie darf auch meiner Meinung nach eine angeſtreng⸗ 








tere Aufmerkfamkeit in Anfpruch nehmen, da wir alle 
leider mit dem -fichtbaven Buchftaben mehr Werfehr 
haben als mit dem hörbaren, da ſchon durch das Bor: 
aneifen des Auges das Auffaffen des Zufammenhans 
ges erleichtert. wird -und das gelefene auch hernach 
noch, gegenwärtig Bleibt, wenn hingegen der Strom 
dir Rede vorüberfließt, Endlich glaube ich, daß eine 
gedrukkte Predigt nicht auf eine fo ſehr gemifchte Ver⸗ 
fommlung rechnen darf, wie wir fie leider in unfern Ä 
Kirchen Haben. Menigftens mußten doch Predigten, | 
welche zufammen erfcheinen follen, in eine gewiſſe 
Gleichfoͤrmigkeit gebracht werden, und ich habe dabei. 
biejenigen zum Maaßſtabe genommen, bei denen ich 
die gebildetften Zuhoͤrer vor mir hatte, weil ich glaube, 
daß die andern fich Bei ihrer häuslichen Andacht lie: 
ber vollftändiger Jahrgänge bedienen mögen. ง 
Finden Sie, daß ich Schriftitellen hie und. da 
nicht nach dem Sinne des Originals angewendet - 
habe: fo glauben Sie nur nicht, ich fei etwa ſeit Fur- 
em zu der fogenannten moralifchen Snterpretation 


⸗ 


übergegangen, die mir vielmehr noch immer ſehr un- 
moraliſch vorkommt. Allein da es mir um einen Be: 
weis aus einzelnen Stellen der Schrift mit Berufung 
auf ihr Fanonifches Anfehen in einer. Predigt. faft. nie⸗ 
mals zu thun ift, fondern nur darum, daß der Zu= 
hörer an einer Biblifchen Sentenz einen Theil des 
vorgetragenen feft halte und fich deffen wieder erin⸗ 
nere: fo. iſt mir, zür Anführung ſowohl ald um den 
ganzen Vortrag daran-zu knuͤpfen, ein Spruch, der 
- wie er in unferer kirchlichen Ueberſetzung ſteht allge: 
mein auf den behandelten Gegenſtand gedeutet wird, 
weit lieber als ein anderer, der vielleicht wirklich 
davon handelt, aber deſſen Ueberſezung dieſen Sinn 
nicht ausdruͤkkt. 

Was Ihnen im Einzelnen an meinem Geſchenk 
mißfallen wird weiß ich recht gut; aber ich weiß auch 
wie Sie den Geiſt deſſelben im Ganzen beurtheilen 
werden, Andern wird freilich manches wunderlich 
vorkommen; zum Beiſpiel, daß ich immer ſo rede, als 
gäbe es noch Gemeinen der Gläubigen und eine chriſt 


P) 





liche Kirche; als wäre die Religion noch ein Band, 
welches die Chriſten auf eine eigenthuͤmliche Art ver⸗ 
einigt. Es ſieht allerdings nicht aus, als verhielte es 
ſich fo: aber ich ſehe nicht, wie wir umhin koͤnnen Dies 
dennoch vorauszuſezen. Sollen unfere religiöfen Zus 
ſammenkuͤnfte eine Miffisnsanftalt fein, um die Dien- 


(hen erft zu Chriften zu machen: fo müßten wir ohne 


died ganz anders zu Werke gehen. Soll aber von ih. 
เต Verhaͤltniß zum Chriftenthum gar nicht Die Rede 

fein: fo fehe ich nicht ein, warum vom Chriftenthum 
die Rede iſt. Vielleicht kommt auch die Sache dadurch 
wieder zu Stande, daß man fie vorausfezt; wenigſtens 
giebt es nichts verderblicheres für unfere religiöfen .' 
Vorträge, ald das Schwanken zwiſchen jenen beiden 
Anfichten, ob wir als zu Chriſten reden ſollen, oder ด ไช _ 
zu Nichtchriſten. Andere werden fich Daran ärgern, 
daß der Unterſchied zwiſchen fittlichen und unfittlt- 
chen Menfchen, zwifchen -frommen und meltlichge: 
finnten fo ſtreng genommen ift, wie e8 unter unfern 
Gottesgelehrten ſchon Tange nicht mehr Mode ſein will 


ihn zu Behandeln: aber Sie mwiffen, daß ich dieſem 
Anftoß nicht abhelfen Eonnte, ohne dem mas ich für 
อ ด 8 mwefentliche des Chriſtenthums ‚halte, untreu u 
werden. Noch Andere werden es tadeln, daß ich. nicht 
einige befondere Gründe anführe um mich zu entfchul: 
digen, warum ich Bei der ungeheuren Menge gedrukk⸗ 
ter Predigten auch diefe noch drukken laſſe; aber das 
kommt mir wunderlich vor. Sind fie ſchlecht: ſo koͤn⸗ 
nen alle beſondere Gruͤnde nichts helfen; haben ſie 
aber ſo viel gutes und eigenthuͤmliches, daß ſie ein 


Publikum finden, welches fie beizubehalten wuͤnſchen 


würde wenn die fehlechtere Hälfte aller gebrufften 
Predigten vertilgt werden follte: fo haben fie ein ge: 
gründetes Hecht zu eriftiren auch ohne alle beſonderen 
Gründe. Und fo wünfchen Sie nur mit mir, da fie 
Ahnen doch einmal angehört, daß nicht Renner von 
weniger Güte gegen mich ald Sie Urſach finden moͤ— 
gen, ein verwerfendes Urtheil über meine Arbeit zu 
fällen, und daß fie auf ihre Weife der guten. Sache 
möge nüßlich fein. 


Nachſchrift 
bei der zweiten Auflage 


Es made mir Freude Ihnen dieſe Vorträge noch einmal 
zu übergeben, Gie werden finden, wenn Sie vergleichen 
wollen, daß ich wenig und nur im Einzelnen geändert habe. 
Und in der That wußte ich, wenn jeder Vortrag in den 
urfprunglich abgeftefften Grenzen bleiben und ben einmal ans 
gefiimmten Ton behalten follte, nichts reichhaltigeres oder 
wirffameres daraus zu machen. Für mehrere würde ich 
vielleicht jege eine ganz andere Are der Darftellung wählen: 
allein fo etwas ganz neues an bie Stelle des bisherigen zu. 
fegen hielt ich mich niche für befugt. Was einmal heraus; 
getreten ift als unfer Werk und als folches gewirkt und 
Sreunde gefunden hat, das hat fich eben dadurch auch ein uns 
abhaͤngiges Dafein erworben und Mechte, die felbft ber Lirbes 
ber niche verlesen darf. Zu einzelnen Verbefferungen würde 
ih vielleicht noch mehr Veranlaſſung gefunden haben, wenn 
ih mir die Ausftellungen einiger wolmollenden und einfichtss 
vollen Beurtheiler angemerkt hätte; allein ich rechnefe zu wenig 
auf einen neuen Abdruff um folche Vorkehrungen zu £reffen. : 

Hiebei führe mich die Erinnerung an eine von ben weni; 
gen mie befanntgeworbenen Beurtheilungen auf einen Gegen; 
Rand, uͤber den ich ein paar Worte mit Ihnen reden möchte. 
Ein fehr achtungswerther Mann und der viel fchönes über 
diefe Arbeit fage macht. mir einen Vorwurf aus dem offenen. 
Bekenntniß, Daß ich meine Vorträge nie ehe fie gehalten 
werden wörtlich aufzeichne, und er fcheint Dies ordentlich als. 
eine Gewiſſensſache anzufehn. Sch meines Theils möchte 
aus meinem Werfahren eben fo wenig ein allgemeines Geſez 
machen, als ich auf der andern Seite das Unrecht einfehe, 
welhes darin liegen fol. Denn die Vorausfezung, eine niche - 
aufgefchriebene und memorirte Rede müßte vernachläfjiger fein, 


iſt doch wohl einſeitig. Unteifefben wird ſie freilich der Ken | 
ner; aber das foll er auch, weil nemlich die Vollfommen; 
heit einer folhen Rede und einer andern gar nicht dieſelbe 
iſt. Eben darum uͤberzeuge ſich nun jeder, auf welchem Wege 
er ſelbſt am meiften zu leiften vermag. Im Allgemeinen möchte 
ich nur wünfchen, daß jeder ruhige und befonnenere Mebner 
‚ohne den Buchſtaben beſtimmt ausgearbeitet und ins Ge | 
dachtniß gefaßt zu haben die Kanzel beftiege; nur fo wird 


er wahrſcheinlich mit eben foviel Wärme als Sicherheit reden. 


Der beweglichere und heftigere Dagegen binde fich Tieber wenn 
er es vermag an das vorher aufgefchriebene. Wort; fo ges 
langt er wohl am eheften zu der Mäßigung, welche dem 
‚Zuhörer das ruhige, und Elare Auffaffen erleichtert. Der vol 
endefe Meifter natuͤrlich foll unter dieſer Regel nicht ftehen, 
und denjenigen, ‘den. eine perfönliche Beſchraͤnkung auf eine 
von beiden Seiten nöthiget, ſoll fie nicht binden; für den 
aber, ber etwa außer dem religiöfen Zwekk noch einen perfon- 
lichen hege und nebenbei auch glänzen will wenn er erbaut, 
verftehe ich gar Feine zu geben. | 
uUebrigens fehen Sie, daß ich kühn geworden bin und 
zu Diefer Sammlung eine. zweite verfpreche,. um ihr ergäns 
zend, zum Gegenftüft zu dienen. Sie fchelten wohl nicht | 
- darüber. . Wir wiffen fo felten wieviel Zuhörer wir haben 
unter den Anwefenden; warum - -follen wir nicht, wenn es 
fih thun läßt, die Zahl auch durch „Entferntere vermehren ? 
Jeder wirke, fo weit er kann, um fromme Gefinnungen zu 
beleben und die Menfchen über ihr eignes Gefühl zu ver 
ſtandigen. | 


แง 


ii - « ซ 





1 
Die Aehnlichkeit der Zukunft mit. der 
Bergangenheit. 





Am Nenjahrstage. 





| อ Vorrecht fich die. Zukunft vorzuftellen und — wenn auch 

me mit unfichern Augen — hineinzufehen gehört unter Diejenigen, 
deren fich Die Menfchen mit der menigften Mäßigung bedienen. 
Wieviel Zeit wird nicht bingebracht mit dem Beſtreben zu er 
rathen was gefchehen wird! Mie oft verfest nicht Ungeduld, 
welche die Begebenheiten herankommen, bie mancherlei Verwikke⸗ 
lungen ſich aufloͤſen ſehen will, den Menſchen in Unthaͤtigkeit 
und raubt ihm den gegenwaͤrtigen Augenblikk! An einem Tage 
wie der heutige, da wir nach der Eintheilung uͤber welche faſt 
alle geſittete Voͤlker der Erde uͤbereingekommen ſind ein neues 
Jahr anfangen, iſt diefe Beſchaͤftigung mit der Zukunft gewiß 
ganz allgemein. Es hat freilich dieſe Eintheilung der Zeit auf 
den Lauf der Dinge gar keinen Einfluß. Nichts neues geſchieht 
heute, was uns veranlaſſen koͤnnte, die Zeit von nun an als eine 
andere anzuſehen. Aber dieſer Tag iſt einmal hingeſtellt als eine 
Scheidewand zwiſchen Vergangenheit und Zukunft; jedermann 


befindet fich in einem Zuſtande der Ueberlegung, und dieſe richtet 


fih gewiß bei dem meiften auf dasjenige was da kommen foll. 

Billigerweiſe iſt 68 daher die Abficht unferer Zufammenkunft an - 
diefem Ort, daß wir ung hiebei in eine folche Gemuͤthsverfaſſung 
fen, welche aufrichtigen Verehrern des Höchften und gehorfa- 
men Kindern des himmlifchen Vaters geziemt. Denn überlaffen - 


‘16 


wir uns ganz dem Spiel เน welchem unfere Einbildungstraft 
geneigt iſt: ſo werden aus dem verworrenen Bilde, welches fich 
jedem zuerft darſtellt, ſehr bald beſtimmte Geftälten hervortreten 
von dem was ung felbft b:treffen Fann, fo wie von dem tag 
fih) auf den Zuftand der Menfchen überhaupt ‚bezieht; und je 
nachdem dag Gemüth geftimme ift des einen, eher traurige, Des 
anderen, lieber fröhliche Ereigniffe vorzubilden, wird der eine mit 
Surcht, der andere mit Hoffnung erfüllt werden. Wieviel ſchmei⸗ 
. helhafte Ertvarfungen mögen heute ſchon das ſtolze Herz der 
rafchen Jugend angefchtwellt, wieviel Seufzer mag der ſchwer⸗ 
müthige fehon ausgeftoßen,. wieviel Thranen der leidende ſchon 
geweint haben über die Seufzer und Thränen, welehe ihnen dies 
Fahr wieder 'entloffen wird! Und die großen Verwirrungen auf 
dem Schauplaz der Welt, denen wir mit fo vieler Theilnahme 
zufehen, was für Vermuthungen mögen diefe fehon veranlagt ha- 
ben! Wie hat jeder Teidenfchaftliche, jeder parteifüchtige gewiß 
fchon berechnet, auf welche Art alles in einander greifen und auf 
einander folgen müffe, um endlich denen, zu welchen er fich ge 
wendet hat, den entfchiedenften Sieg über ihre Feinde zu ver 
ſchaffen, und wie ſucht er fchon begierig nach den erften Spuren 
von der Erfüllung feiner Wünfche. Das ift fo die Ark, wie nicht 
etwa nur irdifchgefinnte Menfchen, welche allein nach dem ange: 
nehmen und nüglichen fragen, die Zukunft zu betrachten pflegen, 
fondern auch beffere Menfchen, die das gute vor Augen haben. 
Daß @ nicht die zufräglichfte ift, muß ung allen einleuchten. 
Dder was bleibt von übertriebenen Erwartungen zuruͤkk, als ein 
bitterer Nachgeſchmakk, wenn dag, was gefchieht, fich nicht. mit. 
ihnen vereinigen will? Und womit follen wir in dem flüchtigen | 
Leben Senfjer und Thränen zurüffaufen, „wenn wir fie ung zu 
früh vergeblich ausgepreßt haben? Oder warum follen wir ung 
in den Fall fegen unfere Thorheit gu firafen, wenn fich alles an- 
ders begiebt als wir in unſerm Rathe befchloffen hatten? Allein 
vom zuträglichen fol bier gar nicht die Nede fein, fondern nur. 
davon was einem frommen Menfchen natürlich iſt. Diefer wird 
in jenen Bildern, welche eine gefpannte, Einbildung zeichnet, die 
Welt wie fie ihm: erfcheint nicht wieder erkennen; und in jener 
Art die Zukunft zu betrachten und zu behandeln, fpiegelt fich 
feine Gefinnung nicht ab. Ihn werdet Ihr auch hier mäßig 
und befonnen finden; Eeine fieberhafte Thätigkeit der Einbildung 
verändert den Pulsſchlag feines Gemüthes, Feine Ehbe und Flut 
von Furcht und Hoffnung treibt ungeſtuͤme Wellen auf dem ebe⸗ 
‚nen Spiegel feiner Seele hervor; fondern Ruhe und Gleichmuͤ⸗ 





17. 


thigkeit, das ift. feine Stimmung beim NHinfehen auf die Zukunft, 
und dag ift die Stimmung, in welche ich und Alle verfeßen moͤch⸗ 
te, indem ich und die innern Gründe derſelben vor. Augen ftelle. 


Tert. Pred. Salome 1, 8. 9. 


Was iſt es, das gefchehen iſt? Eben das hernach ge: 
fchehen wird. Was ift es, das man gethan hat? Eben 
das man hernach thun wird, und geſchieht nichts Neues 
unter der Sonne. 


Dieſe Aeußerungen haͤlt man gewoͤhnlich fuͤr den Ausbruch 
eines mißvergnuͤgten Herzens, welches uͤberſaͤttiget von den eiteln 
Freuden der Welt allen Geſchmakk an derſelben verloren hat. 
Und wenn wir ſie uns in einem klagenden Tone vorgetragen den⸗ 
ken; wenn Sehnſucht nach Neuem dabei zum Grunde liegt, und 
Beſchwerde geführt wird, daß dies nicht gefunden werden kann: 
(0 [ท หั fie fich auch nur aus einer folchen Gemürhsverfaffung . 
ableiten. Eine fo Eleine Seele muß ein immerwaͤhrendes Ber 
langen haben nach neuen Eindrüffen,. und um. auch dergleichen .. 
nicht mehr zu finden, muß ihre Neisbarkeit fchon- gänzlich abges - 
ſtumpft fein. Allein diefe Worte ſtehen bier ohne Beziehung auf 
ſelbſterfahrne Schikfale, als eine. ganz gelaffene Faltblütige Be 
merkung, der eine anhaltende und vielfeitige Betrachtung der Welt 
wungtganget iſt; und fo, aus biefem Grunde hervorgehend .ift 

die Stimmung, welche nichts Neues unter der 

Sonne findet, 
ganz im Geifte der Religion. Davon möchte ich Euch gern über 
jeugen. Sich werde zu dem Ende darthun: Erftlich, daß fie 
ganz die Anfücht ber Welt enthält, die einem auf Gott gerichte- 
ten Herzen natürlich if, und zweitens, daß darin ganz bie Ges 
finnungen liegen, Durch welche fich bie grommen überall aus: 
jeichnen. 

I. Der Gedanke, daß nichts Neues unter der Sonne. ge⸗ 
ſchieht, iſt der natuͤrlichſte Ausdrukk der Art, wie die Welt dem 
Auge desjenigen erſcheint, welcher überall. in derſelben den Herrn 
ſucht. Eine aufmerkſame Betrachtung deſſen, was in jedem Au⸗ 
genblikke geſchieht, wird ung zeigen, daß entweder Alles oder 
Nichts neu ift fowohl über als unter der Sonne. Die zahllefen- 
Welten, die wir ſehen, und bie wir nicht-fehen, bewegen fich je- 
den Augenblikk vorwärts in ihren ‚bekannten und unbekannten 
Bahnen; bas Bern dem Mir folgen, wekkt und nährt jeden 

B 


18 


Augenblikk auf unſerer Erde durch bie milden Einflüffe bes Lich- 
te8 Die Kraft. des Lebens, in jedem Augenblikk verſchwindet dieſer 
wohlthätige Anblikk einem Theile derfelben, und geht einem ans 
dern wieder auf; der große Taufchhaudel zwifchen Leben und Tod 
geht ununterbrochen mit der größten Lebhaftigkeit und in unge: 
ſtoͤrtem Gleichgewicht fort: bier Eehrt zur todten Mafle zuruͤkk, 
was bisher ein Theil eines edleren Körpers. geiwefen war, Dort 
"werden neue Beftandtheile eingefogen aus dem Strom der umge⸗ 
benden Luft, aus dem Schooß der mütterlichen Erde, aus den 
Trümmern zerftörter lebendiger Weſen; bier verlöfcht in Einem 
Gefchöpf der Funken des Lebens, dort fangen feine geheimnißvol⸗ 
len Bewegungen in einem Andern an;: bier entflicht ein unfterb- 
licher Geift feiner Hülle, dort feiert‘ ein Anderer mit klaͤglichem 
Gefchrei feinen Eintritt in die Welt. Jede menfchliche Seele wird 
immerbar von Liebe oder Abneigung: bewegt; Gedanken und Empfin: 
dungen gehen aus ihrer -innern. Kraft hervor, und bilden einen 
eignen. Moment ihres Daſeins, wogegen die Erinnerung eines 
frahern in fanften Schlummer ‚gewiegt wird, aus dem fie viel: 
deicht nie- wieder erwacht; im. Strom der Rebe, im Blikke dee 
Auges fließen Einfichten und Gefühle von Einem zum Andern, 
und jeder fendet fie weiter mit feinem eigenthümlichen Gepräge 
bezeichnet. Dies iſt das Gaͤhren und Bewegen jedes Augenblik⸗ 
£e8, und fiche da, jedes Einzelne ift etwas Neues. Noch nie 
waren die Welten in dem unendlichen Raume fo gegen einander 
geftele wie jegt; noch nie fand dag Licht der Sonne unfere Eröe 
gerade fo geſchmuͤkkt und bekleidet wie eben jest; noch nie war 
ein Wefen dem gleich, welches eben jezt ein eignes Dafein an- 
fängt. oder beichließt;. noch nie iſt derfelbe Gedanke mit derfelben ว 
Kraft und Wirkung in einer menſchlichen Seele geweſen, wie ir⸗ 
gend einer jetzt ใน einem von Euch iſt: überall verkuͤndiget ſich 
unendliche Mannigfaltigkeit ohne unbebeutende Wiederholung: — 
So ſtellt ſich die Welt demjenigen bar, der feine Aufmerkſamkeit 
auf die Außern Erfcheinungen richtet, und diefe nicht nur mit ſei⸗ 
nen Sinnen, ſondern auch mit dem Auge feines Verfiandes be- 
trachtet; für‘ ihn geſchieht nichts" wieder, was fchon einmal ge- 
fchehen it, und was man einmal gethan hat, wird man nicht 
wieder thun. Aber ganz das. Entgegengefezte erfährt derjenige, 
‚der in der Welt den Höchften finden, bewundern und anberen 1 
will; der muß mie dem Verfaſſer unferes Terted ausrufen, daß 
nichts Neues unter der Sonne gefchieht. Laßt ung einer fo ge⸗ 
orbneten Weltbetrachtung folgen,. fo werben wir อ น eine zwie⸗ 
fache Veranlaſung ſi finden. | 


19 


. Einmal muß ein folcher nicht auf bag Aeuſſere, fondern 
auf das Innere der Begebenheiten fehen; ſowohl in der 
Förperlichen als in der geiftigen Welt; und wenn jenes immer 
ein anderes ift, fo ift diefes immer daffelbe. Was liegt am der 
Stellung, welche bie Weltkörper jest eben am Himmel einnehmen? 
Eine jede entwikkelt ſich aus der vorigen nach denſelben Geſezen, 
welche ihnen Gott von Anbeginn an’ zu ihrer Bewegung vorge: 
(hrieben bat: Was liege daran, ob jet dieſes ober ein anderes 
Theilchen des todten Stoffs meinen Körper angehört? er ift bie 
Werkſtaͤtte derfelbigen Kräfte, deren Verbindung fein eigenthuͤm⸗ 
liches Wefen ausmacht, und diefelbigen Theile, die ihm nothwen⸗ 
dig find, werden immer wieder in ihm hervorgebracht. Diefelbe 
Kraft, durch welche eine Pflanze aus dem Saamen erwuchs, 
bringt aus dem ihrigen auch eine andere ähnliche hervor; regel, 
mäßig erzeugt fich immer wieder dieſelbe Geftalt, und jede Abs 
weichung erfolgt ebenfalls durch diefelben Kräfte und nach den 
nemlichen Gefegen. So druͤkkt der Unveraͤnderliche fich deutlich 
ab in allen feinen Werken! Was iſt es, das gefchehen it? Das: 
felbe was hernach gefchehen wird. — Sehet auf bie geiflige Welt, 
die Euch noch näher angeht, und in welche. Ihr noch tiefer ein: 
dringen koͤnnt. Ihr flieht bewunderungsvoll vor einem Weſen 
eurer Art, das Euch einen neuen und unerhörten Anblikk gewährt 1 
durch feine Tugenden. oder durch feine Lafter, durch die Weisheit 


feiner Rathſchluͤſſe oder durch‘ bie Thorheit feine® Beginnend, . 


durch die Entdekkungen die er macht im Gebiete der Erfenntnig, 
durch bie Thaten bie er ausführt an der Spize der Geſellſchaft, 
vielleicht auch nur durch eine unbegreifliche Sonderbarkeit in fel- - 
nen hun, im Wechſel feiner. Gedanken und Empfindungen. 


Blikkt nur in fein Inneres hinein! Ihr finder dieſelbe Kraft der  . 


Vernunft und des guten Willens, diefelbe Trägheit des Herzen 
und des Verſtandes, diefelbe Thätigkeit der Einbildungskraft, Dies 
felbe Verblendung ber Leidenfchaften, und eine nad) denſelben 
Geſezen fortgehende Verbindung der Gedanken. Hat noch keiner 
gerade dieſe Werke hervorgebracht, dieſe Unternehmungen: ausge⸗ 
führt, dieſen Einfluß auf bie Bildung oder: den aͤußern Zuſtand 
der Menfchen gehabt: fo iſt das nur bie äußere Erfcheinung, und 
auch das erfolgt nach den nemlichen Gefegen, nach welchen im: 
merdar bie Thätigkeit der Menfchen fich gegenfeitig unterſtuͤzt ‚oder 
zerſtͤrt. Was ift es alfo,- das man gethan bat? Daffelbe dag 
man hernach thuy wird. Sehet auf bag große Geheimmiſt, wie 
beide Welten, denen Ihr angehört, mit einander verbunden ind, 
wie die Matur den Menfchen immer mit- u Kräften verficht, 


20 
tie er durch dieſe Immer größere Herrſchaft über fie gewinnt, 
wie durch dieſe Herrfchaft die Gemeinfchaft der Menfchen unter 
einander zunimmt, wie durch dieſe Gemeinfchaft ihre Bildung be 
fördert wird, und alle ihre Angelegenheiten fich verbefiern! Er: 
ftaunt auch bier über nichts, als wäre es etwas Neues und Un; 
erhoͤrtes; es find Alles nur Entwikkelungen berfelben göttlichen 
Gedanken, Annäherungen zu demfelben Ziel feiner. Gnade, nach 
demfelben. Enttourf feiner Weisheit: Turg es gefchieht nichts Neues 
unter der Sonne. 7 ๐ 
| Zweitens giebt es für denjenigen, der in der Welt überall 
den Herrn fucht, Eeinen Unterfchied des Großen umd. des 
Kleinen Wenn der Herr es ift, der Alles -thut, und in Allen 
wirkſam if, fo muß auch Alles feiner würdig, Alles groß und 
herrlich fein; nichts darf über das Andere hervorragen, denn Er 
iſt nicht wie ein Menfch, welcher jezt fich felbft übertrift, jest 
hinter fich ſelbſt gurüfbleibt. Iſt alfo Euere Betrachtung auf Ihn 
hingewendet: fo werdet Ihr in der Eleinften Begebenheit diefelbe 


 . Allmacht, in jeder tugendhaften Handlung, in jeder frommen Ne 


"gung des Gemuͤthes denfelben Geift Gottes erbliffen wie in der 
ausgezeichnetſten That. Nichts wird Euch gleichgültig und unbe⸗ 
deutend fein; aber eben deshalb kann auch nichts, wie groß und 


= bewundernswuͤrdig 68 fey, Euer Semüth über das Maaß, wel⸗ 


ches dem Weiſen und- Srommen anftändig ift, bewegen und er⸗ 
ſchuͤttern. "Dies iſt denen, welche in der Welt nur die Begebene 1 
heiten-und die Veränderungen fehen, und Alles nach dem Eins 
drukk abmefien, den die Außenfeite auf ipren Sinn und ihr Ge 
fühl hervorbringt, allerdings etwas fremdes. Sie überfehen bie 
Größe .und Herrlichkeit des Kleinen, und darum finden fie überall 
große Begebenheiten aus Eleinen Urfachen, und ſchnelle unerwar⸗ 
tete. Ummälzungen, die ihnen. den Eindrufl des Neuen geben; 0 
darum flaunen fie Einiges am, ohne «8 zu begreifen, und geben 
ſtumpfſinnig bei Anderm vorüber, ohne die Offenbarung des Herrn 
zu finden. Stürme und Erdbeben verwüften ganze Länder, und 
fie erfchreffen über die plözlichen Veränderungen in der Natur ก 
und über ihre verborgenen Kräfte — als ob fie den Wind beffer 
verftänden, ber des Morgens vor der Sonne hergeht, und den 
Thau, der ſich auf ihre Wieſen fenkt. Der Tod rafft Menfchen | 
bin mitten aus dem frohen nnd gefchäftigen Leben, und ſie ers 
ſchrekken wie plöglich der Herr ein Ende macht mit dem Men: 
ſchen; fie erfchreffen, weil fie nicht Acht haben auf den Kampf, 
den Leben und Tod immer in und kämpfen, und auf ben. erfien 
Anfang von dem Giege des Zodes.. Ein hartes Schikſal bricht 





21 


herein Aber einen Einzelnen, plöslich warfen und ſtuͤrzen unter 
ihm alle. Säulen ſeines Wohlergehens, und er -verfinft in ben 
Abgrund des Elendes; fie erfchreffen über bie ſchnellen Gerichte 
de8 Heren: aber fie hatten nur nicht gefchen den Hochmuth, Der 
vor dem Falle herging, den Kaltfinn ber Dienfchen, der auf miß- 
verftandene Bewunderung und Liebe folgte, den Ueberbruß,. der 


die Bande der hülfreichen Freundſchaft allmaͤhlig löfte. Das Feuer 


der Zwietracht und des Krieges entzündet ſich, Thronen werden 
geftürgt, Völker reiben fich auf, die Erde ift in Verwirrung. Der 
große Haufe der Menfchen fieht in allem dieſem neue und uner⸗ 
hörte Dinge, wie fie nie auf Erden gefchahen; der Fromme bes 
merkt nur dieſelbe Macht der Gewohnheit, des Beifpiels, der 
Nachahmung, denfelben nothwendigen Untergang eines ‚Ganzen, 
defien Theile nicht mehr zuſammenſtimmen, baffelbe Geſez, wie 
aus dem Alten etwas Neues entfteht, welches feld den Keim 
der Zerfiörung fehon in ſich trägt, Alles mie er es taufendfältig 
in kleinern Erfcheinungen ‚fah, aus welchen, wenn es der Herr 
gewollt hätte, eben fo große würden entftanben fein, Ein neues 
Eiche der Wahrheit geht irgendwo auf, ſchnell verbreitet es ſich 
und fcheucht die Irrthuͤmer vor fich her. Jedermann huldigt der 
neuen Erkenntniß, und fie freuen fich voll Erflaunen. über die 
(hnellen Fortſchritte des Guten. Aber fie haben vorher nicht ges 
ſehen die Eleinen Funken, welche dem großen: Feuer. vorangingen, 
und den Verfall, den der Irrthum fich bereitet hatte; und fie fer 
ben jezt nicht, toie auch wieder blinder Glaube genug fich mifcht 
unter Die neue Einficht, wie die alten Vorurtheile ſich nur in ein. 
anderes Gewand huͤllen, und noch, neue um fie ber hervorſproſ⸗ 
fen. — Nicht daß ich. behaupten wollte, der Fromme fähe zu 
allen großen Erfcheinungen in der Welt die zerficeuten Urfachen, - 
welche ผิ 6 wereint bewirken, er fähe von Allem, was ploͤzlich her⸗ 
einzubrechen ſcheint, das allmaͤhlige Werden, und waͤre ein un⸗ 
truͤglicher Prophet aller wichtigen Begebenheiten; nein, Vieles 
kommt auch ihm unerwartet, Vieles erſcheint auch ſeinen Augen 
auf einmal in ſeiner ganzen Groͤße. Aber gewohnt auf das Ein⸗ 
zeine zu merken, und auch in dem, was der Erſcheinung nach 
klein und unwichtig iſt, den Herrn zu ſuchen, erkennt er die Kraͤfte 
und ihre Geſeze, die im Großen wirkſam ſind, auch im Kleinen 
und Unbekannten ‚wieder, und hat nichts Neues geſehen unter der 
Sonne. Die ehrfurchtsvolle Betrachtung auch des Gewoͤhnlichen 
und Alftäglichen, in welchem er überall die Macht und. die Weis: 
beit des Höchften und die unwandelbaren Gefege feiner Regierung 
finder, ſichert ihm vor Erſchuͤtterungen ſeines Gemüthes, . wenn 


Pr 


etwas außerordentlich fcheint. Sehet da die Duelle jener Ruhe | 
und Zuverficht, mit welcher ber Fromme Allem entgegen ſieht, 
was die Zukunft ihm bringen kann. . Warum follte er furchtfam 


vor etwas erfchreffen, als würde er es nicht tragen koͤnnen? 
Warum follte er mit banger Erwartung auf irgend etwas. hinfe- 
ben, als koͤnnte es auf einmal feinem Leben -obder feinen Beſtre⸗ 


bungen eine andere Richtung. geben? Es wird immer nur das 
fein, was fchon gefchehen ift, was er ſchon kennt; und er 
Faun geduldig zuſehen, wie es fich entwikkelt. Iſt es et 
was Großes, 68 iſt dennoch dem Kleinern gleich, welches er be: | 
reits kennt; iſt 68 etwas Kleines, es hat dennoch Denfelben Ge 


halt und Werth, den dag Große einer früheren Zeit befaß. 


II. Eben fo find aber: auch zweitens ſolche Sefinnum 
gen mit diefer Anficht.der Dinge verbunden, welche zu Den aus: 


fchließenden. Borzügen des. Srommen gehören. 


. Einmal wird Jeder, der fich diefelbe zu eigen gemacht hat, | 
um ſoviel mehr Urfache finden, mit ber Stelle zufrieden 
ธั น fein, welche ihm Gott in der Welt eingeräumt hat. In dem ว 
Buche, woraus die Worte unſeres Textes genommen. find, iſt 
hernach viel von den ‚werfchiedenen Verhälmmiffen. und Beſtrebun⸗ 
gen der. Menfchen die Rede, und durch jede Unterfuchung wird ว 
die Unſicht geltend gemacht, daß Alles eitel fei; aber eben dieſen 


Worten ,- infofern fie in dem Sinne gedacht find, wie wir, fie be- 


trachtet haben, ift es weit angemeffener zu glauben, อ ล ธี jede | 
Stelle in der Welt gut fei. Eitel und thöricht erfcheint bei einer ว 


folchen Anficht der Welt jene fo gewöhnliche . Unzufriedenheit, 


telche meidifch nad) dem Plaz eines Andern fchielt, und meint, 
dort Fönnten größere Vollkommenheiten an ben Tag gelegt, dort 
koͤnnte mehr gutes gefliftet werden. Wer fo denkt, beleidiget 
durch feine Art die Welt เน bettachten jene göttliche Kraft, welche 
in der menfchlichen Schtwachheit mächtig if, und hat noch nicht ว 
gelernt, ben Geiſt des Herrn auch in den kleinen und geringfügig 0 
ſcheinenden Handlungen der Menſchen aufzuſuchen; er laͤßt fih 
blenden von dem Schein einer Größe แก ่ 6 einer Verſchiedenheit, 
welche nirgends zu finden. if. Es iſt nicht möglich hier größere | 


Bu Vollkommenheiten zu aͤußern als dort. Dasjenige im Menſchen, 
was allein ſeinen wahren Werth ausmacht, iſt uͤberall daſſelbe; 


in jeder Erweiſung der Rechtſchaffenheit iſt die ganze Tugend ent: ว 


halten; in jedem Gehorſam gegen das goͤttliche Geſez die ganze 


Froͤmmigkeit; in jedem Sieg uͤber Leidenſchaften und Verſuchun- 


gen die ganze Tapferkeit, auf welche der Preis des ewigen Le⸗ 


beus geſezgt iſt; und nirsende koͤnnt Ihr mehr von „Euren เน 


- 
ค 


an ben Tag legen als ſoviel. An keinem Helden ber Tugend, 
fände er auch auf einem Play, wo Alles füch im hellſten und 
günftigften Lichte geigt, -werbet Ihr mehr wahrnehmen als diefes. 
Es iſt eine Tänfchung, wenn ihr glaubt an einem andern Drte 
mehr Gutes fiiften zu koͤnnen, ale da, wohin Euch Gott geſtellt 
hat. Was gefiftet und ausgerichtet wird, ift nie dag Werk Eines 
Menſchen, und jeder verfündigt fich, der fich deſſen rühmt; es 
iſt das Merk Gottes, der es aus ben einzelnen: Eleinen Thaten 
vieler Menfchen, aus der Bereinigung aller fittlichen Kräfte her: 
vorbringt, und jeder, der bas Kleine thut, 006 Antheil an bem 
Großen, was in bemfelbigen Geifte in feiner Nähe geſchieht. 
Haltet auf Ordnung und Gehorfam in Eurem Haufe, in Eurem 
Gefchäft: fo habe Ihr zu dem Siege ber Geſeze über die Ausge- 
laffenheit eben foviel beigetragen, als der, melcher jene an der 
Spize eines großen Volkes ſchuͤgt. Seid überall mit Eurem Urs 
theil und allen Euren Aeußerungen im Dienfte. der Tugend, fo 
habt Ihr Antheil an der öffentlichften und wirkfamften Beſchaͤ⸗ | 
mung bes Lafterd. Strebet durch Hebung und Nachdenken nach 
Volllommenheit in Eurem Gefchäft; zeigt Euch überall fleißig 
und gelehrig: fo babe Ihr mitgewirkt zu allen’ Fortfchritten des 
menfchlichen Verſtandes. — Es IE eine Taͤuſchung, wenn Ihr 
Euer Leben in eine ferne Zukunft hinwuͤnſcht, wo [ด อ น dieſes 
und jenes Hinderniß des Guten aus dem Wege geräumt, und 
es in vielen Stuͤkken beſſer geworden fein wird in der Welt. . 
Nicht als ob es einen folchen Zeitpunkt nicht gäbe, gewiß das 
wäre daB Neueſte unter der Sonne, wenn bie Menfchen jemals 
ſtill Ränden, und es nicht beſſer würde. mit ihnen! Aber eben 
deshalb, bis in welche Ewigkeit hinaus möchtet Ihr denn Euer - 
Dafein verfehieben? Und wohin Ihr es auch verfest, was Eönut 
ใต denn befferes thun, als auch dann das vorhandene Gute 
anwenden und einen. noch fehöneren Zeitpunkt herbeiführen hel⸗ 
fen? Und dabei werden Euch auch dann Hinderniſſe vorſchweben, 
und es wird ebenfalls alled Thun fo vol Mühe fein, daß man es nicht 
ausreden kann.“) Was wird es alfo fein, das hr thun werdet? 
Daſſelbige, das Ihr jezt auch thun koͤnnt. Daraus folgt denn 
Zweitens, daß derjenige, welcher die Welt ſo anſieht, auch 
im Kleinen und Gewoͤhnlichen einen weit groͤßern Fleiß an⸗ 
wenden wird als Andere. Das iſt, was man von der Demuth 
des Frommen immer gerühme hat, und das iſt für die Welt und 
für ihn felbft ein großer Gewinn. Die find ſchlechte Befoͤrderer 


ๆ ชง. Sal. 1, 8. 


24 


der guten Sache, welche ſich kein Gewiſſen machen. im Kleinen 
nachlaͤßig zu ſein, welche ſagen, wer wollte ſich damit ſoviel Muͤhe 
machen, befler- feine Kräfte geſpart, bis es ſich ereignet etwas 
Großes zu thun. Sie kommen rechtlicherweiſe niemals zum Gro⸗ 
fen; . denn wer wollte dem den Zugang dazıs verſtatten, der ſich 
nicht durch das ‚Kleine bewährt, uud alfo noch gar. Eeinen Be 
weis von fich abgelegt bat! Sie würden es verderben, wenn fie 
Dazu kaͤmen, weil fie ihre Kräfte, wie groß biefe auch fein moͤ⸗ 
gen, nicht zu gebrauchen gelernt haben; ja fie bringen, ſoviel an 
ihnen ift, dasjenige in Unehre und Verachtung; woran ber Welt 
am meiften gelegen if. Ya, daß ein Jeder ehrbarlich wandle, 
und daß es redlich unter uns zugehe in allen Dingen, das iſt 
fuͤr jezt die Hauptſache unter uns; und wer auch im Geiſtigen 
hoch einherfahren will, und groͤßern Dingen nachtrachtet, der 
wird die Gemeine Chriſti und das Vaterland nicht erbauen, ſon⸗ 
dern untergraben. Wer in den gewöhnlichen Dingen des tägl: 
chen Lebens allen feinen Fleiß und alte feine Kräfte anwendet, 
ber fördert das Werk des Herrn; und wenn irgend ein Wunſch 
erlaubt wäre, fo wäre es Diefer, daß nie etwas anders unter und 
nothwendig fein möge, als dieſer Zleiß in den alltäglichen Din 
gen, und-daß. wir auf dieſe Art ein Beifpiel würden von einem 
Volk, welches auf ebner Bahn und durch eine fanfte Bewegung 
feiner Vollfommenheit entgegen gebt. Wenigſtens druͤkkt dieſer 
Wunſch die Sefinnung des Srommen aus, ber. es weiß, daß ale 
außerordentlichen Verhältniffe und alle große Erfchütterungen nur 
daher rühren, meil man von ber ebenen Bahn ‚des Berufs abge: 
wichen ift, ober weil ein. langer Waffenftiliftand den Streit bed 
Lichts und der Finſterniß, der immerwährend aber ohne Geräufh 
fortgehen fol, unterbrochen hat. — Aber auch für ben Menſchen 
ſelbſt iſt es ein großer Gewinn, wenn ๕ gottſelig iſt, und ſich 
an den Veranlaſſungen gnuͤgen laͤßt, welche ihm dargeboten wer⸗ 
den, um es zu beweiſen. Nur bei einer ſolchen Geſinnung braucht 
kein Augenblick des Lebens fuͤr ſeine Fortſchritte verloren zu ge⸗ 
hen, keine Zeit erſcheint ihm leer, und keine Umgebung duͤrftig 
oder unwuͤrdig. Indem Andere ſtehn und klagen, daß es ihnen 
‚an Gelegenheit fehle ihr Licht leuchten zu laſſen, hat er tauſen⸗ 
derlei verrichtet, und fein Gewiſſen hat ihm jedesmal eben ſoviel 
Beifall gegeben, als es derſelben Anftrengung auch bei dem größ- 
- ten Gegenftande Fönnte ertheilt haben. - Indem Andere durch Un 
thaͤtigkeit ind Mifmuth immer mehr von dem verlieren, was fie 
‚haben, nimmt er bei aller Stile und Verborgenheit feines Le⸗ 
bens in allem zu, was vor Gott und Menfchen woblgeachtet iſt 


| ว 
Faden Andere, wei fie nur ๑ 6 das, was Außerlich groß 1 ไห้) 
achten, durch falfche Vorſtellungen won der Welt und von ben 
Menfchen ſich felbft ſchaden und ben rechten Weg verfehlen, kennt 
er allein den Lauf der Welt und das menfchliche Herz, . weil er 
feinen ſchwer zu ergründenden Tiefen in ben gewöhnlichen Erfcheis 
nungen nachfpürt; und fo genießt er allein für feine Beflerung 
ale die Vortheile, welche Gott uns Allen ale denkenden Zus 
(dauern feiner. Werke und- feiner Thaten zugedacht hat. Daher 
iſt denn auch 
Drittens dieſe Denkungdart mehr ๑ 8 jebe andere mit ber 
fihern Hoffnung verbunden; daß «8 und gelingen werde, 
von Zeit zu Zeit beffer zu werben. ES gefchieht nicht nur, 
fondern man iſt fich deffen and) im Voraus bewußt, und fo oft 
man ſich eine Zukunft denkt, iſt dies das erfie Merkmal, welches 
an ihr wahrgenommen wird. — Mer auch bier in dem Wahne 
ใด ้ ย dag etwas Neues gefchehen müfle, wenn etwas Beſſeres 
aus ihm. werden foll: wie wenig Troft muß ber vor fich fehn 
unter Umftänden, bie bei ung, bem Himmel fei Dank, bie ge 
woͤhnlichſten find, wenn nemlich ein ebnes ‚und ruhiges Leben 
N vor feinen Augen ausbreitet! welche orduumgstwibrige und 
immer zum Theil lieblofe Wünsche mäffen nicht fein Herz bewe⸗ 
gen! Wer auch hierzu etwas dAußerlich Großes fordert: wie 
aͤngſilch wird der fein Auge fchärfen und bewaffnen für die Zu: 
funft, ob er อ 8 nicht am fernfien Rande des Gefichtsfreifes ent: 
deffe, und wie verbroffen wird er nicht ‚den Raum anfehn, ben 
๓ noch bis dahin Öurchwandern fol! Eine ruhige. Gewißheit 
darüber, was aus ihm ſelbſt werben wird, iſt dagegen:das An⸗ 
Heil eines Jeden, der, was ihm und Andern begegnen kann, mit 
dieſer Gelaſſenheit anſieht. — Er weiß, Daß auch ohne alle aͤußere 
deginftigung der Ausgang diefes Gefchäfts allemal feinen Be 
mühungen angemeflen fein wird. Das wäre etwas ganz Neues 
unter ber Sonne, wenn jemals die eruftliche Arbeit eines Mens 
(hen am ſich felbft vergebens. fein. ſollte! Er hat «8 noch nie 
gefehen und wird es auch nicht ſehen; deun wo auch Andere 
über ein folches Geſchikk geklagt haben, war 68 immer noch dag 
te, nemlich ihre Trägheit, ihr Nachlaffen, ihr. müde werben. — 
Er weiß, daß er immer Gelegenheit haben wird, diefes Gefchäft 
tu betreiben: denn er hat bei feiner Betrachtung ber Welt auch 
dies größte Werk Gottes auf Erden, die Heiligung bes Menfchen, 
in feine Eleinen Theile zerlegt, und weiß, daß uͤberall etwas dazu 
geſchehen kann. Hier ein wenig und dort ein wenig, nichts iſt 
แพ น น ober. überflüffig: Luſt, Muth, Bufmerkfamkeit auf bie Ge⸗ 


# 26 
จ 


genſtaͤnde, Acht haben auf ſich ſelbſt, daraus beftchen die ด ะ ให ้ : 
ten หน 8 bewundernswuͤrbdigſten Thaten; und das Kann eben fo 
uͤberall bewieſen werben, wo es mir irgend etwas zu thum giebt. 
Mer es alfo nur hieran nie. fehlen läßt, wird fich ſelbſt dag Zeug- 
niß geben mäffen, mit derfelben Kraft น ก 0 Anſtrengung haͤtteſt 
du dag Größte verrichten Einen. — Er weiß, daß keine Ber: 
fuchung zum Böfen, die ihm bevorftehen kann, etwas Neues, 
Fremdes oder. Uebergroßes fein wird, Wie die twicherhokten Ans 
ariffe und Vertheidigungen, woraus die fchiwierigften Lagen des 
Menfchen befichen, find daſſelbe, was ihm laͤngſt wohl bekannt 
ift, ท น ะ näher an einander gedrängt, anf denfelben Gegenftand 
bezogen, zu einer. Handlung aͤußerlich vereinigt; "nichts als bie 
verfuchende Luft, das. waruende Gewiſſen, ber überlegende Der: 
fand, der Wille, welcher Gedanken und Gefühle da und dorthin 
leitet, und Beifpiel und Gebet zu Huͤlfe ruft. Von allen diefen 
Bewegungen des Gemüthes kennt er die Kraft; er weiß, was er 
bisher damit ausrichten konnte und ausgerichtet bat, und weiß, 
daß fie immer dieſelbe bleiben wird. Wie ſollte er alfo nicht auch) 
in diefer Hinficht der Zukunft mit Zunerficht entgegengehn? Wird 
fie- Gutes an ihm finden, es ift-baffelbe, mas er ſchon vorher 
ausgeuͤbt hat; wird fle ihn zum Widerſtande gegen das Boͤſe 
auffordern, es ift Laffelbe, gegen welches er ſchon manchen Kampf 
gekämpft und manchen Sieg erfochten hat. 

Was kann ich Euch. alfo befferes wünfchen, meine Brüder, 
als daß Ihr mit dieſer Ueberzeugung, daß nichts Neues unter 
der Sonne gefhiceht, das bevorſtehende Jahr antreten möget. 
Es iR viel werth mit einem fo richtigen: แส durch die Ober: 
fläche der irbiſchen Dinge, welche das Auge ber Menfchen. durch 
‚ihr vielfarbiges täufchendeg Licht blendet, in das innere Weſen 
und den wahren Zujammenhang der göttlichen Führungen hindurch⸗ 
zudringen. Es ift viel werth mit fo vieler Ruhe und Zuverficht 
die Zukunft als einen bekannten Freund zu begrüßen, von deſſen 
Gefinnungen mir ficher find; und an dem ung höchftens hie und 
ba etwas in feinem, äußern. Betragen fremd fein kann. Es iſt viel 
werth mit folcher Befcheidenheit und Demuth, anflatt Gott eine lange 
Reihe thörichter Wünfche vorzutragen, fich bei der Ueberzeugung be 1 
ruhigen zu Fünnen, daß wir von Ihm nichts anders empfangen wer: 
ben, als mag feine väterliche Liebe uns auch vorher ſchon gewährt Hat. 
So möge dann bei fremben Leiden und Gefahren, bei den Verwirrun⸗ 
gen eines ſtuͤrmiſchen Zeitalterg,; bei den Schmerzen einer gebährenden 
Welt, denen Ihr aus einem fichern Hafen mit zuſeht, Durch dieſen Ge⸗ 
danken Ener theilnehmendes Herz zu weiſer Ergebung. geführt 


27 


werden! möge: er Enre Seele ftählen zu ſtillem Ausharten unter 
den mancherlei Zrübfalen, welche auch in dieſem Jahre bes Le⸗ 
bens nicht ausbleiben werden! möge er Eurer Schwachheit lehr⸗ 
reiche und fruchtbare Beifpiele vorhalten! möge er Euch zu ber . 
fonnener und weiſer Mäßigung führen im Genuß und in ber 
Benuzung der mancherlei Freuden. und Begünftigungen,. bie Gott 
Euch) Allen nach feiner Güte auch in biefem Jahre verleihen 
wolle. | 


II. 
| Die Kraft des Gebetes, 
in fo fern es auf äußere Begebenheiten gerichtet iſt. 


Froum ſein und beten, das iſt eigentlich eins und daſſelbige. 
Alle Gedanken von einiger Wichtigkeit, die in uns entſtehen, mit 
dem Gedanken an Gott in Verbindung bringen, bei allen-Be 
trachtungen über die Welt fie immer ald das Werk feiner Weit 
. beit anfehen, alle unfere Entfchlüffe vor Gott überlegen, damit 
wir fie in feinem Namen ansfhhren können, und felbft im froͤh⸗ 
lichen Genuß des Lebens feines allſehenden Auges eingedenk fein 
das ift das Beten ohne Unterlaß, wozu wir aufgefordert werde, 
und eben das macht das Wefen der wahren Frömmigkeit auf. 


- , Daher Tann unter über ben Nuzen des Gebetes gar Feine Frage 


fein; gewiß, gewiß haben wir ihn Ale erfahren. Wenn unfere 
Freuden oft unfchuldig geblieben find, mo Andere in das Gebiet 
der Sünde hinüberfchweiften; wenn unfer Urtheil von Demuth 
und Befcheidenheit geleitet war, to ſonſt Stolz und Webermuth 
am leichteften die Oberhand gewinnen; -wenn wir bewahrt blieben 
auch vor dem Boͤſen, welches der menfchliche Verftand fonft nur 
allzu bereitwillig entfchuldigt: fo war es Die Kraft des Gebete, 
bie ung fo mwohlthätig befchüst bat. Ob es aber außerdem nod) 
‚eine andere Kraft in der Welt habe, das iſt eine Frage die gat 
wohl aufgeworfen werben Fann, und über bie wir zur Gewißheit 
Eommen müffen, wenn wir unfer Gemüth nicht unnuͤzerweiſe be 
unruhigen ſollen. Sollen wir alle unfere Gedanken mit dem Ge⸗ 
danken an Gott in Verbindung bringen: fo dürfen und folen 
wir auch eben fo verfahren mit unfern Wuͤnſchen, daß fich Died 
oder jenes ereignen oder von und und Andern abgemenbet wer: 
ben möge. Wenn wir aber alsdann die Erfüllung dieſer Wuͤnſche 


® 


für den Eudzwekk bed Gebetes halten, und mas ung von ber 
Erhörung beffelben verheißen if, hierauf beziehn wollen; wenn 
wir entweder, mie Einige thun, dieſe Erhoͤrung als ein aus⸗ 
ſchließendes und untruͤgliches Kennzeichen des goͤttlichen Wohl⸗ 
gefallens anſehen; oder wenn wir auch nur, wie bei ſehr Vielen 
der Fall iſt, glauben, daß durch unſer Bitten irgend ein neues 
Gewicht in die Wageſchale gelegt werde — gleichviel, was fuͤr 
Einſchraͤnkungen uͤber die Beſchaffenheit unſeres Gemuͤthes, uͤber 
die Vernunftmaͤßigkeit unſeres Wunſches, uͤber die Beſcheidenheit 
unſeres Herzens wir dieſem Glauben beifuͤgen: ſo erfuͤllen wir 
unſer Gemuͤth mit Erwartungen, deren gewoͤhnlich nichtiger Aus⸗ 
gang unſerer Ruhe nachtheilig iſt, ja wir koͤnnen dadurch in die 
peinlichſte Ungewißheit uͤber unſer Verhaͤltniß gegen Gott gera⸗ 
then. Laßt uns in dieſer Hinſicht uͤber das Gebet mit einander 
nachdenken. Der Abſchnitt der Leidensgeſchichte, auf welchen wir 
unfere Aufmerkſamkeit zu richten haben, giebt dazu eine beſon⸗ 
dere Beranlaffung, indem er ung den Erlöfer felbft in einem fol- 
hen Gebet begriffen zeigt. Don ber Beichaffenpeit und dem Er- 

folge deſſelben wollen wir ausgehn; und ihr werdet mir gewiß 
darin im Voraus beiftimmen, daß der Jünger. nicht über feinen 
Trier ift, und daß wir von unferm Gebete nicht mehr erwar⸗ 
ten Eönnen, als Ehriftus davon erfuhr. Sol die Erhörung ein 
Zeichen der göttlichen Gnade fein: fo mußte es demjenigen vor- 
แว แก้) gegeben merden, an dem Gott einen fo außerordentlichen 
Vohlgefallen hatte. Sol fie nur da Statt finden, wo bie eige⸗ 
nen Kräfte des Menfchen nicht hinreichen, und es einer beſon⸗ 
tern Huͤlfe bedarf: fo wißt Ahr, wie gänzlich der Erlöfer ſich 
alles menfchlichen Beiftandes entäußert hatte, und was für enge 
Srengen ihm Die Geſeze ftefften, benen er. in allen feinen Hand: 
lungen folgte. Soll es dabei auf die Wichtigkeit und Schulblo⸗ 
figfeit des .Wunfches anfommen: fo kennt Ihr ihn dafür, daß 
fin Gemuͤth von-Kleinigkeiten nicht ergriffen wurbe, und daß er 
in allen Stuͤkken verfucht worden it, gleich wie wir, ausgenommen 
die Sünde. Können wir alfo auch den Schluß nicht im Voraus 
machen, was Chriſti Gebet bewirkt, das kanu das unfrige auch 
bewirken: fo fieht doch gewiß der Saz feft, was fein Gebet nicht 
bewirken Eonnte, das wird das unfrige auch nicht bewirken koͤn⸗ 
nen. . Diefe.- Gleichheit unfered Verhaͤltniſſes mit dem feinigen 
muß, wie auch die Unterfuchung ausfalle, einen Jeden beruhigen, 
und ich bitte Euch daher um fo ง แบ 6 พ ิ เข บ 6 um eine unbefan⸗ 
gene und gefaßte Aufthert ſamteit. | 


%0 
Text. Matth. 26, 36 -- 46; 

Da kam Jeſus mit ihnen zu einem Hofe, der hieß 
Gethfemane, und fprach zu feinen Jüngern: ſezet Euch 
bie, bis ich dorthin gehe und bete. Und nahm zu fich Pe 

"tum und die zween Söhne Zebebäi, und fing an zu 
trauren und zu jagen. Da fprach Jeſus zu ihnen: meme 
Seele ift betrübt bis in den Tod, bleibet hie und wachet 
mit mir. Und ging hin ein wenig, fiel nieder auf. fein 
Angeficht, und betete, und fprach: Mein Vater, iſts 
möglich, fo gehe diefer Kelch von mir, doch nicht wie 
ich will, fondern wie Du willſt. Und er Fam zu feinen 
Süngern und fand fie fchlafend, und ſprach zu Petro: 
Könnet Ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? 
Wachet und betet, daß Ahr nicht in Anfechtung fallet: 
"Der Geift ift willig, aber dag Fleiſch ift ſchwach. Zum 
andern Male aber ging er hin, betete und fprach: Mein 

WVater, iſts nicht möglich, -daß diefer Kelch von mir gehe, 

icch trinke ihn denn, fo gefchehe Dein Wille. Und er 
Fam und fand fie aber fchlafend, und ihre Augen waren 
vol Schlafs, und er ließ fie und ging abermal hin und 
betete zum dritten Mal, und fprach diefelbigen Worte. 
Da Fam er zu feinen Jüungern und fprach zu ihnen: Ad, 
tolle Ihr nun fchlafen und ruhen? Siehe die Stunde 
ift hie, daß des Menfchen Sohn in der Sünder Hände 
uͤberantwortet wird. Stehet auf, laſſet ung gehen: fiche 
er ift da, der mich verräth. 


: Mir fehen bier den Erlöfer unmittelbar, che er in bie Hände 
feiner Feinde fiel, in einer unruhigen und forgenvollen Gemuͤths⸗ 
ſtimmung. Er wußte, daß ein-Anfchlag gegen. fein Leben ge 
macht worden, und jegt eben im Begriff war, ausgeführt zu wer⸗ 
ben. So beſtimmt und. fo ruhiger auch fonft uber dad, mas 
ihm beuorfkand., mit. feinen Juͤngern geredet hatte, jegt da er den 
Kampf felbft antreten follte, da in der größern. Nähe alles be 
ſtimmter und ftärker erfchien, ward er von den verfchiedenen 
Empfindungen, die eine folche Augficht in ihm erregen mußte, 
in eine heftigere Bewegung geſezt, als wir fonft an ihm gu ſehen 
gewohnt find. Er fuchte bie. Einfamkeit und floh fie wieder, vom 
Gebet Eehrte er zu feinen Juͤngern zuruͤkk, die gar nicht in der. 
Berfaffung waren, ihm irgend Troft und Aufmunterung zw ſchaf⸗ 
fen, und von ihnen wendete er fich wieder zum Gebet. In einer | 
folchen Lage pflegt felbft denen, die am weiteften von der wah⸗ 


เ 
| 


* 


a. 


ten Froͤmmigkeit entfernt- ſind, ber alte halbvergeflene Gedanke 
on Gott wieder ing Gedaͤchtniß zu Eommen, nnd fie wenden fich 
an ihn um Hülfe und Rettung; -in einer folchen Lage pflegen 
ſelbſt diejenigen, welche den feſteſten Muth und die unbedingteſte 
Ergebung in den goͤttlichen Willen haben, nicht ganz ohne Be⸗ 
ſorgniß und ohne Wuͤnſche zu ſein; und darum verwandelte ſich 
auch das Gebet des Erloͤſers in dieſem Falle in jenes den Me 
ſchen gewöhnliche Bitten um einen ihren Wünfchen angemeſſenen 
Ausgang. - 

Der Werth unb. bie Kraft.eines ſolchen Bitten 
den Gebetes ift ed, was wir jegt mit einander beherzigen wol⸗ 
km. Sch werde babei zuerft dem vorliegenden Salle genau 
nachgehn, um zu ſehen, was er uns lehrt, und zweitens auf 
einige allgemeine Folgerungen aufmerkſam machen, welche ſich 
daraus ergeben. 

L Zuerſt alfo überzeuget Euch recht fe von ber Befug⸗ 
niß, welche Ihr habt, auch Eure Wuͤnſche uber bie wichtigeren 
Ereigniſſe Eured Lebens Gott dem Herrn im Gebet vorgufragen. 
Es kann in den gegenwärtigen Zeiten nicht unnuͤz fein, ung, in " 


diefem Glauben zu ſtaͤrken. Diejenigen, welche gern Alles, mag R 


iur Religion gehoͤrt, dadurch aus dem menfchlichen Gemuͤth ver 
bannen moͤchten, daß ſie keiner Anwendung davon im Leben 
Raum geben, unterlaſſen nicht ein ſolches Gebet als eine Art 
bon Frevel gegen das hoͤchſte Weſen darzuſtellen. Es ſei unehr⸗ 
erbietig, ſagen fie, gu einer Zeit, wo man ſich Gott auf.eine ber 
fondere Weiſe vergegenwaͤrtigt, einen aus ber Befchränftheit un- 
fered Verſtandes umd Herzens entfpringenden Wunfch zu äußern 
über etwas, worüber doch fein Rathſchluß Längft entichieden hat; 
8 fei ein allzuſpaͤter Vorwiz, zu fagen, fo möchte ich es gern, 
da wir doch bald erfahren werden, wie Er es gewollt hat. Laßt 
Euch dadurch nicht irre machen. Chriſtus bat. «8: gethan, alie 
dürfen wir 68 auch thun. ES. gehört mit zu den Vorrechten, Die 
unferm Stande als Kinder Gottes anhängen... Das waͤre eine 
ſklaviſche Familie, wo ed Kindern nicht vergönnt wäre, in der 
Gegeuwart des weiſeren Vaters ihre Wuͤnſche zu ‚äußern. Iſt 
denn irgend Jemand faͤhig fie. gleich zu unterdrüßfen? Können 
wir nun das nicht,. fo laßt fie ung immer ausſprechen, wenn ums 
ſer Herz uns dazu freibt: denn wenn wir fie auch in unfer Inne⸗ 
res einfchließen, ihm bleiben fie doch nicht verborgen. — Hoͤrt 
auch nicht darauf, wenn fie Euch fagen, ebe Ahr vor Gott tre 
tet, muͤßtet Ihr doch erfi Euer Gemüth gefaßt und Euer Herz 
beruhigt haben; es fei unziemlich in dieſen nnordentlichen Auf: 


32 


wallungen vor Ihm zu ericheinen, wo bie Beforguiß-vor-Schmer 
- und Widerwaͤrtigkeit, die Anhaͤnglichkeit an irgenb ein Gut, def 

- fen Berluft ung bevorfteht, noch bag Herz hin und her. zieht, und 
der Ergebung in ben. heiligen Willen Gottes nicht Raum läßt. 
Wolltet ihr warten, bis biefe den Sieg davon getragen hat, -fo 
würdet Ihr weder das Beduͤrfniß noch bie Neigung zus einem 
folchen Gebet mehr empfinden, und bas Morrecht dazu wuͤrde 
Euch vergeblih verliehen fein. Sind bie Bewegungen Eures 


| Gemuͤths fündliche Aufwallungen; bat das Feuer der Leiden 


f&haften fie verurfacht:: fo‘ wirb fich ohnehin der Gebanfe an 


. , ๐6, und das Geber zu ihm nicht Damit vertragen. Aber jene 


dem Mienfchen, wie ihn Gott erfchaffen hat, fo hoͤchſt natürliche 
Unruhe, die ung. ergreift, wenn Verluſt und Ungluͤkk ba find, 
wenn Hemmung unſerer Thätigkeit und Trennung ย อ น unfen 
Geliebten uns drohn, diefe ſoll ung nicht abhalten vor Gott zu 
treten: denn fo nur unfer Herz ung nicht verbammt, - haben wir 
Sreudigfeit zu Gott *). Chriſtus, wie ihr ſeht, ergriff nicht erſt 
vor andere Maaßregeln, um dieſe in feiner heiligen Seele fo 
. feltene Bewegung gu unterdräffen; ſondern eben bag Gebet war 
ſeine Maaßregel; eben in diefer Unruhe wendete er fich flehend zu 
feinem himmlifchen Vater; eben als feine. Seele betruͤbt war bis 
in den Tod, verließ er feine Jünger, um beten เน geben. 

Aber eben fo aufrichtig, als ich Euch hiezu ermuntere, eben 


fo ernflich Bitte ich Euch zweitens, ja nicht zu glauben, daß 


um Eures Gebetes willen dasjenige gefchehen werde, was Ihr 


bittet. Die Worte Chriſti laſſen keinen Zweifel. übrig, daß er 
wirklich und ganz ernftlich um die Abwendung feines bevorſtehen⸗ 


den Leidens gebeten habe, er bedient fich ganz derſelben Worte, 
‚mit denen er immer davon redet, und wir wiſſen aus dem Aue 
gange feiner Gefchichte nur allzugut, daß ihm nicht gewillfahrt 


wurde. Was er jemals voraus gefagt und voraus gefehen hatte, 


das mwiderfuhr ihm auch; gerade fo, wie er den Leidenskelch vor 
ſich fiehen ſah in der Stunde feined Traurend und Zagens, 
mußte er ihn auch leeren bis auf den Festen Tropfen. Eine Wir: 
kung, bie fein Gebet nicht gehabt hat, wird und kann bag unfrige 
auch nicht haben. Glaubet daher den Verheißungen nicht, welche 
Viele aus gewiſſen Worten der Schrift "herleiten wollen, als ob 
Gott auch allemal gäbe, was im wahren Glauben und aus rei⸗ 
nem Herzen von ihm erbeten wird. Einen Glauben, der ein 
Vorzug und eine Urfache bes göttlichen Wohlgefallens fein konnte, 


ฯ 1. Joh. 3, 21 


33 


werdet ihr Ehrifto doch nicht abfprechen, und in feinem Eindik 
hen und untertserfungsvollen Flehen merdet ihr nichts finden, 
was eines reinen Herzens nicht würdig wäre. Ihm alfo. hätte 
ท ย? Erhörung zuerft toiderfahren müflen; und bie von ihm ſelbſt 
ausgefprochenen Worte, Bittet, fo wird euch gegeben muͤſſen 
demnach eine andere Bedeutung haben, da dieſe fich an Ihm, 
dem Anfänger und Vollender unferes Glaubens, nicht bewährt 
bat. Wie follte es auch sugehn, daß Gott um bes Gebetes wil⸗ 
len unfere Wünfche erfüllte? Meint ihr, daß dies bei den euris 
gen eher möglich wäre, als bei den Wunfch des Erlöfers, weil 
auf beffen Leiden und Tod in dem göttlichen Entwurf zur Be⸗ 
gluͤkkung des Menſchengeſchlechts gerechnet war? Warlich in dem 
goͤttlichen Entwurf iſt auf alles gerechnet, und alles iſt eins 
darin. Wonach euer Herz auch verlange, ehe wird Himmel und 
Erde vergehen, ehe bie geringfte Kleinigkeit von demjenigen fich 
ändert, was in dem Rathe des Höchften befchloffen if. — Oder 
meint ihr, der Ewige könne zwar feinen Entfchluß nicht ändern; 
aber ſo wie alles habe er auch das vorher gewußt, wenn und 
was feine frommen und geliebten Kinder von ihm bitten werden, 
und habe den Zufammenhang der Dinge fo geordnet, daß mit 
ihrem Wunfch der Ausgang übereinftimme? Das heißt die goͤtt⸗ 
liche Weisheit ehren und doch den Eindifchen Einbildungen des - 
Menfchen fchmeicheln wollen! So hoch hat es Gott nicht mit 
und angelegt, daß unfere Wünfche Weiffagungen fein. follen: 
aber auf etwas höheres gewiß als darauf, daß die Befriedigung 
derfelben uns der fchägbarfte Beweis feiner Gnade fein müßte: 
Dies ift freilich noch lange nicht die verkehrtefte unter den Erfins 
dungen, twomit man die Religion ausgeſchmuͤkkt hat: aber «8 iſt 
doch nur eine Erfindung des Elügelnden Verſtandes, nicht eine 
Wahrnehmung aus der Art, wie fih Gott in der Welt offenbas 
ret. Es iſt geringſchaͤzig von Chriſto gedacht, daß er nicht auch 
bierin der Erfiling gewefen fein follte, und geringfchäzig von ben 
Menfchen, daß, wenn Gott dies angeordnet hätte, man doch nur 
fo felten Beifpiele von erhoͤrten Gebeten finden wuͤrde. kLaßt 
uns alſo 

Drittens ſehen, welches denn die Wirkung unſeres Ge⸗ 
betes iſt, wenn ſie nicht in der Uebereinſtimmung des Erfolges 
mit dem geaͤußerten Wunfche gefucht: werden darf? Eben diefel- 
ige, die e8 in Chriſto hervorbrachte. „Betrachtet nur mit mir, 
was dabei in feinem Gemüthe vorging. Mit dem beftimmten 
Bunfche daß fein Leiden von ihm abgemwenbet werden möchte 
finger an; aber fobald er den Gedanken faßte an den Vater im 

| ’ น € 


34 0 . 
Himmel zu dem ค betete mäßligte fchon das befcheidene Iſts 
möglich biefen Wunfch. Als er darauf von ben [ตา โด [6 ห ยิ อ ก 
Füngern, einem Anblikk der feinen Muth. noch mehr niederſchla⸗ 
gen und dem traurigen Gefühle der Derlaffenheit noch einen 
neuen Zuwachs geben müßte, wiederum zum Gebet zurüfffehrte, 
beugte er. ſchon feinen Wunfch bei dem Gedanken, daß der Wille 
feine® Vaters ein anderer fein könnte. Diefem ſich zu fügen und 
mit ihm freiwillig uͤbereinzuſtimmen war ihm nun ſchon das groͤ⸗ 
ßere; ja er hätte nicht gewollt, dafi der Wille Gottes nicht ge 
ſchehen wäre, hätte er auch alle Glüfkfeligkeit der Welt damit 
gewinnen Eönnen. Und als er zum Britten Mal gebetet hatte, 
war alle Beforgniß und alles Zagen verſchwunden, er hatte Fir 
. nen Wunfch mehr, fondern mit Worten welche darauf abzwekk⸗ 
ten, auch ihnen ben Muth ben er felbft gewonnen hatte mitzu⸗ 
theilen, erwekkte er feine Freunde aus dem Schlafe, und mit ge 
lafienem Gemüth, mit frommer Tapferkeit ging er feinem Verraͤ⸗ 
eher entgegen. Gebet ba, das ift die Wirkung, welche ein fol 
ches Gebet bersorbringen fol. Wir follen aufhören mit Heftig- 
keit nach dem Beſiz eines irdifchen Gutes zu verlangen, oder bie 
. Abwendung eines Webels zu wänfchen; mir follen Muth befom- 
men wenn es Gott befchloffen hat zu entbehren und zn dulden; 
wir follen ung erheben aus ber Ohnmacht, zu welcher Furcht und 
Begierde den Menfchen berabziehn, und follen zum Gefühl und ว 
zum vollen Gebrauch unferer ‚Kräfte gelangen, damit wir ung 
unter allen Umftänden fo betragen koͤnnen, wie e8 jebem geziemt, 
welcher ‚bedenkt, daß er unter. ben Augen und dem Schuze dei 
Höchften lebt und handelt. 0 | 
Dieſe Wirkung aber muß auch das Gebet nothtuendigermeife 
hervorbringen, wenn es und anders nicht an richtigen Vorſtellun⸗ 
gen von dem göttlichen Wefen. gänzlich fehle. Tragen wir einen 
Wunſch, daß dieſes oder jenes fich in der Welt fo ereignen möge, 
wie 08 für ung อ ิ ด 8 befte zu fein fcheint, Gott im Gebet "vor: fo 
muͤſſen wir doch denken, dag wir ihn vortragen dem unverän: 
derlichen Weſen, in ‚welchem Eein: neuer Gedanke, Fein neuer 
Entfchluß entftehen Eann, feitdem es zu fich felbft ſprach, es if 
alles’ gut, was ich gemacht habe. Was damals befchloffen ward, 
wird gefchehen; dieſer Gedanke muß ung mit unwiderſtehlicher 
Gewißheit „vor Augen treten. Und wenn num befchloffen iſt, 
mas du fürchteft? wenn du ท น ท herausgeriffen werben folift aus 
dem lieben Kreife deiner Thätigkeit? wenn อ น verlieren ſollſt den, 
. an welchem bein Herz hängt? wenn auf dir ruben bleiben. fol 
‚bie unverbiente Verlaͤumdung? — Unfehlbar werben wir bieje 


- 


3. _ 
Beſorgniß zuerſt zuruͤkkweiſen: nein, es kann nicht fein, es wird 
nicht ſein, es waͤre zu hart, zu unvaͤterlich! Aber der Gedanke, es 
kann nicht ſein, wird uns erſterben, wenn wir bedenken, daß es der Un⸗ 
erforſchlich 0 iſt, den unſere Hoffnung auf dieſe Art beſchraͤnken will. 
Es kann wohl ſein, es kann wohl ſein, rufen uns tauſend Bei⸗ 
ſpiele zu von unverdienten und kaum ertraͤglichen Leiden. Wenn 
es nun waͤre, — ſeinen Willen koͤnnen wir nicht beugen: ſo 
bliebe uns nichts uͤbrig, als den unſrigen uͤbereinſtimmend zu ma⸗ 
chen mit dem ſeinigen. Und daß dies geſchehe, daß dies von 
Herzen geſchehe, dazu ladet ung ค ท der Gedanke, daß es doch 
der Alleinweife ift, dem wir unfern Wunfch vortragen woll⸗ 
ten. Du denkſt die etwas als heilfam und gut und wilft, daß 
Bott es folle gefchehen laſſen. Verſtummt nicht bein Wunfch 
und deine Einficht, fobald du an Ihn denkſt? Wie weit über 
fiehft 9 น denn die Folgen und den Zufammenhang der Ereigniffe, 
wenn du auch nur bei.deinem Mohlergehn ftehen bleiben willft? 
Er kennt das befte und das Ganze! . Mußt อ ิ น deinen Wunſch 
entbehren nach dem von ihm geordneten Zuſammenhang: fo haft 
du in allem guten, das du in der Welt fiehft, den Erfaz dafür: - 
So wird Mißtrauen in den eigenen Verſtand gewekkt, Demuth, 
die fich nur als einen Eleinen Theil des Ganzen anfteht, Wohl: 
wollen, dag mehr aus der Betrachtung der Welt als aus dem 
eigenen Wohlbefinden feine Zufriedenheit fchöpfen will. Aber der 
Weife iſt auch der Guͤtige. Er wird dich nicht Bloß um Ande⸗ 
ter willen entbehren und leiden laffen; er will, daß dem Gerech⸗ 
ten alles zu feinem eignen Beſten diene. So entfieht Vertrauen, 
daß auch auf ung, ein wie Eleiner Theil wir auch find, Ruͤck⸗ 
fcht genommen worden fei im Ganzen; fo entfteht Ruhe, denn - 
was ung auch begegne, es muß gutes herauskommen; und. fo 
ruft endlich. das ftillgemachte und befänftigte Herz, Vater es gea 


(hehe dein Wille. Sehen wir. fo dem gefürchteten Uebel erſt mt 


Belaffenheit and Ergebung ind Auge: fo tritt auch bald ber Ge- 


danke an Die Abfichten alles: deſſen was gefchieht ins rechte - 
üht und zieht unfere Aufmerkfamfeit auf ſich. Der betende 


muß ſich bald. daran erinnern, daß alles was geſchieht feinen 
Zwekk in ung felbft hat; der auf unfere Befferung und die Ver- 
mehrung des guten in: ung gerichter if. : Er wird fich wieder 
bewußt, daß dieſer Zwekk des Höchften, den feine heftige Empfin- 
dung ihm auf eine kurze Zeit aus den Augen geruͤkkt hatte, doch 
auch fein eigener อ ฉิ ศ์ 6 if. . Wenn dazu alles ein Mittel fein: _ 
Tann und fol: warum fol er denn irgend etwas ſcheuen, was 

ihm begegnen mag? Wenn 6 und Unglüft Veranlaſſung dar⸗ 

€2 Ä 


| 36 
bieten" gute Gefinnungen zu aͤußern und su befeftigen; wenn es 
in beiden eine Art giebt, fich würdig und Gott wohlgefaͤllig zu 
betragen: warum ſoll ihm nicht beides willkommen ſein, wie es 


eben kommt aus der Hand Gottes und im Zuſammenhang feiner 


Führungen? Nun fteht das Herz auf dem Punkt wo «8 fichen 


fol; nun giebt es einen andern Gegenſtand womit wir ung | 
befchäftigen, als die Empfindungen: die unferer mwarten, nemlid 


die Frage: Was wird, von dir gefordert werden, was für Kräfte 


wirft du anwenden, was für einen Widerfiand wirſt du entgegen 


ſezen, was für. Webereilungen wirft du vermeiden mäffen? Und 
wenn wir dann finden, daß es immer nur: auf dieſelben Eigen: 


ſchaften ankommt, die wir oft geübt, über die wir lange nachge 


Dacht haben; daß das Ganze, was von แท ธ์ geleifter werben foll, 
nur aus einzelnen Handlungen befteht; die wir oft fchon mit gu 


tem Erfolge verrichtet haben: dann Eehrt das Bewußtſein ihrer 
Kräfte in die. verfchüchterte Seele zuruͤkk; dann. fühlen wir und 


ftarf genug den Weg zu wandeln, den Gott ung vorzeichnet, ſtark 


genug diejenigen aufzurichten, bie über ung betruͤbt oder ſonſt 
mufblofer find. als wir; und wenn der Augenblikk kommt, wo das 
Uebel eintritt, fo fagen wir mit Nuhe und gefaßtem Sinne, Laſ⸗ 


fet uns --aufftehn und ihm entgegen gehn. | 
Das find nach dem Beifpiele des Erlöfers Die rechten Wir⸗ 


tungen eines: folchen Gebetes. Ich hoffe, fie werden euch allen - 
groß und: wichtig genug. erfcheinen und ihr werdet dabei. das 


unmögliche : und wunderbare gern vergeffen, was fo viele als 


die Hauptfache des‘ Gebetes anfehen. Haltet ihr es für beſſer, 
diejenigen welche ihr zu erziehen habt allerlei Uebel und Be⸗ 
ſchwerden ertragen zu lehren, als. ſie immer aufs ſorgfaͤltigſte 


davor zu bewahren: fo. lobet auch die goͤttliche Weisheit, welche 
uns im Gebet ein kraͤftiges Mittel zu jenem aber nicht zu dieſem 
in Die Haͤnde gegeben hat. nn Zr 


Un euch noch mehr Veranlaffung zum Nachdenken über 
diefen wichtigen Gegenftand zu geben, laßt mich | 


DI. ' แอ ด์ ) einige allgemeine Folgerungen hinzufügen, . die 
wir aus den, mas das Beiſpiel Chriſti uns gelehrt hat, ziehen 


koͤnnen. 


Erſtlich. Wenn um. unſeres Gebetes willen in dem von 


Soft angeordneten Lauf der Dinge nichts. geändert wird: fo muͤſ⸗ 
ſen wir auch auf zufaͤllige, ſcheinbare Erhoͤrungen deſſelben keinen 


beſonderen Werth legen. Es vergeht ſelten eine geraume Zeit, 
daß nicht. unſerer Geſundheit, oder unſerm aͤußerlichen Gluͤkk, 


oder unſern Verhaͤltniſſen gegen die welche uns die liebſten auf 


37 

ber Belt find mancherlei Gefahren drohen, und ich hoffe, daß 
es wenige unter uns giebt, welche nicht daraus. einen Gegen- 
fand ihres Geberes machen. Hütet euch aber, welchen Ausgang 
auch biefe bebenklichen Umftände nehmen mögen, die Urfache da⸗ 
von in eurem Gebete zu fuchen und in dem Grade. worin ed 
Bott angenehm oder mißfällig gewefen iſt. Außerdem :daß dies 
Gottes unwuͤrdig ift, wie wir ſchon gefehen haben, verdirbt es 
gaͤnzlich euer Urtheil uͤber euren und auderer Menſchen Werth 
und lehrt euch dabei auf Dinge ein Gewicht legen, welche gar 
keines haben. Und doch beruht auf eben dieſem Urtheil, wenn 
ihr verſtaͤndig und mit euch ſelbſt uͤbereinſtimmend denken wollt, 
großen Theils eure ganze Art zu lehen und zu handeln. Und 
dies gilt von der Erfüllung felbft unferer reinften und wuͤrdig⸗ 
fen Wuͤnſche, auch derjenigen nemlich, welehe fich. mit dem Ge⸗ 
deihen des guten befchaftigen, eutweder überhaupt ober deflen, 
wozu wir insbefondere Werkzeuge und Mitarbeiter -find. Sreuet 
euch, wenn eure rechtfchaffenen Unternehmungen einen guten Fort- 
gang haben; freuet euch, wenn Gott euch zu unmittelbaren Werk: 
zeugen bei der Vermehrung deg guten in: der Welt braucht; 
freuet euch, wenn euch endlich auch dag vorzüglich. arlingt, was - 
lange Zeit hindurch der wichtigfte Gegenſtand eures DBeftrebeng, 
eurer Sorge, eures Gebetes geweſen ฟู โป aber Laßt euch. das. nicht 
zu dem folgen Glauben nerleiten, als ob dies ein entſcheidendes 
Zeichen von Gottes vorzüglichem Wohlgefallen an eurem Ge: 
müthgzuftande wäre. Mancher, dem nichts gelingt und deflen 
Handeln in der Welt vergeblich zu fein fcheint, meint «8 gewiß 
nicht nur eben fo redlich, fondern thut auch eben fe. eifrig dag 
feinige und ift eben fo innig von Nechtfchaffenheit und Gottfe: 
ligkeit durchdrungen. Dergleichen als einen Maaßſtab des 
menſchlichen Werthes anzuſehn iſt eine gefaͤhrliche Unvollkom⸗ 
menheit des Glaubens und eine von denen, für welche ganz be⸗ 
ſonders Chriſtus der Mittler geworden iſt zwiſchen Gott und uns. 
Sehet wie auch Ihm alles zu mißlingen ſchien, and wie ſich 
doch Gott feiner aufs herrlichſte bedient hat! wie ſein Gebet nicht 
erhoͤrt ward, und er doch in dieſem Augenblikk wie immer der⸗ 
jenige war, an dem Gott Wohlgefallen hatte, 

Zweitens werdet ihre mir nun, boffe ich, gewiß zugeſtehen, 
daß es kein anderes wahres Gebet giebt als jenes, welches ich 
am Anfang unſerer Betrachtung geſchildert habe, den Zuſtand 
nemlich, wo der lebendige Gedanke an Gott alle unſere anderen 
Gedanken, Empfindungen nnd Entfchlüffe begleitet, Iäutert und 
heiligt. a andere Geſtalien, welche das Beh in. einzelnen 


' ๐ 8 . 


Fällen annimmt, muͤſſen fich, wenn fie Gott wohlgefaͤllig fein 
ſollen, in diefe eine höchfte, das ganze Leben umfaflende wiederum 
auflöfen.  Unfer Danfgebet  ift eine Vereinigung unfrer Freude 
aber dag. was fi) ereignet hat -mit dem Gedanken an Gott; 
und 68 wird Ihm แน ะ mwohlgefällig fein, wenn es dieſe Freude 


heiliget und erhebt, wenn es das Mittel wird, unfer Gemuͤth 


von dem irdifchen Gegenfiand auf das höhere hinzurichten. Bleibt 
es nur Dank, nur Freude über Ben neuen Befis, den ung Gott 
verliehen hat: fo hat unfer Danfopfer vor ihm feinen Merth. 
Eben fo iſt es mit unferm bittenden Gebet, es betreffe nun un⸗ 
fere eigenen Ungelegenheiten, oder es fei brübderliche Sürbitte. 
Wenn. e8 nicht dahin gedeiht, den Wunfch der es hervorbrachte 
zu mäßigen, die ‚heftige Begierde in ftille Ergebung, die. ängftliche 
Erwartung in fromme Gelaffenheit zu verwandeln: fo war es 
‚gar Fein wahres Gebet, und es ift ein ficheres Zeichen, daß mit 
dieſes wahren Betens noch gar nicht fähig find. Ä | 
- Drittens will ich euch nicht vorenthalten, daß es mir ein 
Zeichen groͤßerer und aufrichtigerer Froͤmmigkeit zu ſein ſcheint, 
wenn dieſes bittende Gebet in unſerm Leben nur ſelten vor⸗ 
kommt und auch dann unſer Gemuͤth nicht lange beſchaͤftiget. 
Denn woher kommt es wohl, daß unſer Gebet die Geſtalt der 
Bitte annimmt? Wenn wir etwas wuͤnſchen, was wir ſelbſt nicht 
ins Werk richten koͤnnen, und es geſellt ſich zu dieſem Wunſch 
der Gedanke an Gott: ſo faͤllt uns als Gegenſaz unſerer Ohn⸗ 
macht zu allererſt ſeine Allmacht ein, und wir moͤchten ſuchen ſie 
und geneigt zu machen; das iſt die Bitte, fo wie fie aus dem 
ſchwachen menfchlichen Herzen hervorgeht. Hierbei liegt ein um 


vollkommener Gedanke an Gott zum Grunde. Dächten- wir fo- 


gleich an dasjenige, was ung immer das naͤchſte fein fol, an 
- feine Helligkeit und Weisheit: ſo wuͤrde unſer Wunfch fehr bald 
die Geflalt annehmen, durch welche die Wünfche der Frommen 
‚ale fich auszeichnen müffen. Gewiß alio, je geläufiger ung dad 
- wahre Beten ifl; je öfter wir an alles denken, was wir von 
Gott wahrnehmen Fönnen: um defto fchneller wird diefe heilfame 
Veränderung vor fi gehn. Die welche ſich rühmen, daß. fie 
anhalten koͤnnen im Gebet, daß fie nicht mübe werden Gott zu 
bitten, er wolle‘ dieſes oder jenes herbeiführen, ย อ น denen ift der 
Geift der wahren Gottesfurcht noch fern. Bon Ehrifto wird und 
‚mehrere male geſagt, er habe ſich in die Einſamkeit begeben und 
Naͤchte zugebracht im Gebet; dann war es aber nicht die Furcht 
vor irgend einem Ereigniß, nicht die Theilnahme an irgend 
einer Begebenheit, was in zum "Gebete trieb, ſondern das 


39 


Hebürfniß feines Herzens, fich einem frommen Nachdenken, 
einem ungeftörten Genuß der Gemeinfchaft -mit feinem Vater zu 
überlaffen ohne einen beftimmten Wunfch, ohne eine eigentliche 
Sorderung an ihn. Wo mir Jefum. dagegen bittend finden, ba 
it dies wie hier nur ein vorübergehender Zuftand und eben fo 
auch nur ein feltener. Um unferer Betrachtung fo vieles im 
göttlichen Wefen was zu unferer Beruhigung gereichen muß su 
verhüllen, bedarf e8 in ber That einer heftigen Gemuͤthsbewe⸗ 
gung, wie fie auch, in unferm Leben nicht häufig vorkommen ſoll. 
Seid ihr von einer folgen beftürmt: nun fo bittet bis das 
wahre Gebet euch des Bittens vergeflen macht. Was aber bie 
jenigen betrifft, welche ſich rühmen, daß fie oft auf diefe Art bes 
ten, daß fie täglich mehrere male vor Gott -erfcheinen, ihn um 
alles zu bitten, was. entweder ſchon da ift, oder was’ fie felbft 
werben ſollen, und für alle Kleinigkeiten ihm zu danken, Die 
แพ menfchlichen Leben gehören: fo fcheint mir, als ob fie fich 
über (เศ บ ล 8 ruͤhmten, was von wenigem Werth ift. Mögen fie 
noch fopiel fagen von der Andacht, mit der fie diefe Gebete ver: 
tihten, ich glaube doch, "daß Feine wahre Froͤmmigkeit darin ift. 
du beffimmten Zeiten tragen fie ihre Nothdurft Bott vor; ihr 
Deten gehört wie andere Fleine Gefchäfte zur Ordnung des Ta- 
38 und unmittelbar von demſelben gehen fie zu andern Geſchaͤf⸗ 
tn und Vergnuͤgungen, ohne daß in dieſen eine Spur von Froͤm⸗ 
migfeit fichtbar bliebe; und eben fo Eommen fie mitten aus der 
Eorge, der Arbeit und dem Scherze zum Gebet, angefüllt und 
durhdrungen von eiteln irdiſchen Dingen. Deutet dag wohl auf 
tin Herz, dem der Umgang mit Gott geläufig if? Wen dag 
Gefuͤhl der Abhängigkeit am meiften zum’ Gedanken an Gott er⸗ 
welkt, der Denkt gewiß ſonſt gar nicht an ihn, und Der Geift des 
Ehriftenthums fehle ihm gänzlich. Mögen fie noch foniel Ver: 
fiherungen geben von von dem Segen für ihr Herz, ben dieſes 
Gebet ihnen bringt, es find gewiß nur zufällige und voruͤberge⸗ 
hende Rührungen. Sprechen fie nicht immer. diefelben beſtimm⸗ 
ten Worte? Beten fie nicht größtentheilg mit fremden Gedanken? 
Wie wenig Diefe im Innern des Gemüthes wirken Eünnen, dag 
wiſſen wir alle. Es iſt warlich Fein.Schade für das Chriften: 
tum, wenn dieſe Gewohnheiten abnehmen. Nein, mit leichtem 
Deren wollte ich fie alle verfchtwinden feben dieſe Stundengebete 
und Formeln, wie rein fie auch fein mögen von abergläubifchen 
Meinungen und wieviel Besug auch barin fein möge auf Sitt⸗ 
lichkeit und Pflichterfülung! Ein hergerhebender Gedanke an ben 
Schöpfer, wenn แพ [6 Auge auf feine Werke gerichtet ift mitten 


| 40 

unter ben ſtillen Freuden, bie wir aus feiner Schöpfung genießen; 1 
- ein den Elügelnden Verſtand niederfchlagender Gedante an den 
Beherrfcher der Welt mitten unter dem Geſpraͤch über die Schiff 
fale und Unternehmungen ber Menfchen; ein Gefühl von. dem, 
befien Ebenbild ſich in ung offenbaret, wenn wir ung ‚von Liebe 
und Wohlwollen durchdrungen fuͤhlen, mitten unter dem geſelli⸗ 

gen Genuß dieſer menſchlichen und ſchoͤnen Empfindungen; wenn 
wir ſeine Wohlthaten genießen, ein frohes Gefuͤhl ſeiner Liebe; 
wenn wir gutes wirken, ein dankbares Gefuͤhl ſeines Beiſtandes; 
wenn wir uͤber feine Gebote nachdenken, die große Hoffnung, daß 

er ung zu ſich erheben will: das iſt das wahre Gebet, deſſen 


Segnungen teichlich zu genießen ic) ung allen von. Herzen 
| wunſche. | 





41 


| ก ปั บ 70 ฝ 
Einige Empfindungen des fterbenden Jeſu, 
j diie auch 
wir uns für unfre lezten Augenblikke wuͤnſchen ſollen. 





Am Sharfreitage). 


Houmliſcher Vater! Auf alle, die ſich heute verſammeln zur 
Todtenfeier des Heiligen, an dem Du Wohlgefallen hatteſt, 
ſieh gnaͤdig herab! Daß keiner von dem Kreuze Deines 
kieblinges ſich entferne, ohne mit neuem lebendigem Glau⸗ 
ben auszurufen, Warlich, dieſer iſt Gottes Sohn geweſen! 
Daß keinem die Thraͤne der Ruͤhrung vertrokkene, bis er 
ergriffen iſt von dem innigen Wunſche, ſein Ende moͤge ſein 
wie dieſes Gerechten! Die Empfindung einer heiligen Ehr⸗ 
furcht und Bewunderung, die einen jeden ergreifen muß 
beim Andenken an den ſterbenden Chriſtus, o laß ſie nicht 
unfruchtbar in dieſen Mauern zuruͤckbleiben, laß ſie uns alle 
ins Leben hinaus begleiten, damit es Dir immer mehr ge⸗ 
heiligt und dem ſeinigen aͤhnlicher werde, bis wir endlich 
auch im getroſten Hingange zu Dir ihm nachfolgen Amen. 


Ein wehmuͤthiges und geruͤhrtes Herz, meine Brüder ) fege 
ich bei ung allen voraus in biefer Stunde, und an biefes allein 
till ich mich wenden. Laßt ung, ich bitte euch, wenigſtens jezt 
alle die beſondern Vorftellungen bei Seite fegen, bie ein jeder 
von gewiſſen eigenthuͤmlichen Wohlthaten und Segnungen des 
Todes Jef haben mag. Ach ehre fie alle, wenn fie in einem 
Herzen wohnen, welches ich ehre; und es wäre fraurig, wenn 





) In der Hof: und Garniſonkirche zu Potsdam bei der Abendmahle— 
feier, an welcher S. Maj. der ‚König theilnahm, gehalten. . 


42 


der: heiligſte der Tage damit hingebracht wuͤrde, Fragen aufn 


werfen, Meinungen zu ſichten, Unterſuchungen anzuſtellen, to: 
durch die Gemuͤther nicht zum Guten bewegt, und oft gar von 
einander entfernt werden, indem ſich Verſchiedenheiten, die freilich 
immer Statt finden muͤſſen, gerade dann aufdekken, wenn man 
ſich am innigſten vereinigen will. Nein, zu ſolchen Betrachtun⸗ 
gen wollen wir ung vereinigen, bie. für ung alle von gleicher 
Wichtigkeit und von gleichem Segen fein Eünnen,. fo gewiß ald 
- wir in Chriſto alle den Anfänger unſers Glaubens verehren, als 
fein Tod ung allen. ein Tod der Liebe und des Gehorfams iſt, 
als wir alle ung fein Leben bis an den Tod zum Vorbilde. fegen, 
dem wir nachfolgen wollen, ja fein Leben bie an den Tod, aud) 
das lezte nicht ausgeſchloſſen, was in feiner heiligen Seele vor: 
ging. Ob wir wie Er big zum Festen Schlage des Herzens den 
vollen Gebrauch aller Kräf:e unferes Geiſtes behalten werden, 
das iſt etwas worüber wir Eeinen Entichluß faſſen Fünnen; es 
iſt eine befondere Gnade Gotted, die von den Umftänden abhängt, 
unter denen er das Ende unferes Lebens herbeiführt. Aber der 
Ieste Schlag des Herzens ift auch nicht das Ende des Lebens, 


fondern dieſes hört anf. mit dem lezten Gedanken und Gefühl 
das unſer Geiſt in Verbindung mit feinem Körper hervorbringt, 

mit dem lezten Blikk in welchem ung noch bie umgebende Welt 
eerſcheint, mit dem lezten Bewußtſein unſerer irdiſchen Verhaͤlt⸗ 
niſſe; und ob wir dann dieſe Verhaͤltniſſe eben fo behandeln, 


dieſe Welt eben fo anſehn und uͤber das vergangene Le⸗ 
ben eben ſo denken werden wie Er: das kann lediglich die 
Frucht ſein von einem eben ſo gefuͤhrten Leben und einem 
‚eben fo gefaßten Gemuͤth. Darum laßt uns ſterben lernen in 
dem wir Chriſtum ſterben ſehen! Es iſt nichts geringes, was 


ich euch zumuthe, indem ich euch hiezu auffordere; denn es iſt 
mit dem Tode des Erloͤſers, wie es mit ſeinem Leben war: wer 


Gluͤkk und Freude ſucht, der fliehe nur die Aehnlichkeit mit Ihm; 
nuur der ſuche fie, der um jeden Preis das große und das voll⸗ 
endete begehrt. Ein leichteres Ende, ein ſanfteres Hinuͤberſchlum⸗ 
mern mag es leicht geben, als des Erloͤſers: aber keines das er⸗ 





habener, keines das eines frommen und tugendhaften Herzens | 


woürdiger wäre. Wer ein folches begehrt, der ſehe jeit mit mir 
auf die Vellendung des Heiligen Gottes. 


Text. Mare.’ 15, 34 - 41. 


Und um die neunte Stunde rief Jeſus laut ynd ſprach/ 


Mein Gott, mein Gott, warum haſt Du mich verlaſſen. 


‚3 


Und etliche "die Dabei ſtunden, ba fie das hörten, ſpra⸗ 
chen fie, "Siehe er ruft dem Elias. Da lief einer und 
füllete einen Schwamm mit Eſſig und fteffte ihn auf ein 
Rohr und tränkte ihn und fprach, Halt, laß fehen, ob 
". Elias fomme und ihn herabnehme. "Aber Jeſus ſchrie 
laut und verfchied. Und der Vorhang im Tempel zerriß 
in zwei Stüffe von oben an bis unten aus. Der Haupt: 

- mann aber der dabei fund gegen ihm über, da er ſah 
daß er mit folchem Gefchrei verfchied, fprach er, Wars 
lich 5 เศ ift Gottes Sohn geweſen. Und ed waren 
auch Weiber da die von ferne folches fchaueten, unter 
welchen war Maria Magdalena und Maria ia Jafobi und 
Joſes Mutter und Salome. | 


"Wenn ich uns wunſche zu ſterben wie chriſtus, ſo will [ 66 
nicht auf diejenige Gemuͤthsverfaſſung hinweiſen, die fich. für einen 
jeden, der den rechten Weg gewandelt ift, von ſelbſt verftcht. 
Daß nicht Neue über ein vecſchwendetes Leben unfer leztes zer: 
knirſchendes Gefühl ſei; daß nicht allzuzaͤrtliche Anhänglichkeit an 
die Freuden und Beſizthuͤmer dieſer Welt den Abſchied von der⸗ 
felben mehr als billig erſchwere; daß Fein banger Zweifel ſich 
einmiſche in die kindliche Ergebung gegen den, der uns in das 
Thal des Todes hineinfuͤhrt: davon ſei unter ung nicht die Rede. 
Es find drei andere Umftände, auf welche ich als auf etwas fehr 
wuͤnſchenswerthes aufmerkfam machen will, eben deshalb nemlich 
wünfchenswerth, weil, um es Chriſto darin gleich zu thun, fehon 
diejenige genaue und - vollendete Aehnlichkeit mit Ihm erfordert - 
wird, die unſer aller Ziel iſt. Ich wuͤnſche nemlich, daß wir 
ale ſterben mögen: erftlich. mit demſelben Schmerz uͤber un: 
vollendete Thaten, zweitens mit derfelben Ruhe bei den un⸗ 
gkihen Mrtheilen der Welt und drittens eben fo umgeben von 
järtlihen und treuen Freunden. Auf dieſe Umftände. richtet jezt 
eure andächtige Aufmerkfamkeit. Bu 


I. Möchten wir alle fterben ‚mit demfelben Schmerz über - 
unvollendete Thaten, ber fich in dem traurigen Seufzer des Er: 
löferd, mein Gott, mein Gott, warum haft Du mich verlaffen, 
[0 deutlich offenbaret. Dder meint Ihr, das Eörperliche Leiden - 
habe Ihm diefen Ausruf abgepreßt? Wie ſchwer auch das Ges 
wicht deſſelben geweſen ſein mag, wem es noch zu ſolchen Aeuße⸗ 
tungen des Wohlwollens, der Sorge und Theilnahme Kraft übrig 
ließ, wie Chriſtus von x feinem Kreuze herab von ท ิ ธี gab dem 


44 

fonnte es auch den fo oft behaupteten Grundſaz nicht verduns 
teln, daß Leiden eben fo wenig ein Zeichen von dem Mißfallen 
bes Höchften fein Eönne, als Gluͤkk ein Unterpfand feiner Gunft 
ift. Oder hing etwa Jeſus an den Sreuben des Lebens, daß die 
Nothwendigkeit es fo jung verlaffen zu muͤſſen ihn nieberbeugte? 
Dder war etwa feine Einbildungsfraft auch angefüllt mit Bor 
ftellungen von Fünftiger weltlicher Größe, daf er gefränft ge 
weſen. waͤre diefe nicht ereichen zu Eönnen? Aber. feinen Beruf 
liebte er mit ganzem Gemüth; der Gedanke an das große Ge 
ſchaͤft, dem er fein Leben gewidmet hatte, erfuͤllte auch jezt noch 
. feine Seele. Wenn er num überlegte, wie weit Diefes noch von 
der Vollendung entfernt war; vote eigentlicd) noch Eeiner von jei- 
nen Juͤngern feine Gefinnung rein aufgefaßt und feinen Enutwurf 
turchichaut hatte, wie wenig fie auf alles gefaßt waren, was 
jegt über fie bereinbrechen mußte, und wie leicht das Band, wel: 
cheg fie zuſammenhielt, fich loͤſen konnte: dürften wir ung wohl 
wundern, wenn er gefragt hätte, mein Gott, mein Gott, warum 
haft Du Deine fchügende Hand abgezogen von dieſem Unterneh: 
men? Aber fo fragt er nicht; er voußte wie genau der Faden 
feiner Entwürfe in den Plan der Vorſehung verwebt war: er 
wuͤnſcht nur, daß ihm felbft beſtimmt geivefen wäre, Die große 
Angelegenheit noc weiter zu fördern; er frage nur aus der Tiefe, 
eines Herzens, das des guten nicht genug thun kann, warum 
och der Ersige Jhn nun dahin gehen laffe, um ohne feine Hulfe 
das große Werk fortzuführen; er fah fo deutlich, was er noch 
wuͤrde zu Stande gebracht haben, und der Höchfte vergönnte ihm 
nicht, es zu thun. 

Eben diefen Wunfch und Diefen Schmer; wünfche ich ung 
allen in der letzten Stunde unſeres Lebens. Es bedarf dazu 
nicht, daß wir wie Chriſtus mitten in der Bluͤte der Jahre aus 
einem großen Werk herausgeriſſen werden, es kann ein jeder 
fo fühlen, in welcher Lage er ſich auch befinde: Seid ihr Diener 
des Staats, Vorfteher gefellfchaftlicher Einrichtungen: möchte eg 
- euch ſchmerzen, daß ihr nicht noch dieſen Mißbrauch abftellen 
und jene Verbefferung einführen koͤnnt! Seid ihr unabhängig 
und begütert: möchte e8 euch fchmerzen, daß ihr nicht noch eine 
wohlthätige Anftalt in Gang bringen, oder dies und jenes thun 
koͤnnt für die Unglüfflichen, welche ihr beſchuͤzt! Seid ihr Ge⸗ 
lehrte und Weiſe: moͤchtet ihr ungern eine lehrreiche Darſtellung 
‚eurer Gedanken unterbrechen, oder euch von einem neuen Felde 
ber menfchlichen Erfenntniß .entfernen! Seid ihr Künftler und 
Arbeiter: möchte ed euch weh thun, daß ihr nicht noch einer 


45 


Arbeit wenigſtens die neue Vollkommenheit, die ihr ausgedacht 
oder eingeuͤbt habt, mitgeben ſollt! Ihr Juͤnglinge, moͤchtet ihr 


euch ſehnen, die Grundſaͤze der Tugend und der Religion, die 


euch heuer find, auch nur eine Eurge Zeit lang im eignen haͤus⸗ 


lichen Leben auszuüben und darzuftellen! Ihr Männer, möchte 
es euch das Herz brechen, nicht die Erziehung enerer Kinder voll 


enden; nicht die Jugend, die fich vertrauensvoll an euch ans 


fchloß, noch weiter bringen zu Fönnen! Ihr Greife, möchte es 
euch fchmerzen, nicht noch länger euer. wohlerworbenes Anfehn 
sum Beften eurer fpaten. Nachkommen benuzen und mit dem Rath 
eurer gereiften Weisheit was um euch ber gutes unternommen 
wird unterftüsen zu Fönnen! Indem ich ‚euch dieſes wuͤnſche, 


meine Brüder, wuͤnſche ich in der That nur, daß ihr nie auf⸗ 


hören möget, euren Beruf zu lieben und ihm euer ganzes Nach: 
denfen, eure ganze Kraft zu widmen. Könnte eg im menfchlis 


chen Leben jemals. einen Punkt geben, wo für den fo gefinnten 


bie Rechnung abgefchlofien und Kein Gefchäft im Gange wäre: 
ih wollte, um euch jenen Schmerz zu fparen, gern wuͤnſchen, 
daß jeder in. diefem Zeitpunfte ſterben möchte, ehe eine neue Reihe 
bon Thätigfeiten anfange, die er nicht mehr vollenden Fünnte: 
aber einen folchen Ruhepunft werdet ihr nicht finden. Es giebt 
keine Ruhe und Feinen Stilfftand in einem Pflicht und Beruf lie: 
benden Gemüth. Jede Veränderung, welche der Lauf der Natur 
und der menfchlichen Dinge mit fich bringt, bringt auch neue Aufs 
gaben und neue Pflichten mit; indem ihr befchäftigt feid Einem 
Verhaͤltniß zu genügen, bat fich ſchon ein Anderes entfponnen. 


Und wäre auch dag nicht, fo Bringt ſchon der gegenſeitige Ein⸗- 


fing des Handelns und Ueberlegens eine unaufhaltſame Bewe⸗ 
gung und immer neue MWünfche und Beftrebungen hervor. Jede 
Handlung erweitert. und berichtiget unfere Einfichten über Sen Ge 
genftand, und jede verbefferte Einficht treibt uns fie fogleich an- 
wenden. Mitten in der Arbeit, in der unvollendeten Arbeit 
findet alfo der Tod einen jeden, der จ ิ ต ธ์ Leben recht gebraucht; 


und von dem fehmerzlichen Gefühl, welches hieraus entfteht, ก็ อ ท น . 
nur der ‚frei fein, der feigherzig vor feinen Pflichten licht und, 


fid) im müßigen Schatten verbirgt, wenn die Stimme des Be⸗ 
rufs an ihn ergeht — ein folcher mag lebensfatt fterben: deun 
er hat den fchönften Reiz des Lebens nicht gekannt. Oder ber 
Inechtifchgefignte, der fich mit einem leeren Scheine der Tugend 
begnuͤgt und: Fein höheres Ziel kennt, als nur dieſes, nichts 
Strafbares gethan zu haben, — der mag, wenn anders feine 
Täufchung fo lange anhält, auch den Tod gefühllos hinnehmen: 


น 


44 

fonnte es auch den fo oft behaupteten Grundfaz nicht verdun⸗ 

keln, daß Leiden eben fo wenig ein Zeichen von dem Mißfallen 
bes Höchften fein koͤnne, als Gluͤkk ein Unterpfand feiner Gunſt 
if. Oder hing etwa Jeſus an ben Freuden bes Lebens, daß die 
Nothwendigkeit es fo jung verlaſſen zu Imüffen ihn nieberbeugte? 
Dder war etwa feine Einbildunggkraft auch angefüllt mit Bor 
ftellungen von Fünftiger weltlicher Größe, daß er gekränft ge: 
weſen. wäre dieſe nicht ereichen zu Eönnen? ber feinen Beruf 
liebte er mit ganzem Gemuͤth; der Gedanke an das große Ge 
ſchaͤft, dem er ſein Leben gewidmet hatte, erfuͤllte auch jezt noch 
ſeine Seele. Wenn er nun überlegte, wie weit dieſes noch von 
der Vollendung entfernt war; wie eigentlich noch keiner von fer 

nen Sjüngern feine Gefinnung rein aufgefafit und feinen Entwurf 
urchichaut hatte, wie wenig fie auf alles gefaßt waren, was 
jegt über fie hereinbrechen mußte, und wie leicht das Band, wel: 

ches fie zufammenhielt, füch loͤſen konnte: dürften wir ung wohl 
sondern, wenn er gefragt hätte, mein Gott, mein Gott, warum 
haft Du’ Deine fchügende Hand abgezogen von .diefem Unterneh 
men? Aber fo fragt er nicht; er wußte wie genau der Faden 
feiner Entwürfe in den Plan der Vorſehung verwebt war; er 
wuͤnſcht nur, daß ihm felbft beſtimmt geivefen waͤre, Die große 
Angelegenheit: แอ ด ์ ) weiter zu fördern; er frage nur aus der Tiefe 
eines Herzens, das des guten nicht genug thun kann, warum 
doch der Ewige Ihn nun dahin gehen laffe, um ohne feine Hulfe 
das große Werk fortzuführen; er ſah fo deutlich, was er noch 
wuͤrde zu Stande gebracht haben, und der Höchfte vergoͤnnte ihm 
nicht, es zu thun. 

Eben diefen Wunfch und dieſen Schmerz wuͤnſche ich uns 
allen in der letzten Stunde unſeres Lebens. Es bedarf dazu 
nicht, daß wir wie Chriſtus mitten in der Bluͤte der Jahre aus 
einem großen Werk herausgeriſſen werden, es kann ein jeder 
fo fühlen, im welcher Lage er ſich auch befinde: Seid ihr Diener 
des Staats; Vorfteher gefelifchaftlicher Einrichtungen: möchte es 
- euch ſchmerzen, daß ihr nicht noch diefen Mißbrauch abſtellen 
und jene Verbeſſerung einführen könnt! Seid ihr unabhängig 
und begütert: möchte e8 euch ſchmerzen, daß ihr nicht noch eine 
wohlthätige Anftalt in Gang bringen, oder dies und jenes thun 
koͤnnt für die Unglüfflichen, welche ihr befchügt! Seid ihr Ge 
lehrte und Weife: möchtet ihr ungern eine Iehrreiche Darftellung 
eurer Gedanken unterbrechen, oder euch von einem neuen Felde 
ter menfchlichen Erkenntniß .entfernen! Seid ihr Künftfer und 
Arbeiter: möchte es euch weh thun, dag ihr nicht noch eine! 


45 


Arbeit wenigſtens bie neue Vollkommenheit, die ihr ausgedacht 


ober eingeubt habt, wmitgeben follt! Ahr Junglinge, möchtet Ihr 


euch fehnen, Die Grundfäge der Tugend und der Religion, die 


euch heuer find, auch nur eine kurze Zeit lang im eignen Hause . 


lihen Leben auszuüben und barzuftellen! Ahr Männer, möchte 


«8 euch dag Herz brechen, nicht die Erziehung enerer Kinder voll 


enden; nicht die Jugend, die fich vertrauensvoll an euch ans 
ſchloß, ‚noch meiter bringen zu Fönnen! Ihr Greife, möchte es 
euch ſchmerzen, nicht noch länger euer. wohlerworbenes Anfehn 


sum Beften eurer fpäten Nachkommen benuzen und mit dem Rath, 


eurer gereiften Weisheit mag um euch her gutes unternommen 
wird umterftüzen zu Fönnen! Indem ich .euch dieſes wuͤnſche, 


meine Brüder, wuͤnſche ich in der That nur, daß ihr nie aufs 


hören möget, euren Beruf zu lieben und ihm euer ganzes Nach: 
denken, eure ganze Kraft zu widmen. Könnte es im menfchlis 


hen Leben jemals. einen Punkt geben,. wo für den fo gefinnten 


bie Rechnung ‚abgefchloffen und Eein Gefchäft im Gange märe: 
ih wollte, um euch jenen Schmerz zu fparen, gern wänfchen, 
daß jeder in. dieſem Zeitpunfte fierben möchte, ehe eine neue Neihe 


bon Thätigfeiten anfange, die er nicht mehr vollenden koͤnnte: 


aber einen folchen Ruhepunkt werdet ihr nicht finden. Es giebt 
eine Ruhe und keinen Stillftand in einem Pflicht und Beruf lie: 
benden Gemüth. Jede Veränderung, welche ber Lauf der Natur 
und der menfchlichen Dinge mit fich bringt, bringt auch neue Auf 
gaben und neue Pflichten mit; indem ihr befchäftigt feid Einem 
Verhältnig zu genügen, bat fich fchon ein Anderes entfponnen. 


Und wäre auch das nicht, fo Bringt ſchon der gegenſeitige Ein⸗ 


fluß des Handelus und Ueberlegens eine unaufhaltſame Bewe⸗ 
gung und immer neue Wuͤnſche und Beſtrebungen hervor. Jede 
Handlung erweitert und berichtiget unſere Einſichten uͤber den Ge⸗ 
genſtand, und jede verbeſſerte Einſicht treibt uns ſie ſogleich an⸗ 


zuwenden. Mitten in der Arbeit, in der unvollendeten Arbeit 


findet alfo der Tod einen jeden, der dag Keben recht gebraucht; 


und von dem fchmerzlichen Gefühl, welches hieraus entfteht, Fann . 
nur der frei fein, der feigherzig vor feinen Pflichten flieht und, 


fh im müßigen Schatten. verbirgt, wenn die Stimme des Be⸗ 
fs an ihn ergeht — ein folcher mag lebensfatt fterben: denn 
et hat den fchönften Reiz des Lebens nicht gekannt. Oder ber 
inechtiſchgeſuunte, ber fich mit einem. leeren Scheine der Tugend 
begnuͤgt und: Eein höheres Ziel kennt, als nur biefed, nichte 
Strafbares gethan zu ‚haben, — dee mag, wenn anders feine 
น น fo lange anhält, auch de den Tod gefuͤhllos hinnehmen: 


\ 


48 
gegengehen; die Ruhe, mit der wir bereit fein werben, ung von 
allem zu trennen, was nur zu unfern Umgebungen in dieſer Welt, 
zu den Eigenthümlichkeiten des irdiſchen Zuſtandes gehoͤrt; Die 
Ruhe, mit der wir felbft unfere Kräfte ſchwinden, unfere Sinne 
ung verlaffen und unfere. Glieder ‚unter der erfien Berührung ber 
falten Haud des Todes werden erftarren ſehen, und dabei doch 
die fortgefegte Iebhafte Iheilnahme an allem, was dag Wohl un: 


u ferer Freunde und Angehörigen, das Heil des Vaterlandes, die 


Ruhe der Gefellfchaft, die Ausbreitung der Wahrheit und ben 
ungehinderten Fortgang des Guten in der Welt angeht, dies alles 
zuſammen wie kann es ihnen anders als unbegreiflich- fein? Dann 
fverden fie, um nicht die Größe der Seele, wie.fie es nennen, 
bewundern, gu müffen, tabelfüchtig jede Schtoachheit, vielleicht aus 
alter Zeit, fich ins Gedächtniß rufen, oder wenn ihnen das nicht 
. zu. Gebote ſteht, fich, wie fie es Chriſto machten, an Worte und 


Handlungen erinnern, die ganz denfelben Geift athmeten, aber 


über welche ſie ſchon lange ein verkehrtes, verdammendes Urtheil 
ausgefprochen haben; dann merden fie auch in den lezten Aeuße⸗ 


rungen eines frommen, das Gefez Gottes ehrenden Herzens den 


alten‘ Stolz wieder finden, der ihnen längft ein Greuel war, bie 


Schwärmerei, die fie längft verachteten, die Parteifucht, , bie fie 


immer gehaßt haben, die Scheinheiligkeit, die fie fchon oft auf: 


beffen mußten. Wehe uns, wenn dann diejenigen, welche ung 


lieben, forgfältig die legten harten und falfchen Urtheile, die über 
ang gefällt werden, vor ung verbergen müßten, um ung nicht ง 
auf eine fchmerzhafte Art aus dem füßen Traume zu wekken, als 


ob die Menfchen die wahre Goftfeligkeit und die fittliche Stim- 
mung des Gemüthes wenigftens kennen und chren, wenn fie auch 
felbft Eeinen Theil daran haben! wehe und, wenn man ung daun 
noch hintergehen müßte über die Meinung der Menfchen,: Damit 
nicht eine bittere Empfindung unfere lezten Stunden .trübe! Es 
... wäre ein Zeichen, daß wir die Menfchen niemals erkannt haben, 
daß wir als unſchuldige aber auch ſehr unwiſſende zwiſchen ihnen 
hindurchgegangen ſind daß wir immer noch fortfahren würden, 
ung an ihnen zu irren, wenn ung längeres Leben befchieden wäre. 
Mit großem Necht alfo. wünfche. ich allen. für dieſen Fall Die 
Ruhe und. die Gleichmuͤthigkeit des Erloͤſers, denn fie ift die Folge 
der reifften Weisheit und Der aͤchteſten Froͤmmigkett. Wem .felbft 
‚in den lezten Augenbliffen die Blinöheit, die in Läfterung und 
Verläumdung ausartet, wenn er fie wahrnehmen Eönnte, nicht 
das Herz gerreißen würde, der. kennt feit lange her die thörichte 
Meispeit und das tiefe Verberben der Menſchen. Wer auch dann 





40 


nicht verleitet wird, das gute welches er ihnen erwieſen hat 
unmuthig zu bereuen, der hat gewiß bei allen ſeinen Thaten nicht 
Menfchenguift, nicht Lob, nicht Dankbarkeit im Auge gehabt, 
fondern-allein den Willen des Höchften. Wer auch dann noch . 
Wohlwollen genug übrig behält um gu fagen, Vater. vergieb 
ihnen, denn fie wiſſen nicht mag fie thun, deſſen Eiche iſt von 
der reinſten ünd goͤttlichſten Art. 


110 Möchten wir alle ſterben eben fo umgeben von lies 
benden und leidenden Freunden mie ber Erlöfer. Da ftand feine 
gärtliche Mutter und der Jünger welchen er liebte, und zwiſchen 
beiden ſtiftete er noch einen innigen Bund der Sorgfalt und der 
Treue; da ſtanden die Frauen welche ihm nachgefolgt waren 
und gewiß noch manche von ſeinen uns nicht To bekannten Vers _ 
ehren. Welch’ ein. Troft muß es ihm geivefen. fein, daß er noch 
auf alle wohlthätig wirken Eonnte und ihren Glauben und ihre 
Geſinnungen ſtaͤrken durch alles mas ſich an ihm hohes und 
göttliches offenbarte. - Aber auch fchon ihre Treue und ihre Ges 
genwart muß ihm die Leiden des Todes verfüßt und fein He 
mit beruhigenden Gefühlen angefüllt haben. : Wenn der Schmerz - 

über die Unterbrechung feines Werks ihm das Zeugniß gab, daß 
er feinen Poften würdig behauptet hatte; wenn ihm ſeine Gleich⸗ 
müthigfeit beim Spott feiner Feinde ein Beweis fein konnte, wie 
ächt und vollkommen feine Weisheit war: fo war dieſe gegenfeis 
tige Bis zum Tode aushartende Liebe und Treue‘ das befte Zeug: 
niß, da er mit feinem liebevollen Herzen das hoͤchſte Gluͤkk des 
Lebens in feinem ganzen Umfange genoflen hatte. Und eben darum 
wünfche ich- ung vor allen Dingen mit einer folchen Umgebung 
zu ſterben, ja ich fordere 06 ſoviel an uns if von einem jeden. 
Sagt nicht, das Hänge nicht non euch ab, fondern von der freien 
Gnade Gottes, ob nicht fehon vor euerm Tode ‚euch bie fchöns 
fen Bande der Natur aufgelöft fein werden, ob nicht mancher 
unter euch vielleicht als der letzte übrig bleibt von allen. die 
ihm angehören, ob nicht viele unter euch. der Tod in einer weis . 
ten Entfernung von Eltern und Kindern, von Geſchwiſtern und 
Verwandten antreffen wird. Ich bitte euch, fo chrwürdig und 
befeligenb auch Biefe Zuneigungen ſind welche die Natur ſelbſt 
geftiftet hat, denket jest nicht allein an fie. Es ift der Ordnung . 
gemäß, daß der Tod bier ſchon manche Luͤkke gemacht bat ehe 
er ung felbft von unſerer Stelle hinmegreißt: aber wenn auch 
alle welche uns durch die Bande des Blutes verwandt find 
um unfe Sterbelager verfammelt. waͤren |) den Troſt welchen 

D 





50 จ 


alsdann die Gegenwart der Freundſchaft gewährt würden. wir 
dennoch nicht empfinden, wenn ſie nicht zugleich die Vertrauten 
unſerer Geſinnungen find und das innerſte unſers Herzens ver 
ſtehen. Sehet da, dieſe ſind mir Mutter und Bruͤder, ſagte Chri⸗ 
ſtus einſt und zeigte auf die Freunde ſeiner Wahl; eben ſolche 
waren. es auch groͤßtentheils welche jezt als trauerude Freundbe 
um fein Kreuz ber ſtanden, und an eben ſolchen ſoll es keinem 
unter uns fehlen ſo lange wir noch auf Erden leben. Zweifelt 
nicht, ob. auch ihr dieſes Gluͤlt ‚erreichen koͤnnt; es wäre Kein 
unguͤnſtiges Gefchitf, ſonbern ein trauriges Zeichen, daß ihr die 
hoͤchſte Aufgabe des Lebens nicht richtig gelöf’t habet, So feind- 
felig wird Die Welt nicht regiert, daß: irgend ‚einem der es ber 
darf und verdient zin Freund vorenthalten würde dem jein Herz 
fich öffnen: kann. Die, Kraft der. menfchlichen Natur gleichge⸗ 
flimmte Gemüther an fich zu ziehn ift fo groß, daß, wenn ihr 
nur Über irgend etwas richtiger umd tiefer dentt, irgend etwas 
inniger und eigenthuͤmlicher empfindet und dies in euern Hand» 
- Jungen ausdrüfft, กิ ด diejenigen gewiß binzufinden werden weiche 
gerade dieſes zu dchägen wiffen oder euch darin ähnlich find; und 
nur auf euer Bebürfnig Liebe und Sreunöfchaft zu genichen wird 1 
e8 ankommen, ob eine fefte und Öanerhafte Vereinigung ber Ge: 
muͤther zu Stande fommt; nur auf euerm Willen beruht es, ob 
ihe auch im Tode noch bie eigenthümlichen Tröungen genießen 
werdet, welche die Gegenwart treuer Freunde mit ſich bringt. 
Fuͤrchtet wicht, wenn ihr fie gefunden habt, daß die Veraͤnder⸗ 
lichkeit dee menſchlichen Herzens fie euch. rauben werde; dieſe er⸗ 
ſtrekkt ſich nicht bis in diejenige Tiefe, worin wahre Freundſchaft 
ihre Wurzeln ſchlaͤgt. Sehet auf Chriſtum, er verlor keinen von 
den ſeinigen als nur das verlorne Schaf, auf daß die Schrift 
erfuͤllt wuͤrde; und überzeugt euch, daß es überall in wahrer 
Freundſchaft keine Unbeſtaͤndigkeit, keine Untreue geben koͤnne. 
Fuͤrchtet nicht, daß doch der Tod auch dieſe euch alle hinweg⸗ 
raffen โอ ก ก 6 ehe das Ziel eures- eignen Lebens erreicht iſt; denn 
jene Kraft des menfchlichen Gemuͤthes hört nie auf, und. nie Eann 

es ihre gang an Gegenſtaͤnden fehlen, auf weiche ſie ſich richten 
fönnte. Freilich wird nie ein Freund den ihr verloren Habt 
gang erfest werben; jede fpätere Verbindung wird fich anders ge 
alten ale die frühere: .aber innig und herzlich kann fie doch fein, 
und dann gewährt fie auch das frohe Bewußtſein, daß ihr um 
eurer ſelbſt willen Liebe und Achtung genießt und auf das in 
nerfte einer menfchlichen Seele wit der - enrigen wirkt. Am wer 
uigften ‚aber, ich bitte euch, fürchtet die Verwuͤſtungen welche 


51 


bie Zeit in euerm eignen Gemuͤth anrichten koͤnnte. Glaubt nicht, 
daß im Beſiz gärtlicher Sreunde zu ſterben ein Vorzug derer fei, 
welche, wie Chriſtus, ‚noch in ber Blüthe des Leben® abgerufen 
werden. Was man. auch fage, es liegt gewiß nicht in ber Natur 
der menfchlichen Seele, im Alter auch gegen diefe Freuden ftumpf 
zu werden, die alten Verbindungen Fälter zu behandeln und neue 
ungern anzuknuͤpfen. Habt ihr fie nur jemals richtig gefchäst, 
fo werdet ihr auch immer nach ihnen verlangen, und nie, auch 
im fpäteften Alter nicht, werdet ihr einfam flehen in der Melt; 
ia müßtet ihr auch, daß der morgende Tag euch hinwegnehmen 
wird: ihr wuͤrdet dennoch, wenn euch heute ein Gemüth zuerft 
begegnete, das ihr mit berzlicher Liebe umfaſſen Eönnt, euch noch 
fehnen feine Liebe in gewinnen und es mit Zärtlichkeit an ench 
ziehn. 

Aber, werdet ihr ſagen, wenn es auch moͤglich und wuͤn⸗ 
ſchenswerth iſt Freunde zu haben bis ans Ende des Lebens: ſoll⸗ 
ten wir ſie nicht wenigſtens alsdann lieber von uns entfernen, 
als um uns her verſammeln? Warum die bittern Empfindungen 
des Todes noch dadurch vermehren, daß wir mit Wehmuth und 
Sorge auf den Schmerz unſerer Freunde ſehen und auf die be⸗ 
denklichen Umſtaͤnde, in denen wir vielleicht einen und den andern 
zuruͤkklaſſen? warum ſollen wir ung gegenſeitig durch alles was 
die Gegenwart lebhaftes hat recht anſchaulich machen, wie gro⸗ 
ßen Verluſt wir erleiden? Wir ſehen, Chriſtus hat nicht ſo ge⸗ 
dacht; er vertrieb feine Mutter und feinen Freund nicht von ſei⸗ 
nem Kreuze, fondern ließ fie. gern Zeugen feines Todes fein: 
Daſſelbe fordert auch von uns eine heilige Pflicht. Die fchönfte 
Wirkfamkeit des Menfchen follen wir durch eigne Schuld auch 
nicht um einen Augenblikk gu früh abbrechen. Wir wiſſen nicht, 
was für wohlthaͤtige Folgen bie Testen Ergießungen der Liebe noch 
haben können; und. wenn wir ben unfrigen mar zeigen, wie hoch 
noch im Tode die Kraft der Brömmigfeit und ber mahren Weis, . 
beit den Menfchen erhebt: fo wird es ein gefegneter Cinbruft 
fin. Aber auch um unferer felbft willen wünfche ich, und eben 
jenen Schmers und jene Wehmuth: denn um biefe Empfindungen 
nicht เน fcheuen muß uns eine gewifle Tapferkeit befeelen, bie 
af das ganze Leben des Menfchen ben wichtigſten Einfluß hat. 
und auch feinem Ende etwas großes und erhabenes giebt. Feig⸗ 
bertig und undenkbar ift es, den legten Genuß irgend eines Gu⸗ 
ted ſich deshalb zu verfagen, weil wir daran denken müffen, daß 
66 der Teste ik: denn dies führt dahin, alte Guben Gottes von 
und zu werſen und fchon frühzeitig unfer Leben alles anmeuthigen 

| | อ 2 - u 


zu berauben. Entfteht nicht das 8 Seftihl ber‘ Bergänglichteit aller 
irdiſchen Dinge noch in der frohen Jugend? uͤberfaͤllt und nicht 
oft unmillkührlich der Gedanke, daß jede Freude bie lezte fein 
kann, und follen wir ihn nicht abfichtlich oft fefihalten und ine 
Auge faſſen? aber fiören und mißmuthig machen foll er ein tap⸗ 
feres Gemuͤth im lezten Augenblikk eben fo wenig, ale mitten in 
der Hoffnung eines Jangen Lebens. Es ift unedel, jemals einen 
Schmerz zu. ſcheuen, den nur die vortrefflichfien Anlagen. unferes 
Geiſtes möglich machen; mit einer fo feighersigen Geſinnung muͤß⸗ 
ten wir das befte in uns von Anfang an vernachläffügen, weil 
wir dieſem Schmerz fonft immer ausgeſezt find: aber ein tapfe 
res Gemuͤth wird fich noch im tezten Augenblikk durch das Be 
wußtſein diefe Anlagen gehabt und in fich ausgebildet zu Haben 
mehr geftärft und erhaben fühlen, ale auch der tieffte Samen | 
es erſchuͤttern and entkräften kann. . 

Nach diefen reinften Freuden des kebens laßt uns alſo fire 
ben bis an den lezten Augenblikk! laßt uns jedes Band der Liebe 
und des Wohlwollens feſt anziehn und am feſteſten wicht etwa 
diejenigen welche uns das lebhafteſte Vergnuͤgen gewaͤhren, ſon⸗ 
dern das welches durch wahre Vereinigung des Geiſtes das 
hoͤchſte und edelſte in uns ſtaͤrker und vollkommener machen ſoll. 
Wer koͤnnte hiebei nicht an die Vereinigung denken, die ein Theil 
von uns jezt am Tifch des Herrn erneuern will, an den Bund 
der Bruderliebe น พ 6 der treuen Nachfolge Jeſu! je mehr es und 
. werth iſt Mitglieder. deffelben gu fein und je wuͤrdigere wir find, 
an getwiffer werden wir in allem was wir :jegt erwogen haben 
Ehrifto auch bei unferm Tode ähnlich werden. Wir wiffen, mie 
überall wo mehrere ſich zu gleichem Endzwelke vereinigen, ให ก 
und. Eifer eines jeden fich miehrt. Nehmen wir es alfo ernflih 
mit der Gemeinfchaft in der wir mis -allen fichen, denen gleich 


uns die Förderung des ‚großen Werkes Chriſti übertragen iſt, auf 


denen gleich uns fein Geift ruht: wieviel mehr Veranlaſſung 
giebt ung das nicht gu allerlei gutem! wieviel munterer koͤn- 
nen wirknicht dad unternehmen was auf unferm eigenen ‚Wege 
liegt! wieviel Beruf finden wir nicht manches zu unterſtuͤzen, was 
‚andere angefangen haben. O niemand iſt fleifiger in guten 
Werken als: die wahren und eifrigen Mitglieder dieſes Bunded! 

fie findet der Tod gewiß in mannigfaltiger Shätigkeit, fie ſehen 
gewiß mit trauriger Sehnſucht beim Abſchiede vom Biefer Welt 
auf daB fchöne Vermächtnig angefangener Thaten! — Ihr ver 
fprecht: jegt aufs neue nach der ung gemeinfchaftlichen Regel des 
Glaubens einherzugehn ihr beleunt euch zu derſelben öffentlich | 











. ฐ 8 | -> '“ 


und mit lauter Stimme, und fo werdet ihr freilich, je mehr Auf: 

richtigfeit und Ernft man is diefer Handlung bemerkt, um fo wes 
niger dem Spott entgehen Fönnen, dem die Verehrer der Religion 
ausgeſezt ſind: aber der aufmunternde Beifall der Brüder wird 
such entſchaͤdigen für das. frevelhafte Urtheil der Welt; dag Vor⸗ 
bild fo vielen, Die geduldig. getragen haben was um des Glau- 
bens willen gu leiden .ift, wird euern Muth fiärken. Und welches 
folt denn die Pflanzfchule aufrichtiger und treuer Freunde fein, . 
wenn es nicht die Gemeine Chriſti ift, die Gefellfchaft von Mens 
(hm, denen Aneigennügigfeit und Wohlwollen, Theilnahme und 
hüffreiche Liebe natürliche Gefinnungen. find, unter denen jebe Weiss - 
beit und jede Vollkommenheit vorhanden und - zum Dienſte eines 
. ben. bereit ſein ſoll? So erneuert denn mit aufrichtigen und 
andächtigen Herzen diefen fchönen Bund, und wir alle wollen 


wünfchen, daß der Exlöfer der ihr geftiftet Hat mit Wohlgefa- 


[ auf- ‚euch berabfehen und daß ſein ชี reichlich auf euch 
ruhen möge. 0 


IV. 


Daß Vorzüge des Geiftes ohne fittliche Gefin 


nungen Feinen Werth haben. 





Man nennt unfer Zeitalter das aufgeflärte und fpricht piel von | 


- großen Fortfchritten, welche alle Abtheilungen der Gefellfchaft in 
der Bildung des Geiftes, in der Berichtigung und Erweiterung 


ihrer Einfichten follen gemacht haben; und, wie mißlich es auch 
‚näher betrachtet um dieſe Fortfchritte fichen mag, foniel kann 
wenigſtens nicht geläugnet werden, daß das allgemeine: Beftreben 


nach dieſer Seite bin gerichtet ift. MWiffenfchaften und Kuͤnſte 
werben auf allerlei Gefchäfte des Lebens fleißiger und fcharffinni 
ger angewendet als fonft; alle Gewerbe. entfernen fich mehr und 
mehr von der Sklaverei alter- Gewohnheiten, man forfcht darin nad) 
Gründen und findet auf biefe Weife Verbeflerungen; Beobach⸗ 
tung ber Natur und des Menfchen fucht den Aberglauben in ab 
len feinen Schlupfiinfeln auf; Unterfuchungen und Mittheilun 
gen-über den Zufanmenhang großer Ereigniffe und über die all 
gemeinen Angelegenheiten der Menfchen finden immer mehr auf 
merkfame Ohren; und mildere Sitten, welche fich unter allen 


Ständen verbreiten und fie einander näher bringen, machen zu⸗ 


gleich das Gemüth urbar, um den Samen jeber Erfenntniß auf 
zunehmen und auch folchen Wahrheiten Gedeihen zu fichern, bie 
. uefprünglich in andern Gegenden der gefelligen Melt einheimifch 
find. Dies alles ift Fein geringer Ruhm: aber leider ift mit die 
fen Fortfchritten fehr allgemein der große Nachtheil verbum 
ben, daß, der Verſtand und bie Bildung deſſelben auch um 
abhängig von der Geſinnung gefchäzt und viel zu hoch gefchätt 
wird. Sich in feinen Berufggefchäften durch Geſchikklichkeit und 
:  verftändige Benuzuag alles fremden und neuen auszeichnen; auch 


55 


jenſeits berfelben Aber alle gemeinen menfchlichen Dinge eine eigne 
und begründete Meinung haben; im Kreife ber Geſellſchaft durch 
Munterkeit und Gewandtheit des Geiſtes gefallen, durch ein ſchar⸗ 
fd Urtheil ſich Anfehn erwerben, durch funkelnden Wis blenden: 
bad iſt jeziger Zeit dad Bild der Vollkommenheit, das ift dag 
einzige Mittel um geliebt, geichäst und bewundert zu terden. 
Seid daneben rechtfchaffen und tres, man wird deffen nur im 
Borbeigehen erwähnen; befitt biefe Tugenden ohne jene Vollkom⸗ 
menheiten bed Berfiandes, fo bleibt ihr gang unbemerkt im Hin: 
tergeuube fichen. Die einfältige Redlichkeit, wie aufrichtig und 
thätig fie auch fer, gilt nichts; Verſtand und Talente — das tft die 
algemeine Lofung. Ich bin weit entfernt auf das was man fo 
gemeinhin ein gutes Herz nennt großen Werth zu legen. Die 
Bereitwilligkeit mit andern und für fie zu empfinden, fich zum 
Werkzeuge won ihnen. gebrauchen zu laflen und ſich au alles 
was in ihnen gus und groß zu fein .fcheint bewunderungsvoll 
anpiſchließen tft etwas fehr zweideutiges und oft nichts anders 
als Leerheit des eignen Sinnes, Unfähigkeit felbft ettwad zu wol⸗ 
ken, Gefühl des Beduͤrfniſſes fi von andern leiten und floßen 
zu ofen. Aber ohne einen wahrhaft guten Willen, ohne eine 
aͤcht fttliche Gefinnung, ohne die fefte und immer thätige Rich⸗ 
tung aller Kräfte-auf das felbfterfaunte gute, ohne treuen Ges 
horſam gegen bie göttlichen. Gefege find alle jene Vorzüge des 
Geiſtes — und wenn ihr fie bis zum hoͤchſten Gipfel der Voll⸗ 
dung ausgearbeitet haͤttet — nichts, gar vichts; Dagegen diefe 
gute Sefinuung — die freilich uvausbleiblich alemal wit dem Be⸗ 
ſtreben verbunden ift, alle Anlagen welche wir von Gott empfan⸗ 
gen haben aufs beſte zu benuzen — wenn ſie auch durch un⸗ 
guͤnſtige Unmftände gehindert wird, ſich in die hoͤheren Kreiſe der 
Bildung hinaufzuſchwingen und ſich mit mancherlei Vorzuͤgen 
auszuſchuuͤkken, dennoch uͤberall denſelben alles andere verdun⸗ 
kelnden Werth behält. Das iſt weine Ueberzeugung, welche ich 
gern durch den folgenden Vortrag in euch allen hervorbringen 
oder noch lieber nur erneuern uud befeſtigen moͤchte. 


Text. 1 Kor. 12, 31. — 13, 1. 


Strebet aber nach den beſten Gaben, und ich will euch 
noch einen koͤſtlichern Weg zeigen. Wenn ich mit Men- 
fchengungen- und. mit Engelzungen ‚redete und hätte ber 
Liebe nicht: fo wäre ich ein tönend En oder eine Elin- 
sende Schelle. - - 


56 | | 

In ber Gemeine an welche diefer Brief gerichtet iſt war 
über einen an ſich loͤblichen Gegenſtand ein Wetteifer entſtanden, 
der der bruͤderlichen Eintracht nachtheilig war. Jeder ſuchte durch 
die Gaben, welche ihm bie göttliche Gnade verliehen hatte, zur 
Erbauung der Gemeine oder zu ihrer Verherrlichung unter den 
unglaͤubigen etwas beizutragen. Dieſer Eifer fuͤr das allgemeine 


Wohl war aber nieht unverfälfcht. ‚Jeder wollte fein Talent für 


das vorzüglichfte gehalten wiſſen; man verglich und forfchte, wel⸗ 
ches unter allen wol den meiften Glanz auf den Beſizer zurükle 
werfe, und fo mifchte fich auf allen Seiten Stolz, Eigendünkd 
- und Giferfucht ein. Der Apoftel ertheilt deshalb feinen Leſern 
zuerft Die. Lehre, daft ein Talent welches nicht zum Wohl der 
Gemeine beiträgt auch nichts ehrenvolles ſein kann, und geht 
dann. in den Morten unferes Tertes gu der allgemieineren Weir 
fung: über, daß fie fich überhaupt nicht auf dem richtigen Geſichts 
‚punkt geftellet hätten um ihren Werth zu beurtheilen. Er. ſagt, 
. wenn fie fich auch alle ber herrlichen Gaben. befleißigten, „fo gäbe 
es doch noch etwas koͤſtlicheres, nemlich die wahrhaft tugendſame 
fittliche Gefinnung, der 6 hernach unter dein Namen ber Liebe 
bie bekannte fo beredte und begeifterte Lobrede Halt. Dieſen Aus 
fpruch lafit uns jegt befonders auf dasjenige anwenden was in 
unfern Tagen fo auszeichnend gefchägt wird; laßt ung bedenken, 
daß alle Vorzuͤge des Geifted getrennt von einer fittlie . 
chen und würdigen Gefinnung gar Feinen Werth haben. 
Sch werde dies deutlich zu machen ſuchen, indem ich erſtlich 
zeige, daß aus ihnen für fich Eein gegründeter Anfpruch auf.um ว 
fere Achtung entficht; zweitens, daß fie fich mit Recht unfere 
Zuneigung nicht erwerben Fönnen; und drittens, daß fie fo 
allein nicht einmal einen entſchiedenen we für bie ซุ สด 
| haben. | 


บ Wenn ich behaupte, daß alle Vorzůge des Geiſtes für 
ſich allein einem Menſchen unfere Achtung nicht verdienen: fo be 
rufe ich mich dabei auf euer eignes Gefühl; und wenn ihr. aud) 
die leidenſchaftlichſten Bewunderer dieſer Vorzüge wäret: - verftebt 
nur eure Empfindungen recht, fo werdet ihr mir gewiß Beifall 
‚geben. Diefes Gefühl der Achtung, der Hochfchäzung iſt etwas 
. gang eigenthümliches; 68 ift Iediglich an unfer Urtheil über den 
- fittlichen Wersh eines Menfchen angefnüpft, und fobald die. Rede 
davon iſt, muß ‚alled was hiezu nicht gerechnet. merden Fann 
bei Seite geſezt werden. Schmuͤkkt einen Menfchen mit allem 
aus tung ihm. von außen de gegeben werben. kaun, er wird da⸗ 


“จ 








\ 57 ม 0 
mit vieleicht alle andere Empfindungen in Anſpruch nehmen, nur 


diefe wicht. Er habe die lieblichſte Geſtalt, fie wird euer Wohl⸗ 


gefallen erregen; er fei mit. den fchärfftien Sinnen begabt und _ 
genieße ber - unerfchütterlichfien Gefundheit, ihr werdet ihn mit 
Freuden als ein Beifpiel. von ber natürlichen Vollkommenheit bes 
Menfchen aufftellen; er befize ein großes Uebermaaß an ben Guͤ⸗ 
tern dieſer Welt, ihr werdet ihn vielleicht glüfklich preifen; ค fei 
mit einer gebietenden Macht in der Gefellfchaft ausgeruͤſtet und. 
von großem Einfluß auf ihr Gebeihen, fo werdet ihr aufmerk⸗ 
fam fein auf alled was er "unternimmt und was mit ihm vor 
geht: aber wenn man euch zumuthet ihn bochzuachten, werdet 
ihr euch ‚ohne Zweifel nach. ganz andern Dingen umfehen. Ya 
[แต | dasjenige was zu feinem innern gehört, aber was ihr 
ſchon an ihm findet: che er ein Gegenftand eurer Beurtheilung, 
kin kann, betrachtet ihr nur als einen folchen Beſiz. Weiſet 
man euch auf feine natürlichen Anlagen, auf eine Stimmung 
kind Gemuͤths, auf eine Richtung feiner Neigungen, die er fchon 
in den fruͤheſten Jahren ſeines Lebens bekommen hat: ihr wer⸗ 
det fie mit in Anſchlag bringen, wenn von der Achtung die Rede 
it, welche er verdient, aber nur um zu fehen, wie er- fich ihrer 

bedient umd fie gehandhabt hat. Handlungen alfo wollt ihr 
um ihn achten zu koͤnnen, und zwar Handlungen die in dem 
Villen des Menfchen. ihren Urfprung haben und -von diefem Zeug⸗ 
niß geben; bemn was er etwa auf andere Art betwirkt  [ ihr 
gänzlich «bei Seite. Er kann gelegentlich und ohne Abficht die 
wohlthätigften Entdekkungen gemacht, er kann durch ein Beſtre⸗ 
ben dad auf etwas ganz anderes gerichtet war die Bosheit zus 
rüffgehalten, bie Unfchuld gerettet umd großes Unglüff verhütet 
haben; das kann ihn auf mancherlei Art in euer Gedaͤchtniß zu⸗ 
tüffrufen, es kann feinen Namen merkwuͤrdig machen in der Ges 
ſchichte wichtiger Begebenheiten: aber eure Achtung für ihn wird 
dadurch. nicht den geringften Zuwachs erhalten. — Lafit ung num 
hen, wie es denn mit den Vorzügen dee Geiſtes befchaffen iſt 
in Abſicht auf dieſes nothwendige Erforderniß? Freilich ſind ſie 
tin Veſiz der ganz ohne eigne Thaͤtigkeit niemandem zu Theil 
werden kann. Die herrlichſten Naturanlagen, wenn gar nicht auf 
ihnen weiter fort gearbeitet wird, werden vielleicht durch einzelne 
Gedanken und Aeußerungen ihr Daſein verrathen: aber zuſammen⸗ 
haͤngende Einſichten und ſichere Fertigkeiten koͤnnen ohne Fleiß 
niemals erlangt werden. Nehmt den genaueſten Unterricht und 
die herrlichſten Gelegenheiten, — werden ſie nicht von eigner Luſt 
unterfiäge, iſt kein wahrer Trieb vorhanden fie zu benuzen: To 


58 

mögen fie hoͤchſtens nur das Gedaͤchtniß bereichern. mit einem Vor 
vath der bei. jedem andern beffer aufbewahrt wäre. - Aber aller 
Fleiß wuͤrde doch auch nichts helfen ohne Unterricht, und alle 
Luſt nichts ohne Gelegenheit und Muße. Hattet ihre nicht noͤthig 
eure Zeit Gefchäften zu widmen, die den Geift mehr herabziehn 
als. erheben; befaßt ihr Vermögen und Verbindungen um die 
noͤthigen Huͤlfsmittel herbeizuſchaffen; war es euch vergoͤnnt mit 

kenntnißreichen und vorzuͤglichen Menſchen umzugehn und ihr 
habt euch ท น ก Geſchikklichkeiten und Kenntuiſſe erworben und 
euern Geiſt ausgebildet: ſo erwartet nicht, daß ich euch dafuͤr in | 
dem Manfe achten fol, als etwa Diefe Vorzüge an fi, oder 
der Grad der Vollfommenheit in dem ihr fie euch. zu eigen ge⸗ 
macht habt, felten find, fondern nur in dem Maaß, ale die An 
firengung und der Eifer ausgezeichnet find - die ihr dabei bewie⸗ 
fen habt. Es wäre unbillig, wenn ich nicht mehr Werth auf 
euch legen wollte als auf.den, welcher gleiche Vortheite mit euch 


genoß und fich doch nicht gleiche Vorzüge erwarb, fondern in 





niedriger Sinnlichkeit lebte oder forglos feine Zeit mit Kleinigker 
ten verbarb: aber es. wäre noch unbilliger, wenn ich euch hoͤher 
fchägen wollte als ben, dem es an gleicher Luft und gleichem Eifer 
nicht fehlte, den aber ein minder günfliges Geſchikk in eine andere 
Gegend der Gefellfchaft vertwieg, wo er die Schäze der Erkennt 
niß nicht erreichen fann. Erwirbt fich diefer in einem eben ſo 
ausgegeichneten Grade die Gefchikklichkeiten die zu feinen Beruf 
gehören; benuzt er bie Erfahrungen und Beobachtungen bie ค 
anftellen kann, um fein Urtheil über alles was in feinen Ge⸗ 
ſichtskreis kommt gu berichtigen: ſo ift er mir vollkommen eben 
fo lieb als ihr, weil er, wenn auch weniger erlangt, doch eben 
fosiel gethan hat als ihr. Ja ich will noch mehr fagen; ehe 
ich etwas näheres von euch weiß und zu einem gründlichen Ur⸗ 
theile berechtigt bin, . werde ich cher geneigt -fein, ihm -für feinen 
wohlangemwendeten wenn gleich ‚unbereicherten Verſtand, für feine 
eingeſchraͤnkten Talente und feine einfache ungekuͤnſtelte Lebens 
weisheit meine Achtung zu fchenfen, als euch für. eure Gewandt⸗ 
heit und euern Scharffinn, eure Wiffenfchaften und eure Bele⸗ 
fenheit, weil ich bei ihm nicht fo leicht falſche Bewegungsgruͤnde 
vorausfesen kann als bei euch. . | 

Denn daß biefe entfernt fein muͤſſen iſt bag zweite, mad 
unumgänglich erfordert wird, wenn ihr euerer Geiſtesvorzuͤge 
wegen irgend einen Anfpruch auf Mchtung machen wollt. Th 
tigkeit allein, wie angeftrengt und ausdauernd fie auch fein magı 
giebt dem Menſchen keinen beſtimmten Werth; dieſer hängt ledig⸗ 














ธ ู อู 7 
lich davon ab, worauf benn eigentlich feine Thaͤtigkeit gerichtet 


geweſen iſt. Leibenfchaften weiche eben ausbrechen wollen zu 
unterdruͤkken ift getwiß etwas großes, wozu viel Kraft gehört; 


wenn aber jemand die Auftwallung feines Zorns unterdiufft, um . 


heimlich eine Befto ficherere Nache zu nehmen: fo werdet ihr 
diefe Stärke vielleicht bewundern, aber ihn gewiß nicht dafuͤr ach» 
ten;. denn indem er Herr über feinen Zorm war, diente er nur 
feiner Rachſucht, welche eben fo verwerflich iſt als jener. Wir 
müflen alfo erſt unterfuchen, was euch antrieb zu ber twieberhols 
ten und ausdauernden Thätigkeit durch welche ihr euere. Talente 
erworben habt? Feder rechtichaffne Menfch wird allerbings bes 
fliſen fein feine Fähigkeiten immer weiter auszubilden, er wird 
aber damit fortfchreiten nach Maaßgabe als fein Beruf es erfor 
dert und als dieſer fich wiederum mit feinem Wachsthum in der. 
Volllommenheit erweitert. und veredelt. Bleibt ihr alfo mit eus 
am Streben nach Einfichten und Gefchifklichkeiten in biefer Bahn, 
(6 wird es fehlten zweifelhaft fein, was für ein Ziel ihr im Auge 
habt; je weiter aber ihr euch von ihr entfernt und außerhalb 
derfelben ว น glänzen fucht, befto zweideutiger werden ung eure 
Bemühungen .erfcheinen. Es kann eine ‚wunderbare Gewalt ber 
Ratur ſein Die euch nöthiget, eine :Getwglt, welche ihr meber 
recht verſteht und achtet, noch in ebereinftimmung mit dem 
übrigen in euch zu bringen fucht. Eine zwekkloſe Wißbegierde 
kann eure Bemühungen geleitet haben, welche nur Bilder von 
allerlei Gegenſtaͤnden auffammeln will; ber Eigennug kann Antheil 
daran gehabt haben, denn folche. Vorzüge welche in bee Gefells 
(haft gelten geben auch eine fehnelle Fahrt nach dem Hafen bes 
Gluͤkks; die Eitelkeit kann Triebfeber geweſen fein, dem es if 
ja ber Gebrauch fich zu bilden, und. Talente find ein Schmukk 
ohne den man nicht in ber guten @efellfchaft erfcheinen kann; 
der Stolz kann euch angefeuert haben, denn mit entfchiedenen 
Vorzügen biefer Art braucht ihr Feinem gu weichen: und wenn 
Ihe euch in irgend einem biefer Faͤlle befindet, fo kann ich euch 
für eure Bildung und eure Talente nicht höher achten als ich 
ein Thier achte für feinen unerkannten Trieb, ober als ich einen 
verwerflichen Menfchen achte für feinen Eigennuz und feine Ei: ว 
telleit; denn dieſe waren es doch, die ‚euer Thun geleitet haben. 
Eure Anfrengungen mögen dann noch fo groß geweſen fein und 
die Vorzuͤge die ihr erreicht habt noch ‚fo vollendet: vielleicht 
werde ich euch bewundern muͤſſen, aber achten kann ich euch) 
richt, wenn es nicht bie Liebe war bie euch alfo drängte und 
trieb nach der Volltommenheit zu ſtreben. Und um zu wiſſen, 


60 

weiches die Quelle ſei, aus der euer Eifer und eure Betriebſam⸗ 
โ in dem Gefchäft eurer Bildung gefloflen if, bleibt. mir nichts 
übrig, al$ von andern. Seiten euer Leben und eure. Gefinnung zu 
erforichen. Beweiſet ihr euch fonft eigennuͤzig und eitel, fol 
- und ehrfüchtig, warum. follte gerade in diefem einen Theile eures 
Verhaltens etwas befieres gefucht werben? Behauptet ihr aber, 
daß ihr nach dieſen Vorsügen gefirebt habt um das euch an 
vertraute Pfund als treue Haushalter zu benugen, um bie Summe 

menfchlicher Wortrefflichkeiten zu vermehren und der Welt nüslid 
su werben: fo: wird gewiß eure Faͤbigkeit Einſichten und Ge⸗ 
ſchiklichkeiten zu erwerben nicht der einzige Gegenſtand ſein, bei 
dem ihr an die Gott ſchuldige Rechenſchaft denkt, dies nicht die 
einzige Art der Vortrefflichkeit der ihr nachtrachtet; ſondern die⸗ 
ſer nemliche Geiſt wird auch euer uͤbriges Leben beſtimmen und 
euch nicht minder nach den Vorzuͤgen des Herzens, nach Gerech⸗ 
tigkeit und Liebe trachten lehren. Ob dieſe ณ์ [อ vorhanden find, 
das iſt die einzige ſichere Probe, welche uͤber den Werth den 


eure Talente euch geben entſcheibet; oßme bdiefe Vorzüge des 
Herzens, ohne bie fittliche Geſinnung, welche immer beide über 


einfiimmend bervorbringt, verbient ihr eurer Talente wegen Feine 
Achtung, denn «8 [๒06 gewiß etwas unreines und . บ ทม อั ง ท 069 
. . dabei zum Grunde. 


u Eben ſo wenig kdunen zweitens Vorzuͤge des ต ต นิ 
allein einem Menfchen unfere Liebe gewinnen. Natürlich rede ih 
bier nicht von jener genauen und vertrauten Sreuubfchaft, welche 


in der Vereinigung aller Kräfte, iin bee Eröffnung ber. innerſten 
Geheimniſſe des Herzens befteht, nicht von jener innigen Liebe 


‚welche. den ganzen Weg des Lebens Hand in Hand zu nollenden 
wünfcht. Solche Verbindungen werden in ber Welt überhaupt 
su felten angetroffen, als daß fie hier in Anfehlag gebracht wer: 
den Fönnten; aber gewiß bat. auch überdies noch niemand ge 
glaubt, daß dabei nur auf Talente und Geſchikklichkeiten geſehen 
würde. Hier kommt es auf Uebereinfiimmung der Denkart, au 
Arhnlichkeit der Empfindungen an; und was bie Ausbildung des 
Geiſtes betrifft, ſo ſuchen wir bei dem Freunde unſeres Herzens 
nicht ſowohl eine außerordeutliche. Höhe derſelben, als vielmehr 
eine folche Sleichheit mit ung, daß wir alles vortreffliche an ihm 
verſtehen und ‚genießen koͤnnen, und auch wiederum er nichts 
was ihm wichtig ift an uns vermißt. Es iſt hier nur die Rede 
von dem vorzüglichen Wohlwollen wodurch wir einige Menfchen 
vor andern auszeichnen, von ber herzlichen Zuneigung die uns 


6 
manche wie mit einer zauberifchen Gewalt ablokken, indem ihte 
Gegenwart und ihr ganzes Weſen auf bie Stimmung unſeres 
Gemuͤthes eine entſchieden wohlthaͤtige Wirkung hat. J 
Dieſer Zauber ſcheint allerdings eben in den Borzügen dee 

Geiſtes größtentheils feinen Siz zu haben. Es werben euch bier 
Menfchen aus. dem Kreife eurer Bekanntfchaft ins. Gedaͤchtniß 
fommen, welche fich die Kunft eines angenehmen und „fröhlichen 
Umganges in hohem Grabe zu eigen gemacht haben. Keine Uns 
rerhaltung iſt ungefchifft oder fchläfrig, welche fie anfangen; ร น . 
jeder welche fie bereits finden wiſſen fie einen angenehmen Beis 
trag zu liefern und fie aufs neue zu beleben; Wiz und gufe 
kaune flehen ihnen immer zu Gebot; kurz, two fie erfcheinen, 
flieht die Langeweile, und das anftändige Vergnügen fchlägt fei- 
nen Sig ๑ แก Diefe vorzüglich wuͤnſcht ihr überall zu finden, 
wo ihr von Gefchäften ermattet die Freuden der Gefelligkeit auf: 
fucht; ihr liebt fie, alle lieben fie, welche fich-ihrer angenehmen ว 
Talente erfreuen. Ihr werdet anderer gebenken, die euch durch 

höhere Reize feſſelten. xAlle Gegenden der Welt, alle Gebiete der 
Wiſſenſchaft haben beitragen müflen ihren Berftand zu bereichern, - 
und über alles was fie wiſſen haben fie aud) ein eignes Urtheil; 
ihre Hittheilungen regen neue Gedanken in euch auf, enthüllen, 

euch etwas bisher unbemerkteg, ober. zeigen euch überhaupt bie 
Brgenftände von einer neuen: Seite. . Sie ſind nicht nur unter⸗ 
richtet, ſondern auch klug; fie kennen die Menſchen und das in 
nere ihrer groͤßern und engern Verbindungen; ihr beobachtender 
Geiſt hoͤrt nie auf zu ſammeln und zu vergleichen; uͤberall koͤn⸗ 
nen ſie irgend einen richtigen Aufſchluß geben, und dies alles 
erhoͤht noch der Zauber einer angenehmen und geiſtreichen Rede. 
Nie beſinnt ihr euch von ihnen gegangen zu ſein ohne daß 
ihr um irgend eine nuͤzliche Einſicht reicher geworden waͤret; 

darum fuͤhlt ihr euch immer wieder aufs neue zu ihnen hinge⸗ 
zogen, ihr ſeid ihnen zugethan mit einer dankbaren Anhaͤnglich· 
keit als milden Wohlthaͤtern eures Geiſtes. Ihr werdet noch 

andere zu nennen wiſſen, die euch auf eine ganz eigne Art an 
ſich ziehn / nicht durch die leichte Heiterkeit, nicht durch das um⸗ 
ſtaͤndlich belehrende, ſondern durch. die auserleſene Zeinheit: ihres 
Umganges. Jedes Wort und jede Geberde iſt bei ihnen voll 
Ausdrukk, barum bedürfen fie zu "vielem immer nur ſehr weni⸗ 
ges; in zarten Wendungen und mit ſparſamen Worten wiſſen ſie 
euch zu erkennen zu geben, daß ſte alles gute in euch bemerken 
und daß es ihnen Freude macht; ihre Theilnahme wiſſen fie gu 

aͤußern ohne viel ‚davon m reden, und ſelbſt ihren Tadel wiſſen 


fie von ſich zu geben ohne zu verlegen, ‚alles in den Grensen 
ber Würde und des Anftandes; Anmuth und Wahrheit vereint 
fcheinen jedes ihrer Worte einzugeben und jebe Bewegung ju 


leiten. Das ift mehr als angenehm und unterrichtend, es liegt. 


eine Kraft. darin zum guten anzufeuern; ihr. wollt dieſer Auf 
merkfamfeit und dieſer Theilnahme noch wuͤrdiger werden, ihr 
wollt noch. mehr von dem Lobe verdienen, bag in einem ſo koͤſt⸗ 
Hichen Gefäße. dargereicht wird... Solche gute Beſtrebungen wer 
den durch fie. immer in euch erregt, und wie follten euch nicht 
diejenigen welche fie auf eine-folche Art hervorzurufen wiſſen ald 
die liebenswuͤrdigſten unter ben Menfchen erfcheinen, tie ſollle 
ſich euer Herz nicht mit einem ftarfen Zuge zu ihnen bingemen 
det fühlen! 

So ift e8 allerdings: aber ich bitte euch, ift es denn dad 
gefellige Talent, ift es der ausgeſchmuͤkkte Verſtand, iſt es das 
verfeinerte Betragen allein was fo auf euch wirkt? Nein, ge 
wiß nicht: fondern es ift bie Vereinigung dieſer Vorzuͤge mit 

wohlmeinender "Güte, mit einer «dein Denkungsart und einem 
theilnehmenden Herzen, ohne welche fie ſith kaum denken ได ท ์ (1 
es iſt, daß ich es kurz fage, die Liebe welche mit darin if und 
ohrie ๒ ๕ 6 ๐ alle diefe Vorzuͤge nichts wären als ein leerer Schall 
und auch ‚nichts mehr auf euch wirken würben. Ich mil nicht 
aufmerkſam darauf machen, mie. alle biefe herrlichen. Gaben ſich 
ausnehmen in der Gefelfchaft offenbar fchlechter Eigenſchaften 
des Gemuͤths; ich will nicht fragen, ob ihr den wizigen und am 
genehmen Gefelifchafter auch noch lieben werdet, wenn er ver⸗ 
laͤumderiſch ift und auf Unfrieben ausgebt; ‚ben feinen Weltmann, 

wenn er zweisängig und argliftig ift; den Elugen und. erfahren 
. ‚wenn ihr wißt, daß er alle Schäse feiner Weltkenntniß auf ben 
Wege bes Laſters gefunden hat und ถิ ด ธ์ er fie. jet. wieder aus⸗ 
legt auf Betrug und aus Eigennuz, ihr ณ์ [0 fürchten müßt, daß 
er auch mit«euern unbefangenen Aeußerungen einen (handlichen | 
Mißbrauch. treiber: ich will euch ท น ก zu bedenken ‚geben, wie es 
ſchon alsdann werden wird, wenn biefe. Eöftlichen Vorzüge nicht 
unter dem Schug und ber Aufſicht des wahren Wohlwollens und 
ber aufrichtigen Liebe ſtehen. Ohne biefe bläht das Wiſſen und 
‚alles was dahin gehört auf; es erzeugt. Eigendäntel, Stolgy Um 
luſt ſicho mit ben andern zu vermifchen, und diefes unfelige Wer 
fen macht. den Geiſt fcharf und das Herz Bitter. Ohne Liebe 
, werden eure. teijigen und ‚angenehmen Gefellfchafter bie ſchwaͤ 

chern am Geiſte mit Spott und uebermuth behandeln — und 
wen werden fie denn nicht ſchwaͤcher am Geift. halten? Sie wer 











den ih ein. Geſchaͤft daraus machen ท ด aufzuſuchen, 
und ihr Scherz daruͤber wird keine Spur von Gutmuͤthigkeit und 
Wohlwollen an ſich haben. Wuͤrdet ihr, wenn fie fo waͤren, 
auch wenn ihr nicht fuͤr euch ſelbſt und die welche euch lieb 
ſind zu fuͤrchten haͤttet, fie wohl aufſuchen und lieben? Koͤnntet 
ihr eine reine Freude haben au ihren Talenten? Ohne Liebe wer⸗ 
den eure Eenntnißreichen Freunde euch zwar auch noch belehren 
fönnen, aber es wird nicht an Stolz und Anmaßung fehlen, nicht 
an mancherlei beleidigenden  Yeußerungen bes Bewußtſeins ihrer 
Ueberlegenbeit; bie fchöne Kunft die Lehre lieblich zu machen °) 
werden. fie werabfäumen, weil ſie es nicht der Mühe werth อ ด [ค 
ten würden fie เน verſchwenden. Wuͤrdet ihr auch fo noch eben 
[0 gern euch Raths bei ihnen erholen, oder nicht lieber manches 
nitht willen, als es von ihnen hören zu mäflen? Dbne- Liebe im 


hoͤchſten Sinne des Wortes. werden eure feinen anmuthigen Welts 


leute ihre Aufmerkfamfeit und ihr wohlthuendes Lob auch nicht - 
auf die Vorzüge eures Herzens richten, fondern auf eben jeng 
glänzenden Eigenfchaften welche für fie ſelbſt das hoͤchſte find: 
md fo wird es euch bald fabe erfcheinen, für dasjenige geprie⸗ 
kn zu werben. worauf ihr den menigfien Werth legt. — Frei⸗ 
ไต้ giebt es einen. Fünklichen Schein in unferer Welt, in der fo 
viel Schein iſt, um auch dieſen Mangel der Liebe เน verdekken; 
freilich können viele fich- Zwang anthun, den Eigendünfel unb 
Stolz ihres Herzens nicht hervorbrechen zu laſſen, und ſo werden 
fie denn geliebt ohne daß Liebe in ihnen iſt: aber das kann 
euch nicht irre machen an der Wahrheit meiner Behauptung, es 
iR auch hier der Schein. der Liebe der das Mohlgefallen erzeugt. 
Vielmehr ift dies nur ein neuer Beweis, wie tief es in unferer Na⸗ 
tur liegt, 8 ๑ ธี nur bie Liche geliebt wird: deun wenn biefer Schein 
aufgebefft wird, fo flieht mit dem Irrthum auch bie gemifibrauchte 
Zuneigung. „Aufgebefft wird er nun zwar gewiß früher oder ſpaͤ⸗ 
ter; denn Eeinem, auch dem ausgelernteſten nicht ift es möglich, 
mit einem leeren Schein der Tugend lange unerkannt zu prans 
gen: aber wohl dem der nicht erſt durch: das Ohr fein Herz bes 


ſchmeicheln . โ ด้ ท ี 1 von fo Taltem tönendem Erz, von fo leeren klin. 
senden Schellen! der gleich, ohne ſich blenden zu laſſen von län ล 


imden Eigenfchaften, darauf fieht, wie es mit dem Herzen eines 
Menſchen ſteht, der lieber gleich die Hütte der Freunbichaft baut 
bei der ungeſchmuͤkkten Tugend und der einfachen Redlichkeit: 

พ ‘a 


) Epr. Sal. 15,2 


64 


1. Drittens hat ein Menſch mit ausgezeichneten Talenten 
und ben - größten Bolllommenheiten des Geiſtes, aber ohne 
Acht tugendhafte Gefinnung, nicht einmal für die Gefellichaft ei⸗ 
nen größeren Werth als andere.” Ich will keinesweges läugnen, 
was die Gefchichte aller Zeiten und aller Völker โด น 6 genug be 
zeugt, daß gerabe ſolche Menſchen der Geſellſchaft der ſie ange⸗ 
hoͤrten in den bedraͤngteſten Umſtaͤnden einzelne hoͤchſt wichtige 
Dienſte geleiſtet haben. Ich ſage nur, wenn ihr ſie betrachtet 
wie ſie ſind, ſo werdet ihr in ihnen keinen Grund finden, warum 
fie ‚nicht andern eben fo verderblich werben koͤnnten, als fie ihnen 
nüglich geweſen find; und gewiß wird euch die @efchichte. eben 
fo viele Beifpiele zeigen, bag Menfchen von biefer Art das Un 
gluͤkk ihres -Vaterlandes, ihrer Familie und ihrer Freunde gemacht 
haben. Ich fage ferner, daß, wenn ihr bie Geſellſchaft betrach⸗ 
tet in dem ruhigen Zuſtande in welchem fie ผิ ๕ ) eigentlich im⸗ 
mer befinden follte, ihr gewiß geſtehen werdet, daß Mitglieber 
von mäßigen Gaben, aber von einer fichern und feften Denkungs⸗ 
‚art zu ihrem Wohlergehen mehr beitragen, ald Menichen von 
ausgezeichnetem Geifte, aber ohne: gute Gefinnung. Ich hoffe, 
ihe werdet hierin mit mir übereinffimmen, wenn. ich euch auf 
zwei Punkte werde aufmerkfam gemacht haben. ว Ä 

Der erfte ift dieſes, daß ohne eine fittliche Gefinnung gar 
keine Sicherheit darüber ſtatt findet, ob und wie ausgezeichnete 
Talente und Geiftesgaben in der Welt werben angewendet ter 
den. Wer nicht von dem Triebe feine Pflicht zu erfüllen be 
herefcht wird, wen babei weber bie Noth druͤkkt, noch der Eigen 
nuz fpornt, noch eine heftige Leidenſchaft binausjagt in das Gr 
tümmel der Welt, warum follten für ben die Vollkommenheiten 
. bie er beſizt ein Antrieb fein, der Welt feine Ruhe aufzuopfern? | 
Auf die rähmlichen Anfirengungen feiner frühern Jahre folgt eine 
behagliche Trägheit; Bequemlichkeit und Genuß iſt Das einzige 
was er fucht, und alles gute was er fich erworben hat ver: 
kommt ohne einen weiteren Nuzen als bie Annehmlichkeit die es 
dem engern Kreiſe feiner Freunde gewährt. Ob biefe fo ober 
auf eine minder edle Art unterhalten werben, ob ein angenehmer 
Muͤßiggaͤnger zugleich ein gebildeter und mit Kenntniffen. ausge 
ruͤſteter Mann iſt, das ift der Gefelifchaft fehr gleichgültig, und 
ein getsöhnlicher Menfch ber. räftig feinen Plaz อ แต ก ให ้ 6 muß ihr 
weit ehrenmwerthir fein. — Aber abgefehen von biefen,. wenn 
nun andere mit ihren. natürlichen und erworbenen Vollkommen⸗ 
beiten fich in einen Kreis gefelliger Thaͤtigkeit hineinbegeben: ha 
ben fie Eeine feſte und tugendhafte Denkungsart, fo muͤſſen wir 


gr 


.6 


mehr vor dem Uebel zittern welches fie wahrfcheinlich anrichten 
werden, als auf das gute rechnen welches fie allerdings ausrich⸗ 
ten koͤnnten. Laßt ‚fie fchwach fein, unentfchloffen, ohne -Kraft _ 
felbft etwas gu wollen und zu ‚unternehmen, in weſſen Hände 
werden. fie. fallen? wer wird fich ihrer zum Werkzeuge bebies 
nen Tonnen? offenbar diejenigen bie ihnen ſchmeicheln, . die 
in Kleinigkeiten unbedingt ihren Wünfchen dienen. Und ter 
läßt fich gu. dieſen Kleinen Künften herab? nur bie welche mit 
dem gemeinen Wohl im Kriege find und immer eigennuͤzige oder 
kräfliche Abfichten durchzufegen haben. Iſt es nicht ein bloßer 
Zufall, wenn es fich einmal anders trifft? und wäre es nicht befs 
fer, wenn jene gefährlichen Mitglieder der Gefellfchaft Feine fo 
vortrefflichen und sierlichen Werkzeuge. finden? kann der wohl 
der Gefellfchaft werth fein, ber böchft wahrſcheinlich nur ein 
brauchbares Mittel in der Hand ihrer Zeinde wird? und er kann 
6 werben, worauf auch Diefe ausgehen mögen: denn alle Talente 
find eben fo brauchbar zum böfen als zum guten. Weberrebungss 
kunſt kann die Dhren der mächtigen ber Weisheit geneigt mas 
en und die Gemuͤther befänftigen, die von Leibenfchaften zerriſ⸗ 
[ find aber fie kann auch das böfe ‚befchönigen, der guten 
Sache ihre Eräftigften Stügen rauben ‚und das. Feuer der Zwie⸗ 
tracht anfachen. Klugheit kann manches Hinderniß des guten 
aus dem Wege räumen, aber auch das böfe fchneller zur Keife 
fördern; Gewandtheit und Leichtigkeit. in Geſchaͤften kann gute An- 
ordnungen ſchnell in Gang bringen, aber auch ſchlechten Men⸗ 
(hen zu einer Unentbehrlichkeit verhelfen, bie ihnen Nachficht 
verichafft bei DBergehungen und Ungerechtigkeiten. Laßt nun fo 
begabte Menſchen von Eigennug oder von Ehrfucht und andern hefti⸗ 
gen Keidenfchaften regiert werden: fo werben. wir cher des Ge 
gend ficher fein Eönnen den Sturmwinde und Erdbeben unfern. _ 
Feldern und Wohnungen bringen, als bes guten welches dieſe 
in der menschlichen Gefellfchaft fliften werden. Was foll ich erſt 
Deipiele anführen, da ihr nur die Augen auffchlagen duͤrft um 
Pe leider แน zahlreich auf allen Geiten gu finden im großen und 
im Heinen. Hätten ale menfchliche Verbindungen eine folche 
Einrichtung, daß nothwendigerweiſe fchon der Eigennuz alle ihre - - 
Ditglieder antreiben müßte, das gemeinfchaftliche Wohl gu befdr- _ 
dern und daß dagegen bie Uebertretung der Geſeze keinem einen 
Vottheil gewähren könnte, daß für Feine Leibenfchaft eine Befrie⸗ 
ร 8 möglich waͤre außer in ben Grängen bed erlaubten und 
durch Handlungen welche den gemeinfchaftlichen Enbzwekk ber - 
Geſellſchaft befördern: dann möchtet ihr. fagen, daß Talente für. 


จ ง 


66 


| ſich einen ſichern Werth fuͤr die Geſellſchaft haͤtten und daß von 


ihnen auch ohne Tugend keine Gefahr zu beſorgen waͤre. 


Der zweite iſt dieſes, daß, wenn auch Menſchen von vielen | 
Gelſtesgaben:aber ohne ächte Tugend, 68 gefchehe nun aus weh 


cher Urfache es wolle, nichts boͤſes fliften, fo hat doch auch das 
gute welches ſie ausrichten weniger Werth, weil ihm der Geiſt 
der Ordnung und des Gehorſams fehlt, der es zugleich zu einem 
nachahmungswuͤrdigen Beiſpiel macht. Ich will nicht ſagen, daß 
dies nothwendig und immer der Fall ſein wird, aber es iſt, wie 
die allgemeine Erfahrung zeigt, etwas ſehr natuͤrliches und ge⸗ 
woͤhnliches. Mit jeder ausgezeichneten Vollkommenheit pflegt, 
wenn fie in einem ſelbſtſuͤchtigen, an höhere Geſeze ſich nicht frei: 


willig bindenden Gemüthe wohnt, ein gewiſſer Eigenfian- in. der 


Ausuͤbung verbunden zu fein. Man glaubt: fo leicht, was nicht 
alle Menfchen leiſten koͤnnen bürfe man auch von dem der (8 


leiften kann nicht zu jeder Zeit fordern; man glaubt, je außeror⸗ 


dentlicher Die Talente und die Gefchifklichkeiten eines Menfchen 
find, um อ ค โอ weniger habe er fie im feiner Gewalt und man 


- - Eonme alfo nächt verlangen, daß fie ihm gerade dann zu Gebote 


ſtehen follen, wenn. es. der Gefellfchaft am wuͤnſchenswertheſten 
iſt, oder wenn ihre. Ordnung es erfodert. So entfchuldigt jeder 


‚eingelne dieſer Art ſich ſelbſt, ſo jeden auch andere; fo wird ihm 


vergönnt zu unterlaffen was er thun follte, hie und da ſchlechter 


| 


zu machen was er beffer machen Eönnte. Mag dann auch diefed 
‚fchlechtere noch befier fein als viele andere es gemacht hätten, 
weit mehr als diefer Vortheil geht dennoch verloren dadurch daß 


ein verderbliches Beiſpiel gegeben wird. Habt immer weniger 
Talente, aber habt jene Selbſtbeherrſchung, nach welcher nur ein 
wahrhaft rechtſchaffner Sim trachtet: fo wird der Geſellſchaft 
weit mehr mit euch geholfen fein. — Ye mehr ſich ein Menſch 
von ausgezeichnetem Verſtande mit einem Gefchäft einlaͤßt, wo⸗ 
über, weil mehrere Menfchen darin zu gemeinfchaftlicher Thätig- 
keit vereinigt find, Ordnungen. verfaßt und Gefege gegeben wer: 
ben mußten, befto deutlicher ficht er die Unvollkommenheit diefer 
Ordnungen und Gefeze ein Der rechtfchaffne, dem alles was 
diefen Namen führe heilig ift, wird fie dennoch nie verlezen; 
wen aber biefer Sinn fehlt, wer mehr Werth auf dasjenige fest 
was geichieht, als auf Die Art wie «8 gethan wird: wo follte bet 
- ein Unrecht darin finden, wenn er um, mie er meint, das ge 
meine Wohl zu befördern Geſeze verlezt, die doch nur zu jenem 
Zwef gegeben fein können? Solche Handlungen find dann bie 
gefährlichen Geſchenke welche die Welt von Talenten ohne Tu 


67 


gend empfängt! 0 fie ſollte fie nicht anrühren, denn fle find jener 
Frucht gleich durch welche fich ber Same bes böfen über bag 
menichliche Gefchlecht verbreitet hat. Nein, Ordnungsliebe, Ge: 
horſam, Selbfiwerläugnung, dag ift überall in der Gefellfchaft dag 
erfte; und wo biefe Eigenfchaften. nicht walten, da find bie Föft: 
lihen Gaben des Geiftes nur ein leerer Schall, ‚nicht ein leerer, 
fondern ein folcher, der die Nähe eines gefährlichen Feindes ei⸗ 
nes drohenden Ungluͤkks verkuͤndigt. 

Inm Namen der Religion alſo und des Gewiſſens fordere 
ich euch auf, dieſe ſo offenbar dem Sinn der Schrift und dem 
Geiſte des Chriſtenthums angemeſſene Denkart zu der eurigen zu 
machen! im Namen der Geſellſchaft und der guten Sache for⸗ 
dere ich euch auf, ſie bei jeder Gelegenheit ſo ſtark zu aͤußern 
als euch möglich iſt. Seid ihr fo gluͤkklich auf Menſchen von 
ausgezeichnetem Geiſte zu treffen, deren Sinn und Denkart zu⸗ 
gleich den Forderungen entſpricht welche wir an einander machen: 
ſo werdet nicht muͤde auf jede Weiſe zu bezeugen, daß es nur 
ihre rechtſchaffene Geſinnung iſt welche ihr achtet, nur ihr wohl⸗ 
wollendes Herz welches ihr liebt, und daß ohne dieſes eure Be⸗ 
wunderung und euer Wohlgefallen von ganz anderer Art ſein 
wuͤrden. Habt ihr mit Menſchen zu thun, denen es bei einer 
(eltenen Ausbildung des Geiftes, bei ungewöhnlichen: Einfichten 
und Gefchifklichkeiten an dieſem vornehmften Stüffe fehle: fo ſtellt 
dicht neben ihnen bie fehlichte und einfältige Nechtfchaffenheit auf 
als den Gegenftand eurer Achtung; zeigt ihnen und ber Welt, wie 
nur ein liebreiches, gefuͤhlvolles, der Tugend gehorſames Gemuͤth 
eure herzliche Liebe gewinnen kann, und beweiſet durch euer gan⸗ 
zes Leben, daß die Liebe wie ſie ber Apoftel befchreibt bag erſte 
iſt dem ihr nachtrachtet | 


€ 2 


58 


mögen fie hoͤchſtens nur das Gebächtniß bereichern mit einem Bor- 
rath der bei. jedem andern beffer aufbewahrt wäre. Aber aller 
Fleiß : würde doch auch nichts helfen ohne Unterricht, und alle 
Luſt nichts ohne Gelegenheit und Muße. Hattet ihr nicht nöthig 


eure Zeit Gefchäften zu mwibmen, bie ben Geift mehr herabziehn 


als erheben; befaßt ihr Vermögen und Verbindungen um bie 
noͤthigen Huͤlfsmittel herbeizuſchaffen; war es euch vergoͤnnt mit 

kenntnißreichen und vorzuͤglichen Menſchen umzugehn und ihr 
habt euch nun Geſchikklichkeiten und Kenntnifſe erworben und 
euern Geiſt ausgebildet: ſo erwartet nicht, daß ich euch dafuͤr in 
dem Maaße achten ſoll, als etwa dieſe Vorzuͤge an ſich, oder 
der Grad der Vollkommenheit in dem ihr ſie euch zu eigen ge⸗ 
macht habt, ſelten ſind, ſondern nur in dem Maaß, als die An⸗ 
ſtrengung und der Eifer ausgezeichnet ſind die ihr dabei bewie⸗ 
ſen habt. Es waͤre unbillig, wenn ich nicht mehr Werth auf 
euch legen wollte als auf den, welcher gleiche Vortheile mit uch 


genoß und ſich doch nicht gleiche Vorzuͤge erwarb, ſondern in 
niedriger Sinnlichkeit lebte oder ſorglos feine Zeit mit Kleinigkei⸗ 
ten verbarb: aber es. wäre noch unbilliger, wenn ich euch höher 


fchägen wollte als den, dem es an gleicher Luft und gleichem Eifer. 


nicht fehlte, den aber ein minder günftiges Geſchikk in eine andere 


Gegend der Gefellfchaft verwies, wo er. Die Schaͤze der Erkennt⸗ 
niß nicht erreichen kann. Erwirbt ſich dieſer in einem eben ſo 


ausgezeichneten Grade die Geſchikklichkeiten die zu feinem Beruf 


gehoͤren; benuzt er die Erfahrungen und Beobachtungen die er 
anſtellen kann, um ſein Urtheil uͤber alles was in ſeinen Ge⸗ 
ſichtskreis kommt zu berichtigen: ſo iſt er mir vollkommen eben 
ſo lieb als ihr, weil er, wenn auch weniger erlangt, doch eben 


ſoviel gethan hat als ihr. Ja ich will noch mehr ſagen; ehe 
ich etwas naͤheres von euch weiß und zu einem gruͤndlichen Ur⸗ 
theile berechtigt bin, werde ich eher geneigt fein, ihm für ſeinen 
wohlangewendeten wenn gleich -unbereicherten Berftand, für feine 


eingefchränften - Talente und feine einfache ungekünftelte Lebens⸗ 


weisheit meine Achtung zu fchenken, als euch für- eure Gewandt⸗ 


heit und euern Scharffinn, eure Wiffenfchaften und eure Bele⸗ 
fenheit, weil ich bei ihm nicht fo leicht falfche Bewegungsgruͤnde 
vorausſezen kann als bei euch. 


Denn daß dieſe entfernt ſein muͤſſen iſt das zweite, was 


unumgaͤnglich erfordert wird, wenn ihr euerer Geiſtesvorzuͤge 


wegen irgend einen Anſpruch auf Achtung machen wollt. Thaͤ 
tigkeit allein, wie angeftrengt und ausdauernd fie .auch fein mayı 


giebt dem Menfchen feinen befimmten Werth; diefer. hängt Iebig- 


terlandes vereinigen, der es einficht und fühlt, daß alle Vorzüge 
und alle Segnungen deren wir ung als ein hriftliches Volk er⸗ 
freuen, wie fehr fie auch die Früchte umferer eigenen Thaten fein 
mögen, dennoch Segnungen von Gott find, daß auch hierin alles 
Gedeihen von ihm kommt und wir ohne ihn nichts vermögen. - 
0 es iſt nothivendig uns hieran bisweilen ausbrüflich gu erin⸗ 
nem, um ung in biefe ber Schwachheit des Menfchen fo fehr 
gesiemende Stimmung zu verſezen. Wir genießen unzaͤhliges gute, 
und unmittelbar Fommt 68 uns alles durch Menfchenbände und 
Denfhenhülfe; ต ่ อ น 6 Anftengung und fremde Thätigkeit, Taufch 
und Vereinigung der Kräfte, Verſtand und guter Wille, das ſind 
allemal die Quellen auf welche unfer Nachdenken uns zunaͤchſt 
hinweiſet. Bleiben wir bei dieſen allein ſtehen: fo uͤberheben wir 
uns nur gar zu bald, menſchlichen Kräften allein vertrauend und 
menſchliche Weisheit‘ allein ſtolz verehrend; und. uͤberheben wir 
ung, fo find wir auch dein Verderben nahe, deun ber. Herr "wis 
berficht den hoffärtigen, und nur den bdemüthigen „giebt er 
Önade *). Erkennen wir aber wie wenig es iſt um unfere Stärfe 
und Kraft und wie unzählige Hülfgmittel ihm zu ‚Gebote fies 
hen um uns zu ſchanden zu machen: fo twerden wir ung vor 
ſeiner Allmacht niedermwerfen, um fie voller Ergebung anzuflehen. 
Erkennen wir wie kurzſichtig uuſer Verſtand und wie kindiſch 
unſere Weisheit iſt: ſo werden wir vertrauungsvoll der ſeinigen 
alles anheimftellen. Möge dies durch bie folgende Betrachtung 
‚in ung allen bewirkt werben. | 


จ ๕ Hiob 42, t—3. 


End Hiob antiwortete dem Heren und fprach: Ich 
erkenne, daß du alles vermagſt, und kein Gedanke iſt 
dir verborgen. Es iſt ein unbeſonnener Mann der feis - 

nen Rath meint u verbergen. Darum bekenne ich, daß 
ich habe unweislich geredet, das mir zu hoch iſt und ich 


nicht verſtehe. 


Mit einem ſolchen Bekenntniß endigt ſich dieſes merkwuͤr⸗ 
dige Buch, worin das kluͤgelnde Beſtreben des menſchlichen Ver⸗ 
ſtandes in das göttliche Weſen einzubringen und เน beſtimmen 
was demſelben gezieme in ſeiner mannigfaltigen Geſchaͤftigkei, 
aber auch in ſeiner 06 dargeſtellt wird · Unſer gemeinſchaftli⸗ 


ng 


IR Peer. 55 . 








70 


ches: thaͤtiges Leben, bie Art. wie wir barin gemöhnlich ohne auf 
Gott zu fehn und feiner zu gedenken unſere Kräfte gebrauchen, 


und zwar erftlich vor feiner Allmacht, jweiteng vor feine 


unfere Abfichten anlegen, berechnen und ausführen ift ein, eben 


foreitleg und. weit frevelhafteres Emporfireben. Nicht nur der 


Verſtaud überhebt fih dabei umd bilder fich ein. die Tiefen der 


Gottheit zu. ergründen, ohne auf fie zu fehen, fonbern auch das 
übermüthige Herz erhebt fih um das göttliche Weſen gu „erreichen, | 
ohne fich an daffelbe zu ‚halten. Der bethörte Vorwiz laͤſſet ſich 
duͤnken, ber Rathſchluß Gottes Liege innerhalb: Der Grenzen 
menſchlicher Kräfte und durch diefe allein Eönne und muͤſſe er 
j ausgeführt werden. Diefen Vorwiz wollen wir jest unterbrechen; 
. um unferer Ihätigkeit jedes bochfahrende Wefen zu benehmen ว 
. und die Segnungen ber Veſcheidenheit Aber ung zu bringen, tool: 


len wir ung . 


gemeinſchaftlich vor. Gott bemuthigen, | 


Weisheit und drittens vor feiner Gerechtigkeit. | 





| I. Wir wollen zuerſt uns demuͤthigen vor der Alimaqht 
Gottes, damit wir unſere Ohnmacht erkennen und aufhören md: 
gen- ung zw überheben unferer Gewalt über die finnlihe und 


unferer Wirkfamfeit in der geiftigen Welt. 


Wir wandeln täglich unter den erhabenſten Wundern der 
- göttlichen Allmacht, ohne über jene zu erſtaunen und dieſe auf 
- die Art wie es ſich gebührte anzubeten. Die Erde melche mir 


bewohnen ſteht im Bufammenhange mit allen den unzähligen 


MWeltkörpern, von denen unfer Auge: wohl nur den Eleinften Theil 
wahrnimmt; von einigen derfelben ‚wird fie befonders regiert, und ง 
alles was fie und gewährt, das Eleinfte wie das größte, hängt 
- ab ย อ ก diefer Verbindung. Wir kennen nun endlich die Geſeze 


- derfelben; auf Jahrhunderte hinaus berechnen wir vorher, wann 


Some und Mond jedem Punkt der Erde aufgehn und verſchwin⸗ 


‚ ben und mie in jeder Stunde der Nacht das. prachtvolle Str 
nenheer erfcheint, Über wenn wir auch mit. Recht ] nicht merr 


vor jeder feltenen Erfeheinung. ald vor einem Vorzeichen des bal- 
digen Umſturzes der Natur erzitteen: giebt und dieſe Kenntniß 





ein Recht von Jahrhunderten und Jahrtauſenden der Zukunft zu 


reden als von einem ſichern Eigenthum des menſchlichen Ge⸗ 


ſchlechts? verſtehen wir denn jene Geſeze? koͤnnen wir fie auf 


vecht halten? konnen wir fie beugen, wenn gerade ihr fernfter und | 


71 - 


größter Zufammenhang an den unfere Wiffenfchaft nie hinreichen 
wird bie Zerfiörung der Erbe herbeiführt? Der bie Himmel gu: 
ſammenrollt wie ein Gewand und Sonnen und Erden vor fich 
hinwirft wie ‚Staub, der allein -ift der Herr. Auch die Welten 
hat er nicht für die Ewigkeit gemacht, fich gleich, fondern fie 
fommen und vergehen; es gab. für jebe einzelne eine Zeit wo fie 
แอ ล ด์) nicht war, und 68 kommt eine wo ihre Stätte nicht mehr 
gefunden wird. Wie fern auch der Tag der Zerfiörung unferer 
Erde noch fein mag: er wird doch auf ihr Menfchen finden tie 
wir find, eben tie wir befchäftigt mit ‚Augfichten und Hoffnun⸗ 
gen auf eine lange Zukunft. — -So wenig Gewalt ung verlie⸗ 
hen ift Aber den Körper den das ganze menfchliche. Gefchlecht 
bewohnt, eben fo wenig Macht haben wir auch über das kuͤnſt⸗ 
liche und zerbrechliche Gefäß, worin das Leben eines jeden ein: 
jelnen aufbewahrt wird. Wir kennen endlich, es ift wahr, feine 
verfchiedenen Theile und ihre Verrichtungen, wenigſtens beſſer als 
bie deren Leichname unfere Väter Ichrbegierig burchfuchten, aber 
fünnen wir jedem gebieten, daß ex. feine Pflicht thue? kaun un⸗ 
fere Kunft nachahmen, was in ihnen (bereitet wird? - Die Erfah: 
rung fo vieler :Gefchlechter Hat ung mit manchen Mitteln be: 
kannt gemacht um Krankheit und Schmerz abzuwehren: aber 
เ ผ น น auch dem Tode dies und jenes Thor gänzlich verſchloſſen 
wäre, hat er nicht unendlich. viele der. bunfeln und geheimen ธิ น 6 
gänge, die bis auf den Festen Schrise unferm. Auge verborgen 
bleiben? koͤnnen wir unfere Haut dem ‚Einfluß giftigen Beruͤh⸗ 
tungen verfehliegen? kennt irgend jemand den Augenblift wo . 
einer von den edelften Theilen feines Körpers: ben: Samey de . 
Todes empfängt? verkündigt ung nicht das ploͤzliche Hinſterben 
ſowohl als Die unerwartete Geneſung täglich ſpottend genug, daß 
noch kein ſterblicher eingedrungen iſt in die geheime Werkſtaͤtte 
des Lebens? Der Schwaͤchling den wir ſchon zum naͤchſten 
Raube des Todes gezeichnet hielten, ber ungluͤkkliche deſſen taͤg⸗ 
liches Geſchaͤft feine Geſundheit untergraben zu wuͤſſen ſcheint, 
der Wuͤſtling der da handelt als koͤnne er nicht genug eiben ben 
lezten Tropfen aus der Duelle des Lebens zu vergießen, und bie 
dennoch das fernſte Ziel der irbifahen Tage erreichen; ber ſtarke 
der den Schmerz แอ ล ์ ) . nie erfannt bat, ber vorfichtige ber fein 
keben bewahrt wie Glas, und bie dennoch unvermuthet dahin 
ſinken: dieſe alle rufen uns zu, daß menfchliche Kraft nichts ift 
und daß der Verborgene allein Macht bat ‚uber unfere Tage. 
Wenn unfer Leben einem verlöfchenden Funken gleich ift, facht 
er es an, daß es noch lange währt; wenn es am hellſten brennt, _ 


. ๑ ่ . - จ 
- ห ล อ้ เณ ฑ = . 


7 


ม 


loͤſcht ค es and wie ein Licht, und niemand weiß ย อ ก mannen 


‚ ber vergehrende- Othem gekommen iſt. Darum gehe Feiner bin 
als ob er das Leben gekauft hätte, und Feiner rede vom morgen 
den Tage als ob er ihm angehoͤre. — Wie ſehr wir auch und 
ſelbſt ein Geheimniß find, wir duͤnken uns doch Herren ber Erde, . 
. Erben alles guten was die Noth voriger Zeiten hervorgebracht 

bat; verbruͤbert zur Genoffenfchaft wohlthätiger Entdeffungen mit 


allen geſitteten Völkern, noc näher verbrüdert unter einander 
zur thätigften Hilfe alle Mitglieder eines Volkes: fo bient jet 


den Menſchen vieles was ihnen fonft hartnäkfig widerftand, und 
manche Furcht ift verfchwunden aus ihrem Gemüth. Die Erde 


läßt fich befruchten durch unfere Arbeit, die Flamme bes Him⸗ 


meels gleitet unfchädlich ล 6 von unfern Wohnungen, feine Flu⸗ 
ten ergießen fich nachgiebig in die Kanaͤle die wir ihnen anwei⸗ 
fen; dag Meer Iadet ung gaftfreundlich -ein, und felbft den höhern 
Gegenden. der Luft, fängt der Menfch an ſich zu vertrauen: aber 
mit bem allen vermögen ‚wir nicht die ‚Begebenheiten eines 


einzigen Tages zu ordnen, oder dag Gelingen eines einzigen Un 


ternehmeng zu fichern.  Unfere Unwiſſenheit und. bie. Abhängigkeit | 
in welche fie uns verfezt iſt noch ungleich größer- als unfere Ein 
ſicht und unfere Macht; und was wir auch beherrfchen von den 


Kräften -ber Natur, daB Uebermaaß mit welchem fie ung oft 


erdrüffen, die Leichtigkeit mit. ber fie bei den Eleinften Verſehen 


wieder Herren über ung werden zeigt uns, daß: fie nur dem Ab 
mächtigen, nicht ung folgfame Werkzeuge find. Noch begräbt der 


Sturm den Schiffer im bie Tiefe des Meeres; noch durchbricht 


das MWaffer unfere ſchwachen Dämme, wenn. der Herr ihm gebie⸗ 
tet, Weiter, weiter mit deiner verderblichen Flut; noch lekken die 
bie gierigen Flammen die muͤhſam gewonnenen Vorräthe eines 
Jahres in wenigen Stunden auf. Ja noch muͤſſen wir alle aus⸗ 
rufen, Here, unſer Leben, unfere Hoffnungen, unſere Werke fi ind | 


nicht8, wenn du nicht erfchonft und hilfſt. 


Meit mehr aber als durch die angehende Herrſchaft über 


die unbefeelte Natur pflegt der Stolz und zwar der Stolz der 
beffern unter und aufgeregt zu werden durch dag mag auf. bem 
eigenthüämlichen Gebiet des Verftandes und der gefelligen Matut 
des Menfchen von einem Tage zum andern. ausgerichtet wird. 
Schon feit langer Zeit kann die mienfchliche Stimme ſich laut ge 
แน ด vernehmen laffen um über einen.großen Theil des Erdkrei⸗ 
ſes gehört zu werden; iſt nun auf diefe Art eine wichtige Wahr: 
heit reiner ober deutlicher ausgefprochen worden als fon und 





zu manchen bieher verſchloſenen Ohren hindurchgedrungen: ſo find . 


73 


toir raſch zu glauben, ber Irrthum ber vorher herrfchte fei num . 
auf ewig zu Boden geſtrekkt und dag neue Licht werde wie ein heilis 
ge8 Feuer niemals verlöfchen. Seit. langer Zeit find Buͤndniſſe 
gefchloffen für Recht und Ordnung, Thronen und Obrigkeiten 
find aufgerichtet; unb wo man ben Segen bdiefer Einrichtungen 
einträchtig genießt und ruhig darüber nachdenft, da meint ein je 
der, nichts koͤnne biefe ber Drbnung und ber Gerechtigkeit ges 
wibmeten Tempel zertruͤmmern, und von allen Seiten werben bie 
noch rohen und berumfchweifenden Menfchen nach und nach her 
wuffrömen. Uber wie zeigt-fich auch hier nur die Ohnmacht ber 
Menfchen gegen bie Allgewalt ber göttlichen Rathſchluͤſſe! einige . 
Thoren darf der Herr ausrüften gegen bie Weiſen ber Erde: fo 
wird die Stimme der Wahrheit gemißbraucht und verkehrt zu ben 
entgegengefezten Irrthuͤmern; was eine Fakkel fein follte die den 
Weg der Menfchen erleuchtete, „wird ein Brand der ihr Heilig: 
ใ verzehrt. Verwegenen Sinn barf er einigen gemaltigen vers 
leihen: fo ſcheuchen Furcht und Beifpiel die Völker wieder in den 
verlaſſenen Aberglauben zuruͤkk. Die-rohbeften Söhne der Erde 
darf er Herbeirufen um Miffenfchaften und Künfte auszurotten 
und Yinder zu verwuͤſten, die der Siz der Weisheit geweſen was 
ren; einen tollen Gedanken, eine halb wahre Worftellung darf er . 
ausſtreuen in bie Einbildungskraft der Völker: fo lodert das Feuer 
der Empörung und der Zwietracht, und alle Säulen ber Gerech⸗ 
tigkeit und des Verſtandes flürzen ein in dem furchtbaren Brande. 
Rur Er ift es der. hernach wieder ‚Ordnung hervorruft aus ber 
Zerförung, wieder neues und helleres Licht aus der Finſterniß. 
Ja auch die geiftigen Kräfte des Menfchen find nur Schwach; 
heit! die Stimme der Wahrheit verhallt, werin er ed fo will, in 
der nächft umgebenden Luft; das Bild der reinften Tugend wirb 
entſtellt zuruͤkkgeworfen von den Glaͤſern der Berläumbung, und 
die Vertheidiger des Rechts erben gerfirent von der Rotte der 
Voͤſewichter! 

Will ich etwa hieraus zu ſchlaffer Unthaͤtigkeit eine Ermun⸗ 
terung hernehmen? das ſei ferne von mir. Jeder verſtaͤndige 
bene, jeder erweitere in ſeinem Theile die Kenntniß der Natur 
die und zur Herrſchaft über fie hinfuͤhren muß, damit es mehr. 
und mehr von ung wahr werde was gefchrieben ſteht, Cr bat 
ung sum Herrn gemacht über feiner Hände Werke. Alles hat er 
unter unfre Fuͤße gethan.“) Jeder fromme und tugendhafte 
füche mit dem Lichte feines Beiſpiels fo weit umber zu Teuchten 


ing: 


IM 8, 7. 


7A 

“als moͤglich, damit der zweifelhafte ben Weg finde und das 
Lafter in feiner verabfcheuungswärbigen Geftalt erfcheine; jeder, 
nachdenftende und muthige leihe der Wahrheit feine Stimme, 
und wir alle ohne Ausnahme wollen immer enger und feſter 
fchließen den Bund der Treue und des Gehorſams unter heilſame 
Geſeze: aber mit allem was unſere Kraͤfte vermoͤgen wollen wir 
- ung demuͤthigen unter die gewaltige Hand Gottes; und. wenn es 
ung jemals einfiele ung zu vermeflen ,- als ob wir irgend eines 
auch des .leichteften Erfolges ficher wären durch ung” felbit, ſo 
laßt ung bei Zeiten umkehren ‚und mit Hiob ausrufen, Ich m: 
kenne, dag du Alles vermagft! ich befenne, daß- ich unweislich 
geredet habe, was mir zu hoch ift und ich nicht verftehe. 


Ä II. Es wird ung leichter werben ung auf biefe Art dor 
der Allmacht Gottes zu beugen und ruhig einzugeftehen;, daß wit 
ohne ihn nichts thun koͤnnen, wenn mir ung zweitens auch vor 
feiner Weisheit demäthigen und einfehen, daß wir nicht wiſſen 
was gut ift, daß er allein verficht was zu unſerm Frieden dient.. 
Ach habe hiebei nicht nur bie irbifchgefinnten in Gedanken, dit 
in einem nothwendigen Streit mit der göttlichen Weisheit befan- 
gen find, weil fie alles nur auf ihre irdifche Gluͤkkſeligkeit be⸗ 
ziehn und. ihnen gänzlich verborgen iſt, worauf der Hoͤchſte bei 
der Leitung der menſchlichen Dinge fein Augenmerk richtet; nein, 


“auch diejenigen fordere ich zu einem folchen Bekenntniß anf, welche 


das Geheimniß. der göttlichen Regierung durch feine Gnade er— 
kannt haben und wohl wiſſen, daß alles was geſchieht zu 06 

meinfamer NHeiligung dienen fol, . daß altes auf die Förderung 
des Neiches Gottes in der Welt abgefehen iſt. Jene verſtehen, 
“auch nachdem der Erfolg fie belehrt hat, noch nichts ย อ น det 
Weisheit des Herru; und ihr inneres muß erſt verwandelt wer⸗ 
‚den, ehe fie nur im Stande fein ſollen ſich ver derſelben zu de 
müthigen. Erreichen fie das Gluͤkk nicht, wonach ihr Herz trach⸗ 
tet:. fo meinen fie hernach, es möge wohl groͤßeres Ungluͤkk de 
hinter verborgen fein. Können fie den Glanz des Lebens und den 
Gipfel des Ruhms nicht finden: ſo tröften fie ſich, er wuͤrde 
ihnen wohl nur Gefahr und Sorge gebracht haben. Nach wie 
vor verbergen ſich ihren Augen die Abſichten Gottes. Aber auch 
wir die wir dieſe wohl kennen, wenn wir mit Huͤlfe dieſer Er 
kenntniß bie noch unentwikkelten Begebenheiten verzeichnen wollen 
wenn wir berechnen wollen, dies und jenes müffe zu unferem Heil 
oder fuͤr das allgemeine beſte geſchehen: ſo blaͤhen wir uns auf 
in einer lindiſchen Weisheit die vor dem Herrn nicht beſtehet , 








75 
weder wenn er gewährt noch wenn er verfagt. — Noch einige 


Zeit Tang, denkt der eine, möchte er der Ruhe pflegen um fich | 


im ſtillen im guten gu befefligen, che er die ihm angewiefene 
kauſbahn antrete: aber unerwartet ſchnell ſchlaͤgt die Stunde bie 
ihn zu einer angeftrengten und "mannigfaltigen Thaͤtigkeit abruft, . 
welche eine weit. wirkfamere Schule der Tugend für ihn wird 
ald die einfame Betrachlung geweſen wäre. Ein anderer behaup⸗ 
tet ungeduldig, nun fei es Zeit die fchönften Iebendigften Jahre 

des Lebens zu nuͤzen und will fich mit feiner Thatkraft in bie 
Verwirrungen der Welt hineinftürsen: aber die Hand des Hoͤch⸗ 
fen halt ihn gewaltſam zuruͤkk, auf daß an einer verborgenen 
Stelle erft fein brauſender Muth abfchäume und fein twohlmei- 
nender Eifer fi läutern koͤnne. Der eine beſtimmt fich für ei . 
ven großen vielumfaſſenden Beruf: aber der Herr verweiſt ihn in 
eine wenig- glänzende Gegend der Gefellichaft, wo er erft ſpaͤt 
Eigenfchaften und Sehler an fich wahrnimmt die dort feiner Seele 
gefährlich geworden fein würden. " Ein anderer meint im ftillen 
häuslichen Kreife der Welt am meiften แน ้ ง 6 ท zu Eönnen: aber ge 
waltſam wird er durch den Drang der Umſtaͤnde hinausgetrichen 


auf der großen Schauplaz ber Gefelffchaft,. wo fich bald Talente . 


in ihm entwikkeln die ihm unbekannt gewefen waren. Und nicht 
minder wird die Meisheit der Menfchen «auch da zu fchanden, 
wo Gottes Gedanken mit den ihrigen uͤbereinzuſtimmen fcheinen. . 
Vie oft freuen wir ung nicht, erreicht zu haben was wir ung 
als gut -und heilſam vorgeftellt hatten: aber nur um bald mit _ 
Beſchaͤmung zu. bemerken, wie durch denfelden Erfolg ganz andere. 
Abſichten gefördert und. ganz andere Zuftände herbeigeführt wer⸗ 
den. Wir glauben durch irgend ein Ereigniß Verfuchungen zu 
entfliehen denen wir am minbeften gervachfen zu fein fürchten 
und fehen uns durch daffelbe Mittel mitten unter fie. verfegt, wo 
wir fie am wenigſten vermuthen, um im Kampfe mit ihnen unfre 
Tugend zu ſtaͤhlen. Wir erlangen wovon wir Sreude zu erndten 
bofften, und es wird ung eine Duelle harter Trübfale. Wir kom⸗ 
men dahin wo wir gutes zu ſtiften rechneten, und finden uns 
von Hinderniſſen umgeben und unſere Kraͤfte gelaͤhmt und gebun⸗ 
den. So muß ſich uͤberall wundern und beſchaͤmt da ſtehen wer 
ſich weiſe duͤnkte; und jeder muß oft genug bekennen, daß er ge⸗ 
redet hat was er nicht verſteht. 

Um uns aber recht aufrichtig und recht ernſtlich zu demuͤ⸗ 
thigen vor der Weisheit Gottes, ſo ſehet darauf, was wir von 
Gott zu vermuthen und zu fordern pflegen, wenn wir mit unſerm 
klͤgelnden. Verſtande die Ereignifle auf dem großen Schauplaz 


76 


ber Welt betrachten. Hier druͤkkt ans alle berfelbe Fehler; kun: 
fichtig wie wir find und als Theilhaber und Zufchauer auf einen. 
engen Zeitraum eingefchränft, verlangen wir, daß alles unaufhalt 
fam und fichtbar ſich vorwärts bewegen foll, als ob die Menfd- 
heit vor unfern Augen das Ziel ihrer Laufbahn erreichen müffe, 
und lernen nicht, wie oft wir ed auch vor ung -fehen, tie deut 
lich auch bie Gefchichte vergangener Zeiten es ung zurufe; wir 
lernen doch nicht, daß es ein Fortſchreiten giebt, welches gar 
leicht als Stillſtand oder Ruͤkkgang erſcheinen kann; immer auf 
dem kuͤrzeſten Wege wollen wir jede Verwirrung gehoben, jeden 
Mißton aufgeloͤſet und das Wort eines jeden Raͤthſels bekannt 
gemacht wiffen. Daß wir auf dieſe Art eine Welt begehren, nicht 
wo alles auf eine bewundernswuͤrdige Weiſe in einander ‚greife 
und fich dem vollfommenften und beften nähere, fondern wo mut 
auf Koften des ganzen ein jedes einzelne für fich ร ู น jeder Zeit 
auf eine gewiffe Art verfiändlich und in Ordnung if, das fällt 
und Faum in den feltenen Augenbliffen ein, wo wir bemerken, 


wie fih nun allmählig manche Näthfel der Vorwelt löfen und 


die Verwirtungen über welche laͤngſt vergangene Geſchlechter ſich 
beklagten ſich vor unſern Augen entwikkeln; immer meinen wir 
unſern kleinlichen Rath zu verbergen und reden unweiſe was 
uns zu hoch iſt. | 
Wohin aber fol dieſe Demüthigung unter bie Weisheit 
Gottes endigen? follen - wir etwa den. Ereigniffen in ber Welt 
mit ftumpfer. Gleichgültigkeit zufchen? ſollen wir ung. aller de 
trachtungen über den Zufammenhang und Ausgang der Begeben— 
heiten enthalten? Das fei ferne, daß wir das Vorrecht nach⸗ 
denkende Zufchauer der. göttlichen Führungen. zu fein augen) 
wollten: aber laßt ung dieſes Nachdenken fo einrichten, daß es 
weniger vergeblich fei und dag wir nicht nöthig haben ung deſ⸗ 
fen zu fchämen.  Schränft euern Vorwiz ein und zuͤgelt eure Ein⸗ 
- bildungskraft welche immer in der Zukunft. umherfchmeift! euer 
- Sinnen darüber wie dieſes ber göttlichen. Weisheit gemäß enden 
. und was nun folgen müffe, nachdem jenes gefchehen ift, dieſes 
iſt etwas vergebliches, denn ihr führe ja doch die Begebenheiten 
wicht herbei; es iſt etwas anmaßendes, denn es greift ein in das⸗ 
‚jenige was der Höchfte fich allein’ vorbehalten hat; es iſt etwas 
Eranfhaftes, denn es fchmälert eure Zeit. und verkuͤmmert die Ruhe 
eures Gemuͤthes. Richtet euer Nachdenken lieber darauf, das 
gegenwaͤrtige zu verſtehen · Denn. dies iſt euch eigentlich zur Dr 
trachtung gegeben. Macht euch keine unnuͤzen Entwuͤrfe darüber 
was fuͤr ฯ @ ſelbſt in dicſer und jener Beziehung Has heilſamſte 





17 

ſein wurde: ſondern ſucht lieber in demjenigen. mas euch wirklich 
begegnet den Willen Gottes zu entdekken und was er ſchikkt 
ſeiner Abſicht gemaͤß anzuwenden. Auf dieſe Weiſe benuzt eure 
Erfahrungen und erwartet uͤber dasjenige was euch neugierig 
oder verlegen macht gelaſſen die Auskunft, welche die Folgezeit 
unfehlbar mitbringen wird: dann werdet ihr ungeſtoͤrter eure 
Michten erfüllen und euch nicht fo oft an das nie ganz vor⸗ 
wurfsfreie Wort erinnern dürfen, Meine Gedanken find nicht eure 
Gedanken und meine Wege find nicht eure - Wege. 


I. Laßt ung drittens ehrfurchtsvol und dankbar ung des 
müthigen vor ber Gerechtigkeit des Höchften. Gerechtigkeit 
ſolte unfer Stolz fein als eines chriftlichen Volkes. Wären wir 
auch weiter zuruͤkk als alle übrigen Völker in dem Beſiz der 
Herrfchaft welche ber Menſch über die Natur ausüben foll; waͤ⸗ 
ten wir abgelegener als alle von dem großen Zuſammenhange 


aller menfchlichen Begebenheiten und aljo von der Weisheit des 


Hchften noch entfernter und noch mehreren Irrthuͤmern über 
itine Führungen ausgefezt: -gingen wir ihnen nur voran in ber 
Gerechtigkeit, ſo waͤre unſer Ruhm dennoch wohl gegründet, und 


Gott wuͤrde mit Wohlgefallen auf uns. herabſehn. Aber wie voll⸗ 
kommen auch dieſe Tugend unter uns geuͤbt werden moͤge, laßt 
uns dennoch bekennen, daß auch unſere Gerechtigkeit nichts iſt 


vor Gott und daß er allein weiß die Thaten des Menſchen zu 
vergelten und ſeinen Sinn zu wuͤrdigen. 


“ 


! 


Sehet auf die Gerechtigfeit welche unter uns geübt wird 


gen die Menfchen nach dem fie gehandelt haben, wie unvoll⸗ 


Rändig fie, ift und wie mangelhaft fie noch in biefer Unvolftäne 
digkeit dargereicht. wird. Sie fol durch empfindliche Folgen den 1 


Menſchen zurükfhalten von bem böfen welches der Gefellfchaft 
nachtheilig ift:- aber wie viel böfes von diefer Art giebt es nicht, 
was fie, um nicht ungerecht zu werden, ganz unvergolten laffen 


muß! Durch Unmäßigkeit und Trägheit, durch Unmwiffenheit und _ 


Inordnung ſchadet jeder einzelne der Geſellſchaft vielleicht chen fo 
[ehr als durch Treulofigkeit und Betrug: iſt er aber ber väterlis 
hen Zucht entwachſen, fo kann er fich in die ausgelaffenfte Sinn⸗ 
Ihfeit hineinſtuͤrzen, kann ohne Freigebigkeit und Edelmuth zu 
kennen alles was er durch die Gun ber Gefellfchaft beſizt nie 


drigen Lüften opfern und, bafern er nur den firengften Pflichten. ' 


des Berufs nachkommt, Zeit und Kraͤfte die ein gemeines Gut 
für ihn und Die Geſellſchaft fein ſollen auf das gewiſſenloſeſte 


vernachläffigen; kein Geſez trifft ihn und keine Strafe ſchrekkt ihn ว 


78 


u auf den Weg ber Ordnung und der Thaͤtigkeit zuruͤkk. Und auch 


die Üebertretungen gegen welche unfere Geſeze gerichtet find, wie 
oft entziehen fie พิณ der Kenntniß ber Obrigkeit; wie oft wiſſen 
fie fich auch entdekkt fchlau zu fchügen Hinter dem Buchftaben ber 
Geſeze, und wie würden Beifpiele dieſer Art gleiche Hoffnung bei 
vielen erwekken und zur verderbfichften Nachfolge reisen, wenn 
wir. ung allein auf unfere Gerechtigkeit verlaffen müßten! Aber 
der Herr :hat auch feinen Thron aufgerichtet zum Gericht und 
. begahlet einem jeglichen mie er es verdient. *) Er fchlägt: den 
trägen mit Armuth und den ausfchweifenden mit Krankheit, und 
dem ber heimlich boͤſes thut bat er mitgegeben die Zurcht, eine 
firenge "Zuchtmeifterin. Es ift wahr, daß es vertwegene giebt 
die auch diefem allen Troz bieten: aber erinnert euch nur, wie 
viele: Menfchen luͤſtern binfchielen nach den Freuden auf denen der 
Fluch der Natur ruht, wie viele Wünfche ihr überall hört, daß 
doch dies und jenes möchte ohne Mühe erworben werben Eünnen; 
erinnert euch, wie allgemein man die Gerichte des Heren erwar: 


0 7 get über den welcher ber menfchlichen Gerechtigkeit entgangen if, 


und ihr werdet es fühlen, wie wirkſam fich die göttliche Gerech⸗ 
tigkeit erweifet gegen alle Arten der Untugend, ihr werdet befchämt 
geftehen muͤſſen, wie wenig auch bie vortrefflichften Geſeze und bie 
wachfamften Hüter‘ derfelben im Stande. fein würden das böfe 
gu zähmen, wenn nicht die Gerichte des Herrn wären und die 
Strafen welche durch den natürlichen Lauf der Dinge und das 
eigne Herz des Menfchen vollzogen werben. | 

Sehet.auf jene höhere Gerechtigkeit welche nicht allein boͤſe 
Handlungen zurüffhulten, fondern den. innern Werth bes Men⸗ 
ſchen wuͤrdigen ſoll, welche nicht allein der Obrigkeit uͤbertragen 
iſt, ſondern nach welcher ein jeder unter uns, aufgefordert durch 
eine nicht zu unterdruͤkkende Stimme in ſeinem innern, Lob oder 


Tadel austheilen, Huͤlfe oder Widerſtand leiſten ſoll, je nachdem 


das Herz der Menſchen zum guten hingeneigt, oder davon abge⸗ 
wendet iſt. Wie oft entgeht nicht der Tugend unſere Aufmunte⸗ 
rung, weil ihr die liebliche Außenſeite fehlt welche am leichteſten 
unſer Urtheil beſticht! wie lange ruht oft die Verlaͤumdung auf 
der Rechtſchaffenheit die unter ſchwierigen Umſtaͤnden die Bewe⸗ 
gungsgruͤnde ihrer Handlungsweiſe nicht enthuͤllen konnte! wie, 
lange erfreut fich oft daß Lafter, welches von der Anmuth einer 
fieblichen Rede und eines feinen Betragens umgeben. und mit 
einem künftlichen Scheine bed Wohlwollens und ber Gerechtigkeit 


ง %*% 9, 18. 


79 


ubertüncht nur die auffallendfien und abfchreffendften Aeußerun⸗ 
gen zu vermeiden weiß, unſerer Billigung und unſerer Liebe! O 
dag fei ein Grund zur herzlichſten Demüthigung und Schaam für 
ung alle, daß wir auch dba oft unweiſe reden” wo wir nicht, uns . 
fere Unwiſſenheit bekennen, fondern mit 3 แนะ ค ฑิ cht weife fein folls 
ten, daß wir auch dag nicht - verfiehen was zu verſtehen unſer 
gemeinfchaftlicher Beruf ift, dag wir fo oft die Schönheit tauber 0. 
Blüten mit Eindifcher Unwiſſenheit anftaunen und, bie große Regel 

vernachläffigen, den Baum an feinen Früchten zu erkennen. °) 
Scht wie auch hier die Gerechtigkeit. Gottes unferer Unvollkom⸗ 
menheit zu Huülfe Fommt. Ich babe gefeben einen goftlofen, der 
war trozig und breitete fich aus und grünte. wie ein Lorbeer ' 
baum. Da man vorüber ging war er dahin. ”*) Endlich Eomme 
oft durch Die wunderbarften Umftände herbeigeführt eine Gele 
genheit, wo das verfteffte böfe- hervorbricht aus dem innern, 
fih in ‚feiner natürlichen Geſtalt der Welt offenbaret und die 
lingftverdiente Schande einerntet. Endlich kommt cine Zeit, wo 
ber Herr felbft die Gerechtigkeit des frommen berfürbringt wie 
ein Licht und fein Necht wie den Mittag, ”“) wo die Tugend in 
ihrem natürlichen Glanze erfcheint und alle falſche Schatten ver: 
ſchwinden welche fie vorher unfenntlich machten. Ja gelobt fei 
der Here ber allein gerecht ift! Wenn er über den tugendhaf⸗ 
ten die Stimme erfchallen läßt, Diefer ift ed an dem ich Wohl⸗ 
gefallen habe, dann nehmen auch wir zurüff den ftrafbaren und 
voreiligen Tadel; wenn er den Webertreter zeichnet, dann erken⸗ 
nen auch wir die verborgene Miffethat. 

Aber die Demüthigung vor der Gerechtigkeit Gottes kann 
am wenigfien ohne Befchämung und Vorwuͤrfe fein. Wir duͤrfen 
nicht mächtig. werden wie er eg iſt; wir Eönnen nicht weiſe fein 
wie er e8 iſt; aber unfere Gerechtigkeit foll mehr und mehr wer: 
ben. wie die feinige ifl. Laßt ung den Geſezen und Ordnungen 
unter benen. wir leben und an bie wir heute mit befonderer Ehr- 
furcht zuruͤkkdenken follen, unſere ganze Unterſtuͤzung verſprechen. 
Kein weichliches Mitleidenſchuͤze ben Uebelthaͤter vor der gerech⸗ 
ten Strafe! keine unverſtaͤndige Sorgloſigkeit waͤhne, daß es ihre 
Angelegenheit nicht ſei das boͤſe aufzudekken; keine empfindſame 
Theilnahme verſuͤße ſolches Leiden, welches nur die verdiente Zuͤch⸗ 
tigung der Suͤnde iſt; und wohin die Geſeze nicht reichen koͤnnen, 





) Matth. 7; 16. 
"ๆ จ 37, 3. 36. 
9 จ 37, 6. 


. . 80 | 

da ergänzge Achtung. und Liche ihre Belohnungen, Zabel und Ge 
ringſchaͤzung ihre Strafen! Laßt uns mehr und mehr lernen in 
das innere der Menſchen hineindringen, daß unter uns keine 
Stimme vom Himmel noͤthig ſei um die ‚guten. und boͤſen zu 


unterſcheiden! und jeber halte es in, feinem Kreife für fein hei 


ligftes Amt, dem Lafter bie trügerifche Larve zu entreißen und 
die verfchämte Tugend in das verdiente Licht zu. fielen: ว ิ ท น ห ง) 


auch wenn wir das befte. gethan haben, wird uns noch, Urfad 


‚genug bleiben, ung เน demuͤthigen vor der Gerechtigkeit des Hoͤch⸗ 
fen. Aber แน ะ in dem Maaß als wir dag unſrige thun wird 
der Segen dieſer Tugend auf ung ruhen; und um hiezu und zu 
allem guten welches wir gemeinſchaftlich auf Erden ſchaffen fol 
len den Beiſtand des Höchften zu erbitten, laßt ung jezt unfere 
Andacht mit Gebet befchließen. 

Heiliger und gerechter, weiſer und allmächtiger Gott! Die 
in Diefem Lande deinen Namen verehren, erfcheinen heute 
vor dir; um gemieinfchaftlich Segen. und. Gnade แน erflchen 
für unfer Vol, Reichlich Haft du uns ſchon gefegnet,. und 
wir preifen dich dafür mit inniger Dankbarkeit. Du haft 
von ung fern gehalten ‚firäfliche Gleichguͤltigkeit gegen gutes 

and böfes. und den frevelhaften Sinn, der des. heiligen 
ſpottet und das Laſter leichtfertig entſchuldiget. Du haſt 
unter ung aufgerichtet Geſeze in denen der ‚Geift der Weis; 
. beit und der Milde lebt. Du haft ung einen gerechten und 
wohlwollenden Beherrſcher gegeben. O laß ihn ferner er 
leuchtet und gefegnet fein-vor dir, unfern thenern und vers 
ehrten König, dag fein Zepter immerdar fei ein Stab der 
| Gerechtigkeit! Gieb ihm überall wo Aufficht nöthig ift un 
. ter einem ſo zahlreichen Volk treue und weiſe Diener, de⸗ 
nen ihre Pflicht und das gemeine Wohl heilig und die auch 
Vorbilder ſeien eines chriſtlichen Wandels dem übrigen Volk! 
Erfuͤlle ung alle mit heiliger Scheu vor dem mas dir 
mißfaͤllig iſt, daß jeder. dem Meiche Gottes‘ und der Gerech⸗ 
tigkeit nachtrachte, und ห น ะ was dahin zielt werde unter. ung 
‚geehrt und geliebt! Du haft nach deiner Gnade unter uns 
ans Licht gebracht. allerlei Weisheit und Erkenntniß, Wiſſen⸗ 
fchaft und Kunft, . daß uns bie Erde und was iu darauf 
erfchaffen haft auf allerlei Weife dient zur Verfchönerung und 
- Erleichterung unferes Lebens. Erhalte ung ferner dabei, daß wir 
auch das erkennen als einen Segen von bir, damit nicht 
unfer Hochmuth komme vor unferm Fall. — Laß ferner Vers 
fand und Thätigkeit fich unter und mehren, dag Feine deis 








81 


ner Wohlthaten vergeblich an แฟ # verſchwendet fei, daß je 
ber das gute willig aufnehme, daß die Noth welche ben 
Menfchen, den du zum Herrn der Erde gemacht haft, ſchaͤn⸗ 


det, inimer mehr verfchwinde, Daß unfer Ruhm und unfer 1 


Wohlergehen wachſe von Tage-zu Tage. Vor allen Dingen 
aber gieb und den Geiſt der wahren Weisheit, daß wir in 
deinen Willen ergeben und auf beine Hulfe hoffend unter 
allen Umſtaͤnden des Lebens, ohne zu zögern und ohne zu’ 
Flügeln, treu bleiben unferer Pflicht unb unferm Beruf; daß 
das unfer erſtes fei, bein Ebenbild in ung auszubilden und 
vollkommen zu werden, wie Du es biſt. Dazu laß unter 
ung Erziehung und Beifpiel, Nachdenken und Belehrung, 
“dazu laß befonderd ben Untericht aus deinem Wort und 
auch die Andacht diefer Stunde überall gefegnet fein. . 


82. | > 





VI. 


Wozu wir denen verpflichtet find die unfern 


Wandel beobachten. 


an 





Das Leben des Menſchen unter Menſchen, fo wie es die Vor: 


fehung ung bereitet hat, erfordert mancherlei fcheinbare Aufopfe⸗ 


rungen, ſcheinbar, weil fie doch nur von demjenigen gemacht wer: 


den was wir ohne dieſes gemeinfchaftliche Leben gar nicht beſizen 


. würden. Daß wir ung auf einen beftimmten Antheil an den Gi 


tern diefer Welt befchränfen follen, um nicht den gegründeten An⸗ 
fprüchen anderer in den Weg zu freten; daß wir mancherlei um 


terlaffen folfen, was bloß deshalb weil noch andere neben une 


vorhanden find Unrecht wird; daß wir mancherlei Mühe und Ar 
beit übernehmen und von, demjenigen felbft mas ung als das 
unſrige zuerkannt ift manches wieder hingeben follen: dazu. wer 


| den wir täglich aufgefordert. Und die Religion fordert ung auf 


dies alle mit willigen Herzen zu Teiften; fie erzeugt ein fehr fie 
ก 8 Gefühl von unfern Pflichten gegen die Gefellfchaft und lehrt 
ung, daß jeder fich ſelbſt nicht mehr einräumen foll, alg er einem 
jeden unter feinen Brüdern eingeräumt mwünfcht. Much wurde 


- diefe vorzuͤgliche Bereitwilligkeit hinzugeben und mitzutheilen von 





Anfang an unter die eigenthämlichen Vorzuͤge der Chriſten ge⸗ 


rechnet. Alles war ihmen gemein; jeder fah auf dag bes andern 
mehr ๑ 18 auf das feinige, und jeder war bereit der Nothdurft 
der andern zu dienen. Aber eben ſo bekannt waren ehedem die 


Chriſten auch dafuͤr, daß ſie ſich unter keiner Bedingung zu ge⸗ 
wiſſen andern Aufopferungen verſtehen wollten, welche die Welt 


oft eben fo dringend verlangt und oft noch höher fchäzt als jene, 


zu folchen nemlich die auf etwas größeres gehen als auf die dw 
Bern Güter welche der Menfch der Gefellſchaft verdankt. So 


ward es unter ihnen für bie größte Schmach gehalten, wenn je⸗ 


| 83: | 
mand ang Menfchenfurcht oder um Menfchengunft willen feinem 


Gewiſſen untreu ward, oder die erfannte Wahrheit deshalb ver: “ 


läugnete weil fie von den Menfchen gehaßt ward; nein, lieber 
ließen fie die ungerechreften Verlaͤumdungen über fich ergehen und 
achteten die Bewahrung ihres Gewiſſens hoͤher als alles gute 
was ſie durch Nachgiebigkeit gegen die Welt wuͤrden erlangt oder 


geſtiftet haben. Man klagt, und vielleicht nicht mit Unrecht, daß 


jene Dienſtfertigkeit unter uns abgenommen bat und daß. man 
anfängt überall, wo die Forderungen der Menfchens und Bruber- 
liche mit dem eigenen Bortheil in Streit kommen, auf den: lesten 
mehr Gewicht zu kegen ale die Lehre bes Erlöfers erlaubt: wa⸗ 
tum klagt man nicht eben fo darüber, daß dieſe Standhaftigkeif 
feltner wird und im Werthe zu, fallen ſcheint? Wahr ift es leis 
der ท น ะ gu fehr. Wie wenige Menfchen giebt es, die um ihrer 
Ueberzeugung treu zu bleiben und .nach ihrem eigenen Gewiſſen 
zu handeln fich auch nur einen geringen Vortheil verfagten, nur 
vorübergehende Unannehmlichkeiten erträgen! und wenn fich ein 
folches Beiſpiel ereignet, wie wundert ſich faſt jedermann, daß 
ein Menſch ſich ſo unnuͤze Noth machen koͤnne! Viele, ſo wie 
ſie den als einen gutmuͤthigen Thoren behandeln dem es natuͤr⸗ 
lich und in der Ordnung ſcheint fuͤr das Wohlbefinden der an⸗ 
dern etwas von ſeinem Beſſerbefinden hinzugeben, ſo behandeln 


ſie den als einen gutmuͤthigen Schwaͤrmer, der nicht das Wohl⸗ 


gefallen der Menſchen mit einem Theile ſeines eignen Wohlgefal⸗ 


lens an ſich ſelbſt erkaufen will. Und wenn er ſich dabei nicht 


bloß KIN und leidend verhaͤlt, ſondern feine Handlungsweiſe, wie 
entgegengeſezt ſie auch der gewoͤhnlichen ſei, offen und frei hin⸗ 
ſtelt, ſeine Ueberzeugung, wie ſehr fie auch) gegen manche Bor; 
urtheile ftreite, Int und unverholen bekennt: ſo fchilt man ihm 
einen uͤbermuͤthigen der die Mückfichten vergefle welche er der Welt, 


der öffentlichen Meinung, dem allgemeinen Urtheil ſchuldig iſt. | 
So mie man eine Pflicht erfunden hat für ſich felbft zu forgen 


in irdiſchen Dingen, um den Pflichten gegen. das gemeine Weſen 
nach Gefallen Abbruch thun zu Fönnen: fo hat man eine Pflicht 


s 


erfonnen fich felbft zu vernachläffigen und aufzuopfern in geiſtli⸗ 


Gen Dingen, feine Uebergeugungen und Einfichten den Meinuns 


gen anderer zu untertwerfen uud preis gu geben, damit man ber | 


Üfligen Tapferkeit überhoben fein und fich bald bie bald dorthin 


heigen Eönne, two es am vortheilhafteften ift. Viel fchönes wird 
um diefes Verfahren gu rechtfertigen gefagt von dem Eigendünkel 


den man unterdrüffen, von der Vefcheidenheit der man fich bes _ 


feifigen, von der menſchlichen Fehlbarkeit an die man glauben 


52 


. 84 7 — 
ſolle und von dem Eingang in das menfchliche Gemuͤth den man 
ผิ ต ์ ) offen halten müfle um auf Menfchen und umter ihnen zu 
wirfen. Das hat großen Schein: für fi und man. Eünnte mes 
nen, es hinge ganz genau mit ben Geſinnungen gufammen, welche 
bie Religion. uns am bringendften empfiehlt. Allein mo fol dieie 
Nachgiebigkeit aufhören, wen man ihr einmal etwas eingeräumt 
"Hat? wo fol die Beharrlichkeit und die Treue gegen ung felbft 
anfangen, die ung doch auch empfohlen’ ift, bie ung nicht einmal 
empfohlen zu twerden bedarf, weil jeber felbft fühlen muß, daß 
es ohne fie feinen wahren menfchlichen Werth geben könne? Es 
iſt hoͤchſt wichtig, dag unfer Herz hierüber gewiß werde, daß wir 
su einer feften Entfcheidung darüber kommen, ob wir in unſern 
Handlungen deshalb, weil Menfchen welche anderer Meinung find 
als, wir fie bemerken und darüber urtheilen werden, irgend etwas 
ändern follen oder nicht.- Ich weiß Feine andere zu geben als die, 
welche in einem allgemein- bekannten Ausfpruch Ehrifti enthalten 
if, Niemand kann zweien Herren dienen. Willſt du ‚dein Gehif: 
fen befriedigen: fo kannſt du nicht zugleich auch die Welt be: 
friedigen, welche dich beurtheilen wird und vielleicht etwas 
anders von dir fordert. Willſt du der Melt gerecht wer 
den: wohlan fo folge ihrer Stimme, wenn du fie vernehmlich 
genug hoͤrſt, und laß beine eigne Einficht Tieber nicht erſt zut 
Sprache kommen. Darum aber, weil die Sache ſich fo verhält 
fol niemand zwei Herren haben, niemand fol Forderungen an 
ſich ſelbſt machen, weiche fich unter einander aufheben. Wer da 

von ausgeht, wovon jeder Ehrift ausgehen muß, daß nur das 
Gott wohlgefällig fei was wir nach unſerer beften Ueberzeugung 
ณ์ 8 Pflicht erkannt und grade fo wie wir es erkannt. auch and 
geführt haben; dag alles Sünde fei mas nicht aus dem Glauben 
kommt: der ſoll fich nicht einbilden, daß es, wenn er die Sache 
aus einem andern Gefichtepunft anficht, wieberum eine andere 
Pflicht gebe, welche ihm gebietet jene Pflicht zu verlegen. Etwas 
werden die Menſchen freilich um dieſes Verhaͤltniſſes willen, daß 
ſie Zeugen und Beurtheiler unſerer Handlungen ſind, von uns 
fordern koͤnnen: aber dieſes iſt gewiß von der Art, das es ſich 
von ſelbſt ergiebt, wenn wir nur die unſerm Gewiſſen ſchuldige 
Treue nicht aus den Augen ſezen. So muß es ſein, weil alle 
Forderungen Gottes an uns mit einander beſtehen und einander 
unterfiögen muͤſſen. Laßt ung das jest erwägen, und möge es 
und .allen zur Befeftigung im guten gereichen. 


85. . 
Text. 1 Petri. 3, 15. 


Seid aber allegeit bereit zur Verantwortung jedermann, 
der Grund fordert ber Hoffnung, die in euch iſt. 


Die Anwendung biefer Worte auf dasjenige was ich als 
den Gegenftand unferer Betrachtung angedeutet babe kann ein 
jeder Teiche machen. Der Fall felb auf welchen fich die Vor; 
ſchrift des Apoſtels unmittelbar bezieht follte gegenwärtig unter 
und gar nicht mehr vorfommen. Damals, in den erſten Zeiten 1 
des Chriſtenthums, mar das Weſen einer wahren und nicht bloß 
äußerlichen Rechtfchaffenheit und einer ungeheuchelten Bruberliebe, 
dann die. Sleichgültigkeit gegen irdifche Dinge, kurz alled mas zu 
einer geiftigen Verehrung Gottes gehört, das waren frembe und 
teltene Gefinuungen; und wer einen andern fo handeln fah mie 
8 bei diefen Gefinnungen natürlich ift, der mußte fich verwun⸗ 
dern, was wohl einen Menfchen. beivegen Eonute, fo gan; von 
der allgemein betretenen Bahn abzugehen. Die Ehrifien wurden 
deshalb ein Gegenſtand befonderer Aufmerffamkeit und Beurtheis 
lung, und es entfland Nachfrage nach dem Grunde ihrer Hoff 
nung. . Jezt, wenn gleich; nur wenige nach deu Grundſaͤtzen des 
Chrifenthums handeln, find wir doch überall von Menfchen um 
geben, denen feine Lehren und Forderungen genau befannt find; 
und wenn fie uns in dem Geifte deſſelben keben fehn, fo findet 
im allgemeinen Keine Nachfrage nach der Urfache unferes. Wan⸗ 
dels fat. Sie wiſſen recht gut daß es unſer Glaube iſt der 
uns leitet, ſie haben auch Kenntniß davon was ſich fuͤr dieſe 
Lehre und dieſen Glauben ſagen läßt, und nur felten if einer 
von denen, welche felbft am weiteſten von der Religion entfernt - 
find, aufrichtig genug gu fragen, wie man einer folchen Denkart 
Kaum geben, wie man fich folchen Gefegen. fügen Eönne. Aber 
im einzelnen denken bie Menfchen nur zu verfchiebeu über das 
was ben Gefesen des Glaubens und der chriftlichen Nechtfehaffen: 
heit angemeffen, über dag was dag mürdigfte und befie if; und 
deshalb muß ihre Aufmerkffamkeit oft Darauf fallen, wie wohl ein⸗ 
seine Geſinnungen und Handlungen eines Meufchen mit ben Grund: . 
ſaͤſen zuſammenſtimmen welche er im allgemeinen für 'die feinis 
gen erkennt. Hier lehrt ung nun der Apoftel, was wir diefer 
auf ung gerichteten Aufmerkfamkeit der Menfchen 
(huldig find. Was er im allgemeinen vorfchreibt, gilt auch 
für alles einzelne; wir foBen bereit fein zur Verantwortung jeber: 
mann. Laßt uns aber diefe Vorſchrift in ihrem ganzen Umfange 
erwaͤgen. Gig ift neinlich nicht etwa nur cin Theil. อ อ ก dem was 


86 - 
ung in diefer Hinficht obliegt, fondern fie enthält alled was von 
uns gefordert werden kann: denn wenn ung das Necht der Mens 
fchen unfere Handlungen zu beobachten und zu beurtheilen noch 
eine andere Pflicht auflegen Eönnte als. diefe, fo koͤnnte es uns 
diieſe felbft nicht auflegen. Das ift e8 wovon ich euch zu über- 

zeugen wünfchte. Laßt ung aljo zuerft fehen, daß dies in ber 
That unfere Pflicht iſt, jedermann bereit zu fein zur Verantwor⸗ 
tung, zweitens aber, daß wir dariiber hinaus ber Aufmerkfam- 
keit der Menſchen nichts ſchuldig ſind. | 


I ir follen jedermann bereit fein zur‘ Verantwortung, 
fonft geht dag beſte verloren was durch die Verbindung morin 
Menſchen mit einander leben erreicht werden fol, daß nemlich das | 
. Ebenbild Gottes vollftändiger erkannt, das Ziel der menfchlichen. 
Bortrefflichfeit richtiger ing Auge gefaßt. und befler erreicht werde. 
Jeder fol auf allen Seiten Gelegenheit haben darüber nachzu⸗ 
denken, was dag gute und Gott wohlgefällige fei, auch in folchen 
. Theilen des menfchlichen Verhaltens bie in dem Kreife feines 
- eignen Handelns wenig oder gar nicht vorkommen; jeder foll ein; 
feben lernen, wie verfchieden fich ‚das menfchliche Leben Bilden 
und behandeln laͤßt und auf wie mannigfaltige Weile nach der 
verſchiedenen Gemäthsart der Menfchen das rechte und gute ge 
faßt werden kann. Dieje. Ergänzung unferer eigenen mangelhaf⸗ 
ten Erfahrungen und Einfichten, dieſe gegenfeitige Belehrung muͤſ⸗ 

fen wir, die wir Brüder in Chrifto und Bürger in dem allgeme 
‚nen Neiche Gottes find, für die Hauptabficht erfeunen weshalb 
wir in diefe Verbindung gefest find. So hat alfo ein jeder dad 
Recht den andern zum Gegenftande feiner Beobachtung und feines 
Urtheils zu machen und nach dem: Grunde feiner Handlungen zu 
. fragen, wenn er ihn für fich nicht verftehen fann; und ein jeder 
hat die doppelte Pflicht fein ganzes Leben fo einzurichten, daß er 
im Stande fei Rechenfchaft davon abzulegen und dann 
..auch dag er gu biefer Verantwortung einem jeben un: 
ter feinen Brübern bereit fei. 

Zuerft alfo, wir follen im Stande fein von allem. 
was wir thun Rechenfchaft abzulegen. Nachdenken, Weber: 
legung, Ehrfurcht vor den Gefegen, denen ber Menfch unterwor- 
fen ift, fol bei allen unfern Handlungen zum Grunde liegen; 
dag ſtellt ſich ung hier dar ๕ 8 unfere Pflicht gegen diejenigen, 
die Gott neben und ๕ 8 Zeugen und Beobachter unferes Lebens 
hingeſtellt. — Wollt ihr euch nicht an euern Brüdern in dieſer 

Hinficht verfündigen, [6 handelt niemals auf Das blofe 


87 


Anfehn und nah dem Beifpiele anderer, für wie gut 
und vorfrefflich dieſe auch anerkannt fein mögen. Was für Rechen: 
ihaft wollt ihr denn geben, wenn nach dem Grunde deffen was 
ihr auf diefe Meife gethan habt, nach dem Zufammenhange defs . 
ſelben mit euern übrigen Eigenfchaften und Gefinnungen gefragt 
wird? Es giebt ja alsdann Feinen folchen Grund oder Zuſam⸗ 
menhang; eure Dandlung iſt gar Feine, fondern nur die Abfchrift 
einer andern, und ihr koͤnnet, wenn ihr gefragt werdet, nicht 
antworten, als daß man übel gethan habe auf euer Betragen zu 
merken, weil es gar Fein Gegenftand des Nachdenkens und bes 
Irtheileng fein kann. Co ſeid ihr alfo unwuͤrdig einen Pla; in 
der Gemeinſchaft einzunehmen die auch hierauf berechnet iſt, und 
die Menfſchen haben Urſache fich über. euch, zu beklagen. Gie 
merken auf euch, weil fie meinen, wo ein Menfch fteht, da fiche 
auch ein eigenthümliches Weſen welches ein eignes Geſez und. 
Urbild feiner Handlungen in fich felbft frage: ihr aber feid nichts 
ald ein veränderliches Schattenbild, welches bald von dieſem, 
bald von jenem feine Geftalt annimmt; mit dieſem nur ſcheinba⸗ 
ten Handeln hintergeht ihr die Menfchen, und es wäre ihnen 
beffer ‚gerathen, . wenn. ein anderer da. fände wo ihr. fieht. — 
Wollt ihr euch; nicht verfündigen, fo handelt ferner niemalg 
nah bioßer Gewohnheit Ein unwillkuͤhrliches, gedanken: 
loſes Wiederholen been was chedem gefchehen iſt ift ein fehr 
unwirdiger Gegenftand der Betrachtung; es kann darin nichts 
gutes, nichts belehrendes enthalten fein, denn es iſt gar. nichts 
darin enthalten... Was wollt ihr antworten, wenn nad) dem 
Grunde folcher Handlungen gefragt wird? Ihr koͤnnt nur ſagen, 


es [ค nichts geweſen als der Nachhall eines laͤngſt vergangenen 


Augenblikks, es ſei nur noch die Fortſezung einer Bewegung, in 
welche ihr ehemals verſezt worden waͤret. Und auch dieſer erſte 
Anſtoß auf den ihr den Fragenden hinweiſet war etwas unwuͤr⸗ 
diged: deun nur aus einem gedankenloſen Handeln kann eine Ge: 
wohuheit entftehen. Wer bei feinen Handlungen immer von der 
klaren Erkenutniß feiner fietlichen Verhältniffe und feines Ortes 
in der Welt geleitet wid, der kann, weil fich ihm dieſer immer 
genauer und immer anders umgeben darftellt, gar nicht in den 
dal kommen, ſo oft ganz auf dieſelbe Weiſe zu handeln, daß die 
Wiederholung eine unwuͤrdige und unwiderſtehliche Gewalt uͤber 
ihn bekaͤme, und nie wird er ohne zu denken das wiederholen was 
er gethan hat, weil ja fein Handeln น แนะ aus ſeinem Nachdenken 
und feiner Ueberlegung hervorgegangen. und nur Die natürliche 
WVirkung war ย อ น jener lebendigen Erkenntniß. Weil wir-in je· 


- 98 '- เ 

beim Menſchen ein. freies inneres Lehen vorausfegen, [6 -wollen 
wir auch in jeder Handlung eines Menfchen den Ausdrubk feines 
inneren erkennen und in dieſem Die Nothwendigkeit finden, mas 
: rum ſich jenes gerade fo geftaltet hat; und mer dieſe gerechtefie 
Erwartung bintergeht, über den beklagen wir und mit Necht und 
erklären ihn feiner Stelle unter ung unwuͤrdig. — Aus eben dies 
ſem Grunde aber dürfen auch niemals eure Handlungen 
daB Werk fchneller und unordentliher Aufwallungen 
fein. Ein ſtarkes Gefühl ift etwas fehr großes und achtungs⸗ 
werthes, und mit Mecht zieht nichts fo fehr die Aufmerkfamfeit 
der Menfchen auf fich. als Handlungen. worin: fich- ein folches aus⸗ 
fpricht. Aber nur da wird diefe Aufmerkſamkeit befriebiget, wo 
die Bernunft mit: dem Gefühl eine ift und feine Aeußerungen an 
erkennt und begleitet; two foviel Klarheit und Ordnung in dem 
Gefuͤhl ift, daß der handelnde auch fich felbft verftehen kann, 
wenn er auf fich merft. Und mit Recht fegen wir dies überall 
voraus, weil wir eine jede Handlung als eine folche anjehen bei 
. Welcher der ganze Menfch mit allen feinen Kräften thätig gewe 
fen if, und weil wir jeden Menfchen als ein freied Weſen an 
fehn defien Handlungen ein freies ſelbſtentworfenes Bild durch 
alle Momente ihrer Ausführung hindurchgeleitet. Seid ihr aber 
euch ſelbſt ein Raͤthſel weil ihr nie zur Klarheit und Beſonnen⸗ 
heit gelangt, ſondern in dem innern Sturm nur immer eine Welle 
von der andern verſchlungen wird; wißt ihr auf die Frage was 
euch bei euren Handlungen geleitet hat nichts zu autworten, als 
daß euch eben ſo zu Muthe geweſen, daß ihr vor Heftigkeit eures 
Gefuͤhls nicht anders gekonnt: ſo habt ihr uns gar keine Rechen⸗ 
ſchaft gegeben; wir erfahren bloß, daß ihr unter der Gewalt blin⸗ 
der Triebe ſteht, und duͤrfen wohl wuͤnſchen, ein vernuͤnftigeres 

Weſen an der von euch beſezten Stelle zu ſehen. 
Dies ſind die Fehler, durch welche denen die unſer geben 


ijhrer Aufmerkſamkeit würdigen ein gerechter Anflof gegeben wird 


und die wir forgfältig vermeiden müffen, wenn wir ihnen unfere 
. Achtung beweiſen wollen. Dadurch werden die welche ung be⸗ 
obachten und beurtheilen am beften geehrt werden, wenn wir ih 

nen nichts angenommeneg, nichts gedankenloſes, nichts rohes und 

unvernuͤnftiges, kurz nichts zeigen, wovon wir nicht Grund und 
Zufammenhang anzugeben im Stande find. Ich mache nicht erſt 
. aufmerkfam darauf, wie es fich hier bewährt, daß dieſe aͤchten 
Beweiſe wahrer Ehrerbietung, weit entfernt unferer Treue gegen 
ung felbft Grenzen zu ſezen, vielmehr in unferm ganzen Betragen 
von ſelbſt entfichen, wenn wir nur dasjenige in Ausübung brin⸗ 








80 

gen; was unfer Gewiſſen unmittelbar auch ohne dieſe Ruͤkkſtcht 
af andere von uns fordert. Eben das werben wir finden, wenn 
twir auch Die andere Hälfte der in unferm Tert ung vorgezeichne⸗ 
ten Verbinblichkeit erwaͤgen, daß wir nemlich 

zweitens auch gern und willig, wenn es erfordert 
wird, bie Nechenfchaft ablegen follen bie wir abzulegen im 
Stande find. Ohne daß eben ein -menfchlicher Lebenslauf fehr 
verwiffelt fei werden in einem jeben Galle genug vorkommen, 100 
ihr zwar ſehr gute und hinreichende Gründe habt fo und nicht 
anders zu handeln, die aber von der. Art find, Daß ein anderer 
fie nicht leicht entdekken kann; Fälle, wo ihr zwar euch felbft und 
tuern Grundſaͤzen treu. geblieben ſeid, andere aber einen Wider; 
derſpruch gegen eure. fonfther befannten Gefinnungen zu finden 
glauben. Freuet euch, fobald ſie auch ห น ะ den leiſeſten Wunfch 
außern euch recht zu verfichen und ihre Meinung von euch zu - 
brfefligen oder zu berichtigen; frenet euch, daß ihnen die Kennt 
niß eines feften und frommen Gemüthes jo viel werth ift, und 
kommt ihnen gern mit allen Erläuterungen zu Huͤlfe die ihr ihs 
nen mir geben koͤnnt. Das iſt eine theuere Pflicht, an deren Er: 
fülung. weder ein verwerflicher Stolz euch verhindern Darf, wenn 
ihr für recht und gut haltet was ihr thatet, noch eine. falfche 
Schaam, wenn ihr es vielleicht fchon zu euren Schtwachheiten 
zaͤllt. Wollt ihr in Ealter Zurüfkhaltung nichts’ thun um dem 
Schleier Hinmwegzunehmen, unter dem nur eine ungemwiffe und 
tägliche Geftalt eures Betragens bindurchblifft; wollt ihr viel⸗ 
kiht gar den innern Grund und das wahre Wefen deſſelben 
adfichtlich noch ‚mehr verbergen: fo ift das: was ihr gethan und 
was ihr vorher gedacht habt, der Kampf ben ihr in euch felbft 
heſandet, die ftreitenden Empfindungen die ihr zu wereinigen, die 
richtigere Einficht Sie ihr euch zu verfchaffen wußte, fo find alle 
dieſe Anſtrengungen deren Kenntniß andern heilſam ſein koͤnnte, 
für ſie ſo unnuͤz, als wären fie gar nicht in euch vorgegangen, 
als hättet ihre ohne Ueberlkegung und Nachdenken gehandelt. Und 
gerade biefe bedenklichen Sale find immer die Iehrreichften; aus 
dieſen Raͤthſeln erklärt fich immer am beften die eigenthümliche 


Denkungsart eines Menſchen, und in jedem intern Streit offens - 


baren fich am herrlichſten die Kräfte der menfchlichen Natur. — - 
Saget nicht, daß es hiebei faft immer auf bie Eröffnung folcher 
Gedanken und Gefinnungen ankommt, deren ſchoͤnſter Schmukk 
eben die Verborgenheit ift. Dies ift eine น ท ท ก ั ง 6 Vorforge und 
ine falſche Befcheidenheit für einen Ehriften, der ja doch alles 
was in ihm gutes und lobenswerthes ift in Demuth des Hergend 


92 

wir und es macht ihnen Pein, wenn wir in unfern Handlungen 
und bedenklich über dieſe Grenzen hinaus. wagen; andere fehen 
gewiſſe aͤußere Handlungen als Zeichen gewiſſer Gefinnungen an 
und es erregt ihre Unzufriedenheit, wenn wir auf dieſe Verbim 
dung gar Feine Nüfkficht nehmen und und vor demjenigen nicht 
hüten, was กิ 6 als ein fchlimmes Zeichen anzuſehn gewohnt find. 
Ohne Beruf, bloß um unfere DVerfchiedenheit bemerklich zu ma 
hen, dasjenige thun, was andere auf biefe Weiſe verlezt, das iſt 
freilich tadelnsiwerth, es ift eine vorwizige Anmaßung: aber wenn 
ung nun der Weg unferer Pflicht auf fo etwas hinführt? fol 
len wir unfern pflichtmäßigen Handlungen irgend etwas von ih: 
rer Kraft und Bollftändigkeit benehmen? follen wir ung irgend 
eine Erleichterung berfelben verfagen, ober uns Auffchub und 
Verzögerung geftatten, nur. um nicht bei den ſchwachen anzufio 
fen? Das fei fern von ung! fo pflegte Chriſtus, ber mit den 
Zöllnern und Sündern aß, ber am Sabbath wohlthätige Hand: 
-Iungen verrichtete, ber feinen Juͤngern Eeine Gebote des Faſtens 
und ber Aäußerlichen Webungen hinterließ, nicht umzugehn mit den 
Borurtheilen feiner Zeit. — Ahr räumt mir auch biefes ein; 
allein, fagt ihr, es giebt doch gewiſſe Kleinigkeiten im äußern 
Weſen und Betragen, auf welche eigentlich nie, etwas ankommt, 
welche, man mag fie fo oder anders einrichten, Feine Handlung 
beffer oder fchlimmer, Teichter oder ſchwerer machen und die dv 
gentlich gar nicht vor das Gebiet des Gewiſſens gehören; und 
in Diefen, meint ihr, follten wir boch ber berrfchenden Meinung 
der Menfchen ung lieber fügen, als ihr zuwiderhandeln. Wenn 
ich euch dag zugeben fol, fo gebe ich es doch nur eurer Schwach 
heit zu. Kleinigkeiten die vor das Gebiet des Gewiſſens nicht 
gehören, giebt es denn die eigentlich? kann und foll es fie geben? 
Sreilich giebt es taufend Dinge, über deren Sittlichkeie ober Un 
ſittlichkeit für ſich allein und im allgemeinen gar nichts gejagt 
werden kann. Ob ihr euch fo oder anders kleiden, dieſe oder 
jene Sitte beobachten, euch diefer oder jener Ausdruͤkke bedienen 
ſollt, darüber möchte ich euch Feine Worfchrift. geben; aber ih 
möchte auch nicht fagen, daß irgend etwas von diefen Dingen 
gleichgültig fei. In Verbindung mit andern Theilen des Betra⸗ 
gens voird allemal in jeder Handlung die eine Art dieſe Dinge 
einzurichten beſſer und vollfommener fein als die andere. Bir 
folen unfer Gereiffen dahin vervollklommnen, daß es das beſſere 
überall herausfinde,. und wenn es dann gefprochen bat, ſo ſei 
auch die geringſte Kleinigkeit uns heilig. Waͤret ihr im Stande 
dann noch von dem erkannten beſſeren abzuweichen um irgend 


93 


einem .Menfchen zu gefallen: fo wäret ihr gewiß auf einem ver: 
derblichen Wege, auf welchem euch balb Feine Heuchelei, Feine 
Verſtellung, Feine Falfchheit mehr fremd fein wuͤrde. Uber wie 
weit man auch. hierin gehen oder ſich zumiffhalten möge, 
das Unrecht welches in einem folchen Verfahren liegt offenba⸗ 
ret ſich 
weitens auch dadurch, daß allemal jener anerkannten 
pflicht, den Brüdern zur Verautwortung bereit zu fein, dadurch 
entgegen gehandelt und ſie gaͤnzlich aufgehoben wird. Das 
eine widerſtreitet dem andern ganz offenbar. Wir haben vorher 
geſehen, daß dieſes Geſez uns verbindet keiner gedankenloſen Ge⸗ 
wohnheit Raum ˖ zu laſſen, und wir ſollten nun gar der gedanlo⸗ 
ſen Gewohnheit anderer nachgeben? es verbindet uns, nirgend 
allein auf das Anſehen anderer zu handeln, und wir ſollten nun 
gar denen ein Anſehen uͤber ung einräumen, deren Einfichten und 
deten Geſinnungen wir verwerfen? Welche Rechenſchaft kann 
denn irgend jemandem von einem ſolchen Betragen abgelegt wer⸗ 
den? und gerade am wenigſten benen, welchen wir Dadurch wohl⸗ 
gefällig werben wollen. Denn wenn einer .von. denen, um derent- 
willen ihr irgend etwas gefhan habt mas euch fonft nicht eigen 
oder natuͤrlich wäre, zu euch kaͤme und Grund forderte gerade 
bon diefer Handlung, wollt ihr ihm fagen, ihr hättet‘ dag gethan, 
damit er nicht dieſes ober: jenes nachtheilige von euch glauben 
oder ihn eine .widrige Sefinnung gegen euch anwandeln möchte? 
werdet ihr nicht Durch dieſes Bekenntniß jene Handlung fo gut 
als ungefchehen machen, und .mächt alfo nicht jene Handlung” 
Diefeg Bekenntniß, welches doch eure Pflicht iſt, unmoͤglich? Seht, 
in welche Widerſpruͤche ihr euch auf dieſem Wege verwikkelt und 
wie ihr immer gu wenig thut, inbem ihr zu viel thun wollt. — 
Aber, werdet ihr fagen, dieſe Nachgiebigkeit empfehlen wir auch 
nicht um derer willen welche geneigt fein möchten, nach _dem. 


Grunde unſeres Betragens zu fragen: fonbern um berer tillen u 


welche nicht fragen, aber doch nach ihren vorgefaßten Meinuns 
gen urtheilen möchten. Sollten. wir gar nicht fchuldig fein, ir⸗ 
gend etwas zu thun, damit das Urtheil folcher Menfchen- nicht 
auf einen falschen Weg himiberfchweife? Ich antwortete: nein; 
diefen feib ihr nicht, gar nichts, Feine Aufmerkfamfeit, feine Ruͤkk⸗ 
ſicht ſchuldig. Sind fie mit euch nicht nahe genug verbunden 
um zu fragen: ſo ſind ſie euch auch nicht nahe genug um zu ur⸗ 
theilen und moͤgen ſich beſcheiden, daß Gott ihnen dieſes Ge⸗ 
ſchaͤft nicht angewieſen hat. ชิ eg ihnen, aber an der Freimuͤ⸗ 


94 

thigkeit bie jeder haben muß 56 fich belehren till, an dem Ber: 
trauen welches fih für Brüder unter einander ziemt: wohlan, 
fo fei ihr unrichtiges Urtheil, ihr fortbauernder und fich immer 
mehr verhaͤrtender Irrthum bie wohlverdiente Strafe für dieſen 
Mangel at Bruderfinn und an beſcheidener Wißbegierde. Ihr 
habt das eurige gethan: denn ihr habt ihnen bereit. geftanden jur 
Verantwortung. 

Wollt ihr mehr thun, fo kann es. nicht fehlen, daß ihr 
drittens den Menfchen, eben indem ihr fie zu achten glaubt, 
eure Geringſchaͤzung auf eine fehr auffallende Art be; 
weiſen müßt. Es iſt nicht möglich andern wahre Achtung 1 

beweifen, wenn man nicht: zugleich fich felbft achtet und chrt. 
Denn wollt ihr fie dadurch chren, daß ihr euch zu Dienern ihrer 
Schwachheiten herabwürdiget: fo würdigt ihr fie ohnfehlbar แน 
gleich mit herab, indem ihr vorausſezt, daß fie einen. folchen 
Dienft begehren und. mwohlgefällig annehmen. - Vorausſezen, baf 
fie eurer Verſtellung — denn das ift es doch immer — nicht auf 
- die Spur fommen, daß fie nicht unterfcheiden werben, was aus 
dem innern eures Herzens hervorgeht und was ihr nur aus 
Nachgiebigkeit und Menfchengefälligkeit thut, das ift eine Gering⸗ 
fchäsung: ‚denn es fchließt den Glauben .ein, daß 68 ihnen an der 
gewoͤhnlichſten und dürftigften Menfchenkenntnif fehle. Voraus⸗ 
ſezen, daß fie. keine von der ihrigen verſchiedene Deuk⸗-uud Han 
delweiſe ohne Bangigkeit neben ſich ſehen koͤnnen, iſt eine Ge⸗ 


ringſchaͤzung: denn es ſezt voraus, fie ſeien mit ihren Gedanken 


nie über. das was ihnen das naͤchſte iſt hinausgegangen und wer: 
den durch alles fremde in Furcht gefezt. Vorausſezen, daß fie 
fich, auch nachdem fie. eingefehen haben, ein anderer เข อ น ี 6 das 


gute und wandle auf dem Wege der Rechtſchaffenheit , dennoch 


nicht wieder beruhigen koͤnnen, wenn er in Kleinigkeiten von ih 
nen abweicht, ift eine-Geringfchäzung: denn es zeigt, daß ihr ih 


nen gar feinen Begriff von dem wahren Wefen ber Tugend und 


der Gottſeligkeit zutraut. Vorausſezen, daß fie da wo fie irren 


oder auf Kleinigkeiten einen zu großen Werth legen nicht ſollten 


Surch die einfachen Mittel der. Belehrung und des Beiſpiels auf 
.beffere - Gedanken gebracht werden koͤnnen, ift @efingfchägung: 
denn es zeigt, daß ihr wenig ruhige Ueberlegung, wenig aufrich⸗ 
. tigen Sinn für Wahrheit und Weisheit bei ihnen fucht. So ift 


demnach jener heimliche Krieg gegen das nach unferer beften Le ป 
berzengung für Vorurtheil und Irrthum gehaltene, welcher ſich 


hinter eine verſtellte Sreundfchaft verbirgt und erft nachgiebt und 


ſich einfchmeichelt ehe er angreift, fo ift jene fo gerühmte behuts 





9% 


ſame Schonung, die den Menfchen auf jede Weiſe gu verbergen 
fucht, daß ung manches anders erfcheint als ihnen und daß wir 
auf manches einen geringeren Werth legen, die, um. es ihnen: deſto 
fiherer zu verbergen, lieber von ihrem graben. und natürlichen 
Gang hie und da abweicht — dieſe ift Eeine forgfame Liebe, Eeine 
ſchonende Achtung, fondern die firäflichfte und wermerflichite Anz 
maßung: weil der Vorſaz barin liegt, Menfchen die von Gott 
ung gleich gemacht, mit gleichen Kräften und mit gleicher Gnade 
begabt find, immerfort als Kinder und als unmündige zu behans 
deln. So befteht demnach die wahre Achtung nur darin, daß 
wir ohnangefehen aller abtweichenden Meinungen und Grundſaͤze 
anderer unferm Gewiſſen und unferer Weberzeugung bis in Das 
 fleinfte hinein treu bleiben, aber jeden gern und willig durch offene 
Darlegung unferer Grundfäge und unferer Gefinnungen in den 
Stand fegen, alles zu prüfen und dag gute zu behalten. Fraget 
ext inneres Gefühl, wen ihr auf ie Dauer mehr Einfluß auf 
euer Gemuͤth einräumt, ber graden offuen Ehrlichkeit die nichts 
verheimlicht und. nicht anders handelt als fie denkt und die, wenn 
fe anfänglich hart fcheint, fich bei einiger Beobachtung befto ach» 
tungewürdiger bewaͤhrt, oder ber gefälligen Klugheit. die fich durch 
eine (heinbare Mebereinftimmung einfchleicht, aber hernach, wenn 
ihr diefen Schleifiveg entdekkt, euern gerechten Argwohn erregt. 
graget eure Erfahrung, wodurch mehr gutes in der Welt be 
wirkt worden iſt, durch den ſtandhaften Muth der nichts fcheut 
a8 ihm begegnen kann, wenn er auf dem Wege der Wahrheit 
daB gute zu befördern fucht, felbft nicht Verunglimpfungen, bie 
ihn an diefer Wirkfamkeit hindern koͤnnen, oder durch jene welt: 
Ichgefinnte Weisheit, die dem guten, um es den Menfchen ange- 
nehmer เน machen, ſoviel verfüßendes aber verunreinigendes beis 
mifcht, daß feine Kraft dadurch verloren geht. Fraget euer Ge: 
wiffen, welches von beiden der wahren Rechtichaffenheit angemefs 
fener ift, ein Betragen welches von feinem Streit der Pflichten 
NE Menfchen gegen fich felbft und gegen feine Brüder weiß, oder 
time Denkungsart die beide fo mißverfteht, daf von beiden etwas 
nachgelafien werden muß um das übrige zu erfüllen. Fraget die 
Echtift und den Geift Gottes, wenn ihr ihn habt, was der Ne: 
ligion die ihr bekennt angemeſſener iſt, ein Betragen, welche viel⸗ 
leicht unter mehreren Menſchen einen ſcheinbaren Frieden ſtiftet, 
der ſich aber bloß. auf die Kunſt gruͤndet, unter gleichen Geber 
den, Sitten und Worten die Verſchiedenheit ber Gefinnungen zu- 
berbergen, oder ein folches, welches bie wirklich. gleichgefinnten zu 
gleicher Wirfung auf die übrigen inniger vereinigt und durch 


- Aufrichtigfeit ben Grund. gu jener wahren Gemeinfchaft der Ge 
müther legt, in welcher und durch welche allein das Reid) Bot 
tes kann gefördert werden. Diefe- Fragen entſcheidet bei euch: 
aber wohin auch euer Herz ſich neigen möge, fo bebenfet, อ ฒิ 
wenn ihr Künfte fucht, wenn ihr es vorzieht, Diejenigen เน bin 
tergehen, denen ihr hier Verantwortung geben follt, ihr doch bem 
eine firenge Nechenfchaft werdet ablegen muͤſſen der den Men 
ſchen auftichtis gemacht hat’). 





5 ชุ. Sal. 7, 30. 








97 


ME. 
. Die Geredtigkeit Gottes. 





W, fönnen nicht anders als menfchlicher Weife von Gott 
denken und reden. Was uns unfere Vernunft als nothwendige 
Eigenfehnften des unendlichen Wefens vorhält, das kann fie nur 
aus der Bergleichung mit unferm eignen Wefen hernehmen; was 
wir im Lauf der Welt ย อ น feiner Handlungsmeife zu entbekfen 
glauben, dag Fönnen wir mit Feinen andern Worten ausdruͤkken, 
ald womit wir auch menfchliche Vortrefflichkeit zu bezeichnen. ges . 
wohnt find; wind eben fo meiß auch die Schrift nicht anders als 
in Öleichniffers und Bildern- von dem Eigen zu ung. zu reden. 
Wir befcheiden uns zwar in Demuth, daß auf diefe Weife alle 
unfte Erfenntniß von Gott fehr. befchränft, fehr verhäßt und in 
jeder Ruͤkkſicht unvollkommen fein muß; aber wenn mir e8 dem⸗ 
ohnerachtet als ein heiliges Vorrecht erhalten wollen, fo gut wir 
eben können ung dag ewige Wefen. genauer und lebendiger vor: 
wuftellen, fo liegt uns um fo mehr bie Pflicht ob, allen Fleiß 
anzuwenden, daß dieſe Erkenntniß nicht durch unfere Schuld nod) - 
mehr als nöthig verbunfelt und verunreiniget werde und wir 
alſo dieſes Vorrecht zulezt durch Mißbrauch verlieren. Laßt ung 
wohl zufehen, dag wir nicht alles mas menfchliche Wortrefflich- 
keit ik auf Gott übertragen wollen, weil vieles davon fich ledig⸗ 
ich auf das Verhaͤltniß der Menfchen gegen einander bezieht, 
welches ein gang anderes ift als das worin Bott gegen feine 
Geſchoͤpfe ſteht. Laßt uns alle Vorficht gebrauchen, in basfjenige 
was fich uns als .Eigenfchaft des hoͤchſten Weſens aufdringt 
nichts eingumifchen, was offenbar aus der menfchlichen Unvoll⸗ 
kommenheit entfpringt und aufs genauefte mit Ihr zuſammenhaͤngt. 
G | 


98 
Es ift Teiche. dieſe Vorfchriften gu geben, aber es iſt ſchwer fie 
anzuwenden, felbft mit allen Huͤlfsmitteln die ung zu Gebote fie 
ben; und die Sehler welche wir hierin begehen find die Quelle 
grade der gefährlichften Irrthuͤmer in der Religion, derjenigen 
nemlich welche unmittelbar auf die Art: wie wir in der Welt 
_ vor Gott wandelt einen. nachtheiligen Einfluß haben. Mie viel 
menfchliches und unwuͤrdiges findet fich nicht in den Vorſtellun⸗ 
gen der meiften Chriften von der Liebe und Weisheit, von der 


- Geduld und Verföhnlichkeit Gotted, von feinem Wohlgefallen am 


guten und Mißfallen am böfen! und welche traurige Folgen, 
welche Verderbniß des Gemuͤths und des Lebens entfteht nicht 
daraus, ſobald wir verfäumen, Die Nichtigkeit und den Merk) 
diefer Vorftelungen an dem untrüglichen Maaßſtabe -unferes Gr: 
wiſſens abzumeſſen! Wenn wir uns aber auch vor Folgen dieſer 
Art hüten: fo bleibt es immer übel genug, daß doch aus um 
‚wahren Vorfiellungen von Gott eine unrichtige Anficht der Welt 
ſich bilden eine irrige Vorftelung von der Art wie alleg in der 
ſelben zufammengefügt: und -verbunden ift, und Dies wenigſtens 
ift unvermeidlich. Gott und die Welt, feine Eigenfchaften und 
feine Wege und Führungen — das find Gedanken die unmittel 
bar zuſammen gehören, bie fich unter einander entweder aufhellen 
und berichtigen, oder verwirren und verbunfeln ล «ล. | 
In dieſer Ruͤkkſicht will ich heute zu euch von der götli | 
‚chen Gerechtigkeit reden. Dies ift ein Wort: welches in jeder 
manns Munde ifl, es enfhält eine Forderung die ganz allgemein 
an das hoͤchſte, Weien gemacht wird; fo mie wir e8 ung ald bie 
Liebe denken, fo ſoll es auch die Gerechtigkeit fein, und beides 
wollen wir aufs. innigfte- in ihm vereiniget finden. Aber wit 
vieles ได ้ ธี 6 fich nun, wenn wir ung vor Serthümern hüten wol 
len, von unſern Vorftellungen von Gerechtigkeit wie fie fi im 
geſellſchaftlichen Leben unter Menfchen gebildet haben auf Gott 
anwenden? Denfen wir an bie gewöhnlichften Verhaͤltniſſe ber 
Menfchen unter einander: fo erinnert jenes Wort ung an Forde 
rungen welche gemacht werden, an beftimmte Pflichten von denen 
ung nichts entbinden kann und in Hinficht auf welche wir das 
Urtheil anderer anerkennen muͤſſen; es erinnert an eine gewiſſe 
Abſtufung in unſern Verbindlichkeiten, daß man eher die einen 
erfuͤllen ſoll als die andern. Dies alles laͤßt ſich, wie ihr leicht 
ſeht, auf Gott nicht anwenden. Was. hätten. wir von ihm zu 
fordern, die wir Gefchöpfe feiner Hand find? wie koͤnnten wit“ 
Richter fein wollen über fen Thun? wie Eönnten wir irgend 
ehren Unterfchied von biefer Art machen da wo alles Wohlthat 








md Gnade ไห้? Stellen wie ung auf einen andern Punkt, in ſo⸗ 
fern ein Menſch uͤber den andern richten darf und einen Theil 
ſeines Geſchikks in der Hand hat, ſo wie Gott uͤber uns richtet 
und alles was uns begegnet aus ſeiner Hand kommt: ſo finden 
wir es gerecht, das angenehme und ehrenvolle den Menſchen in 
demſelben Verhaͤltniß zuzutheilen, als ſie das gute vollbracht ha⸗ 
ben, und dagegen dem Uebelthaͤter unſere huͤlfreiche Liebe zu ent⸗ 
ziehen und ihn mancherlei Unannehmlichkeiten auszuſetzen. Aber 
dieſe ſtrafende Gerechtigkeit beruht ebenfalls auf einer gewiſſen 
Unvollkommenheit in unſerer Art das menſchliche Gemuͤth zu er⸗ 
keunen und auf daſſelbe zu wirken, und wir muͤſſen uns wohl 
vorſehen, daß in der Behauptung, Gott muͤſſe ſeiner Natur nach 
auf eben die Art als wir das gute belohnen und das boͤſe be⸗ 
frafen, nicht etwa eine ſehr verkehrte Anmaßung ſich verberge. 
Kommt es nur darauf an, daß die fernern Ausbruͤche des boͤ⸗ 
fen welches im Menſchen iſt verhindert werben ſollen, wie denn 
menſchliche Strafen ſolche Abſchrekkungen ſind, ſo ſtehen ja der 

Almacht dazu die verſchiedenſten Wege offen; und wenn ſchon 
unter Menſchen die Strafen in demſelben Maße gemildert wer⸗ 
den, als man dafuͤr ſorgt, daß das boͤſe nicht erſt vollbracht 
werden koͤnne; wie wollten wir denn beurtheilen koͤnnen, auf 
welche Art die goͤttliche Weisheit dieſe Angelegenheit behandeln 
werde? Kommt es darauf an, daß das boͤſe ſelbſt aus dem Men⸗ 
ſchen durch Zuͤchtigung hinweggenommen und das gute durch Er⸗ 
munterung in ihm befeſtiget werden ſoll: ſo kann ſich ja die All⸗ 
wiſſenheit noch weniger als wir daruͤber taͤuſchen, wie unrein 
das gute iſt was in Hoffnung auf Lohn geſchieht und wie wenig 


จ 


derjenige gebeffert ift der fich nur durch Surcht vor der Strafe . 


von dem böfen entwoͤhnt hat. Nicht ๕ 8 ob ich ung die Hoff 
nung auf eine glüfflichere Ewigkeit fchmälern, oder als ob ich 
läugnen wollte, daß Gott Heil und Unglüff als Befferungsmittel 
gebraucht. Dffenbar thut er diefes: aber wir Eönnen die Art 
tie er es thut fo wenig beftimmen,. daß dies nicht ‚mehr eine 
gerderung an feine Gerechtigkeit if, fondern daß mir es zu den 
Seheimniffen feiner Weisheit zählen muͤſſen. Was bleibt ung 
alſo für die Gerechtigkeit Gottes übrig? Daffelbe was wir auch 
unter Menfchen von einem Herrn, einem Obern, einem Geſez⸗ 
geber gegen feine untergebenen als Gerechtigkeit fordern: daß er 
fie nemlich alle nach einerlei Srundfägen behandle und. jeder fich 
zu ihm des gleichen zu verfehen habe; daß, wo es auf die Ver 
teilung von Vortheilen und Raften oder auf irgend etwas ans. 
kommt was von ihm allein und nicht von ihnen abhaͤngt, alle 
G 2 


100 


ohne Vorliebe und Laune zu gleichen Rechten gehen und fich glei⸗ 
cher Sorgfalt und Beruͤkkſichtigung ihrer Freiheit und ihres Wohl 


ergehens zu erfreuen haben. In dieſer Gleichheit des Betragens 
num befieht auch die göttliche Gerechtigkeit: aber fie ift dem größ- 


. ten Theile der- Menfchen verborgen. Die anfcheinende Ungleid 


beit der menfchlichen Schikffale, auch in fofern fie gar nicht ein 
Berk unferer eigenen Handlungen find, verhindert die Menfchen 
die göttliche Gerechtigkeit wahrzunehmen; wenn fie auch die göff: 
liche Weisheit mit der jene Verfchiedenheiten angeordnet werden 
einigermaßen ahnen: fo dringen fie doch nicht bie zu der Gerech⸗ 


tigkeit welche dabei zum Grunde liegt. Fuͤr dieſe in dem ange⸗ 
gebenen Sinne unſern Blikk zu ſchaͤrfen: Darauf fon unfere heu⸗ 


tige Betrachtung gerichtet ſein. 


Text. uf. 16, 19— 31. 


Es war aber ein reicher Mann, der eleibete fich mit 
Purpur und Eöftlicher Leinwand und lebte ale Tage herr. 
lich und in Freuden. Es war aber ein- armer mit Na 
men Lazarus, der lag vor feiner Thüre voller Schweren 
und begehrte ſich zu fättigen von den Broſamen die 
von des zeichen Tifche fielen. Doch Famen die Hunde 
und Fefften ihm feine Schweren. Es begab fich abet, 
daß der arme farb und ward getragen von den Engeln 
in Abrahams Schooß. Der reiche aber farb auch und 





ward, begraben. Als er nun in der Hölle und in der 


Duaal war, hub er feine Augen auf und fah Abraham 


von ferne und Lazarum in feinem Schooß, rief und 


forach, Vater Abraham erbarme dich mein und fende !r 
zarum, daß er das aͤußerſte feines Fingers ing Wafler 
tauche und fühle meine Zunge: denn ich Teide Pein in 
diefer Flamme. Abraham: aber fprach, Gedenke Sohn, 
. daß du dein gutes empfangen haft in deinem Leben, und 
Lajzarus dagegen Hat böfes empfangen. Nun aber wird 
er getröflet und du wirft gepeiniget. und über das alles 
iſt zwiſchen uns und euch eine große Kluft befeſtiget, 
daf die da wollten von himen hinabfahren zu euch koͤn⸗ 
nen sicht und auch nicht von dannen zu ung herüber 
fahren. Da fprach er, So bitte ich dich Water, daß du 
ihn fendeft in meines Vaters Haus; denn ich habe, noch 
fünf Brüder, daß er ihnen begeuge, auf daß fie nicht 
auch kommen an dieſen Ort der Quaal. Abraham ſprach 


| | 101 | 
zu ihm, Sie haben Mofen und die Propheten, laß fie 
diefelbigen hören. Er aber fprach, Nein; Vater Abra⸗ 
ham, fondern fo jemand von den Todten ว ุ ่ น ihnen ginge, 
ſo würden fie Buße thun. Er aber fprach, Hören fie 
Mofen und die Propheten nicht, fo werden fie auch nicht: 
glauben, ob jemand von den Todsen auferftände. | 


Diefe Lehrgefehichte ift recht dazu gemacht, eine Betrachtung 
wie die welche wir angefangen haben weiter. zu führen. So wie 
alle Vorträge Ehrifti von diefer Art -ift fie. mitten aus dem Les 
ben genommen und ſtekkt mit wenigen treffenden Zügen unferm 
Nachdenken ein weites Feld aus. In den Schifffalen ‚zweier 
Menſchen legt fie und alles vor Augen was in dem Laufe ber 
Belt fi) auf. die göttliche Gerechtigkeit bezieht: wir fehen 
erſtlich die größte Ungleichheit in Abſicht auf aͤuße⸗ 
res Gluͤkk und Wohlftand, welche fo oft den Menfchen auf 
dem Schauplag dieſer Welt jene Eigenfchaft des Höchften ver⸗ 
hut; wir fehen zweitens Das nerfchiedene Schikkſal der 
Menfhen in dem Fünftigen Zuftande, welches ein fo wich 
tiger Begenftand des Rachdenkens über diefelbe. iſt; wir werden 
drittens auf die Anfprüche aufmerkfam gemacht, welche bie 
Menſchen in Abſicht auf die Vertheilung ber nöthigen - 
Hülfgmittel und Anleitungen zur Befferung an die Ges 
techtigkeit Gottes zu machen pflegen. Laßt ung fehen, wie übers 
all auch, dem Scheine der größten Ungleichheit die untadelhaftefte 
harteiloſigkeit und Gleichförmigfeit zum Grunde liege und wie. 
alfo die göttliche Gerechtigkeit fich in allem was ung wichtig fein - 
kann einem jeden aufrichtigen Herzen deutlich. offenbaret, 


I. Ungleicher kann das äußere Schikkſal zweier Mens 
fhen wohl nicht fein als derer welche in- unferm Text gefchildert 
werden, und boch finden wir 68 oftmals in der Welt Buchftäblich 
chen fü: Der eine verbringt feine Tage im einem beſtaͤndigen 
Vohlleben, unter allen Bequemlichkeiten und allem Glanz des 
aͤherlichen Gluͤkkes, umgeben von dienſtbaren Geſchoͤpfen und 
ſchmeichleriſchen Freunden, taumelnd von einem Feſte, von einer 
Ergoͤzlichkeit zur andern. Dicht neben ihm ſeufzt ein anderer uns 
ter dem harten Joch des Elendes, twelches jener Faum dem Ma; 
men nach Eennen wuͤrde, wenn fich dieſer nicht an feine Thüre 
gelagert hätte: die huͤlfloſeſte Dürftigkeit und dabei noch ein fies 
her Körper, das iſt wol hinreichend um einen Menſchen un: 
(น ผี ไก) แน machen. Der reiche hatte noch fünf Brüder Die 


10 ๑ . - 
eben fo lebten wie er; alfo waren es wohl nicht ſelbſterworbene 


Guͤter welche ſeine Gluͤkkſeligkeit begruͤndeten, ſondern ſie waren 
ihm zugefallen durch ſeine Geburt. Daß der arme ein gutge⸗ 


ſinnter geweſen, ſehen wir daraus, daß der reiche an dem Ort 
ber Dual ſich gar nicht über den jenem ร วุ่น. Theil gewordenen 


. Vorzug befchwert; und auch das Siechthum ‚welches die Erzaͤh⸗ 
lung ihm beilege pflegt fehr oft nur die Folge einer duͤrftigen 
Lebensart zu fein. Keiner von beiden war alfo felbft der Urhe⸗ 
ber diefer großen Verſchiedenheit; fie rührte von demjenigen her 
der die Schikkfgle der Menfchen regiert, und fo fcheint es, als 
koͤnne Die entfchiebene Begünftigung des einen und die Farge Aus: 
ſtattung des andern keinen Gedanken an eine gleichförmige Des 
handlung zulaſſen. 
Wos ich zu fagen habe, um biefen Schein zu widerlegen, 
ift etwas fehr bekanntes, dag aber, fo einfach und klar es auch 
- Äft, von jeher nur wenige überzeugt bat: weil alle, deren Gemuͤth 
dieſer Gegenftand allzu lebhaft bewegt, die Sache nur durch den 
Nebel der Leidenfchaft und des Vorurtheiles fehen. -Haltet ihr 
Wohlbefinden und Freude für das eigentliche und höchfte Ziel 
des Menfchen: fo bleibt mir wenig Hoffnung, euch mit der Ge 
rechtigfeit Gottes in dieſem Stuff auszuſoͤhnen. Aber alsdann 


wählet euch auch einen andern Anführer eures Glaubens als 


Chriſtum, einen von den berühmten Helden der irdifchen Gluͤkk⸗ 


feligfeit; dann folget auch einer andern Lehre, als der welche 


ſich nicht fcheut, jede Aufopferung zu verlangen, fo oft es bie 


Gelegenheit mit fich bringt. Seid ihr aber Ehriften, welche über. 


dieſe Sache gelaffen nachdenken Eönnen: fo bitte ich euch zu um 
- terfuchen, ob denn der, welcher herrlich โอ 6 ย auch wirklich ſoviel 
Freude hat als es fcheint, und der arme foviel Pein? Gehet 
doch hinein in das Haus des reichen und betrachtet ſein Leben 
‚in ber Nähe; ſehet ihn gedruͤkkt von dem Zwange, dem bag ด ู 6 
felfchaftliche Leben um defto weniger entgehen kann, je höher wir 

, hinauffteigen; fehet ihn erliegen unter fo vielen Anftalten zum 

. Vergnügen, welche er umfonft trifft, denn Zeit und Gewohnheit 
haben den fchönften Reiz deffelben abgeftumpft, und er erblifft 
faft nichts mehr darin, als die einförmige Wiederholung derſel⸗ 
ben Handlung; .fehet auch ihn nicht: minder als andere vol Miß⸗ 
muth über feine vergeblichen Bemühungen und voll eben fo ver 
geblicher Wuͤnſche. Leget euch nun dagegen zu dem ungläfflichen 
vor feiner Thuͤre und fehet; wie diefem eben dasjenige zu ftatten 
fommt was jenen herabfest. Zeit und Gewohnheit, das find 
bie treuen Freunde, welche die Laſt des Elendes groͤßtentheils 


103 
von feinen Schultern nehmen. Seht wie zum Verwundern me: 
nig er zu leiden fcheint von dem, was euch, wenn 28 euch in 
diefem Augenblikk überfiele, unerträglich fein würde; wie das Uns: 
ฝน ์ 1 den Werth geringfügiger Freuden. welche dazwiſchen Plaz 
finden vergrößert, und wie manches, was ihr und viele andere 
überfehen, fich für ibn in einen twichtigen Beitrag zur Zufrieden: 
heit verwandelt; fest aus dieſem Standort die Vergleichung fort 
und gefteht, dag er am feiner niedrigen Stelle vielleicht oft เน ร . 
higer und wahrhaft heiterer geweſen ift, als die drinnen unfer 
dem Getuͤmmel des Feſtes. Und 6 แบ ล vermöge einer befondern 
Weisheit welche ihm beimohnte? Das werben die Beiſpiele Die: 
fer Art, welche ihr felbft gefehen habt, nicht beweifen, fondern - 
nur vermöge der Natur der Sache und der allgemeinen Eigen» 
(haften des menfchlichen Gemüthes. Zeigen nun bie Außerften 
Enden des menfchlichen Schikkſals fchon eine folche Gleichheit: 
ſo wird fie in der Mitte gewiß noch ficherer zu finden fein, und 
wir werden bekennen müflen, daß das Maaß des angenehmen, 
im menfchlichen Leben und. fein Uebergewicht über ถิ ด ธ์ unange⸗ 
nehme nicht von Armuth und Neichthum, von hohem und nie- 
drigem Stande abhängt, ſondern in allen biefen Zällen ziemlich 
gleich fein wird, wenn nicht die eigne Weisheit oder Thorheit 
des Menfchen den Ausfchlag giebt. Dies aber iſt alles mag, 
wir bedürfen, um dag Wefen ber göttlichen ‚Gerechtigkeit zu er⸗ 
bliffen. — Doch indem ich gu Chriften rede, follte ich am mer 
nigften bei den bloß finnlichen Vorzuͤgen des Neichthumg und des 
höhern Standes ſtehen bleiben; es giebt andere, die auf bie hoͤ⸗ 
here Gluͤkkſeligkeit des Menfchen: einen bedeutenden Einfluß zu 
haben fcheinen. Der eine wird erzogen in milden und freundli- 
hen Sitten, welche die Duelle vieler Ungelegenheiten verſtopfen 
und alles unvollkommene, felbft die Augsbrüche der Leidenfchaften, 
welche andern fo oft gefährlich werden, fanfter und unfchädlicher 
machen; ihm ſtehen bie Freuden eines gebildeten Verſtandes und 
eines verfeinerten Geſchmakks offen, Ein anderer entbehrt dies 
alles, er iſt zur Unwiſſenheit, zur fchlichten Einfalt verdammt und 
Kann von feinem ganzen Wefen eine gewiffe Nohheit nicht ab: | 
ſchleifen. Aber geſteht nur, dag für jenen mit den Veranlaſſun⸗ 
gen zur Freude auch die Urfachen des Schmerzes fich mehren, 
mit den Bequemlichkeiten auch die Bedürfniffe und Entbehrungen, 
mit den geiftigen Genäffen auch die Verlezbarkeit und Empfind: 
hchfeit 868 Gemuͤths; zu jeder neuen Thüre, welche. der Freude 
geöffnet wird, fchleicht ganz unbemerkt auch die Klage, der Miß⸗ 
muth und die Befchwerde herein und laffen dem Beſizer ihre 


104 


fchön verzierten aber nicht weniger unangenehmen Gaben zuruͤkk. | 


Je weniger Zurüftungen dagegen zur Gluͤkkſeligkeit gemacht mer; 


ben, je einfacher und ungekünftelter die Freuden des Lebens find, 
deſto tweniger Beſchwerden werden auch empfunden und deflo 


leichter werden diefe wenigen ertragen. So. werdet ihr 6@ fin 


den, wenn ihr die Lebensweife der verfchiedenen Stände in der 
Geſellſchaft und der verfchiedenen Völker auf Erben vergleicht; 
alle äußere Umftände Eönnen zwar auf die Art und Geftalt der 
menfchlichen Zufriedenheit einen Einfluß haben, aber nicht auf 


den Grad derfelben. Die dußern Umftände — dag werben die 


\ 


meiften vielleicht nach einer unparteiifchen Weberlegung zugeben: 
aber die innern Derhältniffe, die eigenthuͤnliche Meifchung der 
Seelenkräfte und. die natürliche Befchaffenheit des. Gemuͤthes! 
Ich weiß nicht, wie ihr hierin etwas bloß natürliches‘ ausſon⸗ 
dern wollt von dem was der Menfch fich felbft erworben hat 
oder eriverben kann: aber mie ihr. auch dieſe Frage bei euch ent⸗ 


ſcheidet, für das, was man Glüfffeligkeit nennt, möchte bei je 


dem ZTaufch wenig เน gewinnen fein. Wolltet ihr veisbarer, em 
pfindlicher fein: ihre wuͤrdet lebhaftere Vergnuͤgungen - genießen, 
aber ihr wuͤrdet auch Schmerzen kennen lernen, von denen ihr 


J jest Feine Vorſtellung habt. Wuͤnſcht ihr kaͤlter und gleichguͤlti⸗ 
‚ger zu fein: ihr wuͤrdet euch manches Leiden erfparen, aber auch 


an der Summe eurer Freuden verlieren. Alles ift gleich unter 
der Sonne, fo muß derjenige ausrufen ber das menfchliche Le⸗ 


ben von allen Seiten aufmerffam betrachtet hat, alles iſt gleich 
\ bis auf dasjenige was der Menfch felbft hinzuthut oder davon 


nimmt. Giebt es Menſchen welchen nur die Laufbahn angenehm 
erſcheint in der ſie ſelbſt wandeln, und andere welchen die ganze 
Welt gluͤkklich zu fein ſcheint, nur fie und ihres gleichen nicht: 
fo werden beide von ihrer Kurzfichtigkeit hintergangen. Wer er 


‚nem andern feine natürliche Gemuͤthsbeſchaffenheit beneiden kann, 
giebt zu erkennen, daß er entweder die feinige nicht: zu beherr⸗ 


ſchen, oder bie frembe nicht zu beurtheilen verfteht, 


I. Doch dieſe Ungleichhelten in Abficht auf ถิ ด 8 irdiſche 
Wohlergehn duͤrfen uns, wie geſagt, bei der Frage uͤber die 
goͤttliche Gerechtigkeit gar nicht die Hauptſache ſein. Theils ſol⸗ 
len uns uͤberhaupt voruͤbergehende und abwechſelnde Empfindun⸗ 


gen nicht das wichtigſte ſein; theils iſt die ganze Reihe derſelben 


um ihrer geringen Dauer willen etwas ſehr unbedeutendes. Es 


begab ſich, daß der arme ſtarb, der reiche aber ſtarb auch, und 


dieſes gemeinſchaftliche Ende ebnet alle Ungleichheiten in dieſer 








-105 


Hinfiht. Der Tod, ob er etwas früher oder ſpaͤter erſcheint, 

macht dem fcheinbaren Elend und ber beneibeten Herrlichkeit ein 
Ende. - Laßt und nun nach Anleitung unferer Gefchichte auf einen 
teichtigern Punkt Eommen, auf einen Punkt, wo die Gerechtigkeit 
Gottes zwar nicht ganz geläugnet, aber dafür von den meiften 
(hr unrichtig geroürdiget wird, auf das Schifffal beider in 
dem Eunftigen Zuftande. Was ftellt ung die Gefchichte der 
wir folgen jenfeit des Grabes dar? Der Erlöfer macht und auch 
bier auf die größte Verfchiedenheit aufmerffam. Der arme ward 
von den Engeln getragen in Abrahams Schooß, er lebte in der 
ſeligen Gemeinfchaft höherer Geifter und frommer Menfchen; ber 
reihe war an dem Drte der Dual. Hier iſt nicht von einer - 
bloß fcheinbaren Verfchiedenheit die Nede, wobei dennoch, wen 
man die Sache von der rechten Seite anfieht, die Veranlaſſun⸗ 
gem zur Zufriedenheit und zum Mißmuth ziemlich gleich vertheilt. 
find: fondern der eine befindet fich durch Veranftaltung Gottes: 
in dem teirflichen Genuß einer Gluͤkkſeligkeit die ihm nichts raus 
ben kann; auf den andern dringen Dualen und unangenehme. 
Empfindungen ein deren er fich nicht zu erwehren im Stande. 
iſt. Vas für eine Erklärung wird uns denn von diefer Ver 
ſchiedenheit gegeben? Gedenke Sohn, ſprach Abraham zu dem 
reichen, daß อ น -gutes empfangen haſt in deinem Leben, Lazarus 
hingegen hat böfes empfangen; nun aber wird er gefröftet und 
du wirſt gepeiniget. Sollen wir dies fo verftchen, als ob der 
jenige der in Diefem Leben gluͤkklich geweſen ift eben deshalb ers. · 
warten müßte, Eünftig ins, Elend geftürzt zu werden? und dage⸗ 

gen der göttliche Rathſchluß denjenigen der hier leiden mußte 


een deshalb in einen feligen Zuftand erheben würde? Dies iſt 


ein Gedanke, der noch unter manchen Chriften Raum findet und 
den ich befonders bei denen angefroffen habe, auf deren Boden 
die Freude eben nicht häufig hervorwaͤchſt; fie tröften fich unter 
den Leiden des Lebens mit dem Gedanken an die Fünftige Se 
ligkeit, und gleichfam triumphirend halten fie denen gegen welche 
fe fich des Neides nicht erwehren koͤnnen den Tod und bie ge⸗ 
wiſſe Erwartung eines bevorfiehenden Elendes entgegen. Dies 
beißt aber fehr unwuͤrdig von ber Gerechtigkeit Gottes denken. 
Ben es mir gelungen ift, euch anfehaulich zu machen, wovon 
ih für mich fehr lebhaft überzeugt bin, daß die ‚Möglichkeit 
ผัน ผี โญ แน fein und der Grad in dem wir es werben koͤnnen 
für ung alle gleich groß iſt und daß jeder ber den andern hierin 
beträchtlich voraneilt, oder beträchtlich ‚hinter ihnen zurüffbleibt, 
dieſes der Anwendung feiner Kräfte gugufchreiben hat: fo werdet 


106 


ihr nicht auf den Gebanfen gerathen koͤnnen, daß Bott dem einen 
feine Gefchikflichkeit die Verhaͤltniſſe des Lebens zu benugen mit 
unabwendbarem Elende vergelten und dem andern bie Nachläfs 
figfeit in feinen eignen Angelegenheiten durch überfchwengliche 
Gluͤkkſeligkeit lohnen werde. Je größer die Vorſtellungen find, 
die wir ung von der Fünftigen Gluͤkkſeligkeit machen, eine befto 
größere Ungerechtigkeit würde in einer folchen Einrichtung liegen, 
und man kann doc) warlich auch in dieſer Hinficht” fagen, daß 
die Leiden diefer Zeit jener Herrlichkeit nicht werth find. Auch 
ift dergleichen weder in der Schrift gelehrt, noch kann es mit 
ber Vernunft und dem Wohl der menfchlichen Gefellfchaft beftes 
ben; ein folcher Glaube, müßte nothiwendig bie Ordnung. det 
Welt umkehren, indem er einen.jeben antreiben würde, in biefem 
Leben fich felbft zu vernachläffigen, das Elend gefliffentlich auf: 
zufuchen, Vergnügen und Freude aber mo fie ihm begegniefen ale 
das größte Uebel zu vermeiden. 

Eben fo wenig aber find wir berechtigt, obgleich es der erſte 
‚ Gedanke der meiften geweſen fein mag, den Zuftand bes Gluͤtks 
und des Elendes der ung bier gefchildert wird als den Lohn der 
Tugend und des Laſters ansufehen. Der. reiche wird ung gar 


nicht als ein unverbefferlicher laſterhafter vorgeftellt: denn Mir 


finden noch Achtung gegen die Tugend bei ihm und Theilnahme 
an dem Wohlergehen anderer; dies find Zunfen des guten die 
noch belebt werden Eönnen und welche die göttliche Barmherzig⸗ 
feit gewiß nicht gang wird verlöfchen laſſen. Auch führt Abre 
ham ihn nicht auf das böfe welches er gethan bat als auf die, 
Urfache feines gegenwärtigen Zuftandes bin; und fo laßt ung 
hierüber nicht mehr wiſſen wollen, als ber Erlöfer felbft dem 
Abraham, einem Manne von großem Rufe der Frömmigkeit und 
der in den Wohnungen der feligen fich befand, in den Mund 
legt. In der That follten wir ung hüten, einen ewigen und un: 
außfprechlichen Lohn für die Tugend die in dieſem Leben bat ge: 
übt werben fönnen, und eine unendliche Strafe für die Verirrun⸗ 
gen und Lafter in melche der Menfch hier verfallen ift ald etwas 
angufehen was von der göttlichen Gerechtigkeit zu erwarten waͤre. 
Wo bliebe denn die gleiche Behandlung, welche das Weſen die: 
fer Gerechtigkeit ausmacht? Hat nicht auch der tugendhafte eine 
Zeit aufzuweiſen, ehe er ſich von ganzem Herzen zum Herrn be⸗ 
kehrte, eine Zeit, da er aller Verirrungen und Laſter zu denen die 
Umftände und feine befondere Gemüthsbefchaffenheit ihn hinfuͤh⸗ 
ren fonnten eben fo fähig war als jeder andere? Befteht nicht 
der ganze Unterfchied zwiſchen beiden nur darin, daß das ganze 





107 

Beben des leztern noch innerhalb jener Zeit Tag, die gluͤkklicher⸗ 
weiſe nur einen Theil von dem Leben des erfteren ausgefüllt har? 
Wollt ihr daraus, daß der leste allerdings mehr Ermunterungen 
zum guten, mehr Aufforberungen bes Gewiſſens und des goͤttli⸗ 
hen Geiſtes vernachläffiget und - eine größere Zeit des Lebens 
verfchwendet hat, den Schluß ziehen, daß er überhaupt der Beſ⸗ 
tung unfähig iſt? Umd wenn ihr anders felöft fromm und gut 
feid, wenn ihr die Volbringung des göttlichen Willens höher 
(hät als den Genuß des Vergnügens: was werdet ihr euch 
wol lieber aus der Hand des Höchften erbitten, eine Gluͤkkſelig⸗ 
keit die nicht wäre ald Belohnung und Genuß, oder_eine folche 
Veranſtaltung welche euch in den Stand feste, dem Ziele ber 
Volfommenheit noch näher zu kommen und. Gott noch ähnlicher 
und twohlgefälliger zu werden? Und dies führt ung darauf,‘ was 
wir eigentlich im Abſicht auf jeden fünftigen Zuftand von der 
göttlichen Gerechtigkeit zu erwarten haben, dieſes nemlich, daß er 
dem hoͤchſten Bedürfniß eines jeden, es .fei nun ber Webergang 
vom böfen zum guten, oder die fernere Annäherung zur Voll-. 
tommenheit, werde angemellen fein. Ob nun diefes durch ange⸗ 

nehme oder. unangenehme Verhaͤltniſſe werde. zu erreichen fein, 
muͤſen wir zwar lediglich der hoͤchſten Weisheit überlaffen: doch 
fönnen wir einfehen, mie bie Güte Gottes die einem jeden dag 
befte gönnt fich gegen denjenigen, der am meiften im guten be> 
fefiget if, auch am freigebigften werde beweiſen fünnen. Mir 
โล ห แต | aus ber Hehnlichkeit mit dieſem Leben wohl ſchließen, daß 
Deraubungen des angenehmen und Unfälle allerlei Art ein wirk⸗ 
ſames Mittel fein Eönnen, den Menfchen zur Befinnung darüber 
zu bringen, wie das Gluͤkk und dag Vergnügen, dem er fein: Ge⸗ 
wiſſen aufgeopfert hat, doch nicht. ficher zu erlangen fei, ein Mit: 
tel ihm die Größe dieſes Dpfers recht fühlbar zu machen und 
ihn alfo zur Vernunft und zum Gehorfam gegen Gort zuruͤkkzu⸗ 
fuͤhren. Wir koͤnnen uns erklaͤren, daß derjenige der es แน einer 
gewiſſen Staͤrke im guten gebracht hat auch der mancherlei Uebel, 
welche dem rechtſchaffnen in dieſem Leben als Verſuchungen und 
Pruͤfungen zugetheilt werden, am eheſten werde entrathen koͤnnen 
und geſchikkt ſein werde aus allem was ihm begegnen mag, ſoll⸗ 
ten es quch ununterbrochene Freuden ſein, Vortheil fuͤr ſeine Hei⸗ 
ligung zu ziehen. Das iſt es, was wir auch in den Beiſpielen 
unſeres Textes ſehen. Der reiche hatte ſich, wie es ſcheint, 
wenn er auch von offenbarer Laſterhaftigkeit frei war, doch nur 
zu ſehr vom Vergnuͤgen beherrſchen laſſen und aus Schwachheit 
den größten Theil feines wahren Berufs vernachläffiget; es war 


108 


alfo fein Bebärfniß, entfernt von ben Werführungen been ค 
untergelegen hatte, auf eine andere Art zum Nachdenken gebracht 
zu werden und feine fitelichen Kräfte zu üben; und fchon dieſe 
Entfernung, อ ิ โต [68 Unvermögen den Durft nach finnlichen Freu— 


den zu loͤſchen mußte ihm feinen Zuftand anfänglich‘ zu einem 


‚Drte der Dual machen. Der arme hatte Gelegenheit gehabt in 
der traurigen Muße ber Dürftigkeit und des Siechthums allerlei 
gute Gefinnungen in fich zu erwekken; er hatte fie redlich bemut 


und Eonnte- alfo in der Schule des Ungluͤkks nichts weiter In 


nen. Hingegen hatte es ihm in feiner vorigen Lage an einem 
Wirfungstreife gefehlt, um alles was in ihm เห ล ะ recht thäfig 


und möglich zu machen, und Dies ift fein Beduͤrfniß, welches 
durch bie Verſezung in einen gfüfflichen und thätigen Zuſtand 


geftift wird. So iſt alſo aud) diejenige Werfchiedenheit welche 
in dem kuͤnftigen Zuftande der Menfchen- ftatt finden wird. nicht 
als eine Aeußerung der göttlichen Gerechtigkeit, die einem jeden 
geben wird, nachdem er bedarf. 


‚IH. Dies führt ung wiederum in dieſes irdiſche Leben zu⸗ 
ruͤkk auf eine andere Frage, die ebenfalls die göttliche Gerechtig⸗ 
keit betrifft... Wenn nemlich die Befchaffenheit unferes Fünftigen 
Zuſtandes, es ſei nun als Vergeltung oder als Beſſerungsmittel, 
doch von den Fortſchritten abhaͤngt, welche wir waͤhrend dieſes 
Lebens im guten gemacht haben: fo fragt ſich, hat denn die Vor 
fehung. ung allen zu diefen Fortſchritten gleiche Gele 
genheit gegeben und gleichen Beiſtand geleiftet? vertheilt fie 
auch dasjenige เ ๒ ๑ 8 den Menfchen zur. Beſſerung dienlich fein 
kann in dieſem Leben mit derfelben unparteiifchen Gteichheit? 
Dies ift, wie wir alle voiffen, die große Klage der Menfchen 
über die göttliche Gerechtigfeit; hier. glaubt jeder fich zurüffge 
fest zu fehn gegen die welche ſich beſſer zeigen als er. Auch 
hierüber finden wir in unſerer Gefchichte einen befriedigenden 
Auffchluß. In: der Bitte welche der reiche thut, um für die 
Bekehrung - feiner hinterbliebenen Brüder zu forgen, feheint der 
Vorwurf verftefft zu liegen, daß er felbft während feines Lebens 
auf Erden hierin nur ſchlecht bedacht geweſen ſei; er ſcheint zu 
glauben, daß man in einem Zuſtande, wo die Verfuͤhrung ſo 


groß iſt, der Billigkeit nach auch einer außerordentlichen Huͤlfe 


genießen ſollte. Abraham aber, der von den Wegen des Hoͤch— 


ſten beſſer unterrichtet ſein mußte, weiſet ihn mit ſeiner Klage 


zuruͤkk zu den Huͤlfsmitteln, die damals einem jeden zu Gebote 


ſtanden. Eben fo iſt es mit den Beſchwerden, welche unter und 





109: 


geführt werben. Einige fühlen, daß ihre Jugend. gänzlich ver · 
nachläffiget wurde, und fehen dagegen andere forgfältig und ver: 
nänftig anferzogen; einige find beftändig den Verführungen der 
böfen bloß geftellt und fehen dagegen andere gleichfam durch 
einen Wal ย อ น gunkigen Umftänden und guten Menfchen gegen: 
das Andringen der böfen geſchuͤzt: und Dies ſcheint allen eine 
[ ungleiche Beranftaltung Gottes zu ihrer Befferung zu fein. 
ber fie haben dennoch nicht Urfache fich zu beklagen; denn wir 
haben nicht nur alle als Ehriften die Schrift und das darin 
enthaltene Wort Gottes, fondern auch alle als Menfchen die 
Stimme. der Vernunft und die Nathfchläge eigner und fremder 
Erfahrung. Der. Antheil den wir hieran haben macht ung in - 
dee That alle gleich, denn es kommt nur darauf an, wie wir 
ihn zu unferm Vortheil benugen. Ihr beneidet den einen um die 
torgfältige Erziehung welche er genoflen hat: fehet doch an taus 
ſend traurigen Beifpielen, wie wenig damit geholfen ift, wie 
(nel alles anfcheinende gute welches auf dieſem Wege in ben 
Nenſchen gefommen ift wiederum verfliegt, wofern er nicht, for _ 
bald er fich ſelbſt wberlaffen wird, auf demfelben Wege fortgeht 
und ihr Merk Durch den fernern Gehorfam gegen feine eigene 
Vernunft befeftiget und Eröntz feht an .andern gewiß nicht. felte- 
nem und eben fo lehrreichen Beifpielen, mie -ficher und oft auch 
tie leicht Diejenigen, die von Eifer für dag gute befeele find, 


die Spuren einer vernachläffigten Jugend verwifchen. hr klagt 


über die. böfen Beifpiele von denen ihr umgeben feid:. ich fage 
euch aber, wern ihr ein Ohr habt für die. Stimme eures Ge⸗ 
wiſens und ein Auge für das was um euch ‚her vorgeht, fo 
werden euch alle böfen Beifpiele nur Iehrreich und warnend fein; 
fehle 68 euch daran, fo werben alle dem guten günftigen Um: 
fände und Verbindungen vielleicht den Ausbruch eurer böfen 
Neigungen verhindern, aber das innere eures Gemuͤthes, worauf 
alein Sort ficht, wird um. nichts befler fein, denn ihr werdet 
immer mit quaͤlender Lüfternheit nach denen hinfchielen Die jene 
Neigungen befriedigen koͤnnen. hr klagt über die Verfuchungen 
der Armuth: ich ‚fage euch, ber gemächlichere Zuftand hat auch 
die feinigen und mit demfelben weichen und verführbaren. @e: 
muͤthe würdet ihr eben fo geneigt worden fein dieſen nachzuge⸗ 
ben, als ihr euch jegt von jenen. gebrufft fühle Seder der ver 
Ihiedenen Kreife des gefellfchaftlichen Lebens, jede denkbare Der: 

bindung äußerer AUmftände bietet Werfuchungen dar und auch 
Huͤlfsmittel zur Befferung. Saget nicht, daß andere Verſuchun—⸗ 
gen euch wenigſtens leichter und unfchädlicher geweſen fein wuͤr⸗ 


— 


110 


ben: es tft dieſes nur eine fcheinbare Verkleinerung, welche die 
Entfernung verurfacht. Saget nicht, daß andere Huͤlfsmittel euch 
heilfamer geweſen fein würden: denn fie enthalten alle auf gleiche 
Weife die einzige wahre Argenei für das menfchliche Gemüth, nur 
anders geftaltet und verkleidet. Was für außerorbenliche Unter 
flügungen ihr euch auch wünfchen möget, es feien nun folche bie 
andern wirklich zu Theil werben, ‘oder foldje die nur eure Ein 
bildungstraft euch als etwas mögliches vormahlt: fie fönnten | 
euch doch nichts anders gewähren als einen neuen Ausdrukk von 
den Tänäfterfannten Geboten der Vernunft und des Gemiflene, 
ine neue Darſtellung des innern Unterfchiedes zwifchen dem gu 
. ten und böfen. Wünfcht ihr nun eine folche Wirkung auf aut 
Herz, die durch das hervorgebracht: wird was allen Belehrungen, 
allen Ermunterungen zum guten gemein ift: fo braucht ihr nichts 
fremdes oder entferntes zu verlangen; was ihr ſucht ift nahe bi 
euch vor euren Augen. Wuͤnſcht ihr eine folche Wirkung, die 
nur auf den begleitenden Umftänden, auf den: äußern DVerhält 
“ niffen, auf dem angenehmen“oder neuen der Einkleidung beruht: 
fo feid verfichert, dies ift, nicht diejenige die euch felig machen 
würde. Höret ihr Mofen-und die Propheten nicht: fo wuͤrdet ihr 
auch nicht glauben, fo jemand von ben Todten zu euch kaͤme. 
Auch hier alſo fehen wir bei aller Mannigfaltigkeit Feine Vernach⸗ 
laͤſſſgung des einen, keine Beguͤnſtigung des andern, ſondern die 
unparteüſche Gleichheit. Wir alle haben Schrift, Vernunft und 
‚Beifpiel; „Feiner hat etwas mehr, denn in der That Fann bie Ab 
macht felbft. nichts weiter zu unſerer Befferung beitragen. 

Ihr feht hieraus, und möchte fich diefes doch .euch allen 
recht einfchärfen, daß der Glaube. an die göttliche Gerechtigkeit 
“und der Glaube an die Kraft und Unabhängigkeit des menfhli 
"hen Willens fo genau mit einander zufammenhängen, daß dt 
eine gleichfam nur die andere Seite des andern if. Wollt iht 
annehmen, daß der Unterſchied, welcher nach Entfernung jenes 
falſchen Scheines der ihn unglaublich vergroͤßert doch noch uͤbrig 
bleibt in dem Wohlbefinden der Menſchen, eine nothwendige Folgt 
ihres aͤußerlichen Zuftandes und nicht vielmehr größtentheild in 
der Befchaffenheit des Gemuͤthes gegründet iſt; oder wollt ihr 
war annehmen, daß der eine ein Gemuͤth habe mit dem er unter 
allen Umftänden gluͤkklich geweſen fein würde, und ber andere ein 
folches das ihn allemal unglüfklich gemacht hätte, daß aber je 
der dag feinige-aus der Hand Gottes fo empfangen habe wie es 
ft, oder daß es durch das Zuſammentreffen der Umftände [0 9% 
worden fei, ohne daß er durch fein Nachdenken und feinen Wil⸗ 








111 


[ต dag geringfte daran ändern Eönne: ๒ werdet ihr die Vertheh 


hung welche Gott angeordnet hat um fo ungerechter. finden, je 
mehr Werth ihr auf Gluͤkkſeligkeit und Wohlbefinden legt. Wollt 


ihr annehmen, daß auch die. Achtung für dag Gewiſſen und ber : 


Teieb zum guten, Worauf, wie wir gefehen haben, bei der Bef- 
ferung des Menfchen alles ankommt, ebenfalls ein Werk der Er 
jiehung und der äußern Lage iſt: fo müßt ihr nicht nur den ſchwa⸗ 
hen und unvollkommnen, ihr müßt auch den Böfewicht und den 


verruchten frei fprechen und muͤßt alle Schuld auf Gott werfen; | 


und feine Gerechtigkeit muß euch etwas ganz fremdes und under 


greifliches fein. Begreift ihr aber das Weſen dieſer göttlichen 


Eigenfchaft fo wie ich bemüht gemwefen bin es euch barzulegen: 
ſo muß alsdann auch euer Urtheil über die Einrichtung der Welt 
ganz anders ausfallen, als wir es bei den meiften Meunſchen fins 
den. In diefer Mannigfaltigkeit des menfchlichen Lebens, wenn 


dennoch Die nöthige Gleichheit darin ſtatt findet, zeigt fich die 


göttliche Weisheit in ihrer ganzen Größe. Wir dürfen nicht erft 
auf eine Enthuͤllung bderfelben in der Zukunft Hoffen, wir fehen 
he jet fchon deutlich vor und. Alle Vorftellungen yon einem 
parteüſchen Schikkſal werden verbannt, und wir muͤſſen die Re 
gierung des Höchften völlig freifprechen von jener Unvollkommen⸗ 


heit, die, auß welcher Urfache es auch fei, etwas unverftändliches 


und nicht "ebenmäßiges in ihren Werfen laſſen muß. Zugleich 
โฆ น diefe Einficht in die göftliche Gerechtigkeit allein die Zufrie⸗ 
denheit mit unferm Zuftande vollenden; fie benimmt uns nicht nur 
ale Beranlaffung zum Neide, fondern Fie löfet auch eine andere 
Schwierigkeit, die für ein das gute und die Gerechtigkeit: lieben: 
des Gemuͤth noch weit drüffender ift, fie beruhigt ung nemlich 
auch über die Vorzüge welche wir vor andern zu genießen fehei- 
nen. Wir ale Ieben in dem Stande der Mittelmäßigfeit, und 
biele unter unfern Brüdern fichen an Vermögen und: Gluͤkksguͤ⸗ 
tern über ung; ich hoffe aber zu eurer chriftlichen Denkungsart, 
daß ihr nicht auf dieſe allein feht, ſondern auch auf bie warlich 
nicht geringe Anzahl derer, die noch unvermögender find. als ihr 


und in einem ſchweren Kampf. mit allerlei druͤkkenden Umftänden. . 
Vaͤre nun der Unterschied des Wohlbefindens in der That ſo groß 


als er zu fein ſcheint und waͤre er Iediglich eine Folge jener Um: 
fände: welches unruhige und aͤngſtliche Bewußtſein müßte euch 


nicht den Genuß eines Vorzuges verbittern, zu dem euch nichts 


berechtiget, den ihr ก น ะ einer unerFlärlichen Vorliebe des Him⸗ 
mels verdanken könntet! MWarlich der. beglüfftefte, in fo fern er 
ein unverdorbenes und billiges Gemuͤth haͤtte, muͤßte der gequaͤl⸗ 


112 

teſte fein. — Wir haben alle Anthell an den Belehrungen der 
Religion, wir genießen von Jugend auf einen befferen Unterricht, 
wir leben unter Gefezen und Verfaffungen, die ung ย อ บ böfen 
entfernen, in Verbindungen die ung gu manchem guten aufmuns 
tern und e8 ung erleichtern; wenn es wahr wäre, daß diejenigen 
die einen. oder den andern von biefen Vorzuͤgen .entbehren auch 
den Beiftand des Höchften zum ‚guten in einem geringeren Grade 
genöffen; wenn dasjenige was wir für unfere eigne That halten, 
indem wir jene Anleitungen benuzen, doch im Grunde wiederum 
das Werk der Umftände wäre: wie wenig duͤrften wir ung dann 
über unfere Tugenden freuen, da wir fie nur als ein auf Koften 
anderer erlangtes Gut anfehen Eönnten! wie wenig dürften mir 
von ihnen auf unfern perfünlichen Werth fchliegen, da fie nur 

das Werk einer höheren .Gunft und Vorliebe wären! Nur wenn 
wir wiſſen, daß wir ale eine gleiche Augftattung erhalten und 
dag unfer Wille, unfere TIhätigkeit das übrige thun muß, Eönnen 
wir die geiftigen Güter die wir erwerben ruhig und. rechtmäßig 
genießen. — Die Schrift Iäßt ung, wenn wir treulich Das un 
frige thun, nach dieſem Leben einen. gluͤkklichen Zuſtand hoffen, 
zugleich zeigt ſie uns, daß zuͤchtigendes Ungluͤck derer wartet, 
die ſich hier nicht wollten vom goͤttlichen Geiſte regieren laſſen; 


wenn jenes gute uns nur als eine uͤberſchwengliche Belohnung 


fuͤr dasjenige dargereicht wuͤrde, was keinen Lohn verdient, und 


dieſes Uebel nichts waͤre als eine ewige uͤberſchwengliche Strafe 


fuͤr Fehler, die auch uns beguͤuſtigten ehedem nicht fremd waren: 


mit welchem widerſtrebenden. Herzen würden wir eine Gluͤkkſelig- 


feit hinnehmen, die nur ein unbilliges Gnadengefchenf des Hoͤch⸗ 
fien wäre! St aber das Loos welches jedem zu Theil wind 
genau nach feinen Beduͤrfniſſen abgemeſſen: dann und nur dann 
ร อ ก ก อ ก wir das was ung gu Theil wird ruhig hinnehmen, über: 
zeugt daß andere zu gleichem Endzwekk einer ganz andern Hülfe 
benöthiget find. So koͤnnen wir ung demnach ohne alle Bedenf: 
lichkeit. felbft von Seiten unferer garteften und uneigennügigfien 
‚Gefühle der Leitung des Himmels überlaffen und der Meisheit 
und Liebe Gottes um ſo ficherer und fefter vertrauen, weil wir 
wiffen, dag er zugleich überall ein gerechter Sort if. 


— iii. __. 








113. 


ME 
Das Leben und Ende. des trägen. 


. 


Mn es einem Menfchen an dem lebendigen und Eräftigen 
Billen fehlt, Der auf das gute allein gerichtet ift, der jedes in 
nere Bermögen in Bewegung fest, jedes äußere Verhaͤltniß nuzt, 
1 ๓ Augenblikk des Lebens - ausfauft, um auf eine dem Willen 
Gottes und den gerechten Forderungen der Gefellfchaft angemefs 
fene Urt thaͤtig zu fein: fo iſt er entweder ein Spiel finnlicher Bes 
gierden, deren Ausartung in heftige Reidenfchaften er nicht immer 
verhäten kann, oder fein Trieb zu wirken wirb durch Feinen Ges . 
genftand in Die gehörige Bewegung gefezt und er verbringt fein 
Ehen in unwuͤrdiger Trägheit. Das böfe, mwenigftend diejenigen 
Arten deffelben die am. allgemeinften dafür erkannt werden und 
am twenigften verborgen bleiben koͤnnen, iſt freilich größtentheilg 
das Werk unordentlicher Begierden. Um dieſe zu befriedigen 
wird ein Lebensweg eingeſchlagen, der den Vorſchriften des Rechts, 
der Liebe und der Weisheit gerade zuwiderlaͤuft; und wenn dann 
die Ordnung der Natur die übertretenen Gefege der Vernunft 
rächt, ober menn der wolluͤſtige, ftürmifche, herrfchfüchtige Sinn 
gar in folche Thaten ausbricht, Denen die Strafen der Sefellichaft. - 
folgen: fo wird ein Beifpiel aufgeftellt, welches Iehrreich genug 
it für ale die fich ähnlichen Verſuchungen ausgeſezt fühlen. 
Eie find. fo wenig felten dieſe abfchreffenden Beifpiele,- daß auch 

ter nur einen engen Kreis mit feinen Blikken umfaßt durch folche 
Beobachtungen hinreichend gewarnt fein kann vor allen Leidens. 
(haften der Jugend und des reiferen Alters. Aber der entgegen 
gefegte Fehler, nemlich Die ZTrägheit der . menfchlichen Natur, 
wird um defto Leichter überfehen und von "vielen gering geachtet; 


oa 


ein Fehler, der zwar im eingelnen nichts eben ſo ſchrekkliches zeigt 
als jener, der aber das Gemuͤth ſo herabwuͤrdigt, daß er unſern 


| E lebhaffeften Abfchen verdient, und deffen Folgen im ganzen fo 


wichtig find, daß ich fagen darf, er habe an allem Elend und 
‚Berderben das in der Welt angetroffen: wird einen weit größeren 
Antheil als alle heftige Leidenfchaften zufammiengenommen. Viel⸗ 
leicht werben viele unter euch dieſes für eine Uebertreibung hal. 
‚ten. Wie, werdet ihr fagen, zerftört denn. der träge bie Ordnun— 
gen der Gefellfchaft? verführt er junge Gemüther? begeht a | 
Schandthaten? finden wir nicht oft ein fehr gutes Herz bri 
einem ziemlichen Mangel an Kraft und Thätigkeit?. — Was das 
gute Herz betrifft, meine Freunde, ſo ift es nicht immer leicht 
zu willen was damit. gemeint wird; verſteht ihr aber Darunter | 
Luſt und Willen zum. guten, fo ift es mit Feiner Traͤgheit ver: 
einbar. Warlich, wer guten Willen hat, dem thut nicht Noth 
am Markte zu fichen: und su warten big ihn jemand dinge zu 
fremder Arbeit! e8- giebt in jedem Augenblikk etwas gutes und 
des Menſchen wuͤrdiges zu thun, und wer es nicht thut, der will 
entweder etwas anderes, oder er will nichts. Wenn es dem 
daran, was den Menfchen allein. achtungswerth macht, dem traͤ 
‚gen eben ſowohl fehlt als dem leidenfchaftlichen: fol ich nicht 
denjenigen ‚der nur dann und wann durch. verfehrte Handlungen 
die Geftalt eines vernünftigen Weſens fchändet mit geringerem 
Widerwillen betrachten, als den der durch fortgeſezte Unthaͤtigkeit 
ſich des Namens eines beſeelten Geſchoͤpfes faſt unwuͤrdig madıt? 
Gegen jene verkehrte Handlungen giebt es Vorſi chtsmaaßregeln, 

Geſeze, Strafen; und wißt ihr einen leidenſchaftlichen Menſchen 
recht zu ergreifen, wißt ihr die Endzwekke denen er nachgeht mit 
irgend etwas gutem in Verbindung zu bringen: ſo wird er doch 
ein ‚Werkzeug dazu, wenn er auch die Abficht nicht mit euch theilt. 
Aber wie wollt ihr einen unthätigen Menfchen zu irgend etwas 


- „bewegen? was kann wohl gutes daraus hervorgehn, daß cr da 


fieht auf Gottes Erde? Auch irrt ihr, wenn ihr meint, er ließe 
‚doch jeden gewähren und man koͤnne ihm nur dag Unterlaffen 
des guten vorwerfen “welches er felbft billigermweife haͤtte thun 


ſollen. Nein, die Traͤgheit ſezt der Vermehrung und Ausbreitung 


des guten einen ſehr ſtarken Widerſtand entgegen und zwar einen 
ſolchen der am ſchwerſten zu beſiegen iſt; die Traͤgheit hat eben⸗ 
falls ihre Laſter und es ſind grade die niedrigſten und veraͤcht⸗ 
lichſten. Davon denke ich euch zu uͤberzeugen, wenn ihr mir zu 
einer naͤhern Betrachtung dieſer Gemücheverfaffung eure Yufmerb 
fomfeit ſchenken wollt. 








'115 


Tert. Spruͤchw. Sal. 21, 25. 


Der faule ftirbt über feinen Münfchen: Senn feine | 
Hande wollen nichte thun. 


In dieſen wenigen Worten liegt eine ſehr getreue und reich⸗ 
haltige Beſchreibung von dem Zuſtande und der Lebensweiſe des⸗ 
jenigen ber ſich der Unthaͤtigkeit uͤberlaͤßt. Der träge Menſch iſt 
nicht immer der gefuͤhlloſe, der gleichguͤltige; er iſt nicht noth⸗ 
wendig ohne alle Unterſcheidung des beſſern und des ſchlechtern, 
ſo daß ſein Gemuͤth nicht von dem einen angezogen und von dem 
andern abgeſtoßen werden ſollte; er moͤchte vielmehr ſehr gern 
dieſes oder jenes ſein und beſizen: aber, was es auch ſei, An⸗ 
ſtrengung iſt ihm immer ein zu theuerer Preis. Dieſe zu vermei⸗ 
den und wo moͤglich etwas anderes an die Stelle der eignen 
Thätigkeit zu ſezen, das iſt fein eigenthuͤmliches Tichten und Trach⸗ 
ten. Wir wollen auf den Erfolg deſſelben Acht geben und uns 
ſo nach dem Sinne des Textes 

das Leben und Ende des traͤgen vor Augen brin⸗ 
gen. Wir ſehen dabei auf zweierlei, 

erſtlich, wie es ihm ergeht in Abſicht auf fein irdi— 
ſches Wohlbefinden, und. 

zweitens, wie weit er es bringt in Ab ſicht auf ſeine 
hoͤhere Beſtimmung. 


1 Der. fräge verſchmaͤht eigentlich nicht von dem worin 
Menfchen ihre Gluͤkkſeligkeit ſuchen; er möchte e8 alles gern, nur 
fine Hände wollen nichts thun. Dies ift das Unvermoͤgen das 
ihn überall begleitet, dies die erſte vorläufige Bedingung feis 
ned Beſtrebens nach) Vergnügen, nad) Wohlſtand und nach 
Achtung bei den Menſchen. 

Ein vergnuͤglicher Zuſtand, ſo denkt e, entftehe doch 
allemal aus einer Einwirkung auf das Gemüth, es fei nun da 
Gegenftände die ſich dazu eignen unfere Sinne berühren, ober 
daß wir ung an gewiſſen Gedanken und an ihrer Verbindung ers 
ง น์ Warum fol ich alfo diefe Gedanken felbft hervorbringen? 
warum soll ich den Gegenftänden felbft Die Zubereitung geben 
welche fie zu Urfachen des Vergnügens macht? Mein, ich will . 
mich mitten unter fie hinftellen, da wo fie ſchon fertig und bereit 
find, und mit den angenehmen Spielen des Wizes und ber Eins 
bildungskraft will Ah mich von andern unterhalten laffen. Mit 
diefem Entſchluß befucht er alle die Derter wo das Vergnügen 
ausdruͤkklich ausgeboten wird, die Öffentlichen Ergözlichkeiten, bie 

0 0 22 | 


116 
glängenden Zefte, Be sablreichen Verſammilungen: leidend als 


moͤglich will er alles genießen was da zuſammengehaͤuft iſt. Die 
angenehmen Geſellſchafter, die Kuͤnſtler des Wizes und der guten 


Laune, die heitern, fröhlichen Menfchen, die aus allem eine Ber | 
anlaſſung zur Freude zu ziehen und dazu jeden Eleinen Vorfall zu 


—— — 


bearbeiten wiſſen, zu dieſen draͤngt er ſich hin; denn ſie bringen 
den Funken des Vergnuͤgens ſchon brennend herbei, fie zaubern 
ohne ſein Zuthun Wohlgefallen und Laͤcheln bis in ſeine Mienen 
und auf feine Lippen hin. Dies ſcheint eine ſehr weiſe und ſinn 
reiche Art die Gluͤkkſeligkeit zu ſuchen; auch will ich nicht fragen, 


was mol aus unferm Leben werben follte, wenn jeber es fo den 
andern überließe, unter dem Schutt der Sorgen und der Gefchäfte 
die Freude hervorzugiehn. Hat doch Gott den der fie herbei 
fchaffen :werfteht neben dem gemacht ber fie. nur hinnehmen und 
ſich mittheilen laſſen kann; und fo möchte immer biefer genießen, 
mag jener ihm darbietet — wenn er es nur genießen koͤnnte. 
Aber er kann eg nicht. Das Vergnügen iſt eine Blume die zwar 


von ſelbſt, aber nur in fruchtbaren Gärten und in wohlangebaw | 


ten Feldern waͤchſt. Nicht daß mir unfer Gemuͤth bearbeiten fol: 
ten um fie zu gewinnen: aber .wer es nicht bearbeitet hat, bei 
dem wird fie nicht gedeihen; wer nicht etwas nuͤzliches und wuͤr⸗ 
diges in ſich hervorgebracht hat, der wuͤrde ſie vergeblich aus⸗ 
ſaͤen. Auch derjenige der es am beſten verſteht kann zum Der 
gnuͤgen eines andern nichts weiter beitragen, als daß er ihm das⸗ 
jenige mittheilt was die Grundlage des feinigen if. Wer nım 
Diefen gleichfam rohen Stoff nicht für fich zu bearbeiten und fich an 








zueignen weiß, wer nicht feine Sinne verfeinert, feinen Gefchmaft 


außgebildet, fich einen Schaz von Gedanken, eine Mannigfaltig 
keit von Beziehungen, eine eigne Anficht der Welt und der menſch⸗ 
lichen Dinge erworben bat, der weiß Eeine Gelegenheit zum Vers 
grügen zu benuzen, und grade das vorzuͤglichſte geht am ſicher⸗ 
ſten fuͤr ihn verloren. Eure Erfahrung wird mir beiſtimmen. 
Oder ſind es etwa nicht die traͤgen, denen ſelbſt die zur Erholung 
beſtimmte Zeit ſo ſchwer auszufuͤllen iſt? die uͤberall den Ueber⸗ 
druß und die Langeweile wiederfinden? von denen wir die ewi⸗ 
gen Klagen uͤber die Duͤrftigkeit und Einfoͤrmigkeit des Lebens 
hoͤren muͤſſen? die ſich uͤber die geringen Talente der Menſchen 
zum geſelligen Umgang und uͤber die Unzulaͤnglichkeit aller Anſtal⸗ 
ten zur. Freude am bitterſten beſchweren? Es geſchieht ihnen 
ด ผล benn der Menfch fol nicht erndten, w wo er nicht ge⸗ 
et hat. 


| 117 | | 
Jedermann firebt nach einem gewiſſen Wohlftande, nach 


einem folchen Vorrath von dußern Gütern, wodurch wir manche 


Unbequemlichkeit von ung. entfernen und ung einen verhältnißmds 
figen Antheil an den AnnehmlichFeiten des Lebens fichern Eönnen. 
Der träge firebt auch darnach, aber ‚feine Hände wollen nichts 
thun. - Wie wahr. es ift was das Sprichwort ſagt, Und wenn 
ber Hunger fieben Jahre wanderte, er fände doch Fein Nachtlas 
ger in dem Haufe des fleißigen; wie fich das noch jest bewaͤhrt, 
opnerachtet wahre und eingebildete Beduͤrfniſſe fich immer mehren 
und die Befriedigung derfelben auf. mancherlei Art erſchwert wird: 
darauf ſieht er nicht, dag will er zu feinem: Vortheik nicht antwene | 
den. Der Wohlftand der auf jenem rechtlichen und muͤhſamen 
Wege zu erlangen wäre ift ihm etwas zu geringes; er bat ein 
größeres Ziek vor Augen, er möchte 68 fo weit darin bringen, 
daß er für die Zukunft alle Mühe fparte,. daß er nur zu. befehlen 

und zu geben brauchte, um zu haben und zu genießen. ber bie 
da reich werden wollen, fallen im Verſuchung und Strikke, und 
am meiften die es in Trägheit zu werden. gebeufen. Auch Die 
unerfättliche Begierde erzeugt auf: diefem Felde des menſchlichen 
Handens ein unrechtliches Wefen: aber mas ber eigennuͤzige bes 
geht iſt wenigſtens nicht zugleich fo verächtlic und: verworfen, 
als dasjenige was der träge vornimmt. Statt zu erwerben und 
tu verdienen will ein folcher gewinnen und erfchleichen;. dem blin⸗ 


den Zufall will er alles verdanken, oder ber. unverdienten Gunſt. 


Er ſchleicht fich ein bei. der gutmüthigen Einfalt und betruͤgt ihre 
angehörigen um die gerechteften Erwartungen; er läßt fich unters 
halten auf Koften des gemeinen Weſens ohne: etwas für daffelbe 
gethan zu haben; oder en hängt fich an ein gewinnverſprechendes 
Spiel und baut auf den unfinnigften Aberglauben bie betruͤglich⸗ 
fin Hoffnungen — nur um nisht an, Die Nüzlichkeit des Fleißes 
und an die Nothwendigkeit der Arbeit zu glauben. Sehet ba bie . 
Lafer welche die Trägheit erzeugt, die niedrigſten ‚Arten der 
Heuchelei und des Betruges! fehet da die Keime der Zerflörung, 
durch welche fie ale menfchliche Verbindungen vergiftet. - Allein . 
wer [6 gar nicht handelt, wird der wohl etwas erlangen? Die 
Vorfehung hat den Menfchen: nichts ohue Mühe und Arbeit ges 
geben; Schmeichelei und Gunſtſuchen ift freilich ein harter Dienfl, 
und er findet -ouch wohl noch feinen Lohn: aber doch ift jene all» 
gemeine Verbindung ber menfehlichen Dinge, in dev alles. feſt ge- 
gründet เพี was wie oft thörichterweife dem Zufall ‚sufchreiben, 
fie ik nicht Darauf eingerichtet benjenigen zu begünftigen - ber fi) 
in irgend einem Stuͤkk lediglich darauf verlaffen wi Darum. 


118 


rukht kein Segen auf dem was je ſo erworben iſt, es harret nicht 


and. Auf verbotnem Wege, das wiſſen wir alle, iſt theuer fah⸗ 


ven; erichlichnes Gut liegt nirgends ficher geung- verfchloffen, und 
in jedem Spiele gewinnt nur der welcher es unterhält. 
- Die Achtung unferer Brüder halter wir alle auch in Br 





ziehung auf unfer Wohlbefinden für- ein großes Gut. Das Der | 
trauen auf unfere Nechtfchaffenheit, der Glaube an unfere Talente, 
der daraus entfpringende Wunfch näher. mit ung verbunden แ 
- fein und unfer Wohlwollen zu gewinnen, dag ift oft ein beflerer 
Schaz als vieler Reichthum. Das erkennt auch der träge. Wenn 
nur die Menfchen an feine Geſchikklichkeiten glauben wollten, 
ohne daß er nöthig häffe- irgend etwas muͤhſames und vollfom - 


menes hervorzubringen! wenn ſie fich nur andere Beweiſe feiner 
Medlichkeit und Menfchenliebe gefallen ließen als Thaten! wenn 
ſie nur. eine andere Bürgfchaft für feine Weisheit annehmen wolk 


ten, als verftändige Neden, guten Rath und ein gefundes eigned 


Urtheil über die Vorkommenheiten des Lebens! Ein Lehrer, ein 


Mathgeber, ein Helfer der Menfchen zu fein, das ift ihm zu ſchwer. 


Darum geht er darauf aus, daß fie nicht, ſowol ihm als viel— 
mehr fich felbft in ihm finden, lieben und ehren follen; er wird 
ihr Spiegel, ihr Nachahmer, ihr Sprachrohr; ihr Wiederhall. 
Statt ſich zu einer wahren Ehrliebe zu erheben kriecht er in kin⸗ 


diſcher Eitelkeit umher, die durch erbaͤrmliche Kleinigkeiten die 


Aufmerkſamkeit der Menſchen feſſeln und durch leeren Schein glaͤn⸗ 
zen will; ſtatt etwas tuͤchtiges gu verrichten halt er nur mit Ge⸗ 


nauigfeit über äußeren Gebräuchen; bie -hergebrachte Sitte ift feine 


Tugend und die berrfchende Meinung ift fein Verftand. Haltet ihr 
dies für eine verzeihliche Schwachheit, ſo bedenkt, daß nichts ge⸗ 


rringeres darin liegt als ein Widerſtreben gegen alles beſſere, Alk 


Fortſchritte Im menſchlichen Wiſſen und Leben werden dadurch ge 
hemmt, der Kampf des Lichtes. und der Sinfterniß wird erſchwert, 
das Neich der Worurtheile und des Aberglaubens mird- gefchit 
und verlängert, Und was iſt der Ertrag? Eingang findet cin 
ſolches Betragen wol bei vielen Menfchen: aber fo leicht und 
ficher es auch fcheint auf diefem Wege Achtung zu getwinnen, iſt 
es eigentlich. Boch hoͤchſt mißlih und mühfem. Denn um bei 
einem folchen Verfahren dag Fächerliche und das verächtliche zu 
vermeiden, dazu gehört eine Gewandtheit die vielerlei น ด 0 น ท 0 vor 
ausſezt und ein größerer Aufwand von Kräften, als zu dem ein 
‚träger fich geneigt fühlt; die Armuth feines Geiftes, feine ſelbſt⸗ 
‚gewählte Nichtswuͤrdigkeit wird er ſchwerlich vielen auf immer 
verbergen koͤnnen. .. 





119 


So geht @ dem trägen! fein unthätiges Treiben endet 
überall in- leeren DVerfuchen, in’ denen er je länger je mehr felbft 
die Möglichkeie verliert dasjenige zu erlangen wonach er trach 
tet. Es giebt nicht nur Feine Freude für den der fie nicht aus 
fih hervorsubringen weiß: ſondern die fchlaffe Seele verliert aus 
Mangel an Spannung alle Empfänglichkeit für angenehme Em: 
pfindungen; die Ungewohnheit thätig zu fein macht fchon dag 
bloße Auffaffen und Hinnehmen angenehmer Eindrüffe zu einer 
harten. Arbeit, das leichtefte Spiel gu einem ernften Gefchäft, und 
das feigherzige Nachgeben ohne Widerftand macht jebe Eleine Uns 
annehmlichkeit zu einer bittern Dual; das angenehme verfchwin- 
det, und der Schmerz erlangt ein ungeheures und vernichtendes 
Uebergewicht. — Es giebt nicht nur Feinen Wohlftand für den 
der ihn nicht zu eriwerben verfteht: fondern das rathlofe Gemuͤth 
behält am Ende nicht einmal die gewöhnliche Geſchikklichkeit zu 
halten was-da if. Noch nie habe ich. einen traͤgen gefehen 
der mit Ordnung und gutem Erfolg das feinige verwaltet hätte. 
Wenn es auch möglich ift öurch bloßen Zufall: zu gewinnen, fo 
ift @ doch nicht möglich ohne. Aufmerkfamkeit und Aufficht, wel: 
A auch Anftrengungen find, zu erhalten. Sch ging vorüber — 

beißt @ an einem andern Drt in dem Buche woraus unfer Text 
genommen ift — an dem Akker des faulen, an dem Weinberge 
des müßigen, und fiehe, da war alles voller Neffeln und Difteln. 
Da merkte ich Drauf und lernetedran. Du willſt ein wenig ſchlafen und 
ein wenig ſchlummern und ein wenig die Haͤnde in einander legen, 
auf daß du ruhen moͤgeſt; aber deine Armuth wird dir kommen wie ein 
Wanderer und dein 9 ส เล 6[ wie ein gewaffneter.) Nach jedem 
Tage der der Traͤgheit gewidmet wird naͤhert ſich die Armuth mit 
เฉด ต น Schritt, der Mangel findet offne Thore und zieht un⸗ 
gehindert herein. — Die Menfchen haben nicht nur Feine wahre 
Achtung für den der den Weg ber. Thätigkeit nicht einfchlagen 
will, um fie zu verdienen; fondern menu ห น น das was er nach» 
geahmt und nachgefprochen hat zum befferen. fortfchreitet; wenn 
die Vorurtheile abgelegt, die Sitten vereinfacht, bie leeren Aeußer⸗ 
lichkeiten mehr und mehr binmweggejchafft werden. und alfo die 
Nittel ihm umter den Händen verfchwinden bie er allein. zu be: 
nuzen verftand.: dann fieht er in frauriger Blöße da, und wohl: 
te Schmach und Verachtung si ง die kraftloſe Unſelbſtſtaͤn⸗ 
igkeit. 


— — — 


) Ep. 21, 0-34. 


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‚gar Feinen wahren Gewinn bringt, in welchem nach nichts ernfts 
‚lich geftrebt und nichts erreicht wird? was thut denn eigentlich 
‚treffen; fondern -wunderliche und ungehenere Bilder, die der Ord⸗ 

| ſen Hoffnung die nicht zu Schanden werden laͤßt, weil fie jeden 
keit wieder gut macht; - fondern mit jener. verächtlichen Hoffnung, 
deren unthätiges Harren auf außerordentliche Begebenheiten bie 
menſchliche Thorheit in ihrem vollen Lichte zeigt. Je mehr แ 
in die Zukunft hinein, bis endlich der Augenblikk kommt, der die 
Gegend in welcher er bisher init feiner Einbildung herumſchweifte 


Wohlſein ftehe, ob das Elend, melches die natürliche Folge fer 


. zu fcheiden, liegen in einer weiten Ferne, wo er ſie mühfam auf 


“er nicht einmal feſthalten. Die bloße Empfindung, tie angenehm 


das Bewußtfein der Thätigkeit mit der es in Verbindung fland 
Bewußtſein fehlt ihm, daher erſcheint ihm alles als ein verwor⸗ 
gewohnt wie er iſt zu wuͤnſchen, bleibt ihm nur der Wunſch/, daß 


ſparen Eönnte, daß es ihm gar nicht oder anders erfcheinen moͤchte; 


120 . 

Woraus alſo beſteht ein ſolches thatenloſes Leben, welches 
der traͤge? Er wuͤnſcht: aber es ſind nicht. die erlaubten Wuͤn⸗ 
ſche des rechtſchaffenen, die nur das Gedeihen ſeiner Arbeit be⸗ 
nung der Welt widerſtreiten. Er hofft: aber nicht mit der wei— 


Schaden den der Zufall aigerichtet hat durch Eifer und Thaͤtig⸗ 


fchon verfehlt hat, deſto ungereimter treibt er dieſes leere Spiel 


vor ihm verfchließt und feinen DIEE gewaltſam in Die Vergans 
genheit zuruͤkktreibt. Wie es auch in biefem Augenblikk um fein 


ner Lebensweiſe ift; ihn fchon ereilt hat, ober ob. der Tod ihn 
vorher übereilt:- gewiß ift doch fein Leben im Abnehmen; feine 
beſten Genüffe, . feine ſchoͤnſten Stunden, woran er ſich doch m 
innern möchte, um mit einem angenehmen Eindruff "von hinnen 


ſuchen muß; er faßt fie endlich ind Auge und wuͤnſcht, wenn es 
doch nur immer fo mit ihm geblieben wäre! ‘aber auch fie kann 


fie auch war, der bloß Teidende Genuß, wie fehr er auch befrie— 
Bigte, giebt in der Erinnerung nur ein ſchwankendes dunkles 
Bild, welches nur durch eine andere Erinnerung, nemlich durd 


aufgehellt und beſtimmt ins Auge gefaßt werden kann. Dieſes 
vener Traum ohne Zufammenhang, ohne Licht und Farbe; und 
6 fich entweder den Tod oder den lezten Blikk auf dag Leben er— 
er wuͤnſcht und ſtirbt. — Doch um dieſes Ende recht zu verſie⸗ 
hen, laßt uns vorher 

A. fragen, wie weit er dann gefommen iſt in dem maß zu 
unferer höhern Beſtimmuug gehört. 


Aus den Zügen, welche ung bei dieſer ganzen Betrachtung 
vorgeſchwebt haben, iſt wohl ſoviel beſiimmt zu erfehen, daß der 


๑ 





--- 1 


121 


träge von allem was hieher zu rechnen iſt menigfiens nichts aus . 
der rechten Adficht begehrt. Nicht um feine Seele zu bearbeiten... 
und der Vollkommenheit näher zu dringen, frebt er nach Ers 
kenntniß; nicht um in jedem Augenblikk zu allem was fein Ge⸗ 
wien ihm einmal als Pflicht auflegen koͤnnte gefchikft zu 
in fucht er die Herrfchaft der Gewohnheit zu ver 
tilgen; nicht um das Geſez dem er fi) unterworfen hat zu vers. 
fündigen und darzuſtellen fieht er ſich um nach Gelegenheit zu 
tugendhaften und gemeinnügigen Handlungen — dent 
hei biefem Endzwekk wäre das Handeln die Hauptfache und die 
[8 fcheut er: — aber er will doch alles dieſes gewiſſermaßen 
wegen fo manchen Erfolges ber damit verbunden if. Er hat 
noch Sinn für Die Vorzüge eines gebildeten Menfchen, für den 
Unterfchied zwiſchen einem freien und einem fElavifchen Gemüth, 
und gute Handlungen die man verrichtet hat gehören — dag weiß er 
anch wohl — gar fehr zu den Gegenftänden die angenehm auf 
das Gemuͤth wirken; er möchte alfo alles dieſes, aber ſeine Haͤnde 
wollen nichts dazu thun. 

Es giebt eine Bereicherung des Verſtandes mit nuͤzlichen 
Einſichten, ein Zunehmen in der unentbehrlichen und Gott und 
Nenſchen wohlgefaͤlligen Lebensweisheit, welche ein jeder Menſch 
in ſeiner Lage erreichen kann. Die Gegenſtaͤnde auf welche jene 
Erkenntniſſe ſich zunaͤchſt beziehn, der Kreis von Erfahrungen aus 
welchem dieſe Weisheit genommen wird mag verſchieden ſein bei 
verſchiedenen Menſchen nach ihren aͤußerlichen Umſtaͤnden; aber 
die Thaͤtigkeit des Geiſtes und die Verbeſſerung deſſelben, die daraus 
hervorgeht iſt überall die nemliche. Allein uͤberall im niedrigen und 
im hohen Stande iſt auch dies ein Schaz der nicht ohne Muͤhe und 
Arbeit erworben wird. Man muß in dem Buche der Erfahrung fleißig 
leſen und in den Spiegel der menſchlichen Handlungen mit angeſtreng⸗ 
ter Aufmerkſamkeit hineinſchauen, um ein richtiges Bild der menſch⸗ 
lichen Natur zu erblikken, welches doch der Grund aller Weisheit 
if. Und wenn wir alle Einſichten fammeln wollen, welche die goͤtt⸗ 
liche Vorſehung uns zugedacht hat: fo müffen wir "die uns 
befchäftigten Augenblikke einem fruchtbaren Nachdenken widmen, 
und nach allen Seiten umfehen und alle Verhältniffe des Lebens 
mit Treue wahrnehmen, vor allen Dingen aber an allem was 
ung zu thun obliegt fo lange üben und beffern, big nichts mehr 
unvollendet bleibt mag einer gewiſſen Volltommenheit fähig ift. 
Dos if ein mühfamer und befchwerlicher Weg den viele nicht 
schen tollen. Daher die Entfchuldigungen der trägen, daß hie⸗ | 
bei faft ales von günſigen Umftänden abhänge, und baber die 


! 


122° 


eiteln Wuͤnſche wie fie dieſe Umftände wohl haben möchten. Ja 
wenn jeder Tag große merkwürdige Begebenheiten mitbrächte, auf 
bie dag Auge gewaltfam hingezogen würde und in denen fich wich⸗ 
tige, Lehren auf eine. unverfennbare Art darftellten! wenn ſie ſo 
in genauer Verbindung ftehen Eönnten mit den ‚weifeften Männern 
ihres Zeitalters und dieſe Tiebreich und geduldig- genug waͤren, 
ihnen ihre Gedanken und Webergeugungen, den ganzen Gewinn 
‚ihres Lebens an Einficht und Weisheit mitzutheilen und -einguflo 1 
pßen: dann wollten auch. die frägen gern-auf dieſe leichte Art ihrem 
Verſtande nicht nachhelfen, fondern nachhelfen laffen. O die Tho— 
ren, welche waͤhnen wollen, die Weisheit. ließe. fich lernen und 
hinnehmen, ba doch nicht die geringfügigfte Befchäftigung der Hände 
ohne eignes Nachdenken vollkommen begriffen wird! und wenn 
fie das Höchfte Ziel des menfchlichen Lebens erreichten, und wenn 
fie überall zugegen fein" Eönnten two etwas großes und wichtiges 
vorgeht; wenn alle Weifen aus allen Völkern ihnen den Zehnten 
brächten von ihren Schägen: es würde ihnen Doch nicht zu helfen 
fein. . Der Unverftand macht aus ben deutlichftien Erfahrungen 
falfche Schlüffe; der weiſeſte Spruch verwandelt fich für den ber 
ihn nur nachfprechen, aber über ben Grund feiner Wahrheit, über 
das Gebiet feiner Anwendung nicht nachdenken will, in eine fchiefe 
Meinung, und die unumftößlichfte Wahrheit wird durch ihn oft zu 
einem ſchaͤdlichen Vorurtheile. Wenn ihr ſchon den Verſchwen⸗ 
der eines Laſters befchuldigt, was wollt ihr von dem denken ber 
mit den ebelften Gaben Gottes, fo ſchlecht Haus halt? Die Aus 
ßeren Güter die der Verſchwender zu ſchnell und unbedachtfam 
durch feine Hände gehen läßt entzieht er doch nur fich und den 
feinigen; fie gehen unmittelbar auf andere über die vielleicht einen 
befiern. Gebrauch davon machen. Wer aber Weisheit zu erwer⸗ 
ben unterläßt, der beraubt die Welt aller Früchte, bie fein beſſer 
angebauter Verftand hätte tragen Eönnen. 
Frreiheit des Gemüthes, daß wir nichte bloß deshalb wie⸗ 
der thun ‚müffen weil wir c8 fchon oft gethban haben, daß ung 
nichts bloß deshalb unmöglich werde meil das. Gegentheil davon 
ung leicht wird, dieſe Freiheit ift ung in allen Verhältniffen eben 
fo nothwendig als fie wirklich einem jeden erreichbar ift. Weberall 
. find wir in Gefahr Gewohnheiten anzunehmen und fehlerhafte 
Neigungen Stärfe gewinnen zu laffen: aber nirgends fehle ee 
und auch an Aufforderungen diefe zu bezaͤhmen und jene auszu⸗ 
. rotten. Nur Wachfamkeit gehört dazu und unausgefezte Beobach⸗ 
tung unferer felbft, und das ift wiederum nicht die Sache des 
traͤgen. Wenn er ‚aber unter der vormundfchaftlichen Aufſicht 





๕” 


123 


eined Freundes fände, wenn ein anderer es uber fi) naͤhme, 
über ihn nachzudenken, ihn zu wekken und gu warnen: dann woll⸗ 
te. er fich jeder angemaßten Herrfchaft entziehen, danu wollte er 
ein neuer freier Menfch werden und alles entfernen, was eine 
nchläffige Erziehung in ihn einfchleichen ließ, oder vielleicht ſelbſt 
in ihm ergengte. . O des Thoren, welcher wünfcht in den Zuftand 
ber unmindigen Kindheit zurüffgufehren und am Leitbande ein⸗ 
herzugehn fein Lebelang! und der fich einbildet einen fremden Ein; 
fuß zu vertreiben durch einen anderen. Auf biefem Wege giebt. 
8 feine Heilung für fölche Schtwachheiten; nur auf der Ober 
fühe kann etwas gefchehen, ber Grund bleibt derſelbe. Diefe . 
und jene einzelne Gewohnheit ann vielleicht befiegt werden durch 
foihe fremde Anftrengungen; aber noch während des Kampfs hat 
fh gewiß. fchon mehr als eine neue gebildet. Die Neigung des. ' 
Gemuͤths fich zu gewöhnen, die Umnart- fich unterjochen zu laſſen 
von der Wiederholung und irgend etwas ohne Bewußtſein und 
unwillkuͤhrlich zu thun, oder vielmehr in fich vorgehn su laſſen, 
dieſe Fäulniß des: Geiftes weicht Feinem äußeren Mittel, fondern 
แน den Verrichtungen bes inmern Lebens, der Macht des Wil 
Ind und des Selbſtbewußtſeins. 

Gutes zu thun- und fich der menfchlichen Geſellſchaft nuͤz⸗ 
hc zu beweifen, dazu fehlt es nie an Gelegenheit. — Schon‘ 
wirkt jeder zum allgemeinen beften durch Emfigkeit in feinem bürs 
gerlihen Beruf; und im häuslichen Eeben, im gefelligen Umgange 
frömen ung die Aufforderungen zu einer tugendhaften Thaͤtigkeit 
auf allen Seiten zu. Unwiſſende belehren, unbefonnene warnen 
und zuruͤkkhalten, unerfahrnen Rath ertheilen, der Wahrheit Zeug- 
niß geben, ſich für die Unschuld verwenden; Die Ungerechtigkeit 
in Schranken halten, die Glut der Leidenfchaft in einer fremden 
druft abkühlen, wer kann läugnen, daß ihm dies alles oft genug | 
Obliege zu thun. Aber. folche Ermweifungen der Liebe und des Ge: _ 
horſams wollen mit Luft und Eifer behandelt fein, und ohne Ans 
frengung mancher Art wird dieſe Lorbeeren niemand einfammeln. 
Darum wählt fich der träge einen leichteren Weg. Don feinem 
deruf macht er fich die engfte und eingefchränftefte Vorſtellung 
die nur möglich ift und thut nur eben ſoviel als erfordert wird, 
um nicht fich felbft unmittelbar ‚unangenehme Folgen zuzuziehen; 
ales andere aber was außerhalb feines ‚eigentlichen Berufs liegt 
Wil er mit der Wohlthätigkeit abmachen, mit derjenigen nemlich 
die dem duͤrftigen Geld bietet. An diefer laͤßt er es nicht fehlen, 
die ift für ihn der Inbegriff alles guten und’ aller Menfchenliche, 
und wenn er fich nur nebenbei in einem folchen Ueberfluß befände, 


124 


daß er mit vollen Händen ausſpenden Eönnte, dann wuͤrde er fo 
gar ein rechter -Held der Tugend werben und alle feine Verbind⸗ 
lichkeiten gegen die Welt auf eine höchft bequeme Art erfüllen. 
ihr werdet dies vielleicht lieber nur einen Irrthum nennen, und 
zwar einen folchen, zu dem die gegenmwärtige Lage der menfchlichn 
Dinge Veranlaffung genug giebt. Aber bedenkt nur auch, wie 
theuer der Welt dieſer Irrthum zu ftehen kommt. Won der al 
gemeinen guten Sache heißt 68 mit Recht, wer nicht für fie if 
der iſt gegen fie; wer das gute nicht befördert, der hintertreibt 
es. ‚Alle Veranftaltungen durch welche etwas heilfanes gewirkt wer‘ 
den foll beftehen aus verfchiedenen Thätigkeiten, die in einer gewiſſen 
Megelmäßigkeit auf einander folgen und in einander eingreifen 
müffen. Unterläßt einer dabei das feinige, fo wird dadurch ale 
Mühe welche alle frühere angewendet haben unnüz, und die 
fpäteren warten vergeblich auf ihre Arbeit. Doch dag gute wollte 
er ja eigentlich nicht; aber auch den geringfügigen Endzwekk den 
er etwa hatte mit. feiner Wohlthätigkeit erreicht er nicht. Iſt es 
ihm um die armfelige Dankbarkeit der Menfchen zu thun: fie wird 
ihm nicht zu Theil für dieſe unbedeutenden und leichten guten 
Werke; will er den Anblikk des Wohlbefindens’ genießen das 6 
verbreitet: die Gabe -ift bald dem dem fie gereicht wird nicht mehr 
werth, als fie dem war der fie gab. | 
So hat alfo auch in diefen wichtigften Angelegenheiten des 
Menfchen der traͤge nur nichtige Wuͤnſche, denen nichts entipte 
chen kann, -und che dieſe erfüllt werden, beharrt er forglod 
und freirillig in feiner Rohheit, giebt feine Seele ohne Wiler 
ffand dem Einfluß aller Umftände hin, geht gleichgültig vorüber 
vor allen Gelegenheiten zu edeln aber muͤhevollen Handlungen 
und beweiſet feinen Eifer für diefe wichtigen Theile der menicle 
chen Beftimmung nur dadurch, daß er fich oft und gern einen 
Zuftand ausmalf, wo er fie ohne Arbeit würde erreichen koͤnnen. 
Und indem er mwünfcht, ergeht das gerechtefte Gericht über ” 
Mer nicht bat, dem wird auch dag genommen, “was er hat. ') 
Nicht nur durch Lafter und Leidenfchaften Die den Körper zerſid⸗ 
ren wird am Ende auch der Geiſt angegriffen: ſondern bloͤder 
Stumpfſinn iſt zulezt das Antheil auch deſſen der mit feinen Aw 
gen nicht ſehen und mit feinen Ohren nicht hören wollte, für 
deſſen Belehrung die Welt mit. ihren Wundern, der Menfch mit 
feinen Eigenheiten und Schwächen, das Wort des Herm mil 
‚feinen erhabenen Anleitungen vergeblich ba war. Nicht nur die 





ๆ Matth. 2, 29 


125 


Sklaven der Lüfte verlieren zulezt alle Freiheit in ihren Handlun⸗ 
gen: fondern auch der verfinkt in eine nicht minder ſelbſtverſchul⸗ 
dete geiftige Ohnmacht, dem das heillame Wachen und Nachden; 
fen über ſich felbft zu fchwer war und der nachläffig dem Zufall 
die Zügel feines Gemuͤthes überließ. Aller Ueberlegung und Selbſt⸗ 
ketrachtung entwoͤhnt, wandelt er, der nur durch Gewohnheit ets 
was kann, in Dichter Finfternig, unbekannt mit dem was er ift, 
unbekannt mit der Art wie er ed wurde, gleichgültig gegen dag 
was er fein wird, verloren jede Spur von Kraft, von Freiheit, 
von Willen; nicht mehr einem vernünftigen Weſen gleicht er, fons ง 
den einer Ieblofen Maffe, die. fich bewegt wohin fie geftoßen wird. 
Richt nur dem verftummt am. Ende dag Gewiſſen ber es trozig 
bekriegte: ſondern diefelbe unheilbare Blindheit für alles was Pflicht 
it und heiſcht, dieſelbe Erftarrung des edelften Gefuͤhls ift zulezt 
auch das Loos deſſen der zaghaft die Augen niederfchlug vor . 
der Tugend, die ihn mit ſtaͤrkerer Stimme zu fich rief. Alle 
Kräfte erfterben die der träge nicht gebraucht hat, und ſeine ein⸗ 
zige freie TIhätigkeit ift jenes leere Spiel der Einbildung, das 
ohne Anftrengung aus fich felbft fortgeht und in dem Feine Orb» 
nung und Fein Maaß zu beobachten if. Und wenn einft fein 
Inter Wunſch darauf gerichtet ift, die vertraͤumte Neife noch ein- 
mal anzutreten, den längft erſtorbenen Geift noch einmal in dag 
alte Leben zuruͤkkzurufen, wenn er -über feinen Münfchen ftirbt: 
fo ſirbt er auch nur über feinen Wünfchen, fo ift fein Wunſch 
und feine Klage allein. Keinem verlöfcht ein Licht der Weisheit 
wenn feine Augen fich fchließen, Feinem verſtummt ein weiſer 
Kath wenn feine Lippen erfalten, Feine. Thräne der Dankbarkeit 
kann ihm. fließen, und Fein Elagender Seufzer der Achtung und 
der Liebe vermiſcht fich mit feinem legten Hauch, ja nicht einmal 
a8 Bedauern wird ihm zu Theil, welches wir dem unglüfklichen 
bereiteten Opfer der Leidenfchaft nicht verfagen, über welches 
bir ausrufen, Schade. für ihn, er hätte zu etwas befferem gedeis 
den Ennen. Wohlthaͤtig ift vielmehr der Augenblikk ‚der Die 
Erde von einer unnüzen Laft befreit, und felbft diejenigen muͤſ⸗ 
fen fich freuen deren Pflicht es fonft wäre zu franern. 








Dies iſt das jammervolle Ende welches die Trägheit dem  . 


Renfchen bereitet; dies find die Verfchuldungen, welche demſel⸗ 
ben vorangehen. Dieſe zeigen fich freilich in einem folchen Bilde - 
als wir hier gezeichnet haben fehr zahlreich und dicht an einander 
ringe: laßt ung aber deshalb die Warnung die ung dadurch 
gegeben werben follte nicht vernachläffigen und bie Aehnlichkeit 
mancher Erfcheinungen in unferm Gemuͤth mit den einzelnen Zügen 


126 


beffelben nicht verfennen. Mer fich einbilden wollte gar nicht an 
biefem Fehler zu leiden, weil er fich doch fo nicht findet, der 
wäre gewiß auf dem graden Wege ganz dag zu werden, was bie 
Trägheit aus einem Menfchen deflen fie fich bemächtiget hat zu 
machen pflegt. Ganz frei von dieſem Sehler kann Feiner unter 
ung fein, weil wir alle unvollfommene Gefchöpfe find. Unſer gu⸗ 
ter. Wille und unſere fromme Thätigkeit find begrenzt, und Diele 
Grenzen bezeichnen eben, wie weit wir fchon die Trägheit zu be 
fiegen. wußten und von wo an fie noch über ung herrfcht. Wo 
wir irgend einen Gegenftand, über den wir und um unfere Ent 
ſchließungen darnach zu richten eine fefte Ueberzeugung verſchaffen 
muͤßten, auf ſich beruhen laffen, weil wir Lie Muͤhe der Unter 
fuchung fcheuen, da offenbaret fih in ung die Trägheit die und 
hindert an Weisheit sugunchmen. Wo wir etwas neues dag und 
von dein fleißigeren Nachdenken anderer dargeboten wird ohne 
Prüfung verwerfen, da offenbaret fich die Trägheit in ung, di 
ſich dem allgemeinen -Sortftreben widerfest. Wo wir zögern ein 
Handlungsweife abzulegen, von-deren Schädlichfeit wir überzeugt 
worden find, da ift es Sie Träghelt die ung Hindern mil alt 
Seffeln abzumerfen. Wo wir ung weigern etwas gutes zu hun 
das ung vorhanden Fommt, ohne dag wir etwas befferes vor 
zeigen Eönnen was wir an der Stelle beffelben verrichten; wo 
toir uns nur deshalb weigern, weil etwa andere eine nähere Ver 
pflichtung dazu haben, oder weil etwa fpäterhin es leichter wer 
den Eönnte: da will die Trägheit ung verführen einen Augenbliff 
verftreichen gu laffen, ohne daß wir ihm das Zeichen einer lobens⸗ 
wertben That mitgeben koͤnnen. Solche Aeußerungen dieſes Feh⸗ 
lers werden feinem unfer uns fremd fein. Kämpfen wir dage 
gen, m. Fr., fonft. wird — wir haben es gefehen — dag ander 
traute Pfund mit welchem wir nicht wuchern von ung genommen 
und die Wirkſamkeit unferes Geiſtes in immer eitgere Grenzen 
eingeſchloſſen! Fämpfen twir dagegen, fonft geben auch wir Per 
- anlaffung zu der nur allzu gegründeten Klage, daß der Arbeitet 
fo wenige find zu der großen Erndte des Herrn! kaͤmpfen wit 
dagegen, fonft wird auch uns umbereitet zur Rechenſchaft Ne 
. Nacht übereilen, da niemand mehr wirken kann. Amen. 





127 


Die ſchriftmaͤßige Einfchränfung unferer Sorge. 
für die Zukunft. 


M 





N, Weisheit welche die Religion. Jeſu ung Ichre ift der Klug⸗ 
heit dieſer Welt, der doch die meiften Menfchen nachftreben, (0 . 
ganz entgegengefest, daß nur wenige daran Geſchmakk finden Eüns 
nen. Sie weiß nichts von den Widerſpruͤchen in welche ich Dies 
jenigen verwikkeln die nur nach den irdifchen Dingen trachten; 
nichts von den Künfteleien welche angewendet werden müffen, um 
diefe Widerfprüiche dem gefunden Verſtande zu verbergen und in 





der Ausübung in einander zu fügen: und bag giebt diefer Weis⸗ 
heit eine Leichtigkeit vor der die -Menichen erfchreffen, eine Eins 


falt die ihnen zu hoch ift um fie zu begreifen; fie wird den einen 


ein Nergerniß und den andern eine Thorbeit. So war es nicht | 


nur in den erften Zeiten des Ehriftenthumg, fondern es ift noch 
ſo und es kann im der That nie anders werden, weil feine Vor⸗ 
ſchriften nur vermittelt der Gefinnung die es vorausſezt erkannt 
und begriffen werden Fünnen. So geichieht es denn, daf- die 
fröhlichen und leichtfinnigen Kinder dieſer Welt aus den heilig⸗ 
fen und reinften Lehren des Chriſtenthums weil fie ſich nicht ver: 
lehen einen Scherz machen und ſie vorſezlich ſo zur Beſchoͤnigung 
ihres thoͤrichten und ſtrafbaren Betragens mißdeuten; daß die 
ernſthaften Die ſich weiſe duͤnken dieſe Lehren; weil fie ebenfalls 
nichts davon verſtehen, aufs bitterſte tadeln und verwerfen, als 
verleideten ſie dem Menſchen feine irdiſche Beſtimmung, als mach⸗ 
ten ſie ihn ungeſchikkt zu den Geſchaͤften dieſes Lebens, oder als 
berunreinigten fie gar fein Gewiſſen; ja, mas das aͤrgſte iſt, es 
geihieht, daß diejenigen welche ben Schein der Religion an fich 
haben, aber von ihrem wahren Geift und Weſen eben fo weit 


128 i 
entfernt ſind als jene, die Lehren derſelben auf eine ſolche Art in 

Schug nehmen und vertheidigen, daß in der That das eigenthuͤm⸗ 

lichfte und vortrefflichfte davon verloren gehen würde, wenn fie 


nichtö weiter bedeuten follten als was diefe davon übrig laſſen. 
Ein einleuchtende8 Beifpiel hievon ift die Belehrung der Schrift: 


u über die Art wie der. Menfch in Hinficht auf die Zukunft Gott 


kuate Frage, was dieſen Punkt betrifft, ganz dahingeſtellt fein laſ⸗ 


Weisheit haͤngen, welche das Beduͤrfniß und die Noth als die 


vertrauen und ſeine Sorge auf ihn werfen ſoll. Es iſt dieſes in 
der That eine der ſchwierigſten Fragen über. das menſchliche Ver 
halten. Theils ſcheint es, als ob ſich hier dag richtige von dem 
unrichtigen nur tie die Mittelſtraße von, dem zu vielen oder zu. 
wenigen unterfchiede; und dies macht allemal ‚die Ueberlegungen 
des DVerftandes ſchwankend und auch die Ausführung jeder Vor 
ſchrift, über .die man endlich einig geworden iſt, hoͤchſt mißlid. 
Theils fcheint es, ๕ 8 Eomme alled darauf an, wie wir ung das 
Verhaͤltniß zwiſchen dem menfchlichen Willen und dem ‚göttlichen 
Vorherwiſſen vorftellen; und dies ift wiederum ein Gcheimnif, 
über deffen wahre .Befchaffenheit der rechte Glaube nicht jeder: 
manns Ding ift, eine Klippe woran die meiften (cheitern. Fra⸗ 
gen wir die Schrift, fo lehrt fie ung, daß 68 aller jener ſchwie⸗ 
‚rigen Weberlegungen hier gar ‚nicht bedürfe, daß wir jede verwik⸗ 


fen Eönnen, weil wir überall gar nicht für die Zukunft forgen, 
fondern nur den heüfigen Tag im Auge. haben follen. Das if 
den Menfchen unbegreiflih. Sie fehen, daß fie felbft und tau— 
: fend andere einen großen Theil ihrer Zeit mit der Sorge für bie 
Zukunft hinbringen; fie glauben zu ſehen, daß tauſend mohlthätige 
Drönungen und-Anftalten ohne welche die menfchliche Geſellſchaft 
nicht beftehen koͤnnte nur auf dieſer Sorge beruhen: ſie fehen 
alfo. nicht, wo es mit jener Lehre hinauswolle, fie iſt ihnen zu 
hoch, weil fie zu einfach if. Wie.gehn fie aber auch dafuͤr mit 
derfelben um! Zügellofe Menſchen, die abmwechfelnd fi fich bald für 
die Zukunft quälen. bald die Gegentvart verfchwenden, drüffen die 
eine Hälfte des Widerſpruchs in dem. ihr ganzes Leben fich her 
umdreht mit den Worten der Religion aus, ermuntern fich. zum 
Genuß ausfchweifender Vergnügungen, zu einem Genuß der mit 
der Vernachläffigung aller Pflichten verbunden ift durch den Zu 
ruf, Laßt ung fröhlich fein, denn wer wollte des morgenden Ta 
ges gebenfen. Die unglüfklichen hingegen, die. an jener finftern 








einzige Duelle aller menfchlichen Vollkommenheit verehrt, ‚nehmen 
ein Nergerniß an Diefer freundlichen Lehre. Wenn ihr den Mes 
ſchen von der Sorge für die Zulunft entbindet, ſagen ſie, ſo thut 





. 129 | 
ihr feiner Trägheit Vorfchub; ihr nehmt den Steffen des Trei⸗ 
berd von ihm, der ihn allein zur Emfigfeit und zur Arbeit zwingt; 
ihr würdet die Menfchheit, wenn eure Lehre allgemein würde, in 
die alte Nohheit und Duͤrftigkeit zuruͤkkwerfen. Und wie wird 
nım die Religion von denen die fich ihre Freunde nennen gegen 
diefe Befchuldigungen gerechtfertiget? Dahin fei es nicht gemeint, . 
entgegnen dieſe. Es werde dem Menfchen nirgends verheißen, 
daf er irgend. etwas erlangen folle ohne den Gebrauch der Mite 
kl welche Gott dazu angewieſen. "Gott, ſelbſt habe ihm ja Bag. 
Vermoͤgen verliehen, bie Zukunft nach gewiſſen Regeln vorauszu⸗ 
(eben, damit er dem zufolge feine Kräfte für diefelbe anftrengen 
(พ ไย Der Menſch ſolle alfo allerdings für die Zukunft forgen; 
nur daß ed auf- eine vernünftige Weiſe gefchehe, nur daß fich 
keine Leidenſchaſft und Feine engftlichkeit hineinmifche, "dag 
allein wolle das Chriſtenthum durch feine Warnung verhüs 
tm Darum folle er den Ausgang Gott überlaffen und nur 
dahin fehen, daß er fich nicht vorwerfen duͤrfe, ſelbſt et⸗ 
was verabſaͤumt zu haben, was zur Befoͤrderung ſeines Gluͤkkes 
und zur Sicherſtellung feiner Zufriedenheit haͤtte gereichen koͤn⸗ 
nen. — Iſt nicht auch das die Sprache eines irdiſchgeſinnten 
Gemuͤhhs? ſeht ihr nicht durch dieſe Auslegungen uͤberall den 
alten Menſchen hindurch, den fie ausgezogen haben ſollten, wenn 
fe ſich ruͤhmen Chriſten zu fein? Hört man es ihnen nicht an, 
dh irdiſches Gluͤkk und Wohlbefinden ihnen doch gar gu ſehr am 
Herzen liegt und daß fie es billigen, wenn alles nur um deswil⸗ 
len gethan und alle Geſinnungen und Vorſchriften nur danach 
abgemeſſen werden? heißt das nicht die Religion auf den irdi⸗ 
ſchen Sinn pfropfen, oder Feigen leſen wollen von den Diſteln? 
So wenigſtens ſcheint es mir und fo hoffe ich ſoll es euch anch 
etſcheinen, wenn ihr mit mir die Lehre des Erlöfers über dieſen 
hunkt vecht ind Auge faffen und in ihrer Hohen Einfalt einfältig 
betrachten wollt, ohne etwas in fie hineinzudenteln mas nicht darin 
legt, Darauf fol unfere Betrachtung abzwekken, und Sat 
ſchenke ung dazu den Sei ber Wahrheit. 


Text. Matth. 6, 34. 


Darum ſorget nicht fuͤr den folgenden Morgen: denn 
der morgende Tag wird fiir das feine forgen. Es iſt 
genng, daß ein jeder Tag feine eigne Plage habe. 

Nichts kann wol Hlarer und verſtaͤndlicher fein als biefer 
herliche usſptuch des Erldſers. Er geht Dane au ใจ ชี [ซิ ะ 
ย J 


130 


Tag ſeine eignen Mühfeligfeiten, feine: eignen Beduͤrfniſſe, ſeine 
eignen Gefchäfte habe. Die follen wir im Auge haben, und was 
dahin gehört follen wir mit angeftrengter Aufmerkfamkeit. und 
redlichem Eifer verrichten... Aber daran follen wir es auch genug 
fein laſſen und feſt glauben, daß unter diefer Bedingung der. mor; 
gende Tag fchon für das feinige forgen werde. Mir follen ด โด น ย: ผู 
ben, daß wir heute Fein: befferes Mittel haben, ung auf die Ge | 
(häfte und Unannehmlichkeiten von morgen vorzubereiten, als 
wenn wir gar. nicht an fie denken, fondern nur dag gehörig 10 แ แน 
was ung’ heute geziemt. Mir follen ung die Sorge für die Zu- 
Eunft zu feinem «eignen abgefonderten Gefchäft machen; fie foll 
weder von dem was ung heute obliegt unfere Aufmerkſamkeit ab: 
lenken, noch uns den Genuß des guten verfünimern mag ung 
für heute verliehen if. Das iſt der Sinn diefes Ausfpruches. 
Kenn wir bedenken, daß wir doch auf Feine Weife für die Eunf: 
tige Zeit fo vollfommen forgen fünnen, daß ung nicht dennoch, 
wenn fie Heranfommt, noch mancherlei zu thun bliebe; wenn wir 
erwägen, wie oft wir durch dag beftgemeinte Sorgen für Die Zu 
Eunft nur der Gegenwart .fchaden und mie .unfelig die menfchlicde 

Thätigkeit zerriffen und in Widerfpruch mit fich felbft gefezt wird, 
wenn แก 8 immer ein Doppeltes Ziel vorfchwebt: fo müffen. wir 
alle wenigftens mwünfchen, Daß diefe Lehre von der Einſchraͤn— ป 
fung unferer Sorge für die Zukunft fich überall als weile 
und zwekkmaͤßig bewähren möge. Mit drei verfchiedenen Gegen: 
fanden hat es jene voreilige Sorge vornehmlich gu thun: mit 
den zufälligen Begebenheiten, mit den beflimmeen Be: 
dürfniffen, mit den neuen Pflichten, welche die Zukunft 
berbeiführt. Laßt ung daher die Lehre der Schrift .in Beziehung 
auf dieſe drei Stuͤkke pruͤfend erwaͤgen. 





IL Die zufälligen Begebenheiten des Lebens, dieſe 
ſind das allgemeinſte und groͤßte Feld des menſchlichen Sorgens. 
Unerwartete Wendungen des Schikkſals, ſchnelle Uebergaͤnge von 
Wohlſtand und Ehre in einen duͤrftigen und verachteten Zuſtand 
ſind zu keiner Zeit etwas ſeltenes; ſie ſcheinen immer haͤufiger zu 
werden, je mehr die Gemeinſchaft der Menſchen unter einander 
zunimmt, ſo daß fremde Thorheiten den unſchuldigen mit ins 
Verderben ziehen und Zerruͤttungen des einen Ortes oft den fried⸗ 
lichen Bewohner eines andern mitten im Schooß ſeines haͤusli⸗ 
chen Gluͤkkes ſich zum Opfer ausſuchen. In jedem ſolchen Falle 
laͤßt ſi ch denken, daß dag Ungluͤkk den leidenden nicht würde ge: 
ftoffen haben, wenn er andere Verbindungen unterhalten und 


ม 


131 


feine Angelegenheiten. anders geführt hätte. Das tft daher das 
ziel wohin die forgende Klugheit arbeitet; hinter den ficherften 
und fefteften Verbindungen wollen fie ihr Wohlergehen verfchans 
jen, 68 fo verweben mit dem Wohlftande anderer die noch mäch; 
tiger und glüfflicher find, daß es nicht. fallen kann fo lange diefe 
noch ftehen; ſoviel Eluge und finnreiche Menfchen von fich ab» 
hängig machen, daß Hülfe von allen Seiten berbeieilen muß, ſo⸗ 
bald irgend eine Gefahr droht. Und in diefem Gebäude bewegen 
fie fih dann noch mit der größten Behutſamkeit. Jede Unterneh: 
mung wird von allen Seiten erwogen, damit fie nicht irgendwo 
eine feindfelige Kraft in Bewegung fege; und Die Anfprüche die 
fie in diefer Hinficht an fich felbft machen merden immer größer 
und größer. Wenn. jemanden ein Unfall entfteht aus einer Meihe 
von Begebenheiten, und er hat felbft wenn auch nur in ein ent 
fernted Glied derfelben und auf entfernte Art eingegriffen: tie 
thöricht Elage er dann gewoͤhnlich fich felbft an, hätte ich nur jes 
nes nicht gethan, fo wuͤrde mir dies alfes nicht begegnet fein! ง 
ſolche Klagen hören fie von allen Seiten‘ und nehmen ſich vor 
(ต weiſer zu ſein. 
Ihr werdet geſtehen muͤſſen, m. Fr., daß alle dieſe Bemuͤ⸗ 
hungen auf nichts gewiſſes fuͤhren; kein menſchliches Auge kann 
alle enffernten Wirkungen einer Handlung uͤberſehen, und kein 
Menſch, man rechne nun auf ſein Wohlwollen oder auf ſeinen 
Eigennuz, iſt eine fo feſte Stuͤze, daß nicht ein leidenſchaftlicher 
Augenblikt, ein unbedachtſames Hintanſezen kleiner Umſtaͤnde die 
ganze Rechnung zu Schanden machen koͤnnte. Aber ich will auch 
hierauf nicht beſtehen — es iſt warlich nicht die Verzweiflung an 
einem guten Erfolge, weshalb wir. und dieſer Sorge enthalten 
folen — laßt ung annehmen, 6 ธ์ gebe eine untrügliche Klugheit: 
fo werdet ihr Doch geftehen, daß fie mur durch die größte. An 
frengung menfchlicher Kräfte möglich iſt und daß fie mit ihrem 
Geſchaͤft auch beim geufklichften Erfolg niemald zu Stande kommt. 
Denn fo wie die Zukunft für welche ihr bis jezt geforge habe 
näher kommt: fo behandelt ihr fie mit derfelben Gteichgültigkeit, 
mit welcher ihr jest den gegenwärtigen Augenblikk überfeht, weil 
ine neue Zukunft eure ganze Thätigkeit fordert, und ihr genießt 
alſo in Eeinem die Frucht eurer Arbeit. Und welches Leiden bei 
dieſer Thaͤtigkeit! wie unbegrenzt ift das Feld der Möglichkeiten! 
wenn auch taufend hellere Punkte das Auge auf fich zieh, -fo 
nimmt doch die Sorge fein Ende, ob nicht etwa grade Die mich» 
tigſten verborgen geblieben find; und wenn dann endlich) das luf⸗ 
tige เฟ่ ล angekmipft und Infammengekdnfne iſt, wie zittert 
J32 


132 


das arme Geſchoͤpf, wenn ein Windſtoß die aͤußerſten Faͤden in 
Bewegung fest! Das iſt das Bild der Sorge. Schraͤnkt nun 
das Gebiet derfelben ein wie ihr wollt, mäßige dem zufolge auch 
dieſe Furcht wie ihr wollt: ſoviel Sorge ihr uͤbrig laßt, ſoviel 
Pein und Angſt laßt ihr auch übrig und ſoviel verliert ihr unun 
terbrochen: von der kurzen Zeit eures Lebens. Darum forget 
Chriſtus niemals um zufällige Begebenheiten, wie nahe es Ihm 
auch lag und wie fchuldlos er 08 auch würde gethan haben. Daß 
ihm DVerfolgungen bevorflanden, wurde ihm fehr bald gewiß: 
aber diefe Gewißheit brachte gar Feine Aenderung in feiner ใด 
. bensweife hervor. Wie oft hatte er es nicht mit angefehenen 
und mächtigen Leuten zu thun: aber 08 fam ihm nie in den Sinn, 
an die Belehrungen die er ihnen: ertheilte, an. die Wohlthaten die 
er ihnen erwies um Fünftiger Gefahren willen eine eigennuͤzige 
Verbindung anzuknuͤpfen. Ja als er wußte, wie man auf alle 
feine Handlungen und Reden lauerte, ſcheute er deshalb Fein drei 
ſtes Wort der Wahrheit, wie leicht es auch konnte verdreht und 
gemißdeutet werden: Laßt ung doch in den Grund diefer Wei 
heit hineingehen, die ber Welt fo thöricht erfcheint. Warum un 
terließ er alte dieſe unſchuldigen Vorkehrungen? weil fie ihm gar 
nicht in ben Sinn kamen, weil er gar nicht darauf verfallen 
konnte, und niemand der mit ihm gleich gefinmt iſt kann darauf 
verfallen irgend etwas Iediglich um der Zukunft willen zu unter 
nehmen oder zu unserlaffen. Zweierlei Fann man in Hinficht auf 
mögliche Vorfälle nur thun: entweder Handlungen verrichten bie 
ſonſt unterblieben waͤren, oder dasjenige was ohnedies beſchloſſen 
war auf eine andere Art verrichten als ſonſt geſchehen fein wuͤrde, 
und zu beidem Eonute der Gottgeſendete keinen Raum finden. It 
jedem Augenblikk hatte er den Willen ſeines Vaters zu thun und 
konnte alſo nichts anderes verrichten; und nur eine Art alles zu 
verrichten gab es für ihn, nemlich die, welche aus feinem Beruf 
ben er. immer im Auge hatte hervorging und von. feinem Ge⸗ 
müth, von feinen Eigenfchaften das deutlichfte Zeugniß gab. Der 
felben Gefegen nun find alle untertworfen die feine Jünger heißen 
wollen. Andere mögen eine-Borfiellung von Pflicht haben, dit 
ihnen viel freie Angenblife läßt und viel Raum zu Handlungen 
« welche gar nicht unter jenem Gebot ſtehen: ung aber. fol jeder 
Augeublikk und jede Handlung heilig fein. Es giebt für und in 
diefem Sinne Feine Willkuͤhr welche der Klugheit und ber (096 
Raum fehaffen koͤnnte; in jedem Augenblikk giebt es etwas zu 


thun welches der Wille Gottes an แท ธ์ iſt, und wir haben auf 


keine andere Stimme เน hören als auf die ſeinige. Andern mag 








133 


in ber Art wie fie dag befchloffene thun wollen vieles unbeſtimmt 
und gleichguͤltig ſcheinen, und fie moͤgen es nach allerlei Abſich⸗ 
ten und Ruͤkkſi chten bald ſo bald anders einrichten: fuͤr uns giebt 
es nur eine Art ein jedes zu thun. Denn auch wir haben einen 
von Gott und angewieſenen Beruf auf ben wir alles beziehen; 
auch wir haben Grundfäge zu befolgen denen wir treu bleiben 
müffen; auch wir haben eine Gemüthsart deren eigenthuͤmliches 
wir uͤberall darſtellen und ausdrüffen follen: das und das allein 
heißt einfältig wandeln vor Gott. So mir aber dies thun und 
auf diefe Art ung ben heutigen Tag angelegen-fein laffen, fo wird 
dafuͤr auch der morgende für fich felbft forgen. Oder wer ift 
wol mehr ein Spiel der Zufälle, ber welcher fich durch fie‘ auf 
einem Wege nicht flören läßt, oder der welcher ihnen zu einem 
harten und beſchwerlichen Dienft verpflichtee ift? der welcher fein 
Gemuͤth für alles was bie Gegenwart in fich faßt frei zu erhals 
ten weiß, oder der weichem die ungewiſſen Borftellungen der Zus 
kunſt jeden Augenblikk verbittern? der welcher fich im voraus 
mit Ahndungen und Beſorgniſſen quaͤlt, welche doch die Empfin⸗ 
dung des Uebels, wenn es herankommt, nicht mildern, oder der 
welcher mmbeſorgt und unbefangen bleibt, bis ein Uebel wirklich 
da if, ihm dann mit Beſonnenheit und Gleichmuth entgegengeht 
und ſich auch ſo nicht weiter hinaus kuͤmmert als für den Tag 
dm er eben lebt? | 


I. ber wenn man an die Sedärfniffe der Zukunft 
denkt, ſo ſcheint doch der Menſch aller Sorge nicht entrathen zu 
können. Es giebt darunter fo viele, die ſich wicht taͤglich erneuern; 
iondern nue nach einem längern Zmifchenraum; wenn wir nun 
biefen mie เท ต 6 ห Augen nicht umfaffen und Schon genug gethan 
zu haben glauben, indem wir nur die fägliche Nothdurft herbeis 
ſchaffen: ſollte über dag Unglüft welches wir ung baburch zugies 
hen nicht verdienten Spott ergehen? Wenige Menſchen find jezt 
in dem Halle, daß ihnen das tägliche Brot auch immer. täglich, 
แล 6 ล ั 6084 wuͤrde, fondern wir empfangen auf einmal was fuͤr eis 
nen bedentenden Zeitraum zur. Befriedigimg aller unferer Bedürf: 
niffe beſimmt iſt; wer nun fo weit nicht fehen till, in welches 
Elend wird der fich ſtuͤrzen? Und. dann von allen Seiten die Auf; 
forderungen zu einem die Kräfte überfteigenden Aufwande, deffen - 
Unverhaͤltnißmaͤßigkeit aber nicht eher bemerkt wird, bis man feine 
Virfungen im großen betrachten kann! dann bie Vergnuͤgungen, 
die an ſich ſelbſt wenn man nur auf den gegenmwärfigen Augen: 
blikk ſieht ſchuldlos Find und nur Durch nachtheilige Folgen, welche ง 


ก welche ſich erſt ſpaͤt außern, verwerflich werden: wie kann man 


= nachdem euch nun die. Sorge Died alles: gezeigt. hat, was gedenft 
ihr denu zu thun, um diefen Nachtheilen auszuweichen und jene 


Unmaͤßigkeit verfehen? wollt ihr: nicht aufhören zufammenzuraffen 


. nein, es giebt andere Mittel: ihr wollt nur Teinem "Tage meh 
verſtatten als ihm nach einem bilfigen Weberfchlage ‘gebührt; ihr 


euch der Mäßigung in allen euren Vergnuͤgungen befleißigen 


> 


- fen begehren was fie bringen wird; fie vernachläßigen auch dieje⸗ 


- 106 werden Eönnen, denn dieſe entfiehen. ihnen an jedem Zuge 
unter den Händen und reifen ihrer Befriedigung entgegen. Wa— 


fchäften beladen denen ihr nicht gewachſen ‘feld, um eine Sicher: 
“heit mehr gu haben bei der nicht zu berechnenden Anhäufung von 
. Bebürfniffen? wollt ihr vielleicht, weil aller Erwerb ſchwerer und 
alle Einfchränkung ſchwieriger und verhaßter wird, noch auf un 
rechtlichen Gewinn denken? Nicht: felten find überall diejenigen 


' Damit. der. Zukunft begegnen zu Eönnen meint: fo geſteht nur, daß 


131° 


dem allen entgehen, wenn nicht auf die Zufunft Ruͤkkſicht genom⸗ 
men werden ſoll! 


Dies ſcheint ungemein richtig zu ſein; aber ich frage doch, 


Beduͤrfniſſe deſto gewiſſer befriedigen zu koͤnnen? wollt ihr euch 
nur recht bald mit den Huͤlfsmitteln gegen Ausſchweifungen und 


und einzuſammeln ſoviel ihr koͤnnt? wollt ihr am heutigen Tage 
darben ſoviel die Natur nur geſtatten will, um ſpaͤterhin deſto 
gewiſſer reichlich zu haben? wollt ihr euch mit einer Laſt von Ge⸗ 


welchen dag flete Hinſehen auf kuͤnftige Beduͤrfniſſe einen ſolchen 
eg annehmlich macht; und gewiß für fie alle wäre es beſſer, 
fie hätten nie weiter gefehen als auf den heutigen Tag. Aber 


wollt nur zur rechten Zeit auch an die Beduͤrfniſſe denken die 
nicht fogleich in ihrer ganzen Größe fichtbar werden; ihr wollt 


Ordnung in alle eure Angelegenheiten bringen -und auf bie ge 
wiſſenhafteſte Art fleißig und thaͤtig ſein ſoviel ihr nur immer 
koͤnnt. — Wenn das die Frucht eurer Sorge fein ſoll; wenn iht 


der Erloͤſer mit vollem Rechte den ſeinigen die Verheißung giedt 
ihnen werde der morgende Tag. für ſich ſelbſt ſorgen; denn ohne 
auch nur mit einem halben Blikk in die Zukunft hineinzuſehen 
thun ſie alles dieſes aus andern Gruͤnden. Sie raͤumen keinem 
Tage mehr ein als ihm zukommt, weil fie ſich an dem mas Dt 
Zukunft gehört eben fo wenig vergreifen wollen, alg fie zu wiſ⸗ 


nigen Beduͤrfniſſe nicht die nur nach einer laͤngeren Zeit befrie⸗ 





aber den Fleiß, die Ordnung und die Maͤßigkeit betrifft: fo fin) 
gewiß. die Tugenden nirgends reiner anzufreffen als bei Jon 
Sie find sn in Ihren Geſchaͤften, nicht um des Gewinnes wib 


‚135 


len der daraus entfpringt, "fondern um des guten willen dag ba- 
durch befördert wird, um der Wohlthaten willen die andern dar; 
aus zufließen, um des Beitrages willen der Dadurch geleiftee wird 
sum gemeinfchaftlichen Wohlergehen und - zum. Beftehen der Ge⸗ 
ſellſchaft; ſie find ordentlich, nicht weil fie dadurch manches er⸗ 
fparen und ſich erleichtern, fondern weil man durch Ordnung 

Zeit gewinnt und meil fich in ihr Verſtand und Ueberlegung ab- 
bilden; ſie find mäßig, nicht um die natürliche Strafe die dem 3 
Safer nachhinke gu vermeiden, fordern weil nichts finnliches fie 
fo fehr reist, daß fie des fchönen und guten darüber vergeffen 
koͤnnten. Wenn fie nun dies alles ohnehin. find und. thun, was 
bedarf e8 denn für fie. des Sinnens und Sorgens für die Zu: 
kunft? etwa um fie deſto ficherer auf dem Wege zu erhalten den 
fie eingefchlagen haben? oder um fie darüber zu tröften, daß fie 
ſo und nicht anders handeln dürfen? — Hier liegt eben .der 
große Unterfchied zwifchen Dem welcher in feiner Sorglofigfeit 
nicht über die gegenwärtige Stunde hinausſieht, aber aus vollem 
Herren zu jeber Zeit feine Pflicht thut, und dem bei welchem al: 
IB was Tugend fiheint nur ein gemietheted und erzwungenes 
Wein iſt. Jener .bleibt gewiß immer fich felbft gleich; denn 
durch fefte Grundſaͤze wird fein Betragen beftimmt, und, was es 
ihm nuͤzt zur Erleichterung kuͤnftiger Tage, das nuͤzt es ihm im⸗ 
mer: dieſer ſchwankt zwiſchen Sorge und Begierde getheilt bald 
auf dieſe bald auf jene Seite hinuͤber; jezt verſagt er ſich ohne 
Noth was er genießen koͤnnte und bereut im naͤchſten Augenblikk 
die allzu zaghafte Beſorgniß; jezt lokkt ihn ſeine Begierde uͤber 
die Grenze des heilſamen hinaus, und ein fluͤchtiger Genuß bringt 
ihn um alle Fruͤchte eines langen muͤhſeligen Zwanges. Jener 
iſt in ſeiner Sorgenfreiheit noch gluͤkklich; denn daſſelbe Handeln 
welches ihm die Sorgen erſpart wird die Urſache ſeiner Zufrie⸗ 
denheit und ſeines frohen Sinnes, weil er den Forderungen ſei⸗ 
nes Gewiſſens genuͤgt hat; wie er handelte, ſo war ihm zu Mu⸗ 
the, ſo handelte er mit Luſt und Liebe; dieſer aber bringt mit 
ſchwerem Herzen der Zukunft Opfer, deren er gern uͤberhoben 
waͤre. Wehe dem der wie ein Miethling nur um des Lohnes 
willen die Geſchaͤfte ſeines Berufs verrichtet! beſſer iſt er nicht 
als der welcher ganz muͤßig lebt ohne fuͤr die Geſellſchaft irgend 
etwas zu thun, nur unglüfklicher ift er. Wehe dem der fich.nur - 
aus Furcht vor den. fpätern Folgen den Gefegen der Mäßigkeit 
unterwirft! beſſer iſt er nicht. ald der welcher mit ungezügeltem 
keichtſiun der Stimme des Bergnügens folgt, nur feigherziger iſt 
". Aber fo. iſt es: Furcht oder Liebe, eines ย อ ก beiden muß den 





136 


Menschen regieren. Wo der Sinn Ehrifti nicht if, da iſt Sor 
‚gen Weisheit, da ift die Burcht ein heilfames Gebiß um bie wilde 
Natur zu sähmen und wenigſtens den Schein. des guten hervor, 
zubringen, welcher der Welt müzlich if. Wo aber der Geiſt 
Ehrifti regiert, da ift Die Furcht ausgetrieben und die Herrſchaft 
ber Sorge über den Menſchen vernichtet. 












Il. Indeſſen iſt die Neigung der Zukunft halber. in. Sor« 
gen zu ‚fein. fo tief in bie menfchliche Seele eingemurgelt, daß 
fetöft viele unter denen welche als wahre Chriften dem Gedanke 
au die Eünftige Zeit gar Feinen Einfluß auf ihr Thum und Laflen 
gefatten ſollten dennoch ihre Sorgen haben, wenn 68 gleich Feine 
bloß Teibliche und irdifche Sorgen find. Gie beruhen auf der 
Vorſtellung, daß der Menfch weunigſtens auf die Pflichten die | 
er in Zukunft werde. erfüllen, anf bie Tugenden bie er werde 
üben muͤſſen, auf die gottgefälligen Handlungen welche von ihm | 
- gefordert werben möchten. nicht zeitig genug feine Aufmerkſamkeit 
richten und fich nicht reiflich genug barauf vorbereiten Eönne. 
Der Erlöfer hat zwar als er die Worte unferes Textes ausſprach 
biefe Denkungsart nicht unmittelbar im Sinne gehabt, denn von 
gottſeligen Handlungen bie zu verrichten wären wuͤrde er ſich des 


| 


Ausdrukks nicht.bedient haben, bag fie Die. hinreichende Plage eis 


nes jeden Tages find: allein die Vorſchrift die er ung giebt iſt 
dennoch auch auf .diefen Sal ganz vollfommen anwendbar; denn 
e8 liegen bei diefer Meinung, bdiefelben Irrthuͤmer zum Grunde, 
mit denen wir ung bis jest befchäftige haben, und Dies veran⸗ 
laßt mich auch hierüber noch einige Worte zu reden und euch 
sitgutbeilen was mie and) in biefem Stuͤlk bie dem Evangelio 
angemeſſene Denkungsart zu ſein ſcheint. 

Haben wir wol Recht — dies iſt Die erſte Frage welche zu 
beantworten iſt — wenn wir alles was wir in den fruͤhern Jah⸗ 
ven des Lebens thun und treiben, alles wozu wir junge Gemuͤ⸗ 
ther die unſerer Leitung anvertraut ſind veraulaſſen, nur als eine 
Vorbereitung auf dasjenige guſehn was in ſpaͤteren Jahren wird 
gefordert werden? So wird in der That alles was wir Erzie⸗ 
hung und Bildung nennen von den meiſten Menſchen behandelt. 
Sobald die Seele anfaͤngt den Koͤrper zu beherrſchen und die 
erſten Spuren von der Entwikkelung des Verſtandes ſich zeigen, 
eilt man in dem Kinde den erſten Grund zu mancherlei Kennt⸗ 
niſſen und Geſchikklichkeiten zu legen, in denen es der Knabe wei⸗ 
tee bringen ſoll. Sobald dieſer eines gewiſfen Nachdenkens fähig 
iſt, ſucht man Ihm ม 6 Wahrbeiten und die Grundſaͤza ber: Reli 


137 


gion beisubringen, bamit er vorbereitet fei als Juͤngling den Ver⸗ 
fuchungen der Welt zu widerſtehen. Ber Jüngling, wenn er ans 
fängt die Zügel feines Lebens zum Theil ſelbſt zu führen, geht 
dann auf biefem nemlichen Wege weiter fort und bereitet fich 
vor auf die Pflichten des Standes den er in der Geſellſchaft ein: 
zunehmen denkt, und fo geht 68 mit dieſem Borbereiten fort fo 
lange noch eine neue Stufe der fittlichen ober gefellfchaftlichen 
Ausbildung zu erſteigen übrig if. Mir fcheint hierin ein großes 
Unrecht zu liegen. Iſt es nicht- gegen Die Achtung bie wir dem 
menfchlichen Leben, fohald dag geiftige anfängt fich darin zu regen, 
Ihuldig find, wenn voir irgend cinen Theil deffelben bloß ale 
Kittel für den nächftfolgenden behandeln? iſt es nicht unter der 
Mürde jeder heilfamen Erfenntnig, wieviel mehr noch unter der 
Rirde der Religion, wenn fie nur als ein Vorbereitungsmittel | 
ingeflößgt werden und alſo in einem Gemüth wohnen foll, wel⸗ 
ches noch nicht fähig: ift, fie felbft in ihrem eigenen Werth auf: 
fallen? Und aus diefem Unrecht entſteht gewiß beträchtlicher 
Schaden. Wenn wir ung beklagen, daß bei den beften Bemüs 
hungen fo vieles in der Erziehung die wir unfern Kindern geben 
nicht gedeihen will amd daß unfere fchönften Hoffnungen in nichte 
zeminnen; wenn bie Jugend fich beklagt, daß fie fo wenig genieße 
von der fchönften Zeit des Lebens und daß fie fich von harten 
deſeln immer gedruͤkkt fühle; wenn die Gefellfchaft fich beklagt, 
daß jedes Kind ein Knabe, jeder Knabe ein Jungling, jeder Juͤng⸗ 
ling ein Mann zu werden cile, daß über biefem Eilen manches 
Ihöne Gemuͤth fich übereile und fie danu mittelmäßige unbrauchs 
bare abgeſpannte Arbeiter befomme: fo. find das die Früchte dies 
kt unnügen und vergeblichen Sorgen für eine Zeit die noch nicht 
da if. Laßt ung der Ordnung der Natur nicht ungeduldig vors 
anlaufen; laßt ung überzeugt fein, daß auch hier bag.befte was 
für die Zukunft geichehen kann dadurch gefchieht, wenn mir an 
dem Tage, แน jeder Zeit dasjenige thun, was für fie felhft ohne 
Hinſicht auf eine fpätere das beſte und heilfamfte-ift. Wenn wir 
bei Kindern weniger daran denken, daß fie Kuaben und Juͤng⸗ 
linge werden, als daß fie Kinder fein follen; wenn wir nur dag: 
ige für fie und in. ihnen herporzubringen fischen was ihr Find» 
ig Leben fchön und in feiner Art vollkommen machen. fann; 
wenn wir fo mit unferer hülfreichen Liebe die allmählige Entwik⸗ 
kelung der menſchlichen Natur mehr begleiten als befchleunigen: 
ſo wird jede Erkenntniß die wir unferen unmuͤndigen mittheilen, 
jede Anleitung zur Weisheit die wir ihnen geben koͤnnen, bie beſte 








138 


Stelle finden, und es wird auch fuͤr die kuͤnftige Zeit ohne Sorge 
am beſten geſorgt ſein. | 

Haben wir recht — dag ift die zweite Frage Die hieher ge 
- hört — haben wir als Ehriften recht, wenn wir ‚glauben, daß zu 
jeder ſtandhaften Pflichterfüllung, zu jeder Aufopferung, zu jeder 
Seldfibefiegung, die nicht eben zu den gewöhnlichen Vorkommen⸗ 
beiten unferes. Lebens gehoͤren, “eine eigene Worbereitung noͤthig 
fei? Dies ift es, mag fo viele Chriften unter der noͤthigen Ye 
bung in der Gottfeligkeit verfiehen. Worin man diefe auch fegen 
mag, in Beichäftigung des Herzens mit geiftlichen Dingen, in 
- Gebet, in Außerliche Webungen, in Entbehrungen die man fi) auf 


. ๐ ๕: alles dag iſt vortrefflich und nicht zu verfäumen, wenn es 


in der Reihe unferer Pflichten vorkommt, wenn die herrſchende 


Stimmung unfere® Herzens oder ein augenblikkliches Beduͤrfniß 


“ung darauf führt. Aber eben deshalb weil es in allen diefen 
Fallen vortrefflich ift wird es verwerflich, fobald wir es ansdrüft 
lich in Hinfiht.auf etwas zukünftiges. veranftalten; es wird ver 
werflich weil es überfläffig if. Mir wenigſtens fcheint es, al 
ob ein ſolches Verfahren Meinungen vorausſeze die mit dem 
Geiſte des Chriſtenthums ſich nicht vertragen koͤnnen. Muß man 


"nicht dabei von. dem Gedanken ausgehen, als ob die verſchiede— 


nen Tugenderweifungen die von ung gefordert werden gar feht 
eine von der andern unterfehieden und alfo auch eine von de 
andern unabhängig wären? Das mögen diejenigen denken die am 
Buchſtaben hängen: aber es ift ber Vorftellung des Evangelii gar 
. nicht gemäß. Es ift Ein Glaube der ung zu allem guten Muth 
macht, es ift Eine Liebe die uns zu allem guten dringt, es iſt Ein 
Geiſt der es alles in uns zur Wirkſamkeit und zur Vollendung 
bringt; und der Kampf des Geiſtes gegen das Fleiſch iſt immer 
berfelbe, der nemliche Feind iſt dabei zu befiegen, wie verſchiedene 
, Geftalten er auch annehmen mag. Der Kampf den wir heute zu 
beftehen haben ift alfo zugleich bie beſte Vorbereitung auf den 
welcher unſer morgen wartet, und es bedarf keiner andern; das 
gute Zeugniß welches wir ung heute geben koͤnnen iſt die beſte 
Buͤrgſchaft, daß uns morgen das gute ebenfalls gelingen wird: 
Liegt nicht ferner bei jener worbereitenden Sorge die: Vorftellung 
zum Grunde, als ob irgend eine Art der Tugend dem Chriſten 
fremd und neu fein Eönnte? Das mag bei denen der Fall ſein 
Die bei allem was zur innern Führung des Gemuͤthes gehört nut 
auf das große und auffallende ſehen; nicht bei ung’ die -mir ange⸗ 
wiefen find, beftändig über ung zu wachen, auf jede Bewegung 
unſeres Herzens zu achten und u fleißig ung L beratben mit. 








139 
unfern Brüdern, um ung aus ihrer Führung mittheilen zu laſſen 
was ung Iehrreich und erwekklich ſein kann. Diefes Achtgeben 
nach allen Seiten ift der tägliche Beruf eines jeden Ehriften, und 
ihm nachfommen ift zugleich Die befte Vorbereitung auf alles was 
ung morgen begegnen mag. Was e8 auch fei, e8 Fann. Feine 
ſchwache Seite unferes eigenen Herzens, Feine fonderbare Eigen: 
(haft de8 menfchlichen Gemuͤths uns unbekannt fein: für jeden 
Kampf müffen wir ung tüchtig und ausgelernt ‚fühlen und alfe 
Vortheile in unferer Gewalt haben. Auch bier alfo laßt ung der 
Ehre unferes Textes folgen, bie bange Sorge für dag was fom- 
men mag fahren laſſen und nur dem heutigen Tage unfere un: 
getheilte Aufmerkfamfeit fchenken. 

Bedenket nun wie ficher und wie erhaben fich Die einfache 
Veisheit des Erlöfers von allen Seiten zeigt! Laßt die Thoren 
fe für thöricht halten! wir "wollen fie anbetend verehren und be 
nuzen. Freuet euch in dem Herrn der euch diefe Weisheit lehrt, 
und abermal fage ich freuet euch”). Wie fanft ift das Joch des 
Erlöfers, und von welchen ſchweren Laften, unter denen fo viele 
Nenſchen fich quälen, weiß er die feinigen zu befreien! Mit den 
Sorgen für die Zukunft, den leiblichen und den geiftlichen, wer⸗ 
fen wir o mehr ๓ 8 die Hälfte des menfchlichen Elendes ab! 
wieviel vergebliche Angſt, wieviel leere Seufzer, wieviel un: 
ng verbrachte Stunden! Und wie mehrt ſich auf allen Sei⸗ 
ien Freude und Luft und Feimt hervor aus dem gefegneten ง 
boden des menfchlichen Herzens, fobald jene Felſen hinmegge: 
waͤlzt find! wie fröhlich und heiter wird unfer Sinn, mie feft 
feht die Huhe unfres Gemuͤths, wie geebnet und: unverfehlbar 
liegt dev Meg des Lebens vor uns! In forglofer Freudigkeit wol 
In wir ihn wandeln und frifch thin was ung vorhanden Eommt; . 
die Zukunft ift des Herrn, er wird fie wohl machen. So war 
und fo lebte Ehriftus, fo laßt ung auch fein uud leben. 


nen, 


ๆ Phil. 4, 4. 








140 


- - X. 
Die Grenzen der Nachficht. 


. " | 
J her der Recht und. Drdnung zu lieben behauptet muß. aud | 


einräumen, daß er ben Wunſch best, alles möchte in der Wit 
nady DVerdienft gehen, alle äußern. Güter möchten den Menfchen 
in dem Maaße zugetheilt werden, tie fich ein jeder durch Bil 
ligfeit und Wohlwollen geneigt, durch Verſtand und Einficht fü 
big zeigt, ſie wiederum zum beſten der menfchlichen Gefellſchaft 
auf die rechte Urt anzuwenden. je weiter, wir um ung fehn, 
deſto mehr finden wir freilich was diefen Wunfch nieberfchlägt 
und uns zum mindeften nöthige, die Zeit für unendlich. entfernt 
zu halten, wo dies der gerwöhnliche Lauf. der Dinge in der Welt 
fein wird. Sollten wir aber beshalb etwas was fo fehr in um 
ſerer Ratur liegt nur als einen frommen Wunfch anfehen und 
und gelaffen darein ergeben, baß ein. fo unauslöfchliches Gefühl 
immerwaͤhrend beleidigee wird? Dadurch wuͤrden wir gewiß bei 
Abfichten Gottes, ber ed damit auf etwas ganz anderes angelegt 
bat, gar fehr entgegenhandeln. "Laßt ung vielmehr, wenn jener 
Wunfch ung wirklich von Herzen geht, der innern Stimme fob 
gen und wenigſtens in unferm Wirfungsfreife unfer ganzes Be— 
tragen gegen die Menfchen nach biefem Gefez einrichten. Auch 
hieran werden wir freilich, ich weiß es leider nur allzu gut, eben 
durch dasjenige was uns das heiligfte fein muß auf mancherlei 
Weiſe verhindert. Der Richter muß oft. dem unfchuldigen und 
rechtfchaffenen, weil er den Buchſtaben der Gefeze gegen fich hat, 
‚ Unrecht geben gegen den boshaften und ungerechten; ber obere 
muß oft Handlungen belohnen, von denen er weiß, daß ſie nur 
durch Leidenfchaft eingegeben waren; er muß einen Eifer begin 
ſtigen, von dem er fieht, daß er fich des guten nur als eines 








. 444 


Mittels bedient um eigennuͤzige Abftchten zu erreichen; der un- 
tergebene muß oft ein Werkzeug fein bei Manfiregeln, von benen 
er wol 'einfieht, daß fie nur den Vortheil und die Macht der 
herrichbegierigen, der ſtolzen, der felbftfüchtigen ‚befördern werden, 
von denen fie Ausgedbacht wurden; er muß .oft helfen, ber Uep⸗ 
pigfeit, der Verſchwendung, der Gemwaltthätigfeit die Mittel .zu 
Ihren firafbaren Genuͤſſen herbeisufchaffen: das find traurige Fälle . 
welche fih gar häufig im menfchlichen Leben ereignen. Allein es 
giebt außer dieſem Wirkunggfreife in welchem ein jeder durch - 
allgemeine Vorfehriften gebunden ift noch einen ‚anderen, freieren, 
und dieſer iſt 28 eigentlich, in welchem wir unſer Serechtigfeites 
gefühl befriedigen Fönnen. Wir haben alle eine Stimme, und 
diefe Stimme hat einem Kreis innerhalb beffen auf fie geachtet 
wird; laßt fie ung erheben, um das Lob jedes redlichen der in 
diefem Kreife lebt oder von demjelben bemerft wird zu verkuͤn⸗ 
digen, um unſere Achtung gegen jeden edelmüthigen und from: 
men lebhaft auszudrüffen, und dagegen Mißbilligung und Tadel ง 
auszutheilen jedem Menfchen von anerkannt fchlechter Gemuͤths⸗ 
at Mir haben alle Gelegenheit, auch. in folchen Dingen wor: 
über ung niemand etwas vorfchreiben darf den Menfchen thätige 
veweiſe unferer Gefinnung zu geben; hier laßt ung durch zuvor: 
fommende Gefälligkeit, durch unermüdete Dienftbefliffenheit bewei⸗ 
fen, wie gern wir demjenigen. Sreude machen der ung die Freude 
gewährt einen achtungswuͤrdigen Menfchen wandeln zu. jehen; 
Ift und, ſo weit es อ ย ิ ท 6 Beeinträchtigung anderer gefchehen 
fan, denen Die. wir nicht achten dürfen jede Gunftbeseugung, 
jedes Mitwirken zu ihrem Vergnügen mit hartnäffiger Strenge 
verſagen. Warum wird dieſe Gerechtigkeit die ein jeder üben 
Tann jo wenig geuͤbt? Einige werben davon gurüffgehalten durch 
Eigennuz und durch einen Enechtifehen Sinn welcher glaubt; daß 
der Stand auch das Lafter adelt und der Reichthum auch die 
Menge der Sünden bedefft. Mit diefen habe ich nicht zu reden. 
Uber es giebt andere die davon zurüffgehalten werden durch ein - 
zu weiches Gemuͤth und durch, eine mißverfiandene Anwendung 
gewiſſer Vorfchriften ‚der Religion. Es fcheint ihren chriftlich zu 
fin, daß man fich Fein entfcheidendes Urtheil über Menfchen er- 
laube, da man immer wieder das vergangene vergeſſe und dag 
befte hoffe, อ ด ธี man Nachficht und Belindigkeit übe. gegen alle . 
Penſchen. An diefe vorzüglich fol der folgende Vortrag gerich- 
tet fein; ich werde mich bemühen, ‚recht deutlich zu machen was 
hierin richtig und der Schrift gemäß ift, und ich mänfche, daf 
dadurch in ans. allen eine hellere Einficht in den Umfang unfrer 


12 


Verpflichtungen möge bewirkt werden und ein erneuerter Entfchluf 
fie mit Luft und Liebe zu erfüllen. 


Tert. 1.Kor. 13, 7. 


Die Liebe verträgt alles, fi fe e glaubet alles; fie hoffet 
alles, fie duldet alles. 


- " Diele Morte, da8 Ende von der vortrefflichen Schilderung 
der chriftlichen Gefinnung die mit Necht Liebe genannt wird, weil 
. fie fich überall als Liebe äußert, - fcheinen auf ‚den erſten Anblikk 
jene leidende Tugend welche fich alles gefallen läßt fehr zu m 


pfehlen und diejenigen zu begünftigen, welche überall, wo f 


nicht ausdrufflich im Namen der Gefellfchaft zu handeln haben, 
geneigt find, menfchlichen Sehlern und Vergehungen eine unbe | 
dingte Nachficht angebeihen zu laſſen und ſich nicht erlauben wol 
โต ย irgend eine ftrafende Nüfkficht darauf gu nehmen. Laßt und 
indeß aus den nemlichen Worten, welche den Umfang diefer Nadı 
ſicht ſo ausdrukksvoll beſtimmen, auch ihre Grenzen ung ar 
ſchaulich machen und fo.ung überzeugen, daß jene zum beiten der 
Geſellſchaft nothwendige Gerechtigkeit, und dieſe Forderung der 
Liebe keinesweges mit einander im Streit find. Auf zweierlei 
geht die Nachfiht welche der Apoftel ung. empfiehlt, auf une 
Urtheil über die Menfchen und auf unfer Betragen gegen ſie; 
laßt uns beides genau erwaͤgen. 


1. Die Liebe glaubet alles und hoffet alles: dies fcheint 
zu erfordern, daß fie in ihr Urfheil über die Handlungen 
der Menfchen alles gute aufnehmen ſoll welches dieſe nut 
ſelbſt darüber -fagen Fönnen oder dadurch andeuten tollen, das 
beſte was ſich von jedem einzelnen Falle nach Befchaffenheit de 
menfchlichen Natur แน ะ denken läßt, Kann dies wohl — ich 
frage euer beſtes Gewiſſen — kann dies wohl von uns gefor 
dert werden? Ein unbefangenes , arglofeg Gemüth welches die 
Menſchen nimmt wie fie ſich gern geben. möchten, welches jede 
Aeußerung des Unwillens über das böfe, der Freude am guten 
für redlich gemeint, jede Traurigkeit über begangene Fehler und 
jedes Befferungsverfprechen für wahr und aufrichtig hält, tel 
ches ale Handlungen der Menfchen nach der Vorausſezung beur⸗ 
theilt, daß jeder das gute will und nach beftem Vermögen zum 
befferen fortfchreitet — ein folches Gemuͤth zeigt fo viel innere 
Unſchuld und erſcheint uns deshalb ſo liebenswuͤrdig, daß viel⸗ 





143 


leicht ſchon bei der bloßen Vorſtellung davon mancher unter ung 
den Wunſch nicht zurüffhalten kann, 0 wäre doch die gluͤkkliche 
Zeit noch เ ๒ 6 auch ich die Welt fo anfah, wo fraurige Erfahruns 
gen mich noch nicht eines andern belehrt, wo die Falfchheit der 
Menfchen dag Vertrauen แน อ ก์) nicht verdrängt und die nähere 
efanntfchaft mit ihrem feigen und trägen Herzen den Glauben 
an fie noch, nicht wankend gemacht hatten! Allein jene Zeit iſt 
nicht mehr, und infofern fie eine Zeit der Unvoiffenheit wor Eönut 
ihr fie doch unmöglich zuruͤkkwuͤnſchen oder für eine beflere hal⸗ 
ten; dieſe Erfahrungen und dieſe Bekanntſchaft habt ihr nun ein⸗ 
mal gemacht, und ihr koͤnnt es nicht fuͤr den Willen Gottes hal⸗ 
ten, daß ihr ſie vergeblich gemacht haben ſollt; er kann nicht 
wollen, daß ihr euch einen Glauben und eine Hoffnung einreden 
ſollt, die demjenigen gerade widerſprechen, was ihr mit der groͤß⸗ 
ten Klarheit vor Augen ſeht und mit der groͤßten Beſtimmtheit 
vorherſagen koͤnnt. Ihr habt oft genug geſehen, wie der eine 
zwar wo es noͤthig iſt immer in feinen Reden Ehrfurcht vor der 
Tugend und der Religion bezeugt, aber nicht nur in feinen Hands 
lungen überall den Eingebungen des Eigennuzes folgt, fondern 
fh auch เต อ er es wagen darf zu dieſen Grundfäzen gerade her: 
aus bekennt: wenn er fich jezt wieder. in den Schein der Necht: 
ſchafenheit huͤllt um jemand zu berüffen oder die Erinnerung an 
fine Handlungen zu verdunfeln, wollt ihr glauben, daß nun ge: 
ade die Wahrheit aus ihm rede? Ihr Habt oft genug gefehen, 
wie ein anderer die unerfahrne Ehrlichkeit hintergeht um einen 
unreblichen Gewinn von ihr su machen: wenn er num wieder 
mit demfelben Schein der Uneigennügigfeit und des Wohlmeineng 
end) oder einen andern- verleiten will, haltet ihr euch verpflichtet 
zu glauben, daß er gerade dieſesmal aufrichtig und redlich fein 
werde? Ihr habt einen Menfchen oft genug. mit gutem Vorbe⸗ 
dacht ud kaltem Muthe wohlbekannte Gefege übertreten, Scho: 
nung und Mitleid aus den Augen fegen und Kränfungen und . 
deleidigungen verüben gefehen: wollt ihr ihm glauben, wenn er 
daffelde wieder gethan hat und euch verfichert, es fei nur eine 
Uebereilung gervefen? Ihr Fennt einen Menfchen der Fein an- 
deres Ziel hat als die Befriedigung der Begierden die eing um. 
umfchränkte Herrfchaft über ihn ausüben, der felbft dag böfe 
nicht ſcheut um zu diefem Ziele zu gelangen, ja der fich die mög _ 
liche Mühe giebt, damit er mit fich felbft einig werde, fein Ge: 

wiſſen, fein religiöfes Gefühl und alle alten Vorftelungen welche 
damit zuſammenhaͤngen gu unterdrüffen; ihr habt gefehen, wie 
tt jedes unwillkuͤhrliche Erwachen dieſer Gedanken und Empfin- 


| 12 


dungen hintennach hinwegzuklaͤgeln und zu verlachen fuchtı wenn 
ihr dieſen wieder in dem Zuſtande einer ſolchen fluͤchtigen Ruͤh⸗ 
rung ſeht, ſollt ihr hoffen, diesmal werde es fruchten, diesmal 
werde der gute Geiſt ſiegen, und er werde nun endlich umkehren 
und Buße thun? Ihr lebt vielleicht mit einem Menſchen dem es 
an Kraft und Willen gänzlich fehlt, der jedem erſten Eindrukf 
folgt und ſich von Laune und Gewohnheit beherrfchen läßt; eben 
fo ift auch der erfte Eindruff guter Beifpiele nicht am ihm ver 
loren, er wirkt in ihm eine Luft zur Nachahmung, und.er befric 
digt fie, wenn er -es in biefem Augenblikk ohne fonderliche An- 
ſtrengung thun kann: wenn dieſer euch einen Entfchlaß verkün 
digt, dies wolle er nun thun, fo wolle er von nun an leben 
folt ihr glauben, nun fei auf einmal der Geift der Kraft übe 
ihn gefommen, und es werde anders werben mit ihm? Ich 06 
ſtehe euch, weit entfernt diefes für chriftliche Gefinnung zu hal 
ten, beweiſ't es mir. vielmehr einen offenbaren Mangel daran. 
Kommt dieſes Ieere Glauben und Hoffen daher, daß ihr. das ge 
genwaͤrtige mit dem vergangenen nicht vergleicht; ſeht ihr wirk 
lich nicht, daß dasjenige was jest in einem Menfchen vorgeht 
daſſelbe iſt was fchon oft in ihm vorgegangen ift: fo geſteht, 
daß ihr die Menfchen mit. denen ihr โอ 66 und über die ihr ur 
theilt nicht mit der ernften Aufmerkſamkeit betrachtet die ihr ih 
nen ſchuldig feid. Kommt e8 daher, daß ihr eurem Schluß ven. 
diefer äußern Aehnlichkeit auf die innere nicht traut: fo denkt 
doch ja nicht, daß dies eine lobenswuͤrdige Beſcheidenheit ſei 
Könnt ihr glauben, daß ein. boͤſer Menſch wohl auch gut han 
deln könne; ober glaubt ihr, er Eönne öhnerachtet ihr ihn vor 
Augen hattet gut gervorden fein und feinen Sinn geändert da 
ben unvermerkt; oder glaubt ihr, bie größte Veränderung die in 
einem Menfchen vorgehen kann werde fich eben fo offenbaten 
wie eine flüchtige Gemuͤthsbewegung von der über Nacht jede 
Spur verwiſcht iſt: ſo fehlt es euch offenbar an Kenntniß von 
der eigentlichen Natur des guten, und daraus weiß ich nichts 
anders zu ſchließen, als daß ihr es entweder ſelbſt noch nicht 
beſizt, oder daß ihr es nicht wuͤrdig genug ehrt. Ich warne 
euch vor dieſem leeren Glauben und Hoffen fo ernſtlich ich โล ก ก 
So lange ihr deſſen nicht muͤde werdet, muß euer faliches Ur 
theil immer ค น falſches Handeln hervorbringen, dag eben ſo leer 
ſein wird! ihr werdet nichts gutes ausführen was ihr entwerft, 

ihr werdet nichts auf die Menſchen wirken wenn ihr fie für er 
. 9 ล 8 anderes haltet als fie find; und wenn die Zeit eureg Lebens 
unnuͤz vergeht, fo glaubt nicht, Gott werde alles entfchuldigen 





145 Ä 
mas ihr aus guter Meinung verfehen habt. Er gab euch Augen, 
warum habe ihr nicht gefehen? Werdet ihr aber des Glaubens 
ber euch immer getäufcht hat endlich müde, dann finke ihr ohne 
fehlbar in einen eben fo bodenloſen Mißmuth, als eure Hoffnun⸗ 
gen eitel und Iuftig waren. Ihr werdet auch im Argwohn die 
guten von den .böfen nicht unterfcheiden, wie ihr es vorher im 
Glauben nicht thatet; und: um euch über das Mißgeſchikk daß 
ihr die Menſchen weder kennt noch etwas mit ihnen auszurichten 
wißt zu troͤſten, werdet ihr euch: einbilden, daß weder das eine 
noch das andere der Muͤhe werth ſei. 

Was heißt alſo die. Liebe ſoll alles glauben und alles hof—⸗ 
fen? Wolle ihr dieſe Vorſchrift in jenem vielumfaſſenden Siun 
nehmen, in welchem ihr fie zu nehmen gewohnt feid: ſo bedenkt 
doch, daß in dem Zuſammenhange worin fie gegeben iſt eigentlich 
von dem Betragen und den Geſinnungen der Chriſten unter eine 
ander die Rede war; bedenkt, daß damals in den erften Zeiten 
der Kirche ein Chriſt zu ſein etwas mehr ſagen wollte als jezt 
und daß nicht leicht einer in dieſen Bund gehoͤrte, den nicht das 
Beduͤrfniß einer auf Reinheit des Herzens gegruͤndeten Religion 
ans dem eiteln Goͤzen⸗ und: Opferdienſt heraustrieb. Gegen folche 
Menſchen von denen ihr wißt, daß fie das göttliche Geſez er⸗ 
fannt und zu dem ihrigen ‚gemacht haben, daß bei ihnen die 
Stimme des Gewiſſens regiert, gegen ſolche bie ihr als Mitbuͤr⸗ 
ger im Reiche Gottes erkannt habt, weil fie handeln wie nur - 
jolche handeln Eonnen, gelte euch diefes Gebot in feinen ganzen 
Umfange. Glaubet alles von ihnen. Wenn euch in ihrem Be⸗ 
ragen etwas vorkommt das ihr nicht ganz verfteht, das ihr aus 
eurer Art 8 ๒ Gefege der Mechtfchafferiheit und bew Liebe in aͤhn⸗ 
lichen Faͤllen anzuwenden nicht erklaͤren koͤnnt, das vielleicht man⸗ 
cher von vielen und auch von euch angenommenen Vorſtellung 
über das rechte und ſchikkliche zu widerſprechen fcheinti ſo ſeid 
nicht raſch das Urtheil der Verwerfung uͤber ihr Betragen aus⸗ 
iufprechen, feid nicht befliffen eine Leidenſchaft, ein falſches Ur⸗ 
heil, einen unregelmäßigen Gemuͤthszuſtand aufjufindet, woraus 
ſich dies herleiten laſſe; ſondern glaubet, daß irgend etwas in 
den Verhaͤltniſſen ſei was euch verborgen geblieben iſt und daß 
auch dies mit den Grundſaͤzen ihres Wandels uͤbereinſtimmen 
muͤſſe. Suchet dies mit Befcheibenhelt auf, und wenn ihr es 
nicht findet, ſo glaubet dach, dag dergleichen da ſei, bis ihr das 
Gegentheil ſehet, bis die Spuren der Reue und das Beſtreben 
es beſſer zu machen euch zeigen, daß gefehlt worden iſt. Dieſer 
ซิ เฉ น น wird d euch vergolten werden, indem ihr gfimals ค eine That, 


Ihe werdet ihr Licht immer heller leuchten fehen, bis es ud 


nicht ท นะ diefes und jenes einzelne gute hervorbringt, ſondern 


146 


die euch bedenklich fchlen ſpaͤterhin in Ihrem wahren Licht erblil⸗ 
fen werdet; ja: felbft wenn er euch hie und da täufcht, wie es 
denn. möglich ift, weil auch den vortrefflichiten und nachdenklich⸗ 
ſten Schwachheiten und "Uebereilungen möglich find und jedem 
Menfchen hie und ‚da verborgen bleibt mo er gefehlt hat: er 
führt auch bier den Segen bei fich, daß euch Fein bitteres ย ื ย 
fühl von biefer Täufchung übrig. bleiben wird. Und mo ihr ihn 
zuruͤkknehmen müßt, da nimmt das andere Gebot feinen Anfang, 
hoffet alles. Seht ihr jest noch an deren die ihr für Brüder 
erfennen mäßt Spuren von den Neigungen, welche fie ehemals 
beherrfcht haben; brechen die Fehler ihrer natürlichen Gemuͤths⸗ 
art noch ‚bisweilen aus im Widerfpruch mit der. Handlungsmeilt, 
welche fie fich feit Dem Anfange ihres neuen Lebeng gebildet ha 
ben; zeigt fich noch hie und da eine alte Gewohnheit wirkfan, 
‚ehe die Ueberlegung darauf gerichtet wird ihr zu twibderfichen ſo 
hört nicht auf zu hoffen, daß es auch darin noch beſſer mit ih 
nen werden toird, ſezt der Herrfchaft, welche fie über fich ſelbſt 
erlangen werden, Feine Grenze, und Feine Vollkommenheit fei zu 
groß, die ihr nicht von denen erwarten folltet, Die fich einmal ge: 
beugt haben unter อ ิ ด 8 Gefez, welches Gott in unfer Herz fchrieb. 
Sch fage euch, eure Hoffnung wird nicht zu ſchanden werden; 


einem .irdifchen in ein himmliſches verwandelt wird. An dieſem 
Blauben und an diefer Hoffnung zu euern Brüdern darf es «ud 
nicht fehlen, "wenn anders in euch felbft die Achte Gefinnung der 
Rechtſchaffenheit wohnt. Wer das Leben, aus Gott kennt, dem 
ift ein. folcher Glaube natürlich. denn er. muß wiffen, daß es 


den ganzen Menfchen beffert, und daß unter. diefer Herrfchaft 
eben ſo wenig ein einzelnes Lafter ruhig wohnen kann, als. ein 
einzige wahre Tugend in einem ungebefferten Gemuͤth aufgeht 
Wer den Sinn Ehrifti hat, dem ift eine folche Hoffnung natuͤr⸗ 
lich: Kenn fie iſt eine Folge feiner eigenen täglichen Erfahrung 
Er fieht feine eigne Tugend täglich lauterer und ſchoͤner ก ิ ด ) 
ben; er fieht, wie jedes. Glied feines neuen Menfchen an Kraft 
zunimmt durch Nahrung und Uebung und jeder entſtellende Flekt 
verſchwindet Durch den ungehemmten Umlauf heiliger und unver 
dorbener Gedanken und Gefühle, und er weiß, daß es eben 1 
ergehen muß mit allen die ihm gleich gefinnt find. 

Dieſe find es alfo, von. denen alles zu glauben’ ift und all? 
zu hoffen. Glaubt und hofft aber- auch, daß jeder dieſen Sinn 
habe, bis ihr auf ungesweifelte Art eine Handlungsweiſe bei ihm 


⸗ 


\ 





147 


wahrnehmt, bie mit bemfelben unmöglich beſtehen kann; glaubt 
und hofft auch von denen, welchen ihr ihn nicht beilegen Fönnt, 
foviel gutes, ald eure Kenntniß der menfchlichen Natur euch zur 
läßt. Glaubt von feinem, daß er böfe fei aus Haß gegen dag 
gute, fondern fucht die Urfache von allem was euch an ihm be 
trübt in. den Leidenfchaften und Neigungen, die ihr gar wohl 
โฆ ห ย์ und in dem Mangel an Kraft, von welchem ihr in einzel: 
nen Fallen doch auch noch Erfahrungen macht; glaube, daß es 
Mittel gebe, einen jeden von manchem boͤſen zuruͤkkzuhalten und 
zu mancherfei loͤblichen und nüzlichen Handlungen zu veranfaffen, 
und hofft, dem guten fei der Zugang zu Feiner eingigen menſch⸗ 
lihen Geele fo ganz verſchloſſen, daß nicht hier oder dort irgend - 

einmal ein jeder น ท [6 . gemeinfchaftliches Ziel finden und den 
richtigen Weg dahin ſollte einfchlagen koͤnnen. Fehlt es euch an 
diefem Glauben und diefer Hoffnung: fo muß eine Verachtung. ber 
menfchlicden Natur in euch liegen, ober ein vermwerflicher Stolz, 
als ob ihre ย อ ก ganz anderem Thon gebauet waͤret als andere, 
und beides kann mit der Liebe nicht beſtehen. 


II. Auf dieſelbe Art Int ung auch einen Unterfieb mar. 
hen in der Nachficht, die wir in unferm Betragen gegen bie 
Menſchen bemeifen follen. 

Erftlich ertraget und duldet alles von denjenigen, an bie 
[ ald an gute und vorzügliche Menfchen glauben müßt; auch. 
fie werden euch gewiß Gelegenheit genug geben, diefe Tugend zu 
üben, Bei aller Webereinftimmung in den Grundfägen eines wohl⸗ 
geordneten und Gott gefälligen Lebens und. in der Erkenntniß der 
wichtigſten und heilſamen Wahrheiten kann dennoch eine ſehr weit⸗ 
gehende Verſchiedenheit der Meinungen und der Entwuͤrfe und 
Handlungsweiſen ſtatt finden. Dieſelbe Wahrheit, uͤber welche 
mehrere einig ſind, kann den einen zu dieſer, den andern zu einer 
ganz verſchiedenen Anſicht einzelner Gegenſtaͤnde und Beurtheilung 
einzelner Faͤlle veranlaſſen; die verſchiedenen Verhaͤltniſſe des Le⸗ 
bens koͤnnen dem einen in dieſem und jenem in einem ganz an⸗ 
dern Lichte erſcheinen; dieſelbigen Menſchen ſucht der eine auf 
dieſe, der andere auf jene Art zu behandeln, nachdem ſich ihre 
Eigenfchaften und Verhältniffe aus jedem andern Gefichtspunkt - 
auch in einem andern Zufammenhange bdarftellen; und fo wird 
diefelbe "Beförderung des guten, die unfer gemeinfchaftliches Ziel 


if, jeher auf feiriem eigenen Wege fuchen. Duldet diefe Ber 


Ihiedenheit, wie groß fie euch ſcheinen und wie unangenehm fie 
euch bisweilen überrafchen möge Der Herr hat fie eingefegt: 
อ J K2 


148 | 
๕ ๐ fon jebe Art zu handeln, die nur mit feinen Geboten über: 


- . einflimmt, irgendwo zur Mirflichkeit Fommen; fo [อ น ์ die Mannig- 


faltigfeit, deren das gute im Menfchen fähig ift, fich offenbaren 
und auf jedem Wege: fein Wille gefchehen und fein eich herbeis 
„geführt werden. Wer damit nicht zufrieden ift, wer fich von der 
Eleinlichen Eitelkeit nicht losmachen kann, alle Menſchen die ihm 
werth ſind auch zu ſeiner Meinung über alles was. ihm wichtig 
iſt hinuͤberzuziehn, wer gleich Gefahr ſieht und abhalten, belehren 
und beſſern will, wo nicht ganz in ſeinem Sinne gehandelt wird, 
deſſen Liebe iſt noch nicht rein von Eigenduͤnkel und Selbſtſucht. — 
Und fo ertraget es denn auch mit Liebe, wenn eben dieſe Eigen: 
' thämlichkeiten guter Menfchen, oder auch bie Schtwachheiten bie 
noch in ihnen übrig find euch Unannehmlichkeiten und Schmer 
zen verurfachen, bamit nicht das. Gegentheil, wo ihr etwas ge: 
meinſchaftlich mit ihnen ausrichten wollt, ober wo einer auf den 

"andern เน wirken hat, eine Duelle von verderblichen Mißhellig: 
keiten werde. Einer iſt eifrig. und raſch, . ein: anderer ſanft und 
langfam; einer geht. gleich auf das innere einer Sache, ber an: 
dere fängt umftändlich bei: der. Oberfläche .an; ber eine behandelt 
auch das wichtige mit Reichligfeit- und Aumuth, ein anderer auch 
has geringere mit finnreichem Ernſt; einer laͤßt einem arglofen 
Scherz Raum, to ein anderer jedes Wort .bebächtig auf bie 
Mage legt. Wenn eme oder bie andere diefer Eigenthuͤmlichkei— 
ten, wie. fehr es auch immer fei, der eurigen entgegenfteht; wenn 
Die Aeußerungen berfelben euch oft zur Ungebuld reisen, ober euer 
Gefühl. auf der empfindlichfien Seite verwunden; wenn dies ſelbſt 
deshalb geſchieht, weil.euer Bruder fie nicht genng in feiner Ge 
walt bat und fie in eine Schwachheit ausgeartet ſind: ertraget 
fie dennorh! und wenn er ſiebenmal des Tages gegen euch fehlte 
und kaͤme zu euch und fagte, es reuet mich, fo vergebt ihm! ja, 
ſeze ich Hinzu, und wenn er auch gar nicht merkte, daß er gegen 
euch gefehlt hat, vergeht ihm doch; auch wenn ihr euch gefaßt 
halten müßt, daſſelbe immer-twieber zu. erleiden, vergebt ihm doch. 
Eure Hoffnung, daß auch das noch in ihm beſſer werben wird, 
muß euch darin unterflügen; eure Ueberzeugung, daß auch ihr von 
andern gleicher Machficht bedürft, muß es euch leicht, und eure 
Freude darüber, daß ihr doch im innerften des Herzens eing mit 
> ihm ſeid, muß es euch angenehm machen. Ahr Ednnt nicht fröh: 
Uliche Duldung, wicht gärtliche Nachficht genug beweifen gegen bie 
jenigen, die mit euch eins find in dem Herrn. wenn ihr den 
chriſtlichen Sinn habt, bee über ber einen Hauptfache: gern alled 
andere. vergifit: fo werben dieſe Kleinigkeiten, welche von ber 








149 


menfhlichen Natur fo ungertrennlicdy find, nicht im Stande fein, 
euch in der Eintracht zu flören, womit wir alle zu unferm ge 
meinfhaftlichen Endzwekk arbeiten follen. Wer ſich von einem 
druder, dem er Achtung und Liebe fehuldig zu fein fühlt, um 
deswillen wegwendet, weil biefer hier und: dort von ihm verfchies 
ven denkt und handelt, der hat eben eigentlich die Liebe nicht, bie 
er ihm geben folte; wer fich deshalb. weigert, fich zu irgend ei 
ner guten Abficht aufs innigſte mit ihm zu verbinden, der erfüllt 
iehr mangelhaft ben Beruf, der ihm angemwiefen ift; mer deshalb 
auch mar minder gern dad Wohlergehn und das Vergnügen eines 
andern befördert, der unterläßt es der. Nechtfchaffenheit vor der . 
Welt die Achtung zu bezeigen die ihr gebührt. Und doch ift es 
nur zu getsöhnlich, daß eben diejenigen, welche offenbar unrechten 
und fündlichen Handlungen eine entjchuldigende Rachficht anges 
beihen laſſen, fich hierin eine unerbittliche Streuge erlauben und 
6 für recht halten, nicht nur fich um diejenigen, deren Gemuͤths⸗ 
art ihnen nicht angenehm ift, nicht weiter zu befümmern, mie vor⸗ 
trefflich fie auch fein mögen, fondern auch jede Verlegung, welche 
ihnen ſelbſt Daraus entfteht, fo zu ahnden,. wie das erſte verwun⸗ 
dete Gefühl. e8 ihnen eingiebt. Das heiße der Vorſchrift unfes 
res Textes gerade da wo ſie am deutlichſten iſt den Gehorſam 
verſagen 

Wollt ihr aber gerecht ſein; ſoll der Vorzug den ihr den 
befferen Menfehen einräumt nicht eine auf Unkoſten der allgemei⸗ 
nen Liebe ausgeuͤbte Parteilichkeit ſcheinen: fo duldet und ertra⸗ 
get zweitens das nemliche auch von denen, welche ihr noch 
nicht aus demſelben Geſichtspunkte anſehen koͤnnt. Wenn Ver⸗ 
ſchiedenheit der Meinungen und der Gemuͤthsart euren Pflichten 
und Geſinnungen gegen diejenigen, die ihr als Bruͤder und Juͤn⸗ 
ger Chriſti lieben müßt, keinen Eintrag thun koͤnnen: fo ſoll fie 
auch euren Pflichten und Gefinnungen gegen biejenigen nicht in 
den Weg treten, denen ihr eine alfgemeintre Art der Liebe ſchul⸗ 
dig ſeid. Es mag fein, daß Menfchen fich gereiffer Ermeifungen 
auch diefer Liebe unwuͤrdig wachen können durch Handlungen und 
ต ิ ต โห แน ห ล อ บ wodurch fie die menfthliche Natur verunehren: aber 
perfönliche Abneigung, Sehler die ihr entfchuldigen würdet, wenn 
fe'nur gegen einen andern begangen worden mären, follen nie 
mals den Vorwand dazu hergeben. Das iunerſte eines jeden der 
die Menſchheit zu ehren weiß muß ſich empoͤren, wenn fo oft, 
ohne daß man fich auf: die Denkungsart und das Leben eines 
Menfchen einlaͤßt, von einem Widerwillen geredet wird, den man 
gegen ihn empfindet und ben am Ende eine unbedeutende: Klei⸗ 


- 150 


nigfeit rechtfertigen foll, etwas unangeneßmes in der Außern Er 
fcheinung, im gefelffchaftlichen: Betragen. Entzieht ihr auch des⸗ 
halb einem Menſchen nicht euren Beiſtand im Ungluͤkk, euren 
Schuz gegen die Verlaͤumdung; wird euch nur dadurch ohne wei⸗ 
tern Grund ſeine Perſon fremder, ſein Wohlergehen gleichguͤlti⸗ 
ger, ſo iſt ſchon gefehlt. Es iſt meine eigne Erfahrung, die ich 
euch offenherzig mittheile, daß- gerade diejenigen, die ich nachher 
-- am meiften lichen mußte, mich anfänglich eher von fich abgefte 
Ben, ale zu fich hingezogen haben; gewiß ift dies häufiger ber 

Fall, als man 08 wahrnimmt, gewiß beraubt ſich mancher durch 
leichtſinnige Nachgiebigkeit gegen den erſten Eindrukk des beſten 
was einem Menſchen widerfahren kann und ſchadet ſich ſelbſt, 
indem er einem andern entzieht was ihm gebuͤhrt. — Aber wie 
oft wird einem ſolchen Widerwillen noch mehr. Spielraum gelaſ⸗ 
ſen! wie oft begründet er eine nachtheilige Meinung von dem 
innern des Menfchen und dußert fich durch "eine hoͤchſt unge 
rechte offenbare Zurüfffegung! Es ift wahr, ‚daß niedrige Geſin⸗ 
nungen und wilde Leidenfchaften des Menfchen in feinem Außen 
Betragen Spuren zuruͤkklaſſen, welche ſich auch da zeigen, wo 





jene nicht unmittelbar im Spiel find, und welche einem geuͤbten 





Auge felten entgehen: aber wer darf behaupten, daß was and 

einem ſolchen Grunde herruͤhren kann auch immer daraus hr 

rühren muͤſſe? wer darf fich zutrauen, dies untruͤglich zu unter 
ſcheiden? wer darf fich für fo vollendes "halten, daß ihm nichts 
zumider wäre als eben diefes? Seht, wie auch hier dag Unrecht 
fich offenbaret durch den Eigenduͤnkel ber ih zum -Grunde liegt! 

dieſer kann nicht beftehen mit der Liebe, die ung befeelen foll; 

opfern wir ihm unfere Dulbfamfeit auf, fo opfern wir, die Ge 

rechtigkeit mit auf. 

Dagegen fordere ich euch im Namen derfelben drittens aufı 
nichts zu ‚dulden und nicht® zu vertragen, wodurch offenbar dad 
gute und die Vollkommenheit, deren Beförderung unfer höchfler 
Beruf ift, gehindert und zurüffgehalten wird, Feine Meinung, Feine 
Geſinnung, Eeine Handlung. Denkt über den Urſprung derfelben 
fo nachfichtig ihr เพ อ น ั ย aber haltet es für eure Pflicht, euch ih⸗ 
nen aus allen Kräften zu wibderfegen, fonft artet eure duldende 
Liebe aus in eine unvernünftige Zärtlichkeit, bie denen felbft nad 
theilig wird, welchen ihr fie beweiſet. Duldet Feine unvernäufti 
gen Borurtheile, wohin auch ihr ſchaͤdlicher Einfluß gerichtet fein 
möge, denn einen folchen, das gebt ihr zu, werden .fie allemal 
haben; und liegen fie auf einem Gebiete, worüber zu urtheilen 
ihe befugt ſeid, ſo erhebt auch eure Stimme gegen ſie. Ob ihr 


"151 


mit firengem Ernf ober mit fchonender Sanftmuth, mit ‚tiefen 
Gründen oder mit treffendem Spott ftreiten follt, das fei eurem 
Gewiſſen und eurem unterfcheidenden Gefühl überlaffen: aber 
ftreiten müßt ihr. Was für eine Eiche wäre es, wenn ihr die 
Menfchen, foniel an euch iſt, immer in der Lnechtſchaft des Uns 
verſtandes ließet ohne auch nur das leichteſte zu ihrer Erloͤſung 
beisutragen ! hr น ี 6 es nicht für vergeblic, halten, Vorurtheile 
auch bei denen anzugreifen, Die fie lange in fich genährt haben; 
ihre folt nicht im voraus fagen, es fei umfonft dag Werk der 
Erziehung und der Gewohnheit vernichten zu wollen. Diefe Träg- 
heit, unter welchen Namen fie fich auch verberge, ift Eeine Liebe; 
md wo wuͤrden mir fein, wenn jeder, dem beffere Einficht ver⸗ 
lichen war, fich folche Zuräffhaltung erlaubt hätte. Richter ihr 
aber auch bei denen. nichts aus, die fchon veraltet find im Irr⸗ 
tum, fo werdet nicht müde, dem Einfluß den fie auf andere 
gewinnen könnten entgegen zu arbeiten. Hemmt auf alle Weife 
den Strom, der alles zerftören will, was Vernunft und Weisheit 
mit Mühe erbauen. ' Redet nicht von Schonung; fie wäre ge⸗ 
wiſſenlos in dem beiligften Kriege ben wir führen! verfündiget 
tod nicht an der Eünftigen Zeit, indem ihr der vergangenen auf 
eine ſehr unrechte Art eure Achtung beweiſet! opfert nicht Die 
ſchuldloſe Jugend auf, um ein graues Haar zu ehren, welches 
nicht auf dem Wege der Gerechtigkeit gefunden worden *). Am 
tenigften höret jemals auf, Durch eure Handlungen gegen das zu 
feeiten, was ihr. als Vorurtheil und Irrthum erkennt. Wollt 
ihr nicht einmal leben nach eurer Ueberzeugung, nicht einmal in 
eurem Beruf aufs befte ihr gemäß handeln, nur damit. ja dieje⸗ 
nigen gefchont werden, deren Gedanken und Wuͤnſchen es zumi- 
der fein könnte, Das wäre eine fehr verwerfliche Liebe. — Dul⸗ 
det ferner nicht den Leichtfinn, ber über das Lafter auf. eine Tofe 
entſchuldigende Art vernuͤnftelt. Daß dieſer nur zu haͤufig er⸗ 
ſcheint in allen Gegenden der Geſellſchaft, darin werdet ihr ge⸗ 
wiß mit mir uͤbereinſtimmen, und ich fuͤge hinzu, daß man auch 
nur allzuviel Nachſicht gegen ihn beweiſet. O ſchlagt ihn mit 
allen Waffen, welche eure Menſchenkenntniß, euer Verſtand, euer 
Big, euer Anſehn unter den Menſchen euch an bie Hand geben! 
nichts von Geduld mit den Gebrechen des Zeitalterg, nichts von 
Nachſicht mit der flatterhaften Jugend, nichts davon, daß auch 
Tugend und Neligion fich dem Geifte der Zeit bequemen und 
ftine Gewalt erfahren muͤſſen! ſie koͤnnen nichts verlieren, denn 
— — 


Sypr. Sal. 16, 3l. 


| 153 
alles was ihnen wirklich angehört ift ewig und unverwelklich, 
und fo koͤnnen auch. die Pforten der Hölle fie nicht uͤberwaͤlti⸗ 
gen; aber was fie überwältigen will, Das find bie. Pforten der 
Hölle, und dagegen laßt ung freiten was unfere Kräfte. vermoͤ⸗ 
gen. Muß in diefem GStreite hie und dort einer der Beſchaͤ⸗ 
mung, dem. Gelächter, der Verachtung preis ‚gegeben werben: 
ſchonet nicht, es iſt ein wohlverdientes, ſelbſtgewaͤhltes Schikkſal, 
‚und es gilt dag heiligfte Kleinod, deffen. Vertheidigung ung über: 
tragen iſt. — Ertraget Feine Ungerechtigkeit und Fein liebloſes 
Weſen. Ich ſage nichts davon, gegen wen ſie begangen werden, 
gegen euch ſelbſt oder andere, denn es gilt gleich. Nicht gleich: 
gültiger fei euch อ ด 8 mas andern zugefügt wird, aber ſeid aud 
nicht nachfichtiger, wenn es euch ſelbſt begegnet: denn ich [66 
2  voraud, daß ihr im Stande’ feid, ohne Leidenschaft darüber zu 
urtheilen. Ich fage auch nicht, daß ihr einen. Unterfchied machen 
แย je nachdem fie gelungen. ift oder ‚nicht, Gewiß fordere ic 
euch nicht auf das Uebel zu vergelten welches zugefügt worden 
โ fondern das böfe welches gemeint war, Woht ihr den un 
gerechten in eurem Betragen nicht unterfcheiden, fe ſprecht ihr 
Ihm Recht, und das ift dem Herrn ein Greuel ”). Geid ihr 
nicht gegen ihn, fo feid ihr für ihn; wollt ihr ihn. nicht zuͤchti⸗ 
gen, ſo muntert ihr ihn auf; wollt ihr gegen ihn wie gegen an— 
dere dienſtfertig, freundfchaftlich und gefaͤllig ſein und ihn eben 
ſo behandeln, wie ihr in gleichem Verhaͤltniß den rechtſchaffnen 
behandelt: ſo ſingt ihr ſelbſt ſeinem Gewiſſen das Wiegenlied und 
habt Antheil an ſeinem wachſenden Verderben. Sehet nun ſelbſt 
zu, ob dies eine Nachſicht iſt welche die Religion euch gebieten 
kann, ob es nicht die Liebe iſt die euch davon abhalten muß. 
So wie es in jeder wohlgeordneten Geſellſchaft Strafen und Dr 
lohnungen giebt, fo muß 68 auch in dem freien. Umgange dt 
. Menfchen Auszeichnungen geben für den guten und Auszeichnun⸗ 
gen für den böfen, Unfer Vater im Himmel läßt regnen uber 
die gerechten und Aber Die ungerechten und feine Sonne aufge 
“hen über bie höfen und über die guten; ich will euch nicht abs 
halten ihn auch Hierin nachzuahmen. Was ihr thun koͤnnt um 
die Noth der Menfchen zu Kindern und ihre erfien unumgaͤnglich— 
ſten Beduͤr fniſſe zu befriedigen, Dabei frager nicht nach Verdienſt 
oder Schuld: aber zuvorkommendes Wefen, Beweiſe der Achtung 
Vezeigung des Wohlgefallens, Verlangen nach Eiche und nähert! 


ๆ Spr. Sal. 17, 18, | 





153 

Berbindung, das darf und fol etwas bleiben, wodurch ihr denje⸗ 
rigen auszeichnet der eurer Achtung und eurer Liebe werth iſt. 

Gerechtigkeit und Liebe muͤſſen auf jedem Theile ihres Ges 
biete® anf dag genauefle zuſammenſtimmen, wenn fie anders rech⸗ 
ter Art und dem göftichen Urbilde ähnlich fein follen, und ihr . 
feht, fie thun es auch hier. Es iſt nur Gerechtigkeit gegen bie 
guten und frommen, wenn ihr alles an ihnen mit den Augen der 
iebe anfeht, welche überall von Glauben und Hoffnung glänzen; 
8 iſt nur Liebe zu den böfen; wenn ihr gegen das -böfe in ihnen 
frenge Gerechtigfeit übt. Haltet, ich bitte euch, Diefe Aeußerung 
eurer Befinnungen für feinen unwichtigen Theil des euch anvers 
trauten Pfundes; haltet damit Haug, fo daß ihr vor Gott ber 
fehen koͤnnt. Auch hievon heißt es, Wer nicht bat,, dem wird . 
auch dag genommen was er hat. Wer die Liebe, dad hoͤchſte 
was dem Menſchen ‚gegeben ift, in eine Schtwachheit verwandelt, 
dem bleibt ร แน โอ ร 46 auch nichts -übrig als diefe Schtwachheit; er 
wird der wahren Liebe unfähig, und ‚weil er das verfchiedenfte 
für gleich erklärt hat, fo ift er auch auf dem Wege zu einer all . 
gemeinen Gleichgültigkeit und Erkältung des Herzens. Wendet 
ale eure Weisheit an, um in jedem Falle zu unterfcheiden was 
kiebe und Gerechtigkeit vereint gegen einen jeden erfordern; und 
wenn es euch Dann fcheint, ale ob, was ihr auf dieſe Art auge 
richtet und erreicht durch die Frucht eured Mundes und durch, 
den Ausdrukk eures Betragend, nur etwas fehr weniges fei: fo 
beruhigt euch damit, daß es doch dag rechte iſt für das befte der 
Belt; und hofft, daß auch hier die Ausficht sit einft über mebs 
reres geſezt zu werden. 


154 


Die Gemeinfchaft des Menfchen mit Gott. 


ว 1218 9" macht doch der Anblikk eines frommen auf alle die 
fich nur in einem ruhigen und befonnenen Gemuͤthszuſtande be 
"finden einen fo eignen und wunderbaren Eindrukk? Sie koͤnnen 
ſich einer ehrfurchtsvollen Schen nicht erwehren in ber Gegenmwart 
deſſen ‚den fie wielleicht in’ jeder andern Hinficht tief unter ſich 
halten; fie demuͤthigen fich vor feiner erhabenen Gefinnung und 
fühlen fid) felöft geehrt und erhoben Durch dieſe Demuͤthigung; 
es uͤberfaͤllt fie die Ahndung von einem ſeligen und beneidenswer⸗ 

then Zuſtande in demfelben Augenblikk wo fie ſelbſt ſich deſſen 
unfaͤhig, ja vielleicht unwuͤrdig fühlen. Zu allen Zeiten und un 
ter allen Umftänden zeigt fich diefe Wirkung, ſowohl da wo wir 
eine reine und vernünftige Religion finden, ald da wo die Er 

fenntniß des Etwigen noch von mancherlei Irrthuͤmern ส ล ว ม ตี 
nigt iſt und die Grundfäze der Gottfeligkeit mit abergläubifchen 

Meinungen vermifcht find; überall legen felbft die roheſten ย ื ย 

müther in ihren befferen Augenbliffen durch dieg Gefühl ein Zeug 
niß ab für die hohe Würde der Frömmigkeit. Ich möchte nicht 
fagen, daß es die unwandelbare Nechtfchaffenheit des frommen 
ift was biefen Eindrukk hervorbringt. Die Religion bedarf Feines 

falfchen Ruhmes, und fo wollen wir nicht anftehn zuzugeben, daß | 
auch unter denen, welche am Glauben Mangel leiden, nicht wenige 
ihren Wandel in unbeftechlicher Treue und Redlichkeit führen und 
die Erfüllung ihrer Pflichten im ganzen Umfange ihr erſtes und 
hoͤchſtes fein laſſen. Aber, wenn gleich niemand ihnen aufrichtige 
und herzliche. Achtung verfagen kann und ber böfe ſelbſt gezwun⸗ 








165 


zen iſt fie zu ehren: ฝัน folches Gefühl Bringen fle ihm doch 
richt ab, als mit. welchem fie felbft dem frommen buldigen, zum 
zeutlichen Beweiſe, daß diefe Huldigung fich nicht auf dag bezieht 
vas fie mit. ihm gemein haben. — Auch in der unerfchiitterlichen 
gleichmuͤthigkeit des goftfeligen bei allen Vorkommenheiten des 
hend Fönnen wir die Urfache dieſer Erfcheinung nicht fuchen; 
enn wie viele Menfchen giebt es nicht, die ohne Hulfe ber Re⸗ 
igion entweder durch frühe Erfahrungen gereift und durch mans 
he Schikkſale abgehärtet, oder über ber Ausbildung und Befchäfr 
igung des Verſtandes das was den finnlichen :Menfchen betrifft ว 
xrnachlaͤſſſgend, fich über nichts vertvundern was um: fie her 
wrgeht und auch was ihnen felbft begegnet mit ungewöhnlicher 
Öelaffenheit hinnehmen. Bewundern werden freilich diejenigen, 
welche die Sklaven jedes Gluͤkks und jedes‘ Unfalles find, diefe 
fltene Erhebung des Gemüthes: aber in eine folhe NRührung 
wird fie feinen verfegen,. wie jene Gott ergebene Stimmung bes 
kommen jedem abzwingt, der ein Zeuge davon fein kann. Ja 
auch nicht einmal in der freundlichen Liebe, die der fromme allen 
ftinen vernünftigen Mitgefchöpfen entgegenträgt, müſſen wir. es 
ſuchen. E8 giebt viel gute Herzen, die alle Segnungen eines 
fhätigen Wohlwollens weit um fich her verbreiten und mit uner 
müdetem Eifer und freudiger Aufopferung ihren Beiträg Teiften 
um jeden - zufrieden - zu flellen; mer wuͤrde fie nicht lieben und 
nach ihrem Werthe ſchaͤzen: aber jene andächtige Ehrfurcht wird 
ihnen nicht gezollt. — Sollte. e8 etwa der Umſtand fein, baß 
ir in einem frommen- Gemüthe diefes alles vereinigt finden? 
Rein, nicht jene Aeußerungen ber Gottfeligkeit, welche fie mit ans 
dern Töblichen Eigenfchaften des Menfchen gemein hat, ergreifen 
jedes Herz. auf eine fo eigene MWeife, fondern die woraus fich ihr 
inneres Wefen unmittelbar zu erkennen giebt. Der Gedanke an. 
Bott.begleitet den frommen überall hin, nicht bloß der Gedanke, 
et fieht und empfindet überall อ ด 8 ewige Wefen; und weil er 
les in unmittelbarer Beziehung auf diefen einen und großen Ge⸗ 
danken thut und denkt, fo ift in ihm und um ihn her nichts uns 
bedeutend und geringfügig, und neben dem irdifchen Leben, wel⸗ 
ches er mit andern gemein hat, führt er noch ein anderes himm⸗ 
liſches und goͤttliches. Alles legt hievon ein Zeugnig ab. Seine 
Lene und Redlichkeit hat eine ganz eigenthümliche Geftalt, weil 
durch dieſen göttlichen Sinn ale Begierden bie ihn verfuchen 
fonnten zum Schweigen gebracht find. Seine Ruhe wird nicht 
einmal durch Hoffnung oder durch das Bebürfnig zu hoffen ges 
Rörtz denn fie gruͤndet fich auf das Bewußtſein, daß das Haupfe 























156 


gefchäft feines Lebens doch: unter allen Umftänden ununterbrochen 
fortgeht. Seine Liebe bedarf Eeiner Aufforderung, Feiner Befefti 
gung; denn fie ift der natürliche Wiederfchein von der ihm immen 

-gegenwärtigen Liebe Gotted. Dies, der Wandel vor Bott; dee 
Umgang mit Gott ift eg, mas einen folchen Menfchen zum 66 
genftände einer heiligen Ehrfurcht macht. Laßt ung einmal diefe 
innerftie Weſen der Gottfeligfeit recht ing Auge faſſen. Freilich 
follte 06 feinem unter ung unbekannt fein; aber wer weiß ค 
nicht, wie vermifcht in unfern Tagen die Haufen der Chriſte 
find und mie viele unter ihnen dieſes Heiligehum ‚niemals betre 
ten haben. Mögen alfo diejenigen die es kennen Diefe Stund 
einer fröhlichen und dankbaren Erinnerung weihen und mir Zeug 
niß ablegen für อ ด 8 was ich fagen werde, die andern aber Id 
nen, was e8 heiße, fromm und ein Ehrift fein. 


Text. Ap. Gef. 17, 24 — 27. 


Gott, der die Welt gemacht hat und alles was bar 
if, fintenal er ein Herr iſt Himmels und der Erdet 
wohnet er nicht in Tempeln mit Händen gemacht, fe 
wird auch nicht von Menfchenhänden gepflegt ale 
jemande8 bedürfte, fo er felbft jedermann Leben um 
Othem allenthalben giebt; und bat gemacht, daß ve 
einem Blut aller Menfchen Gefchlechte auf dem gan 
zen Erdboden wohnen, und bat Ziel geſezt zuvor ver 
ben. wie lange und weit fie wohnen follen. Daß fie de 
Herrn fuchen follten, ob fie doch ihn fühlen und findd 
möchten; und zwar iſt er nicht fern von einem jeglich« 
unter ung; denn in ihm leben, weben und find wir. 


em 


— 


So redete Paulus an einem Drte, ber lange Zeit ber 
menfchlicher Weisheit getwefen war, von dem Wefen der Gott 
ſeligkeit gu folchen, denen bei allen Tempeln und Altaͤren, 
allen gottesdienftlichen Anftalten, ja bei aller reifern Erkenntni 
deren fie fich erfreueten dieſes fremd geblieben war. Den unbe 
kannten Gott verkündigte er ihnen. und ſtellte es als Die Teste Ab 


= 


. . ficht aller großen Anordnungen in der Welt vor, daß der Menſch 


"ihn fuchen follte, und das Zählen und Finden deffelben als das 
böchfte Ziel unferer Vollkommenheit. Laßt ung dieſes Zieh 
welches der Apoſtel ung vorftelt, und den Weg, welden 
er uns dazu bezeichnet, ind: Auge faſſen. Ä 


157 


I. Der fromme ift derjenige, weicher ben Herrn gefun 
den hat, in fo fern er nemlich nicht fern ift von einem jeglichen 
unter und. Das heißt alſo nicht, er hat befondere Kenntnifle 
erlangt von dem was wir dag Weſen oder die Natur der Gott: 
beit zu nennen pflegen, und es find ihm hierüber Geheimniffe 
off.nbaret tworden, welche weit jenfeit deffen liegen was der meuſch⸗ 
ie Verfiand gewöhnlich erreicht. Beueidet Diejenigen nicht, 
welche durch- Gewoͤhnung an ein Eünftliches Nachdenken, durch 
elhäftigung des Verftandes mit den Gründen und dem Zuſam⸗ 
menhang น ท [6 ๓ ๕ gemeinfchaftlichen Erfenntniffe e8 dahin gebracht 
haben, daf fie hieruber in vielen und regelmäfiigen Worten ihre 
Neinung ausdrüffen und taufend Fragen, eine vermorrener und 
ſpijfindiger ald die andere, aufwerfen, beftreiten und entfcheiden 
แห ด ม Es find das alles nur Worte und weiter nichts. Nicht 
nur der gewöhnliche, fondern überhaupt jeder menichliche Verſtand 
kann hier nicht8 erndten; in dieſer Hinficht wohnt Gott für ung 
ale in einem Lichte wogu niemand kommen kann. Wir haben 
feine Augen ihn zu fehen und keinen Sinn ihn zu fühlen, er ift 
mendlich ferne von einem jeglichen unter ung; und zwiſchen dem 
ingeihränkten Merftande und einem fo unendlichen Gegenftande 
iR eine ewige und umüberfteigliche Kluft befefliget. Aber Eönnten 
auch wenige auserwaͤhlte hierin zu einer geroiffen Erfenntniß ge 
Imgen, fo wuͤrde doch dieſe eigentlich nicht ein Theil der Gott: 
[ผัด ไต ่ [ fein. Da wo Paulus die Morte unferes Textes redete, 
hatte mehr als anderswo bie menschliche Weisheit einen Gipfel 
zu erſteigen geſucht, der für den Kreis in welchem des Menfchen 
ruft noch athınen und fein Herz fchlagen kann gu hoch iſt; viele 
Unterfuchungen waren ba angeftellt worden über die Natur und 
bie Eigenfchaften bes göttlichen Wefens: aber Paulus rechnet feis 
nm Zuhörern diefe nicht einmal an als nügliche Voruͤbungen. Er 
redet mit ihnen von Zeiten der Unwiſſenheit, in denen fie gelcht 
batten und die Gott überfehen wolle: aber es ift eine Unmiffene 
heit, die nicht durch Aenderung der Meinungen, fondern durch 
Anderung des Sinnes vertrieben wird. Diefe unnügen Gruͤbe⸗ 
kim, diefe lerren Worte haben noch keinen auf den Weg der. 
Gottſeligkeit geführt, obgleich แน allen Zeiten viele in irbifchen 
Sinn verfunkene fich auf ſolche Art die Gottheit zum Gegenflande 
ihtes Rachdenkens gemacht haben. Wohl aber kann die Gottſe⸗ 
Igkeit dabei Gefahr laufen. An den troffnen und Ealten Unter: 
ſuchungen des Verſtandes nimmt euer Herz keinen Anteil; und 
dern ich auch nicht. fagen will, daß ihr. baburch ungeſchikkt wuͤr⸗ 
det, euch auf eine heiljame Art mit der Gottheit zu befchäftigen, 


ſo haͤttet ihr doch flate dieſer vergeblichen Bemühungen andem 
Gedanken Raum geben koͤnnen, die euren frommen Sinn genäht 
haben wuͤrden. Nicht beffer ergeht es denen; welche Chriftum auf 
diefe Art fuchen und in alles geheimnißvolle feines. Verhaͤltniſſes 
als Mittler gwifchen Gott und den Menfchen mit ihrem Verſtande 
‚eindringen wollen. Sie ‚haben einen Führer, und die Schrift 
in der fie nach ganz andern Dingen forſchen follten, verläßt fi. 
‚ Auf der Höhe, zu welcher bie Froͤmmigkeit den Menfchen erhebt 
und auf welcher mir ihm jezt betrachten, findet ihr wenige von 
denen, bie folche Unterfuchungen am eifrigften verfolgt haben, und 
gewiß wenigſtens haben biefe ihnen nicht binaufgeholfen. — Din 
Herrn gefunden haben heißt auch nicht feine Gunft gefunden ha | 
‘ben, fo wie’ die” meiften Menfchen in der Thorheit ihres Hergend 
- fie füchen, daß er ihre eitlen und nichtigen Wünfche, die auf irdiſches 
Wohlergehen gerichtet find, erfülle und mag irgend auf ihr Leben einen 
Einfluß hat fo lenke wie ihr Herz danach gelüftet. Einfolches Vertrauen 
auf Gott — e8 beruhe nun darauf, daß fie ihn in Tempeln mit Händen 
gemacht fleißiger ehren und feiner pflegen, als ob er jemandes bedürk 
te, ober darauf, daß fie treuer als andere feinen Willen erfüllt zu 
haben meinen — tweit entfernt, ung Ehrfurcht einzuflößen, kant 
vernünftige Menfchen nur mit Mitleiden erfüllen. Nicht den 
Herrn haben fie gefunden, fondern ein Unding das. durch menſch⸗ 
liche und fehr verwerfliche Gedanken. gemacht iſt, nicht beffer al 
die filbernen, hoͤlzernen und fteinernen Bilder, denen eine folde 
- Gottheit wahrlich gleich wäre. Sie wäre nicht -ein unendliche 
Weſen, in welchem und durch welches 56 Menfch lebt, wirkt und 
ift, fondern eine geheime und wunderliche Kraft, die in ihm und 
durch ihn lebte und .auf die er ſelbſt wirkte. Auch findet ihr in 
denen die auf dieſem Wege und mit ſolchen Anliegen den Herm 
fuchen nichts. von jener Ehrfurcht einflößenden Verfaſſung de 
Gemuͤthes. Wieviel Werth muͤſſen fie auf ihre voruͤbergehenden 
Empfindungen legen, wie wichtig muß ihnen ihr kleines Wohl 
und Wehe feheinen, daß fie es als dag größte anfehn womit fi 
vor Gott erfcheinen Eönnen! wie anhaltend müffen fie ihren Ber 
fand mit den irdifchen ‚Angelegenheiten befchäftiget . haben, und 
doch zugleich wie wenig Weisheit und Zufammenhang müffen fi 
it Gottes Anordnungen voraugfegen, wenn fie ‚meinen das u 
trüglich gefunden gu haben momit Gott gemig übereinftimmen 
muͤſſe! Ueber ſolche Wünfche, über ein folches Tichten und Trach⸗ 
ten. des ganzen Gemüthes muß der fromme weit hinaus fein; 
denn es kann Damit bie Ruhe nicht beſtehen,/ ต die ihm eigen iſt. 





189 
Den Heren gefunden haben. heißt vielmehr zuerſt feinen 


Willen gefunden haben, den Willen der ung ein Gebot ift und - 


den wir ausführen follen. Das ift die Seite, von welcher der 


Here nicht fern ift von einem jeglichen unter und. Das Gebot —⸗— 


fo führt ihn Mofes redend ein — das ich dir ‚heute. gebiete, ift 
dir nicht verborgen noch zu ferne. Noch im Himmel, daß อิ น 
möchteft fagen, wer will ung in den Himmel fahren und ung 
holen, daß wir es hören und thun. Es iſt auch nicht jenfeit des 
Meeres, daß du möchteft fagen, wer will ung über dag Meer 
fahren, daß wir. e8 hören und thun? Denn es ift das Wort jezt 

nahe bei die in deinem Munde und .in beinem Herzen, daß du es. ' 
thuſt. ) Wie, werdet ihre fagen, den Willen. Gottes, den wir 
ausführen follen, gefunden haben, das heißt den Herren finden? 
dad wäre das Wefen der Gottfeligkeit? das waͤre die Gemein 
ſchaft des Menfchen mit Gott? Verkuͤndigt ung diefen nicht uns 
fer Gewiffen und redet das nicht zu allen Menfchen ohne Inter 
(hied? Und wie ſteht ed dann mit dem Unterfchiede zwiſchen dem 
ftommen und Dem rechtichaffenen? So ift es: das Gewiſſen vers 
kimdige euch dieſen Willen Gottes, und die lebendige Erkenntniß 
deffelben ift Dennoch ein mefentlicher und eigenthumlicher Beftand» 
theil unferee Gemeinfchaft mit Gott; dag Gewiſſen verfündiget 
ihn allen Menſchen, und es ift doch hierin ein Unterſchied zwi⸗ 
(hen dem rechtſchaffenen der ein frommer ift, und. dem der es 
nicht ift: er. beruht nemlich darauf, ob mir unfer Gewiſſen auch 
als die Stimme Gottes anfehen und behandeln, oder nur als Die 
Stimme unferer menfchlichen Einficht.- Wer nur das legtere thut, 
der ſucht es, wie alles was zu den natürlichen Anlagen des Vers 
ſtandes gehört unter gewiſſe Regeln zu bringen und auf dieſe 
Weiſe auszubilden und vollfommen zu machen; das Gewiſſen mit 
feinen Ausfprüchen wird der Gegenftand einer eignen Wiffenfchaft. 
Diefe theilt dem Menfchen feine Pflichten ein in vollkommene und 
unvollkommene, in höhere und niedere, in allgemeine und befons 
dere, in Pflichten gegen bie Geſellſchaft und gegen den einzelnen, 
gegen fih und gegen andere. Hie eine Regel dort eine Regel, 
bie ein Gebot. bort ein Gebot, fo wird auf diefem Mege dag 
menſchliche Handeln zerftüffelt. Daraus entftcht eine Fertigkeit 
im allgemeinen vortrefflich über alles. zu reden was hierhin ges 
bört: aber wenn es zum Handeln Fommt, fo übertäuben nicht 
ſelten die Gedanken und bie Worte das richtige und urfprüngliche 
Gefuͤhl; fo entſteht nicht felten ein Streit zwiſchen jenen Pflichten, 


— — 


) 6 Moſ. 30, 11 — 14. 


160 


daß die eine dieſes, die andere das Gegentheil fordert, und bad 
Gewiſſen ift verwirrt Durch ‚dasjenige, wodurch es aufgehellt und. 
‚gefichert "werben follte. Nicht als ob diefer Streit nicht koͤnnte 
geichlichtet werden; er foll e8 und kann es gewiß: aber bie vor 
hergehende Ungewißheit giebt der Vollbringung bes guten etwas 
muͤhſeliges und fchiwerfälliges, welches unmöglich Die höchfte menſch⸗ 
liche Bolkommenheit fein Tann. Noch mehr ift dies ber Fall da, 
wo nicht geradezu von Recht oder Unrecht, -fondern von dem [6 
- fondern Beruf und der befondern Schifflichfeit die Rede ift, von 
"der Auswahl des beften unter dem guten, von der. Erweiterung 
oder Einfchränfung unferer Thätigkeit. Welche peinliche Ungewiß 
heit, welches unruhige Hin⸗ und NHertreiben finden wir nicht da 
bei den meiften auch rechtichaffenen und unbefcholtenen Menfchen, 
und welche unreine und wunderbare Bewegungsgruͤnde nehmen 
fie oft zu Huͤlfe um ſich zu entſcheiden. Sehet dagegen auf ben, 
welcher fein Gewiſſen durchaus als die Stimme Gottes. behandelt! 
anftatt es hin und 06 zu handhaben wird er es heilig halten; 
anftatt es Elügelnd zu meiftern wird er es andaͤchtig befragen; | 
anftatt e8 zu zerlegen wird er es nur beobachten und üben; auf 
das ähnliche in feinen Ausfprüchen, auf das innere worauf fr 
พิ ณ beziehn wird er merken, und weil dies fuchen und finden feine 
beftändige Befchäftigung iſt, wird er ſich ein leiſes und vielum⸗ 
faffendes Gefühl erwerben. Begegnet e8 wohl einem geuͤbten und 
feinhörenden Tonfünftler auf einem fichern Inſtrument einen Miß⸗ 
Hang hervorzubringen? fo begegnet es auch dem welcher den 
Herrn fucht nicht, daß er in Verfuchung wäre, etwas Bott miß⸗ 
fälliges in fein Leben aufzunehmen. Ohne erſt zu berathfchlagen, 
‚was wohl diefer oder jener Negel angemeflen fei oder nicht, ver 
meidet er das ungöttliche, weil fchon in der fernften Vorſtellung 
davon fein Geroiffen e8 verwirft; und fein ganges Leben, es ſei 
nun daß er einen Zuſtand fortſezt, oder daß er in einen andern 
uͤbergeht, beſteht aus reinen Toͤnen die mit kunſtloſer Leichtigkeit 








auf einander folgen. Dieſe Sicherheit des Gefuͤhls, dieſe Schneb— 
ligkeit des Entſchluſſes, welche handelt ohne zu zaudern und von 
ſich weiſet ohne lauges Bedenken, ohne durch Reue und Bedauern 
zu buͤßen; dieſe Gewißheit, auch ohne langes Vorherwiſſen und 
Sinnen das rechte zu treffen, die eine ununterbrochene Ruhe des 
Gemuͤthes erhaͤlt, das iſt es, was wir an der Reha 
des frommen bewundern. 
Dreen Herrn finden heißt zweitens feine Rathſchlaͤfſe ver⸗ 
ſtehen. Nicht fo, meige ich, daß der fromme beſſer als ein am 
86 wüßte was nach: der Weisheit Gottes in diefem oder jenem 


161 


einzelnen Falle gefchehen wird. Im dieſer Hinficht find vielmehr 
die Wege des Herrn noch jest eben fo ımerforfchlich, als fie eg 
von Anbeginn an waren, und niemand weiß befler, wie nothwen⸗ 
dig. die menfchliche Unmiffenheit in dieſem Stuff fei, als der, wel: 
cher die hoͤchſten Vorftelungen vom der göttlichen Weisheit hat. 
Eine beftimmitere Boreusficht der Zukunft war zwar oft eine Gabe 
der ausgezeichneten Diener Gottes; aber man kann fagen, daß 
fie ihnen nicht zufomme als den frömmften, fondern als den Flüg- 
fen jhrer Zeit. Und wie offenhersig bekennt nicht des Menfchen 
Sohn felbft, daß er vieles was feine großen Angelegenheiten be: 
traf nicht twiffe, und daß es dem Vater allein’ gegeben fei Tag 
und Stunde zu beftimmen. Das aber wußte er mit unumftößli- 
her Gewißheit, daß der Glaube die Welt befiegen, daß die gu- 
ten daß böfe aus dem Wege räumen, daß Wahrheit und Gerech» 
tigkeit fich ausbreiten würden auf Erden.“ Diefer Glaube ift einem 
jeden eigen ‚der ben Heren gefunden hat; von diefer allgemeinen 
Fortſchreitung zum befferen fo überzeugt fein, daß wir alles was 
in der Welt gefchieht als ein Mittel dazu anfehen, wie wenig es 


auch oft als ein folches erfcheine, dag heißt die Wege des Herrn 


verfiehen. Andere mögen frevelhafter ober zaghafter Weife zwei⸗ 
feln, ob es überhaupt beffer werde in. der Welt, und je nachdem 
fe 8 glauben oder nicht, mögen fie mit mehr oder weniger Luft 
und Liebe ihre Pflichten erfüllen; andere mögen ſich mit ganzem 
Herten an dieſen oder jenen gufgemeinten Entwurf, an eine auf 
fallende Begebenbeit hängen, " wovon fie einen plözlichen großen 
dortſchritt zu dem Ziele der Vollfommenheit hoffen, und je nach 
dem ihre Erwartungen befriedigt oder getäufcht werden, mag 
Vohlwollen und Gleichgültigkeit gegen die Welt, Eifer und Uns 
thätigkeit in ihrem Berufskreiſe, Freude und Widerwillen an ber 
menfhlichen Natur fich in ftürmifchem Wechfel in ihrem Herzen ง 
hin und ber drängen: der den Herrn gefunden hat, ift von biefen 

kißenfchaftlichen Bewegungen frei; auch hierüber ift er ruhlg und ว 
hüiter immerdar. Die Zuverficht daß es beffer wird verläßt ihn 
nie: denn fie iſt einerlei mit dem Glauben an die ewige Kraft 
und Weisheit die er gefunden hat. Pie unterbricht bie Beforg: 
niß dag alles vergeblich fei feine‘ pflichtmäßige Thätigkeit: denn 
et hat das Gefeg des göttlichen Willens gefunden, daß es nur 
dur das Gutesthun beffer wird. Nie wird feine hoffnungsvolle 
Zuneigung geſtoͤrt zu ber Welt, in deren Führung er uͤberall die 
Epuren einer folchen Weisheit findet; nie beurtheilt er das ganze 
nach dem Blikk, der ihm jest eben über irgend einen einzelnen 
il vergonnt iſt: denn er weiß, daß ber ge nicht. hie ober 


162 


da, fordern nur überall gu finden if. Nie hängt er fein Herz an 
eine einzelne Veränderung, daß er von ihr das Heil der Welt 
erwarten follte; fein Gemuͤth wird weder von. überfpannten Hof: 
nungen beunruhigt, noch von gefcheiterten Erwartungen feines 
innern Friedens beraubt: denn er Eennt ben ewigen Rathſchluß 
Gottes, daß das gute mur durch dasjenige gefördert: wird, was 
un des guten willen gefchieht, und daß alles andere zu jenem 
Wefen der Welt gehört, welches vergeht. Das ift die Gelaſſen⸗ 
heit, die durch Eein menfchliches Streben und Thun, durch Feinen 
unerwarteten Wechfel in der äußern Geftale der Dinge bewegt 
wird; das ift die felfenfefte Ruhe, bie keine leidenfchaftliche Schwär: 
merei für dies und jenes Unternehmen zuläßt, fondern allem mas 
geſchieht mit dem im voraus gefällten Urtheile zuſieht: was daran 
von Gott iſt, aus einer reinen Gefinnung, aus einem fahren 
göttlichen Geift entfprungen, das wird beftchen, und das ander 
wird won felbft zerfallen. *) Diefe Zuverficht aber iſt nicht mr. 
ein auf die Zukunft gerichteter Glaube; fie iſt Dabei auch ein 
Schauen deffen was bereits da ift: denn den Herrn gefunden ha⸗ 
ben, beißt auch 

Drittens das Neid) Gottes gefunden haben. Fa, wer 
da glaubt, daß 68 Fommen wird, der muß auch wiffen, daß es 
bereits da ift, wenn ed gleich Eleiner und unvollfommener erfcheint. 
Soll durch unfer jegiges Guthandeln etwas für die Zufunft auf 
gerichtet werden, fo muß auch durch das frühere fchon jest etwes 
ausgerichtet fein; e8 muß nicht nur bag gute ba fein, welches fih 
mehren fol, e8 muß auch zu Einer Wirkung sufammenftimmen, 
ed muß zu einer innigen Gemeinfchaft vereinigt fein.. Und fo if 
. e8 auch, fo fühle und findet ed derjenige, der den Herrn ſucht. 
Andere, die vielleicht auch. dag gute lieben mögen, Elagen, daß fie 
allein ſtehen in der Welt ohne Hülfe zur Ausführung deffelben; 


daß nur die böfen vereinigt wirken um es zu flören, Die guten 


aber in der Irre gehen wie die Schafe, jeder feinen Weg für 
fi, weil eben die Kinder der Finſterniß Elüger waͤren, ale bie 
Kinder des Lichts in ihrer Ark. ”) Häufig find Diefe Klagen) 
aber in das Herz des frommen kommen fie nicht. Klüger mögen 
bie Kinder ber Finfterniß fein: aber was bedarf es einer befonde 
. ven Klugheit für bie Kinder des Lichts? fie folgen der Stimme 
ซะ ต 6 ชั 6 ค น Anfang und Ausgang eins und daſelbige iſt und der 


ๆ Ap. ซิ ต ์ ร, 5, 38. 30. 
”) Luk. 16, 5. 








163. 


mie irgend ein Hinderniß เน uͤberwinden hat. Zufammenhalten 
mögen die Kinder der Welt beffer, um dieſes ober jenes hervor» 
wubringen: aber was bedarf e8 einer abfichtlichen Vereinigung für 
die Kinder Gottes? fie find vereinigt Durch ben Geift, welcher in 
ihnen wohnt, fie haben alle benfelben Zweit, und fie find einig 
über die Mittel ihn zu erreichen, wenn fie fich auch nicht dazu 
verbruͤdert haben. Was alfo der fromme thut, dag, weiß er, ift 
in diefer Gemeinfchaft gethan; es wirft.in ihr, wenn er es auch 
nicht wahrnimmt; es wirkt mit ihr, um diejenigen herbeisusiehen, 
welche berufen find. Jede Wahrheit, welche zu Tage gefördert 
wird, findet Gemuͤther in denen fie gedeiht; jede. weiſe Rede wirkt 
zugleich als Lehre und findet ihre Schüler; jede gute That welche 
ansgeubt wird gereicht zugleich als DBeifpiel irgend einem sum 
Segen; jede Aeußerung des göftlichen Geiſtes wird von irgend 
jemand verftanden und benuzt und Gott deshalb gepriefen. . Das : 
it die. Gemeinfchaft des Geiftes, welche alle wahre Verehrer Got: 
tes unter einander verbindet zu einem ganzen, welches fo da ſteht 
und wirkt; Diefe gefunden haben, das heißt Chriftum gefunden 
haben, der fie geftiftet hat, dag heißt den Geift Gottes gefunden 
haben, der fie unterhält und befeelt. 

So geht Der fromme hin alle Tage feines Lebens den Herrn 
ſuchend und findend. Es iſt nicht ein Geſchaͤft, welches er auf 
einmal vollbrächte, fondern ein folches, welches fich beftänbig er⸗ 
neuert und worin er es zu einer immer größern Bollfommenbeit 
bringe, Immer richtiger und feiner wird fein Gefühl von dem 
was Gottes Wille an ihm ift in allen Verhältniffen des Lebens; 
Immer ficherer. und reiner feine Luſt an ber alleinmeifen Regierung 
bes Höchften; immer reichhaltiger und erfreulicher feine unmittel⸗ 
bare Erfahrung von dem Daſein eines göftlichen Reiches auf 
Erden; und fo wird auch ber darauf berubende. eigenthuͤmliche 
üriede feines Herzens immer fefter gegründet. Leitet dieſen, ich 
bitte euch, von nichts anderem ab, als von dieſer Art. der Ers 
feuntniß Gottes und der Gemeinfchaft mit ihm. Wir follen den 
Sen finden, das ift, wie der Apoftel fagt, unfere Befimmung, 
und wir Fönnen ihn auf Feine andere Art und in Teinem andern 
Einn finden, als in dieſem. Die euch auf etwas anderes, als fef 
8 das höchfie Ziel des Menfchen und die Duelle feines innern 
driedens, hinführen wollen, find folche, voelche dag Neich Gottes 
die und da ſuchen, *) in einzelnen Meinungen, in äuferlichen 
Geberden, im. einer befondern Weiſe J denken und w handeln, 
— . 

า ใส. 17, 21. 


22 


164 ' 


folche, denen wir nach der Warnung des Erlöfers nicht folgen 
follen. Kann e8 einen andern Verficherungsgrund ber göttlichen 
Nachficht und Vergebung geben, als eine immer treuere und gu 
nauere Erfüllung feiner Gebote? einen andern Stand der Gnade 
als wenn auf dieſe Art der Ewige Wohlgefallen hat an dem Thun 
des Menfchen? eine andere Gemeinfchaft des irdifchen Gefchöpfed 
mit Gott, als wenn es aus innerem Antriebe des Herzens nick 
als ein todtes Werkzeug, nicht als ein gezwungener, umunterrid 
teter Knecht, fondern als ein verftändiger, freier und thätiger un 
ger des göttlichen Neiches mitroirkt zu ben. Endzwekken der en 
gen Weisheit? Thut nur dieſes, fo werdet ihr erfahren, daß ih 
genug daran habt. Ihr werdet aller der Vorzüge theilhaftig ter 
, den, bie ihr mir Bewunderung und Verlangen an dem frommen 

bemerkt habt. Laßt mich <ure Aufmerkſamikeit deshalb noch mit 
wenigen Worten darauf richten, 
1. auf wel hem Wege wir hierzu gelangen mögen. Un 
feine Zuhörer dahin zu führen, verfündigte ihnen Paulus den Gott 
der die Welt gemacht hat, der ein Herr iſt Himmels und ht 
Erden, der gemacht hat, daß von Einem Blut aller Menfchen Ge— 
(hlechte auf Erden wohnen, und hat Ziel gefezt zuvor ver 
wie lang und weit fie wohnen folfen. So ift alfo diefe Frage durd 
die Worte der Schrift gelöfet, Suche, fo werdet ihr finden, 
Sucher die Werke und bie Wege des Herin auf, fo werdet ih 
feinen Willen und feine Ratbfchläge finden, und fein Reich I 
fich euch offenbaren. Betrachtet die Einrichtung der Welt, weldt 
das Werk feiner Hände it; betrachtet feine Wege mit dem Deu 
ſchen, der das Kind feiner Liebe ift. Dies leztere ift eg, worauf der Ap 
ſtel ung vorzüglich hinweiſet; alles, woraus ſich Erkenntniß Gott 

fchöpfen laͤßt, Natur und Offenbarung bezieht fich nur hierauf,. ift nu 
ein Theil hievon. Bon der Natur wißt ihe nur, was fie für ben Den 
ſchen ift und was fie burch ihn werden foll, und alle Offenbarung Got 
tes iſt nur ein Theil feiner Veranftaltungen mit den Menfchen. Di 
Menfch alfo ift der Tempel, in welchem Gott am wuͤrdigſten angebt 
tet und am ficherften aufgefucht- wird; in dieſem -offenbaren füch fein 
 Eigenfchaften, in biefem verhertlicht fih feine Größe, in di 
fem find ale Wunder feiner Macht und feiner Liebe aufgeſtell 
. Bebient euch aber auch der Vorzüge, die euch zu Theil geword 
und der Mittel, die auch an die Hand gegeben find, um alles ร 
den Menfchen betrifft in. feinem gehörigen Zufammenbange, all 
Theile deffelben ganzen, als einen ‚einzigen Entwurf Gottes ii 
betrachten. Bernachläffiget nichts! fehet auf die menfchliche Na 
tur wie auf euer eignes Herz; auf die allgemeinen Veranſtaltun 





165 
gen, wodurch Bott ben Menfchen über bie Erbe verbreitet und 
auf die Stelle geführt hat, bie er jest einnimmt, wie auf die bes. 
fondern, wodurch er fich Eleiner Geſellſchaften und einzelner Mens 
[hen auf eine ausgezeichnete Art angenommen bat. Am folche 
Betrachtungen anzuftellen, dazu habt ihr den Verſtand, der euch 
antreibt, überall Verbindung und Abficht aufzuſuchen und auf folche 
Irt immer höher Hinaufsufteigen und immer mehr su umfaffen; 
bau it euch 8 ล 8 Auge verliehen, welches die Welt betrachten, 
und das Gebächtnif, welches die Nergangenheit und die Gegen 
wart zuſammenfaſſen kann; dazu feib ihr übern umgeben mit _ 
Denfmälern und Spuren der alten Zeitz dazu find die heiligen 
Tücher, an welche ihr euch zuerft wendet, wenn es um Berichti⸗ 
gung und Vermehrung eurer ‚Cinficht in. geifligen Dingen. gu 
thun if, fo voll von Gefchichten der Menfchen überhaupt und 
einzelner merkwuͤrdiger Gefellfchaften und Perſonen. Benuzet alle 
diefe Schäge, fo wird euer Herz gefättiget werden, fo werdet ihr 
den Gott finden lernen, der auch euch fonft immer der. unbekannte 
bleiben mul. Ä | 

Wenn aber, fo werdet ihr fagen, ber Weg: jur Gottfeligkeit _ 
fo chen und Teicht ift, wie kommt 68 denn, daß felhft unter. des 
nen, welche. dieſes Segens wohl würdig zu fein fcheinen, nur fo 
henige deſſelben wirklich theilhaftig werben? Es kommt unſtrei⸗ 
fig daher, weil der Menfch, wenn er zur Froͤmmigkeit gelangen 
fel, zweierlei in fich vereinigen muß, ein reines, Herz und ein 
แน Nachdenken und zur Betrachtung aufgelegte Gemüth. Fin 
den wir bei einem Menfchen eines von diefen beiden Stüffen: fo _ 
gönnen wir ihm den Genuß aller Seligkeiten der Religion und. 
halten ihm derſelben wuͤrdig; unfer Wunfch aber. bleibt dennoch - 
bergeblich, wenn es ihm an. dem. andern. gebricht. 

Ohne ein reines Herz ift ed nicht möglich Gott zu ſchauen. 
Retärlich will ich Damit nicht fagen, unfer Leben müßte erſt non 
ฝัก fehlerhaften Handlungen frei fein; wir müßten. es erſt im 
bollbringen des guten zu einer gewiffen Vollkommenheit gebracht 
haben, wenn wir ung sur Gottfeligfeit erheben wollen: deun eine 
folche Vorſtellung waͤre deu sröfllichen Verheißungen des göftlir 
Gen Wortes gerade entgegengeſezt. Nein, ſeid immerhin Anfaͤn⸗ 
get in der Ausuͤbung des guten, dies kann und ſoll euch den 
Beg jur Gottſeligkeit nicht verſchließen: denn. auch als Anfänger 
wandelt ihr ja chen darauf. Aber die Aenderung des Sinne, 
fit überall als der Anfang. des Reiches Gottes angegeben teird, . 
แต่ 6 muß erſt in euch vorgegangen fein; ben guten Willen, die 
lechte aufrichtige Luft und Liebe zum guten müßt ihr erft haben, 


166 


denn ohne dies tft auch nicht einmal eine richtige Vorſtellung von 
biefem Reiche möglich. Steht ihr noch auf dem Punkt, daß ihr 
bag gute nur wollt ald ein Mittel zum. Wohlbefinden, es fei nun 
in diefem oder in einem Tünftigen Leben, oder. daß ihr ห ล ด์) einem 
unbeflekkten Gewiſſen nur trachtet als nach einem unentbehrlich 
Beftandtheil eurer Zufriedenheit, ohne welchen alle übrige ihr 
Dienſte nicht Teiften würden: ſo wird es euch nicht möglich fein, 
den Herrn zu finden, mie fleißig und aufmerkfam ihr aud) fein 
Werke betrachten möget, um ihn daraus kennen zu lernen; dem 
ihr verfichet den Menfchen nicht; ihr mißdeutet alfo alles was 
ſich auf ihm besichts ihr ſteht mit verbiendeten Sinnen. in dem 
Tempel Gotted und Fünnt von allem was darin ift und vorgeht 
nichts fehen und hören wie es iſt. Jeder bezieht alles in be 
Welt auf das mas ihm das erfie und höchfte ift; wem alfo อ [ก 
- feligkeit und Wohlbefinden über alles gebt, der betrachtet auch 
alles was in ber Melt gefchieht nur in biefer Hinſicht und [แต 
darin Anordnungen und. Gefege auf, bie fi) auf diefen feinen 
Endzwekk besiehen. Daher denkt er fid) Gott als eine Vorfehung, 
welche für die Gluͤkkſeligkeit der Menfchen Sorge trägt und alfo alle 
Begebenheiten in der Welt zu dieſem Ziele hinführt, welches doch 
für fi) allein niemals erreicht werben kann. Legt ihm fein ด ี ย 
toiffen etwas ſchwieriges auf, fo denkt er an die heilfamen Bir 
ungen; fordert es Aufopferungen,’fo mahlt er ſich die Entfchl 
Digungen aus, die ihm die Handlung und fein Gefühl dabei ge 
währen wird. Wo einem Menfchen ein fogenanntes Stuff be 
gegnet, welches nicht .auf dem geraden Wege feines Lebens lag 
da blikkt ein folcher zuruͤff auf die befonderen Veranſtaltungen 
” Gottes um 68 berbeisuführen und bewundert die mannigfaltigen 
und verborgenen Wege des Höchften; wo ſich ein Ungluͤkk ereig 
net, da ſucht er die Fünftigen guten Folgen oder dag größe 
. Uebel das dadurch verhütet worden; von jeder ſcheinbaren Unvol⸗ 
kommenheit fucht er fi auf -eine folche Art Rechenſchaft zu 06 
Ben, und es ift nicht fein fchlechtefter Gottesdienſt, bag er den 
Hoͤchſten rechtfertigt über Die Zulaffung 868 Uebels und der 3 
ſchwerden in dieſer Welt, daß er bie Menfchen bittet der Gottheit 
Zeit zu laſſen, um biefe Schwierigkeiten gu Iöfen und ihre Gered‘ 
tigkeit zu offenbaren. Das heißt ihr dienen in einem Zeinpel, der 
von der verberbteften menſchlichen Einbildung aufgeführt iſt, un 
. Ihrer pflegen, als beduͤrfte ſir etwas, mas and) ein Menſch ſich 
zum Ziel ſezen ſoll nicht gu beduͤrfen/ nemlich-Entfchulbigung un 
Nachſicht. Wie ſoll es möglic, fein durch Einigkeit mit den Rath⸗ 
ſchluͤſſen Gottes zum Frieben des Herzens gu gelangen, wenn 











167 


man in diefen Rathſchluͤſſen ſelbſt nur Wibderfprüche findet? wie 
foll. ed moͤglich fein, durch Jeichte und willige Befolgung der gött- - 
lihen Gebote zur Ruhe der Seele zu gelangen, wenn dieſe Ge 
bote felbft die Urfache einer ewigen Unruhe find, indem fie nur 
als die willführlichften und unficherften Anordnungen. erfcheinen? . 
wie iſt es möglich, über der Freude am Bürgerrecht im Reiche 
Gottes alles “andere zu vergeffen, wenn man dieſes Reich nur 
da fehen will, wo Tugend. und Glüfffeligkeit in einem gewiſſen 
äußerlich fichtbaren Verhältniffe fiehen? Darum Eönnen die, wel: 
he fo gefinnt find, den Herrn nicht finden: denn feine Gedan⸗ 
fen find -nicht ihre Gedanken, und feine Wege ſind nicht ihre 
Wege. 
Es iſt zweitens nicht moͤglich zur Gemeiuſchaft mit Gott 
wm gelangen ohne ein zur Betrachtung und zum Nadı 
denken anfgelegtes Gemuͤth, und das ift die Urſach, wa⸗ 
tum viele von der Gottfeligkeit fern bleiben, denen man ein reis 
ned Herz und einen guten Willen nicht abfprechen, kann. Je 
achtungswerther Diejenigen find, welche unter dieſe Befchreibung 
gehören, und je größer ihre Anzahl uͤberall iſt, deſto leichter wer⸗ 
det ihr mir vergoͤnnen, einige Worte zu ihnen beſonders zu re: 
den. Ihr erfuͤllt eure Pflichten und thut gutes ohne irgend eine 
Nebenabficht,, weil ihr fühlet, daß es ſo fein fol, und das ift 
bortrefflich: aber ihr wißt nicht, wieviel der Menſch entbebrt, 
wenn er nicht öfters fein Gemuͤth ſammelt zu einem ftilen Nach⸗ 
denken über Diefen ganzen Schauplaz, auf welchen Gott. ihw ge: . 
ſezt hat. Sch ehre eure Gefchäftigkeit: aber es giebt eine goͤtt⸗ 
liche Muße, bie mehr werth. ig als alle Arbeit; dieſe kennt ihr 
nicht, und Das iſt ein wefentlicher. Mangel. Ihr müßt es felbft 
fühlen; eure Gleichgültigkeit gegen dasjenige was anderen, Die 
ihr doch auch achtet und liebt, อ ด 8 ganze Gemürh erfült, kann 
euch ſelbſt nicht gleichgültig fein. Wollt ihr auch fagen, wie ihr 
denn zu fagen pflegt, daß ihr dieſe Richtung des Gemuͤths auf 
Gott nicht braucht zur Staͤrkung in eurer Tugenduͤbung: ſo wer⸗ 
det ihr doch geſtehen muͤſſen, daß es eine Vernachlaͤſſigung eurer 
Seele iſt, die Ueberlegungen gar nicht angeſtellt, denen Gedan⸗ 
ken gar nicht Raum gegeben zu haben, auf welche die Empfindungen 
und Geſinnungen ſich beziehn, welche wir Religion nennen. Oder 
wollt ihr mich mit der Antwort abfertigen, daß es unnuͤz ſei, 
eine Meinung zu haben uͤber den Zuſammenhang und die Geſeze 
der Welt, uͤber den Ausgang aller menſchlichen Bemuͤhungen? 
Verſteht euch doch mit eurem ruͤhmlichen Eifer für das nuͤzliche. 
Alles was ihr thut ſoll แน่ ม) fein, und เอ รู น ? damit andere in 


2000 0 168 
den Stand ‚gefest werden, leichter und beffer ebenfallg vote Ihe zu 


‚arbeiten, um nüglich zu fein? Wenn aber die Ausbildung ihrer 


Natur, die Erreichung ihrer Beftimmung euer Zwekk ift: .fo er 


. ได น 656 euch doch für euch felbft ebenfalls‘ diefen Zwekk zu haben 


— ๐ 


zu deffen Erreichung ihr. ihnen. behülflich fein ſollt, und geſteht, 


- Religion führt, gar fehr zu unferer Beſtimmung gehört. Oder 


wollt ihr euch darauf berufen, daß euch zu dieſem Nachdenken, 


wie wichtig ed auch fein möge, Feine Zeit übrig bleibe? fo 
fcheint «8: Arbeit und Erholung, das ( der ganze Kreis in 
welchem euer Leben fich herumdreht. . Aber doch: verhält es fih 


daß die Ausbildung eures Geiftes und gerade.biejenige, welche jur | 


nicht ganz fo... Raͤumt ihr nur der Erholung nicht zuviel ein, if 


fie nur nicht, ohne daß ihr es geftehn wollt oder ohne daß ihr 


ftille Sammlung des Gemuͤths, um in euch felbft und in allem 


es ſelbſt wißt, der eigentliche Endzwekk eurer Arbeit: fo wird die 


‚ Raum finden. Je nachdenklicher eure Gefchäfte find, deſto lid: | 
‚ ter werden aud) dieſe Ueberlegungen euch werden und deſto tor: 


niger Zeit werdet ihr dazu bedürfen; je mehr fie das Gemüt) 


frei laſſen, deſto beſſer werdet ihr dieſes Hinzunahen gu Goft mit 
ber Arbeit ſelbſt verbinden Fönnen. Je lauter und finnlicher eure 


. Erholungen find, defto weniger Zeit dürft ihr ihnen voidınen, 
wenn ihr nicht eurer Seele ſchaden wollt; je edler und ſtiller fie 


4 


find, defto mehr werden fie felbft euch zur Betrachtung und zum 


Gebet einladen. O wenn ihr aufrichtig genug fein wollt, und 


und euch felbft zu geftehen, wie oft euer Weg euch unſicher er⸗ 
fcheint und euer Beftreben geringfügig; tie oft ihr über dem 


- 0 einzelnen ben Zufammenhang eures ganzen Dafeind aus den Aw 


gen verliert; wie drüffend ihr eurer Bemühungen Abhängigkeit 
bon dem ungleichartigen Thun anderer empfindet; wie oft auf) 
auf dem Wege der pflichtmäßigen Thätigkeit Kleinmuth und An 
sufriedenheit ſich eurer bemaͤchtigen: fo laßt euch verfichern, es 
kommt daher, weil 68 euch an. dem unmittelbaren Gefühl von 
Gott fehlt, weil ihe nicht ihn überall ſuchet und alles in ihm 
ſehet, weil euer Leben nicht eben fo fromm und’ goftfelig ift ald 


buͤrgerlich tugendhaft.: Den Wahn dürfen wir nicht dulden, ald 


fönne der Menfch feine Beſtimmung gang erreicht. haben, der es 


- nicht der Mühe werth fand den Herrn zu fuchen; die Entfchuldi 


gung dürfen wir nicht gelten laſſen, als fehle es dazu irgend je 
mand an Zeit und Gelegenheit. Fehlt es euch aber. an Luft und 


Liebe zum Nachdenken und zur Ueberlegung: ſo bleibt uns nichts | 





was auf euch eindringe Gott aufzuſuchen, zwiſchen beiden fchen 


169 


übrig, als euch zu bedauern und euch an unferm Beifpiele zu 
zeigen, wie großer Vorzüge ihr euch felbft beraubt. " 
Ja, meine Brüder, die ihr die Segnungen der Gemeinfchaft 
mit Gott genießet, fie zu feinem Preife in unferm ganzen Leben 
zu offenbaren, das ſei unfer Beftreben; es ift dag befte und für 
die meiften unter ung das einzige was wir thun koͤnnen, um der 
Keligion Freunde zu. gewinnen. Laßt uns darnach fireben, daß 
wir mehr und mehr dem Bilde gleichen, von dem unfere Betrach⸗ 
tung ausging, daß ſich alle Kraft der Religion an ung beweiſe 
und alle Herrlichkeit die uns Ehriftus gegeben hat. ) 


) Joh. 17, 22. 


170 


Der Werth des öffentlichen Gottesdienſtes. 





Am lezten Sonntage des Jahres. 


Durch Gottes Güte haben wir wiederum das Ende eines Jah 
res erreicht und find. gewiß alle mit dem Nachdenken über dad 
vergangene befchäftiget. In den Stunden, da wir ung hier zu 
“ unferer Erbauung vereinigen fol, dies Nachdenken, durch den Gr 
. danken an Gott geheiligt, eine höhere Nichtung bekommen; mit 
follen alles was ung begegnet ift als feine weiſe Fuͤgung anfehen 
und ung gewiſſenhaft fragen, ob mir auch als gute Haushalt 
alles gute treu und weislich benuzt haben. Auch ich möchte, in 
dem ich zum leztenmal in dieſem Jahre mit euch rede, das mer 
nige beitragen, um biefem wichtigen Gefchäft hie und da แล ด 1 
helfen, und möchte am ‚liebften auf dasjenige aufmerkfam machen 
was am leichteften überfehen wird. Sowol diejenigen göttlichen 
Wohlthaten, deren fich ein jeder in feiner befondern Lage zu er— 
freuen gehabt hat, unertwartete Begünftigungen in häuslichen und 
bürgerlichen Angelegenheiten, glüfkliche Befreiung von mancherki 
Beforgniffen und aus vermiffelten Umftänden, als auch jene Vor 
zuͤge, die wir gemeinfchaftlich vor andern Gegenden und Voͤlkern 
voraus. haben, das fefte Beftehen einer mohlthätigen Verfaſſung 
und heilfamer Gefeze, fo daß Feine Furcht vor innern Zerrüttun 
gen ben Genuß des ung befchiedenen guten geftört hat, bie Ruhe 
von außen, fo daß fein verwuͤſtender Krieg unfere Geſchaͤftigkeit 
in jene ftürmifche Betvegung gefest hat, welche viele in Noth mb 
Gefahr bringt, manchen ben Untergang bereitet und nur wenigen 








171 


eine gluͤkkliche Fahrt befchleuniget: dies alles bedenkt gewiß ein 
jeder unter uns von ſelbſt. Was ſich auf das zeitliche Wohlergehen 
und die Annehmlichkeiten des Lebens bezieht iſt jedem nahe ge⸗ 
nug, um ſeiner Aufmerkſamkeit nicht zu entgehen, und es bleibt 
nur zu wuͤnſchen, daß an dieſe Erinnerungen auch Dankbarkeit 
gegen Gott und ſolche heilſame Ueberlegungen, welche auf etwas 
hoͤheres als das irdiſche gehen, moͤgen angeknuͤpft werden. Aber 
gerade diejenigen Wohlthaten, welche dieſes hoͤhere unmittelbar 
angehen und auf unſere Foͤrderung im guten einen entſchiedenen 
Einfluß haben, werden oft am leichteſten uͤberſehen; ſelten geht 
ihnen ein fuͤr den Augenblikk dringend gefuͤhltes Beduͤrfniß voran, 
und ſtill und langſam iſt ihre Wirkung, fo daß fie nur bei einer . 
genauern Ueberlegung dem aufmerkfamen Auge fichtbar wird. Dies 
gilt vorzüglich von denjenigen Unterftügungen im guten und Er: 
hebungen des Gemütheg, bie” ung von Zeit zu Zeit in unferen 
Verfommlungen an dieſem Drte find zu Theil geworden. In 0 
dem Augenblikk wo wir fie genoffen fchienen fie ung — biswei- 
len wenigſtens, wie ich hoffe — etwas großes und wichtiges; im 
ganzen aber, wenn wir auf einen beträchtlichen Zeitraum zuruͤkk⸗ 
fehen, verlieren wir den Einfluß biefer fchönen und heiligen Au: 
genblikke aus dem Gefiht. So ift es daher nicht zu erwarten, 
daß viele unter ung von felbft diefes zu einem befondern Gegen» 
ande ihrer Dankbarkeit machen werden, daß ihnen auch in bem 
verfloffenen Fahre. immer vergönnt war an unfern chriftlichen 
Verſammlungen Theil zu nehmen, daß Fein Streit zwiſchen bür- 
gerlichen und Firchlichen Einrichtungen ihnen Zwang -anlegte, viel 
mehr der Stillſtand aller öffentlichen Gefchäfte an den heiligen 
Tagen fie einlud, das Bebürfniß ihres Herzens: zu befriedigen. 
Dennoch gehört diefe Wohlthat nach meiner Weberzeugung zu den 
größten und, wichtigften; und die Zeitläufte in denen wir leben, 
die Denkungsart die über diefen Gegenftand herrfchend wird, die 


fraurige Erfahrung, daß auch von denen, welche das Chriftens 


thum zu ehren und fich von ihm leiten zu Iaffen behaupten. fo . 
viele unfere Verſammlungen verlaffen, als fei nichts darin für fie 
zu gewinnen, fordert mich auf, euch dieſes befonders and Hers 
iu legen. Erinnert euch daher jest mit mir an den fichtbaren 
Nuzen, den ihr doch gewiß in einzelnen Fällen aus eurer Gegen: _ 
wart an den Orten der gemeinfchaftlichen Andacht gezogen habt; 
überfeugt euch, daß nicht ein zufälliger Umftand, fondern die bes 
ſtaͤndigen Einrichtungen diefer Zuſammenkuͤnfte, wie ihr fie immer 
wieder gefunden battet, die urſache d davon waren, und geht dann 


172 


mit euch แน Rathe, ob ihr nicht Gott für- Die Gelegenheit dazu 
dankbar fein ſollt und ob ihr ſie nicht noch beſſer haͤttet benuzen 
koͤnnen. 


Text. Pſ. 26, 8. 


Herr, ich habe lieb die Staͤtte deines Hauſes und 
den Ort da deine Ehre wohnet. 


In den heiligen Schriften des alten Bundes und vornem: 
lich im Buche der Palmen finden wir viele Ausſpruͤche, welche 
eben wie diejer von der herzlichen Auhänglichfeit an bie einge: 
führten Gottesdienfte einen rührenden Beweis ablegen. Wolltet 
ihr aber fagen, daß eben wegen des Unterſchiedes ber damals herr: 
ſchenden Neligionebsgriffe von den unfrigen diefe Anhänglichkeit 
ung nicht mehr empfohlen werden ‚könne; daß man damals ge: 
glaubt habe, durch äußere Gebräuche das richtige Verhältniß des 
Menfchen zu Gott zu erhalten oder wieder einzurichten, jezt aber 
unfere Religion eine Religion des Herzens fei, die uns lehre, daf 
unſer Verhältniß gegen Gott nur durch unfere Gefinnungen. be 
ſtimmt werde; wolltet ihr fagen, daß in. den heiligen Schriften 
andere Stellen'vorkämen, welche bezeugen, daß mit allem was an 
den heiligen Orten verrichtet zu werden. pflegte wenig gewonnen 
fei vor Gott: fo mag. es allerdings wahr fein, daß damals bei 
vielen der Werthachtung des aͤußern Gottesdienftes mancherli 
- wichtige Vorftellungen zum Grunde gelegen haben; ja es mag 
anch jest noch noͤthig fein, manche zu warnen, daß fie den Ge 
bräuchen. deſſelben Eeinen unabhängigen Werth beilegen. Allein 
um wieviel reiner und geiftiger unfer Glauben iſt, um fo viel vor: 
güglicher ift auch unfer Gottesdienſt; er. hat Feine bloß aͤußerli⸗ 
chen Gebraͤuche; alles in ihm ſoll ſein und kann auch ſein ein 
Mittel, eben jene Geſinnungen in ung zu beleben und zu befeſti⸗ 
gen, ein Mittel von einer ganz eigenthümlichen Kraft und Wirk: 
ſamkeit. Won biefer Kraft unfereg Gottesbdienftes laßt 
ung reden. Er beweifet fie in dreierlei Hinficht, Erftlich in ſo⸗ 
fern er eine Anftalt zu unferer Belehrung ift, zweitens in fofern 
er unfere guten Entfchlüffe aufs neue befefliget, Drittens in fo- 
fern durch ihn. unfere religiöfen Gefuͤble erneuert und geſtaͤrkt 
werden. 


I. Unſere kirchlichen Bufammenünft ſind erftlich 6 eine Ans 
‚ Kalt zur Belehrung 











178 . ง 


Nur im Vorbeigchen will ich Darauf hinweiſen, daß für 
viele, ich möchte fagen für alle Chriſten — mit Ausnahme der 
wenigen, welche Lie Angelegenheiten der Kirche zum Gegenftande 
ihres befonderen Berufes gemacht haben — der üffentliche Got 
tesdienſt die einzige Gelegenheit if, ihre Keuntniß von manchem 
was zur Gefchichte und. zur aͤußern Geflalt des Chriftenchums 
gehört zu erweitern, ihr Verſtaͤndniß mancher Lehrſaͤze und man- 
her Schriftfichien zu berichtigen. Für etwas unwichtiges kann 
dies nicht gehalten werden; alles ift hier von Einfluß auf ie 
Anordnung des Lebeng, auf die Nichtung des Verſtandes. Soll 
die richlige Erfenntniß eben fo nur auf Glauben angenommen, 
nur dem Strom einer unfichern Ucberlieferung überlaffen bleiben, 
tie c8 mit den entgegengefezten Irrthuͤmern gejchieht? ſoll eg 
gleichgültig fein, aus der wicvielfien Hand und wie verunreinige 
ein jeder fie empfängt? Wir. fchen x8 ja leider vor Augen, was 
für unfelige Folgen es hat, wenn der Leichtfinn ſich dag Gefchäft 
anmaßt, Borurtheile augzurotten und das neue Licht der Wahr: 
heit zu verbreiten, . wenn gutmeinende unmündige Menſchen die 
Bearbeitung ihres Verſtandes fo ungefchifften Händen anvertrauen. 
Nichte doch jeder die Berichtigung feines Glaubens hier fuchen 
und nicht in dem anmaßenden Geſchwaͤz derer, welche fich im 
figlichen Leben ein, unberufenes Gefchäft daraus machen, nicht in. 
den Büchern, Deren richtiger Gebrauch gemeiniglich nicht ohne eine 
neue Belehrung möglich ift. Wer diefe Berichtigung in den Bor: 
traͤgen der Neligionslehrer gefucht hat, ich darf es kuͤhn fagen, 
der wird fie befricdigender gefunden haben als anderswo, -ans 
wendbarer auf feinen eigenen Zufland, und alles wird mit einem 
größeren Eindrukk von der Heiligkeit der Wahrheit in fein Ges 
müth gefommen fein. Es ift dies Feine Anmaßung befonderer 
Talente, fondern es liegt in der Natur diefer Vorträge, welche an 
einen beſtimmteren Kreis gerichtet und mit einer gewiſſen Feier 
lichkeit umgeben find, welche an vorbereitete und zur Andacht - 
(don gefimmte Gemüther gelangen, und in welchen alles auf - 
Erbauung und Anwendung fürs Leben berechnet if. Doch dies 
ki, wie gefagt, nur im Vorbeigehen. Diejenigen, welche genug» 
ſam erleuchtet zu fein glauben uͤber alles was Erfenntniß in ber 
Religion it — und wer glaubt e8 nicht? — erden doch fagen, 
daß fie hiezu unferer Verfammlungen nicht mehr bedürfen, dag 
nur die ununterrichteten zur Dankbarkeit für diefen Punkt muͤß⸗ 
ten aufgefordert werben. . | : 0 | 

Uber Einficht, immer genauere Einficht ‚in die allgemeineren 
ud wichtigſten Wahrheiten, richtigere Unterfcheidung deſſen was 











174 


in ſchwierigrn Fallen recht und unrecht if, innige Vekanntſchaft 
mit dem Zuftande des eignen Herzens, daß iſt bag weſentliche 


was durch_die Belehrungen ausgerichtet: werden fol, die an die 


fem Drte ertheile werden. Daß hierüber wir -alle noch immer 
Belehrung bedürfen, leidet wohl keinen Zweifel. Wer unter ung 
fieht nicht auf manche Handlungen des vergangenen Jahres fchon 
jet mit dem Gedanken zurüff, daß er hie und dort dag richtigere 
verfehlt habe und es nun beffer treffen wuͤrde? wem erſcheint 
nicht der Zuftand, worin fich fein Gemuͤth bei manchen Gelegen- 
heiten befand, fchon jest anders ๑ 8 eben damals? So hat alſo, 
wie mir ſehen, daß beflere ſich uns noch manchmal verborgen, fü 


find wir über ung felbft noch nicht immer fo in Nichtigkeit, als. 


e8 zu wünfchen wäre. Wird nicht eben bier dieſer menfchlichen 


Unvollkommenheit Hülfe geleiftet? werden nicht hier die ſchwieri⸗ 


gen Fragen über Recht und Unrecht nach Anleitung der Schrift 
erörtert? werden hier nicht allgemeine Grundfäge eingefchärft, bie 


ung, wenn wir fie ung gegenwärtig erhalten, überall am ſicher⸗ 


ften zu einer richtigen Entjcheidung leiten? werden bier nicht nad 
der Weisheit und Erfahrung, die einem jeden Lehrer gegeben if, 
bie geheimften Falten des menfchlichen Herzens aufgedekkt? 0 ge 


wiß ift jeder, der öfters bieher kam, auch oft gerade über dasje⸗ 
nige, beffen er ‘bedurfte, belehrt von binnen gegangen. "Die wid) 
tigſten ragen über das richtige Verhalten ftehen in einem fo ge 


nauen Zufammenhange, und die Unterfuchungen darüber Eommen 
am Ende auf fo wenige helle Punkte zuruͤkk, die Fehler der ein 
zelnen haben fo gemeinfchaftlihe Quellen an den berrfchenden 
Meinungen und Sitten, die Veranlaffungen bald über dies bald 


> über jenes hieher gehörige zu reben ergeben ſich von ſelbſt, und 


für ein nachdenkendes Gemuͤth wird fo oft durch beiläufige Be 
merfungen‘ Licht in eine Gegend des Herzens geworfen, welche 


- . ย อ น bem geraden Wege der Betrachtung ziemlich entfernt zu lie 


gen fchien, daß gewiß jeder irgend etwas findet was er ร ู น feiner 


. Belehrung nuzen Fans. Diejenigen, welche e8 vernachläffigen, die 


น 


ſes wichtige Beduͤrfniß hier zu befriedigen, find freilich anderer 
Meinung. Sie halten es für zu unficher, dasjenige, was gerade 
ihnen nöthig ift, an einem Orte zu fuchen, wo nur aufs gerathewohl 


- und ins allgemeine bin kann geredet werden. Sie meinen, wer 


nur einen oder den andern vortrefflichen Menfchen zu. einem m ว 
gen Sreundfchaftsbündnig gewonnen habe, daß er ihm mit feiner 
ruhigen Ueberlegung zu Hülfe komme, mwenn er felbft weniger 


"aufgelegt ift zum Nachdenken; daß er ihm vorhalte, was er im 


innern feines Herzens entdekkt; dag er mis Ihm augtaufche alle 








17 


feine Gedanken: der habe eine weit fichrere Duelle ber Belehrung, 
die ihm gerade dann fließt, wenn er es bedarf, und ihm gerade 
das darreicht, was ihm heilſam iſt. Wer ſich in ruhigen Stun 
deu nur zu dem Nachdenken erheben Eonne, wozu die Handlungen 
anderer Menfchen einen jeden genugfam veranlaffen, Der merde 
fh gewiß die Fertigkeit erwerben, in jedem Falle bald einzufehen 
was das befte ift. Herzlich wollte ich mich freuen, wenn alle dies 
imigen, die fich felbftzufrieden von ber allgemeinen Verbindung 
der Chriften ausſchließen, im einer fo engen Verbindung mit it . 
gend einem andern lebten; 0 68 iſt etwas feltenes und heiliges 
um eine folche dag Zunehmen in ber Weisheit beabfichtigende 
Sreundfchaft, und die fie gefunden haben befisen ein Eöftliches- 
Kleinod! herzlich wollte ich mich freuen, wenn alle, die fich ent: 
(huldigen, daß ihre Gefchäfte ihnen nicht zulaffen an dem Orte 
der gemeinfchaftlichen Andacht zu ericheinen, recht viel Muße fan: 
den zu einem fo. gejegneten eignen Nachdenken! Es iſt ſehr ſchwie⸗ 
tig, wenn man ganz in denfelben Umgebungen bleibt, bie die Ges 
(häfte um uns ber verfammeln und die ung an die taͤglichen 
Sorgen erinnern, alsdann die Seele anhaltend genug mit andern 
Gegenſaͤnden zu befchäftigen, und die es Eönnen verdienen gro: 
ßes ผม Es iſt ſehr vortrefflich fchon, wenn der Menfch nur - 
den Muth fait, fein ganzes innere vor den Nichterfiuhl des vom 
göttlichen Worte geleiteten Gewiſſens zu ftellen; und die es koͤn⸗ 
nen haben einen großen Ruhm. Aber dennoch behalten die Bes 
khrungen welche hier ertheilt werden eine eigene Kraft, weil fie 
weniger Widerſtand von der Eigenliebe zu befiegen haben, alg die 
Vorhaltungen der Sreundfchaft, weil fie dem Herzen weniger 
Freiheit zu feinen Selbſtt duſchungen gewaͤhren, als das eigne 
Nachdenken. 

Woher kommt es doch, Sa, wenn ein’ Freund fi ch bemuůht 
den andern zu belehren, wo er Irrthum und Vorurtheil bei ihm 
zu finden glaubt, dennoch gewoͤhnlich ein jeder auf feiner Meinung 
beharrt? kommt es allemal daher, weil es nicht möglich iſt bie 
Wahrheit auszumitteln? weil die Vorftellungen eines jeden gar zu 
genau mit feiner Denkungsart und feinem Charakter zuſammen⸗ 
Dingen? Bisweilen vieleicht: aber meiftentheilg gewiß-daher, weil 
die Eigenliebe deſſen der im Unrecht iſt zu fehr gereist wird. 
Eur Freund tritt vor euch hin und fagt euch, dies ift bein Vor⸗ 
urtheil, dies ift dein Irrthum, Dies ift der Schein ber dich blen⸗ 
det; er ſagt es euch gewöhnlich zu einer Zeit, wo ihr euch eben. 
ausdrüfffich zu eurer Meinung bekannt habt, oder wo fie chen 
tur Betragen beſtimmt hat und ณ์ alfo befonders werd und 


176 


beſonders anſchaulich iR. Werdet ihr nicht. alles mögliche auf 
bieten um euch im ihrem. Beſiz zu behaupten? werdet ihr nicht 


erhise vom Streit. immer neue Waffen ergreifen, wenn die alten 
abgenuzt find? immer im Zuräffzichen neue Verſchanzungen auf 
werfen? Oder euer Freund will euch den Zuftand eures Herzens 


beffer aufdekken, als ihr ihm ſelbſt kennt; er will euch Leiden 
ſchaften geigen wo ihr nur Beharrlichkeit bei euren Brundfägen 


zu fehen glaubt, einen Fehltritt wo ihr alle Verbindlichkeiten er 
, fülte zu haben meint: gewiß, wenn ihr nur erft einen Einwurf ge 


macht habt, fo wird die falfche. Schaam end) felten, ich will nicht 
fagen zum. Eingeftändniß, fondern nur zür Erkenntniß kommen 


laſſen. Darum Tann die Freundfchaft nie behutfam genug zu 


Werke gehen, und je leifer ihre Winke find, deſto öfter wird ber 
mwarnende Sinn berfelben verkannt; je fchonender fie auf Das in: 


nere des Herzens hindeutet, defto leichter wird fie mißverftanden, 


als wollte aud) fie Fehler entichuldigen und Schwachheiten lieb: 
koſen. Hier im Gegentheil ertönt die Stimme der Vernunft zwar 
ftärfer und lauter, aber doch fanfter und lieblicher. Werben Bor: 
urtbeile und Irrthuͤmer angefochten: es gefchieht doch nicht in 
dem Augenblikk, wo euer Gemuͤth eben zu Gunſten derſelben in 
Bewegung ift; e8 gilt auch Feinen Streit, der irrende wird nicht 
aufgefodert ſich entweder zu vertheidigen oder uͤberwunden zu be⸗ 
kennen, er kann ohne Ereiferung erwägen und prüfen und ruhig 
zufehen, wie die Kraft der Wahrheit feine fcheinbaren Gründe zu 


ihm nicht beſonders zugeftelt und gefagt, Das bift du, und fo 
wird er ſich felbft leichter eingefichen, Daß diefer und jener Zug 
ihm gleicht, und in ber Stille Anftalten treffen um die verhaßte 
Aehnlichkeit zu vertilgen. 

Woher kommt es doch, daß beim eignen Nachdenken die Ver⸗ 
gleichung mit andern allemal zu unſerm Vortheil ausſchlaͤgt? daß 
die Betrachtung der religioͤſen Wahrheiten mid der ſittlichen Vor⸗ 


fere Irrthuͤmer und unfere Zehler liegen? daß die Mufterung un: 
feres eigenen Lebens gewöhnlich) in eine füße Selbfisufriedenheit 
endigt und nur bei befondern Weranlaffungen eine beilfame, faft 
immer fpäte Demüthigung hervorbringt? Alles dies kommt das 


0 ๓ , weil das Herz ein troziges und verzagtes Ding iſt ), vol 


ๆ Jerem. 17, 9. 


- : Boden wirft. Wird der Gang feiner Verirrungen und Leiden 
ſchaften gefchildert: er darf doch nicht figen zu dem Bilde, 68 wird 





ſchriften, felbft wenn wir dabei die niedergefchrichenen Gedanken 
anderer zum Leitfaden nehmen, felten die Gegend trifft, wo uns 


177 

Betruges, weil es mit heimlicher Liſt den graden und ruhigen 
Gang des Verſtandes unterbricht. Wie von ſelbſt muß immer 
dasjenige gute, welches wir [ด ว อ ก errungen haben, oder dem übers 
haupt unfere Neigungen nicht widerftreiten, als das michtigfte here 
vortreten; unvermerkt nimmt dag Nachdenken einen Ummeg, um . 
nicht auf unſere Fehler gu treffen, oder dieſe werden erſt mit eis 
ner feinen Schminke uͤberzogen, die ihnen die Geſtalt irgend einer 
Vollkommenheit giebt; und eben ſo werden Irrthuͤmer entweder 
gar nicht bemerkt, oder unter irgend einem ſchoͤnen Titel in die 
Geſellſchaft der Wahrheiten eingefuͤhrt. Hier hingegen ſind alle 
dieſe Taͤuſchungen ſchon deshalb nicht moͤglich, weil das Nach⸗ 
denken der hoͤrenden einer fremden Leitung folgt. Hier werden 
gewiß die verſtimmten Saiten, uͤber welche ihr mit leiſer Hand 
hinwegzugleiten gewohnt ſeid, nicht nur beruͤhrt, ſondern ſtark an⸗ 
geſchlagen; hier werden Gedanken und Ueberlegungen hervorgezo⸗ 
gen, die euer ſich ſelbſt uͤberlaſſenes Nachdenken immer in -den 
Hintergrund geſtellt hätte; bier werdet ihr zu folchen Anfichten 
grführt, auf welche fonft euer auge: nicht leicht würde ‚gefals 
kn fein. 

Mögen die, welche fi 4. von folchen ſelbſtgemachten Taͤu⸗ 
ſchungen, von einem ſolchen verborgenen Spiel der Eigenliebe 
ganz ก ค wiſſen, behaupten, daß fie unſerer Verſammlungen nicht 
bedürfen. Ich denke, wir alle werden an dieſe Schilderung fo 
manche wohlthätige Erinnerung anknüpfen Fünnen an bier ems 
pfangene Belehrungen, bie ſich ſchon wirffam bewieſen haben zu 
unſerer Beſſerung. 


| IT. Eben fo hoffe ich, werden fidy unſere Berfammlungen 
a8 ein Eräftiges Mittel bewährt haben und zum guten zu er» 
muntern und unfern. frommen Entfchlüffen neue Kraft und 
neues Leben mitzutheilen. Gewiß haben wir alle auch. in dem ว 
Kun vergangenen Jahre. manchen fehönen Augenblikk aufzumeifen, 

wo wir Gott und unferm Gewiffen eine ausdauernde Treue ges 
Iobten, wo- wir ung das Urbild aller menfchlichen Vollkommen⸗ 
heit aufs neue vorhielten und ganz durchdrungen waren von dem 
Villen ihm näher zu Eommen: aber wir werden auch alle erfahs 
tn haben, daß, wenn wir num mit diefem Entfchluß, wie ſich's 
gebührt, in die Verhältniffe ded Lebens hinzingingen um ihn dort 
mwöuführen, dann bie Geſchaͤfte, bie Sorgen und die Vergnuͤ⸗ 
gungen des Lebens, mit denen wir ung einlaffen mußten, ung nach 
und nach wiederum in eine Reihe von weltlihen Empfindungen 
und แน แม verwikkelten in denen das ฒา รั ห ย : und die 


178 


Kraft. jenes: Entfchluffes ſich almälig ſchwaͤchte. Das ift um 
fehlbar die Gefchichte aller Menfchen, und darum müffen wir 
jene heiligen Gedanken und diefen frommen Entfchluß immer tie: 
der erneuern. Nun frage ich euch, war wohl unter gleichen Um⸗ 
ftänden irgend eine. andere Erneuerung des Gemüthes und des 
Willens lebendiger, fruchtbarer und dauerhafter, als die, wozu 
ihr bier in dem zur gemeinfchaftlichen Anbetung Gottes be | 
ſtimmten Haufe und mitten in der Gemeine des Erloͤſers 
aufgefordert wurdet? Es iſt - ja gutgearten Menfchen eigen, 
alles was ſich unmittelbar auf fie felbft bezieht mit ungleich mehr 
Luft und Eifer zu betreiben, wenn fie es zugleich als eine ge 
meinfchäftliche Angelegenheit anfehen Eönnen. Spare beinen Ue⸗ 
berfluß für die Leidenden, forge fir deine Gefundheit um deine 
Kinder willen, erhalte die Munterkeit deines Geiftes um der Ge 
ſellſchaft immer zu allen Dienften bereit zu fein: dergleichen find 
fuͤr die _beffern Menfchen immer die Erdftigfien Bewegungsgruͤnde. 
- 6 ๐ wird alfo auch der Entfchluß der Befferung überhaupt am leben: 
digften und Eräftigften fein, wenn er unter diefem Geſichtspunkte 
gefaßt wird; und. mo gefchähe das in einem größeren Sinne. als 
hier? Freilich Tann auch der Anblikk eures häuslichen Kreiſes 
euch täglich im guten beftärken;, welchen. Rang ihr auch darin 
einnehmt, Gatten, Kinder, Hausgenoffen, Vorgeſezte fordern viel 
Tugenden von euch: aber es ift immer nur ein Theil eures Ge: 
müthes den fie in Anfpruch nehmen, und es wird euch bald vor 
fommen, als wären manche ihrer Forderungen ſchon durch einen 
geroiffen Schein befriediget. - Auch der Gedanke, daß. ihr ein Va 
terland habt dem ihr Ehre machen follt, dem ihr mit euren Ta 
lenten und Gemüthsfräften verpflichtet feid, kann ein mächtiger 
Antrieb fein: aber die bürgerliche Geſellſchaft fordert doch nur 
Thaten, und eure innern Gefinnungen haben mit ihr wenig zu 
(haften. Hier aber, hier ‚findet ihr eine Gefellfchaft, Die den in- 
. ‚nern Zufland eures ganzen Gemüthes für ihre Angelegenheit und 
eure Beſſerung für eine Annäherung zu ihrem gemeinfchaftlichen 
Endzwekk erklärt. Hier findet ihr euch als Bürger im Reiche 
Gottes mit allen Heiligen und ald Gottes Hausgenoffen *), und 
dag umfaßt alles was ihre nur irgend leiften koͤnnt. In eurem 
Haufe, in eurem Beruf, in allem was ihr verrichter ſollt ihr das 
‚Dafein dieſes Reiches Gottes verkündigen, das befte diefer göft: 
lichen Samilie fördern; und kommt ihr dann bieher, wo fie fich 
fichtbar verfammelt: fo fol an ench haften das Andenken an gute 











) Epheſ. 2, 19. 


179 


Werke die ihr verrichtet habt, an liebliche Lehren bie von euch 
ausgegangen find, an fromme Geſinnungen die ihr geäußert, an. 
muthige Bekenntniſſe bes Glaubens bie ihr abgelegt hat... Wenn 
ihr hier den Gedanken an die höchfte menfchliche Bollfommenheit 
haft: fo wird alles, was ihr dem zufolge thun und werden koͤnnt, 
in Anſpruch genommen für die Gemeine Chriſti; jeder gute Ent- 
ſchluß erſcheint euch als ein theures Geluͤbde, abgelegt in ihre 
und des Erloͤſers Haͤnde. Dies iſt die eigentliche Urſache des 
tiefen Gefuͤhls, welches euch hier ſo oft ergriff, dies die Quelle 
der ſchoͤnen Wirkungen, die euer Hierſein zuruͤkkgelaſſen hat. 
Vorzuͤglich aber ſind dieſe Verſammlungen dazu geeignet, 
uns, wenn wir ſie aus dem wahren Geſichtspunkte betrachten und 
mit dem rechten Sinn beſuchen, in den bruͤderlichen Gefinnungen 
แ flärken, zu denen wir nicht Aufmunterung genug haben koͤnnen. 
Ach fie ſtumpfen fich nur allguleicht ab an den Ungleichheiten, die 
in der Welt flatt finden und durch das Betragen der meiften 
Menfchen noch hervorragender gemacht werden, und dann bricht 
bie alte, nie ganz unterbdrüffte Selbftfucht aus in Erampfhafte 
Vewegungen, bie wenigſtens manches Gefaͤß unſeres Gemuͤthes 
den Geſinnungen der Liebe, die es uͤberall durchdringen ſollten, 
gaͤnzlich verſchließen. Da entſteht heimlicher- Neid, der fich durch - 
Hirte und Kälte gegen diejenigen äußert, die fish ihrer günftigen 
Verhäliniffe vielleicht zu überheben fcheinen, Eiferfucht des Stans ' 
des, die Feine Eleine Verlegung des fchifklichen, Eomme fie. von 
höheren. oder niederen, ungeahndet laſſen will, vermeffener Eigen» 
dünkel, der um den Schein der Abhängigkeit zu vermeiden fich 
lieber fo fehr als möglich zurüffgiceht und nichts gutes erweiſet, 
damit er nicht wieder etwas anzunehmen gendthigt werde. Ueberall 
wo ihr in der Melt hinfeht findet ihr die Ungleichheiten, die dag 
Se fo verſtimmen, nur hier find fie verbannt. Hier ift Feiner 
ein reicher oder armer, ein herrfchender oder unterworfener, alle 
nd nur Jünger Chrifti, nad) Belehrung und Befferung verlan⸗ 
gende Menfchen; und denen, die zu dieſer Geſinnung vereiniget 
find, erfcheinen Rang und Reichthum als zu geringfügige Gegen⸗ 
Nude, um auf ihr Gefühl und ihr Betragen einen bedeutenden 
Einfluß .zu Haben. Hier Eommen wir alle gufammen um Gnade 
von dem แน erflehen, der die Herzen erforſcht; das gemeinſchaft⸗ 


liche Gefuͤhl diefes Beduͤrfniſſes muß über jeden kleinlichen un 


willen ſiegen; tiefer als irgendwo muß uns das Wort ans Herz 

gehen, daß wir nicht eher mit unſerer Bitte um Nachſicht her⸗ 

vortreten duͤrfen, bis auch wir das Wort der Vergebung von Her⸗ 

in, ausgeſprochen haben: und fo muͤſſen wir alle zu wahrer Ver: 
| M2. 


180 


 föhnlichkeit erreicht werben. Hier ftelen wir uns alle vor dem 
dar, gegen den mir alle Staub find; ein ehrfurchtsvoller Schauer 
bei dem lebendigen Gedanken an das allein heilige und weiſe 
Gefez Gottes bemeiftert fich aller; fromme Wünfche vol Demuth 


und Selbſterkenntniß drängen ſich aus det Bruft der verfchieden 


| 


ſten Menfchen hervor: und fo verſchwindet felbft der Unterfchie, 
ber dort den befferen und den verftändigern auszeichnet; alle ver 


ſchwiſtern ſich aufs neue als Gefährten auf demſelben ftürmifchen 


. Meere der Verfuchungen, ล [8 Brüder in derfelben natürlichen 


unferer Gleichheit werden wir oft als -einen herrlichen Segen von 
binnen gebracht haben. 1 . ก 


III. Laßt uns endlich noch darauf merken, wie unſere ป 


Bottesverehrungen- auch zur Belebung und Erhöhung unferer 
religidfen Gefühle gefegnet geweſen find.. Es gehört hie 
doch gewiß noch etwas anderes, ald was wir bis jest ertvogen 
haben. Man โล ก ท fi auf. der. einen Seite eine Glaubenslehre 
zu eigen gemacht haben, die von Irrthuͤmern und Vorurtheilen 
maoͤglichſt rein und gegen Mißdeutungen gefichert iſt, und man 
kann auf der andern Seite eine fehr richtige Erfenntnig von den 
menfchlichen Pflichten haben und auf eine lobenswuͤrdige Art fie 
zu erfüllen trachten, beides ohne ein von den Empfindungen der 
Religion beſeeltes und höher gehobenes Herz. Täglich fehen wir 

ſolche aus kalten Begriffen zufammengefeste Lehre von göttlichen 
: Dingen und folche von aller Frömmigkeit entblößte Tugend vor 
und; und aus eigener Erfahrung, fege -ich voraus, kennen wir 
dagegen den feligen Zuftand eines von frommen Gefühlen durd) 
drungenen und fich ihrer immer bewußten Herzens, eines Mens 
ſchen, der gewohnt iſt alles fo anzuſehen, wie es von Gott, der es 
ordnete, gemeint war. Denen, welche dieſe Gemuͤthsverfaſſung 
nicht kennen moͤchten, kann ich jezt keine ausfuͤhrliche Beſchreibung 
davon machen; ich rede nur mit denen, die mich verſtehen. Diefe 
erinnere ic) daran, wie oft fowohl die Meinungen und Neiguns 


gen, die in ung hineingebracht wurden; ehe wir biefen Weg 
fanden; wieder erwachten und uns irre zu machen ſuchten, 
als auch wie oft die Denkungsart derer, welche alles in 


der Welt nur auf ihre beſchraͤnkten Endzwekke beziehen, da⸗ 


Gebrechlichkeit, und alle werben geneigt einander die Hand zu res 
chen zur Herzlichen Unterſtuͤung. O bdiefe Erwärmung des in 
der kalten Welt nicht felten erfiarrenden Herzens zu inniger Liebe, 
diefe Erhebung von den Fünftlichen Auftalten, die ung angeinan 
derdrängen, zu einem höheren als dem. bloß finnlichen Gefühl 





181. 


hin arbeitete, uns aus dieſer Stimmung heraus zu verfegen, 
und wie oft es ihnen leider gelang, daß wir wurden tie 
fie, Önß entweder bie Beziehung auf Gott und ganz verloren 
ging,. oder wir urtheilten, was unferm leidenfchaftlichen zerruͤtte⸗ 
ten Gemuͤth erfchien fei feine Abſicht mit den Ereigniffen in ber - 
Melt. Erinnert euch dankbar daran, wie oft ihr mit einer uns 


whigen gereizten Seele, "mit einem von ber Welt gefangenen - 


Sinn, mit einem vorwizig Flügelnden Verftande herkamt, und wie - 
ihr hier eure Frömmigkeit, eure vichtigere Würdigung der irdiſchen 

Dinge, eure trenere Ergebung in die Wege Gottes wieder gefun⸗ 

den habt. Die Betrachtungen, welche bier angeftellt werden, Eöns 
nen freilich nicht immer den Endzwekk haben, unmittelbar auf uns 
kre frommen Empfindungen zu wirken; aber wenn die Lehrer - 
der Religion auch nur Serthümer und Vorurtheile beftritten, 
wenn auch nur von einer richtigeren Unficht menfchlicher Ders. 
hältniffe die Nede war und vieleicht nicht immer deutlich hervor⸗ 
trat, voie fich auch diefe nur auf die Religion gründete: wie follte 
ſich nicht dennoch manches aus ihrem innern hervorgedrängt has 
ben, wodurch Die verſtimmte Seele ihrer Verwixrung entriſſen 
ud wieder auf. bie Höhe geftelt ward, wo fie ſich fonft wohlbe⸗ 
fand. ป ั น ต ์ ) fage ich dies nicht mit einer gewiffen Nuhmredigkeit 
‚u Gunſten derer, welche die Lehrftühle der Religion einnehmen, 
als 06 diefer Erfolg etwa darin feinen Grund häfte, daß fie fo 
viel frömmer find. als andere; nein, fie ſtellen euch nur Die befs 
re Stimmung dar, in der ihr euch fonft befander; fie find in 
den Verrichtungen ihres Amtes gleichfam dag ‚feftgehaltene neu⸗ 
belehte Bild eures ‚fchöneren Lebens; fie geben euch — daß ich 
ſo fage — euch, felbft wieder. ‚Auch waren es gewiß nicht ihre 
Reden allein, denen ihr diefe wohlthäfigen Wirkungen zuſchreiben 

müßt: es war bie heilige Stille, für welche dieſe Hänfer eine 
freiftätte find mitten im Getuͤmmel der Welt; es war die An- 
dacht eurer Brüder, die ich euch mittheilte und alfe hefferen Ges 
fühle ห ล ด ์ ) und nach in eure Seele zuruͤkkrief. Ich Berufe mich 
in diefer Hinficht befonders darauf, mie oft und wodurch ihre hier 
ufgerichtet und getröftet. worden feib, wenn. Kummer und Wir 
derwaͤrtigkeit euch beſtuͤrmten. Ich glaube, daß ich euch alle zu 
hieſem Jeugniß auffordern kann, wenn ihr auch nur auf das ver⸗ 
ก ต น Jahr zuruͤkkſehen wollt: deun wem ſollte nicht in einem 
ſolchen Zeitraum der Wechſel menſchlicher Dinge auch truͤbe und 
hittere Stunden. gebracht haben. Wenn ihr zu Haufe unvermoͤ ⸗ 
dend waret die Ruhe und die Faſſung eures Gemuͤthes wieder 


182 


zu finden; wenn umringt von Gegenftänden, die euch euer Ungluͤfk 
immer vergegenwärtigten, Das Uebel ſtaͤrker war als die Arzendi, 
die erft aus dem Gedanken an Gott und die höhere. Welt berei: 
tet werben follte; wenn vieleicht nur flüchtige Negungen ber 
Froͤmmigkeit eure Seele Öurchbligten, nur abgebrochene Seufie 
euch gelangen, und der Schmerz, indem ihr noch über die Ge⸗ 
malt Flagtet, die er nur eben ausgeuͤbt hatte, fogleich mit erneur: 
ter Heftigkeit zuruͤkkkehrte und fchon vielfach gewuͤthet hatte, ce 
‘der Balſam der Religion zu ben innern Nerven eures Geis 
bindurchdrang; wenn auch die Sreundfchaft vergeblich euer Leibe 
theilte ohne es mildern zu koͤnnen und umfonft das ſchwere Ge⸗ 
ſchaͤft verſuchte, durch alle Schmerzen hindurch, bie fie verflärkt 
wieder erregen mußte, ben &iz des Uebels zu unterfuchen: ſchlug 
nur erft Die Stunde, wo ihr euren Kummer in diefe heilige 
Mauern tragen Fonntet, fo wurde ber böfe Geiſt zum Schweign 
gebracht. Und wodurch? Es waren nicht allein die Worte, die 
euch unmittelbar beruhigend ang Herz geſprochen wurden, ode 
der Zufammenhang und die Anordnung der ganzen Rede, die eug 
erinnern mußte an den Muth, der den frommen ziemt, an das 
Vertrauen, das der gläubige feinem Gotte ſchuldig iſt: fondern 
alles. was ihr faht vereinigte ſich, um Licht in die dunkeln Ge 
genden eurer Seele zu tragen. Hier faht ihr das Geficht eines 
leidenden fich nach und nach aufheitern bei frommen Betrachtun⸗ 
gen; dort fander ihr Ruhe und Friede fchon wieder eingefehrt 
- bei einem andern, den ihr noch vor kurzem ungluͤkklich fahet; hie 
befhämte euch die Zufriedenheit eines fiechen, dort Die Heiterkät 
eines dürftigen; bier faht ihr einen bewährten frommen, der fein 
Tugend und feinen Glauben umverfehrt durch alle Stürme des 
Lebens hindurch gebracht hat; dort redete die Freude eines erret 
‘teten, ber dankbare Blikk eines gebeflerten euch Glauben und Ber: 
trauen ind Herz. So ergriff auch euch die gemeinfchaftlict 
Stimmung, der fich hier ale nach und nach nähern; das Gebr 


ber Brüder flärkte dag eurige, und unter den Dankliedern und 


. Lobgefängen der Gemeinde erbebten auch in eurer Seele mie 
bie dazu flimmenden Saiten. Daffelbe wird euch oft begegnet 
fein in andern Sällen, wo nicht eben Ungluͤfk und Noth, fondern 
ein anderer, vieleicht angenehmerer Einfluß irdifcher Dinge au 
Gemüth fo bewegte, daß «8 feine fromme Stimmung verlor. 
. Möchte euch nur die Urfache folcher Heilfamen Veraͤnderungen 
durch dieſe Auseinanderſezung recht deutlich geworben fein! es 
find Wirkungen des gemeinfchaftlichen Bekenntniffes ber Religion 
die auf Feine andere Weiſe berworgebracht werden können. Es 


183 


wird jest gar häufig gefagt und nur zu bereitwillig geglaubt, daß, 
wer fein. Gemüth zu Gott erheben und den Gefühlen der Religion 
öffnen wolle, weit beffer thun wuͤrde, wenn er fich entichlöffe, 
fh dann und wann der Gefellfchaft Ber Menfchen zu entreißen 
und Stunden ber. Muße in der freien Natur unter den Werfen 
Gottes hinzubringen, als wenn er in finftern Gebäuden mit einigen 
andern, denen er nicht näher bekannt ift, einen eben fo unbekann⸗ 
ten über biefen umd jenen Theil ber Religion reden hörte. Der 
Höchfte wohne ja doch nicht in Tempeln bie mit Händen gemacht 
find, und. die unmittelbare Anſchauung feiner Werke wirfe weit 
fräftiger auf das Gemuͤth, als die fchönften Worte zu thun ver 
möchten. Gewiß waͤre 68 fehr erfreulich, wenn diejenigen, bie wir, 
nachdem fie eine Woche den Gefchäften und ben Sorgen des Les 
bens gewidmet haben, fo zahlreich und fröhlich aus den Mauern 
unferer Städte hinausſtroͤmen fehen, wenn dieſe Die Wälder und 
die Särten und die ſtillern Ländlichen Wohnungen aufficchten, um 
dort ihren Schöpfer zu finden, und fich nicht auch dort wieder 
in bunten Kreifen sufammenfänden und - ihren gewöhnlichen Der: 
grügungen oblägen! gewiß auch das wuͤrde manche "gute Frucht 
bringen. Aber tie wunderlich iſt «8 nicht, den Schöpfer allein- 
in der Natur außer ung auffuchen zu wollen, welche nur fo we⸗ 
nige richtig verſtehen und zu der, ich. darf es fagen, die meiften 
nur durch einen Dunkeln, faft thierifchen Zug gefrieben werden, da 
doch alles übereinftimmt, um uns zu fagen, daß der Menfch das 
Bild if, weiches ihm gleicht. Iſt die Mannigfaltigkeit der menſch⸗ 
lichen Natur, an die jede Geſellſchaft euch erinnert, nicht eben fo 
groß, als Die in den frembderen Gefchöpfen der Erde, und verkün- 
dige fie nicht lauter die Unendlichkeit des. Höchften? ift die all⸗ 
mählige Entwikkelung des göttlichen im Menfchen nicht etwas 
eben fo bewundernswwuͤrdiges, als die Entwiffelung des Lebens 
und der Kraft in Bäumen und Gräfern?, und wo koͤnnt ihr bag 
alles ruhiger betrachten als hier? Hier wo eben die unbekannte: 
fen fich vereinigen in demfelben Geift, hier mo euch alles an die 
merkwuͤrdigſten Sortfchritte des Menfchen erinnert, hier wo feine 
Verwandtſchaft mit dem goͤttlichen Weſen euch ſo nahe ins Auge 
tritt, 


Hr, deren Bewußtſein mir bie Wahrheit des gefagten be: 
zeugt, die ihr -diefe verfchiebenen Wohlthaten unſerer öffentlichen 
Gottesverehrungen mehr oder minder genoffen habt, es ift euch 
(ehr Leicht gemacht, euch dankbar dafür zu bemeifen. Fahret nur 
fort daß gute zu genießen, welches ihr kennt, ſchaͤmt euch nicht . 
euch dazu zu bekennen und, wo es eine Gelegenheit giebt, ein 


n 


184 | 
Zeugniß davon abzulegen, was fie ech werth find. Ihr aber | 
bie.ihr fie Bisher nicht gefchäzt habt, finder ‚ihr dennoch Die in 
. nere Wahrheit in meiner Nede, fängt es am euch einzuleuchten, 
daß mol dag gute, welches ich geruͤhmt habe, bier erreicht wer 
den koͤnne: fo feld nicht zu fparfam, um dem Werfuch bisweilen 
eine Stunde zu widmen; wir wollen eure bisherige Vernachlaͤſſi 
gung, vieleicht auch euren Spott gern hingehen laſſen mit den 
‚ andern DVerirrungen der vergangenen Zeit. Findet. ihr aber dieſe 
Wahrheit nicht: fo laßt euch ja nicht etwa zw einer mitleidigen 
Großmuth verleiten! überredet euch nicht, daß es doch heilfam 
fein koͤnne, mern ihre des DBeifpield wegen euch bisweilen hie 
einfindet, um diejenigen anguloffen, die wirklich noch Nujzen hie 
fhöpfen Eönnen. Diefer vermeintlichen Pflicht, die euch nur cin 
läftiger Dienft wäre, enitlaffen wir euch gern. Sollte fih and. 
die Anzahl derer, die fich hier zufammenfinden, noch mehr. verrin 
gern: nie komme jemand hieher, der es nicht um fein felbft teilen 
und aus freiem Triebe des Herzens thut. Folgt ihr eurem Sinn 
und fördert das gute in euch auf enre Weiſe: wir tollen hir 
Gott ehren und ung in der Nachfolge des Erlöfers befeftigen; er 
wird auch ferner mitten unter ung fein, wie wenige ‘auch in fer 
nem Namen verfammelt fein mögen, 











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187 


V 0 ะ r ede 
zur erſten Auflage 


Dar zweite Sammlung von Predigten, ganz auf die 
felbe Weiſe entftanden wie die erfle, ift nicht diejenige, auf. 


weiche ih im der zweiten Auflage von jener im voraus bins 


weifen wollte. Damals hatte ich mir vorgeſezt, Vorträge, 3 
welche ich an‘ den chriftlichen Feften gehalten, dem größern 
Yublicum mitzutheilen. Dies Vorhaben bleibt nun noch 
ausgefege, da bie gegenwärtigen Zeitumftände, beſonders 
auch bie reines Vaterlandes, mich veranlaßt haben, unter 
denen, die in meine Denfungsart eingehen mögen, lieber bass 
jenige fur jejt gemeinnüziger zu machen, was ich vorzuͤglich 
in Besiehung auf bie neueften Ereigniffe gefprochen habe. 
Die erften drei Predigten habe ich als Univerfitätspres 


biger in Halle gehalten, fie fhließen fich unmittelbar der _ 


einzeln ausgegebenen Predigt bei Eröffnung des afades 
mifchen Gottesdienftes an.. Nur Ein Vortrag aus ber Zeit 
| ต น ะ Amesführung fehle, von welchem ich nichts mehr in 
meinen Papieren: finden konnte; vorahnend nahm er Müff: 
fcht auf das Ende des afademifchen Halbjahres und den 


188 


Abgang. eines Theiles unſerer Mitbuͤrger, und unbemwuft 
war er zugleich eine allgemeine Abſchieds⸗ und Entlaſſungs— 
rede, da ben abgegangenen nur zu bald alle übrigen folgen 
mußten. So kurz nur waͤhrte dieſe in einem vor£refflichen 
Sinn gedachte und mit großem, kaum erwarteten Intereſſe 
aufgenommene Einrichtung, zufammenfteffend, man barf « 
fagen, mit einer ſchoͤnen Bluͤte jener Univerſitaͤt und mit 
| ihr zugleich gewaltfam zerſtoͤrt. Auch die vierte bis achte 
Predigt find noch in Halle gehalten; die lehten viere aber | 
in verfchiedenen Kirchen Berlins. 

‚Möge auch diefe Arbeit etwas beitragen, um, weſſen 
- wir fo fehr bedürfen, frommen Much und wahre Luft zu 
gründlicher Beflerung zu erwekken und zu beieben, und, ein 
leuchtend zu machen, woher allein wahres Heil uns fommen | 
fann und wie ein jeder dazu mitwirken muß. , 


— — 


Berlin im Februar 1808. 


— — เรา น แร แก และ น ะ ร ร กา เรา รน — Mr ——— 


189 


— 


Zur zweiten Auflage. 


DT nach" meiner Ueberzeugung chriftliche Predigten überall 
nur. für. den „unmittelbaren Hörer. ihren. vollen Werth Has 
ben und die weitere Verbreitung derfelben durch den Druck 
mir etwas. unmefentlihes, ja nicht felten etwas mißliches 
zu fein ſcheint: fo war ich beſonders wegen dieſer Wortäge, 
als mein Freund ber Verleger an einen neuen ว (60 แน ๕ 
mahnte, im erften Augenblikk bedenklich, weil fie ſich mehr 
als gewoͤhnlich genau auf die Ereigniſſe einer Zeit beziehen 
welche einem großen Theil der jezigen chriſtlichen Leſer ſchon 
ferner ſteht und gewiſſermaßen vielleicht fremd geworden iſt. 

Bei naͤherer Anſicht aber beruhigte ich mich, indem ich 

fand, daß das meiſte auch jezt noch ein Wort zu ſeiner 
Zeit geſagt ſein wuͤrde und daß es nicht noͤthig ſei, die 
beſtimmten Beziehungen und mit ihnen das eigenthuͤmliche 
Gepraͤge dieſer Vortraͤge zu verwiſchen. Nicht ungern 
würbe ich dagegen einer gewiſſen Schwerfaͤlligkeit der Spra⸗ 
che abgeholfen haben, welche vielleicht dem Lefer ftörender 
fein wird, als fie dem Hörer gewefen fein ann, Allein 


199 


dies wuͤrde nicht ohne. gaͤnzliche Umarbeitung abgegangen 
‚fein, die ich, auch der Predigten felbft wegen, ſcheute, und 
fo habe ich nur Kleinigkeiten abgeändert und bitte, daß die 
Leſer biefen Behler zum Theil. wenigſtens den damage 
Umftänden zurechnen tollen. 

Berlin im Auguft 1820. 1 


D. F. Söteiermader 


191 


1 


Wie wir Die Verſchiedenheit der Geiſtesgaben 
zu betrachten haben. 





Erſte Predigt nach Eroͤffnung des akademiſchen 
Gottesdienſtes. 


W, überhaupt das geiftige Leben bes Menfchen Damit be 
ginnt, daß er, aufgeftört aus jenem niederen Dafein, welches bie 
Erift fo oft unter dem. Bilde des Schlafes darftellt, zur Ber 
finnung kommt und, die Augen des Geiftes eröffnend, fich und 
die Welt in einem höheren, vorhin ungefannten Lichte betrachtet: 
ſo kann auch in jedes neue Gebiet des Lebens nur derjenige auf . 
eine gottgefaͤllige Weiſe eintreten, der es gleich in dem Geifte ' 

des Chriſtenthums behandelt und mit demſelben zu durchdringen 
fühl. Diefes ห น ห gilt gewiß vorzüglich auc von dem Bunde 
der gemeinſchaftlichen Erbauung, den wir nur eben errichtet ha⸗ 
ben. Nicht meine ich, als ſollte jeder einzelne von uns erſt jezt 
zu dem Bewußtſein gelangen, daß er dem geiſtigen Leben über 
haupt angehört und zur Kindfehaft Gottes ‘mit allen welche den 
Herren gefunden. haben berufen ift: fondern nur eben ‚darüber, 
daß wir als ſchon vom Geiſte des Chriſtenthums befeelte uns ง 
hun zu einer eigenen Gemeine gebildet haben, mwünfchte ich, daß 
wir und recht befinnen möchten, weshalb doch und Eraft weſſen 
diefe Vereinigung erfolgt fei, damit gleich ย อ ก Anfang. unfer Sinn 
fd) auf dag heilfame wende und jeder ſich bemühe, auf die rechte . 
Veiſe beitragend und empfangend unfere Verbindung fotwol zu 
neigen, als auch ſich ſelbſt und andern zum Segen in ihr zu 


"gie Befinnung nun mi น ung. allen ohne weiteres fagen, 



















192 


dag wir als gleichartige und, weil wir fo vieles mit einander 0 ค 
mein haben, aud) zu einer. Gemeine find verfammelt worden, das 
mit offenbar eben dieſes gemeinfchaftlicye auf der einen Seite 
fi) gottgefälliger entwikkle, auf der andern Seite aber, indem es 
ein DVereinigungspunft der Andacht wird, ung aud) um fo innis 
ger mit der gefammten Kirche Chriſti verbinde. 

Was iſt aber dieſes gemeinfchaftliche anders als unfer % 
ruf, Eraft deflen wir durd) Ausbildung und Vermehrung unfer 
Erkenntniß, durch ernſtes Eindringen in das Neich der Mille 
haft unferem Leben einen eigenthümlichen Werth geben und na 
allen Seiten hin wohlthaͤtige Einfluͤſſe verbreiten ſollen, ein % 

- ruf, welcher, wenn er nicht in vergebliche Beftrebungen ausgehen 
und ſich als leere Anmaßung ermeifen fol, in gewiſſen uns vo 
züglich einwohnenden Gaben des Geiftes muß begründet [ค ่ 
Diefer Beruf. foll ung. hier lebhaft vorſchweben, und jeder fo 
eben dadurd), daß er, was aus der Duelle des- göttlichen Worte 
an Ermunterung, Stärkung und Belehrung dargereicht wird, | 
mer audy in Bezug auf ihn. fich aneigne, jenes volle Bewußtſei 
feines Zuftandes bewähren, ohne welches man nur vergeblich | 
ben Verſammlungen der andächtigen erfcheint. Daß wir ab 
auch ja unferes Berufes nur in fiommer Gefinnung gedenken: 

nicht etwan in falfcher Demuth verleugnen wollend die hohe 
Würde deffen wozu ung Gort beſtimmt hat; aber noch weniger 
in wiberlihem Hochmuth gegen andere, die an einen andern Drt 
geſtellt find, ung aufblähend und eben dasjenige, was auf..die all 
gemeinſte und fchönfte Weife alle Muͤſchen vereinigen foll, mik 
braucdyend, um fogar in das Gebiet der Andacht. eine Trennung 
zu bringen, welche zufammt ihren Quellen ber Eitelkeit und der 

Seldftfucht von dem Geifte des Chriſtenthums überall folte ver 

tilgt werden. Hierin alfo ung das rechte vorzuhalten, darauf [คี 
gleich unfere- heutige Betrachtung gerichtet. 


Tert. 1 Kor. 12, 4-6. 


Es find inancherlei Gaben, aber, es ie Ein Geift; es 
find mancherlei Aemter, aber es iſt Ein Herr; und es 
ſind mancherlei Kraͤfte, aber es iſt Ein Gott, der da 
wirket alles in allen. 


Wenn es erlaubt iſt nach Beſchaffenheit der Sache und 
der Zeit und nach eines jeden Beduͤrfniß auch in der Schrift 
eines dem anderen vorzuziehn: ſo sehört gewiß dieſer Abſchnitt 


193 | 
unter dasjenige, was auch jest noch für alle Ehriften den groͤß⸗ 
ten Werth haben muß. Er iſt gleichfam eine Bibel ih der Bis 
bel, felbft wieder eine zufammengebrängte Darftelung des goͤttli⸗ 
hen, was die heiligen Bücher aus der reinften Betrachtung der 
Welt, ด น 8 des göttlichen Geiſtes Fräftigften ‚Regungen zufammens 
gedrängt verwahren, ein Eräftiger Ausdruff der wahrhaft froms 
men Gefinnung, ein vorbildlicher Abriß der ganzen. chriftlichen 
Richee Daher nicht zu verwundern if, wenn die Lehrer der 
Gemeinen vorzuͤglich oft zu Diefer Stelle zurüfffehren, um biers 
af die Gemuͤther zu ‚gründen und nad) diefem Zeugniß des göfts 
lihen Geiftes von fid) felbft feine Wirkungen barzuftellen. Ganz 
vorzüglich aber behandeln unfere Worte und was unmittelbar. 
darauf folge den vorhin ſchon angeregten Gegenftand. Eine Maris 
nigfaltigfeit von Gaben und Kräften hatte ſich entwikkelt in eis 
ner großen, aus ben verfchiedenften Beſtandtheilen zufammengefegs 
ten Gemeine. Aber menfchlicyes begegnete ihnen neben dem goͤtt⸗ 
lien, fo daß diejenigen, welche Die bedentendften oder auffallend 
fen Wirkungen hervorbrachten, ihre Sreude mehr an dem aͤuße⸗ 
ten haften; wodurch fie fi) von andern unterfchieben, als an dem 
mein, worin ſie ihnen nur gleich, fein Eonnten; und To wurde 
das Band der Wereinigung eben durch dasjenige geſchwaͤcht, was 
nur dienen ſollte, es immer ſicherer zu befeſtigen und immer meh» 
tere damit zu umteinden. Nothwendig ณ์ [6 war, was der Apo⸗ 
el unmittelbar: auf das jedem einwohnende Gefühl feines Bern 
ſes und feiner Heiligften Werhältniffe fich beziehend in Den Wor⸗ 
ten unferes Textes aufftellt und mas wir ihnen zufolge jezt ge⸗ 
nauer erwägen wollen, ic) meine 


eine Anweifung, um eben jene Verſchiedenheit der 
Geiſtesgaben richtig zu beurtheilen. 


Von dem mannigfaltigen nemlich fuͤhrt er uns auf eine Einheit 
zuruͤk, als auf ein höheres, vor welchem alle Mißverſtaͤndniſſe 
und ง แห ล verfchwinden muͤſſen. Diefe Einheit ſtellt er ung 
aus einem dreifachen Gefichtspunfte dar, Ein. Geiſt, der die 
Gaben erwekkt, Ein Herr, der die Aemter vertheilt, 
Ein Gott, der die Kräfte wirft. Diefer Andeutung nun 
Inft ung näher nachgehen, aber dabei nicht vergeffen, daß, was 
vn der Apoftel an jener Gemeine mochte gu tabeln finden, er 
doc แน ihr als zu einer Gemeine von Chriften und alfo davon 
tedet, was unter Ehriften vorgeht. Wenn wir alfo auch hide 
leugnen wollen, daß gar manches von dem, was den Inhalt der 
ผี ต ต Gaben an die Menſchen ausmacht, an auch da finder, | 


| 194 

wo wir den Einen Geiſt, an den der Apofkel ung ๒ ๕ ๒ ต ั ย nicht | 
wahrnehmen; wie denn Gott; der regnen läßt über gerechte und 

ungerechte und die-Sonne fiheinen über die guten und böfen, ſich 
an ben Menfchen auch innerlich nirgends gang unbezeugt laffen 
kann; dag viele wohl auggerüftet zu fein fcheinen zu Aemtern, 
welche aber den Heren nicht anerfennen: fo tollen mir doch Dies 
fen Gedanken, mit allem was er etwa ſchwieriges barbieten mag, 
für jest bei Seite Iaffen und, indem auch wir ung als Chriften 
anſehen, ung nur darüber aus dem Worte Gottes belehren Laffen, 
wie doch. unter ung und in Beziehung auf jenen Geiſt die Ver: 
ſchiedenheit der Gaben au betrachten ift. | 





I. Die Verſchiedenheit unter den Menſchen, ข vermoͤge de⸗ | 
ren ber eine zu leiffen vermag, was der andere nicht im Stande‘ 


iſt, laͤßt fich allerdings anfehen ale eine Mannigfaltigkeit der 


Gaben. Denn wenn gleich nicht felten nur durch Traͤgheit dem 
einen abgeht, was der andere fich durch Fleiß und Beharrlichkeit 
angebilbet hat: fo ift doch eben fo wahr, daß manches urfprüng: 
lich dem einen mitgegeben ift und dem andern verfagt. Allein 
giebt es auch in diefem Sinn mancherlei Gaben: ſo iſt doch 
nur Ein Geiſt. 
Daruͤber, das ſeze ich voraus, ſind wir alle einig, der Eine 
Geiſt, von dem der Apoftel-redet, ſei nichts anderes, als dasjenige 
in und, was unmittelbar der Abdrukk iſt der tigen” göttlichen 
Geſeze, was, wen es befeelt, über jedes niedere Beftreben erhebt 
und von Chrifto ausgehend das göttliche Ebenbild in ung geftal 
tet, dann aber auch nach allen Seiten bin ein göttliche Leben 
“wirft. Denn nicht da wohnt etwa dieſer Geift, wo nur ein 
gleichguͤltiges Unterfcheiden. ift von Necht und Unrecht, von gott⸗ 
gefällig und ihm mißfällig, oder ein unfräftiger Wunfch einem 
geroiffen Bilde zu gleichen und andere Züge vertilgen zu Eönnen; 
fondern er ift, wo er if, eine lebendige Kraft, weiche, fo gewiß 
fie innerlich da ift, fich auch nothrivendig aͤußert und alles Han: 
dein fo durchdringt, daß Feines mehr ganz ohne fie zu Stande 
Tommt. 

In diefem Handeln alfo,: dutch deſſen ftetigen Zufammen- 
. bang fich der göttliche Geift in dem Menfchen offenbaret, unter 
fcheiden mir guerft etwas allgemeines, was von allen auf gleiche 
Weiſe gefordert wird, fo daß wir Feine Entfchuldigung gelten 
lafien, wenn einer anders handeln wollte, wo ein’ ähnlicher Fall 
in feinem Leben eintritt; fondern wir verlangen uͤberall die gleiche 
Handlungsweiſe in dieſen Dingen von jedem, der nur irgend auf 


195 


dieſer Geift Anſpruch macht. Allein neben diefem allgemeinen, 
was fi mehr auf dasjenige bezieht, worin alle Menfchen einan 
der gleich find, bemerfen wir auch ein befondereg, was nicht von’ 
allen auf gleiche Weife kann gefordert werden, weil e8 mit dem⸗ 
jenigen in Verbindung fteht, wodurch die Menfchen auf eine allen 
Bemühungen fie gleich zu machen unüberwindliche Art von ein 
ander werfchieden find, nemlich mit natürlichen Sähigfeiten. und 
Eigenfchaften, Die nicht dag Antheil aller fein Eönnten, wenn fie 
auch Eines Geiſtes theilhaftig wären. Was. alfo auf diefem Ges 
biet von dem einen Eann. gefordert werden, bag iſt dagegen den 
andern unmöglich gemacht durch natürliche Befchränkfungen, ‚welche 
auch der Geift nicht aufheben kann oder fol. Hier nun zeigen 
fi) die mancherlei. Gaben, deren angebliche Vorzüge vor einans 
der fo. oft Weranlaffung eines Streites werben, welchen der Apo⸗ 
ก ิ ต unter den vom Geift befeelten eben durch Zuruͤkkweiſung auf 
diefen Geift vertilgen will. 

Wären nun unter den des Geiftes theilhaftigen nur einige 
mit folchen befonderen Gaben verfehen, andere aber gänzlich uns 
begabt, fo daß fie ohne beſtimmten inneren Beruf, der ihnen ein 
ügenes Feld des Handelns anwieſe, darauf befchränft wären, jene 
allgemeinen Tugenden in allem zu bemweifen, was ihnen zu vers 
แผ vorkommt; oder wären eigenthümliche Vollkommenheiten 
geiffiger Art nur einigen zugetheilt, die andern aber befäßen ſtatt 
deren nur allerlei Eörperliches Gefchiff und ‚untergeordnete Fertige 
keiten, Die - Eeinen andern Zwekk haben, ald nur die Außerlichen 
Dinge .auf irgend eine Weife zum Nuzen oder Vergnügen zu bes 
arbeiten und anzuordnen: dann freilich wäre unter den Chriften 
ein wefentlicher Unterfchied der Geiftesgaben gefegt und Faum zu 
vermeiden, daß fich die einen für etwas größeres und auf eine 
höhere Stufe geftellet hielten, als die andern. Denn wie Fünns 
ten woll die fo unbegabten, auf die Eleineren Gefchäfte des Le: 
bens befchränften, faft nur dem. leiblichen dienenden irgend auf 
Gleichheit Anfpruch machen. mit denen, in welchen ſich die höhere . 
Ansftattung der Seele aufs herrlichfte ermweifet, ‚indem. fie etwa 
in die Geheimniffe der Weisheit und, der. ‚Erfenntniß eindringen, 
um deren Gebiet zu befefligen und feinen Umfang เน erweitern 
sum Heil der Menfchen, oder indem -fie die Begeifterung eines 
mit Gott bekannten Gemüthes in fehönen Werfen der Kunſt auf 
eine eigenthuͤmliche Weiſe darſtellen, [อ dag fie ſich einer uͤber⸗ 
wiegenden Gewalt erfreuen uͤber den großen Haufen der ‚Mens 
(hen, den fie am fich anfetten, daß er ihren höheren Einfichten 
folgt, und. defien Kräfte fie fh eignen, daß er freiwillig ber 

N 2 


196 


zwungen reineren Abfichten diene? ober indem fie mit bemmkichte 


des: Evangeliums den göttlichen Funken in noch unerfchloflenen | 


Gemuͤthern entzänden und fie Chrifto und dem Vater zu befreun⸗ 
den wiſſen? Allein wie deutlich fich auch ein ſolcher Unterſchied 
eines begabten und eines unbegabten Dafeins zu offenbaren fcheint 
unter den Menfchen überhaupt: fo Eann er doch unter denen, 
welche ย อ ก jenem Einen Geifte befeelt find, nicht ſtatt finden. 


- Denn es เก nicht möglich, daß die Einwirkungen deſſelben ſich 


nur in ben allgemeinen Tugenden -erfchöpfen ‚und nicht vielmehr 
aus ‚dem gleichen Grunde in jedem eine befondere Gabe erwekken 
follten. Auch fest unfer Apoftel gar nicht den Fall, dag, wo der 
Eine Geift if, Gaben fein und auch gänzlich fehlen Fönnten; fon 

dern nur die Mannigfaltigkeit derfelben zeigt er an und lehrt fie 
richtig fchägen. Und laßt ung nur mit offenen Augen eintreten 
in.die vielfältigen Verbindungen des Lebens: fo werden wir fe 
hen, wie auch neben ben niedrigeren Befchäftigungen, welche al; 
lerdings Eeine befondere Gabe verraten; doch jeder begnadigte 
. und deffelben Geiftes mit ung theilhaftig gewordene gewiß feinen 
eigenen Beruf findet und feine eigene TIhätigkeit im Reiche Got 
tes ausübt durch die Art, wie fein Gemuͤth fich im gefelligen Le 
ben liebend entwikkelt und ihm einen beftimmten Einfluß fichert 
auf das Leben und das Gemüth anderer. Der Apoftel nennt fe 
auch. anderwärts dieſe fchönen Gaben. Da find einige Zröfter, 
welche vermöge ihres heiteren Muthes und ihres fröhlichen Gin 
nes das aufgehobene Gleichgewicht in niedergebrüfften Seelen 
herftellen; da find andere Helfer und Berather, welche, mit einem 
fcharfen und richtigen Geiftesauge begabt, wo jemandem in irgend 
einem bedenklichen Verhaͤltniß nur ein unficheres Bild feiner Lage 
vorſchwebt, dieſen mit ihrer Einficht unterftüsen. Da find einige 
Pfleger, welche mit zärtliher Sorgfalt und ftiller Geduld denen 
' Handreichung thun, die fich felbft nicht zu helfen vermögen; da 
“ find andere Friedensſtifter, welche mit der überlegenen Kraft er 
nes beſonnenen Gemuͤthes aufgeregte Keidenfchaften zu ſtillen und 
Ziwietracht in Sriede zu verwandeln wiſſen. Sehet da, meint 
Freunde, dieſe und ähnliche find Die herrlichen Gaben, durch de 
ren irgend eine jeder dag feinige beiträgt um die Gemeine Chrifi 
zu erbauen und den Leib unferes himmlifchen Hauptes ſchmuͤkken 
zu helfen! mannigfaltige Gaben, welche in ihrem ganzen Umfange 
nur- derjenige erblifft, dem der Geift des. Herrn Die Augen geoͤff⸗ 
net hat, daß er ale feine Brüder nicht nur da, wo fie ſich auf 
druͤkklich zur Verehrung des Herrn verſammeln, ſondern überall 
in dem innern ihres gemeinſchaftlichen Lebens als die Gemeine 





. 197 


Gottes betrachten kann! Oder follte jemand dieſen ſtillen Thaͤtig⸗ 
keiten etwa deshalb, weil fie vieleicht in den meiſten eingelnen 
Gallen nur das befcheidene Anfehn, allgemeiner Tugenduͤbungen | 
an fih tragen, den Rang befonderer. Gaben abfprechen wollen, 
der betrachte, wie fie in der Gemeine fich zu einem folchen Grade 
ausgebildet finden, daß fie nicht nur in dem engeren Kreife deg 
Beſizers felbft wirken, fondern auch die Mängel anderer erfegen 
koͤnnen; er überlege, ob fie fich nicht unmittelbar anfchliegen an 
jene vorerwähnten Vollkommenheiten, bie fo fehr das vortreffs 
lichſte unter allen menfchlichen find und fo fehr an Würde fich 
gleich, dag nur Thorheit und Eitelkeit über den Vorzug der einen 
vor der andern fireiten Eönnten. Oder ift nicht auch hierin Eins 
rt, auch hierin Erkenntniß Gottes und der Welt, auch hierin 
bidendes Vermögen, auch hierin milder und ſtarker Einfluß auf 
dag menfchliche Gemüth? 

Wenn aber diefe Mannigfaltigkeit der Gaben fich durch die 
Anordnung des Höchften fo vertheilt, daß dieſelbe Kraft bei dem 
einen mehr in großen Wirkungen fich zeigt, bei dem andern mehr 
in fleineren ſich fcheinbar verliert: ift das mol mehr als ein 
äußerer Unterfchied? und darf diefer auf ung .mit den Augen des: 
ซิ ย ſehende fo wirken, daß darüber das lebendige Gefühl ver 
bren ginge, wie ale diefe Gaben gleichen Werth haben Eraft des - 
Einen Geifteg, der fie ale wirkt? O wie natürlich, wie vorherr⸗ 
ſchend und alles andere verbrängend muß ung dieſes Gefühl der 
Gleichheit werden, wenn wir auf die Entfiehung aller Gaben 
durch den Geift unfere Aufnerkfamkeit richten. Mag er ก ิ ญ์ ) ei: 
nes Menfchen bemächtiget haben, ehe noch feine Natur ſich voll⸗ 
kommen geſtaltet hatte, wird er nicht einem folchen, wie die. Welt, 
ſo auch ſich felbft erleuchten, daß er erkennt, welche Kraft der 
menfhlichen Natur in ihm auszubilden ift zum Dienfte des Kei- 
ches Gottes, und daß er, von der Luft und Liebe, in welcher fich 


der Geiſt Gottes offenbart; ergriffen; mun gleich mit Freudigkeit 


dem Rufe Gottes folgend thätig fein will in feinem großen Wein; 

berg? mögen fich fchon früher durch aͤußere Begünftigungen be: - 
fimmte Talente und Neigungen in einem Menfchen entwikkelt has - 
hen: erfcheinen nicht fie und mit ihnen fein Beruf ihm in-einem 
ganz neuen Glanze, fobald fein innered von dem göttlichen Lichte 
cleuchtet wird? verwandelt fich nicht .erft von dem Augenblikk 
Mn und in dem Maaße, als der Menfch von dem göttlichen Geifte 
heſeelt wird, manches, was vorher nur einen zweideutigen Werth 
ใด น ย in eine wahre Gabe des Geiſtes, wohlthaͤtig hinwirkend zum 
algemeinen Ziel und Heil der Menſchen? Wenn nun eben dieſes 


/ 


198 


Wirken und Regen des Geiſtes dasjenige iſt, was 3 jeder Chrift ald 
das mefentliche in jeder Gabe und jedem Talent anfehen follte: 
müßten wir nicht fürchten, die Menfchen, welche einfältig ber 
Regung des Geiſtes folgen ſollen, von ihrer natuͤrlichen Bahn 
abzulenken und fie irre zu machen, wenn wir einen Streit erreg⸗ 
ten über die Vorzüge feiner Wirkungen und dadurch ihre Wuͤnſche 
“und ihre Beftrebungen, ſoviel an ung waͤre, der Natur zum Ira 
auf einen entfernten Punkt hinlenkten mit Berabfäumung deflen, 
was ihnen eigentlich zugefommen wäre? wenn wir einfehn, daß 
alle Talente nur in fo fern dem guten dienen Eünnen, als der 
Geiſt Gottes fie alle zufammen wirken läßt auf Einen Zweit: 
muß nicht dag Neich Gottes fördern und im lebendigen und fro— 
ben Gefühl der Einheit des Geiftes jede Eiferfucht über die Ber 
ſchiedenheit der Gaben unterdrüäffen eines und daffelbe ſein? wenn 
fo den Geift Gottes zu. befizen für ung die einzige Duelle alles 


großen, herrlichen und fchönen iſt und mir ſowol unſere Lebens⸗ 


bahn als die befonderen Eigenfchaften unferes Gemuͤthes nur in 
fo fern lieben und achten, als er jene angewieſen hat und diele 
aufregt und erhält: kann uns wol eine andere Schägung für und 

und andere übrig bleiben, als je nachdem jeder ungetheilt feine 
ganze Natur dieſem Geifte hingiebt und frifch und lebendig fort 
arbeitet nach feinen Anordnungen? und Eönnen wir mol einem 
andern Streite Raum geben, als dem fchönen Wettſtreit der Liebe 
und Treue? Ja endlich, wenn ˖ denn bie Liebe, wie doch der Apo⸗ 
ftel fagt, daß ohne fie alle Gaben nichts find, das hoͤchſte ge 
meinfchaftliche Werk des Geiftes in uns allen ift, die Quelle aller 
Tugenden, das Band. aller Vollfommenheiten, welches die Mer 
ſchen eben auch durch ihre Verfchiedenheiten bindet und einiget: 
wie follte fich diefe Liebe nicht auch erweifen in unferm Urtheil 
über die Eigenfchaften unferer Brüder? Die Liebe aber richte 
nicht unter den Kindern des Geiftes, daß fie um irgend etwas 
anderen, alfo auch nicht um der Gaben willen das eine vorzit 
ben. follte dem anderen! bie: Liebe: blähee fich nicht und ſucht 
nicht dag ihre, alfo auch nicht groß thun mit dem einzelnen, was 
etwa einer ausrichtet in ber Welt oder ausbildet in ſich feld; 
* fondern je mehr fie waltet, um อ ต โอ mehr verſchwindet auch die 
unmerklichſte Eitelfeit, um defto mehr wird aufgelöfet auch die 
verborgenfte Selbftfucht! Wie große Talente ung auch auszeich⸗ 
nen, wie fehr ſich auch die menfchlihe Natur in irgend einem 
von uns verherrlichen. möge: mir werden, und ohne etwa dad 
frügerifche Gefühl von Herablaffung zu nähren, ung tieben un 
fere Brüder ſtellen und ſagen, Es find zwar mancherlei Gaben 











199 ,_ 


aber es iſt nur Ein Geiſt! wie unfcheinbar auch ein anderer nes 
ben ung fich.darfielle, wenn wir nur alle Vermögen: feiner Seele 
vom göttlichen Geifte beberrfcht fehen, wenn wir ihn nur mit. 
den Eigenthuͤmlichkeiten feiner Natur Fräftig wirkend finden in der 
Gemeine Gotted: wir werden ung feiner herzlich erfreuen und 
ausrufen, Wie mancherlei auch ber Gaben find, es ift doch im⸗ 
mer. derfelbige Geiſt! 


11.- Zu einer gleichen Würdigung nun fodert und auch der 
weite Gedanke des Apofteld auf, dag nemlich zwar mancher - 
lei Nemter find, aber-nur Ein Herr, welcher jedem fein Amt 
angewiefen hat und. in deffen Dienft und Auftrag: jeder handelt. 

Der Herr iſt der, welchen überall die Schrift fo nennt, 
Chriſtus der König nicht von diefer Welt, das Haupt ber Kirche - 
Gottes. Dies voraus gefest werden wir wol eingeftehen, Daß «8 
niemandem möglich ift, indem er etwa hauptfächlich) andern Ges 
fegen folgte und’ andern Zwekken nachftrebte, den Dienft Chriftt- 
doch als eine Nebenfache dabei zu betreiben: denn Chriftus felbft 
bezeuget die Unmöglichkeit, zugleich ihm und irgend einer Gott 
heit diefee Welt zu dienen. Auch weiß und fühlt gewiß jeder, 
daß die Aufträge Chrifti ale Gebiete des menfchlichen Lebens ums 
faſen, daß es Drönungen Chriſti giebt fuͤr alle Arten menſchli⸗ 
cher Handlungen und daß ein wahrer Diener Chriſti jeden Augen⸗ 
blikk kann und ſoll befchäftiget fein im Dienfte feines Herrn. 
Daher -ift nothwendig fuͤr alle, die ihm dienen, dieſes zugleich das 
erſte und größte, indem fie hiernach alles auswählen, verwerfend 
was mit dem Dienfte Chriſti nicht beftehen kann, biernach alles 
einrichten, überall zuerft fragend nach ihres Heren Willen und Ge 
bot. Daher giebt es Feine andere Anficht für alles was einer 
von ung zu fchaffen und auszurichten hat in der Welt, als die 
der Apoſtel aufftellt, es find‘ die Aemter, die der Herr ausgetheilt 
hat. Wie nun überall. unter den Menfchen die innigſte Gleich 
heit und die ftärffte Liebe diejenige iſt, welche auf dem beruhf, 
was mehreren gugleich das höchfte und wichtigſte ift: fo muß es 
doch unter den Dienern Chriſti auch fein. Was wir auch mit 
einem andern gemein haben mögen und wie ähnlich er ung fei 
in diefem und jenem: iſt er. felöft Fein Diener Ehrifti, fo iſt er 
uns fremd in Vergleich mit dieſen. Wie ſehr auch dieſe ſonſt 
von uns verſchieden ſein moͤgen, ſie ſind uns in demjenigen aͤhn⸗ 
ich, was uns das liebſte iſt. In ihnen lieben wir Die gleiche 
Liebe, in ihnen tritt ung entgegen die gleiche Anhänglichkeit an 
denſelben Herrn, in ihnen finden wir zu unſerer Freude wieder 





0 200 


das theuerſte Gefühl, wodurch unfer Leben erheitert, unfere Bahn 
ung geebnet, unfere ganze Wirkfamfeit ung verflärt wird, das 
Gefühl ihm anzugehören und für ihn zu leben. Und dieſes Ge 
fühl, toelches fie ung näher bringt, ๑ 8 irgend wodurch anders 
der Menfch. dem Menfchen kommen Eann, ſollte felbft der Stoͤ⸗ 
rung unterworfen, und dieſer heilige Kreis follte der Zwietracht 
empfänglich fein, nicht etwa dadurch, dag in Schwachheit und 
Irrthum . einer etwas verſieht im Dienfte des Herrn, oder dem 
Werke des andern Schaden zufuͤgt, fondern deshalb, weil 66 und 
übel gefiele, daß der Herr dem einen dieſes, dem andern. jenes 
aufgetragen bat, wie e8 doch fein muß? Sollen wir - glauben, 
daß derjenige in dem Herrn lebt und ihm liebt,- dem diefe Außere 
Verſchiedenheit kann jene weſentliche Gleichheit zwiſchen ihm und 
feinen Mifdienern aus dem Sinne bringen? Und gewiß am we⸗ 
nigften feiner Erkenntniß darf ſich ruͤhmen, wer ſo wenig das 
groͤßere von dem kleineren zu unterſcheiden vermag, wer ſo we⸗ 
nig dasjenige feſtzuhalten weiß, worauf alles beruht! Haben wir 
die Einſicht, daß es Einen Herrn giebt, dem wir alle dienen, ſo 
muͤſſen wir auch wiſſen, daß er nach ſeiner Weisheit und Liebe 
jeden angeſtellt hat und daß alles gleich nothwendig und gleich 


ſchoͤn iſt, was er fodert. 


Es ſind zwar nicht ſeltene Beiſpiele, daß ſchon in einem 
gewöhnlichen Hausweſen, noch mehr in einem größern Gebiet 


einzelne Diener denjenigen Theil, der ihnen befonders anvertraut 


iſt, ohne Hinficht auf fein natürliches Maag und Verhältnig zum 
ganzen auf alle mögliche Weiſe pflegen, ausdehnen, verberrlichen 
tollen und daher auch auf dag, was bemfelben ganzen angehört, 
weil es aus derfelden Duelle genährt wird, eiferſuͤchtig hinſehn, 
als entzöge es ihnen Feindfelig das ihrige. Aber ſieht nicht je 
der, daß nur Mangel an Einficht oder an. wahrer Liebe zum gan 
zen eine folche Vorliebe fiir das einzelne erzeugen Fann? und 
muß nicht dieſer Fehler am meiften bei denen verſchwinden, 
welche dem Herrn felbft, dem Mittelpunfte des ganzen, am näd) 
ften find und am unmittelbarften alles auf ihn beziehen koͤnnen? 
Sern alfo fei er von allen Dienern Chriſti, da diefem Herrn alle 
feine Diener gleich werth find, da allen der unmittelbare Zutritt 
zn ihm freiftehe im Geifte, und allen immer im Gebächtniß fein 
muß fein Heiliger Wunfch, daß fie eins fein mögen in ihm und 
ale durch den Genuß feines Fleiſches und Blutes immer aufe 

neue aufgeregt werden, alles perfönliche hinzugeben und nur zu 
leben in ihm! Die fo eins find und immer mehr werden in ihm, 
wie Fönnten die Dadurch von einander getrennt werden, daß jebtt 








201 


etwas anderes iſt und thut, da fa ein jeder gefendet iſt und an- 
getviefen von ihm und' alles iſt und thut auf: fein Geheiß! 

Fa je mehr wir dem Herrn treu anhängen in unferm Ges 
Ihäft, je mehr เห ฉะ in dem Anfchauen feiner Negierung und fei- 
ner Werke, wie es fein fol, unfere höchfte Freude -finden, um 
defto mehr werden und auch alle feine Diener erfcheinen als 
theure unentbehrliche Gehülfen! denn nur, wer Elein und eigen: 
fühtig für fich felbft etwas bereiten und für fich allein etwas 
befizen will, kann ſich zu vereingeln ftreben mit feiner Thätigkeit 
und dahin Eommen, daß auch das nächfte und verwandteſte ihm 
feindfelig erfcheine. Wer aber einer Gemeinfchaft angehört, der 
muß auch inne werden, wie alle Kräfte in ihr verbunden find, 
wie jeder allen Hilft und von allen wieder unterſtuͤzt wird, wie 
auch, was das größte fcheint, nicht beftehen kann ohne das Eleinfte. 
Und wo koͤnnte dies vollkommner ftatt finden, als in der Ge 
meinfchaft, deren Herr und Haupt Chriftus ift? wo koͤnnten alle 
Diener fich unter einander mehr gleich fühlen, als unter. diefem 
Herrn, für den Fein Dienft nur Teiblich ift und Fnechtifch, ſondern 
jeder frei und geiftig, jeder fich beziehenb auf das Heil, welches 
Er erworben und begonnen, jeder unmittelbar befeligend- für bie 
Nenfhen von ihm, dem Seligmacher, ausgeht und ihn darftellt! 

Benn daher ſchon in anderem Dienft, wo irgend Liebe und . 
Treue iſt für den Heren, jeder Diener in dem andern den Stel 
vertreter des Herrn fieht und! alle darauf halten, daß jedermann 
in jedem von ihnen, wo nur dieſe Beziehung heraustritt, die Per- 
fon des Herrn achte und in Ehren halte, und fo unter ihnen ſtill⸗ 
ſchweigend und von felbft ein Bund der Ehre fich gründet, den 
ale unverbrüchlich behaupten wie follte nicht daſſelbe Gefühl 
noch mächtiger unter denen herrfchen, bie Chrifto dienen, ihn. 
überall fehen, nur in ihm fich und andere lieben und achten, die 
gemeinſchaftlich überall fein. Kreuz tragen, gemeinfchaftlich Theil 
haben an feiner Herrlichkeit? Und wenn dieſes Gefühl herrfcht, 
wenn wir unter einander verbunden find zu Schuz und Trug: 
ſolten wir ung herrfchfüchtig oder neidifch darüber entzweien Fön 
nen, Welches Amt er diefem oder jenem übertragen hat, wir, die 
wit unfern größten Vorzug darin ſezen, daß wir in feinem Nas 
men Handeln? O gewiß, je mehr Einficht einer hat in fein Vers 
hältniß, je mehr Muth er beweiſet in dieſem Bunde der Diener 

drifti, um deſto mehr muß er hievon frei fein; und doch koͤnnte 
nur der fich eines Vorzuges anmaßen, in deſſen Geſchaͤftsfuͤh⸗ 
หั ด die meifte Einficht oder bie meiſte Tapferkeit ſich zu Tage 


4 


- | 202 
Doch es giebt noch mehrered, was wol jeden Diener Ehrifti 
' davor bewahren muß, daß nicht in ihm ein widriges Gefühl ent: 
ſtehe gegen andere wegen DVerfchiedenheit ihrer Wirkungskreiſe. 
Ueberall nemlich, wo ein richtige Verhaͤltniß zwiſchen Herrn und 
Dienern ftatt findet, bildet fich. je länger je mehr das Urtheil der 
Diener nach dem des Herr. Wenn. der Herr eine partetifche 
Vorliebe auf einen Theil der. Gefchäfte wendet, fo erlangt Diefer 
auc in dev Meinung der Diener einen Vorrang; vernacdhläßigt 
er einen anderen, fo geräth diefer auch bald überall in Gering- 
ſchaͤzung. Und der mweifefte Herr, der Aufmerkfamfeit und Wohl 
wollen gleichmäßig und gerecht allen Sheilen zuwendet, ſollte ſich 
dieſes Einflußes nicht erfreuen? und e8- follte fich nicht vor allen 
unfer Urtheil bilden nad) dem Urtheil unferes Herrn, in dem wir 
doc, dag Ebenbild der göttlichen Weisheit und Vollkommenheit 
verehren? Wir wären ja nicht feine Diener, wenn wir ung defs 
fen nicht befleißigten! Wie er aber richtet, dag wiffen wir alle. 
Nicht den bringt er am meiften gu Ehren und ermeifet ihm Bei: 
fall; dem er mehr und größer fcheinendes anvertraut, fondern den, 
welcher das anvertraute freu verwaltet und eifrig damit gewuchert 
bat, fegt er über mehr, und den gehorfamen,. auch wenn er Außer: 
lich nur wenig auszurichten vermochte, führt er ein in feines Va— 
ters Reich. Nicht darauf wo einer von feinen Dienern geftanden, 
kommt 68 ihm an, fondern darauf ob er ihn immer wachend und 
thätig gefunden. — Und follte fich dennoch derer ein Dünfel be 
mächtigen Eönnen, denen ihr Gefchäft vor andern wichtig und groß 
erjcheint: jo mag ihr Verhaͤltniß zu Ehrifto fie erinnern, wie we⸗ 
mniges von dem, was ein Diener thut, ihm allein zuzuschreiben 
ift. Kein Hausweſen und Fein Regiment ift wohl eingerichtet, 
‚worin ein Diener glauben kann, er fei für das Wohl des gan: 
zen unentbehrlic); und warlich das große Reich ımfered Herrn 
ift am menigften fo befchaffer, daß verftändigerweife irgend einer 
fo unmäßig von fich felbft halten koͤnnte. Wie kann es mol dem 
maͤchtigſten entgehen, daß nicht er fuͤr ſich allein ſeine Thaten 
vollbringt, ſondern die vereinigten Kraͤfte der gleichgeſinnten, die 
von allen Seiten zuſammentreffenden Anordnungen des Herrn! 
wie kann es dem weiſeſten entgehen, daß nicht ſein Verſtand 
allein fuͤr ſich dieſes und jenes erfindet, foͤrdert, vervollkommnet, 
ſondern daß ihm vorangegangen ſein mußten fruͤhere Einſichten, 
daB ihm zu Huͤlfe kommen mußten allerlei Beguͤnſtigungen und 
Unterftügungen, ohne ‘welche fein. Wille und feine Kraft eben ſo 
wenig glänzende. Wirkungen wuͤrden hervorgebracht haben, ณ์ 8 
diejenigen feiner Brüder, über welche er deshalb nicht hinwegſehen 





203 - 


fon! Auch von dem hoffärtigen, welcher glauben koͤnnte, daß er 
allein mit Segen arbeitet, gilt e8, Daß, wenn der Herr ihm bie 
Augen öffnete, er zu feiner Befchämung noch viele Diener. fehen 
würde, die eben fo ergeben find, eben fo eifrig und dem Herrn 
ben fo werth, als er. Sehet da,-meine Freunde, dies erkennen 
md dem zufolge mäßig halten von fich. felbft, das iſt die wahre 

Demuth. Die falfche, vermöge ‚deren die Menfchen oft was fie 
uch Gottes ‚Gnade gewirkt haben und ausgerichtet herabfegen 
nd als geringfügig darftellen, dies ift oft nichts, als ein fich vers 
imlichender Stolz, oder zum mindeften ein Beiveis, daß wir. 
md fürchten, ber‘ Stolz würde ung befallen, wenn wir unſere 
Thaten und unfere Werke ganz fo fähen, wie fie find. Die wahre 
Demuth aber befteht mit der gerechteften Schäzung deffen, was 
wir gethan haben im Dienfte des Heren. Wie großes wir auch 
aegerichtet Haben: nur durch die Gnade des Herrn find wir auf 
gefordert und angemwiefen worden es gu unternehmen, nur Durch 
die freue Mitwirkung aller feiner Diener ift e8 vollbracht worden, 
nur weil Die Zeit erfüllt war ift e8 gelungen, und eben, weil fie 
füllt war, wuͤrde es auch ohne ung erfolgt fein als das gemeins 
me Werk der Diener des Herrn. Wie anfcheinend geringes ein 
anderer neben ung verrichte, auch das iſt ein Auftrag des Herrn, 
zu deffen Ausrichtung diefelbe Unterfiüsung und Mitwirkung aller, 
ie zu dem großen, erforderlich ift; auch das ift die volle Neußes 
tung derfelben im Dienft des Herrn gefchäftigen Treue, mie fie 
an diefer Stelle und zu diefer Zeit fein Fann. So find alles nur 
mancherlei Aemter, und Ein Herr ift, dem wir alle Dienen und 
deſſn Dienft ung alle zu der gleichen Würde erhebt. 


II. Folgen wir nun aber auch dem Apoftel, um den Ges 
genftand von allen: Seiten ins Auge zu faffen, noch zu feiner drit⸗ 
ten Betrachtung, daß es nemlich mancherlei Kräfte giebt, 
aber nur Einen Gott; der da wirket alles in allen. 

Wenn es nun auch wahr ift, daß die Aemter, die den Mens 
(hen aufgetragen find, Eeinen Unterfchied des Werthes unter ihnen 
begründen, fondern daß. alle in. dem Maaß einander gleich find, 
als fie dem Herrn ‚mit derfelben Treue dienen; wenn es aud) da 
dei fein Betvenden bat, daß es nicht darauf anfomme, was für 
aben fich in einem Menfchen offenbaren, wenn e8 nur wirklich 
Saben find durch den Geift geheiliget und von ihm in Thaͤtig⸗ 
keit geſezt: fo bleibt uns doch vielleicht noch ein verwirrender 
Schein zuruͤkk, wenn wir nachſehen, weshalb doch nun der Geiſt 
in dem einen dieſe, in dem andern nur jene Gaben erwekkt, wes⸗ 


204 


hald doch ห น น der Here den einen zu dieſem, den andern nur zu 
jenem Amte ‚tüchtig findet. Denn da wir nicht alles auf Teig 
beit und Bernachläffigung fchieben Eönnen, teil fonft folgen würde, 
daß jeder eigentlich alles Eönne und fei: fo muß es einen innen 
und Doch von dem Willen des Menfchen . unabhängigen Grund 
diefer DVerfchiedenheit geben; und demnach fragt fich, ob es nicht. 
doch ein Vorzug fei, wenn in einem grade die Kraft. glänzende 
ans Licht tritt, welche Raum macht, welche die Aufmerkfamtfet 
ansieht und viele in feinen Wirkungskreis hineinlokkt. Eben in, 
diefer Beziehung nun find die legten Worte. des Apoftels gefpre : 
hen. Denn ohne Zweifel meint. er hier Gott nicht als den Herm 
der ung regiert, „nicht als den Geift der ung einwohnt, fonden 
als den Vater, den urfprünglichen Anordner der Welt, den Un 
quell alles Seins; und feine Meinung kann Feine andere fein, 
als daß diefe Mannigfaltigkeit von Kräften ſich gründe in der 
urfprünglichen Mitgabe, die ein jeder von feinem Schöpfer em 
pfangen bat und vermöge deren er der ift, der er ift. 

Der Menfch, der Einmohnung des göttlichen Geiftes em 
pfaͤnglich, erblikkt ſchon das Licht der Welt als ein eigenthümls 
ches Werfen; denn in jedem hat fich die menfchliche Natur beſon⸗ 
ders geſtaltet. Eine beſtimmte Richtung der Kräfte, eine de 
ſtimmte Liebe und Luft, die er früher oder fpäter entdekken wird, 
find ihm fchon mitgeboren, und es fei nun, daß fich im große 
Aehnlichkeit Baffelbige in vielen Zeugungen eines Gefchlechtes tie 
derholt, oder daß es fich abändert durch ‚die Wermifchung mit 

“anderen, oder daß aus unfcheinbarem Urfprung fich anf wunder⸗ 
‚bare Weiſe plözlich herrliche Kräfte entwikkeln: immer ift dies 

alles anzufehn als nach einer Anordnung Gottes erfolgend, welche 
wir noch nicht durchſchauen koͤnnen. Die kindiſchere Vorwelt 
daachte ſich auch hierin den Menſchen abhängig ย อ ก einer Mehr 
heit hoͤherer Weſen und alſo den einen von dieſem, den andern 
von jenem vorzuͤglich beguͤnſtiget, oder nach willkuͤhrlicher Abnei— 
gung zuruͤkkgeſezt. Hiebei koͤnnen wir nicht ſtehen bleiben, ſondern 
muͤſſen mit dem Apoſtel auch dieſe urſpruͤngliche Vertheilung der 
Kraͤfte auf den Einen zuruͤkkfuͤhren, in dem jedes einzelne Daſein 
und jede lebendige Kraft auf gleiche Weiſe gegruͤndet iſt. Wenn 
er uns die menſchliche Natur in ſo unendlich vielen beſtimmten 
Geſtaltungen zu ſchauen giebt, kann wol eine davon entbehrlichet, 
ſchlechter fein, weniger dem Entzwekk ihres Daſeins entfprechen 

als die andere? muß nicht jede am ſich gleich fehr fein ſchoͤpferi— 
ſches Weſen ausdrüffen, abfpiegeln und verherrlichen? Und al 
er anſah, was er gemacht hatte, war alles, und das heißt nicht 








205 


nur das Zufammenfein von allem, ſondern auch febes einzelne, was 
1 ๕ [8 ein ſolches erhalten, leiten, mit feinem Geifte bewohnen 
vollte, gut, und dag heißt, nothwendig gleich gut. Anders kann 
on Feiner glauben, der nur bedenkt, Daß der Eine es ift, der der 
nlihen Naturen die Kräfte vertheilt; viel weniger, wer noch ers 
gt, daß biefer Eine nothwendig der gerechte ift, der gleicher, 
heilende, der alles mit derſelben Macht und Vaͤterlichkeit ums 
aſende, in dem Feine Parteilichkeit wohnen kann und Feine Ohn⸗ 
nacht, Wie Eönnen. wir,. wenn wir dies erwägen, wol anders 
enten, als daß jede Natur, welche er wuͤrdigen kann durch ſei⸗ 
m Geiſt zu regieren, gleich gut fein muß? Darum wenn in ung 
in Sinn aufgegangen ift, ein Vermögen gewekkt, deffen offenbas 
en Mangel wir bemerken in einem andern, in dem doch auch 
chriſtus ſich verklaͤrt und der Geiſt Gottes wohnt: laßt ung ſicher 
Haubden, weil auch ihm Kraͤfte zugetheilt find, muß dafür ein anderes 
nihm fein, ‚ein gleich wuͤrdiges, welches ung fehlt; und laßt ung nur 
nach trachten, daß ung der Sinn nicht fehle, Die von Gott mit, 
xetheilten Kräfte wahrzunehmen, damit wir nicht leichtſinnig die Wirs 
hingen der Macht und ber Gnade Gottes überfehen! laßt auch dag, 
o vnd warlich eine der fchönften Wirkungen der Liebe fein, die uns 
ſern vVlikk ſo vorzüglich fefthält auf unfern Brüdern in Chrifto! 
Venn es unfer Sinn und Wunfch ift, Gottes inne zu wer⸗ 
den, und wenn das Chriſtenthum, die große Welt aus der klei⸗ 
hen betrachtend, den Menſchen mit dieſem Wunſche zunaͤchſt und 
vorzuͤglich an ſeine eigene Natur weiſet: wolan ſo beginne jeder 
demuͤthigen und reinen Sinnes dieſe Erkenntniß bei ſich ſelbſt 
und ſuche die ihm zugetheilten Kraͤfte in ihrer Eigenthuͤmlichkeit 
ผ erforſchen und zu ſehen, in welchen Zügen ſich in ihm dag 
kbenbild Gottes offenbart; dann aber fege er fie fort bei andern, 
ud vorzüglich auch hier wird Gott den demuͤthigen Gnade ges 
ben, daß fie feine Herrlichkeie fchauen: Aber mit der Erfenntniß 
Gottes mug feine Verehrung eins fein, und’ fo fei dann auch in 
km Maaß ald wir uns erkennen alles unfer Thun ein Ueben 
ind Stärken der Kräfte, die ung Gott sugetheilt hat, ein Erbauen : 
und Schmuͤkken deg Tempels, den er in uns gegruͤndet hat fuͤr 
N, ein ans Licht bringen und Herausbilden der Züge, welche 
dag göttliche Ehenbild in ung ausmachen. Und in dem Maag, 
8 andere fich ung zu erkennen gegeben, fei unfer ganzes Mir: 
Een auf fie nichts anders als eben dieſes, daß mir unfere Freude 
M ihren Gaben und an ihrer Natur thätig beweiſen in Liebe, 
uf wir ihnen beiſtehen mit allen unfern Kräften, auf daß auch 
Erbauung und Heiligung der Gemeine Gottes in allen ihren. 





heit geleitet werden. 


206 ° 


Sheilen ein gemeinfchaftlicheg Werk ſel. Gewiß erfennen wir 
hierin alle dag fromme,. einfrächtige,. brüderliche Leben der Kinder 
Gottes, das Iebendig Einesfein aller in Gott. Uber, laßt und 
geftehen, gründet fich nicht ſolches Leben ganz allein auf die Leber 
zeugung, daß Feiner etwas befferes thun kann, als feine Natur 
wie Gott fie.gemacht hat, rein halten und ausbilden und Fruch 
‚bringen laffen in Geduld? und ift nicht dieſe Webergeugung einer 
lei mit jener, daß jede ſelbſtſtaͤndige menfchliche Kraft gleich gu 
., ไห ้ und jede Natur, welche Kyaft auch in ihr übertwiege, glei 
edel? Denn wenn fich dies anders verhielte, müßte nicht fia 
jenes fchönen natürlichen, das gute ruhig. fördernden, Lebens «di 
garız anderes verfehrtes Thun und Treiben entflehen, daß jedtt 
Findifch und thöricht, nicht Eindlich und meife, nach dem fragt 
was ihm an einem andern entgegen glänzt? und daß die dunkel 
weifen und hochmüthigen. die Einfalt verführen koͤnnten, ihn 
nachzuahmen, ſtatt des geraden Weges fortzugehn? Wie nun nid 
diefeg, fondern nur jenes gut fein kann, fo auch nur jenes wahr 
und, wer jened gute thut, wird auch immer mehr in jene Wahr 
















Und dann werden wir auch zu unferer gänglichen Beruhi 
gung 8 ด 8 immer mehr verftehen lernen, was der Apoftel hin 
fügt, daß der Gott, welcher die mancherlei Kräfte vertheilt, doch 
zugleich nicht nur einiges in jedem wirkt, ſondern alles in al 
len. Sa, meine Freunde, bei der frommen gottgefälligen Bear— 
beitung unferer eigenen Natur, bei der hülfreichen Beobachtung 
anderer werden wir 68 inne werden; und dies eben vollendet 
unfere Anficht von der brüderlichen Gleichheit aller begnadiglen 
daß, mern fchon jeder die menfchliche Natur vorzüglich von Ein 
Seite darftelt, fie doch in jedem gang enthalten und Feiner vol 
irgend etwas ihr. mefentlich gugehörigem ganz ausgefchloffen Il 
Schon müffen wir von felbft einfehen, daß fonft jede Gemeinſcheſ 
aufgehoben und daß es unmöglich wäre, Gott in unſern Dr 
dern zu erkennen und zu verherrlichen; denn unmöglich waͤre, da 
einer, was ihm felbft ganzlich fehle, follte finden und verſtehen 
noch weniger ſich dem huͤlfreich erweiſen und es unterſtuͤzen Pi 
nen in andern. Aber nicht nur fo werden wir dies verſtehen 
fondern Elarer werden wir es einfehen durch die That. Denn in 
allem, was ung am ſchoͤnſten gelingt, werden wir die Spuren auf 
der Kräfte entdekken, welche nicht die hervorſtechenden find in und 
‚denn jebe That und jedes Werk bedarf um wohl zu gelingen eh 
was von. allem. Und eben fo werden wir mit einem durch Dr 
much und Liebe gefchärften Auge bei aufmerkfamer Betrachtung 





207 


an unfern Brüdern vielfältige Negungen bemerfen von dem, was 
ihnen anfänglich zu fehlen ſchien. Was für natürliche Vorzüge 
wir alfo auch in Anfpruch nehmen mögen als unfer Eigenthum, 
feiner ift ohne eben dag; und in dem mehr und minder waltet 
über allen auf gleiche Weife die göttliche Liebe und die göftliche 
Gerechtigkeit. So baf der vorzüglichere, der ehrmürdigere nur der 
ft, welcher von allen Gaben und Kraften fein befchiedened Maaß 
erkennt und bei allen Entwürfen und Beftrebungen ihm treu bleibt in 
findlichem Sinne, um wirklich อ ิ ด ธ์ und nur dag zu fein und auszu⸗ 
richten, wozu Gott ihn beftimmt und väterlich auggerüftet hat. 

In diefem Sinne beftärfe uns dann jeder BHFE auf ung - 
ſelbſt und auf andere! zu diefer wahren Gottesverehrung erwekke 
jeden in. feinem Theil und Beruf jede Stunde der gemeinfchaft- 
lichen Andacht. Dazu mollen wir nur immer ung ermuntern, . 
daß alles was in ung iſt dem Geifte Gottes, der Einer ift in 
allen, je länger je mehr geheiliget werde! daß unfer und unferer 
drüder Herr, der ung allen immer nahe ift in der Kraft Gottes, 
und wachend Finde und munter in feinem Dienft allegeit, ohne daß 
wir richten ambdere Knechte! daß mir den Gott, der mancherlei 
Kräfte vertheilt hat unter ung nach feiner Weisheit, aud) -Durd) 
unfer ganzes Leben preifen, beides an unferm Leibe und an uns 
ferm Beifte! Dann wird man an uns inne. werden, tie Weis⸗ 
beit und Demuth eins find in denen, die Gott lieben! dann mer: 
den wir es ans Licht bringen, wie einträchtig und hülfreich Brü- 
der bei einander. wohnen! dann twerden mir. das unftige thun 
um ein Leben berbeizuführen, über welchem jeder ausrufen muß, 
Das ift es, daß der Sen ausgegoflen bat don feinem Geift über 
alles Fleifch. 


208 








I. | | | 
Daß wir nicht Knechte Gottes fein [ง [บ 
‚fondern Freunde. | 


Her, Allmaͤchtiger, Heiliger, ber du deine ewige Regie⸗ 
rung, immer dieſelbe, vor den Augen der Menſchen auf bis 
verfchiedenfte Weife entfalteft, daß fie. bald 6 ๓ - Lieblichkeit 
deiner Huld -in der vorübergehenden Zufammenftimmung ihrer 
kurzſichtigen Wünfche mit deinen höheren Wegen - fih er 
freuen, bald darin wieder erfchreffen vor der unerforfchlihen 
“Kraft, welche in Richtungen, denen fie nicht. folgen Fürs 
nen, und durch Aeußerungen, welche fie fich nicht zu erklaͤ 
- ren wiſſen, oft alles zu zertruͤmmern droht, was fie irgend 
für fich felbft forgend oder auch gemeined Wohlergehen be 
denfend gefchafft und gepflegt haben, erleuchte du ung bie 
- Augen des. Geiftes, daß wir überall dich, denfelben weiſen, 
liebevollen Vater erkennen, überall die Herrfchaft inne mer: 
den, Die อ น Deinem Sohne übergeben haft, Stärke du und 
den edleren Sinn, daß wir alles andere gern fahren ได ก ็ ย ย 
fo nur an ung und durch ung dein Wie gefchehe. Darauf 
ift auch jest unfer ganzes Begehren gerichtet, dazu laß und 
auch diefe Stunde gemeinfchaftlicher Andacht gefegnet fein. 





Tert. Evang. Joh. 15, 9. 14. 16. 


Gleichwie mich mein Vater lieber, alſo liebe ich euch 
auch. Bleibet in meiner Liebe. Ihr ſeid mein Freunde, 
ſo ihr thut was ich euch gebiete. Ich ſage hinfort nicht, 
daß ihr Knechte ſeid; denn ein Knecht weiß nicht was 


209 


ſein Her thut. Euch aber habe ich geſagt, daß ihr 
Greunde feld; denn alles, was ich habe von meinem Va⸗ 
ter gehört, babe ich euch Eund gethan. 


Wie wiſſen alle um zwei entgegengeſezte Zuſtaͤnde der Men⸗ 
(hen. Bon der Gnade Gottes ergriffen, auch überall in ihrem 
fchen dag höhere. und göttliche fuchend denke wir ung bie einen; 
auf ihr ſelbſt zuruffgegogen, nur mit dem niedern und finnlichen 
beichäftiget, "ein Spiel. aller Begünftigungen und Verwirrungen, 
welche das gefelige Leben folchen Beftrebungen darbietet, fo den 


fen wir ung die andern, und ftellen beide, wenn wir fie unter 


fich vergleichen, einander gegenüber als felige und unfelige. Sehen 
wir hingegen auf ihr Verhaͤltniß zu Gott, fo pflegen wir wol 
ie einen als feine Freunde anzufehen, ihm ähnlich und mit feis 
Zwekken einverftanden, bie andern hingegen als feine Feinde, 
widriggeſinnt gegen fein von ihnen nicht begriffened Weſen und 
entgegenwirkend feinen Abfichten. Auch will ich nicht fagen, daß 
dieſe Vorſtellung von allen Seiten angefehen unrichtig fei, ‚denn 
heit in der Schrift felbft gegründet, welche fagt, Fleifchlich ge: . 
ศิ ก ษ์ fein ไพ eine Zeindfchaft wider Gott. Nur müffen wir ung 
hüten, über diefe Grenze hinauszugehen. Feindlich gefinnt kann 
ber Menfch fein gegen Gott und ſtatt des hoͤchſten Wohlgefals 
[ต 8 und der feligfien Ruhe fich verzehren in Unzufriedenheit und 
Widerwillen gegen die ewigen Geſeze, die der Erfüllung feiner 
Vünfche fo oft widerſtehen. Aber Gott dienen muͤſſen alle Mens 
(hen; daß irgend einer den Ordnungen Gottes und feinen Rath⸗ 
(hlüffen Widerftand Ieiften könne, diefen Gedanken dürfen wir 
nicht zulaffen, wenn nicht die Klarheit unferes Glaubens an die 
macht des Höchften ung verfchtwinden fol. Denn da alles in 
der Welt nur durch die Thätigfeit aller feiner Gefchöpfe in ihrem 
Zuſammenhange gefchieht: fo müffen auch fie alle, wenn ed Rath 
ſchluͤſe Gottes giebt, am ihrer Ausführung als feine Werkzeuge 
arbeiten. Allein dies ift der große ‚Unterfchied, daß hie einen die 
Fteunde Gottes find, feine mittwiffende, mitwollende, in Luſt und 
kiebe mitwirkende Werkzeuge, am deren Thaten auch. für fich bes 
trachtet der Mille Gottes, der in ihnen lebt, zı erkennen iſt; die 
andern hingegen find, . wie unfer Text fagt, feine -Knechte, unbe⸗ 
wußte, gezwungene Werkzeuge, in deren Thaten, weil ein andes 
ter Wille in ihnen lebt, auch das Werk Gottes nicht eher zu er⸗ 
kennen iſt, bis wir aus dem weiteren Erfolge fehen, was babei 
die Abſicht Gottes geweſen, Werkzeuge: die mic dem, welcher ſie 





| 210° |! ป 
'. gebraucht; in einer anderen Verbindung ſtehen, als durch feine 
Macht: und ihre gängliche Abhängigkeit. Dies ift der Gegenſaz, 
den unfer Tert uns aufftellt. Denn Freunde Ehrifti find Sreunde 
Gottes, weil Chriſtus es ifl, der ung zum Vater führt und durch 
den mir eins find mit ihm; und Knechte Gottes find auch Knechte 
Chrifti, denn ihm hat der Vater alle Gewalt übergeben im Him- 
mel und auf Erden. Diefen Gegenfag laßt uns unferfuchen, daß 
wir uns unferer Vorzüge andächtig erfreuen und zugleich aufge: 
regt merden, ung ihrer immer mürdiger zu machen, wenn mir 
erwägen, 


Wie viel.herrlicher es ift, แน den Freunden Gottes 
zu gehoͤren, als zu ſeinen Knechten. 


Wir wollen bei Vergleichung beider den Unterſcheidungszeichen 
nachgehen, welche ſich aus den Worten Chriſti, wie wir ſie zu 
dieſem Behuf zuſammengeſtellt haben, von ſelbſt ergeben, nemlich 
erſtlich, daß nur die Freunde Gottes, nicht feine. Knechte, wiſ— 
fen was ber Herr thut; zweitens, daß nur feine Freunde 
in der £iebe bleiben, feine Knechte aber vielmehr in der Furcht. 


| IL Die Knechte alfo wiffen nicht, was ihr. Herr that. 
Damit und dies fo deutlich werde, ald es den Juͤngern des Er: 
löfers augenblifklich fein mußte, dürfen wir ung nur an bie ke 
beſnsweiſe der edleren Völker Des Alterthums erinnern, unter mel 

- hen das Verhaͤltniß zwiſchen Herren und Knechten noch weit 

» ftärfer heraustrat, als bei ung. 
| Bon niederer AbEunft, aus fernen unebleren Stämmen me 
ven die Knechte her, eine dürftige Sprache war ihnen angebo: 
ven, bei roheren Sitten waren fie hergefommen ) auf grobe Ge 
nüffe und gemeine Begierden blieb ihr ganzes Dafein beſchraͤnkt. 
So war es ihnen unmoͤglich, fich zu den in dem edleren Leben 
eines gebildeten Volkes herrſchenden Geſinnungen zu erheben. 
Darum waren ſie auch in die Gewalt des einzelnen hingegeben, 
ohne daß das Geſez irgend etwas gethan haͤtte, ihnen das Joch 
abzunehmen oder zu erleichtern. Vielmehr blieben ſie auch noch 
im folgenden Geſchlecht aller buͤrgerlichen Vorrechte verluflig, 
ausgeſchloſſen von. allem ſelhſtſtaͤndigen Antheil am gemeinſamen 
Leben. Eben deshalb nun mußte ihnen auch das Leben und Thun 
. ihres Herrn immer fremd bleiben. Es konnte in allem Glan 
nnd aller Herrlichkeit vor ihhen ſtehn, auch das innerfte und ge: 
heimfte deſſelben ihrer Beobachtung offen: fie waren doch weder 
die Einheit und ‚den Sufanmenhang. des ‚gangen zu erfennen im 








211 


Stande, noch die Bedeutung des einzelnen richtig aufzufinden. 
Das firenge Halten an der bürgerlichen Tugend, 816 bereitwilli- 
gen Aufopferungen für das Gemeinwohl, die Befchäftigung mit 
Künften und Wiffenfchaften, auch die feineren Genüffe und die 
Art, mit ber fie behandelt wurden, blieb ihnen fremd und fern. 
Wenn fie nun fo überhaupt das Thun ihres Heren nicht verftans 
den, fo verftanden fie auch das nicht, was er ihnen befahl und 
was fie auf fein Geheiß ausführten, nicht die Worte und Tha⸗ 
ten, bei denen fie behülflich waren, nicht die Art, wie ihre gewoͤhn⸗ 
lichen Dienfte in daS ganze des. Lebens eingriffen, und waren in 
der That nichts ald, wie auch die Alten von ihnen fagen, leben: 
diges Werkzeug. So bleibt demnach nichts übrig, als daß fie 
unter allem, was ihnen fo unerreichbar war, entweder, ohne daß 
e8 irgend einen Eindruff auf fie gemacht hätte, ftumpffinnig hin⸗ 
gingen und immer nur fuchten, zwiſchendurch ſoviel ald möglic) 
ihre rohen Neigungen und Begierden gu befriedigen; oder wenn 
eine Art von Wißbegierde fih in ihnen regte und fie gu verſte⸗ 
ben fuchten, was in dem Haufe ihres Herrn vorging, fo Fonnten 
fie doch, weil fie Feinen andern Maaßſtab hatten, als ihre eigene 
viedrigere Art zu fein, immer nur die wunderlichſten Erkläruns 
gen zuſammenkuͤnſteln und Mißverſtaͤndniſſe auf Mißverſtandniſſe 
haͤufen. | 

Grade fo nun ift, wie einem jeden wol einleuchten muß, 
das Verhaͤltniß derjenigen zu Gott anzufehen, welche nichts über 
ihr perſoͤnliches Dafein hinaus Eennen, indem entweder alle ihre” 
Wünfche in der leidenfchaftlichen Befriedigung einer einzelnen Neis 
gung zufammentreffen, oder fie fo ihr Wohlfein und ihre Gluͤkk⸗ 
feligkeit fuchen, allen finnlichen Trieben zu dienen, fo gut es ohne 
heftigen Streit möglich if. Ich glaube, es kann nicht leicht ein 
Mißverſtaͤndniß daruͤber entfiehen, was für eine Sinnesart hier 
ſoll bezeichnet werden. Denn freilich denken wir uns, wenn ein 
Menſch ſich in einem Zuſtande vollkommener Erfuͤllung des goͤtt⸗ 
lichen Geſezes befinden koͤnnte, ſo ſollten auch Leiden und Un⸗ 
gluͤkk nicht bis in ſein inneres Weſen dringen koͤnnen, ſondern 
ſeine Natur ſollte dann vollſtaͤndig befriedigt ſein und er ein 
ungeſtoͤrtes ſeliges Leben fuͤhren. Allein wir wiſſen auch, daß 
dies nur bei einem gemeinſchaftlichen gleichen Fortſchreiten aller 





geſchehen koͤnnte: und fo kann alſo die Geſinnung desjenigen, der 


treu nur dem goͤttlichen Geſeze folgt und nichts weiter begehrt 
als dieſes, wenn dies gleich der Weg auch zur ungeſtoͤrten Gluͤkk⸗ 
ſeligkeit iſt, doch nicht verwechſelt werden mit der Geſinnung des⸗ 
jenigen, der gerade nur nach dieſer Gluͤkkſeligkeit trachtet, und 

O 2 


212° 


zwar auf feine Weife, ohne ſich in das Maaß zu fügen, welches 
Gott den verfchiedenen Theileri der menfchlihen Natur angewie⸗ 
ſen bat, und auf feinem Wege, ohne fich immer an dag göftliche 
Geſez halten zu wollen; kurz degjenigen, der gar nicht dieſem Ge⸗ 


1 ſeze folgt, fondern nur dem finnlichen Triebe feiner Natur. Aber 


— denn irgend eine Erinnerung, diefer Art wirb wol jeder ba 
ben — wie beftochen iſt ‚gleich unfer Auge und unfer-Urtheil, tie 
verfchiebt fih ung der natürliche Zufammenhang der Dinge, wenn 
wir nur irgend einmal uns einem übermäßigen Einfluß dieſes 
Zriebes bingeben! Muͤſſen wir alfo nicht (ließen, daß diejeni⸗ 
gen, die er immer regiert, Die alles nur in Beziehung auf ihn 
betrachten, unmöglich verftehen können, was Soft thut, und daß 
ihnen. der Sinn und die Abzwekkung der göttlichen Ordnungen 
durchaus. fremd ſeyn muß? Wer fein finnliches Leben zum Mit: 
‚telpunft machend nur das angenehme mit Wohlgefallen betrad) 
tet und fich von allem unangenehmen-vermwerfend wegwendet, tie 
kann der die Schönheit der - natürlichen. und der fittlichen Welt 
verftehen, die fich ja oft nicht anders äußern kann, als indem fie 
dem, was in ihm unmdäßig ift, entgegenſtrebt und es zurüffhält? 
ober auch abgefehn hievon, fchon der dem alles gleichgültig ifl, 
was nicht. in unmittelbarer Beziehung auf feine Luft แห 8 fein 
Wohlbefinden fieht, wodurch fol er bewogen werden, in dem Ile: 
denfchaftlichen Trachten nach Befriedigung einmal fill zu ſtehn, 
damit er des herrlichen und göttlichen in den größeren Verhaͤlt⸗ 
niſſen der Welt inne werde? oder wenn er Zeiten, fuͤr ihn ſchon 
ſchlechte Zeiten, hat, wo feine Begierden ruhen und er Muße ge 
winnt umbergufchauen, was kann er thun, als nur daß er mei 
ter, als fonft bei weniger Muße zu gefchehen pflegt, den Einfluß 
aller Dinge auf feine Gluͤkkſeligkeit berechnend verfolge? tie kann 
ein folchen ihr eigenthuͤmliches Maaß und Dafein, ihre innere 
Zufammenftimmung, “ihr Unterworfenfein unter Eine Vernunft und 
‚ Ein Gefez, das fich unfern Blikken uͤberall je Tänger je mehr of: 
fenbart, erkennen, da er ja dieſes ชิ ต in fi ſelbſt noch nicht 
erkannt hat. 

O ein ſolches ganzliches Nichtwiſſen um das, was wirklich 
da ift und gefchieht: und mas auch ſte ſelbſt mit foͤrdern und be⸗ 
wirken muͤſſen, dies iſt ein Zuſtand in dem Hauſe Gottes auf 
das genauefte ähnlich dem ber Knechte in dem Haufe ihres Herrn. 
Nur ein niedriges Dafein, worin noch die thierifche Abftammung 
des Menfchen vorherrfcht, macht biefen Zuſtand moͤglich. Die 
unedle Sprache ber Selbftfucht ift die einzige, die diefe Menfchen 
verſtehn, bei den rohen Sitten der Begierde, find fie hergekom⸗ 








213 


und vernehmen nicht® anderes als dieſes. Da ผิ ด mm hieraus 
nicht erflären koͤnnen, was im Haufe Gottes gefchieht, und da fie 
doch darin leben, fo muͤſſen ‚fie dienen. Frei und felbftfländig 
koͤnnen fie nicht handeln, fondern weil fie immer nur ihre eigene 
feine Glufkfeligkeit wollen, fo muͤſſen fie. gezwungen werden zu 
hun, was fie nicht wollen. Uber auch die Befehle Gottes, bie 
mittelbaren und unmittelbaren, verftehen fie nicht. Nicht was fie 
durch Hoffnung, durch Furcht, durch Gewalt, durch Eitelkeit, 
durch Ehrgeiz noch außer ihrem eigenen Mohlbefinden zu fchaffen 
genöthiget werden, noch auch wodurch fie gendthiget werben, vers 
ſtehen fie. -Ra'hfelhaft bleibt ihnen der allgemeine, auf das befr 
fere gerichtete Sinn der Menfchen, dem fie folgen müffen, ohn⸗ 
erachtet er ihnen nur verkehrter Weife von der einfachen Bahn 
ber Gluͤkkſeligkeit abzuführen fcheint; rathfelhaft alle großen Werke, 
welche ie Menfchheit aufführt, welche aber fie. nur als unfichere 
(hlechte Mittel gu dem gemeinfchaftlichen Zwekke anfehn können; 
am räthfelhafteften endlich ift ihnen, fo lange fie nur. Knechte find, 
dasjenige, deſſen DVerftändniß ihnen ber Anfang der Freiheit fein 
müßte, mag fie nie ganz übertwältigen oder verdrehen Fönnen, 
nemlich dag ihnen felbft als Eünftiges Heil mitgegebene und auch 
in dem Zuftande des Verderbens doch immer als Zucht und 
Milderung gefchäftige eingeborue göttliche, die. Stimme der Wahr⸗ 
hit und des Gewiſſens. Und nicht nur jene gröberen, ungebils 
Örteren, die gar nichtS fragen nad) einem allgemeinen Zufammens 
bang der Dinge, für die nichts da ift, als fofern es in den Kreis ง 
ihres leiblichen Beduͤrfniſſes fällt, nicht nur dieſe find folche- 

Lnechte, welche nicht wiſſen was ihr Herr thut; nicht nur bie 
frechen, welche eine allgemeine Ordnung der Welt und ein ewis 
ges alles hervorbringendes und leitendes Weſen läugnen, bis es 
fh ihnen etwa firafend offenbart und fie dann den ſchnoͤden Uns 
ganben mit feigherzigem Aberglauben vertaufchen: fondern auch 
die gebildeteren, maͤßigern, verſtaͤndigern, deren Verſtand aber 
doch im Dienſte der ſinnlichen Triebe ſteht, die ſich Vernunft und 
Tugend gefallen Taflen, aber nur als etwas, wobei fich der Menſch 
wohlbefindet, die ein Gefühl von Gott gelten laſſen, aber nur, 
als (๒ ๕8, was, weil 28 nun einmal die meiften Menfchen in 
ch tragen, eben To gut wie jedes andere muß zu Rathe gezo— 
gen werden, wenn wir unfere Glüfkfeligfeit mit Erfolg beforgen 
ſolen, und die endlich ſogar geftehen, es muͤſſe fich der Menfch 
auch die allgemeine Gluͤkkſeligkeit, Die Befriedigung der finnlichen . 
Triebe aller sum Zwekke machen, und es werde immer die ſicherſte 

Schnung fein, wenn er für Diefe allgemeine bisweilen etwas hin⸗ 


214 


gebe von feiner befonderen. Denn alles dieſes, koͤnnen wir es 
wol für etwas beſſeres haften, als für vergebliche Verſuche des 

Knechtes aus feinem Gefichtspunft und von feinen Beftrebungen 
" aus das Thun feines’ Herrn zu verſtehen. 

Schon durch das bisher gefagte muß «8 jedem deutlich 
ſein, wie ſich in der aufgeſtellten Beziehung von den Knechten die 
Freunde Gottes und Chriſti unterſcheiden; und ‚wenn ich unſere 
Aufmerkfamkeit noch ausdrüfflih auf die Eigenthuͤmlichkeit der 
leztern hinleite, fo fol es nur in der Abſicht gefchehen, welche 
offenbar auch der Erlöfer hatte, als er die Worte unferes Textes 
fprach, ung aufzumuntern nemlich, daß wir in immer noch höhe 
rem Grade den fchönen Namen zu verdienen fuchen, den er bier 
den feinigen beilegt und von dem wir fühlen müffen, Daß und 


- Warum er ung gebührt. 


Sreundfchaft beruht, das wiſſen wir, zunaͤchſt auf einer we⸗ 
ſentlichen Aehnlichkeit der Geſinnung. Wo dieſe nicht ſtatt findet, 


kann auch jene. nicht fein. Mit vergeblichen Verſuchen zur An- 


näherung Eönnen fich die Menfchen eine Zeitlang täufchen; oder 
andere Nüfkfichten Eönnen fie auch wirklich fo mit einander ver: 
einigen, daß fie abtwechfelnd einer des andern Diener find: aber 
Freunde Eönnen fie nur fein, intwiefern fie einander wahrhaft ähn: 
ih find. Und die fich ähnlich find, verſtehen fich auch unter ein- 
ander; ‚denn wie jeder um fich felbft weiß, fo erfennt er dag 
gleiche in dem andern; oder auch wie. überall das Verſtehen iſt 

ein fi Hineindenfen und Hineingeftalten in den Gegenftand und 
ung alfo um fo leichter von flatten geht, je näher wir ihm ver: 
wandt find, kann man fagen, daß, die fich verfiehen einander, 
auch Ähnlich und alfo befreundet find. Darum hat Ehriftus wol 

echt, wenn er fagt, Ihr feid meine Sreunde, denn ich habe 
euch alles Fund. gethan mas’ ich vom Water gehört habe; fie ma 
ven feine. Sreunde geworden, weil fie auf feine Stimme gehört 
und ihn verftanden- haften. Er hat auch Recht, wenn er gu ih 


nen, und es โด ้ ธี 6 fich eben fo auf ung anwenden, fagf, Nicht 


ihr habt mich ermählt, fondern ich habe euch erwaͤhlet. Denn 
wie nicht wenige von den innigſten Sreundfchaften mit einem 
überwiegenden wohlthätigen Einfluß des einen Theileg auf den 
andern anfangen, fo auch ganz vorzuͤglich dieſe. Hatte ſich auch) 
in und allen, denen dad Verſtaͤndniß über Gott und göttliche 
Dinge aufgegangen iſt, die Sehnfucht darnach ſchon von jeher 


geregt: fo iſt fie doch erft durch ‚die ſtille Ahndung von Jeſu goͤtt⸗ 


licher Groͤße und ‚Heiligkeit, durch den Einfluß der erſten An- 
fangsgruͤnde feiner Lehre zu einer Luft und Liebe geworden, bie 





215 


wir mit Bewußtſein in ung hegten; fo -ift Doch die reinere 
Einfiht in feine Lehre, fo ift doch das Mitarbeiten an’ dem 
von ihm geftifteten Werk, zu dem wir in „feinem Namen. ver 
pflichtet worden, die erfte und fchönfte Befriedigung derfelben. 
Aein wie e8 lange waͤhret, ehe eine folche Freundfchaft ihren 
Endzwekk ganz erreicht und der, welcher den andern durch fein 
Vertrauen und feine Mittheilung erhebt und bildet, ganz verſtan⸗ 
den wird: fo laßt auch uns-nicht mit dem erfien Grade ung be: 
gnügen, fondern darauf fehen, daß das Band der Freundfchaft ' 
teifchen uns und Chrifto immer enger gefnäpft werde: Den 
Anfang, das ſeze ich voraus, haben wir alle gemacht. Gleich 
unfer erſtes Leben hat durch feine Offenbarungen und durch un: 
fer Aufwachfen in feiner Gemeine die Nichfung genommen, baß 
wir die Sprache des Herrn verfiehen; daß wir die. Sitten feines 
Hauſes im allgemeinen kennen und ehren; daß wir Den’ Geift der 
liebe, der Dort überall Herrfcht, fühlen und anbeten; daß wir eins 
eben, wie auf die Verberrlichung Gottes und auf das Geſam⸗ 
meltiwerden der Menfchen zu Gott alles im großen wenigſtens 
hindeutet und abzwekkt; daß wir eine Ahndung davon haben, was 
es heiße der Menfch folle Ieben von jeglichem Worte, was aus 
dem Munde Gottes geht; daß wir inne merden, mie auch uns 
in einem engeren Kreife, wenn wir nur jedes Gebot und jeden 
ruf als eine kraͤftige Vollmacht anfehen, eine ähnliche Gewalt . 
berlichen ift wie Chrifto über Himmel und Erden; und daß wir 
nichts ſchoͤneres Fennen, als diefe auf ale-Weife auszuüben. Wer 
dahin gediehen ift, der verfiehet den Herrn, der hat angefangen 
iin Freund Chrifti zu werden; und einen andern gleich twefentli- 
hen Unterfchied giebt es nicht unter den Menfchen, ๕ 8 den zwi⸗ 
(hen jenen Rechten und dieſen Freunden. Aber das laßt ung 
nicht vergeſſen, daß was fo im allgemeinen durch die Ermählung 
Ehrifti in uns angefangen hat, diefes je länger je mehr ung und 
unfer Leben auch bis ing Eleinfte und einzelnfte Durchdringen muß; 
laßt ung nicht vergeſſen, daß jedes Mißverftändnig nicht nur gar 
leicht Untreuen herbeiführt, durch. welche wir wieder in den Zu⸗ 
an der Knechtfchaft zurüfffinken, fondern immer fchon an und 
für ſich felbft die Sreundfchaft trübt. Oder wollten wir etwa 
hochmuͤthig ung rühmen, daß wir hierüber fchon hinaus wären? 
So müffe e8 ung denn angelegen fein, daß auch von Diefer Seife 
unfere Freundſchaft mit Chrifto immer ein werdendes und wach⸗ 
ſendes fei, dag wir immer genauer Acht geben auf feine Beleh— 
Fungen und ung immer deutlicher entwikkeln mas er ung Fund, 
gethan hat. Wie ein Freund nur defto vertrauter iſt, wenn er 


216 
auch in einzelnen Fällen nicht erft Belehrung daruͤber bebatf, wes⸗ 
balb und in welchem Sinne etwas gethan ift; wie er. nicht nur 
im allgemeinen die Denkungsart des_andern Fennen, ſondern auch 
daB, was auf ben erften AnblifE davon absumeichen ſcheint, in 
Vebereinfimmung mit dem ganzen finden muß; wie er von jedem 
einzelnen Gefchäft, welches gefordert, von jedem Eleinen Dienſt, 
der ihm angemuthet wird, einfehen muß, weshalb auch das nicht 
überflüffig ift oder zufällig, fondern in dag ganze eingreift: fo 
faßt auch ung an vertrauten Verſtaͤndniß wachſen in dem Reiche 
Chriſti, in dem Hauſe Gottes; laßt uns, immer tiefer in den Geiſt 
ſeiner Fuͤhrungen mit dem Menſchengeſchlecht eindringend, ſeine 
Gerechtigkeit wie ſie eins iſt mit ſeiner Liebe verſtehen, immer 
genauer den nothwendigen Zuſammenhang aller ſeiner Gebote be⸗ 
greifen, immer redlicher den Werth und den Umfang unſeres Be⸗ 
rufes erforſchen! Vorzuͤglich aber da, meine Freunde — denn ba, 
wir müffen es ja, gewarnt wie wir find, wol ſehen, ift die größte 
Gefahr des Mißverftchens, da wird rund um uns her am leicht: 
ſinnigſten geurtheilt, da finden die meiften nur Widerfpruch und 
Mißverhaͤltniß, ‚da fcheint ihnen fogar die Möglichkeit des freien 





und felöftftändigen Handelng, wie e8 dem: Freunde gesiemt, zu 


verſchwinden, — wo nemlich Zerrüttungen einbrechen, wo ſchoͤnes 
unterzugehn droht, wo auch: der ſtillſten, ruhigften Wirkſamkeit der 
Krieg angefagt ift, kurz wo der Herr an der Scheidung zweier 
Zeiten feinen Stuhl aufgefchlagen hat zum Gericht, wo Chriſtus 
. nicht den Frieden bringt, fondern dag Schwert; da vor allem 
laßt uns lernen verftehen was ber Herr thut, damit und nicht 
Kleinmuth und Mißtrauen aus Freunden zu Knechten mache! 
Mas er zu ung redet durch Wort und That, Aäußerlih und im 
nerlich, muß uns Hülfe genug barbieten; er hat ung gerufen; er 
wird e8 auch thun. 
II. Weil aber nun folche Gefahr ung bevorficht, fo laßt 
ung auch noch auf dag zweite Unterfcheibungsgeichen merken, def 
fen wir erwähnten. Inden. nemlich Chriftus feine Jünger er 


mahnt, als Freunde. auch in der Liebe zu bleiben, fo erin⸗ 


nert ung dies natürlich an dasjenige, was in unfern heiligen Büs 
chern beftändig der Liebe entgegengefezt wird, nemlich die Furcht; 
und wenn die Freunde in der Liebe find; fo ſtellt fich ganz na⸗ 
türlich bie Furcht dar als, der Antheil derer, die Knechte find. 
Auch hängt dies mie dem erften Theil unferer Betrachtung auf das 
‚genauefte zufammen. Denn das unbekannte, unverflandene ifl 
auch allemal, je mächtiger es fich zeigt, defto furchtbarer; es ift 
nicht Sicherheit und Hülfe gegen eine Gewalt zu finden, von ber 


217 


man nicht weiß wohin fle fich menden wird, es If kaum eine 
Saffung möglich, vwern man fich Feinen Augenblikk vor Ueberra⸗ 
(hung ficher fühle. Die Erfahrung zeigt auch überall, wie genau 
Furcht mit einem Enechtifchen Zuftande verbunden ift; fie- malt 
fi) im ganzen Betragen, in allen Ueußerungen, und fogar weit 
hinauf in die verfchiedenen Ordnungen ber Gefellfchaft kann man 
überall, wo es Enechtifche Verhältniffe ‚giebt, ihre Spuren verfols 
gen. Freilich giebt es auch nicht felten der erfreulichen Beifpiele, 
daß in einem wohlgeordneten und liebevollen Hausweſen auch Die 
dienenden dieſer Art allmählig zu einem Verſtaͤndniß der gebieten» 
den und zu dem Gefühl gelangen, daß bei dieſen größere End» 
zwekke walten, als bie ihrigen. Dann erheben fie fi von der 
Surcht zur Achtung und Liebe; aber dann mildert fich auch in 
demſelben Maaße daß firenge Verhältnig, die harte Knechtſchaft 
hört auf, und fie nähern fich überall den freien angeboinen Haus; 
genoffen.- So lange aber ein Knecht noch nicht weiß, was fein 
0 thut, und alfo nicht anders als zufällig und gewiß hoͤchſt 
ſelten eins mit ihm iſt, vielmehr, wo er kann, ſeine eignen Wege 
geht: ſo iſt keine Sicherheit fuͤr ſeinen Gehorſam, als daß er die 
Macht ſeines Herrn fühle, und die wird Ihm allemal Furcht ein⸗ 
flößen, Sanfte Gemüther haben zwar gefragt, ob es nicht befs - 
fer und jedem menfchlicheren und liebevolleren - Herrn auch ans 
fändiger fei, felbft Knechte zu leiten durch Hoffnung, durch aus» 
geftellte Belohnungen, durch die Ausficht beim treueften Dienſt 
auch ihr eignes Wohl am ficherften zu befördern. Aber die Klage 
it allgemein, daß, je Fnechtifcher ein Gemuͤth ift, um deſto we⸗ 
niger die Hoffnung ‚gutes wirke. Auch kann dies kaum anders 
ſein. Denn die bloße ungewiſſe Hoffnung auf ein Gut, welches 
von einer willkuͤhrlichen, unbeſchraͤnkten Macht nur der ſtrengen 
Treue verheißen wird, erzeugt allemal die Beſorgniß auch die 
gewiſſenhafteſte Treue werde doch nicht fuͤr vollguͤltig erkannt wer⸗ 
den; und ſo verwandelt ſich die Hoffnung ſelbſt in Furcht, und 
die Verheißung ſelbſt wird als Strenge empfunden. Entaͤußert 
ſich aber die Gewalt dieſes natuͤrlichen Einfluſſes, daß ſie Furcht 
erregt: fo iſt der unterworfene geneigt, Schwäche zu ahnden, als 
ſchmeichle, wer nicht mehr drohen koͤnne, und dies reizt den Un- 
gehorſam und den Uebermuth. Der Knecht muß die dunkle un⸗ 
verſtandene Macht fuͤhlen, die ihn in allen ſeinen eignen ſchlei⸗ 
chenden Beſtrebungen zuruͤkkhalten kann, der er überall genoͤthiget 
if zu folgen und von der er ſich immer wieder ergriffen fuͤhlt, 
wenn er ihren Geboten ausweichen will. 


218 3 | 
Grade fo ห น น verhält es fich mit denen, die nur Knechte 
Gottes find. . Der unter den Menfchen allgemein verbreitete Sinn 


- für dag rechte. und gute, ‚welchen fie doch ſcheuen muͤſſen, die 


innere Schaam, welche fie nie gang uͤberwaͤltigen Eönnen, die 
Vorſtellung von einem vergeltenden Zufammenhange, die fich ihnen 
immer wieder aufbrängt: das alles erregt ihnen eine druͤkkende 
Furcht vor Gott; und dieſe iſt ſo allgemein unter ihnen, daß ſie 
auch von denen nicht weichen kann, welche von offenbaren Ueber⸗ 
tretungen, von dem, was auch die Welt boͤſe nennt, vielleicht ihr 
ganzes Leben lang gluͤkklich find zuruͤkkgehalten worden. Denn 
froh und frei fuͤhlen auch dieſe ſich nur bei dem, was menſchlich 
iſt nach ihrem Sinne, mas auf die Befriedigung ihrer ſinnlichen 
Wuͤnſche abzwekkt oder fich wenigſtens darnach fügt. Bei maͤßi—⸗ 
gen Tugenden, die ihre Anſpruͤche nicht zu hoch ſteigerten zum 
Nachtheil der Gluͤkkſeligkeit, koͤnnten fie vergnuͤgt fein; eine men: 
ſchenfreundliche Vorfehung, die zwar ihre- Macht bisweilen zu er 
- Eennen gäbe, aber doch früher oder fpäter alles zum Vergnügen 
aller ing gleiche brächte, märe ihnen ein erfreulicher Gedanke. 
Stenes wahrhaft göftliche hingegen, was hierüber hinausgeht, if 
eine "SchreffenSgeftalt, die fie von fich verbannen möchten, und 
wie furchtfame Kinder verfuchen fie vergeblich fich -eingureben, fie 
fei nur ein Werk menfchlicher Einbildung; es fei nicht möglich, 


Goott koͤnne dieſes nicht fordern, jenes nicht ftrafen, ein anderes 


nicht zulaffen. So iſt alle, mas fie auf diefem Gebiet erfinnen 
und wie fie fich ihr Verhältniß zu Gott ausbilden, nichts ale 
Furcht. Opfer bieten. fie_dar. und Gaben von ihrem Weberfluß, 
damit den Genuß des übrigen die Gottheit nicht beneide und 
flöre; durch willkuͤhrliche Kaſteiungen ftrafen fie lieber fich felbft 
in befanntem und erträglichem Maaß,- um nicht, wenn die Gott: 
beit frafen müßte, unbekanntes und wunerträgliches zu dulden. 
Sa ด ๑ แ ต่ ) anderwärts, weit über diefe groben Aeußerungen hin: 
aus, koͤnnen wir diefelben Gefinnungen verfolgen. Oder iſt nicht 
auch jenes eben fo darauf berechnet, nur die Furcht zu beſchwich⸗ 
tigen, wenn fie Die Uebel, die. fo unvermeidlich drohn in den Wed): 
feln des Lebens, die der fromme aber gar nicht erft als folche 
“anfieht, wenn fie diefe rechtfertigen durch ihren Zufammenhang 
mit der menfchlichen Gluͤkkſeligkeit und eine Nechnung anlegen, 
๕ 5 Hätten fie entweder das gute fchon genoffen, wovon jene 
Uebel ungertrennlich find, ober als werde e8 noch nachkommen 
An der Zukunft? menn fie flatt jener Eörperlichen Opfer nun ver: 
meinte Tugenbübungen, welche fie ohne alle innere Luft und Liebe 
verrichten, Gott ald Opfer anrechnen? wenn fie im Ungläff, 


219 \ | 
welches richtig zu behandeln fie in ihrer Denkungsart nicht ver- 
mögen, fich vertröften auf die Ewigkeit, um nur nicht durch Un 
zufriedenheit fich noch größeres -aufzulegen ? - 

Wol iſt dies alles eben-fo gewiß Enechtifch und ein Wert 
der Furcht, als es ſchon der Anfang der Liebe ſein muß, wenn 
bei allem unendlich großen und erhabenen, was die goͤttlichen Fuͤ⸗ 
gungen und die goͤttlichen Gebote uns darbieten, uns kein Ge⸗ 
fühl von Aengſtlichkeit anwandelt. Dies wenigſtens ſehen wir 
ſchon unter Menſchen als den ſchoͤnſten, aber doch auch erſten 
Beweis der Freundſchaft an, daß jeder Abſtand, wie groß er auch 
ſei, in dem Zuſammenleben der Freunde verſchwindet. Wir fuͤh⸗ 
len uns erquikkt, ſo oft uns ein Beiſpiel, es ſei in eigner Er⸗ 
fahrung, oder auf dem Felde der Geſchichte, oder durch den Zau⸗ 
ber der Dichtung dargeſtellt wird, daß ein ſolcher, den alles 
um ihn her weit uͤber ſich erhoben ſieht, deſſen Macht vielleicht 
von allen gefuͤrchtet wird, in dem Schooße der ſeinigen eine Liebe 
findet, die von alle dem gar nichts zu wiſſen ſcheint; daß ein 
Freund, in weit untergeordneten Verhaͤltniſſen geboren oder noch 
lebend, ihn mit vollem Vertrauen an ſein Herz druͤkkt und keine 
andere Art mit ihm umzugehen kennt, als auf den Fuß der Gleich⸗ 
beit und der volleſten Zuverſicht. Wieviel mehr muß: auch bier 
baffelbige eintreffen, da in Beziehung auf Gott verftehen und mit 
Zuverficht Tieben noch weit mehr eins und baffelbe fein muß, weil 
Gott die Liebe ift,- und da, ‚wenn wir uns auch dem Höchften 


nich gleich fegen Eönnen, doch in unferm Verhältniß zu Ehrifto,. - - 


dem Vermittler unfrer Freundfchaft mit Gott, wir alle, die er 
fine Brüder nennt, zu der vollfommenften Gleichheit berechtigt 
find. Darum iſt das billig der Anfang der Sreundfchaft, daß es 
für ung nichts furchtbares gebe in den Gefegen, welche wir im 
Reiche Ehrifti geltend finden, nichts zurüfffchreffendes in der Art 

wie er feine ihm anvertraute Gewalt handhabt; daß wir, auch u 
wo Ernft und Strenge walten, doch fagen müffen, Herr wo folls 

im wir hirigehen, du allein haft Worte des Lebens! dag wir 
vol Vertrauen forfchen in feinen göttlichen Ausfprüchen, daß wir 
uns fröhlich ftärfen an feinem heiligen Bilde, daß der, welchem 
Gewalt und Gericht übergeben find, ung nur ber Weg ift, bie 
Wahrheit und das Leben. Darum ift es ber Anfang unfrer 
Sreundfchaft mit Gott, daß, was fih ung nur offenbart als Got 
ed Werk und MWefen, wir. auch lieben, mie wir es finden an 
und für fich als Liebe, gleichermaßen in milden Segnungen die 
10 fördernde, in ſchweren Verhängniffen Die güchtigende und . 
ende, in getvalfigen Berfiörungen die. umbildende, auferwek⸗ 


m 


220 | 
tende Liede; daß wir überall auch das Lieben In ben goͤttlichen Bu 
boten, was andere als. Strenge fürchten, auch dag in den gätt 
lichen Fügungen, was fie lieber als unerforfchlich ftehen ได โด ย 
weil fie beforgen, es möchte ihnen näher betrachtet als ungerecht 
erſcheinen. Denn etiva nur das erfreuliche zu lieben in den Fuͤgun⸗ 
gen, daß leichte und anmuthige in den Geboten, das Fünnen wit 
auch nicht‘ einntal als den Anfang der Sreundfchaft mit Gott an 
ſehen, weil e8 eine in ihrem innerften Keim verderbte Gefinnung 
iſt, aus welcher nie. etwas ſchones und vollkommenes hervorwach 
ſen kann. “ 


Aber darf. gleich die Liebe fchon von 1 Anfang an nicht un⸗ 
rein fein: fo ift doch natürlich auch fie, die. Duelle aller Tugen 
‚gen und Vollfommenheiten, wie diefe felbft, ein wachſendes, dad 
nur gering und unvollftändig beginmt.. Denn Sreundfchaft mit 
Gott iſt, wie es don jeder Freundſchaft gilt;"micht eine leiden 
ſchaftliche Bewegung, welche gewaltig und braufend anfängt und 
hernach abnimmt und fich verliert; fondern fie beginnt mit eine 
reinen Hinwendung des Herzeng zu Gott, aus der aber Annähe 
- rung und Vereinigung erſt allmählig hervorgehn. Nicht gleich, 
wenn der Menfch anfängt" Gott zu lieben, fühlt fich fein- Her 
zu allem was göttlich ift hingezogen, nicht: gleich weiß er überall 
Befcheid auf dem. Schauplas der göttlichen Liebe; noch nicht in 
allem, wohin fein Auge reicht oder was ihm auf dem Wege feb 
nes Lebens begegnet, findet er auch die Beziehung. auf das Leben 
in Gott: fondern er geht noch bei vielem vorüber ohne ed mit | 
andächtigem Sinn zu betrachten; er fieht manches noch. bloß auf 
irdifche Weife an, fo daß nicht alles, . was gefdjicht und was 
er felbft zu thun hat, ihm in dem Reiche Ehrifti vorzugehen fcheint, 
fondern neben dieſem giebt es vieles, was ihm bloß weltlich zu 
fein duͤnkt. Das ift die Unvollkommenheit, das ift, wenn ich fo 
fügen Darf, das fchülerhafte in dieſer göttlichen Freundfchaft. 
Laßt ung nicht vergeſſen, daß Chriſtus uͤberall bei uns ſein will 
bis an das Ende der Tage, daß er uͤberall nahe iſt, wo auch nur 
zwei oder drei ſeiner Juͤnger vereinigt ſind, und ſollten wir die 
nicht in allen unſern Geſchaͤften und Verhaͤltniſſen antreffen? wo 
wir aber mit ſeinen Juͤngern ſind und in ſeiner Naͤhe, da iſt 
auch ſein Reich. Laßt uns bedenken, daß Gott es iſt, in dem 
wir leben und ſind, daß er in allem iſt und alles in ihm und 
durch ihn, ſo daß es nichts giebt, worin er ſich nicht offenbarte 
und. wodurch wir ihm nicht verrherrlichen koͤnnten. Laßt ung be 
denfen, bag wenn wir irgend etwas nur in feiner irdifchen Der 





221 u Ä 

siehung betrachten und es und deshalb gleichgültig iſt und ge» 
tingfügig erfcheint, wir leicht uns felbft verfürzgen um eine Der 
mehrung unferer Gotteskenntniß, um eine Erregung unferer Got 
keöliebe, nicht aber in dem Sinne deffen handeln, der feine Juͤn⸗ 
ger felbft auch an die Fleinften der Werke Gottes wies, um an. 
ihnen feiner Liche inne zu‘ werden. Oder daß, wenn ung, mag 
wie nur auf irdiſche Weife betrachten, dennoch Liebe abgemwinnt, 
dieſe alsdann der Liebe zu Gott entgegenfieht und der Gedanke 
an Gott und Ehriftum ung für jede irdifche Liche wieder eine 
Duelle der Furcht wird. 


Nach diefen Betrachtungen wollen wir ung unferen Weg , 
abfteffen, um vollfommner zu werben in der Freundfchaft mit 
Gott. Diefed wird dann unfer Ziel fein, daß wir je länger je 
mehr wie Freunde _alle8 gemein haben, auch alles in den Um: 
ไต ่ 8 unferer Anhänglichfeit an Chriftum Hineinzgiehen, in allem 
chriſtlichen Sinn auszudruͤkken, durch alles ihn unfern Freund zu. 
chren fuchen. Diefes wird der Gipfel fein unferer Freundfchaft 
zu Gott, daß wir uns jeder irdifchen Liebe entfagen und Gott 
alein Tieben, nur feine Freunde fein mollend. Nicht etwa fo, 
daß wir ung finfter und. menfchenfeindlic, von der Welt zuruͤkkzoͤ⸗ 
gen und in thatenlofer Betrachtung einer Liebe zu Gott nachhäns 
gen wollten, die eben fo unächt fein- würde, wie auch unter Mens 
(hen jede mäßige Freundſchaft unächt ift; fondern fo, daß wir 
nur überall und in allem Gott. liebten und nichtd anderes, daß 
und chen deswegen nichts mehr unbedeutend wäre und gering, 
ſondern alles werth und wichtig, alled mit einem höheren Glanz 
umgeben, weil ung nemlich alles immer wieder zurüffführte auf 
ihn. Dies, meine Freunde, heißt in der Liebe bleiben, dies 
it die völlige Augroftung jeder Furcht, dies ift der Weg zu dem 
imigen Einswerden mit Gott in der Liebe, welches Chriftus im 
Gefühl e8 zu beſizen auch ung erbeten hat. 


Es ift ein großer Gedanke, daß ung eigentlich, da es kei⸗ 
nen Stilftand -giebt in der Welt, nichts anderes bevorſtehen 
kann, als entweder biefem Ziel ung zu nähern, oder in jenen 
Zuſtand der Knechtſchaft zurüffzufinfen. Vieles giebt es freilich 
Immer, und man koͤnnte felbft fagen jest noch mehr als fonft, 
was den Menfchen ſucht zum irdifchen herabgusichn, feine Ein» . - 
Nähten in dag göttliche zu verwirren und Furcht und. Feigherzigs 
keit in ihm zu nähren. Aber wo nur das Herg erft in- Liebe er⸗ 
waͤrmt, wo nur der Geift erft durch lebendige Ueberzeugung ‚von 
Sort erleuchtet iſt: muß da nicht auch das, was als Verfuchung 


erfcheint, aufgeldſet und verwandelt werden in eine Nahrung der 
Liebe? muß da nicht auch in dieſe dunkleren Gegenden das Licht 
des Glaubens eindringen? muß da: nicht dag Wiſſen um Die Wege 

des Herrn und die Luft an feinen Thaten fo mächtig werden, Daß 
wir nicht ม น ะ felbft überwinden, fondern daß wir auch noch in 
feiner Kraft ausgehn Fünnen und ftärfen unfere Brüder? Das ift 
es, wozu er ung berufen Bat; 0 möchten wir diefer großen. De: 
fimmung immer wuͤrdiger werden! 








IL 


Wie fehr e8 die Würde des Menfchen erhöht, 
wenn er mit ganzer Seele an der bürgerlichen . 
Vereinigung. hängt, der er angehört. 


6, ift ſchon feit geraumer Zeit eine gewiß nicht wenig gegruͤn⸗ 

dete Klage über Mangel an Gemeinfinn unter und. Nicht nur 
daß ſich etwa Die Zahl der Iafterhaften mehrt, welche zum Wider 
fand gegen die Kraft der Sitte, der öffentlihen Meinung und 
wo möglich der Geſeze mit einander verbunden find; nicht nur 
daß der eigennüsigen fo viele find, welche, ohnerachtet es Fein 
Band giebt, das fie unter ſich vereinigt, doch jeder für fich durch 
Trägheit, durch Gtleichgültigkeit, durch Abwendung alles deſſen, 
was einige Aufopferung. heifchen Eönnte, durch jede Art Des 
heimlichen Krieges gegen das allgemeine Wohl denen, die es bes 
fordern wollen, im Wege flehn: fondern das ift dag Uebel, daß 
auch unter den befferen felbft eine Denkungsart berrfchend ift, 
bei welcher keine lebhafte Sorge fuͤr die oͤffentlichen Angelegen⸗ 
heiten, keine eifrige Theilnahme an den Schikkſalen des Gemein⸗ 
weſens ſtatt finden kann. Man haͤlt den buͤrgerlichen Verein fuͤr 
eine kunſtreiche Maſchine, um von außen die Gewalt abzuhalten 
und von innen den nachtheiligen Folgen fehlerhafter Neigungen 


entgegenzuarbeiten, die alſo nur zum beſten der einzelnen da iſt, | 


damit deren befondere Thätigkeit ungeftört fortgehen koͤnne, wobei 
8 denn sufällig fei und gleichgültig, ob mehrere oder mwenigere,. 7 
ob diefe.oder andere Menfchen unter ein und bdaffelbe Geſez be- 
ſaßt und von ihm befchligt werden. Nur denjenigen, fo meint 
man, denen das Öffentliche Wohl unmittelbar anvertraut iſt, ges 


224 


gieme ed, an allem dahin gehörigen einen lebhaften Antheil zu 
nehmen; für alle andere aber fei eine eifrige Vaterlandsliebe nur 
eine befchränfende GSefinuung. Denn es koͤnne nicht das befk 
fein, ก ิ ด์ ) an dasjenige allein zu halten und es für das hoͤchſte 
anzufehen, was fo fcharf die Menfchen trennt und immer neuen 
. Unfrieden auf der Erde ausfäet, der nur um fo feſter einwurzele, 
je mehr jedes einzelne Mitglied eines Volkes von jener Empfin 
dung befeelt fei. Vielmehr gezieme e8 ung übrigen, mit unfere 
befonderen Thätigfeit, mit unferer höchften Liebe das ganze ย ิ ย 
fchlecht der Menfchen zu umfaſſen und durch Weltbürgerfinn und 
über das befchränfende, was jedes Gemeinmefen unvermeidlich mit 
ſich führt, zu erheben. So wirft man. unbedachtfam die Sadı 
felbft mit ihren Fehlern, ald ob diefe ihr Wefen ausmachten, zu 
- fammen, als ob ein fo Föftliches Gut, meil es eben unvollkom⸗ 
men ift, duͤrfte als ein nothwendiges Uebel angefehen werden. 
Man vergißt, daß eben die eifrigfte Waterlandsliebe diejenige waͤre, 
die dag Gemeinmwefen von allen Gebrechen, welche mie Selbſtſucht 
und Ungerechtigkeit erfcheinen und melche nur durch Unbekümmer 
niß der befferen immer verderblicher um ſich greifen, fo viel ald 
möglich zu heilen fuchte; man vergißt, daß nur in den wenigſten 
Zweigen feiner Thätigfeit dem Menfchen vergoͤnnt tft, uber. die 
Graͤnzen feines Vaterlandes hinaus zu wirken, und daß er durd) 
bie deutlichften Beflimmungen der Natur immer an dieſes gewie⸗— 
fen bleibt; man vergißt, daß nach. den Anordnungen: des Hoc, 
‚fien, eben wie das. Meer am fchärfften fondert und zugleich am 
wirkſamſten .vereiniget, fo auch hier. das trennende, recht gebraucht, 
dag kraͤftigſte Verbindungsmittel werden muß. Hiezu wird gewiß 
wahre Vaterlandsliebe immer wirken; und ein verkehrtes Lob, 
das er ſich nicht zueignen will, iſt es, mas fo oft vorzuͤglich dem 
Glauben der Chriſten ertheilt wird, als ob er, indem die kirchliche 
Verbindung uͤber die buͤrgerliche geſezt wird, den Eifer fuͤr leztere 
daͤmpfe und allmaͤhlig verſchwinden mache. Laßt uns vielmehr 
ſehen, wie biefer Glaube uns Anhänglichkeit und Dienfteifer für 
das Vaterland empfiehlt, und laßt uns fuchen ein Vorurtheil ju 
gerftreuen, das gewiß je mehr als je mit den verderblichſen Fol⸗ 
gen droht. 


| Test Eph. 2, 19. | 
So ſeid ihr ท น ห nicht mehr Säfte und Ftemdlinge, 


ſondern Buͤrger mit. ‚ben Heiligen und Gottes Hausge⸗ 
noſſen. 








> 

Was hier der Apoftel unmittelbar meint, betrifft allerdings 
nicht ben bürgerlichen Verein, fondern die Kirche. Er wollte den 
Ehriften aus heidniſcher Abftammung die. Vorzüge zu Gemuͤthe 
führen, deren fie fich erfreuen. Die meiften von ihnen hatten 
zwar vorher ſchon mit der jüdifchen Kirche in Verbindung ges 
ſtanden, aller mur ‚auf eine untergeordnete Weife, nicht mit gleis - 
hen Rechten wie die, welche geborene Mitglieder jenes auser⸗ 
mählten Volkes waren. Die Chriften aus den Juden wollten 
größtentheild dieſen Unterfchied auch auf die chriftliche Kirche 
übertragen und nur diejenigen für vollfommene Mitglieder der 
felben gelten laſſen, welche gang der jüdifchen Kirche waren eins 
verleibt gewefen: Dagegen drang der Apoftel überall, auch ohne 
einen folchen Uebergang, auf eine voͤllige Gleichheit aller gläus 
digen, mochten fie aus den. Juden, oder mochten fie aus den Heis 
den fi gefammelt haben, und dieſe Sleichfegung ift es, auf 
welche er fie als etwas wichtiges und dankenswerthes aufmerks 
ſam machen mil. Allein eben um zu bezeichnen, wieviel beffer. 
dadurch ihr Zuftand geworden fei, bedient er fich folcher Auss 
drüffe, ๒ ๕ ๓ 6 fich bei andern Voͤlkern ausfchlieglich und auch 
bei den Funden Doch zugleich auf die bürgerliche Wereinigung bes 
ziehen. Wir Eönnen alfo hieraus deutlich abnehmen, daß auch 
auf diefem Gebiet er e8 für weit vorgüglicher gehalten, ein Buͤr⸗ 
ger zu fein, der fich aller Rechte erfreut, ber alle Verpflichtungen 
übernimmt und fich mit ganzer Seele dem ‚Staat hingiebt, als 
ein Gaſt und ein Fremdling. Wie aber diejenigen, die dem buͤr⸗ 
gerlichen Verein nur halb angehören wollen, in der Meinung, ſich 
über ihn und. das maß. er leiften kann zu erheben, wie diefe nur 
Hüfte und Fremdlinge find im Reiche Gottes, das wird fich ung 
zeigen, wenn wir die Vergleichung zwiſchen beiden verfolgend nach 
dem Sinne des Apoſtels beherzigen, 


wieviel groͤßer die Wuͤrde desjenigen iſt, der in 


der engſten Verbindung mit einem Vaterlande 
lebt. | 


Bir finden in den Worten des Apoſiels ſelbſt, der die Chriſten 
gluͤkklich preiſet als Gottes Hausgenoſſen und als Bürger mit 
allen Heiligen, Veranlaſſung in einer doppelten Beziehung hievon 
zu reden, einmal in Beziehung auf unſer Verhaͤltniß zu ว 
Gott und zweitens in Beziehung auf unſer Verhaͤltniß 
zu unſern Bruͤdern. 

J. Indem der Apoſtel den Chriſten aus den Heiden zu 
Gemuͤthe Führt wie fie nur erſt Durch dieſe Gleichſezung mit de⸗ 


P 





226 : 


nen aus den Juden wahrhaft Gottes Hausgenoſſen wir 
den: ‚fo verſteht er freilich hier unter dem. Haufe Gottes zunaͤchſt 
die Gemeine der Ehriften. Diefe fah er, mehr als viele andere 


e8 thaten, immer durchaus als eine an, indem er aufs Fräffigfie 


allen Spaltungen entgegenwirkte. Hiernach nun ſcheinen dieſe 
Worte um fo weniger gefchikft, dasjenige, twonon- heute die Rede 


fein fol, einzufchärfen, als es wol niemals nur Eine bürgerliche . 
Bereinigung unter den Menfchen geben Farin. Allein wir dürfen 
ung nur fragen, da ท น น doch die chriftliche Kirche fich auf ab 
liche Art und gewiß nicht frevelhafter Weife getbeilt hat und ง 
nicht mehr Eine fein kann, ob bderfelbige Apoftel, der fo vielfältig 
die brüderliche Vereinigung anpreifet, der fo dringend ermahnt, die 


Berfammlungen nicht zu verlaffen, ob. er nicht auch unter den 


jesigen Verhaͤltniſſen am meiften diejenigen ๑ 18 Gottes Hausge 
noffen rühmen würde; welche am cifrigfien und. thäfigfien 
derjenigen unter den verſchiedenen SKirchengemeinfchaften am 


hängen, welche ihnen eben die angemeffenfte if. Warım 
ſoll nicht auch daffelbe von dem Verein unter bürgerlichen Ge 
fegen gelten? und mem fallen nicht von felbft auch in dieſer 
Beziehung die Worte Chriftt ein, In meines Vaters Haufe find 
viele Wohnungen? Auch wir mollen als das Hausweſen Got: 
tes nur die Gefammtheit aller vernünftigen Wefen anfehn; aber 
in dieſer finden fich faft überall beide Arten. der Werbindungen, 
die Tirchliche und die ‚bürgerliche, und von beiden gilt daffelde, 
daß fie fih auf das verfchiedenfte geftalten und theilen und dod) 
auch wiederum eins find.. Um dieſe Einheit aller müffen mir 
freilic) wiſſen und fie fühlen, aber fie wird eben dann am beiten, 
ja fie wird nur dann. beftehen, wenn jede diefer verfchiedenen. Ber: 


7 einigungen alles zu werden trachtet, was fie. ihrer befonderen Na 


tur nad) fein kann und fol. Laßt uns alfo fehen, tie fich dieje 


nigen gegen einander verhalten, welche dies anerkennen und dar ว 


nach handeln, und diejenigen, bie mit Hintanfegung des Vereins, 
dem fie zunaͤchſt angehören, nur unmittelbar im gangen und für 
das ganze Ieben wollen. : : | 


Die Vereinigung zu einem-gemeinen Wefen unter beftimm: 
ten Befegen finden wir uͤberall auf den Höheren Stufen der menſch⸗ 
lichen Bildung. Wenn ein Theil unſeres Gefchlechtes zuerft eine 
folche Vereinigung ftiftet, fo halten wir dag für einen der groͤß⸗ 
| . ten. Fortfchritte, die er machen kann; aber nie hat es. eine höhere 
Bildung gegeben, melche über diefe Vereinigung wieder hinauf 
ging, fondern mo ein folcher Verein aufgelöft ward, gefchah die? 








27 


immer nur in Folge großer Vermirrungen und beutete auf den 
tiefften Verfall. Auch läßt fich nicht denken, daß eine folche Auf: - 
löfung zur zunehmenden Vollkommenheit gehören koͤnnte. Gefels 
lig ift der Menfch erfchaffen und einzeln nicht hinreichend, dag 
auszuführen, was er in ſich und um ſich her bilden ſoll; vielmehr 
kann man ſagen, mit einem je größeren Gegenſtande er es su 
thun hat, eine um fo ftärfere und ausgebreitetere Vereinigung der ' 
Kräfte erheifcht er auch. Zu diefer gehört aber, dag die Glieder 
berfelben fich unter einander verſtehen und fi) auf gewiſſe Weiſe 
fennen. Eben deshalb kann nie eine folche Vereinigung dag ganze 
menfchliche Gefchlecht umfaflen; fondern wie die Einrichtung felbft, - 
fo nothwendig .ift auch durch die Natur des Menfchen ihre Viel: . 
beit: denn fie beruht auf den geheimnißvoll bleibenden Eigenthuͤm⸗ 
lihfeiten, auf der verfchiebenen Lebensweife und auf der Sprache 
vorzüglich, welche ganz beſtimmt jedes Wolf von den übrigen ab» 
jondert. Nur inwiefern mehrere folche Vereine in einer gewiſſen 
leihförmigfeit neben einander beftehen, genießt dag ganze ein 
tuhiged Dafein. Wahrhafte Zerftörungen derfelben finden mir 
immer nur zu jenen merkwürdigen Zeiten, two die wefentlichen 
Verhaͤltniſſe "eines bedeutenden Theiles unfers Gefchlechtes fich 
ändern oder umkehren follen, wo eine gewiſſe Stufe der Bildung 
ahgelebt ihr Ende erreichen ſoll, kurz wo ein großer Abſchnitt in 
der Sefchichte der Menfchen nahe if. Dies‘ alled bezeugt ung 
hinlänglich, diefe Mehrheit bürgerlicher Verbindungen gehöre uns 
ter die wefentlichften, bleibendften Ordnungen in dem Haufe Gots 
tes; und in dieſer Vorausfesung nun verhalten fich in der That 
die treuen Acht vaterlandsliebenden zu jenen ungläubig und uns 
muthig zuruͤkkgezogenen, oder flüchtig oben hinausfahrenden, wie 
Hausgenoſſen zu Gaͤſten und Sremdlingen, man fehe nun auf bie. 
Einfihten, ‚welche fie fi) vom Haufe: Gottes erwarben, ‘oder 
uf die Geſchaͤfte, welche ihnen darin zu verrichten obliegen.. 
"Ein ‚Sremdling ift derjenige, ber überhaupt unftät und hei⸗ 
natlos in der Welt umbergetrieben, ober für eine Zeitlang Aus 
feinem eigentlichen Kreife entfernt, in eine ihm unbekannte Verei⸗ 
nigung von Menfchen auf eine vorübergehende Art gaftlich ‚auf 
genommen wird. Allein diefe Verbindung iſt immer eben fo ober⸗ 
faͤchlich, als -fie vorübergehend iſt, auch in Beziehung auf die 
Sonnen, welche der Fremdling von dem inneren, alles befeelen 
den Geiſte des Haufes erlangt. Er wird zwar leicht im allges ' 
Meinen erkennen, inwiefern das Leben edlerer Art ift oder niedes 
tet, inwiefern Liebe. oder Strenge das ganze regiert, inwiefern 
Man den Sinn des Hausdaters verſteht und ſeine Gebote beob: 


92. 


achtet oder nicht; er wird erkennen, welcher Grad von Chaͤttgkelt 
und Zufammenftimmung fich beweiſe in der. Unterwuͤrfigkeit ber 
Glieder unter das Haupt: aber wie nun eben dieſes Haupt ſich 
die einzelnen Glieder gebildet habe, jedes zu ſeiner eigenen Wer: 
richtung, mit welcher Weisheit es die natürlichen Anlagen benujt 
und entwifkelt, das wird dem Sremdlinge fremd bleiben. Das 
Ebenbild der Eltern in den Kindern, ihre gemeinfchaftlichen Züge 
entdekkt auch der Sremdling leicht: aber wie ihre Eigenthuͤmlich⸗ | 


keiten in ihrer gemeinfchaftlichen Abftammung gegründet find, mie | 


eben diefe vorzüglich durch die Ordnungen und die Lebensweiſe 
des Haufes gepflegt werden, Dies eingufehen, dazu gehört mehr, 
:al8 ein wenn auch noch fo langer gaftlicher Verkehr. Der 
- Sremdling wird an den Sitten. des Haufes das eigenthuͤmlichſte 
und auffallendſte leicht zuerſt entdekken: allein wie und warum fie 
durch das Haupt der Familie nicht willkuͤhrlich, ſondern nothwen⸗ 
dig ſo geordnet ſind, wie ſie auf das innerſte des thaͤtigen Lebens 
wohlthaͤtig einwirken, dies wird keiner verſtehen, ſo lange er Gaſt 
bleibt und nicht etwan in ein naͤheres Verhaͤltniß tritt, das ihn 
gewiſſermaßen zum Mitgliede der Familie macht. Iſt nun die 
Vertheilung der Menſchen in Voͤlker und Staaten eine fo me 
‚fentlihe Ordnung in dem Haufe Gottes, wie fie ung allen er 
fcheint: fo kann auch, wer ihr nicht den rechten Werth. beilegt, 


- fondern fie nur für eine. Nebenfache anfieht, von der. Art wie 


Gott fein großes Hausweſen regiert dag meifte nicht verftehn. 
Er kann fol im einzelnen die Spuren feiner Weisheit entdekken, 
und. erkennen, wie er die Menfchen almählig zur Tugend und 
überhaupt zur Aehnlichkeit mit fich zu erheben fucht; er Tann, 
wenn er einen befonderen Theil der menfchlichen Beftimmung fi 
zum Augenmerk nimmt, diefen wol in allen feinen äußeren Schiff: | 
falen verfolgen: aber. alles große und der innere Zufammenhang 
in der Gefchichte der Menfchen muß:ihm verborgen bleiben oder 
verworren erfcheinen, meil eben dag größte am genaueften mit 
. biefer Anordnung zuſammenhaͤngt. Wie eben durch dieſe Der 

- theilung der Menfchen in fo große Maffen die einzelnen Züge 
der menfchlichen Natur erft recht. im großen Eenntlich - heraustre- 
ten; tie jedes Volk eine befondere Seite des göttlichen Ebenbil: 
de darzuftellen durch feine befondere Einrichtung und durch feine 
- Lage in der Welt beftimme iſt; wie jedes auf feine eigene Weile 
. und in einem befonderen Gebiet die Nohheit der Natur zu bän- 
digen amd Die Herrfchaft der Vernunft zu befeftigen frebet: mer 
das begreift, der muß auch jene Anordnung lieben, dem muß ja 
grade darin, daß er feinem -Waterlande angehört, feine größte Ge 











229 . 


fiimmung in ber Welt Elar werden, bem muͤſſen fa bie Eleinen 
Mißverftändniffe Die aus dieſer Abfonderung entfiehen gegen Die 
große Bedeutſamkeit derſelben gaͤnzlich verſchwinden; und eben ſo 
gewiß wer zu dieſer Geſinnung nicht gelangt iſt, der kann auch 


jenes nicht begreifen, der iſt ย อ ก der Elaren und großen Einſicht 


in da8 Hausregiment Gottes ausgefchloffen und nichts als ein 
Sremdling, der nur das einzelne und dag äußere begreifen kann. 
Denn mwarlich, wenn in der ſichtlichen Welt nichts zu fehn waͤre 
ald was man verftehen kann, auch, wenn man von Diefen großen 
Bereinigungen der Menfchen hinwegſteht, nichts ด 18 was bie ein: 
seinen darbieten, infofern in ihnen der Stempel ihres Volkes ver- 
wiſcht if: fo würden wir überall nur dag kleinſte ſehen, was 
mit unbevoaffnetem Auge Eaum richtig gefehen werden Eann, nur 
die Bildungen des göttlichen Geiſtes in dem befchränkten Raume 
und den Eleinen Zügen des einzelnen Lebens. Und wiewol Gott 
allerdings auch im geringen erkannt werden kann: fo Fönnen 
doch wir, deren Wiſſen überall Stüffwerf ik, dag kleine in bie 
fem Sinne nur ‚verftehen, wenn wir dag früher erkannte große 
damit zufammendenfen. Und wie ung- der in der natürlichen Welt 
ein Sremdling dünkt, der zwar mit dem Fleinen und einzelnen ver: 
traut zu fein- fcheint, dem aber Die großen allgemeinen Verhaͤlt⸗ 
niffe der Natur unbekannt find: fo ift auch in der fittlichen Welt, 
in dem Hausweſen Gottes der gewiß nur ein Sremdling, was 
feine Kenntniß anbetrifft, der über der Anmuth des befonderen. 
bie Erhabenheit und Wichtigkeit des großen aus den Augen 
verliert. 

Aber nicht nur was ſeine Kenntniß von dem Hauſe Gottes, 
fondern auch was feine Gefchäfte darin betrifft, ก็ ด ห ห man eb’ 
nen folchen wicht für einen Hausgenoffen anfehn, fondern nur für 
einen Fremdling. 

Sremdlinge haben fich in einem wohlgeordneten Hausweſen 
immer einer freundlichen Aufnahme zu erfreuen; aber die Liebe, 
die man ihnen widmet, iſt nicht ohne ein gewiſſes bedauerndes, 
mitleidiges Gefuͤhl daruͤber, daß es ihnen an einem eigentlichen 
Geſchaͤftskreiſe fehlt. Sie werden eingeladen hei allerlei freudi⸗ 
gen Gelegenheiten, ſie nehmen Theil an den geſelligen Vergnuͤ⸗ 
gungen des Hauſes, helfen ſie verſchoͤnern und ſinnen zur Dank⸗ 
barkeit dafuͤr auf mancherlei kleine Dienſtleiſtungen: aber an den 
eigentlichen Geſchaͤften nehmen ſie keinen Theil, weſentliche Dienſte 
fuͤr den Wohlſtand des Hauſes werden ihnen weder angemuthet 
noch verſtattet, vielweniger daß man ſich ด น fie wendete in außer⸗ 
ordentlichen เป น น ย อ น 5 ศุ ด ม oder Bedraͤngniß. Richt anders 


fcheinen diejenigen. in der Welt Daran zu fein, melche ben ſchoͤnn 
Trieb nicht in fich ‚fühlen, mit ganzer Seele dem Volke fih an | 
zufchließen, Dem fie. angehören. Sie genießen durch die Güte 
Gottes die Annehmlichkeiten des Lebens, die keicht aus Fleinen j 
Verhaͤltniſſen entfpringenz fie tragen, wenn fie Talente befiien 
dag ihrige bei um diefe Freuden auch andere genießen zu laſſen; 
fie leiſten, wenn fie fonft rechtliche Menfchen find, gleichviel wo ง 
fie fich eben befinden, ber Gefelfchaft den Gehorfam, durch den 
die „meiften Störungen verhütet werden, und den eingelnen die 
. Dienfte, die der einzelne darbringen Fann: aber auf alle großen 
"Ungelegenheiten des Haufes Gottes find fie ohne Einfluß, und 
dieſe bleiben ihnen fremd. Denn alles große erfordert auch eine ง 
größere Maffe von Kräften, die der Menfch nur in der Verein 
gang mit andern findet, und die rechte Wurzel aller folcher Ber 
einigungen, die ihnen alleiır Leben und Dauer fichert, iſt die ge 
genfeitige Anhänglichkeit, das brüderliche Gefühl derer unter ein⸗ 
ander, die Ein Volk bilden. - Weſſen Kurzfichtigkeit oder Hoch⸗ 
much dieſes zu Elein ift, wer, anſtatt auf fein Volk und mit ſei⸗ 
nem Volke zu wirken, fich weiter ausſtrekkt und es gleich. auf das 
ganze des menfchlichen Gefchlechtd anlegt, der wird in, der That 
erniedriget, anflatt erhöhet zu werden. Denn wer jene größe Hal 
tung, jene mächtige Hülfe verfchmäht, Fan doch auf dag gane 





. unmittelbar ‚nicht. anders. wirken, als indem er als einzelner auf- 


einzelne wirft. Was er mit feinen ihm eigenen Kräften vermag, 
. das und nicht mehr wird er ausrichten; was er durch einzelne 
“ vorübergehende Einflüffe- auf Die. Empfindung anderer erreichen 
kann, das wird fein Werk fein. Ihr ſeht, e8 kann nicht anders 
fein der Natur der Sache nach, aber fragt auch die Erfahrung, 
ob es anders iſt. Die fo nur mit weltbürgerlichem, nicht mit 
bürgerlichem Sinne erfüllt auftreten, was haben fie wol hervor: 
gebracht, als einzelne Verbefferungen in Dingen, die zur Bequem 


lichkeit dienen, zum Erwerb, zur Sicherheit? was wirken fie felbft 


auf dem Wege, auf welchem der. Menfch.noch am weiteſten reicht, 
durch mündliche und fchriftliche Mittheilung ihrer Geflunungen 
und Einfichten anderes, als eben froheren Genuß, vielleicht rich. 
tigeren Verftand, vielleicht ein feineres Gefühl in dem eng abge 
(hloffenen Kreife des häuslichen Lebens, fo weit es eben durd 
das, was der ganzen gefitteten Welt gemeinfchaftlich ift, und das 
iſt immer das unbeftimmtere, oberflächlichere, kann erregt merden? 
wen zeigen fich folche Menfchen verwandter in ihrem ganzen 
Weſen, als auf. irgend eine geheime Art intmer denen, die wegen 
eines unſtaͤten Sinnes, wegen. eines unuberwindlichen Mangeld an. 


„= 





231 


Tuͤchtigkeit und Beharrlichkeit fich Feines Waterlandes . erfreuen. 
He dagegen, die Gott zu etwas großem berufen hat, nicht nur 
in folchen Dingen, welche unmittelbar den. Gewalthabern unter den 
Völkern obliegen in Zeiten der Ruhe wie des Krieges, fondern auch 
in folchen, die am wenigften an diefe Grenze gebunden Ju fein fchets 
nen, in dem Gebiete der Wiffenfchaften, in den Angelegenheiten der 


Religion, find immer folche getwefen, die von ganzem Herzen ihren 


Baterlande und ihrem Volke anhingen und dieſes fördern, heilen, ftärs 


fen wollten, folche; welche die. Verbindung liebten, in der fi. 


höhete Kraft, bereite Werkzeuge, willige Freunde nothwendig fins 
den mußten, folche, die auch in fich felbft den eigenthämlichen 
Sim ihres Volkes für das vortrefflichfte hielten. Und nicht nur 
die auserwählten Nüftgeuge Gottes, fondern ‘alle, denen er nur 
irgend ein bedeutendes beſtimmtes Gefchäft auftragen fol, muͤſſen 
[0 gefinnt ſein; ja eben das befte, was jeder verrichtet, wird im: 
mer dag fein, dem dieſer gemeinfame Sinn aufgebrüfft, was im 
igenthämlichften Geifte feines Volkes gedacht und. gethan ift. 
Und nur diejenigen, melche fo die Ordnungen Gottes verftehen, - 
welche fo in ihnen Ieben, welche er fo anſtellen kann in- feinem 
ภู ณ์ , find nicht nur Gäfte, fondern auch Hausgenoffen. 


II. Denfelben Unterfchied nun merden mir auch finden, 
wenn wir auf das DVerhältnig fehen, in welchem der einzelne zu _ 
den übrigen Mitgenoffen des Haufes Gottes ſteht, auch hier 
werden wir einen. Gegenfaz finden zwifchen Gäften und Bürgern. 
Der. Apoſtel will die enge Verbindung befchreiben, in welcher 
ohne allen Unterfchied der Abſtammung jeder Ehrift mit allen 
übrigen fich befinden fol. Wir twiffen, wie genau dieſe nicht nur 
gewänfcht und vorgefchrieben wurde, ſondern mie fie auch wirk⸗ 
lich fo in jenen Zeiten beftand, wie ale: Empfindungen ber ges 
naueſten Greundfchaft, unwandelbares Vertrauen nemlich, zärtlihe 
Inhänglichkeit, treue Theilnahme allen Chriften unter einander 
geniein waren. . Und indem Paulus dieſe befchreiben wid, weiß 
er feine treffendere Bezeichnung, als die, fie follten nicht mie 
Ftemdlinge mit den Heiligen fein, fondern tie Bürger. Ex will 
befchreiben, wie Ehriften nicht gegen alle, fondern unter einander 
gefinnt fein und ร ์ น Werke gehn follten, und dies war bie hoͤchſte 
und thätigfte Liebe; alfo muß er auch das für die höchfte Treue 


ind die Ichendigfte Theilnahme gehalten haben, nicht was ber" 


Denfch gegen jeden andern als derfelben Gattung angehörig, ſon⸗ 
tern was er gegen die, welche ihm die naͤchſten find,. als Burger 
ausuͤbt. Laßt uns demnach ſehen, wie dasjenige, was wir auch | 


989 ว . 
an bern brüderlichen Verein der Ehriften am wertheſten achten 


und am meiften bewundern, nemlich die innige, unwandelbare Liebe 
und bie treue unermübdete Theilmahme an gemeinfanen Ange ว 
fegenheiten, dem Menfchen zuerft und im allgemeinen nur durch 


das bürgerliche Verhaͤltniß möglich wird. 


Um die Liebe und Treue der Säfte und Sremblinge iſt 
es ein wunderlich Ding; auch wenn ſie ſich noch ſo wohl unter 
den Menſchen befinden, find fie ſelten mit ganzem Herzen da mo 3 
fie find, weil fie doch, wieviel man auch für fie thue, an dem in- 
neren Gehalt des Lebens eigentlich keinen Antheil nehmen. Alles 
was man ihnen mit zu genießen giebt, ift doch immer nur dad 
oberflächliche, der Glanz von Fröhlichkeit und Liebenswürdigkeit; 
der fich nach außen hin verbreitet. Die heiligften-Augenbliffe im 
innern der Samilien, wo bei befonderen Veranlaffungen die Her 1 


zen fich der Liebe aufs neue bewußt werden, wo an Schwachheis 
teen des einzelnen oder an bewiefener Kraft und Tugend alle 06 
ruͤhrt Theil nehmen, wo man ſich zu Gefahren flärkt, wo man 
. Schmerzen mit einander theilt, alle dieſe bleiben ihnen verborgen: 


und fo haben -fie nichts, was ihr. Herz tief bewegt und es maͤch—⸗ 


tig ergreift und fo fie fefter und inniger an andere bindet. Da 
her bemerft man an denen, welche lange Zeit Fremdlinge gewe⸗ 
fen find, daß fie fich mit Teichten, geringen Eindrüffen begnügen, 
‚ftärferer Bewegungen des Gemüthes aber ungewohnt und viel⸗ 
leicht unfähig werden. Daher ift e8 im ganzen fo wahr, mad 
man von ihnen fagt, daß fie den Zugvögeln ‚gleichen, die im 
Frühling Fommen und gehen wenn der Winter naht, denn ihre 
Zuneigung ift nicht ſtark genug, um fie auch in trüben Zeiten fell 
zu halten. Ganz eben fo ift es nun mit denen befchaffen, mel: 
chen es an bürgerlichem Sinn und Liebe zum Daterlande fehlt. 
Sie find eben deshalb auch .in dieſem Sinne auf der ganzen Erde 
nur Säfte und Sremdlinge. Indem ihnen gerade jenes. mittlere 
Gebiet verſchloſſen if, weiches alle Kräfte des Menfchen in Ans 
fpruch nimmt und doch feinem Gefühl und feinem Verſtand übers 
ſehlich ift: fo haben fie für ihre Liebe nur dag engfte, die häus: 
lichen Verbindungen nebft der vertrauteften Sreundfchaft, und das 
weiteſte, nemlich das allgemeine Gefühl für alled was Menſch 
heißt. Uber wie ift doch das leztere fo unbeſtimmt und ler, 
wenn es nicht durch jenes vermittelt it! Machen wir uns doch 
ja nicht, durch fchöne Morte verführt, bierüber eine Taͤuſchung. 
Der Sache des menfchlichen Gefchlechtes dienen, die Befoͤrderung 


ber Tugend, der Vernunft, ber Frömmigkeit im allgemeinen fih 


um Wunſch und Zist fegen, den einzelnen in dem Maag leben 





233 


als er hiezu beiträgt, das tft Herrlich. Aber wie Bann ſich denn 
feneg allgemeine Gefühl als Liebe zeigen, wenn nicht gegen biejes 
nigen, die ung voirklich nahe treten, die in den Kreis unferer Thaͤ⸗ 
tigfeit fallen im Leben felbft? Umgeben ung nun die nicht am. 
meiften und fordern uns auf; ihnen Beifall und Liebe zu fchens 
fen, die mit ung zu einem Volke gehören? Allein auch andre, 
önnen toir fie wol ganz kennen und alles liebenswärdige an ih: 
ren lieben, wenn wir nicht auch auf das toichtige Verhaͤltniß 
ıhten, เซ ล 8 fie einem Volke eignet und mit einem Vaterlande 
erbindet? Ich weiß, hier eben erheben fich die Befchuldigungen, 
Vaterlandsliebe mache Eurzfichtig, parteiifch, nähre Vorurtheile ge: 
gen andere Völker und mache, dag man denen geringfchäsig be- 
gegne, die ihnen angehören. Aber ift dag nicht Die Unvollkom⸗ 
menheit der Menſchen und Feinesweges der Fehler der Sache? 
Vollen wir Die Schmwachheiten der Tiebenden der Liebe anrechnen: 
welche Liche müßten mir dann nicht verdammen und zwar. die 
Rärkfte und innigfte am meiften! Daffelbe Elagen ja die ungläus 
bigen gegen das Chriftenthum und die in der Melt durch Un⸗ 
gut oder Schuld vereingelten gegen die Familienliebe. Vielmehr 
laßt ung geftehen, wer nicht von dem Werthe des eigenen Bol 
ไช่ durchdrungen iſt und mit Liebe daran hängt, der wird auch 
an einem andern dag nicht fchägen, wie fchön und vollfommen er 

von dem Geifte feines Volkes durchdrungen ift, der kann auch 
nicht diefe Liebe und Treue an einem andern lieben. Und wer. 

nicht von der Beftimmung feines eigenen Volkes erleuchter if, 
der kennt auch nicht fo den eigenthümlichen Beruf anderer Voͤl⸗ 
fer und kann alfo weder die rechte Freude haben an dem groͤß⸗ 
tm, was überall in der großen Sache der Menfchheit gefchieht, 
noch auch die rechte Kiebe zu denen, die am eifrigften daran ar- 
beiten. Darum befchränkt fich auch die allgemeine Liebe derer, 
weiche keine Vaterlandsliebe kennen wollen, auf die gewöhnlich 

fen guten Eigenfchaften, welche fich, wenn ich fo fagen darf, im 
Heinen Dienfte des Lebens aͤußern. Darum find fie größtentheils 
ſo weichlich empfindfam gegen alle Kleinigkeiten, welche fich da . 
ereignen, und indem fie es fchon für groß und herrlich halten, . 
wenn fich einer in diefen ſtark und tüchkig zeigt, verlieren fie für 
ihte Bewunderung und Liebe das höhere Ziel aus den Augen. 
Und ſehen wir auf die engften Kreife des Lebens, wieviel verlie- 
tm fie, abgefchnitten von dem Volksſinn und’ der Liebe zum Bas 
terlande! mie wenig achtungswerth erfcheint der Mann, der ohne 
diefe Haltung mit feiner Thätigkeit herumſchweift und doch im⸗ 
mer nur Feines und beſchraͤnktes kann zu bezwekken fcheinen, der 


234 


fich, da er alles große auffaflen und anftreben follte, fchon gegen 
dag gleichgültig zeigt, was ihm am nächften liegt! wie matt iſt 
‚eine Sreundfchaft, welche nur auf ‚perfönlichen. Aehnlichkeiten dei | 
Semüthes und ber Neigungen beruht und nicht auf einem großen I 
gemeinfamen "Gefühl, um beffentwillen man auch das Leben ſelbſt 
mit allen biefen zufälligen Uebereinſtimmungen aufopfern Eönnte! | 
wie verliert die Frau ihren größten Stolz, wenn fie nicht fühlt, 
daß fie aud) dem Vaterlande Kinder gebärt uud ersicht, daß ihr 1 
Hauswefen mit allen den Kleinigkeiten, die den größten Theil ih | 
rer Zeit ausfüllen, einem größeren ganzen angehört und in dem f 
Bunde ihres Volkes feine Stelle einnimmt, daß deffen Sinn fid 
. barin fpiegelt, deſſen Kräfte fich darin vereinigen und aufs neu 
entwilfeln! wie planlos und. unficher oder wie millführlich und 
verkehrt muß die Erziehung fein, der dieſes Maaß des vaterlaͤn⸗ 
- difchen Geiftes fehle bei der Entwikkelung der Kräfte, dieſe Aus: 
ficht auf vaterländifche Thäatigkeit bei dem Hinarbeiten auf eine 
kuͤnftige Beftimmung. 

Es bedarf gewiß nicht erft ausführlich das Gegenbild auf⸗ 
geſtellt zu werden zu dieſer Schilderung, um davon zu uͤberzeu⸗ 
gen, wie mächtig wahrer Volks⸗ und Buͤrgerſinn nach allen Sei⸗ 
ten hin wirkt, von dem Heiligehum der Ehe und der Freundfchaft 
"anfangend bis zu bem-allgemeinften, flüchtigften Verkehr der Men: 





ſchen mit einander, um jede Art der Liebe zu erhöhen und fefter 


zu ‚gründen, und wie ohne ihn gerade in den fehönften Empfin 
dungen, in_den heiligften Bewegungen des Gemuͤthes der Menſch 
nur ein Gaſt ſein kann und ein Fremdling. Nehmt noch hinzu, 
wie viele kleine Stoͤrungen der Liebe in allen Verhaͤltniſſen des 
Lebens uns verſchwinden, wenn wir vorzuͤglich auf dieſes große 
unſer Augenmerk gerichtet halten, wie viel Beleidigungen gegen 
uns ſelbſt wir da, ohne daß wir ſie erſt verzeihen duͤrften, gleich 
vergeſſen koͤnnen, wo uns dieſe gleiche Liebe entgegenkommt, und 
wie uns alſo jeder andere Beſiz der Liebe um ſo mehr geſichert 
-ift unter dieſem Schuz, als auch Treue in allen Verhaͤltniſſen im⸗ 


mer da am-beften gedeiht, wo die reinfte Vaterlandsliebe herrſcht; 


nehmt hinzu, welches große Gebiet der Liebe derjenige gewinnt, 
der an feinem Volke hält, und welch ein ungerftörbareg — denn 
was thut und giebt ein Volk nicht, damit es fein Leben rette: 

fo muß euch-.gewiß derjenige ,- der ห ิ ต) diefer Vorzuͤge begeben 
bat, oder dem der Sinn dafür fehlt, in Abficht auf alles, was 
£iebe heißt, nicht einmal als ein Saft nnd Fremdling erſcheinen, 
ſondern als ein ganz Öürftiger und beflagenswerther, des fich nur 
vvon den Broſamen nährt, die von der reichen Tifche fallen. 


2 





233 | 
Daffelbe gilt aber auch won ber Gemeinſchaft der Tha⸗ 
ten, in welcher wir alle, wenn wir unfer Leben wirklich ausfuͤl⸗ 
en und bereichern follen, mit andern ſtehen muͤſſen. 
Der Menfch iiſt durch und durch gefellig und fo eingerich- 
ct, daß er nirgends allein ftehn kann. Wir müßten unfer Leben 
datenlog verträumen, wenn wir ung mit demjenigen begnügen 
vollten, was wir allein ausrichten Eünnen. -Denn wenn wir auch 
a8 eigenfte recht genau. betrachten, werden wir immer finden, 
aß fremde Kräfte mit darin gefchäftig find. Daher fühlen wir 
Me dag zwiefache Beduͤrfniß, andere für unfere Thätigkeit mit zu 
jewinnen und in Diefelbe hineinzuziehen und auch ung an andere 
0 angufchließen, daß wir in dem, was fie verrichten, auch unfere 
Thätigkeit mit erbliffen. Eine ſolche Verbindung, wird man fas 
gen, findet jeder von Natur in feiner Familie und außerdem mir 
noch befonders in unferer Eirchlichen Gemeinfchaft. . In einer 
tohleingerichteten Familie trägt jeder zu allem was gefchieht et⸗ 
was bei, wenn auch nur mittelbar dadurch, daß er an feinem 
Theil den Geift der Liebe, der Heiterkeit, der Ordnung erhält, bei 
dem allein Die Gefchäfte cines jeden gedeihen Eönneh; und jeder 
findet bei allen Hülfe und Unterftügung für dag, was ihm befons. 
ders obliegt. ° Und welches Feld thätiger Gemeinfchaft eröffnet 
und nicht unfere Verbindung mit der Gemeine. der Chriften! 
durh den Glauben bringt jeder fein Opfer ber Thätigkeit bar 
und ift-übergeugt, daß alle gleichgefinnten feine Helfer und Mit 
arbeiter find, weil fie alle daffelbe Ziel vor Augen haben und in 
temfelben Geifte handeln; durch den Glauben eignet jeder ſich an 
alles fchöne und gottgefällige, wag im ganzen Umfang der Kirche 
geihieht, denn er โด ห น fi) das Zeugniß geben, dag alles was 
( thut jenem vorbereitend und unterfiügend zu Hülfe fommt. 
Allein, meine Freunde, wenn wir nicht Iäugnen Eönnen, daß der. 
06 Kreis des häuslichen Lebens die Beftimmung des Menfchen 
nicht erfüllt und bald felbft unſchmakkhaft und leer wird, wenn 
nicht aus demfelben eine weiter in die Welt eingreifende Thaͤtig⸗ 
kit hervorgeht; wenn wir ung zwar jenes gläubigen Mitwirkend 
und Mitgenuffes als Chriften herzlich und felig erfreuen, aber 
und doch nicht laͤugnen Fönnen, daß der Glaube ſich nur durch 
das Schauen bewährt, und daß er und bald, wo nicht Ieer, doc). 
wenigſtens höchft unbefriedigend erfcheinen müßte, wenn nicht eine 
außere Gemeinfchaft wirklichen Thuns, wirkliche Hülfsleiftungen 
 beftimmten einzelnen Fällen uns jene innere und allgemeinere 1 
darſtellten: fo koͤnnen wir nicht laͤugnen, daß ung dieſe beiden Ver» 
Sindungen noch auf eine dritte hinweiſen, und dies ift Feine an⸗ 


gehend aus dem engen Gebiet ihres Haufes, fiften die Maͤnner 


อ 936 | 
dere als die, ให welcher ein feder mit feinem Volke ſteht.“ us: 














den Bund des Nechtes, der Gefese, der gemeinfamen Thaͤtigkeit; 
alle im Geift vereinigend in Gott und Chrifte, führt auch die 
Kirche einen jeden, der erft fragen mollte, an welche von feinen 
Brüdern, bie ihm im Geift alle gleich nahe: find, er ſich nun zu⸗ 
nächft zu wenden hätte, um wirklich zu Stande zu bringen was 
. 66 Geift Gottes in feiner Bruſt ihm eingiebt, um nicht nur Her⸗ 
gen, fondern auch Hände und alle Kräfte zum gemeinfamen Merk 
zufammenzuthun, einen jeden folchen führe auch die Kirche uf 
nnächft zu denen hin, die mit ihm ein Volk ausmachen. Hierhin, 
würde fie fagen, bift du durch Gott felbft, der in den Veranfkaltun 
gen der Natur redet, gewiefen. Hier allein Fannft du Dich volk 
kommen verftändlich machen, bier Fannft du dich an ein. gemein 
fames Gefühl wenden und an gemeinfame Vorſtellungen, fo daß 
- deine Gedanken fich deinen Brüdern empfehlen als folche, meld 
zugleich die ihrigen find. Hier Fannft du deine Entwürfe, wenn 
fie toirklich dad gute und ſchoͤne betreffen, weil es fich in ande 
ren eben fo. geftältet wie in Bir, zur gemeinfamen Sache. erheben. 
Hier findeft du einen großen Kreis, den du aber, wenn es bie 
. eifrig anliegt, mit allem was in bemfelben gutes und fchlechtes 
im großen vorgeht, wol überfchauen und dic) mit allen. Deinen 
Kräften jeder guten Sache anfchließen, jeder fchlechten widerſezen 
kannſt; du findeft ein. dir entgegenfommendeg gleiches Gefühl und 
wirſt gern aufgenommen als ein berechtigter zu jeder Mitwirkung. 
Hier kaunſt du für dag gute wirfen mit der vollen Kraft der 
Mede und-der That, du Eannft Dich berufen auf die einwohnende 
gleiche Denkungsart, auf den angeflammten Sinn derfelben Vor⸗ 
fahren die alle verehren, auf die Bedeutung derfelben Geſeze de 
nen alle unterworfen find, auf faufend allen liebe und werthe 
und in ihr Leben eingreifende Einrichtungen, welche alle denfelben 
Sinn ausdrüffen und denfelben Zweffen dienen, auf die auch 
Deine Abfichten und deine Ermunterungen hinauslaufen. Ja wenn 
jeder es für feinen Beruf halten muß, auch den Sinn für das 
gute überhaupt in denen zu wekken, denen er noch fremd ift, und 
wen er Fann unter dem Gehorfam des göftlichen Geſezes zu vers 
fammeln: woran läßt fich jede Forderung der Vernunft beffer 
anknuͤpfen, wodurch das Gemuͤth für alled höhere und edlere bef- 
fer. bearbeiten, als iridem man aufregt dag Gefühl von Ehre und 
Schande, von Anftand und Sitte, was fich in jedem Volke auf 
eine eigene Weife bilder und von jedem mit der Muttermilch 
Hleichfam, aufgenommen wird? So wie mancher Bürger: weniger 





. ” . 237 = 

Ye allgemeinen Geſeze In ihrer urfpränglichen Geftalt kennk, wol 
ıber die befondern Ordnungen. und Gebräuche feiner Zunft und 
eines Standes, in denen aber jene allemal mit enthalten find, 
0 fennt auch’ mancher Menfch weniger bie Geſeze Gottes, die 
Borjchriften der Vernunft in ihrer allgemeinen Geſtalt, aber was 
zilt und hergebracht ift und recht und ſchoͤn unter feinem Volke, 
8 Eennt er, dadurch läßt er fich nicht nur Teiten, fondern auch 
u einem höheren Bewußtſein am leichteften erheben. 

Fa, meine Freunde, betrachten wir dieſe Vermehrung unſe⸗ 
rt Kräfte, welche aus der freuen Verbindung mit dem Vater⸗ 
lande entftehtz übertäuben wir hier nicht durch verdrehte Kluͤge⸗ 
kien die Stimme der Natur: fo .müffen wir seftehen, nur der 
kann ununterbrochen in einer feinen Kräften angemeflenen gottge⸗ 
fülligen Thätigkeit fein; nur der kann alle Pflichten erfüllen, alle 
Rechte ausüben, ale Vortheile benuzen und alfo einheimifch fein 
wie ein Bürger in dem Meiche Gottes, der es treu mit dem 
Volke halt und meint, dem ihn der Herr -zugefellt hat. Wie 
vrihwinden gegen ihn der Saft und der Fremöling mit ihrem 
unſichern, unftäten Thun! wie arm müffen fie fich vorfommen an 
gehaltvollen guten Werfen, von wie wenigem- Einfluß mit viel-. 
kiht den herrlichften Kräften auf ihre Brüder, wenn fie fehen, 
tie der freue Bürger von feinem Daterlande getragen und er- 
höht wird, wie er durch mechfelfeitigeg Geben und Empfangen 
led mitgenießt in Luft und Freude, alles beweget mit Muth und 
Kraft, in allem -mitlebt als ein regfamer, gefchäftiger, liebender 
Theil des ganzen. | | 

Darum laßt ung nicht Gaͤſte und Fremdlinge fein, fondern 
Dürger mit den Heiligen! Es ift eine gemeine Rede, wiewol fie, 
dem Himmel fei Dank, noch jung ift und nur einer fchlechten 
ilafften Zeit angehört, daß die miflenfchaftlich gebildeten am 
tenigften ein Vaterland hätten. Sie mag von denen herrühren, 
ไต 6 meinen, daß nur die Noth des Gefchäftes den Menfchen - 
an feine Stelle feffelt; aber auch fo iſt fie falfch, denn alle. md: 
ten dann eben fo loſe, bis auf die, welchen der Boden felbft ihre 
Arbeit ift und ihr Beſiz. Aber nein, es ift nicht die Noth, die 
den Menfchen feſthaͤlt, fondern eine innere Luft und Liebe, ein ans 
gebornes gemeinſames Dafein, eine ungerftörbare Zufammenftim- 
mung. Laßt ung alles das unfrige thun, um diefen Irrthum zu 
bertilgen; laßt ung zeigen, daß mit der Haren Einficht in alle . 
Berhältniffe der Menſchen die Liebe zum Waterlande. nicht ab- 
Nimmt, fondern. zu. Gern von dem Eleinlichen Hochmuth, der die⸗ 
ſes Gefuͤhl entehrt, laßt uns immer fuͤhlen und bezeugen, daß 


238 


unfer Wiffen und Thun aus unferm Volk hervorgegangen fei 
und ihm angehöre.. Auch in fchlechten und unglüfflichen Zeiten 
Dies Gefühl und diefe Ueberzeugung nicht zu verläugnen, lehren 
uns die höchften Vorbilder. des Glaubens. Chriſtus wollte nicht 
‚das Licht feiner Lehre zu andern Völkern tragen, bis es dem für 
nigen überall war dargeboten worden, und er ward nicht mühe, 
feinem Volke zu ſagen was zu ſeinem Frieden diente, ohnerachtet 
er zulezt nur weinen konnte über daſſelbe. Paulus ruͤhmt ſich, 
auch nachdem daſſelbe Volk ſchon das Heil von ſich geſtoßen, 
noch feines vaterlaͤndiſchen Eifers und feiner Schmerzen. Aehn⸗ 
lid) find. wir diefen Borbildern durch unfern Beruf. — Dem 
. wozu wir auch. im einzelnen beftimmet fein mögen, das Tiegt und 
allen ob, kraft der Stufe, auf welcher wir ftehen, von der Wahr 
heit zu zeugen und ung zu erweifen als das belehrende, warnend, 
ftrafende Gewiſſen unferes Volkes. — So laßt ung ihnen den 





| u auch ähnlich fein an frommer Liebe -und Treue, an umerfchütter 


licher Feftigkeit, an befcheidenem Sinn, an Nichtachtung eigentr 
. Roth und Gefahr: dann allein werden wir uns ruͤhmen Eönnen, 
Gottes Hansgenoffen zu fein und Bürger mit den Heiligen. 





"239 


Daß überall Frieden ift im Reiche Gottes. 


Fu iu Gott und Erfenntnig Gottes find auf dag ungertrenns 
lichfte mit einander verbunden, ſezen fich voraus und fördern fich 
gegenſeitig. ES ift die erſte dunkle Regung der eingebornen Liebe 
zu Gott in der menfchlichen Seele, welche ung treibt, eine höhere 
Ordnung und Bedeutung in den Dingen der Welt. vorausfezend, 
die Spuren des hoͤchſten Weſens aufzufuchen, und mit jener Ne 
gung muß ein eingebornes Bewußtſein von Gott ſchon urſpruͤng⸗ 
lich verbunden ſein, weil ſie ſonſt in ſich ſelbſt ganz leer waͤre 
und ohne Gehalt. Eben ſo auch hernach, je hoͤher von dieſem 
ten Beſtreben aus die Erkenntniß Gottes ſteigt, deſto höher 
muß auch die Liebe fleigen. Denn Gott ift fo fehr dag liebens⸗ 

würdigfie, daß erft dadurch, daß wir ihn kennen Iernen, die‘ 
wahre höchfte Liebe in unſerm. Herzen aufgeht, mit welcher wir 
nur ihn, alles andere aber in ihm und durch ihn lieben koͤnnen. 
Und je mehr wir ung wahrer Liebe zu Gott zu rühmen vermoͤ⸗ 
‚gen, um defto mehr. wird ung auch die Liebe in die Geheimnifie 
fing Wefens und feiner Regierung einweihen; denn Das unbe 


kannte kann als folches nicht geliebt werden, und jedes. Mißver ว 


ßaͤndniß, welches noch zuruͤkkbleibt, ift ein Samenkorn der Furcht, 
welche ja nicht beſtehen kann mit der Liebe. 

Vergleichen wir unſern gegenwaͤrtigen Zuſtand mit dieſer 
Kegel, deren Wahrheit gewiß eines jeden Gefühl beftätigt: fo 
Werden wir ung fagen müffen, daß 68 nur etwas fehr. unvoll⸗ 
lommnes fein kann mit unferer Liebe zu Gott, weil unfer Wiſſen 
me Stuͤkkwerk ift, weil wir nicht Elar fehauen, ſondern unfer 
Blikk auf mancherlei Weiſe getruͤbt und beſchraͤnkt iſt. Wer 
wollte ſich rühmen, überall im einzelnen den Gang der goͤttlichen 


Vorſehung in der Geſchichte er Menſchen prophetifch zeichnen zn 

ก ร ั 8 แน น? ‚voer wollte „nicht vielmehr geftehen, daß es nur Vor 
wiz wäre und flatt der Erfenntnig nur auf Aberglauben führen 
Würde, wenn wir ung dieſes zum Ziel fegen wollten. Aber laßt 
ung auch nicht vergeffen, daß eben das einzelne hier nicht ein 
Gegenſtand der Erfenntniß feyn kann; fondern dieſes will nur 
gläubig aufgefaßt fein, und wird auch gewiß nur fo aufgefaßt in 
jedem Gemüth, welches eben fo herzlich liebt, als redlich forſcht. 
. Denn darin eben bewaͤhrt ſich der Glaube, wenn wir dasjenige, 
was wir im großen und allgemeinen als zum Wefen Gottes 0 ย 
hörig erkannt haben, auch überall im einzelnen, felbft wo mir อ 
nicht beftimmt heraus finden koͤnnen, dennoch als gegenwärtig 
und wirkſam vorausfagen und feft vertrauen, es gebe irgend ein 
Verhaͤltniß, einen Zeitpunft, in welchem auch dieſes fich und be 
ſtimmt offenbaren werde. ‚Aber im großen allerdings und im al 
. gemeinen muß unfere Erfenntniß Gottes immer ficherer und vol: 
ftändiger werden, wenn unfere Liebe reiner und lebendiger werden 
fol. Wenn aber die Menfchen, ariftatt fich die. einfache Darfick 
lung der. Schrift anzueignen, daß Macht und Liebe im Gott gleich 
unendlich und durchaus Eines find, fich das Weſen deffelben in 
eine Menge verſchiedener Eigenfchaften zerfpalten und diefe dam 
durch einander und in fich felbft einfchränken, als ob die cin 
fich jest entwikkele, die andere erft in Zufunft koͤnne fichtbar ter 
den, Die eine ſich nur in Gegenftänden diefer Art, bie andere nur 
in andern zeige: dann, meine Freunde, dann befteht fchon im 
großen und allgemeinen ein furchtbares Mißverſtaͤndniß; und dans 
muß es auch im einzelnen überall dem Glauben an Haltung fe 
len, fo daß der Menfch nicht mehr ohne Bangigkeit ber Entwiff: 
lung der göftlihen Natbichlüffe entgegenfehen Fann. Wenn 6 
, fürchten muß, die Liebe Gottes koͤnne jest ruhen, die Weisheit 
Gottes Fönne auf eine ferne Zeit warten um -in Wirkfamfeit zu 
treten: wie fol er, deffen Leben immer nur die Gegenwart il, 
fich in befriedigter Liche und feftem Vertrauen an Gott halten 
- können? 2 : | 
Daher muß dies die vorzüglichfte Uebung unferer Erkennt 

niß Gottes fein, daß, was wir einmal aufgefaßt haben als eine 
nothwendige Art, wie ſich das Wefen Gottes Außert und offer 
bart, wir ung dieſes auch als ewig ununterbrochen und überal 
wirkſam denfen; und dieß muß die Uebung unferes Glaubens 
fein, nicht daß wir ung beruhigen lernen bei dem Gebanfen, es 
fehle irgendwo biefe oder jene Aeußerung des göttlichen Welend 
fondern daß mir feſt annehmen, fie fei da, und daß mir nic! 





241 


ermäbden fie aufzufuchen, fo weit unfere Blikke nur dringen koͤn⸗ 
nen. Zu diefer Befreundung nun unſeres Herzens und unfere® 
Geiſtes ‚mit dem göftlichen Wefen möge auch die folgende Ber 
trachtung etwas beitragen. 


Text. 1 Kor. 14, 33, 


Gott ift. nicht ein ‚Gott der Unordnung,. fonbern des 
Friedens. | 


Auf die befondere Beziehung, in welcher der Apoſtel dieſe 
Worte geſchrieben, haben mir bei dem Gebrauch, den wir jezt 
davon machen wollen, keine Ruͤkkſicht zu nehmen. Denn der 
Apoſtel ſelbſt fuͤhrt eben in dieſen Worten ſeine Leſer vom be⸗ 
ſonderen zum allgemeinen zuruͤkk; er begruͤndet ſeinen Tadel und 
feine Vorſchriften dadurch daß wie in der Gemeine uͤberall ein 
goͤttlicher Sinn herrſchen und “fie im kleinen dem großen Reiche 
Gottes aͤhnlich ſein ſolle, ſo auch nothwendig in ihr Ordnung 
und Friede durchaus herrſchen muͤſſe. Wir ſehen daraus, daß 
( Ordnung und Frieden als eine von jenen allgemeinen Offen: 
barıngen bed göttlichen Weſens angefehen habe, welche uͤberall 
miffen เน finden fein, wenn wir fie nur aufzuſuchen verftehen. 
Rögen wir alfo  verfuchen, wie weit wir ſchon das göttliche zu - 
finden berfichen, indem wir jezt die Wahrheit beherzigen, 


daß überall, wo Gott. waltet, Friede fein muß. 
Bir wollen fie anſehn als die Regel, die ung feiten muß ſowol 


bei unferer. Betrachtung ber welt ณ์ 8 bei ber Anordnung - 


unſeres Lebens. 


I. Belrachten wir zuerſt die Rasur, welche ung umgiebt, 
und die Art wie der Menſch zur Kenntniß derſelben gelangt iſt: 


ſo koͤnnen wir nicht laͤugnen, daß der Anblikk der Ordnung und 


des Friedens, welche in der fteten Bewegung der Weltkörper, in 
den verfchiedenen Erfcheinungen des Himmels und in den großen 
damit zufammenhängenden Veränderungen auf der. Erde herrfchen, 
dem inneren Verlangen der Menfchen zuerft bie Befriedigung ges 
geben, dag fie die. Welt als eine- Offenbarung Gottes anfehen 
fonnten, wol wiffend, im Leben und in der Ordnung. vorzüglich 
müffe fich das ‚höchfte Wefen den Menfchen zu erkennen geben. 0 
Dann haben auch immer bie verfchiebenen wunderbaren für ſich 
beſtehenden Bealtungen des Lebens in der ebierifhen Welt for 


.. 





2 
wol, als in der ber Vflanzen den Geiſt ฝี น ิ « ซิ ด ห ไต angtiogen 
wegen des bewundernswuͤrdigen Vereines, in welchem dort das 


entgegengeſezte mit einander zu Einem zufammenflimmt; und «8 
„ ift eine oft ermeuerte, immer‘ erweiterte Aufgabe getvorden, Die 


verborgenen Ordnungen in dem ganzen Hergange bes Lebens, 


aufzufinden. Ja auch dahin, wo am. wenigſten Ordnung und 
Friede zu bemerken iſt, auf das was in den oberen Regionen 
der Erde vorgeht und ben niederen des Himmels, auf den den 
Einfluͤſſen der Geſtirne zugefchriebenen Wechſel der Witterung, 
wo offenbar Kräfte mit einander ftreiten und in anfcheinend uns 
regelmäßigen Erfcheinungen ihren Streit verfündigen, auch dahin 
hat ſich zeitig die Forfchbegierde des Menfchen gelenkt, offenbar 
Doc, wiflend, daß nur das geſezmaͤßige der Menſch zu erkennen 
vermag, und alſo auch hier Geſezmaͤßigkeit vorausſehend. Ja 
daran am meiſten erkennen wir, wie mächtig dieſe Vorausſezung 


iſt, daß ohuerachtet fo geringer Fortſchritte und fo vielfältiger 


Taͤuſchungen die Menſchen dennoch nie müde geworden find, ihr 
Beſtreben diefen Gegenſtaͤnden zu widmen, um auch ba, two bei 


des am: wenigften in die Augen fällt, Orbnung und Srieden zu 
entdeffen und dadurch dag wahre und göttliche in dem Weſen 


und den Verhältniffen der Dinge zu finden. So iſt der Menſch 
offenbar nur durch den Glauben, dag uͤberall in den Gefchüpfen 
und den Veranftaltungen Gottes Friede müfle zu finden fein, all 
mählig mit der. Natur befreundet worden und, durch den Schein 


je länger je mehr zum Weſen hindurchdringend, zur Erkenntniß 
gelangt, noch immer überzeugt, daß _er diefe nur da habe, wo ihm 


wirklich Ordnung und Zriede fchon gefunden ift. 

. Alfo fei auch dies unfer leitendes Geſez, wie bei allen For; 
fchungen zum Behuf der Wiffenfchaft, fo auch bei allen unferen 

‚Anfichten der Natur zum Behuf des Lebens, daß wir überall 

das wahre und göftliche nur da gefunden haben, wo wir Ord—⸗ 


nung und. Srieden erbliffen, wo aber nicht, da noch gewiß von 


‚trügerifchem Schein uns täufhen laffen.. Und in der That, 
meine Fremde, alle Klagen, die wir fo oft hören, über das 
feindfelige innerhalb der Natur, wie jedes des anderen Feind fei, 
alles fich gegenfeitig zerflöre, die ganze Welt nur als: ber Schau 





plaz eines ewigen Krieges könne angefehen werden, bören wir 


fie nicht am meiften von denen, welche eben in ihrem verkehrten 
Sinn den Zufammenhang der Welt mit einem hoͤchſten Weſen 
laͤugnen und fie, noch unbegreiflicher gewiß; nur als ein Spiel 
des Zufalls anfehen wollen? und demnaͤchſt auch wol von denen; 
bie noch zu fehr am fi Innlichen bangenb und eben desbalb mit 


x x - = 
243 | | 


dem befferen in Ach ſelbſt im Streit Begriffen ! eben nichts wich⸗ 
tigeres und groͤßeres kennen, als die fluͤchtige Erſcheinung des 
einzelnen Lebens. Dieſes freilich zerſtoͤrt die Natur auf alle 
Weiſe, aber am meiften doch auf die friedlichfte, rührenöfte, bes 
ruhigendſte, und feine Zerftörung träge in Zeit und Maaß eben 
[ง da8 Gepräge der höchften Ordnung, wie fein Entftehen. Aber 
warlih der verfteht noch nicht das Verhaͤltniß des zeitlichen 
finnlichen zu dem ewigen Leben und ift alfo noch gar nicht in ง 
göttliche Gefinnung eingeweiht, der in biefer Hinficht etwas befs 
[668 begehrt oder träumt, als was vor Augen liegt, und der 
die Einrichtungen nicht als Frieden und Ordnung erkennen will, 
durch welche Die Natur das vergängliche zur Ruhe bringt und 
auflöfet., Oder wern die Klage erhoben wird, daß gegen den 
Menfchen vorzüglich -Die Natur im Streit ift, daß ihre Unord⸗ 
nungen feine Sortfchritte aufhalten, daß ihre feindfeligen Kräfte 
feine Werke zerſtoͤren, daß fie mit taufend verderblichen Zufällen . 
feinem Leben und feinen Unternehmungen brobt, ruͤhrt fie nicht 
von denen ‚her, twelche nur um ihres Nuzens, um ihrer Bequem: 1 
lichkeit und Trägheit willen eine größere Sicherheit in allen ihren 
Handlungen wünfchen, welche weniger auf den Erfolg im alge 
meinen, als auf den ‚Erfolg für fie felbft fehen,. und das bedeu⸗ 
tendfte in den Verhältniffen des Menfchen zur Natur, fein alle 
mählige8 Herrwerden über biefelbe, wozu ihn Gott eingefest Hat, 
überfehen? Wer aber diefes. befördern und nicht in allem, was 
den Menfchen verherrlichet, nur durch ein- blindes Gluͤkk begüns 
‚ Riget werben will; wer immer weniger fein eignes fucht, als bie - 
Sache der Geſellſchaft und der Menfchen überhaupt: der finder 
nur freundliche Annäherungen. in- allem, wodurch die Natur ihn 
auffordert, feine Herrfchaft von einer neuen Seite zu erweitern, 
und in allen, wodurch fie-auch ihn im ihren allgemeinen Zuſam⸗ 
menhang hineinzieht; der ſieht in allem anſcheinenden Streit nur 
Ordnung und Frieden. 

Betrachten wir auf der ändern Seite, die Geſchichte, das 
eben der Menſchen unter einander: fo mögen bei dieſer Be 
trachtung die meiſten wol erſchrekken vor dem Gedanken, daß das 
göttliche nur da ſei, wo Hrönung und Frieden if. Denn in un⸗ 
feren Borftellungen von einem Zuftande, den wir uns als den 
berrlichften denken, in welchem unfere Natur ihre volle Befriedi⸗ 
gung färide, iſt dies zwar und bleibt der weſentlichſte und unter- 
(heidendfte Zug: aber wenn die Entfernung von dieſem uner- 
reichbaren Zuftande ſchon ungöttliches Weſen fein, wenn alles 
dag zeichen der Verdammniß an ich fragen Are worin die Ord⸗ 


n 





en 

nung immer getrübt ift und was ohne unfrieden nicht. beftehen 
kann: wie fielen wir Dann in die tiefſte Unglüfkfeligkeit zuruͤkk! 
wie waͤre อ ด แน au allem, wozu wir unſere Zeit am wuͤrdigſten 


und ſchoͤnſten zu benuzen glauben, fo gar nichts begehrungswuͤr⸗ 
diges und göttliches! Denn zuerſt, was jeder für fein Volk und 


- fein Vaterland thut, fchiene wur an ungoͤttliches und verwerfliches 
gewendet. Oder find nicht die werfehiebenen Völker der Erde un 
ก einig- über ihre Grängen, eiferfüchtig über ihre Macht und ihre 
Reichthuͤmer, als ob die Erde, die fie. alle erzeugt und trägt, ſie 
nicht alle erhalten koͤnnte, ja, oft nur abgeftoßen durch die fo na 


türlichen und nothwendigen Verfehiedenheiten ihrer Sitten und ih 
rer Denkungsart, in ewigen Kriegen begriffen, fo daß der Friede, 
ber oft kaum den Namen verdient, nur als eine Ausnahme am 
zufehen iſt? ja find nicht gewöhnlich auch deſſelben Volkes ver: 
fchiedene Abtheilungen in Fehden, wenn auch in ruhigeren, be 
griffen, ſich beftreitend ihre Vorrechte, ihren Einfluß auf Die ge 
meinfamen Angelegenheiten und auf bie herrfchenden Sitten? Er: 
ben wir ferner auf dag Gebiet der Wiffenfchaften, das friedlich, 
auf welchem fchon das Streben nach Klarheit alle Verwirrung 
der Leidenfchaften zuerft auflöfen, ſchon der Sinn für das wahre 
und in fich sufammenhängende überall Zwieſpalt und Unordnung 
tilgen ſollte: iſt es nicht ebenfalls faſt immer ein Schauplaz des 
Streites, und iſt nicht ſo manches von dem vortrefflichſten, was 
Die Menfchen auf Diefem Gebiet hervorgebracht haben, nur ein 
Erzeugniß 068 Streites geweſen? Ja endlich. auch diejenige Ver: 
anſtaltung, in weicher der Menſch, von allem Streit ermuͤdet, 
gan eigentlich Sriede fuchen fol, welche eine Vereinigung fein 
ſoll für alle auch fonft noch fo verfchiebene, ur fromme und an 
Chriſtum gläubige, um vorzüglich ihres Verhaͤltniſſes zu Gott, 
dem Gott des Friedens und ber Ordnung, fich bewußt zu wer⸗ 
den, iſt nicht auch ſie von je her den gewaltſamſten Zerruͤttungen 
und Streitigkeiten von innen und außen preisgegeben geweſen? 
fagt nicht ſchon Chriſtus ſelbſt, er fei nicht gefommen, Frieden 
zu bringen, ſondern das Schwerdt? Wie nun follen wir fagen, 
daß alles ungöttlich fei, worin noch: Streit iſt und Unfrieden? 
Wollten wir es Toben, wenn ein Volk feine Selbftftändigfeit ge 
gen vertvegene Angriffe nicht vertheibigen wollte, nur um Frieden 
zu erhalten? Können wir Iäugnen, daß die Wahrheit immer 
herrlicher hervorgegangen iſt aus jedem Streite, ſowol im Gebiet 


der Wiffenfchaften, als in dem ber Religion? Wellen wir unfere 


Ehrfurcht abſchwoͤren gegen die Helden, bie fich. tapfer bewieſen 
und weder Gut und. Ehre, noch Leib und Leben gefchont‘ haben, 





245 ' 


um file Freiheit bes Glaubens, für Wahrheit und Recht, fuͤr an 


gefammte Ordnung und Sitte zu kaͤmpfen; wie wir doch muͤß⸗ 
ten, wenn nur im Frieden and in der Ordnung. das göttliche 
wohnen kann? Gewiß umfonft würden wir ung bemühen, dies 
alles anders anzuſehen und es. ung etwa fo darzuftellen, ale ob 
gar Fein Unfrieden da waͤre und Fein Krieg, und umfonft wir 
den wir laͤugnen wollen, daß nuch in Siefem Unfrieden fich goͤtt⸗ 
liche Kräfte offenbaren, und gewiß eben fo vergeblich wuͤrden wir 
unſerm Text widerſprechen und uns verbergen wollen, daß Gott 
nur ein Gott der Ordnung und des Friedens ſein kann. 

Nur Eine Gegend bed menfchlichen Lebens fcheint es zu ge 
ben, meine Sreunde, wo nothwendig immer und. in jeber Bezie⸗ 
dung Friede fein muß und Ordnung; wenn nicht umgöftliches 
Weſen darin Berrfchen fol, ich meine das ſtille Heiligthum ber 
Familie. Nein durch Liebe entſtanden, mie fie fein fol, bleibe 
auch alles in ihr in. Eiche ‚verbunden; alle Bildung geht ruhig 
und einträchtig vor ſich, Feder wirkt ungeflört von den andern 
an ſeinem Plaz zum gemeinfamen Leben das feinige. Sie kann 
von außen bedroht werben; aber dann tritt derjenige, ber allein 
ſit gegen jedermann in der Welt zu vertreten hat, ing Mittel, 
und in ihren ſicheren ſtillen Kreis kann der Unfriede nicht ein⸗ 
dringen. Iſt aber in ihr Streit, fo iſt er von innen erwachſen, 
und dann iſt ſie auch beflekkt von boͤſem, ungoͤttlichem Weſen. 


Be wir es nun bier im kleinen, in dem uns am meiſten bes 1 


kamten und werftändlichen ſehen, daß, wo göftliches Weſen iſt, 
da kein Streit innerlich ſein darf: ſo iſt es auch uͤberall. Was 
ſchon wirklich iſt und Beſtand hat in dem Reiche Gottes, darin 
iſt auch Ordnung und Friede; und Streit giebt es nur inſofern, 


als etwas erſt wird ห น ธิ ſich bildet. Wie wir es in unſerm eig 


nen Herzen fuͤhlen, daß, inwiefern es erſt geſtaltet werden ſoll in 
die Füge des goͤttlichen Ebenbildes, inſofern ſich ein Widerſtand 


findet in ihm, und die goͤttliche Kraft. im Streit wirkſam ſein 


muß: fo iſt auch uͤberall ber Streit nar mit den Veußerungen 
der ſchaffenden, der. bildenden Kraft Gottes in menfchlichen Din- 
gen verbunden, wenn ihr bie Trägheit des: Herzens miderfirebt, 
der wenn die Stumpfheit des Berftandes fie verkennt.. Wo 
fo nur gegen diefen Widerſtand geftritten wird, da iſt nichte 


ungoͤttliches, wenn แน ะ inherlich Sriede ift; und Gott bleibt übers 


all der Gott der Ordnung und bes Friedens und das göttliche 
in der That nur da, wo dieſes beides fich finder. Wir willen 
Über, Meine Freunde, nichts auf biefer Welt iſt im Gebiete 
menſchlicher Dinge ſchon rein und vollendet; überall finden wir 


\ 


246 


” aber überall auch ungdttliches, was erſt gebildet wer⸗ 
den ſoll und vom goͤttlichen Geiſte durchdrungen. Laßt uns alſo 
dies zum Maaßſtabe nehmen um zu unterſcheiden, was ſchon iſt 
wie es ſein ſoll, und was noch nicht. Wo nur geſtritten wird 
nach außen hin gegen Irrthum, Anmaßung, Verderben aller Art; 
wo fich in dieſem Streit, von welcher Art er auch fei und mit 
was für- Waffen er geführt werde, wahrer -Heldenfinn bewährt, 
“innere Ordnung beim äußern Getuͤmmel, unverändert gleiche Hal 
fung unter allen Umftänden, Ruhe und Befonnenheit neben ber 
Kuͤhnheit und dem Muth: da iſt gewiß göftliches Weſen, da if 
. „auch das Gefühl des gerechten, gottgefälligen und ſchon deshalb 
immer fiegreichen Streites, ber keinen andern Zwekk hat, als das 
göttliche zu erhalten und ihm alles ähnlich gun machen, Wo aber 
innerer Zwieſpalt ift, Unruhe, Unficherheit, leidenfchaftliches We 
fen im Streit, da’ fehen wir nur dasjenige, was für Den; tech 
cher das göttliche allein in den menfchlichen Dingen auffucht, 
noch gar nichts iſt, fondern erft werden fol, und wir fehn nur, 
daß überall, 100 Die Kraft und der Geift Gottes etwas bilden 
und geftalten, da auch Sriede und Ordnung erſt mit geftaltet 
wird vor unfern Augen, und daß alfo Gott überall ift ber Gott 
der Ordnung und des Friedens. Und fo diene-ung auch“ 

I. 8 ไต [6 Gedanke zur Richtſchnur bei ber Anordnung 
unferes Lebend. 

' Keiner von ung, meine Sreunde, kann Rechnung barauf 
machen, auch nur einen bebentenden Theil feines Lebens ohne 
Aufforderung zum Streit hinzubringen, entfiche fie num fchon aus 
der natürlichen Theilnahme an den gemeinfamen Angelegenheiten, 
oder fei ed, daß wir von unferem befonderen Standpunfte aus 
unſern Beruf, unfere Rechte verfechten und unſern Einfluß fichern 
muͤſſen. Die durch unfere bisherige Betrachtung geftärkte Ge⸗ 
wißheit, daß nur in innerem Frieden das goͤttlic: ſich offenbart, 
und die fich aufdringende Nothrendigkeit, daB dennoch, mo bie 
höhere Ordnung und der görtliche Sriede werden fol, Streit em 
ſcheinen muß, giebt uns von felbft für unfer Verhalten um es 
zu prüfen -und zu orduen zwei Regeln an die Hand, Einmal, 
Daß wir ung doch ja nicht verleiten laſſen, ber dußeren Ruhe 
den inneren Frieden aufzuopfern, und dann, daß mir ja 
darüber halten, bei jedem äußeren Streit unfern inneren 
Srieden zu bewahren. 

. Laßt ung, fage ich, ja nie der Aufieren Ruhe den inneren 
Frieden aufopfern. Wem wäre es wol nicht unangenehm in 
Verwikkelungen mit. anderen zu geratben, welche ein Anſehn von 








247 


Feinbſeligkeit haben! Ruhe. Rören, Freuden verbittern, Befchd: 
mung hervorbringen, oft nur durch harte Mittel die angefangene 
Sache zum gluͤkklichen Ausgange bringen koͤnnen, gewiß das al⸗ 
les kann einem wohldenkenden Gemuͤth keine Freude verurſachen; 
und wenn es nur darauf ankaͤme, einigen Genuß einzubuͤßen, ei⸗ 
nige Unannehmlichkeiten zu erbulben, wer wollte nicht lieber bie 
[6 wählen als jenes. Allein, meine Freunde, wir müffen ung 
wohl vorfehen, daß wir-nicht auch daffelbe fagen, wo wir nicht 
nur an Genuß einbußen, fondern auch an Kräften und an Tha⸗ 
ten, wo wir nicht nur Unannehmlichkeiten erfahren würden, fon: 
dern einen wahren fittlichen Verluſt erbulden. Denn fo wie es 
überall Schwachheiten giebt, die auf den erften Augenbliff gar 
[ehr Tugenden gu fein fcheinen: ſo möchte es wol auch nicht 
Tugend fein, fondern Schwachheit und eine ſehr gefährliche, 
wenn jemand Denkt, ich bleibe ja Derfelbe, ich kann noch eben fo 
schtichaffen bleiben, .eben. fo tugendhaft handeln, wenn ich auch 
died und jenes aufopfere aus Liebe. zum Srieden, wenn ich aud) 
bier nicht fo -eingreife. mit meinen Kräften tie ich möchte, ‘menu 
ih auch dort mein Anfehn nicht. fo. wie ich koͤnnte geltend mache, 
um andere zur Einficht ihrer Irrthuͤmer zu bringen, oder die 
Ausfuͤhrung ihrer verderblichen. Abfichten zu hindern, oder den 
ßolgen ihrer Fehltritte vorzubeugen. Gewiß nicht nur ſchwach, 
nicht แน ะ feigherzig iſt eine ſolche Maaßregel, ſondern für jeden 
ſelhſt hoͤchſt gefaͤhrlich. ๑ ๓ das iſt nur Schein und Mißver⸗ 
fand, dag Streit, wohlgefuͤhrter Streit für die Sache der Wahr: 

beit, des Rechts, des guten auf dem Selbe, auf welchem unfere 
Wirkſamkeit gefordert wird, etwas ungdftliches. fein koͤnnte; aber 


dag iſt eine heilige Wahrheit, Daß wer in. feinem Beruf mache . 
lift, wer, เ ๒ ๕ 8 ihm angewieſen ift zu bilden, ungebildet laͤßt und 


lieber in der Nichtigkeit ruhen, was durch feine Mitwirkung. zu 
göttlicher Geſezmaͤßigkeit, m wahrem Leben gedeihen koͤnnte, daß 
dee unvermeidlich feinen innern Sieden in Gefahr. bringt, den 
Wie nur erhalten, wenn wir mit allen unferen Kräften allem 


was goͤttlich iſt uns hingeben. Ober wie wollen. wir mit diefer 


handlungsweiſe beſtehen vor dem Gericht Gottes, welches in un⸗ 
ſerer eigenen Bruſt gehalten wird und wozu der Maaßſtab vor 
unſern Augen da liegt? Denn wenn Gott uͤberall im Reiche ſei⸗ 
แต Gnade es nicht fcheut, damit höherer Friede werde durch 
ſcheinbaren Unfrieben, aus ber todten Ruhe erſt aufzuflören mas 
lebendig werden folf: wie wollten wir gerechtfertiget fein, wenn 
ir fo weit von feinem Vorbilde abweichen und dabei felbft in. 
todte Rohe verſinlen? Wenn Bott troz jenes Scheines immer 


248 


‚ber Gott des Friedens bleibt, น ท 8 wirklich auch feine bildende 
- Kraft in Srieben ift mit dem innerfien und heiligften jebes le 
benden Weſens, welches fie bildet: wie follten wir ung mit einer 
leeren. Entfchuldigung behelfen won Frieden den wir flören, von 
Schmerz den wir verurfachen, und nicht vielmehr fühlen muͤfſen, 
Daß bei redlichen. Bemühungen auch wir in Srieben finb und in 
Einftimmung mit der einwohnenden Vernunft derer, welchen wir 
fcheinbar feindlich und hart begegnen? Kann dabei. bag Gewiſſen 
ruhig bleiben? konnen wir Srieben behalten, wenn wir fo von 
der firengen Negel abweichend die Sicherheit unferes Lebens und 
Verhaltens aufgeben? und wenn wir fo, auf die Stanme d 
Vernunft in andern nicht achtend, nur darauf fehn, wie wir i 
ſinnliches Gefühl bewegen, "ift es nicht. natürlich, daß mir gege 
ung. eben- fo handeln werden wie gegen fie? a, meine Freunde, 
immer haben wir auch an ung felbft zu bilden, Rohheit und 
Derderben find. in und wie außer ung, und immer find wir เ 
‚ sinem edlen und heiligen. Streit auch mit uns ſelbſt begriffe 
Henn wir dieſen auch [06 แผ บ wenn wir hier auch, bie Stimm 
der Vernunft in ung nicht achtend, nur unferer. Sinnlichkeit ſchmei 
ſcheln: wie bald werben wir alles verlieren, was wir hatten! Und 
wenn wir, wo es anderen: gilt, weniger von ‘der Liebe zum rech⸗ 
ten und hoͤchſten getrieben handeln, als mit ung ſelbſt: wie wol 
len wir den inuern Frieden bewahren, der nur feſt ſtehn kann, 
fo lange der Menſch ung uͤberall gleich viel werth iſt, in und 
„wie in andern, fo lange wir und das Zeugniß geben koͤnnen, 
daß wir unſern mächften lieben als "ung ſelbſt. Nie alfo, mie 
laßt uns den inneren Frieden in Gefähr bringen, um bem aͤußern 

- Streit เฉ entgehn, zu Dem mir Doch berufen find. . 

Und der, zu dem mir berufen find, trägt in ſich ſelbſt ſchon 
Geſez und Ordnung. Er iſt nicht ein wilder Krieg, nicht ein lei⸗ 
denſchaftliches Getuͤmmel, ſondern ein beſonnener Wiberſtand, ber 
ſein Ziel gie aus den Augen verliert oder uͤberſchreitet, der ſich 

auf nichts fremdes ausdehnt und kein anderes Verhaͤltniß ver⸗ 
legt. - Dadurch: zeigt ſich auch ſchon am ihm ſelbſt, wie er พ น 
Frieden angehört; und darum hängt: mit jener Vorſchrift fo ge 
แฉ น bie andere zufammen, daß wir bei jedem dußeren Streit, 
wie wichtig er ung auch fei- ben inneren Frieden แน เฟ 
bewahren müffen. | 

Es muß jedem- einfeucheen, daß wenn wir wirklich nur für 
die Sache Gotles ſtreiten und Feine Nebenabficht unfere Stim⸗ 
mung und unfer Thun. verunreiniget, aldbann ber Friebe aus un 
ferm Herzen niemalg weichen kann. Denn. alsdann iſt ja in un 



















249- 


fere reinfte ‚Liebe derjenige mit begriffen, gegen den unfer Hans 
bein gerichtet: 1 น fein feheint, und das Gefühl allgemeiner แห ล 6 
rübter Liebe iſt die ſicherſte Gewaͤhrleiſtung bes Friedens; als⸗ 
dann iſt Feine Stimme in ung laut, als welche das Gebot des 
Friedens ausſpricht, keine Kraft in und thaͤtig und herrfchend, 
als die, welche die Duelle alles’ wahren Friedens ift. Aber note 
ſchwer «8 tft, ung fo rein zu erhalten im Streit, auch in dem, 
der mit der reinften Abficht: begonnen ift, wer könnte fo alle Ei⸗ 
telfeit, alle Selbftfucht, alle Eranfhafte Reizbarkeit abgelegt ha⸗ 
ben, daß er das nicht fühlen follte! Wenn unfere Abficht ver: 
fannt wird, wenn unfer Eifer nichts fruchtet, wenn die Eleinlis 
hen Maaßregeln, beliebt bei allen, welche Vorwand fuchen um 
den Infinnungen der Vernunft auggumeichen, und ermuͤden: wie 
licht find wir da verleitet zu einem falfchen: Schritt! und ein 
falſcher Schritt, von den Gegnern des guten recht benuzt um 
die Eigenliebe aufjuregen, wie verborgen fie auch fei, wie viele 
andere zieht er nach fih! Und wenn wir fo mitten in ben auf: 
tihtigften Beftrebungen für dag gute doch aus der Neinheit und 
fihen Ruhe Des Herzens ung heraus geworfen fühlen und in 
ine unklare bittere Stimmung verfezt, - twelche ung ſelbft mißfaͤllt 
und unheilig erſcheint: wie ſchwer iſt es dann, eine von beiden 
Iweichungen zu vermeiden, daß wir entweder nicht mehr rein 
für die Sache Gottes ftreiten, fondern nun auch für unfer felbft, 
für unfere Eitelkeit und Ehre, und, jene immer mehr aus den 
Augen verlierend, immer mehr nur biefer Bienen, oder daß mir 
eben aus Furcht in diefe Verirrung zu gerathen auch die Sache, 
die und anfänglich fo reitt begeifterte, fahren laſſen und auch für 
die Zukunft, mißtrauifch gegen ung felbft gemacht, immer zaghaf⸗ 
ter werden, ung in irgend einen’ rühmlichen Streit für das wahre 
und gute einzulaffen, thörichter Weife damit ung entfchuldigend, 
daß doch Die Kinder der Sinfterniß immer: Elüger find ale bie 
Kinder des Lichts. | 
Darum fei unfer erfier und lezter Streit, der nie aufhöre 
und alle Zeiten, in welchen von fonft her Ruhe fein würde, im: 0 
mer ausfülle, der gegen ung felbf. Wem nicht eine. Begünfti- : 
gung der Natur fie gegeben hat, und auch die würde noch müf- 
fen gereinigt werben, der erlangt nur durch die anhaltendften, - 
mühfamften Anftrengungen Die Feſtigkeit, die Beſonnenheit, die 
Ruhe, welche mitten im Streit und in den Verwirrungen des Le⸗ 
bens zu bewahren leicht die hoͤchſte Tugend des Mannes ſein 
mag. Wenn der Menſch uͤberhaupt das Bild Gottes auf der 
Erde darſtellen fol: fo ſtellk ein ſolcher es vorzüglich dar in der 


30 .. 


Bestehung, welche und fest befchäftiget hat. Wie alles göttliche 
Ordnung und Sriede ift, auch unter dem Scheine des Gegen: | 
theils, das fchaue jeder zunächft an denen, die in folchem Sinne 
and mit folcher Kraft, Tüchtigkeit und Liebe arbeiten, beſſern, 
fireiten; โด ก 6 an ihnen wahrnehmen und Beilig halten Ordnung 
und Frieden; und je. mehr wir ung in biefes Bild geſtalten, um 
deſto mehr werden wir einer reinen Erkenntniß Gottes fähig fein 
und .einer ungetrübten Liebe gu ihm und ihn immer als Liebe 
| ſchauen, als 2 und. als 8 Fricde. 





951 


| V. | 
Ueber die Benuzung öffentlicher Ungluͤkksfaͤle. 


Himmiiſcher Vater, heilige in deiner Wahrheit uns alle, 
die wir hier zur gemeinſchaftlichen Anbetung verſammelt ſind, 
daß die Herzen gereiniget werden und geſtaͤrkt durch das Ge⸗ 
fühl deiner Nähe und die Betrachtung deiner Liebe. Wie 
wir auch fonft mögen verwikkelt fein in das Getuͤmmel ber 
Welt: Hier ift doch die Wohnung heiliger Ruhe und Stille. 
Laß fie für ung alle eine Sreiftätte fein, too dag ‚gedrüffte 
Herz ſich erholt und erquiffe! Wieviel wir auch mögen vers 
boren haben. von äußeren Gütern,- wieviel freundliche Hoff: 
nungen ung auch mögen zerſtoͤrt worden fein: hier erfreuen 
wir uns eines Gutes, welches Feine Gewalt und rauben 
farm; bier wird unfer Auge gerichtet auf eine ungerftörbare 
Hoffnung! O dag wir ung. alle reich fühlen mögen in dem 
Bewußtſein, unter die Zahl deiner Kinder gu gehören, gluͤkk⸗ 
lich und ficher in der Zuverficht, daß du es wohl meineft 
und wohl machſt. Wenn dies Gefühl unfer Herz belebt, 
dann werden wir auch richtig umherſchauen mit den Augen 
unferes Geiftes! wenn biefe Ruhe der Kinder Gottes ihren 
. Si in ung aufgefchlagen bat, dann werben wir auch. mit 
feſtem SHE den Zufammenhang deiner Führungen betrach⸗ 
ten! Ja Heiliger Gott, daß deine Wege die unfrigen werden, 
dag wir verftiehen lernen und deiner würdig gebrauchen alles, 
was du ung bereitet haft, das ift das Ziel unferer Weisheit. 
Ale, wir fühlen es, find wir noch weit davon entfernt; alle 
fürchten wir noch mehr oder minder, daß es da dunkel fei 
und unheimlich, wo ung das Licht irdiſcher Sicherheit und. 


252 


Hoffnung ausgeht; alle fträuben mir und noch mehr oder 
minder gegen die heilfame Arzenei, die ben verwoͤhnten nichts 
liebliches darbietet, die du ung aber doch gemifcht haſt. 0 
verzeihe du deinen Kindern die Schwachheit, von deren druͤk⸗ 
kendem Gefuͤhl wir gern erloͤſet wären! und wenn wir und 
hieher zurüffziehen von der Melt, um’ ung in bag Meer dei- 
ner Liebe und deiner Weisheit zu verfenfen: fo wirke du 
"auch heilfam auf ung durch deinen Geift, um ung mehr- und 
mehr zu reinigen von allem, was dir mißfallig ift; und laß ung 
Eräftig ermuntert, mit ‚reichen Segnungen begabt, in Deines 
Sohnes Bild aufs neue geftaltet und durch ihn mit dir 
inniger vereiniget von dannen gehn! | 


Text. Roͤm. 8, 28. 
Wir wiffen aber, daß denen, bie Gott lieben, alle 
Dinge zum beſten dienen. — 


4 ป meine Freunde | iſt es ein erhebendes. und fchönes Ge 
ſchaͤft von dieſer Stätte herab das Wort des Herrn zu verkuͤndi⸗ 
gen, durch die Macht der Wahrheit die Gemüther von. dem irdi: 
fchen zu dem göttlichen hinaufzuziehen und-durch bag Gefühl der 
‚höchften Kiebe eine mehr als irdifche Seligkeit mittheilend gu er; 
regen und zu erhalten. Aber einen ganz eigenen Reiz erhält noch 
dieſes Gefchäft unter den gegenwärtigen Umſtaͤnben, wo bag von 
. ber unwiderſtehlichen Gewalt zerftörender Ereigniffe zuſammenge⸗ 
preßte Herz Erfrifhung fucht im Chriſtenthum ‚und ſich flehend 

‚und: fehnfüchtig aufthut, um deffen troͤſtende Segnungen zu em: 
pfangen. : Ja Troſt gewährt es und. Berubtgmmg, das Begehren 
fogar die nicht abzulaͤugnen, welche felbft wicht son feier himm⸗ 
liſchen Kraft Burchörungen find, indem fie ſich oft faſt wider 
Willen gedrungen fühlen, ums andere zu beneiden um dieſe goͤtt⸗ 
liche Schuzwehr gegen die Stürme des Lebens. Allein, meine 
Freunde, das troͤſtliche des Chriſtenthums laͤßt ſich nicht abgeſon⸗ 

dert mittheilen; ſondern nur diejenigen ſind deſſen empfaͤnglich, 
welche auch ſonſt in den frommen Geſinnungen leben, die es ein⸗ 
flößt, und nur denen kann fein Troſt wirklich zuſagen, die nichts 
. anderes ſuchen ald was mit dieſen Sefinnängen Abereinftimmt. 

Darıan, indem ich mich bemühen will, auch für Die Umſtaͤnde, 
die ung jezt druͤkken, den Troſt bes Chriſtenthums mitzutheilen, 
ſcheint mie doch noͤthig, daß wir ung vorher über das verſtaͤndi⸗ 





253 


gen, was wir begehren, damit erft unſer Verlangen geheiliger 
verde und nichtd unreines zurüffbleibe, ‚wofür dag Chriſtenthum 
eine Befriedigung gewähren kann. 2 1 9 J 
Gewiß ein kraͤftigerer Troſt kann nicht dargeboten werden 
ils der in den Worten unſeres Textes enthaltene, daß alle Dinge 
um beſten gereichen muͤſſen. Nur bat man ihnen von je ber 
nanche unreine Deutung untergelegt und unwuͤrdige Hoffnungen 
zahinter verſtekkft. Ehe wir. ung daher diefen Trof ausführlicher 
rhalten, laßt ung ja bedenken, daß,er nur denen gegeben wird, bie - 
Sott lieben. Wir find gewohnt, Die Menfchen vorzüglich fo zu unter 
heiden, daß eben dieſes, daß fie Gott lieben, von einigen muß bejahet 
werden, von andern aber verneinet; und dieſer Unterfchied ift auch [อ น ธี 
wohl begründet. Es giebt allerdings einige, in denen bie Liebe 
wu Gott die Oberhand hat, es giebt andere, bei denen fich uͤber⸗ 
al ftärfere Spuren zeigen von ber Liebe zur Welt. Allein im 
Bezug anf den Inhalt unferes Tertes kann ung dieſer Unterſchied 
nicht Genüge leiſten. Würden wir nicht erfchreffen über unfere 
Härte, wenn wir irgend einen Menſchen durch unfer Urtheil als 
tinen folchen bezeichnen wollten, der von Liebe zu Gott entblößt 
und alſo auch nicht mit eingefchloffen wäre in Diefe vorforgende 
liche Gottes, Die unfer Tert befchreibet? und wuͤrden wir nicht 
chen fo erfchrefken über unfere Anmaßung, menn mir von ung - 
[ไต | behaupten wollten, wir wären fo vollendet in der Liebe au 
Gott, daß ung ‚gewiß alles zu dem Bienen müffe, was mir, 
bie wir eben find, jedesmal für das befte hielten? Wäre nicht 
beides ein Wahn, der ung zu menfchenfeindlichem Aberglauben 
verleiten müßte in Abficht deffen, was andern begegnet, und zu ge: 
fährlichem- Irrthum in Abficht deſſen, was uns felbft bevorſteht? 
Rein, hier, wo es ung darauf ankommt, Gott in feinen Fuͤh⸗ 
tungen zu verſtehen und zu rechtfertigen, bier laßt ung alles recht 
genau nehmen und jeder in ผิ ๓ felbft: ben Unterfchied. auffuchen _ 
tischen Dem Menfchen der Gott liebt und der nicht, ausgehend ' 
von dem demüthigenden aber gewiß richtigen Bewußtſein, daß 
auch wir noch nicht ganz-in der Liebe zu Gott und durch fie le⸗ 
den. Ja leider iſt in ung allen etwas, das nur nach dem angeneh- 
men und erfreulichen ftrebt, das fich Entwürfe fest und Wünsche 
bilder nur in Bezug auf das, mas für jeden nach feiner Stim- 
Ming das vorzuͤglichſte iſt unter den irbifchen Dingen. Diefes - 
Streben, wenn wir ung. bamit nicht 618 ing geſezwidrige verwir⸗ 
ten, fondern nur innerhalb des erlaubten,. wie wir und auszu⸗ 
brüffen pflegen, feine Befriedigung auffuchen, kann zwar Durch 
die Liebe zu Gott auf mancherlei Weiſe befchränft werben, aber 


- 


 %58 


gewiß kann es nicht aus Ihe. hervorgegangen fein. Denn es rich⸗ 
tet fich ja nicht in dem Maaß auf etwas oder wendet fi ab: 
als jegliches. den Willen Gottes barftelt uud fördert; fondern 
danach, wie etwas angenehm iſt und erfteulich, “wird 68 flärker 
oder fchreächer. Und dag willen wir alle, daß, was gleich fehr 
erfreut, doch fehr verfchiedenen Werth haben kann in Bezug auf 
Gott, und was gleich wohlgefällig iſt vor Gott, dennoch gar ver: 
' fchieden wirken kann auf dieſes Gefühl. Wie ſchuldlos alfo auch die 
ſes fcheint und wie untadelig es fich gebehrdet, es iſt doch in und 
allen der Menfch der Sünde, der Gott nicht. liebt, fondern die 





.: Welt. Sehet da die eigenthümlichen Graͤnzen, in denen der Trof 


des Chriftenthumes eingefchloflen- ift, daß, indem ich ihn ung an 
eigne, ich diefem Menfchen in ung nichts verbürgen und ihm 
nicht zufichern kann, daß irgend etwas zu feinem beften gereichen 
werde. Es kann der unfchuldigfte, rubigfte Lebensgenuß fein, 
worauf er ausgeht: ich weiß doch nicht, wenn biefer einen Steh 
erlitten hat durch die Zerrüttungen ber Zeit, wenn die Mittel ihn 
immer wieder zu erneuern verfchtwunden find, ich weiß nicht, ob 
die Wunde: heilen, ob die Luffe fich wieder ausfüllen wird. Es 
kann eine unbefcholtene Wirkfamfeit fein, die er durch vielfade 
Verbindungen in der Welt weit zu. verbreiten fuchte: ich weiß 
nicht, wenn biefe Fäden vieleicht größtentheild zerriffen find, ob 
das ganze fich wieder werde herſtellen Iaffen, und das Chriften 
thum giebt Feine Zuverficht, Daß alles wieder fein werde wie ji 
vor. Ja dies gilt nicht nur von dem kleineren Gebiet. des ci 


zelnen Menfchen, fondern auch in ihren mannigfaltigen Verbin 


dungen und dem gemeinfchaftlichen Leben, welches. fie führen, 
giebt es einen folchen irdifchen Menfchen, einen folchen nur auf 
Glanz, auf Genuß, auf äußeren Schein gerichteten Sinn, der 
nicht Gott und das göttliche liebt; und auch für eine folche Art, 
die feinigen oder Das gemeine. Wefen zu lieben, weiß ich feinen 
Troft aus unferm Text. Iſt vieles, ‚vielleicht der groͤßte Theil 
von dem verloren gegangen, was einem folchen Sinn ſchmeicheln 
konnte unter ung: ich kann Feine Bürgfchaft Teiften, wieviel oder 
tie wenig davon werde wieder zu gewinnen fein. - Was mir auf 


. über die Zukunft denken und menfchlicher Weife von ihr hoffen 


mögen, im Namen des Chriſtenthums menigftens wäre es frevel⸗ 
baft, irgend eine folche Hoffnung zu begünftigen, daß, mas jaf 
irdiſch verloren ift, zu einer andern Zeit irdifch werde erſezt 
werden. Der. Troft des Chriſtenthums ift nur für den Mer 
fchen, der Gott liebt. Diefer it in ung die Kraft des goͤtt⸗ 
lichen Willens und Geiftes ſelbſt; und wenn ihr fragt, wel⸗ 





ches dem ห น ก fein beſtes, zu dem alle® Bienen ſoll, fel, fo ſage 
ih, nicht etwa daß er felbft beffer und vollfommner werde in 
ich, denn was ung treibt Gott zu lieben ift vollkommen; fondern 
mr, daß er alle irdifche und menfchliche Kräfte in uns immer 
nehr an fich veiße und ſich zu eigen mache, fo daß nichte 
mderes in ung veirkt und gebietet, ณ์ 8 er. Wenn ท น น bie 
Sefinnung felbft vollkommen ift, und nur bie Macht, welche 
ie ausübt, twachfen fol, fo geſchieht dieſes durch Einficht. 
Denn durch Einficht und Erkenntniß herrſcht die Gefinnung, Un: 
kenntniß aber und Unwiſſenheit machen fie unwirkſam. Daß wir 
แง ung felbft erfennen, wie weit wie nemlich in. diefer Ver⸗ 
inigung mit dem göttlichen gediehen find, und dag wir Goft 
erkennen, auf welche Art er nemlich in der Welt und in dem 
Menfchen wirkt, dies ift jenes beſte, wozu uns alles dienen muß, 
wie die göttliche Offenbarung ung verheißt. Und wie ung dazu 
ach was jezt gefchehen ift gereichen fol und kann, auf: das wich⸗ 
tigſte hievon will ich jege eure Aufmerkfamfeit lenken. 0 ๐ 0. 
I. Zuesft .alfo laßt. ung betrachten, wie unfere Unfälle eine 
gleichſam unmiderftehliche Aufforderung enthalten, ung das herr- 
liche Gut der Selbſtkenntniß in einem höheren Grade zu vers 
(Hafen. Wie übel derjenige berathen ift, der um fich. felbft nicht 
weiß, oder der Teichtfinnigermweife von fich felbft etwas'hält, was _ 
ſih noch nicht durch Erfahrung hinreichend bewährt hat, das 
miflen wir alle fühlen. Und daß es Eein befferes Mittel . giebt 
ung diefe Erfahrung zu verfchaffen, daß nichts fo ſchnell und ber 
finmt ung über uns ſelbſt aufflärt, faljchen Schein verfchwins 
den macht und unerkannte Wahrheit ans Licht. bringt, als die. 
Viderwaͤrtigkeiten des Lebens, das iſt laͤugſt von allen weiſeren 
und beſſeren anerkannt. Schon wenn ſie den einzelnen allein 
treffen in feinem engeren Kreiſe, leiſten fie ihm dieſen Dienſt; 
und indem wir einen folchen bedauern, hoffen wir immer zugleich, 
tt lerne in der Schule des Ungluͤkks mancherlei Weisheit. Allein 
hoch weit gefchiffter find zu diefen Belehrungen bie großen Er: 
ſchuͤtterungen, die allgemeinen Ungluͤkksfaͤlle; denn dieſe fegen auch : 
dasjenige ing Licht, mas bie befonderen Unfälle gar. nicht bee | 
leuchten, die Stärke und Schwäche, die Tugenden und Fehler 
der Menfchen in -den bedeutendſten und größten Verhältniffen des 
end, In folchen Unfällen: ſteht eine größere Getvalt gegen den 
Venfhen auf, und weniger Schuz- findet er. außer fich, denn 5 
Sen diefer Schug iſt mit bedroht. Daher find. denn die allges 
Meinen Ungluͤkksfaͤlle diefer Zeit vorzüglich gefchifft ung Eennen zu 
Ihren auf’ der einen- Seite die Fehler, welche unter uns herr⸗ 





20 36 | 

ſchen, und die Schranken, In denen bie. Kraft frommer und mann 
bafter Gefinnung unter uns noch. eingefchloffen ift, auf der an 
dern Seite aber auch bag gute und ſchoͤne, was bie göttliche 
Gnade ſchon unter ung entwikkelt hat. 
Wenn ich ung gundchft, um auf unfere Sehler aufmeriſam 

gu machen, auf den Schauplaz jenes großen Kampfes hinweiſe, 
ย อ ก deſſen bis jezt nachtheitigen Erfolgen wir ung fo tief bewegt 
und gebrüfft fühlen: fo darf es nicht meine Abficht fein, die Sch 
ler namhaft zu machen, ober gar im einzelnen zu. würdigen, bi 
dort auf Seiten der. unfrigen find begangen worden und über bi 
ſo fcharf geurtheilt und fo . bitter ‚geklagt wird. Das aber darf 
ich vorausſezen, daß viele fagen mödhten, dies wären doch nicht 
unfere Sehler, und fragen, wie bean wir, die untergebenen, di 
ſtillen Bewohner des Landes Selbſterkenntniß lernen follten and 
den Fehlern Der Seldherren, ber Krieger, oder derer, welche dr 
Zuͤgel der Verwaltung in Haͤnden haben. Gewiß dieſe Frage 
wäre nur ein neuer Fehler, eine viel zu ſcharfe Trennung dei 
einzelnen vom ganzen und ein neuer Beweis, wie fehr wir edrd 
thig hatten, grade. durch folche Erfchütterungen erwekkt zu werden, 
die uns den Zufammenhang des eingelnen mit dem ganzen offen 
baren. Warlich wir alle dürfen ung nicht freifprechen von din 
Fehlern, welche. fich in dem gemeinen Weſen vorfinden; fie fin 
fo gewiß die unfrigen, als fich Weisheit und Tugenden des gar 
zen nur and denen der einzelnen erzeugen und ernähren Fünnen, 
aber aus dieſen auch unfehlbar hervorgehn. Wo Unerfchroffen 
heit und Verachfung der Gefahr, wo Drdnungsliebe und freut 
Gehorſam herrfchende Züge find in dem Charakter der Mitglieber 
eines Volkes, da wird unmöglich Muthlofigkeit und Ungebunden 

“beit fi dann in großen Maflen offenbaren, wann nur durch jene 
Tugenden das gemeine Wefen kann gerettet werben. Wo es ฟ์ 
"gemeine Handlungsweife iſt, eigne. Angelegenheiten bei Seite zu 
fiellen, fobald es die Sache des Vaterlandes gilt, da, werben 00 
wiß nicht durch kleinliche Eiferſucht und perſoͤnliche Streitigkeiten 
in den wichtigſten Augenblikken dem Vaterlande ſchwere Wunden 
geſchlagen. Wo es allgemeine Sitte iſt unter „einem Volk, die 
gute Geſinnung und das durch ſie gebildete Talent zu ehren; wo 
die öffentliche Stimme jeden von einem Plaz zuruͤkkſchrekkt, den 
er nicht ausfüllen kann, und jeder von felbft derjenigen Thaͤtigkeit 
zueilt, welche feinen :Rräften angemeflen ift: da Eönnen unmoͤglich 
grade in ber dringendften Zeit durch Mißgriffe und verkehrten Ge⸗ 
brauch der vorhandenen Mittel fo allgemeine Unfälle เต ศร 
werden. ว ั ด fo gewiß es if, deß Bag game und der Theih 








257 


wie Ein Leben und Ein Geſchikk, fo auch dieſelbe Tugend und 
Geſinnung haben; fo gewiß es ift, daß dasjenige, was die regies 
renden einzufehen und auszurichten vermögen, immer im Verhaͤlt⸗ 
niß fieht mit det Weisheit und Tüchtigkeit, welche im ganzen 
verbreitet find: fo gewiß muͤſſen die Fehler, welche ſich in den 
Thaten des ganzen offenbaren, auch verhaͤltnißmaͤßig in den ein⸗ 
| ไห อ anzutreffen fein, und wir ſchauen in jenem Spiegel, nur 
nach einem größeren Maag enttvorfen, unfer eigenes Bild. Has 
ben wir recht, dort Ungefchiff, Verzagtheit, Perfönlichkeit und 
Eitelfeit zu. tadeln: fo werden wir gewiß biefelbigen Züge auch . 
in dem ſtillen und kleinen Thun der einzelnen wiederfinden, nur 
daß fie ung noch länger würden verborgen geblieben und wir in 
einem verderblichen Wahn bingegangen fein, wenn nicht eben 
diefe erfchürternden Ereigniſſe fie ung in einer groͤßeren Geſtalt 
gezeigt haͤtten. 

Nach dieſer Anweiſung nun feinen Antheil an dieſen ges 
meinfchaftlichen Fehlern aufzufuchen im eigenen Leben, dies muß 
ih jedem felbft überlaffen, nur daran noch erinnernd, tie bag 
was ung felbft unmittelbar in dieſen Tagen deg Schrekkens “ 
treffen hat ung nicht minder Ichrreich ift in biefer Hinficht. 
wir Heinmüthig find und furchtſam, ob mir, wo bie เน ตา ร ชี 
Ordnung der Dinge uns verläßt und die gewohnten Hülfgmittel . 
berfagen, fogleich aud) die gewohnte Luft und Leichtigkeit des Hans 
delns mehr als billig ift verlieren; ob wir für ung und die, welche 
bir lieben, mehr an dem Wefen bes Lebens hängen, oder an dem 
Echein: wie Fonnten wir dag beffer erfahren, als in dieſen ber 
denklichen Tagen, two mir aus ber Ianggewohnten Ruhe aufge: 
(hüttelt unbekannten Schreffniffen hingegeben waren? und eben. 
ſo werden wir 08 noch auf mancherlei Weife inne werden in ber 
Zeit der Drangfale und der Beraubungen, auf welche wir rechs 
hen mäffen. 

Eben fo nun find auch Zeiten tie dieſe vorzüglich gefchikft 
ung Die Grängen unferer guten Eigenfchaften kennen zu lehren. 
u. gute -in dem Menfchen, meine Freunde, bat gu jeder Zeit. 
kin beſtimmtes Maaß. Es ſoll allerdings immer im Wachſen 
„arfen fein; aber eben um den Eifer dazu lebendig zu erhalten, 
daf jeder mach dem frebe, was nöch vor ihm liege, und fich 
nicht träger Weiſe wohl fein laſſe bei dem was er fchon erreicht 
hat, iſt nothwendig, daß wir nicht mehr von ung halten als wahr 
[โก und da wir das jedesmalige Maaß unferer Tüchtigkeit ge: 


nau kennen. In Zeiten der Ruhe find wir nut. zu fehr geneigt 


judiel von ung zu halten. So lange uns nur foldhe Aufgaben 
u. 


258 


ง m 


vorkommen, welche แน 8 mit leichter Mühe "gelingen, begleitet 
ung überall ein fchmeichelnded Gefühl von Zufriedenheit, das 
gar leicht in den Wahn ausarfet, als hätten wir Weberfluß von 
Tugend und Kraft nicht nur über dag, deffen wir jest gerade be 
dürfen, fondern auch) überhaupt über das, was ung wahrſchein⸗ 
licherweiſe jemals vorfommen koͤnne. Wir Haben dies jezt an unſerer 
gemeinen Sache gefehen. So lange alles in ſeiner gewohnten 
Ordnung ging, wie zufrieden waren wir nicht, wie ſehr glaubten 
wir nicht im Vertrauen auf unfere fittlichen Kräfte dag Schiff: 
fal herausfordern zu koͤnnen. Es iſt gewiß auch ein beſtochenes 
Urtheil, wenn man jezt ſagt, es habe an allen Tugenden gefehlt, 
die wir nung zutrauten; aber das Maaß erkannten wir wixklich 
nicht. Dazu nun verhilft Kampf, Widerwaͤrtigkeit, kurz alles 
was das ganze Maaß unferer Kräfte aufbieter. Aber "Unfälle, 
die nur den einzelnen. betreffen, begründen Fein ficheres Urtheil; 
zuü leicht gewinnen dann unter ſchwierigen Umſtaͤnden unreine de 
wegungsgruͤnde einen vortheilhaften Einfluß quf ſein Betragen. 
Er weiß, daß er ſich entweder in einem ruͤhmlichen Lichte zeigen 
kann, oder im entgegengeſezten Falle dem Tadel und den Vor 
wuͤrfen nicht entgehen wird; feine Eitelkeit wird alſo erregt und 
. wirkt mit, und er kann von dem Maaß feiner Tugend um fo 
“weniger eine fichere Kenntniß erwerben, als die Menfchen mit 
nichts fo fehr geneigt find fich zu zieren und zu ſchmuͤkken, als 
mit einem würdigen oder angenehmen DBetragen in perfönlichen 
Widerwärtigfeiten. Aber in Zeiten der allgemeinen Noth iſt an 
eine folche Mitwirkung der Eitelkeit weniger zu denken; der einzelne 
glaubt dann weniger bemerkt zu fein und ift eg in der That auch weni 
ger; Die fchmächern, als die größere Zahl, kommen fehr bald überein, 
einander nur zu piel zu verzeihen; die feigherzige Scylechtigkeit, 
welche fich fo gern damit entfehuldigt, daß andere es nicht beffer 
machen, fritt ohne Schaam hervor: und fo kann man alfo deſto 
ſicherer darauf rechnen, daß 68 die gute Geſi innung ſelbſt ift, welche 
den Menfchen in Stand ſezt, bier fich treu zu „bleiben und fich 
achtungswerth zu zeigen. Fa, meine Freunde, wir haben ſchon 
Gelegenheit gehabt und werden fie noch mehr haben, zu erfahren 
was für Schwierigkeiten und Hinderniffe am meiften die Kraft 
unſerer Seele erfchöpfen. Laßt uns fehen, tie weit wir und 
über dad Maaß von Befontenheit und Zeftigfeit erheben, welches 
ſich im allgemeinen offenbart hat. Wer irgend unter ung Theil 
nimmt an der Verwaltung der Öffentlichen Angelegenheiten, ober 
auch nur wer einem Hausweſen vorfieht; wem irgend etwas zu 
erhalten, zu beſchuzen, durchzuſezen anvertraut iſt: der ſehe zu, 








259 


wieviel fein Muth vermag, wie wenig tägliche Unruhen โป ก darin 
fiören, daß er immer Elar feinen Zuftand mit allen Beduͤrfniſſen 
und Hulfsmitteln überficht, wie leicht oder ſchwer er über alle 
Kräfte feines Geiftes in unerwarteten Berlegenheiten gebieten kann. 
Mer fich gefelliger Verhältnifle erfreut die ihm werth find, der 
gebe Acht, wie fehr feine” gleichförmige beitere Gemuͤthsſtimmung 


abhängt von dem Wechſel einzelner-- Begebenheiten, von den : ' 


ſchwankenden Wpgen der Furcht und Hoffnung, wieviel Beſorg⸗ 
niß für fich felbft, bange Hinficht auf feine eigene Zukunft Eine 
fuß hat auf. die Aeußerungen feiner Liebe und Treue. Wer ger _ 
wohnt iſt, fich den Befchäftigungen des Nachdenfens zu widmen 
und feine Stimme geltend zu machen über menfchliche Angelegen« 
beiten, der bemerfe nun, wie weit -er feine innere Freiheit unge 
ſtoͤt zu erhalten weiß unter mancherlei äußerem Drukk, mie frei 
und unbeftochen fein Urtheil bleibt ohne von der Furcht umgemans : 
delt zu werden, oder von dem Glanz des Gluͤkkes und der Ueber⸗ 
macht geblendet. 


Aber, meine Freunde, Gott ſei Dank, die Selbſtkenntniß 
des Chriften befteht nicht bloß in der, Kenntniß feiner Fehler und 
der Leichtigkeit den Verſuchungen zu erliegen, fondern. auch in 
der Kenntniß des mannigfaltigen und eigenthämlichen guten, 
welches die göttliche Gnade in ung ſchon gewirkt hatz und auch 
für diefe Kenntniß eröffnet fich ung in Zeiten allgemeiner Bebrängs 0 
niß ein weit größerer Geſichtskreis als gewöhnlich. Wie folche 
Zeiten überhaupt ein beiveglicheres Leben, einen rafcheren, Um⸗ 
ſchwung aller Dinge mit fich bringen: fo iſt auch die Entwikklung 
ded guten unter biefer Befchleunigung begriffen. Wir dürfen es 
nicht undanfbar verläugnen, daß wir ſchon viele einzelne fchöne 
Züge erfahren haben aus diefer verhängnißvollen Zeit und nicht - 
eva nur von laͤngſt bewährten und die durch ifre- Stellung in 
der Gefellfchaft dazu aufgefordert wurden, fondern auch von fols 
hen, deneri wir es minder zutrauten und die fich dadurch ihren - 
Plaz in der Welt-erft erwerben. Wir haben e8 gefehen und wers 
den e8 noch mehr fehen, wie fehnell ſich auf jenem großen Schau. 
ก 0 im einzelnen Talente des Krieges und des Friedens entwik⸗ 
keln; wie leicht, wo nur DVertrauen auf eine verftändige Führung 
und Liebe herrſcht, auch jezt noch dem Volke Duldſamkeit in Be⸗ 
ſchwerden und Muth in der Gefahr für die gemeine Sache eins 
tuflößen if; wie noch Gewandtheit, Entichloffenheit, ſchneller 
Ueberblikk in Sefchäften unverlorene Tugenden find. So baden - 
wir auch gewiß in unſerer nähe Beijpiele “ก von ſchneller | 


Saffıng in unerwarteten Bedrängntffen, von leichtet Ertragung 
des unvermeiblichen; haben an ung und andern gefehen, wie eine 
natürliche, noch mehr aber eine in ben fittlichen Beftrebungen des 
Menfchen gegründete Fröhlichkeit, die fich in ruhigen Zeiten nur ป 
als eine angenehme Eigenfchaft in den leichten Kleinigkeiten des | 
Lebens zeigt, tie dieſe — vornehmlich in Zeiten großer Trübfal 
die Kräfte des Menfchen aufrecht halt und ihn wohlthaͤtig auf 
andere wirken läßt. Wir wollen auch- dies auf uns anwenden 
und Zuverficht zu ung felbft fallen, Daß, was fich fo ſchnell aus 
einem fchlummernden Keim in unfern Brüdern denen wir. fo nahe ป 
find entwiffeln kann, auch in uns vorhanden fein mag und nur 
auf die Aufforderung des Schikffald wartet. um fich zu zeigen 
Wir wollen, weil doch Feine Tugend in dem Menfchen plözlid 
aus bem nichts hervorgerwachfen fein kann, Acht haben darauf, 
wie daffelbige, was fich ſchnell im großen zeigt, auch vorher ſchon 
im Eleinen da gemefen iſt. So werden wir einen wichtigen Theil 
der Weisheit ung mehr aneignen, die richtige Einficht in den Zu 
fammenhang alles deſſen was im menfchlichen Gemüth vorgeht, 
den wachfamen Scharfbliff, um auch in Zeiten, wo weniger auf 
fallende Erfcheinungen möglich find, dag gute wie dag ſchlimme 
in uns und andern richtig und vollſtaͤndig zu erkennen. O meine 
Freunde, laßt ſie uns ja recht benuzen die in dieſer Zeit uns ſo 
vorzüglich dargebotenen Huͤlfsmittel zur Selbfterfenntnig, fie find 
ein großer Gewinn für den ber Gott Tiebt. 











11. Eben fo fehr aber gereichen öffentliche Unfälle auch da: 
durch zu unferm beften, daß fie ung Gott felbft heſſer fen 
nen lehren, indem die Art, wie ‚feine Kraft und Weisheit in 
den menfchlichen Dingen wirkt, fi ch in ſolchen Zeiten auf eine 
ganz eigene Weiſe offenbart. 

Der Beruf des Menſchen in der Welt, auf deſſen Erreichung 
alle goͤttlichen Fuͤhrungen abzwekken, iſt uͤberhaupt zwiefach. Er 


ſoll das gute und goͤttliche, dag ihm angeboren iſt, in allem feinen 


Thun fo wie in feiner Betrachtung ber Welt und ihrer Veraͤnde⸗ 
rungen darftellen und ausprägen. Sinfofern er nun dies wirklich 
hut, befindet er fich in einem Zuftande des Wohlgelingens, des 
wahrbaften Genuſſes; und was Gott thut um ihm dies zu er 
feichtern und gu verfchönern, bag find feine anmuthigen Fuͤhrun⸗ 
gen in Gluͤkk und Segen. Aber der Menfch fol auch eben die 
fem. göttlichen immer mehr feine ganze Natur untermerfen und fie 
davon durchdringen laflen; und infofern er dies thut und unter 
die Kraft und Gewalt des göttlichen alles zu baͤndigen fucht, ber 


2861 J 
findet er ſich in einem Zuſtand innerer Anſtrengung. Wir duͤrfen 


geſtehn, meine Freunde, ſo gewiß wir Chriſten ſind, daß wir oft 


auch auf dieſem Wege von innerer Luſt und Liebe und eine Fuͤlle 
von Seligkeit genießend weiter gefuͤhrt werden; aber wir koͤnnen 
auch, ſo gewiß wir Menſchen ſind, nicht laͤugnen, daß oft dieſe 
innere Luſt und Freude wie bezaubert einſchlaͤft und ihre Thaͤtig⸗ 
keit verliert. Dann tritt alles dasjenige in Wirkſamkeit in un 
fern natürlichen und .gefelligen Umgebungen, was ung auch in je 
nem Genuß unferes befferen Lebens ftört; und wir werden durch 
eine äußere drohende Nothwendigkeit getrieben ung anzuflrengen, 
um nicht auch unfere Freude am Leben gu verlieren. Und dies, 
meine Freunde, dies find ‚die Führungen Gottes durch Unglüff. 
Denn was iſt Ungluͤkk anders als Beſchraͤnkung der freien Ihäs 
tigkeit, und welche fchäzen wir höher als eben die des fittlichen 
kebens. Wie nun die Seele des Menfchen gemöhnlic nur in 
Heinen Bewegungen bald zum guten fich hinneigt, bald fich Das 
von abkehrt: fo find auch beide Führungen Gottes gewöhnlich ges 
nau vermiſcht น ก 8 wechfeln fo im Eleinenmit einander ab, Daß 
me der kundigere ihre verfchiedene Abzwekkung erkennt. Aber wie 
and den gehäuften Vernachlägigungen der einzelnen große Nüffs 
fhritte im ganzen entftehen: fo freten dann auch allgemeinere und 
größere Aufregungen ein durch Ungluͤkksfaͤlle, die, große Zerſtoͤ⸗ 
tungen weit verbreitend, hereinbrechen und allem Vernichtung 
drohn, was die Menfchen ſchon gutes. und fchönes zum fittlichen 
Genuß erworben haben. Solche find die Schiffungen, die ung 
und unſer Vaterland jezt betroffen haben, - und dies ift ihre hoͤ⸗ 
here Bedeutung. Noch genauer Eönnen wir uns dieſe verdeutli- 
Gen, wenn wir und zweier Aeußerungen heiliger Schrifefteller ers 
innern, welche auch bei ähnlicher Gelegenheit ausgefprochen. wor⸗ 
den, daß nemlich Gott diejenigen güchtiget, die er lieb 
bat, und daß er mächtig ift in den ſchwachen. 
Züchtigen heißt nicht etwa firafen fo wie es oft in der buͤr⸗ 
gerlichen Geſellſchaft gefehieht, ohne daß weder bei dem Gefez im 
Algemeinen noch bei feiner Anwendung in dieſem befondern Fall 
die Beziehung auf das Wohl des geftraften recht herausträte, ſon⸗ 
dem züchtigen heißt eben, durch Webungen, die mit Anſtrengung, 
Unannehmlichkeit und Entbehrung, wie das in jeder Zucht und ง 
Erziehung nicht anders fein kann, verbunden, irgend eine Unfähig- 
keit des Menfchen. überwinden, eine Thätigkeit deſſelben erhöhen;. 
und fo kann güchtigen allemal nichts anders fein als ein Werk . 
der väterlichen Liebe. So fahen die erſten Chriften jene Leiden _ 
an, welche oft ganz unverſchuldet Die Gemeine befrafen; fo wer⸗ 





- einem andern als dem ruhigen Wege der Ueberlegung die Einſtcht 


262 


‚den wir, wenn unfer Sinn auf Gott und fein Thun gerichtet iſt 
auch Die anfehn muͤſſen, welche jezt das Vaterland betroffen har 
ben, und werden darin Daffelkige nur in größerem Maaßſtabe er 
kennen, was die Vatergüte Gottes immer an uns thut und was 
wir fie flehen müßten nie gu unterlaffen, wenn dies je su befuͤrch⸗ 
ten wäre. Und zwar werden wir bemerken, daß diefe Unfälle in 
einer zwiefachen Beziehung zu unferer Züchtigung gereichen. Sie 
find auf der einen Seite die natürlichen, alſo, mochten fie fich 
nun früher oder fpäter einftellen, immer unaußbleiblichen Solgen 
der unter ung herrfchenden Fehler und Gebrechen. Sofern tir 
und nun an diefen unfer Theil suerfennen müflen, e8 ſei mitwir 
fend und mitfündigend, oder nur dag wir aus ungeitiger Frie⸗ 
densliebe zu dem böfen gefchiwiegen, 68 aus Stumpffinn gering 
geachtet, oder irgendwie beftochen die vorübergehenden Vortheile 
des boͤſen getheilt haben: immer hatten wir ja noͤthig, daß auf 





uns beigebracht wuͤrde, auf wie verderblichem Wege wir wandel⸗ 
ten; hatten es nöthig, daß das fchläfrige Gefühl durch den Sta 
chel des Leidens aufgeregt und fo Träftig belebt wurde, . daß es 
‚in kuͤnftigen Zeiten auch bie Teiferen Warnungen bes göftlichen 
Geiftes verfichen und fich gegen die erften ‚Anfänge des böfen, 
wo es fie auch antreffe, bemaffnen und zur Mehr ſezen Fann. 
Aber auch inwiefern wir-etiva fagen koͤnnten, daß wir ung Feinen 
Theil zuzufchreiben wüßten an den Sehlern, die das oͤffentliche 
Ungluͤkk verurfacht haben; wenn jemand fo weit von den gemein. 
ſamen Angelegenheiten entfernt, fo eben erſt eititretend iſt in die 
Melt, daf er das Fünnte; oder wenn wir etwa fagen koͤnnten, 
daß was wir leiden unter den Drangſalen der Zeit unſere Ver⸗ 
ſchuldung weit uͤberſtiege: auch inſofern werden die, welche Gort 
lieben, doch nur die zuͤchtigende Hand des Vaters erkennen, in⸗ 
dem ſie die wohlthaͤtigen ſtaͤrkenden Wirkungen des Ungluͤkks er 
fahren. Kommt es nicht uns allen zu gute, indem ed mehr Strenge 
"und Ernft in unfere Öffentlichen Angelegenheiten bringen, indem 
es und unfer Mecht fichern wird die Stimme zu erheben gegen 
alles fchlechte und verkehrte? wird es ‚nicht unfere Aufmerkſam⸗ 
keit mächtig fchärfen für Die Zukunft? befreit e8 ung nicht von 
‚einer Menge von Eleinlichen Abhängigkeiten? reinigt es nicht uns 
fer ganzes Herz, daß wir immer mehr in die tapfere Stimmung 
fommen, alles für Schaden zu achten | wenn wir nur dag gewin⸗ 
nen, daß wir den Willen Gottes vollbringen? 

se laͤnger wir dieſe Erfahrung an ung ſelbſt machen, je 
deutlicher wir wahrnehmen, daß fie nicht nur bie unfrige ifl, for 





. 


eine weit verbreitete, je mehr wir alſo wirklich inne werben, 
3 fei nichts als Züchtigung was ung widerfährt: um befto tiefer 
ird ih und auch einprägen die Ueberzeugung, beren wir jest fo 
r bedürfen, daß Gott noch liebt das Volk der Deutfchen. Es 
bt in der Gefchichte Beifpiele von Voͤlkern, denen die Zeiten 
s Gluͤkks nicht zum Segen gereichten und Die Zeiten des Uns 
แก อ nicht zur Beſſerung; die jenes nur. reiste zum fträflichften 
bermuth finnlichen. Genuſſes, zur hoffärtigften Vergeſſenheit goͤtt⸗ 
er Geſeze, und dieſes nur hineintrieb in die gewaltſamſten 
ußerungen einer ſchauderhaften Verzweiflung: Beiſpiele von 
Bölfern, die weder durch ihr eignes Ungluͤkk gebeſſert werben 










konnten, noch durch das, zu deffen Werkzeugen fie der Höchfte 


machte. Das find. diejenigen, am denen fich die Liebe Gottes 
nicht mehr verherrlichen kann, weil fie ganz dem irdiſchen binge: 
gegeben find. Iſt aber noch Frage unter ung nach der Bedeu⸗ 
tung der göttlichen Führungen, ift noch Selbſterkenntniß und Buße 
demuͤthigen wir und unter die züchtigende Hand: :dann merden 


auch diefe Zeiten vorzüglic an unferer eigenen Erfahrung ung . 


kigen, wie Gott fich mächtig beweifet in den fchwachen 
Es iſt ein ſehr gewöhnlicher Irrthum, dag wir die göft 


lie Macht nur in dem zw fehen glauben, was auch Außerlich : 


Rarf und gewaltig erfcheint, and alles alg ein Werk dee göttlichen 
Macht anzufehn, mag durd) eine große Vereinigung von Kräften 
bergirkt wird. "Wir vergeſſen dabei, daß. das unmittelbare Wert 
der görtlichen Macht nur das gute ift und daß, wenn auch- bie 
gevaltigen- ber Erde immer Werkzeuge der göftlichen Macht find, 


diefe doch in ihnen nicht wohnt, wenn fie nicht felbft das gute 
tollen. Daher ift eine göftliche Macht oft mehr in. den ſchwa⸗ 


hen ald in den gewaltigen, und wir erkennen dies nicht deutlis 
her als in allgemeinen Unglüffsfälen, wenn ถิ ด 8 gute äußerlich 
gedruͤkkt und geſchwaͤcht den ſtarken und gewaltigen der Erde ge⸗ 


genuͤber ſteht. 
Es giebt faſt kein Ungluͤkk, aus welchem der Menſch ſi ch 


nicht auf eine feigherzige Weiſe erretten, oder es wenigſtens abs 


kuͤrzen oder erleichtern koͤnnte, wenn er ſich noch tiefer in dag 
geifige Uebel hinein ftürge, um deswillen eben jenes über ihn ge: 
tommen ift. And Died eben iſt das erfte, wodurch Gott, nachdem 
( den Menſchen gebeugt, fi mächtig beweiſet in den ſchwachen, 
daß, wenn feine Züchtigungen recht tief gegriffen heben, ex doc) 
färkt gegen dieſe Verſuchung. Iſt der Unwille gründlich erwekkt 
gegen das boͤſe, ſo ermannt ſich die invere Kraft, und ſelbſt der 


ſchwache, der nich obläugnen kann, daß er fein Leiden anſehn 


- 
- 
u ๓. 













264 


muſſe als die Folge feiner DVergehungen, fagt doch, wenn die 
verführerifche Stimme ihn ruft,. doch nur noch einmal in de 
dringenden Noth der getvohnten Weife zu folgen, ſelbſt der fagt, 
das fei ferne von mir, daß ich wider den Herrn meinen Gott 
fündigen ſollte, und fo fteht er gleich nach feinem Falle wieder 
da ale eine fiegreiche Macht. Und eben fo beweiſet fich auch die 
Macht Gottes, indem fie jeden Keim de guten und fchönen fchut 
und gebeihen läßt. Die Gefahr macht beherzt, daß jeber auf fih 
ſelbſt am wenigſten bedacht die treueſte Sorge denen widmen kann 
von denen am meiften zu erwarten ift für die Wieberherftellung de 
‚Öffentlichen Sache. Das gemeinfame Leiden. macht vertrauli 
und offenherzig, daß jeder dem andern näher. fteht zu Lehre uns 
Warnung bereit, daß’ jede ftärkende Gemuͤthsſtimmung fich mit 
theilt, jede gute That auch andere begeiftert und fo die ficherfe 
Macht für dag gute aus der Züchtigung felbft hervorgeht. End 
lich _fehen wir Gott. auch dadurch fich mächtig beweifen in den 
fchwachen, daß er fie in ihrer Niedrigkeit felbft zu feiner Verherr⸗ 
lihung aufftelt. Das alte Wort, daß Gott ermählt hat was 
ſchlecht und thöricht geachtet ift vor der Welt, bewährt fich je 
desmal aufs neue an einem Volk, bei welchem die Züchtigungen | 
Gottes anfchlagen. Es kann fein, dag auch unferm Volk nod) 
größere Demüthigungen bevorftehen, daß 68 noch mehr feines An | 
ſehns und feiner Stelle unter den Mächten der gebildeten Welt 
beraubt wird: wenn nur flatt dieſer äußeren Macht eine innere 
ſich zeigt; wenn nur Eintracht, Anhänglichkeit und Treue immer 
mehr bie Oberhand gewinnen; wenn nur bie allgemeine Veberzeugung 
von dem was unfer wahres Wohl ift fi) Iauter und deutlicher 
ausſpricht; wenn wir nur ftanöhafter fortfahren zu unſerer Erhal⸗ 
tung alle ſchlechten Mittel, Lug, Verrath, Kriecherei, Ungerech⸗ 
tigkeit jeder Art zu verabſcheuen und zu zeigen, daß es unter uns 
etwas heiliges giebt, worauf wir unverbruͤchlich halten, daß wir 
noch immer das nemliche Volk ſind, deſſen ſchoͤnſter Beruf es 
immer geweſen iſt, die Freiheit des Geiſtes und die Rechte des 
Gewiſſens zu beſchuͤzen: o dann muͤſſen wir ja daſtehn als ein 

. großes Beifpiel unter den Völkern; dann muß ſich ja auch in 
unſern Leiden am meiften, eben durch den Gegenfas der-fich darin 
aufſtellt, die Herrlichkeit des göttlichen offenbaren; dann muͤſſen 
mir ja, wenn auch erft für Eünftige Zeiten, der Mittelpunkt wers 
den, um den fich alle® gute und fchöne vereiniget. Wenn wir 
nun ſo gerade in den Zeiten ber Verwirrung und der Truͤbſal 
am deutlichſten die das. gute befoͤrdernden Fuͤhrungen Gottes er⸗ 
bliffen; wenn wir durch fie am meiften in dieſem Glauben ber 





. 265: 

fefiget werben, durch) den allein wir auch die gleichgilltigeren Er⸗ 
eigniffe anderer Zeiten recht betrachten und benusen Fünnen: wie 
folten wir nicht dankbar geftehen, daß auch folche Zeiten und ก" 
alfo alles dem der Gott. liebt zum beften dienen muß. - 

Diejenigen freilich, welche nicht begehren in das Ebenbild 
Gottes geftaltet zu werden, fondern nur ihr thierifches Leben su 
genießen und gu verfchönern trachten; welche in allem nicht fehen . 
auf die Offenbarungen Gottes, fondern nur in dem Maaß etwas 
mit Luft, Sreude und Hoffnung umfangen, als es ihren finnli- 
hen Trieben Nahrung und Befriedigung verfpricht: dieſe koͤnnen 
nicht anders als immer mehr in Beforgniß, Angft und Verwir⸗ 
tung gerathen; und die Schikkſale der Menfchen, die fo ganz eine 
ihren Vorftellungen. entgegengefezte Richtung nehmen, muͤſſen ih⸗ 
nen immer dunkler und unverftändlicher werden, wie wir. dag auch - 
täglich vor Augen fehn. . Aber wie biefe, fo lange fie in ihrer. 
Geſinnung verharren, nicht vermeiden Eünnen, -einer fo nieder⸗ 
ſchlagenden Unficht hingegeben zu fein: eben fo nothwendig folge 
auch aus unferer Gefinnung die Anficht, welche unfer Tert auf 
fellt und welche wir ung genauer aufgezeichnet haben. Ya, meine 
Stunde, wer Gott liebt von ganzem Herzen, wer geneigt ift den 
Herm เน fuchen und feiner Stimme zu folgen, der kann vielleicht 
ſchwach fein; er kann fich vielleicht oft verirren, wo er biefe 
Stimme nicht deutlich genug vernimmt; er kann vielleicht in dem 
gewöhnlichen Lauf der Dinge gar leicht von weltlichen Beziehuns 
gen eine Zeitlang feftgehalten werden und nicht erfennen mag er 
erkennen follte: aber wo alles fo tief aufgeregt wird, wo Gott 
[0 laut redet, wo อ 8 gar nichts ficheres, feftftehendes mehr zu 
ſehn giebt, wern man nicht Gott fieht und feinen Willen: da, 
ine Sreunde, kann der welcher Gott liebt nicht irren. Laßt 
und alfo diefe Worte unferd Tertes als unfern. Leitftern feſthal⸗ 
ten. Sobald irgend eine andere zaghafte Anficht fich unterfchie- 
ben will ſtatt jener richtigen, laßt แห 8 in uns gehn und Acht 
haben, daß nicht die Liebe zu Gott in unferm Herzen verdunfelt 
werde; und wie uns noch. die Bedraͤngniſſe der Zeit von allem _ 
entblößen mögen was ung äußerlich erfreut, wie laut ſich ge⸗ 
drüffter muthlofer Sinn um uns her wahrnehmen laffe: wir 
wollen imnter alle Bezauberungen der Welt auflöfen durch dem 
mächtigen Spruch, Denen die Gott. lieben muͤſſen alle Dinge 
zum beſten dienen. 


. 


2 melt haben,- vorzüglich” geneigt, mit der Erinnerung an die Ver: 


266 


VL 


Daß die legten Zeiten nicht ſchlecher find als 
die vorigen. 





Am legten Sonntage bes Jahres 1806. 


©, nahe dem Schluffe eines merkwürdigen Jahres und an 
dem lezten Tage, den es uns für unfere thriftlichen Zufammen 
fünfte darbietet, find gewiß wir alle, die wir ung hier werfam: 





gangenheit ung zu befchäftigen. Und nie follten durch dag, was 
bier vorgefragen wird, folche Betrachtungen verfcheucht werben, 
die eine gemeinfchaftliche natürliche Veranlaſſung in allen erzeugt; 
wol aber müflen fie ung: hier geheiliget werden, von allem bloß 
irdifchen gereiniget, ganz mit den Gefinnungen in Uebereinſtim⸗ 
mung gebracht, zu denen wir uns bier immer erheben follen. 
So ift e8 ung gewiß allen natürlich, dag Ende diefed Jahres 
mit feinem Anfang zufammenzuftelen, um fo mehr, je mehr in 
der That beide Zeitpunfte einander entgegengefest find faft in je 
ber Beziehung, die ung allen wichtig fein muß. Dieſe ก ิ ด ) auf: 
drängende DVergleichung wohen wir alfo nicht zurüffweifen; aber | 
anders wird. fie vieleicht ausfallen bier, wo wir ung in die 
Stimmung verfegen, welche, wie bie beiligfte und wuͤrdigſte, fo | 
auch immer -die fchönfte und erfreulichfte if, nur daß wir fie 
ung nicht überall zu erhalten vermögen. Hier, - fo denke ich, 
nachdem wir uns geftärkt haben durch Geſang und Gebet, muß 
ung verfchtwunden fein jebe muthlofe Anhänglichfeit an das ir- 
difche und vergängliche,. dag ung mehr oder minder entriffen if; 








7 


bier ห น ก เณ wir und frei fühlen von der Luͤſternheit, welche vor 
dem herben Geſchmakk des jezigen Zuftandes zurüfffchaubernd fich 
in bie Süßigfeit des vergangenen begebrlich vertieft; und eben 
fo von jedem bloß irdiſchen Standort, aus welchem: fich beides 
vergleichen [ด้ ธี ย haben wir ung, hoffe ich, zurüffgegogen. Diejes 
nige fromme Befonnenheit alfo fege ich bei euch voraus, welche 
nur auf Die höheren Bedeutungen menfchlicher Schifffale fieht; 
welche nicht, je nachdem fie reich oder arm find an Luft und 
finnlihem Wohlergehen, den Werth der Ereigniffe abwaͤgt, fon: 
dern darauf vorzüglich achtet, ob fie Veranlaſſung bdarbieten, dag 
höhere und geiftige Wohl des einzelnen wie des ganzen zu ber 
fordern, ob fie Dffenbarungen des göttlichen Willens enthalten 
und Erleuchtungen zur Selbſterkenntniß, die ung meifer machen 
und beffer: und von diefer Gefinnung aus laßt ung jezt die Vers 
geihung anftelen, die ung fo nahe liegt. - 


— 


Text. Pred. Salom. 7, IL 


Sprid) nicht, was iſt es, daß die vorigen Tage beſ⸗ 
fer waren, benn dieſe. Denn du frageft folches nicht 
weislich. EEE | | | 


In dem merfwärdigen Buche, woraus diefe Worte genoms 
men- find, -erfcheint ung gar vieles als Klagen. eines eitlen Sin⸗ 
ned, der auf -einem ‚hohen Gipfel des menfchlichen Lebens doch 
keine Befriedigung gefunden hat, als Aenßerungen einer Genuß- 


liche, welche durch die Eünftlichften DVeranftaltungen ihres Zeit  - 


alters, durch alle Verfeinerungen, die 68 darbot um fie zu ber. 
friedigen, nur überfättiget worben ift und fich nun kaum bei dem 
einfachften zurechtzufinden weiß. Aber zwiſchendurch enthält es 
auch koͤſtliche Regeln einer geprüften Weisheit, welche eben bes 
mühe iſt, jenen eitlen Sinn und jene Genußliebe zurechtzuieifen. 

Und zu dieſen lezteren müffen wir unftreitig die Worte unferes 
Textes zählen. Es ift eine auch während des getwohnten gleich 
formigen Ganges der menfchlichen Dinge gar weit verbreitete 
Neigung, dem fpäteren immer das frühere vorzuziehn, eine Nei⸗ 
gung, die wol auch Häufig in unbefriedigter Eitelkeit und abge» 
fumpfter Genußliebe mag gegründet fein und bie hier vorzuͤg⸗ 
ich in diefer Beziehung von ber höheren Weisheit getadelt- wird. 
Diefer Tadel ift aber fo allgemein ausgedruͤkkt, daß er ung ein . 
unftreitiges Mecht giebt, ihm auch bei der Vergleichung anzuwen⸗ 
den, แน welcher mir 16 aufgefordert find, unb uns vorzuhalten, 





208 
daß wis auch unmweislich handeln wuͤrden, fo un 


bedingt und fo ficher ie frühere Zeit der ſpaͤte⸗ 
ven vorzuziehen, 


und dag die, worauf in unferm Zuſtande wir fe auch ſehen mögen, 
fo fehr einander entgegengefesten Theile des verfloffenen Jahres 
fih nicht fo gegen einander. verhalten, twie wir zu glauben ge 
neigt find. Es find drei Verhälmniffe, in welchen fich alles was 
ung allen wichtig fein kann zuſammenfaſſen läßt, das haͤus— 
liche Leben, welches wir als bie unmittelbarſte Duelle unſeres 
Wohlſeins anfehn, das buͤrgerliche Zufammenfein, in me 
chem unfere ganze Wirkſamkeit in der Welt eingewurzelt ift, und 
endlich die kirchliche Semeinfchaft, durch welche wir aus 


einer und derfelben Duelle unfere Gefinnungen zu beleben und 


zu färfen fuchen. Laßt uns in Beziehung auf alle Drei fehen, 
was die verfchiedenen Zeiten und gegeben ober geraubf haben. 


I. Zuerſt alfo richten wir unfere Augen auf das hand 
liche Leben. Allerdings erbliffen wie während ber erſten Zeit 
des verfloffenen Jahres ein ruhiges, von außen ungeftörted Zu 
fanmenfein. Jede Familie Eonnte nach Maaßgabe der Skuft, 
auf welche fie in der Gefelifchaft geftellt war, der. Sertigkeit, die 
fie fich in ihren Berufsgefchäften erworben hatte, vor allem aber 
nach Maaßgabe der Liebe, Die fie befeelte, zufrieden und gluͤkklich 
Ieben auf ihre Weife und nach ihrem Sinne. Wir befanden 
ung auf einem folchen Wege, daß, Ungluͤkksfaͤlle abgerechnet, det 
Mohlftand eines jeden langſam, aber ficher fich mehren fonntt. 
Alte verfchiedenen Stände der Gefellfchaft gaben ung hievon dit 
Beweiſe; und mit dem Wohlftande zugleich fchienen auch alle je 
länger je mehr ihren Antheil zu. genießen an jener höheren Di 
dung und Ausftattung des Lebend, die dem Wohlſtande erſt It 
nen Werth giebt. So lebten wir ruhig und ficher, indeſſen ir 
- andern Gegenden des beutfchen Vaterlandes das häusliche Glüff 
‚unter Zerrüttungen litt, welche wir theilnehmend bedauerten, welche 
aber, wie in menſchlichen Dingen oft dafuͤr gehalten wird, ung 
auf mehr als eine Weiſe foͤrderlich zu ſein ſchienen. 

Aber laßt uns nicht auf die eine Seite des Bildes ine 
. Zeiten allein fehen, laßt uns auch die andere ing Auge fallen! 
Oder waren ung etwa die nachtheiligen Folgen einer Langen md 
ungeftörten Ruhe fremd und fern geblieben? war nicht durd 
"lange Verwoͤhnung vielen unter und der Sinn abgeſtumpft für 
Die einfacheren Freuden des Lebens? zeigte fich nicht gar haͤufg 
jene unerfättliche Luſt nach dem neuen, nach dem fremden, mad 








dem was In höheren Krelfen der Gefellſchaft einbeimifch IR? nicht 
jenes traurige Beduͤrfniß, durch immer fchärfere Meise den une 
befriedigen Sinnen, ben abgeflumpften Begierden zu Hülfe zu 
tommen? Elagten wir nicht eben deshalb, daß fo vielfältig in 
allen Abtheilungen der Gefelfchaft der Segen des Wohlſtandes 
aufgezehrt wurde in unverhältnifmäßigem, thörichtem, unerfreus 
lichen Aufwande? war es nicht eine Folge dieſes Verderbens, 
daß anitatt des ruhigen Gluͤkkes, welches fie hätten genießen Eon 
nen, fo viele Samilien litten an dem Mißmuthe und an den Laus 
nen einzelner Mitglieder, an der gegenfeitigen Unzufriedenheit als 
ker mit einander? waren fie etwa felten die verfchiedenen Spu⸗ 
von einer feindfeligen Selbftfucht, die ohne alle Nufkficht auf dag 
gemeinfame nur ſoviel an fich zu reißen fucht als fie kann und 
durch, die jedes größere oder Eleinere ganze, in welchen fie nicht 
durch höhere Kräfte nnterdrafft wird, nothiwendig zerfallen muß? 
O diefe Beobachtungen, die wir alle anftellen Eonnten, fie muß⸗ 
ten gewiß mehr ale mäßigen. die Freude der mwohldenfenden an 
tem Außerlich guten Zuftande des häuslichen Lebens unter ung! 
Diefer Außerliche Zuftand tft freilich jezt ein ganz anderer 
ald damals. Tauſende von Familien ſchweben in ängftlicher Bes 
ſotguiß um das Schikffal der theuerfien Häupter; viele find auf 
mamigfaltige Weife in ihrem inneren serftört, micht wenige ihres 
Derforger$ beraubt, es fei nun daß der Tod ihn entriffen, oder 
daß die Schikkſale des großen Voͤlkerzwiſtes ihn in entfernte Ges 
genden entführt haben; ja faft überall, auch unter denen, welche 
als ruhige Bürger unmittelbar in die Ereigniffe deffelben nicht 
verwikkelt find, führe der Krieg mannigfaltige Leiden herbei. Der 
tuhige Wohlftand, man koͤnnte fagen faft aller unferer Mitbürger, 
iſt auf längere Zeit hinaus geflört; die Quellen des Erwerbes 
berfiegen auf allen Seiten je länger je mehr, die Entbehrungen 
nehmen zu: und fo wenig das Ende der gegenwärtigen Zerrüt: 
tungen abzufehen ift, fo fcher if einem jeden die Außficht, dag 
fr und Genuß je länger je mehr ins Färgliche und bürftige 
Mammenfchrumpfen werben, daß die Sorge immer mehr Weber: 
gewicht erlangen wird über die Freude und daß wir in. kurzem 
vieleicht alle einander gleich gemacht fein werben auf einer und - 
derſebigen tiefen Stufe des Elendes. 
Allein laßt ung auch nicht uͤberſehen auf der andern Seite, 
wie ſehr dieſe aͤußere Zerruͤttung geeignet iſt, wohlthaͤtig auf un⸗ 
ſeren innneren Zuſtand gu wirken. Laßt ung zuvoͤrderſt geſtehen, 
aß auch in den ſchrekklichen und ſorgenvollen Tagen, wo uns 
แก zuerſt überfiel, mo wir dag meifte zu erdulden und 


— 


270 


alles เน befürchten hatten, daß auch dba nur der aus Geiſtes 
armuth in fich felbft ſchon ganz-zerftörte völlig rathlos und un 
gluͤkklich war. Laßt uns nicht vergeffen; wie wir jest ſchon man 
ches gleichmüthiger betrachten und über vieles lächeln und fcer: 
- zen, was uns damals tefentlich beunruhigte. Wenn wir auf 
diejenigen fehen, welche ein empfindlicher Verluſt von höhere 
Art getroffet bat, welche theure Verwandte und Freunde zu be 
weinen häben, laßt ung nicht vergeffen, daß bie Trennung durch 
den Tod ein allgemeines und unvermeibliches Schifkfal if, wel 
ches auc im Laufe des vergangenen Sjahres fo manchen ohne 
allen Zufammenhang mit biefen großen Begebenheiten getroffen 
bat, und daß diejenigen. durch einen fchönen Troſt aufgerichte 
werden, denen der. Tod nicht verborgen und einfam die geliebten 
ihrigen .entriffen kat, fondern denen fie in der Ausübung midi 
"ger Pflichten in einer großen wenn auch unglüfflichen Sache auf 
eine ehrenvolle Weiſe gefallen find. Und fo beruhiget über da 
jenige; was und am fchmerzlichften bewegen muß, laßt ung af 
die natürlichen Folgen des gegenwärtigen Zuftandes. binfehen. 
Vieles was wir gewohnt waren zu befisen und. zu genießen if 
und freilich .entriffen: aber wollen wir vorſaͤzlich unſere Augen 
dagegen verfchließen, teie fehr ung dafür der Genuß und de 
ganze Werth des übrigen erhoͤhet ift und wieviel empfaͤnglicher 
wir geworden find als fonft für Eleinere Freuden, Die wenige 
äußere Zurüftungen bedürfen? Ja mollen wir nicht gern 06 ใด 
‚daß auch die Entbehrung einen eignen Reis hat für jeden, de 
nicht ganz auf den finnlichften ‚Genuß beſchraͤnkt ift mit feinen 
Anſpruͤchen an das Leben? daß fich ein eignes Wohlgefallen ent⸗ 
wikkelt aus‘ der Gefchifflichkeit, die befchränfteren Werhältnift 
aufs befte einzurichten? Sollten wir es nicht fühlen, daß wir 
ung in dieſen Zeiten leichter als ſonſt manches laͤſtigen Zwar 
ges entledigen, welchen ung Gewohnheiten auflegen, die jezt iht 
Recht durch die Umſtaͤnde verloren haben? und daß aus der je⸗ 
zigen Zerſtoͤrung, wenn wir ſie recht benuzen, eine freiere und 
anmuthigere Geſtalt des geſelligen Lebens hervorgehen kann' 
Und, was das größte iſt, entwikkeln nicht ſolche Lagen eine ci 
genthümliche Kraft, die trennende Selbftfucht in ihrer ganjen 
Dürftigkeit aufzudeffen und mit ihrem ganzen traurigen Gefolge 
su verbannen, dagegen aber die Gemüther der fchönen Eintracht 
und der wahren Liebe aufzufchließen? Würde nicht jezt mehr als 
วั ต แล [ชิ derjenige als ganz ſchlecht und verderbt erſcheinen, der 
die gemeinfchaftlice Noth noch vermehren wollte, indem er ไย 
welche mit ihm leben, durch verdrießliches Weſen und üble Lau⸗ 








271 


nen quälte? wird nicht jede Tugend, jede gute Eigenfchaft, durch 
twelhe wir uns das Leben gegenfeitig erleichtern, berzlicher aner⸗ 
fannt ๕ 8 fonft? ift man nicht williger, alles, was in ber That 
nur Schtwachheit ift, Liebreich zu behandeln und als etwas unbe 
deutendes mit einzurechnen in die vielen Schwierigkeiten des Les 
bens? ficht man nicht über manches, was fonft Vorurtheil gegen 
einen Menfchen erregte, duldſam hinweg, wenn man ihn nur ers 
griffen findet. von unfern gemeinfchaftlichen Gefühlen, wakker in 
folhen Geſinnungen, wie wir fie allein achten Eönnen? Eur; wer: 
den nicht auf alle Weiſe die Menfchen einander näher gebracht 
in Liebe und leichter und offener verbunden als fonft zu wahrer 
Theilnahme und herzlicher Freundfchaft? 

Wenn twir alfo Died alles erwägen: fo werben wir gefte 
hen muͤſſen, daß, wenn wir in Beziehung auf das häusliche Le- 
ben die vorigen Zeiten den jezigen vorziehen wollten, wir einen 
feinen und unfer unwuͤrdigen Maafftab anlegen müßten. Denn 
was ให้ doch der wahre Gehalt des reichften und fchönften Fa⸗ 
milienfreifeg, - ๕ 18 daß gleichgefinnte Menfchen, verfchieden gear; 
tet, aber in. Liebe vereiniget, ihren Sinn gegen einander ausſpre⸗ 
hen, ihr Daſein einander mittheilen, die innern Bewegungen ih⸗ 
res Bemütheg, die Früchte ihrer Erfenntniß, alled was die Welt 
und das Reben in ihnen anregt, gegen einander austaufchen und 
fo in einander und durch einander leben. Dies ift doc) gewiß 
das wefentliche, alle8 andere nur Mittel und Nebenfache, wovon 
man Unrecht thun würde den Maaßſtab herzunehmen, um vers 
ihiedene Zeiten des Lebens mit einander zu vergleichen. Aber 
gewiß das find die beften Zeiten, in melchen Die Liebe ung am . 
freiften und frohſten beherrfcht, in welchen bie Treue ung am 
geniffenhafteften vereiniget, in welchen Werftand und Gefchiff das. 
keben zu bilden fich am Fräftigften entwikkeln, in welchen jeber 
wahre Gehalt. des „Lebens unabhängiger wird von den äußeren ' 
Ungebungen,. daß wir lernen uns mit Cem vorhandenen einrich- 
ten, alle8 um uns her brauchen ohne etwas unnuͤz zu verſchwen⸗ 
den, und fo in einer ficheren Kunſt des Lebens und der Liebe feſt 
gegründet das zufällige ſcherzend zu entbehren wiffen und ung 
allem ruhig und andächtig hingeben Eünnen, was die Rathſchluͤſſe 
der Vorfehung noch ferner herbeiführen. Wer dieſen Maaßſtab 
anlegt, der wird geſtehen müffen, daß wir im Vergleich mit der 
vorigen nichts weſentliches verloren ‚haben durch die jezige Zeit, _ 
der wird in dem Gefühl, daß es nur von uns abhängt, fie mit 
allen diefen Vorzuͤgen immer reichlicher auszuftatten, zu allem 
was fich geändert. hat ruhig fagen Eönnen, Der Herr bat es ges 


272 
se des Herr hat es genommen ber Bam des Herrn (คู่ 
gelobt. 


11. Schen wir ferner auf unfer bürgerlich es ธิ น [เพ 
menfein: .fo erfcheint der Unterjchied zwiſchen dem aͤußeren zu 
ftande deffelben am Anfang und dem am Ende des Jahres hier 
offenbar noch größer als dort. Denn Fein einzelner, wie viele 
aud) gelitten habe, wird wol behaupten wollen, in feinem engen 
Kreife einen fo großen Wechfel erfahren zu haben, wie unfe 
 Baterland ihn erfahren bat. Sehet in. jene Zeiten zuruff, wo 
die ungeflörte innere und dußere Ruhe jedem einzelnen bei freut 
Erfüllung feines Berufes: auch feinen befchiedenen Einfluß auf 
das ganze zuficherte; wo der mwohlthätige Einfluß des ganzen auf 
den einzelnen durch die Macht der Gefeze, durch die Kraft de 
allgemeinen Sitte, durch die Gewalt der öffentlichen Meinung. 
fi) immer mehr befeftigte; wo die eigenthümliche Art und Weile 
unferer Staatsverfaffung, die in fo manchen Ziveigen ald cin 
leuchtendes Mufter für andere galt, in den verfchiebenartigen 

heilen des Neiches immer einheimifcher wurde zur Vermehrung 
feiner inneren Stärke; wo die Stellung unfered Vaterlandes 0 ย 
gen die übrigen Mächte von Europa eine fo glänzende war, ba 
wir ung dem ſchmeichelhaften Bewußtſein uͤberlaſſen durften, 
Preußen koͤnne in wichtigen Augenblikken durch ſeine Stimme 
den Gang der Unterhandlungen, fo wie durch feine Heere dad 
Schifkfal des Krieges .entfcheiden. 

Neberfehen wir aber. nur auch nicht, daß innerlich nicht ab 
[68 fo war wie es freilich fein Fonnte und wie es bei eine 
oberflächlichen Anficht auch wol vielen zu fein fehien. Oder hit 
ten wir ſchon vergeffen, wieviel Gleichguͤltigkeit gegen das gan 
bei nur zu vielen einzelnen zu finden war? wie leichtſinnig es 
angeſehen wurde, wenn jemand durch Umgehung. der Geſeze [ย 
fer als durch. Befolgung derſelben ſein eignes Wohl zu befördern 
verſuchte? über wieviel Erſchlaffung, über welchen Mangel an 
lebendigem Eifer zu klagen Urſache war bei denen, welche an der 
Verwaltung des ganzen arbeiteten, und deren vielen es nur dar⸗ 
auf ankam, mit der wenigſten Muͤhe dasjenige zu erwerben, mad 
der Staat ihnen für ihre Dienfte reichte? vergeflen wir, mie. 
viele einzelne Theile noch immer ihre befondere Verbindung un 
ter fich höher achteten als das allgemeine Band, welches fie mit 
Dem ganzen vereinigte? vergeffen wir das Fleinliche Miptrauen 








der verfchiedenen Stände gegen einander, welches fich hinter ei⸗ 


ner fcheinbaren Eintracht nur ſchlecht verſtekkte, und, es ſei nun 


273 


gegründet geivefen oder nicht, in bedenklichen Zeiten Immer hoͤchſt 
gefährlich wirken mußte? Sehet da die nicht geringen Uebel, an 
denen das Vaterland in jenem äußerlich glänzenden Zuſtand er; 
krankt war, Uebel, zu denen auch die Vorurtheile, die Verirrun⸗ 
gen, die ein jeder von uns zu bereuen hat, das ihrige beitrugen, 
und die den nachdenkenden Beobachter in der Stille wenigſtens 
überzeugten, daß nur aus großen Erſchuͤtterungen eine gründliche 
Heilung hervorgehen Eönne. Ä 
Sie ift jest gekommen, biefe Erfchütterung, herbeigeführt 
durch einen Schritt, den ber lautefte allgemeine Beifall und die 
hoffnungsvollſte Freude begleitete, felbft berbeiführend freilich ein _ 
Her von Uebeln, unter denen das Vaterland jest feufzet, und - 
jene fcheinbare Größe, deren wir ung erfreueten, gänzlich zerſtoͤ⸗ 
เต Wir wollen e8 nicht feheuen, dieſe Uebel mit einander zu 
betrachten. Der allgemeine Zufammenhang des ganzen äußerlich. 
fo gut als völlig aufgehoben; faft alle ftreitbaren Kräfte, welche 3 
die Selbftftändigkeit des Staats erhalten folten, durch einen 
Schlag gelähmt; die Thätigkeit derer, welche für das innere 
Vohl zu forgen haben, auf eine traurige Art befchränft, oder 
ſchnerzhaft und gewaltſam in eine unnatürliche Richtung hineins 
ล ต เฟ ่ ก 6: hie und dort durch- die einzelnen Gewaltthaten des 
Stieged manche ſchoͤne Wirkſamkeit geſtoͤrt; ſelbſt die Bildung 
der Diener des Staats und der Lehrer des Volkes für die kuͤnf⸗ 
figen Gefchlechter เน der - Wurzel angegriffen und bedroht; der 
kitende. Mittelpunkt des ganzen, das theure Haupt des Königs 
aus feinem alten Sig bis in die Außerften Theile des Reichs zu⸗ 
tüffgedränge und der gewohnten Art feiner belebenden Thätigkeit 
beraubt, außer Stande feine Befehle und-feine Wünfche überall 
hin zu verbreiten; kurz das Vaterland ein Gegenftand des Be⸗ 
dauerns für alle, welche feine Wichtigkeit für die Bildung und 
dit Freiheit von Europa zu fchäzen wiſſen, und ein Gegenftand 
der Schadenfreude. für diejenigen, welche fich altem Groll blind» 
lings überlaffen, oder durch .unfern Sturz zu getsinnen hoffen. 
Sollte aber das druͤkkende Gefühl diefer Uebel ung: fo der 
Veſinnung berauben, daß wir unfähig würden, fie aus dem rech⸗ 
ten Geſichtspunkt zu betrachten und das Wefen- der gegenwaͤrti⸗ 
gen Zeit.richtig zu beurtheilen? Sie find ja doch’ nichts anderg 
als chen jene alten Fehler, num endlich in ihren natürlichen Fol 
gen allen fo vor Augen geftellt, daß fie niemand mehr abläug- 
nen kann. Iſt es doch, fall nur Lebenskraft genug vorhanden 
if, für ein großes Gluͤkk zu achten, wenn ein inneres verborge⸗ 
nes Uebel nun endlich ausbricht in einen- offenbaren. Schaden, 


274 


feine Ratur daburch deutlicher zu erkennen giebt, den FW der 
Heilung anmeifet und jeder Weigerung fich ihr แน unterwerfen 
ein Ende macht. Ye เบ ค เน auch in den Gefahren, welche das 
Vaterland zu beftehen hat, noch alte Verſchuldungen und Berge 
bungen gebüßt wuͤrden, von denen: der Ausgang ' der gegenmär 
tigen Schifffale, wie er auch befchaffen fei, .e8 nothwendig be 


freien muß: wer wollte nicht auch in dieſer Hinficht fie gern old 


- ein reinigended Webel ertragen und fich im voraus ber Heiterkeit 
und des frohen Bewußtſeins erfreuen, welches nur derjenige ge 
nießen kann, ber fich entfündiget hat. Und wenn durch bie furdt 
baren Ereigniffe des Krieges ſich auch Treulofigfeiten im innen 
offenbarten, die niemand beforgte, wenn noch neue Gebreche 
zum DVorfchein kämen, die felbft der feharffinnigfte. vorher nidt 
entdekken konnte: mer wollte fich nicht freuen, fei auch die At 
und Weile noch fo ſchmerzhaft, den Zeitpunkt beſchleunigt zu ff 
hen, wo wir über das alles zur Erkenntniß kommen, damit alte 
and neues zugleich Eöhne ausgetilgt werben. Aber es iſt doch 
mehr auch unmittelbar erfreuliches gefchehen von andern Geil 
Es ift mitten in dieſem gerrätteten Zuftande gewekkt tworden eine 
eifrige Liebe zum Vaterlande, eine lebendige Thaͤtigkeit, wo mat 
irgend thätig ſein kann, ein herzliches Verlangen etwas zu fa 
fen für das ganze, was mir vorher nicht wahrnahmen ‚und was 
vielleicht ſo wie wir es nun bilden möchten noch nicht da mar: 
. fo daß wir mitten in den Ausbrüchen der Krankheit auch N 
Aeußerungen einer Eräftigen Matur und die Zeichen der Genefun 
erbliffen und hoffen dürfen, der. ganze Körper werde fich, wie 6 
oft gefchieht, nach uͤberſtandenem Uebel deſto beſſer kraͤftigen und 
werde deſto ſicherer zu einem langen und geſunden Leben ger 
ben. Dem worin befteht doch die Gefundheit eines großen Ge— 
meinweſens, wenn nicht darin, daß in wahrer Eintracht alle dir: 
fchiedenen Theile deſſelben ſich zu einem eigenthuͤmlichen Dale 
und. Leben. vereinigen; daß nach den Regeln dieſes Lebens ein 
jeder froͤhlich und friſch das feinige ſchaffe und in der Verbin 
dung mit dieſem ganzen fo ſehr ſein Wohlſein finde, daß, wei 
entfernt nach etwas darin zu ſtreben was er nur ordnungswidri 
erreichen Eönnte; noch weiter entferne irgend ein befonderes Sf 
für einen Gewinn gu achten, welches ihn von dem ganzen Mei 


- . ห อ ย Eönnte, jeder nur alles das mit feinen Kräften fein und thun 


will, was er in demfelben und. für daſſelbe fein kann, jeber ger! 
alle Früchte feiner Talente, feines Fleißes, feiner Tugenden DM 
ganzen darbringt und für daffelbe verwendet und weder Luſt, noch 
Reichthum, noch Ehre a andere begehrt als auf diefe Meife, Ant 








279 


gewiß แน ะ das iſt Die wahre Größe eines Landes, bie auf folcher 
iche und Anhänglichkeit beruht; nur fo weit geht eigentlich das - 
Gebiet, ald es dieſe aufzeigen kann. 

Koͤnnen wir nun wol ſagen, daß in dieſer Beziehung die 
gegenwaͤrtigen Zeiten der Pruͤfung ſchlechter waͤren als die vori⸗ 
gen, wo wir ungepruͤft nur in der Einbildung groͤßer waren? 
Oder muͤſſen wir nicht geſtehen, daß ſo wie es vorher einen 
Reichthum gab der nur Schein war, ſo es auch jezt einen Ver⸗ 
luft giebt der nur Schein iſt? Denn alle die gehören ja immer 
dem Vaterlande, deren Liebe und Kraft ihm zugewendet ift, wie 
[ehr auch ihre Thätigkeit gehemmt, mie fehr auch ihre äußere . 
Verbindung mit ihm abgefchnitten if. Und andere als ſolche 
haben ihm nie angehört, mochten fie auch das Anfehn haben, 
ihm noch ſoviel Nuzen zu fchaffen, und mochten fie auch Außer: 
ih von ihm anerkannt fein und in feinem Namen handeln. Wie 
viele 6@ giebt folcher wahren Söhne des Vaterlandes, das ver⸗ 
mögen woir ‚nicht zu beurtheilen; nur treulos fünnen Feine gewor⸗ 
den ſein, und auch im ſchlimmſten Fall würde fich jet nur ein 
Nangel offenbaren, ‚der auch vorher -fchon da war. Und frauen 
wir unferer Erfahrung davon, wie fehr in Einem Geifte gedacht, 
geirrochen und, wo 06 vergönnt เก ิ , gehandelt wird auch da, wo⸗ 
hin nicht mehr Ein Gebot reicht, fo iſt ihre Anzahl größer, als 
wir hofften; trauen wir unferm Gefühl, fo iſt jest eine Zeit, 
worin fich jedes Talent leichter entmwiffeln und ausbilden, tworin - 
fih jede edlere Gefinnung leichter erheben kann über die Selbſt⸗ 
แล ย die großentheilg ihre Stuͤzen verloren hat, two auch über 
ſonſt gleichgüftige und fchlaffe Gemüther ein Geiſt der Kraft und 
der Liebe kommen kann. 


ur. Gewiß ift dag Verhältuiß, welches wir eben betrach⸗ 
tet haben, dasjenige, welches einen jeden am meiſten beſchaͤftigt 
bei der Vergleichung der gegenwaͤrtigen Zeit mit der vergange⸗ 
nen. Um deſto nothwendiger iſt es, daß wir auch noch einige 
Vlikke werfen auf den Zuſtand unſerer kirchlichen Gemein⸗ù 
ſchaft, die uns ja eben ſo unentbehrlich und theuer iſt, damit 
wir auch die Einfluͤſſe nicht uͤberſehen oder falſch beurtheilen, 
welche die gegenwaͤrtigen Umſtaͤnde ihrer Natur nach auch uͤber 
fie verbreiten muͤſſen. Denn fo ſehr fie auch. gang eine geiſtige 
Ungelegenheit ift und von allem weltlichen fcheinen koͤnnte abge: 
fondert fein zu muͤſſen: fo ſteht fie doch natuͤrlicherweiſe nicht 
nur im genaueften Zuſammenhange mit allen, was dem Geift 
der แน ม่ merkiich bewegt und umſtimmt, ſondern auch durch 

S2 








276 
, das Außerliche, deſſen fie bedarf, find ihre Schikkſale verbunden 
mit den fonftigen Schikkſalen der Völfer. . 

Es war. bei ung dahin gediehen, daß jene Vorurtheile or, 
tentheild verfchtwunden waren, welche. der dußerlichen Theilnahme 
- an den Uebimgen der Religion, mich abgefehn von der dabei ob⸗ 
waltenden Befinnung und dem inneren Zuftande des Gemuͤthes, 
ſchon an und für fich einen vorgeblichen Werth zufchreiben. Kle 
ner als in früheren Zeiten war dadurch die Anzahl derer gewor⸗ 
“den, welche die Stätten der öffentlichen Gottesverehrungen be 
fuchten, aber doch gewiß nicht Eleiner, als auch fonft unter jenm 
zuffrömenden Haufen die Anzahl der wahren und würdigen Jun 
ger des Erloͤſers geweſen war. Died nun war für den nachdem 
kenden und verſtaͤndigen ein erfreulicher Zuſtand: denn deſto an 
gemeffener der gleichen Berfaffung der anmyefenden and darım 
defto eindringlicher Eonnten unſere Betrachtungen fein, ohne fih 
befäffen zu dürfen mit dem Tadel folcher Werfehrtheiten, die der 
Lehrer bei wahren Ehriften nicht vorausfegen Darf, Ungeſtoͤrt und 
unbeachtet baute ſich auf diefe Art die Gemeine in ber Gtik, 
und Die Umftände waren günftig um die Gefinnungen wahre 
Srömmigfeit zu verbreiten- und zu befefligen. Denn wenn dt 
Menſch ruhig die Welt anſieht, ohne von aufen gefährdet ober 
von innen heftig bewegt su fein, dann finder er darin am lid: 
teften den Herrn; wenn feine Betrachtung ungeftört dem แล ฝัก 
lichen Zufammenhang der Dinge folgen Fann, dann entdelt a 
am ficherfien die Gefege der göttlichen Negierung, und auf alt 
Reife fcheint die Ruhe, deren wir ung bisher erfreuten, der wah 
ren Erleuchtung des Gemäthes und der feften Gründung แม ่ ซ์ 
her Tugenden am zuträglichften zu fein. 

est verhält ſich dies alles anders. Die heiligen Gebaͤude 
- ‚find zum Theil ihrem urfprünglichen Zweff entriffen, die Seuf⸗ 
ger der verwundeten und der ſterbenden werden da gehört, 
fonft der Lobgefang und das gemeinfchaftliche Gebet erfchalt 
bie und da find die chriftlichen Verfammlungen unterbrochen u 
der Unterricht der Jugend aus feiner gewöhnlichen Drönung 0 
wichen. Und wenn dafür anderwärts vielleicht ungemöhnlid) | 
firömen bie, die Kirchen befuchen, fo muß man glauben, «8 fi 
größtentheild von Sorge und Angft ergriffene Gemüther, die vie 
leicht wol Troſt und Hilfe bei den Uebungen ber Andacht ſuchen 
aber tweniger geneigt und gefchifft find, die Wahrheiten des Glau⸗ 
bens in ihrem großen Zufammenhange su betrachten und deshalh 
weil fie ย น ะ nach dem verlangen, was eine unmittelbare เล ล ก 
dung finder auf ihren gegenwärtigen Zuſand, ſchwerlich mehr mit 


















> 


977 


ih hintwegnehmen, ald eine flüchtige Nührung. So fiheinen. wir 
uf der einen Seite bedrangt zu fein durd) die Gewaltthaͤtigkeit 
er Zeit, auf der andern in Gefahr, die Neinigkeit zu verlieren, 
ie wir ung ohnlängft errungen haften, und die Frömmigkeit wier 
er herabgewuͤrdiget zu fehen zu einer bloßen Dienerin der Not - 
nd der Schmerzen. | 

Died mag alled wahr genug fein, aber laßt ung ouch ans 
es eben fo wahres betrachten. Warum follte nicht auch, «8 
t fo fehr menfchlich, Biefer großen Angelegenheit zu Ratten kom⸗ 
von, daß fie um fo mehr beachtet würde, geehrt und geliebt, je 
che fie in Gefahr ſchwebt? Sehen wir nicht, wie fehr mar Die 
nterbrochenen Verſammlungen beklagt, indem man die gehinderte 
heilnahme an der Erbauung recht Hoch mit anrechnet unter ben 
ntbehrungen, die die Umftände auflegen; wie man mehr als 
enft fid) unterredee über Die erwekklichen Worte, He von ben 
riligen Stätten gefprechen werden? wollen wie nicht glauben, 
venn auch nicht alles Acht fein follte, daß Doc) viel gutes 8 ล 6 ๕ 
um Grunde liegt, daß ein lebendiger Eindrukk von dem Segen 
ber Andacht, ein fchöner Eifer für die gemeinfchaftlichen Anftaks 
ten derfelben auch auf die Zukunft zurüffbleiben werde? Laßt ung 
ferner nicht überfehen, daß vorher, matt kann wol fagen in dem 
bei weitem größten Theil der Gemeinden, eine gewiffe weichliche 
Eiimmung herrfchte, die den fieferen Eindrüffen des Chriften- 
cthums nicht guͤnſtig iſt. Wieviel weſentliches und wichtiges aus 
dem Gebiet des Glaubens wurde nicht ungebraucht wenigſtens 








gelaſen und in Schatten geſtellt, wenn auch nicht gang uͤberſe - 


ben, weil es nicht leicht und ‚faßlich darzuftelen, oder im Streit 
mit manchen. Gegnern des Chriftenthumes durchjufechten war. 
ft ung geftehen, dag ſelbſt im unfern öffentlichen Belehrungen ' 
ſch Spuren fanden von der allgemeinen Erfchlaffung, welche die . 
Ruhe erzeugt hatte, indem eine befchränfte Anficht herrfchte, fü 

daß man, um bie Borfehung bemerklich zu machen und darzu⸗ 
Reken, immer nur auf bie lichte แก 8 leichte Ordnung ſtiller und 
tuhiger Zeiten fich berief, daß man bie Aufforderungen zum Danke 
gegen Gott vorzuͤglich darauf gründete, daß wir fo ruhig und 
ingefört fortkeben Eonnten, und daß man dagegen immer von 
demjenigen. dein Blikk abzulenken pflegte, was bie Vorſehung in 
den großen und furchtbaren Schikkfalen der Völker augrichtet und 
barfeit.. Jezt Dagegen find- dadurch, daß Died alles über ung 
เน: hereingebrochen iſt, alle für dag gute empfänglichen Gemuͤ⸗ 
her tiefer aufgeregt, fie fehnen ſich nach) dem Eräftigen und bes 
lebenden, dag Beduͤrfniß wird gefühlt an die Stelle folcher Bes 


278 


srachtungen, die fi) nur auf ber Oberfläche wohl gefallen, eine 
eindringendere‘ Kenntniß gu fegen und fich inniger einzumeihen in 
Die göttliche Ordnung ber Dinge, weil nur da Die Auflöfung lie 
gen Fann für bie Unruhe, von der. fih alle bebrängt fühlen. 
Und dem Wunſche. kommt auch die Kraft zu Huͤlfe. Denn je 
mehr jezt ein jeder in ſeinem engeren Kreiſe erſchuͤttert iſt und 
fuͤhlt, daß dieſer nicht für ſich beſtehen kann, um deſto meh 
ſtrengt auch jeder ſich an, mehr ins große und in die Ferne zu 
ſehen; je mehr alle Ruͤkkſichten auf das unmittelbar naͤchſte ver 
geblich werden, deſto lieber ſucht jeder feine Beftimmung und 
Haltung in ben größeren Verhältniffen und lernt muthig bi 
Grundgefege der Weltregierung zu ahnden. Je mehr die In 
hänglichkeit an die Kleinigkeiten des Lebens verfchteindet, um 
defto verftändlicher wird die edle und große Handlungsmeile ber 
frommen, und Aufforderungen: auch zu den größten Aufopferun 
sen und den ſchwerſten Tugenden dürfen fich hervormagen แฟ 
einer freundlichen Aufnahme gemwärtigen. So ift es hie und I 
wirklich, und fo follte und koͤnnte es überall fein, wenn nur mi 
bem rechten Geift und Sinn biefe Zeit aufgefaßt würde; ja 6 
waͤre natürlich genug, ‚wenn jezt eine Stimmung herrfchend wirkt 
den berrlichfien und glorreichften Zeiten des Chriſtenthums äh 
Sich und die jeden, den fie fich erhielte und den fie ftärkte im 
Drange dieſer Zeit, weit Darüber erheben müßte, irgend etwas 
aus der Vergangenheit zu bedauern. Denn worauf iſt es mel 
abgefehen bei der Gemeinfchaft des. Glaubens und des Gebetes 
und welches follen ihre Zrüchte fein, als daß dag Meich Gott 
herbeikomme unter ung, Daß bei denen, die fich. nach Chriſti N 
men nennen, alles irdifche immer mehr vom geiftigen durchbrus 
gen werde, daß wir die Gedanken Gottes verfichen lernen, ſe 
‚weit unfer Blikk reicht, น น อ was ihnen widerſtreiten will in J 
ner Nichtigkeit erkennen, daß wir ung ausbilden zu Menſchen 
Gottes, die zu allen guten Werfen gefchikks find, und daß hie 
- einer den andern ftärfe, hiezu Luft und Liebe, hiervon Tebendiged 
Gefühl einer dem andern mittheile. Wer nun zurüfkfehen mil 
auf die ganze Gefchichte des Chriftenehumes, der wird uberad 
finden, daß dieſe Kraft feiner öffentlichen Anftalten ศิ ล์) immer in 
Zeiten ber Zerrättung und der Trübfale am fchönften entwikkelt 
und da den ſicherſten Grund gelegt hat zu jeder höheren. Stufe 
chriftlicher Weisheit und Tugend, Darum ‚wird es auch ] ſo 
fein für jeden unter ung in-dem Maaß, als er diefer- Berbinbung 
der Ehriften in Mahrheit angehört. Was wir fühlen von 06 
ſtaͤrkter Bruderliebe, bie auf dem Grunde des Glaubens ณั 











279. 


von erhöhter Theilnahme an dem geiftigen Leben anderer, von 
köhafterer Anhänglichkeit an alled, mas dag eigenthümlichfte und 
köendigfte iſt an unferm gemeinfchaftlichen Glauben, das find Die 
erten Vorboten der Seanungen, die wir zu erwarten haben. Sa 
auch außer ‚uns fehen wir unverkennbar deutlich, daß jest eine - 
zeit der Sichtung .ift, deren die Welt bedurfte, . Die sweifelhaf: 
tn, Gemuͤther werben entfehieden; denn die jegt noch verharren 
konnen in dem niederen. Gebiete der Sinnlichkeit, werden wol im⸗ 
ner fortwandeln auf ihrem verkehrten Wege, bie aber irgend ei⸗ 
nes höheren Lebens fählg find, in denen muß es ศิ ด์) jest geftal- 
een. Die unaufmerkſamen werben gewekkt; denn die auch jezt 
noch der lauter erfchallenden Stimme Gottes Fein Gehör ge: 
ben, werden เต อ [ immer nur Ohren haben für die Loffungen der 
Melt, die aber jezt ihr Ohr zur Gottfeligkeit und Weisheit nei⸗ 
gen, die vernehmen mehr als fonft wol mit der Aufforderung zus 
glei auch die Anweiſung, wie fie zur Heiterkeit und Klarheit 
des Lebens gelangen koͤnnen und zur Einigkeit mit Gott und 
ſich ſelbſt. 

So ſteht denn auch jezt, meine Freunde, auf welche von 
den wichtigſten Verhaͤltniſſen des Menſchen wir auch ſehen moͤ⸗ 
gen, unſer Wohl in unſerer eigenen Hand. Unweislich waͤre es 
gethan, davon muß durch die ruhige Betrachtung, die wir mit 
einander angeſtellt haben, jeder uͤberzeugt worden ſein, die vori⸗ 
gen Zeiten zuruͤkkzuwuͤnſchen und über die jezigen zu klagen; denn 
ur durch fie hindurch gehet der Weg zu befferen. Unweislich 
häre ed, wenn wie uns bon Gott verlaffen wähnen wollten in 
unſerm jesigen Zuftande, da er auch jegt nicht minder als ſonſt 
fine Weisheit und. feine Liebe an ung bewährt und da jeder, : 
der nur. merken will, was ber Herr fagt, und gehen, wohin et 
führt; auch für das, was bis jest gefchehen iſt, Urfach finden 
Wird zu danken und zu loben. 


Das wollen wir alſo auch thun, weiſer und heiliger 
Gott! Nicht murren wollen wir gegen dich in verfehrtem 
Sinm fondern preifen und Dank. fagen für alle deine Fuͤh⸗ 
tungen, . O daß wir dies Fönnen mit voller Zuftimmung 
unferes Herzens, daß wir beine Liebe zu erkennen vermögen, 
auch indem du züchtigeft, das fühlen wir als den ftärfend: 
Ken Balfam auf unferen Wunden, bag bürgt uns dafür, 
daß dein Geift in ung wohnt und น น 8 erleuchtet, das eis 
regt ung Hoffnungen, bie nicht koͤnnen zu Schanden werben 
laſſen. O gieße nur diefe Kraft immer reichlicher aus über 





23850 


ung und alle unfere Brüder und vorzüglich über ihn, der 
für alle forgen und rathen fol und mit allen fühlt. Du 
haft ihn erhalten den geliebten Koͤnig, Du haft ihn bis jezt 
geftärkt in feinen muthigen Entfchließungen: " erhalte auch und 
ftärfe ihm. Die Kraft, deren er noch bedürfen wird! Laß auch 
‚ihn in deinen Prüfungen nur die Wege deiner Liebe fehen 
und die Vorbereitungen auf ein fehöneres Heil, und โญ ้ 6 
ung alle vol Vertrauen auf dich und vol Aufmerkfamkeit 
auf deinen Willen der Zufunft entgegen gehn. Amen, 











281 


. ์ va 
Was wir fürchten follen und was nicht. 





. Um Neujahrstage 1807. 





Narr Ichre uns thun nach deinem Wohlgefallen! das ift 
unſer erſter gemeinfchaftlicher Wunfch in dem neuen Lebend. 
jahre, welches wir beginnen. In dag innere unferes Gemuͤ⸗ 
thes im deiner Gegenwart bineinfchauend achten mir alles 
andere gering und fühlen und nur von. diefem Verlangen er 
griffen, ‚nicht8 von dem gu verfäumen, was bein Wille -und 
Dein heiliges Gebot fein wird an uns alle. Aufs neue gleich» 
ſam ſehen wir die Laufbahn eröffner, und wer irgend einem . 
andern Ziele nachfrachtend fie mit feinem Blikke durchirrt, 
dem möchte bangen und ſchwindeln. Aber eben ift fie auch 

"fo für die, welche nur dich fuchen und ber Leitung deines 
Geiftes fich, willig hingeben. Ja er wird ung leiten, ‚dein 
guter Geift, auf ebener Bahn, und diefer muthigen Zuvers 
ſicht verſchwinden alle Schreffen. Herrlich und weiſe wer⸗ 
den fich ung deine Führungen entwikfeln, ftärfen. wird ung 
über alle Verfuchung hinaus deine Kraft, und tapfer wollen 
wir der Zukunft entgegen geben, die du uns bereitet haft. 


— — — 


, (ชิ ด เน anders, meine chriftlichen Freunde, ift gewiß ung allen 
heute zu. Muthe, ๕ 8 fonft bei dem Antritt eines neuen Jahres. 
Sonſt erheiterte feinen. erfien Morgen frohe Erinnerung und I 
chelnde Hoffnung; jezt truͤbt ihn. von allen Seiten die. Sorge. 
Sonſt gab ung der erfte Anblikk einer großen Verſammlung das 
angenehme Gefühl eines ruhig fich verbreitenden und wachſenden 
Wohlftandes; und wenn wir ung nicht verbergen Eonnten, daß 
mancher ‚einzelne auch gerade dann gebrufft war und leidend, fo 
verlor fich das als etwas zufäliges und vorübergehendes leicht 
in dem allgemeinen Frohſinn: jezt iſt ein Gefühl des Drukkes 
und der Noth allgemein. verbreitet, und einer folchen, Die ung 
nicht einmal den Troſt läßt, e8 Iebe doch unter ung noch man 


cher einzelne in der Verborgenheit gluͤkklich und unberührt von. 


den vielfältigen _Stacheln des Elends. Denn wir fodern viel 


mehr und: dürfen fodern, was auch einjelnen günftiges widerfah⸗ 


sen fei, ſolle überwogen werden von dem treuen Mitgefühl -der 
allgemeinen Noth. Sonſt begegneten ſich Freunde und Bekannte 
- mit fchergenden Wuͤnſchen, daß es hierin oder darin noch beſſer 

mit ihnen werden möge, wiewol fie Urſache hatten, ſich des Wohl: 
ſeins zu freun, in welchem fie einander begrüßten: jezt iſt fchon 
die Wiederherfielung in den vorigen Zuftand ein fühner Gedanke, 
dem wenige Raum zu geben tagen und. der für nicht wenige 


ſchon durch die herbeften Schifffale feine ſchoͤnſte Bedeutung ven . 


Ioren hat. Allein, meine Sreunde, Wuͤnſche folcher Art waren 


Doch nie der fromme, eigentlich ‚chriftliche Theil .unferer Empfin | 


‚dungen; und fo wäre wenigſtens bier der Ort nicht, barüber zu 
Elagen, daß fie gelähmt durch bie Testen Greigniffe des vorigen 
Jahren fich heute nur dürftig emporfchwingen Fönnen. Auch 
wollen wir ihnen nicht. etwa gewaltfam aufbelfen und, umher⸗ 
flatternd unter .fehmeichelnden Vorftelungen von dem, was und 
dennoch) angenehmes und erheiterndes begegnen könne, unfern Sinn 
an einem feiner Natur nach fröhlichen Tage in die Farbe erneu⸗ 
ter Hoffnungen tauchen. Sondern hier gebührt. 68 ung, auf den 








ernften Gehalt des Lebens hinzufehen und durch fromme Erhe ว 


bung die Seele für einen neuen Zeitraum zu ftählen und zu bei- 
ligen, um in den Stärkungen chriftlicher Weisheit die Bürgfchaft 
‘eines immer fortfchreitenden inneru Wohlergehens von Binnen zu 
nehmen. Und ich bitte euch nicht etwa, daß ihr euch, weil es 
‘die Zeit fo erheifchet, begnügen- laffen moͤget mit einem fo herab⸗ 
-  geftimmten Endzwekk meiner Rede; fondern ich fodere euch aufı 

daß ihr im Gefühl feiner Größe und Michtigfeit den göttlichen 





283 


Beiftand dazu mit mir erflehen wollet, als den ห ต ปั Segen un: 
ferer diesjährigen Berfammlungen. 


Teyt Math. 10, 28, 


Fauͤrchtet euch nicht vor denen, welche den Leib eöbten 
und die Seele nicht mögen töbten. Fürchtet euch aber _ 
vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben mag in 
Die Hölle: | 


Es muß chriftlichen Zuhörern gegenwärtig fein, daß diefe 
Worte aus dem Unterricht genommen find, den unfer Erlöfer feis 
nen Füngern ertheilte über ihren Fünftigen Beruf. Er mußte es 
und fagte es ihnen, ihre Laufbahn ſei gefährlich, viele Entbehrun- 
gen feien zu erdulden, viele Hinderniffe zu üderminden, viele 
Kämpfe zu beftehen. Und wie er ung.alle, die an ihn glauben 
würden, in fein fegengreiches und heiligendes Gebet mit einfchloß, 
[6 find wir auch in diefem Unterricht mit begriffen; denn mie er 
fie gefendee hatte, fo. fendet er auch und. Wenn nun diefer für 
olle Zeiten gilt, wie denn das Leben des Ehriften nicht anders 
iu leben iſt ๕ 8 unter Entbehrungen und Kämpfen: fo tritt er 
uns doch beſonders vor Augen in Zeiten wie die gegenwaͤrtigen, ' 
und wir werden alle geneigt ſein, 


eine Anweiſung unferes Erloͤſers, welche unſe⸗ 


rer Sorge und Furcht die geboͤrige Richtung 
giebt, | 


๕ 8 eine Kegel der Weisheit anzufehn, von deren Befolgung jest 
mehr als je unfer ganzes Heil abhaͤngt. Laßt uns daher nach 
Anleitung dieſer Worte in den Sinn unſeres Erloͤſers uns hin⸗ 
eindenken und uns ermuntern, in dieſen Zeiten beſonders nur ſo, 
wie er es uns gelehrt hat, zu fuͤrchten und nicht zu fuͤrchten. 


I. Zuerſt betrachten wir, was wir nicht fuͤrchten ſol⸗ 
len, diejenigen nemlich, welche nur den Leib zu toͤdten vermoͤgen, 
die Seele aber nicht beſchaͤdigen koͤnnen. 


Wir haben dies anzuſehen, meine Freunde, als die Be 
fhreibung jeder irdifchen. Macht, jeder, die nur auf dem Gebiete 
feines zeitlichen Lebens den Menſchen angreifen kann; und von 
dem höchften was eine folche zu leiften vermag. ift die Bezeich⸗ 
nung hergenommen. Denn von allen zeitlichen Uebeln iſt der 
Gipfel der Tod. Verurſacht euch eine aͤußere Gewalt Entbehrungen 


Pr 


284 


gewohnter Genuͤſſe: das gaͤnzliche Aufhoͤren aller Luſt iſt ber Ton. 
Hemmt fie das frohe Niewußtfein des Lebens durch Schmerz, den 
fie. zufuͤgt: die gaͤnzlichhe Hemmung dieſes Bewußtſeins iſt ber 
Tod. Raubt ſie euch die Mittel zu eurer Thaͤtigkeit fuͤr die Welt: 
die Aufhebung aller thaͤtigen Gemeinſchaft mit der Welt iſt der 
Tod. Unter อ ตน größeren nun iſt dag geringere mit begriffen; 
wer alfo nur irgend etwas von demjenigen fürchtet, wozu ber 
Tod die legte Steigerung tft, der fürchtet eine irdifche Macht. 
er aber Gegenftänbe der Furcht hat, wogegen ihm der Ted 
. felbft als etwas geringes. erfceheint, oder womit er als etwas gan 
ungleichartiges gar nicht kann verglichen werben, dem wird auch 
fein eignes Gefühl fagen, daß das mas er fürchtet Feine irdifche 
Macht fei. Aber die Worte unſeres Textes führen und auch noch 
auf .eine andere Art eben dahin. Sie geben ung zu verſtehen ก 
alles was der Menſch fürchten Tonne fei auf irgend eine Weiſe 
Tod, Störung des Lebens, des leiblichen oder des geiſtigen; ift 
ถนน diefes, fo kann man daran, was ein Menfch fürchtee, erken⸗ 
nen, worin er fein Leben ſezt. Alles Leben aber ift Seele und 
Leib, und die irdifche Macht, die wir nicht fürchten follen, iſt die, 
welche von jedem Leben nur den Leib tödten โด แห. ; Nehmt gleich 
อ ด 8 zeitliche Leben des einzelnen Menfchen; jeder ber aus Gott 
geboren ift muß willen, daß dieſes mit allen feinen mannigfalti 
gen Ergigniffen und allem was in feinen Kreis gehört nur der 
Leib des wahren Lebens ift, an welchem und durch welchen ſich 
bie Seele deffelben offenbart. Diefe Seele aber ift eben der Geiſt 
Gottes, aus dem wir geboren find; und welche irdifche Madıt 
koͤnnte wol deſſen Sein und Walten irgendwie flören? Nehmt 
unfer Eigenthum, welches ja wol jede irdifche Macht ung ſchmaͤ⸗ 
lern und rauben kann, es ift ja von unferer Wirkſamkeit in der 
Welt nur der Leib, durch den wir fie ausüben; die Seele derſel⸗ 
“ ben aber iſt unſere Geſinnung, unſer Talent, unſere angeborene 
Luſt und Liebe zu dem, was wir in der Welt vorzuͤglich ſchaf— 
fen und bilden, und die kann ung keine irdiſche Gewalt raus 
ben. Nehme Bas Zufarimenfein mit denen die toir lieben, 
welches ja auch mol irdifche Macht durch gemwaltfame Tren⸗ 
nungen ftören Tann; aber fie fort dann nur den Leib bie 
ſes freundfchaftlichen “Wereins, die Seele deſſelben ift die in 
nere Uebereinſtimmung, die. Liebe felbft, Die Urt wie wir und ge 
genfeitig erkennen und ſtaͤrken und in Einem Geift einander ge 
genwärtig find, und welche irdifche Gewalt kann der mol etwas 
anhaben? Nehmt den Beruf und den MWirfungsfreiß eines jeden 
in dee Befellfchaft, den ja wol Gemaltihätigfeiten und Unfälle 











235 | 

auf allerlei Weiſe verfchließen koͤnnen; aber auch das ift nur der 
Leib unſeres Thuns, die Seele davon ift die Liebe zu dem gan⸗ 
jen, in welches unfer Thun eingreift, und dieſe iſt unvertilgbar 
und muß, fo gewiß fie in ung ift, fich auch roieder irgendwie 
äußern, fei es auch ganz abweichend von der gewohnten Art. 
Und fo wird es überall und auf jedem Gebiete des Lebens nur 
der Leib fem, den die Menfchen tödten Eönnen. 

Wenn nun Dies die Grängen find, auf welche ihrer Natur 
nad) jede irdifche Macht befchränft bleiben muß: ift es nicht eine 
Thorheit, fie zu fürchten für jeden, der nicht in diefem Leibe nur 
kbt, fondern deffen Leben Geift it? Thorheit gewiß! denn wenn 
wir nun aus Furcht vor ſolchen Webeln, deren ärgfteß der Tod 
it, irgend etwas unterlaffen, was. อ ิ ด 8 Gewiſſen gebietet, irgend 
etwas thun, was der Stimme der innern Ehre zuwiderlaͤuft: fo 
gerathen wir ja eben in dag, was für ärger ald den-Tob zu hal 
ten unfer Vorzug iſt, und Sterben, indem wir felbft bie Geele je: 
16 Lebens vernounden, eines anderen Todes, nach welchem auch 
dag Leben des Leibes EFeinen Werth mehr für ung haben kann; 
teil, wenn wir um den Leib zu fchügen den Geift nicht mehr 
ih und gefund gewähren laſſen, der ſich fonft ohnfehlbar wie⸗ 
der einen Leib. würde gebildet haben, alsdann ja Die wahre Bes 
deutung und das Leben auch des Leibes felbft, den wir erhalten 
holten, verloren iſt. Und doch ift dies das wahre. Weſen aller 
tdiihen Furcht, und fo gewiß fie irgend etwas wirft, wirkt ſie 
dieſes. Giebt es alfo wol ein aͤrgeres Verderben, als dasjenige, 
welches mit dieſer Thorheit verbunden iſt? kann es fuͤr denjeni⸗ 
gen, der zum guten berufen iſt, einen herabgewuͤrdigteren Zuſtand 
geben, als ſo aus Furcht des Todes in den Banden der Unthaͤ— 
tigkeit gehalten zu werden? 7 

Darum aber, meine Freunde, ift es eine höchft verkehrte 
Meinung, fo weit verbreitet fie auch fein mag, den Muth nicht 
für eine allgemeine nothiwendige Tugend zu’ halten, fondern nur 
für eine beſondere Sertigkeit, welche in ſich auszubilden und fie. 
dann für alle übrigen zugleih auch auszuüben nur einigen ge⸗ 
dühre; wogegen alle übrige, welche nicht diefem Stande angehö> 
tem der fic) den Muth zu feinem Gefchäft gemacht hat, fich ohne 
Shmah und Schande einen gewiſſen Grad son Zeigherzigkeit 
zugeſtehen duͤrften und es als eine Entfchuldigung vorbringen für. 

erwirrungen, für Unterlaffungen, für Pflichfverlegungen mancher 
Art, daß fie aus Furcht wären begangen worden und dag man 
แห 08 vieleicht อ อ น dem, was die-Pflicht geboten, aufgeopfert. 
abe, um nur alles übrige zu erhalten. So dachte unfer Erlöfer 











286 


nicht, meil er eben wußte, baß man burch die Furcht nichts er⸗ 
hält, ſondern alles verliert, und daß dem, der aus dieſem Grunde 
etwas ihm nach Pflicht, Recht und Ehre gebührendes nicht mehr 

bat, auch alles andere nach) und-nach auf Biefelbe Weiſe kann 
genommen werden. Darum empfiehlt er Muth und Furchtloſig⸗ 
Feit gegen jede Gefahr fogar den Boten des Friedens, die am 
weiteſten von allen weltlichen Händeln entfernt "waren, denen «8 
am leichteften geftattee werden konnte, fich der Gefahr gu entiie 
hen, weil fie. nirgends an einem felten Wohnfi is hingen, weil 2 
‚nen nichts Außerliches zur Erhaltung anvertraut ar. 

Ueberlegt nur, meine Sreunde, 66 es wol irgend einen Be 
ruf giebt, bei dem wir ung losfagen Tönnten von diefer Verpflid; 
tung, nie; nie aus banger Sorge für das leibliche deſſelben den 
Gefegen unferes geiftigen Dafeins zuwider zu handeln. Ueberlegt, 
ob irgend einer von ung fo abgefondert ift, fo ausgefchloffen aus 
dem gemeinfchaftlichen Leben, daß er’ bei treuer umd ſteter 
Erfuͤllung ſeiner Pflicht nichts zu beſorgen hätte von der Rache 
derer, die im Genuß ihrer Pflichtwidrigkeit durch feine gewiſſen⸗ 
hafte Strenge geftört werden, nichts von den feindlichen. Gefin- 
nungen derer, die dem guten überall den Krieg geſchworen haben, 
nichts von der Unachtfamfeit derer, denen er vielleicht, indem 6 
größeres gemeinfchaftliches veraltet, feine eigenen Angelegenhet 
ten anvertrauen muß. Ja geht in das innerfie des häuslichen | 
Lebens und bemerkt, wie aud) dort die Furcht Bor Außern Leben 
die Duelle ift von ängftliher Sorge, von genußleerer Kargheit; 
wie die Zurcht vor inneren Unannehmlichkeiten oft das auffe: 
mende böfe ungerügt anmwachfen läßt, wie fie Die Heiterkeit dei 
Gemüthes verzehrt und die Offenheit der Mittheilung einſchuͤch⸗ 
tert, ohne welche doch gegenfeitige Erziehung, Verſtaͤndigung und 
Sorthildung nicht gedeihen koͤnnen. Kurz überall werdet ihr fir 
den, mer immer dngftlih und beſorgt um fich ſchaut, ber kann 
nicht froh und füchtig dag feinige fchaffen. Wer ſich erſt ge 
woͤhnt, aus irgend einer Burcht etwas von feiner Pflicht zu ur 
"terlaffen, dem mehren und vergrößern fich dieſe Unterlaffungen 
immer, wie ſich die Furcht mehrt; allmählig, indem er ſich gehn 
läßt, ohne vielleicht einen Verdacht zu hegen, als feier ſchlechter 
geworben, denn zuvor, entfteht ihm jener ſchwaͤchliche zitternde 
Zuftand, der den Menfchen nicht mehr derb auftreten, nicht mehr 
feſt zufchreiten läßt und ihn gu jedem Gefchäft,: welches Kraft 
erfodert, unfähig macht, fo daß er vor den Augen Gottes endlid) 
daſteht als ber unnuͤze Knecht, der nichts zu fagen weiß, als je 
nes bekannte, Herr, weil ich meinte, daß du ein harter Mann 











287 


twäreft, habe ich nichts gethan, und der fein Urtheil ſchon empfan⸗ 
gen hat, denn auch das Pfund, was er als das wohlerhaltene 
vorzeigen will, iſt ihm unter Den Händen verfchtwunden. Mer 
fi, erft geftattet, aus Furcht irgend der Stimme feines Herzens 
nicht zu folgen, fondern die inmeren Iebendigften Bewegungen ges 
waltſam zurüffguhalten, daß fie ja nicht fichtbar werden, dem 
wird allmaͤhlig auch die Beweglichkeit felbft verloren gehen; und 
in einer Fuͤhlloſigkeit, welche, wie die Herrfchaft der Furcht übers 
hand nimmt, immer waͤchſt, bis er an nichts mehr Theil nimmt, 
als an feinem eignen, fehon ganz verarmten und unwuͤrdigen Das 
fein, wird er die ſchoͤnſte Hälfte feines Lebens verlieren. 

Denn, laßt ung auc darauf mol merken, nicht nur auf 
dad, was wir zu thun haben, erftreffen fich die verderblichen 
Birkungen der irdifchen Furcht; fondern auch auf Die Art, wie 
und die Ereigniffe in der Welt erfcheinen und wie wir ald Zus 
ſchauer unfern Plaz darin ausfüllen, äußert fie ihren zerſtoͤrenden 
Einfluß. Wenn ſich über nichts verwundern, ſondern in allem, 
was geſchieht, auf gleiche Weiſe die ſichern und deutlichen Fuͤh⸗ 
tungen des Hoͤchſten erkennen in dieſer Hinſicht die Vollendung 
der Weisheit ift: fo iſt warlich alles gelaffen erwarten und in 
fine wahren Geftalt ruhig herankommen fehen wenigſtens der 
Anfang derfelben. Wir wiſſen aber alle, wie fchon bie leiblichen 
Sinne durch Die Furcht verblendet und getäufcht werden, wie der 
zaghafte überall verdaͤchtiges Geräufch hört, mie fich ihm aus. 
ben unſchuldigſten Erſcheinungen die Vorboten des Schrekkens 
zuſammenbilden, wie er in jedem irgend ungewiſſen Lichte uͤberall 
ſurchtbare Geſtalten erblikkt und wie jede Taͤuſchung dieſer Art 
gewiß auch. etwas in feiner Seele zuruͤkklaͤßt, woraus ſich wieder 
neue und aͤhnliche Taͤuſchungen entwikkeln, wogegen alles freund⸗ 
liche und erquikkliche ungenoſſen an ihm voruͤbergehen kann, ſo 
lange er mit ſeiner Furcht beſchaͤftiget iſt. Eben ſo nun und 
noch aͤrger als den leiblichen ergeht es den hoͤheren geiſtigen Sin⸗ 


nen. An Beiſpielen hiezu laͤßt die gegenwaͤrtige Zeit es gewiß | 


tinem. jeden in-feiner Nähe nicht fehlen. Diele mag jeder von 
uns gefehen haben, die, fo lange fie den Zerrütftungen der Zeit ' 
aus einer gewiſſen Ferne zuſahen, ſich ein geſundes Urtheil uͤber 
die Begebenheiten und eine richtige Anſicht der verſchiedenen Vers 


hältniffe zu erhalten wußten, denen aber, feit fie felbft von den j 


unvermeidlichen Uebeln ergriffen worden fi ind, Die Furcht ihren 
Dlikk fo getrübt hat, ‚daß fie nicht etwa nur alles drohende‘ in 
einem vergrößernden Nebel, als eine Niefengeftalt erbliffen, und 
gegen alles aufmunternde und hoffnungbelebende ihnen wie 


288 

Schatten verſchwindet, fonbern, was bei weitem das größere if, 
daß fie nun gar nicht mehr im Stande find, in die großen Ben 
haͤltniſſe der Welt eingudringen, fondern alles neue nur im Bezug 
auf dag gute oder Uebel betrachten, was ihnen perfünlich etwa 
daraus hervorgehen koͤnnte. So verhärtet die Furcht das En 
muͤth! und was für engherzige Wünfche erzeugen fich aus eine 
folchen Stimmung! wie wird man immer geneigte, der duͤrftigen 
Ausficht auf eine ſchwankende Ruhe, wäre fie auch ห น ะ für din 
nächften Augenblikk, alles aufjuopfern! an was für froftlofe Hof: 
nungen haͤngt fich die geängftete Seele! und mie wird. der Menſch 
in: folhem Zuftande von Tage zu Tage unfähiger, mit der zeit, 
die ihn trägt, auch wirklich zu leben und die höhere Bedeutung 
derfelben zu verftehen, fo daß er dag einzige, was wahrhaft if 
und bleibt in diefen Erfcheinungen, nemlich die Führungen des 
Höchften und die Art, wie, er gutes und fchlechted jedes- in feiner 
wahren Natur ung offenbart, gar nicht‘ mehr zu verftehen vermag. 

Sch hoffe alfo, meine Freunde, darüber werden wir einig 
fein, wenn auch alles in Erfüllung ginge, was wir für dieſes 
Jahr zunächft mwünfchen mögen; wenn wir befreit wurden 4 
der Naͤhe der Sieger; wenn ein ruͤhmlicher Friede den Glanz des 
Vaterlandes wieder herſtellte oder noch erhoͤhte; wenn ſich jedem 
die Laufbahn feiner Thaͤtigkeit mit den ſchoͤnſten Ausſichten aufs 
neue eröffnete; wenn ein ſchnell wachfender Wohlftand jeden bie: 
herigen Verluſt bald vergeffen machte und reichlich erfegte: fo 
£önnte doch dies alled das Gluͤkk desjenigen nicht ficher fielen, 
welchem jenes einzige Uebel zurüffbliebe, die Furcht. - Denn das 
frühere, ach nur zu verderbliche Gefühl der Sicherheit, das nur 
in der Unbefanntfchaft mit den großen Uebeln der Zeit fi ต 
halten konnte, würde ihm doch nicht zurüffehren; jeder Genuß 
der Gegenwart, fo wie jede pflichtmäßige. Thaͤtigkeit würde Dr 
fchränfe und getrübt bleiben durch die Sorge; in furchtfamen 
Umberbliffen auf nahe und ferne Begebenheiten, in eiteln Maaß— 
regeln der Sicherftelung würde auch die gluͤkklichſte Zeit verge 
ben, und ruhiges Wohlfein fo wie freue Befriedigung des Gewiſ⸗ 
fens würde ihm nie möglic) fein; ja felbft wenn die Erinnerung 
an die überftandenen Schreffniffe ganz ausgelöfcht werden koͤnnte 
aus feiner Seele, fo würden von nun an auch die gemöhnlichen 
Abmechfelungen, die in dem ruhigften Leben vorkommen, ſtark 06 
ก แล fein, in der eingefchüchterten Seele Beforgniffe zu erregen 
und fo fein Dafein je ‚länger je mehr auszuleeren und. herabiw 
wuͤrdigen. | — | 

Darum, werde es im aͤußeren wie 68 wolle, wohl und, 





%89 | 

wenn ung nur diefer eine Wunfch gelingt, ung frei zu halten von 
der Furcht! Mag uns dann in der nächften Zufunft ähnliches 
oder ärgeres bevorftehen, als. wir ſchon erduldet haben: widrigeg 
oder niedriges Fann und nichts begegnen; nemlich: denjenigen 
nicht, welche überall nicht im Leibe allein leben, fondern im Geifte, 
welchen es in alfen den verfchiedenen Gebieten, in die unfer Das 
fein ſich theilt, nicht um das äußere, um das Werkzeug, um den 
Befiz, um den finnlichen Genuß zu thun ift, fondern darum, zus 
nächft das innere überall rein zu erhalten und ungefchwächt und 
die freue Gemeinfchaft mit andern ‚nicht aufzugeben, in Verbin⸗ 
dung mit welchen wir, fo wahr wir im Geifte leben, fo gewiß 
auch außerlich etwas gutes und fchönes darftellen werden, auf 
weiche Weile und unter welcher Geftalt die Zeit es eben erfor 
dere. So gefinnt werden wir immer aufs neue inne werben, 
und Lebensmurh und Frohſinn werden ung Dadurch wachfen, daß 
Feine irdifche Macht den Geift befchädigen und verlegen Fann und 
daß, wo wir auch dag Aufßere Leben und Wohlfein aufs Spiel 
fegen und verlieren, um nicht zu vwocichen vom Necht und vom 
göttlichen Gebot, wir nach der Verheißung des Erlöfers das ins 
nere und höhere gewinnen. Wie auch jedem auf feinem Lebens⸗ 
wege die aͤußere Wirkfamkeit zerrütter, die wohlausgefuͤhrten 
Werke zerſtoͤrt und alles leibliche ſeines Chuns und Seins vers - 
wundet oder ertoͤdtet werde: wir werden unter allen Zerſtoͤrungen 
jene goͤttliche Kraft in uns fuͤhlen, vermoͤge deren der Geiſt uͤberall 
ſeinen Leib, ſeine Glieder, ſeine Werkzeuge wiederherſtellt, friſch 
belebt, umbildet oder neu erſchafft; und fo werden, wir muthig 
und heiter, tuͤchtig und unbeſiegt, der Welt zum Troz, Gott zum 
Preiſe, uns ſelbſt zur Zufriedenheit daſtehn. 

Aber alles bisher geſagte fuͤhrt uns auch darauf, daß was 
wir ſuchen damit noch nicht gefunden iſt, weun wir nur auf 
irgend eine Weiſe loskommen von der Furcht vor den Uebeln 
und dem Tode; ſondern auf die Weiſe muß es geſchehen, die 
einem auf das goͤttliche gerichteten Gemuͤth allein moͤglich und 
anſtaͤndig iſt; wie denn alles nur unter der Vorausſezung geſagt 
iſt daß es von folchen vernommen werde: Denn ſonſt giebt es, 
und gerade ด น 8 Zeiten der Unruhe und der Zerfförung erzeugt fie 
ſich am häufigften, noch eine andere Zurchtlofigkeit, eine furcht⸗ 
bare und gränliche, die, um es recht fagen, nur in der Verzweif⸗ 
lung ihren Grund hat, in dem Gefühl, daß 68 aud) Feinen fin 
lichen Genuß des Lebens giebt für den, welcher der Furcht uns 
terliegt. Uber unfelig, ja der unfeligfte ift der, welcher auf dieſe 
Weiſe die Furcht von ſich wirft und, weil die hoͤchſte und gei⸗ 

| 7 





290 


fgfte Schu suerft und. am meiften dem ſinnlichen Genuß nach 


dem er trachtet entgegenſteht, es dahin bringt, daß er nicht nur 


irdiſche Macht nicht faͤrchtet, fondern auch die höhere nicht, und 


uns ſo eine Größe zwar darſtellt, aber nur die Größe des Laſters 


und die verhaßte Kraft wilder gerftörender Nohheit. 
Wir alfo wollen, indem wir diejenigen nicht fürchten, welche 
nur dem Leibe zu fchaden und ihn ว น tüdten vermögen, Doch den 


. Herrn fürchten, der auch die Seele verderben Fann in die Hölk. 


Und auf diefen Theil des Ausſpruches Chriſti laßt uns jezt noch 
unſere Aufmerkſamkeit richten. 


II. Den Herrn fuͤrchten iſt ein eben fo gewoͤhnlicher, 


als vieldeutiger und mißverſtaͤndlicher Ausdrukk. Es giebt eine 


Furcht Gottes, welche geruͤhmt wird als der Weisheit Anfang, 
e8 giebt eine andere, welche ausgetrieben werden ſoll durch die 
Liebe; น ก 8 Beide von einander unterfcheiden zu lehren, möchte 
nichts geringeres heißen, ald das Wefen des Chriftenthumg dar: 


fielen. Darum aber glaube ich voraugfegen zu dürfen, daß mir 


alle biefen Unterfchied verfiehen, und will nur น อ ก ด์) daran erin⸗ 
nern, wie auch 8 เต [6 Worte unfers Erlöferd auf demfelben beru⸗ 
ben und er ung nur gu jener Jurcht des Herrn ermahnt, welche 
zur Weisheit gehoͤrt. 

Auf den erſten Anblikk freilich koͤnnte es ſcheinen, als ob 
hier die Rede ſein muͤßte von der verwerflichen Furcht vor den 
Uebeln, welche Gott in jener Welt als Strafe verhaͤngt; denn ſo 
denkt man ſich gewöhnlich dag, Die Seele verderben in die Hoͤlle. 
Allein könnte fie wol alsdann der Erlöfer- jener andern Furcht 


vor irdifcher Gewalt entgegenfegen? Wer auch Die Uebel die 


จ 


Lebens fuͤrchtet, denkt der nicht, daß ſie, obgleich unmittelbar 
durch Menſchen zugefügt, dennoch unter der Anordnung Gottes 
ſtehen und, wen fie treffen, auf feinen Rathſchluß treffen? wer 


ſich zeitliche Strafen Gottes denkt, denkt der fich. etwas andere 
als jene Uebel? und kann Gott fie auf eine andere Weiſe herbei 
führen, als durch die Wirkfamkeit irdiſcher Kraͤfte? Und wenn 
wir Strafen Gottes denken in einer anderen Welt, muͤßten es 
nicht auch Uebel ſein jenem hoͤheren Zuſtande angemeſſen, und 
koͤnnten ſie anders entſtehen, als in Uebereinſtimmung mit der 
dortigen Ordnung der Dinge? Wenn wir nun bedenken, daß die 
Zuhörer unſeres Herrn. auch die irdiſchen Uebel als Strafen Got 
tes anzufehen gewohnt waren, eine Vorftellung die er öfters zu 
berichtigen fucht: koͤnnen wir glauben, er habe einen fo flarken 
Gegenſaz aufgeſtellt zwifchen der Furcht vor den Strafen Gotted 








Ä 1 6 0 291 


in dieſer Welt und der Furcht vor feinen Strafen in jener? Laßt 
ung alfo diefen Gedanken ganz verbannen und überzengt fein, 
daß die Furcht, welche ung der Erlöfer empfiehlt, eine andere. . 
fin muß. Laßt uns daran uns halten, daß ber Erlöfer nicht ge: 
fommen ift, um zu richten und burch Surcht vor Strafen zu 
ſchrekken, ſondern dag jeber, ber auf ihn nicht hört, oder von 
ihm weicht, fchon gerichtet ift durch fich ſelbſt. Laßt ung daran 
gedenken, daß die Gefinnung gegen Gott, zu welcher er ung bil- 
den will, nur Eine iſt, die Liebe, und daß alfo auch die Furcht, 
welche Chriſtus empfiehlt, eins fein muß mit ber Liebe. And 
eme folche Eennen wir ja gewiß alle in unfern liebſten Verhaͤlt⸗ 
niffen. Oder wäre nicht in jeder Liebe jene zärtliche Beforgniß, 
wir möchten ettva durch andere Werhältniffe unmerflich entfernt 
werden von dem geliebten Gegenftande? jene leife Surcht, unacht: 
famer Weiſe irgendwie fein Mißfollen zu erregen? Muüffen wie 
nit überall dag Kleinod der Liebe forgfam bewahren, und ahn⸗ 
det und nicht öfter, fo lange wir noch zu keiner vollfommenen 
Vereinigung gebiehen find, die Möglichkeit, es Eönne ung die 
Seele der Liche verfchwinden, wenn auch das Außere ber Der: 
hältniffe ’erft allmaͤhlig und fpäterhin geftört wird? Sehet da, 
das ift auch in unferm Verhaͤltniß zu Gott die Furcht, welche 
neben der Liebe beftehen Tann und eins iſt mit ihr, mit einer fol 
chen freilich, die noch keine vollkommene Vereinigung Darftellt, 
aber welcher Menſch koͤnnte fi) auch rühmen in dieſem Leben der 
Ehmwachheit und der Sünde auf einer folchen Stufe gu fiehen! 
Ind wenn mir fürchten, entfernt zu werden von Gott, ift nicht 
Entfernung von ihm bie Hölle? wenn wir fürchten, fein Mißfal- 
len zu erregen, เก nicht dag Bewußtſein feiner Gnade gu entbeh⸗ 
ten die Hoͤlle? wenn wir fürchten müffen, wir könnten das liebes 
volle Eindliche Verhaͤltniß zu ihm zerreißen, iſt nicht jeder Auf 
enthalt eines verlorenen Sohnes die Hölle? 

Indeſſen in Zeiten der Ruhe und Orbnung, wo nichts der 
defonnenheit beffen, der feine Seligfeit fchaffen will, zu mächtig 
in den Weg tritt, wo der Menfch leicht feiner felbft mächtig 
bleibt, wo er -Eleine Abweichungen leichter wahrnimmt und ohne 
Schwierigkeit von ihnen wieder einlenkt: da freilich wird die Liebe 
nicht für gewöhnlich in jener Geftalt der Furcht auftreten. Leich⸗ 
ter aber gefchieht eg, und heilfamer, ja oft nothwendig ift eg, in 
ſchweren verworrenen Zeiten, wo das Gemuͤth auf- allerlei Weiſe 
heftig bewegt wird, wo der Menſch nicht ruhig einen großen 
Theil feiner Laufbahn uͤberſehen kann, wo Die raſche Bewegung 
ler Dinge zum ſtillen Sammeln. des Herzens vor Gott. wenig 

T 2. 


! 


292 


Kaum läßt, two der Menfch bei jedem Schritt. in Gefahr if zu 
wanken und. zu firaucheln und die Graͤnzen des Rechts und Un 
rechts oft ſchwer zu entdekken find, wo fehneller und unvermeid⸗ 
licher ein Sehler den andern herbeiführt und ‚mo. die Folgen fi 
ner Thaten ihn oft auf die unfeligfte, zerftörendfte Art uͤbereilen. 
Solche aber waren die Zeiten, auf welche der Erlöfer feine Jin 
ger warnend vorbereiten und ftärfen wollte; folche find auch die, 
welche uns jest getroffen haben. Sehr wohl war es alfo ge 
than, ihnen und ung die Liebe auch in diefer Geſtalt darzuſtellen, 
fie und ung anzumahnen zu jener heilfamen Furcht, der wir jet 
ſchwerlich zu viel thun Fünnen. Denn wenn wir recht um und 
fchauen, werden wir geftehen müflen, daß der größte Theil der 
Verfchuldungen im einzelnen und im ganzen, durch melche wir 
leiden unter den Stürmen der gegenwaͤrtigen Zeit, nicht ſowol 
einer offenbar. böfen Gefinnung zugufchreiben ift, als vielmehr, 
nächft jener firäflichen Furcht vor dem irdifchen, aus einen Mar 
gel diefer heilfamen Furcht, Diefer wahren Furcht vor dem Herm 
fich erklären läßt. Auch in folchen Zeiten,. เ ๒ อ wir die feindfei 
gen Mächte dieſer Melt nicht gu fürchten haben, wie wielmeht 
alfo noch), wenn fie uns, wie jest, wirklich bedrohen, wenn Un— 
muth und Hoffnungslofigkeit jede innere Schwäche vermehren: 
was flört unfer ruhiges Handeln, was hindert die Befriedigung 
unſeres Gewiſſens mehr, ald jene Verftimmtheit des Gemuͤthes, 
in der wir fo manche Gelegenheit zum guten und loͤblichen nid! 
eher erbliffen, bis fie vorüber if, als jene Trägheit, welche und 
fo lange zögern ได ้ ก ี 6 mit der Ausführung des erkannten gufen, 
welche ung. fo ſchwachen Widerſtand leiſten läßt gegen die ด พี ย 
benden Hinderniffe, daß wir endlich unverrichtefer Sache. abftehen 
müffen? Warlich, fo hängt e8 zufammen mit allem faft, was wir 
an den Handhingen des vergangenen Jahres zu bereuen haben 
ſowol in den fröhlichen als in den ‚traurigen Zeiten deſſelben 
möchten wir alfo in dem neuen. Jahre weniger dergleichen zu be 
reuen haben, fo. laßt uns der. heiligen Furcht uns hingeben, pi 
‚der und Chriftus auffordert. Mer immer beforgt ift, daß er ſich 
nicht, dad Mißfallen Gottes zuziehe, deffen Liebe und Wohlgefal 
len ihm über alles geht, o der wird achtſam ล น ก deſſen Stimme 
in feinem Gewiſſen hören, der wird auch jeden โต [ต อ ย Ruf der 
felben immer beffer verfiehen Iernen. Mer อ 8 fühlt, daß er noch 
Urſache Hat fich zu fürchten, es koͤnne irgend etwas ihn von der 
| Liebe Gottes fcheiden, der wird defto fefter in dem wechfelreichen 
Getuͤmmel der Welt auf die ewige Geftalt bes wahren und gu: 

ten feinen Blikk geheftet halten, der wird in jeder heftigeren Dr 








293 


wegung feiner Seele defto reblicher fich felßft prüfen, ob auch 
kin Eifer ein Eifer fei für den Herrn, der wird achtfam auf fich 
[แต e8 fchnell inne werden, ivenn irgend eine unreine bergäng« 
iche Liche fich feiner bemächtigen will, oder wenn irgend ein irdi⸗ 
her Verluft ihn fo ergreift, daß er fich die Möglichkeit denken 
kann, unbeiliges gu thun oder unwuͤrdiges zu leiden um ihn mies 
der zu erfegen. Wer noch beforgen kann, fich von dem’ Emwigen, 
tchendigen, Alleinweiſen, immer Thätigen zu entfernen, der 
wird fi zufammenraffen, fobald er fich auf unthätiger Unent⸗ 
ihloffenheit ergreift, und das Verlangen auf den Wegen Gottes 
zu wandeln wird ihn das rechte finden lehren; der wird nicht 
lange irgend ein thörichte8 Beginnen der Menfchen unterftüzen, 
fondern die erfie fromme Weberlegung wird ihm bentlich machen, 
hier fei der Punkt, wo feine bangen Ahndungen anfangen Fünn 
ten in Erfüllung zu gehn. Ja diefe Beforgniß muß ung mac) 
erhalten unter allem was ung irgend einfchläfern Eönnte, nuͤch⸗ 
tern und befonmen unter allem was ung เน beraufchen und in 
den Strudel der Leidenfchaften mit fortzureißen fucht! Und fo 
von der Furcht des Herrn befeelt und geleitet, rote Eönnte je, ed 
fi Furcht vor den Dingen diefer Welt, oder Liebe zu ihnen ung 
แพ führen!. wie Eönnte je dag Auge unferes Geiftes verfchloffen _ 
fein alles เน fehen, worauf wir mit göftlicher Kraft zu wirken 
haben! wie Eönnten wir je durch Furcht und wirkliches Ungluͤkk 
fo gelähmt, oder durch ruhige Behaglichkeit fo verwöhnt werden, 
daß wir uns Vorwuͤrfe bereiteten durch fehlaffe Unthätigfeit! mie 
finnten wir je, อ ล 8 Auge in Findlicher Scheu auf den Vater der 
liche geheftet, Die Winke feiner Güte überfehen und auch unter 
Trübfalen und Leiden” das ſchoͤne und gute unbemerkt Laffen, 
wozu er ung einladet! 0 — 
Sehet, meine Freunde, ſo fuͤhren uns Furcht vor dem 
Heren und Furchtloſigkeit ย อ ก allem andern vereint zu jener den 
Kindern der Welt unbegreiflichen Schönheit des Lebens, daß ber 
heiligfte Ernſt und’ die gewiffenhaftefte Treue, die auch das Eleinfte 
forgfam behandelt und fich nichts entgehen laͤßt oder enfreißen, 
was wir irgend als das unfrige anzufehen haben auf dem Ge: 
biete der Pflicht, fich verbinden mit dem ruhigen Frohſinn und der 
heitern Reichtigkeit, welche dem Spiele des irbifchen Wechſels ge: 
laſen zufiche und ohne Seufzer und Thränen fahren läßt, was 
bergänglich if. ' | | | 
Denn auch was bie Furcht des Herrn unter und auszu⸗ 
tihten hat [พ nicht auf dag unmittelbare Handeln allein einge: 
ſchraͤkt. Selbſt dann nicht, wenn beffere Zeiten ung wieder ei 


. ๑ 


904 


. nen größeren und ficheren Wirkungskreis eröffnen, wenn wir jede 
jest zurüffgehaltene Kraft wieder im Dienfte des gemeinen We 
ſens gebrauchen Eönnen und alles jest getrennte wieder vereinigt 
ift, ſelbſt dann wird unfer Leben nicht ausgefüllt Durch das Thun 
allein: wieviel weniger jest, wo nach. fo vielen -Seiten hin un 
willkuͤhrlich unſere Thätigkeit- befchränke ift und wir ſchmerzlich 
beklagen, daß wir ſtatt bes Handelns auf muͤßiges Zufchauen ver. 
wieſen find. Allein eben in diefem Zufchauen offenbart fich gleich— 
falls auf verfchiedene Weife die Regel, der dag Leben des Men 
Then folgt, und nicht muͤßig iſt es, weil es ihn mächtig entwe— 
- ber vorwärts bringt oder abführt.. Und gewiß bemerken wir alle 
mit Unwillen, wie viel verderbliches fich auch hierin bei dene 
zeigt, welche fern find von der Furcht des Herrn. Selbſt aus 
dem Munde folcher, von denen wir nicht als von Kindern ber 
Welt nur verwerfliches erwarten dürfen: wieviel unweiſe Reden 
vernehmen wir, die nur von ſelbſtgefaͤlliger Kurzſichtigkeit zeugen 
wieviel voreiligen Tadel der Wege Gottes, der denen nicht ent 
ſchluͤpfen koͤnnte, welche forgfam bedacht. wären, fich auch in ih 
vem Urtheil nicht zu entfernen von Gott, und welche ſich ſchon 


j - fürchten würden, wenn auch nur ihre Wünfche den entgegenge 


festen Weg gingen von feinen Rathſchluͤſſen. O meine Freund, 
die Furcht des Herrn bewahre ung vor dem allen, womit nicht 
geringe: Gefahr verbunden ift. Leichtfinnige, sehaltlofe Anfichten 
Des Meltlaufes, wenn wir ung ihnen bingeben, entfernen und 
. entfremden ung die Anfchauung Gotted. Denn worin Eönnen wir 

ihn fchauen, alg in der Negierung der Welt und in den Aus— 
ſpruͤchen des Gewiffens? mer aber jene vorwizig meiftert, muß 
. nicht bei dem auch dieſes ſchon irre gemacht fein und immer 

leichter irre_geführt werden? Wünfchend oder träumend auf eine 
andere Anordnung ber Welt binfehen, als er fie wirklich herbei⸗ 
führt, das deutet fchon auf eine Neigung des Herzens fich von 
Abm zu entfernen; unweislich reden, was der Menfch nicht ver: 
ſteht, das rührt fchon von dem Hochmuthe her, der vor dem 
Sale kommt: und warlich fo häufig wird dies alled um und her 
getrieben, fo fehr. glauben Die Menfchen ihre Weisheit daran ju 
zeigen, daß auch der fromme Eönnte verleitet werden, fo daß wir 
nur in einer immer regen Furcht des Herrn unfere Rettung und 
unfer Heil finden Eönnen und auch hier wieder fie allein es if, 
durch welche wir zu der rechten Freudigkeit gelangen, die ja nur 
da fein kann, wo das Herz ſich Feiner Abweichung von Gott be 
wußt if. O daß nur das Bild Gottes ung ‚nicht verſchwinde 
unter ben verwirrenden Geftalten des Augenblikkes, darüber laßt 














295 


und wachen! jede eigne Klugheit laßt ung gern preisgeben, um 
feine Weisheit zu fehen, immer - vorausfegend, was er eigentlich 
‚herbeiführt Durch alles was gefchieht, das fei dag rechte, und 
‚feine Abfichten immer fuchend im Reinigen, Umbilden, Erneuern; - 
daß nur nicht ein Unverftand und ein Dünkel auffeime in unfes 
ir Seele, der und. nothwendig von ihm frennt. Warlich er iſt 
‚nahe denen, die ihn fuchen, er laͤßt fich finden von denen, die in’ 
ehrerbietiger Scheu feine Werke und feine Wege erforfchen, die . 
gern fich felbft befchuldigen und widerlegen, um feine Weisheit . 
finblich und gläubig zu erhöhen. Bon feiner Furcht geleitet wird 
unfer Denken eben fo rein und eben fo gefegnet fein als unfer 
Handeln, und nichtd von alle dem, weshalb die Weisheit ſich 
muß ſtrafen laſſen von denen, die noch nicht vecht ihre Kinder 
fnd, wird unfern Blikk verbunfeln. Wir werden überall den 
Herrn fehen, und wer ihn ficht, deffen Leben ift Friede und Freude; 
bir werben überall in feinem Sinne handeln, und fo kann nie . 
mand wider ung fein und Fein feindliches Ungernach uns ſcha⸗ 
dem. Was ift aber Geligfeit, oder wo wollen wir fie jemals fin 
den, wenn wir fie nicht haben in -diefem Zuftande, wo der Menfch 
in feinem Denken und in feinem Thun: ſich immer mehr einiget 
mit Gott, wo er durch den Sohn auc den Water erkennt und . 
mit dem Sohne auch in dem Vater Iebt: ein Zuftand zu wel⸗ 
Gem wir unter allen Umftänden baburch gelangen werben, daß 
wir den Heren fürchten und ſonſt nichts. Wer ift aber unter 
und, dem hieran nicht genügte, der neben dieſem Wunfch, welcher 
uns ale Herrlichkeit, die die meiften nur in ber andern Welt fuchen, 
(bon in diefer aufthut, noch einen andern könnte auffommen laſ⸗ 
fen in fh? Nein, alle müffen fie verfchtwinden vor diefem! Dies 
fen allein zur Erfüllung führend laßt ung ruhig kommen fehen, 
mas über uns befchloffen ift! laßt ung mit allen denen, die ihn 
fürchten und -Tieben, in- freubigem Muth und guter Zuverficht fa 
gen, Here wenn ich แน ะ dich habe, fo frage ich nichts. nach Hims 
mi und Erben. 


Das fei es alfo, mweifer und gütiger Gott, was wir 
am heutigen Tage vor dich bringen, dag immer wohlge⸗ 
fällige Gebet um Weisheit und Treue. Laß ung immer - 
erfunden werben als wuͤrdige Jünger deflen, der auch 
durch Leiden zu feiner Herrlichkeit. eiugehen mußte. Laß 
ung unter allen Stürmen des Lebens unfer Verhaͤltniß 
gu die immer fo feft im Auge behalten, als er, und 
‚wenn uns das bevorſteht, was andern das aͤrgſte ธน ิ เธ ย 





ſchluß, überall dennoch deinen Namen ehren und in fra 


296 


uns eben fo ruhig wie er daran.erfreuen, daß wir nicht | 
gewichen find von ‚dir, daß wir nichts verfäumt haben 
von dem was du ung anvertrauteft, und daß mir nichte 
gefcheut haben als dich, deffen Nähe befeliget und deflen 
Ferne verdirbt. Möge es ung immer mie ihm ftärkende 
Speife fein deinen Willen zu thun, magft du ung nun 
nach deiner Weisheit über weniges geſezt haben ober 
über vieles! und mögen wir immer, was aud) nod) von 
ung genommen werden foll mac) ‚deinem weiſen Rate 





diger Thaͤtigkeit auf deine ſegnende und auferwekkende 
Kraft hoffen. Ä 





So, gütiger Gott, laß dir heute empfohlen fein unfer 
sefammtes deuffches Waterland und vornehmlich das 
Reich unferes Königes; ihn. haft du ung gefezt in dieſen 
Zeiten zu einem leuchtenden Beifpiel, wie eine große 
Sache es fei um jenen Muth, der Feine irdifche Macht 
fürchtet und Tieber alles verfucht und erduldet, ald de 
Ueberzeugung untreu zu werden und dem Gewiſſen. Fahre 
fort ihn zu fegnen mit dieſem Muthe umd ihn zu 
erleuchten mit Weisheit von oben. Laß ihn Gluͤkk md 
Ruhe finden mitten unfer Sorgen und Leiden in dem 
Bewußtſein, dag er nur dich fuͤrchtet und nur trachtet 





deinen Willen zu thun. Laß ihn aber auch Diener und 


Unterthanen finden, die feiner würdig find durch gleiche 
Gefinnung, und laß ihm erfreuliche Beifpiele entgegen 
Fommen auch aus den fcheinbar abgeriffenen Theilen des 
Vaterlandes, daß er freudig inne werde, wie fein Wile 


sum Wohl des ganzen auch da gefchieht, wo er.jezt nicht 


unmittelbar gebietet. Leite durch deine Furcht alle Die 


‚ner des Staates, die zum allgemeinen Wohl thätig fein 


follen, in dieſen ſchwierigen Zeiten! mehr als je bebürfen 
fie ihrer, um zu wählen was recht und twohlgefällig if 
vor dir und fich ohne Vorwürfe zurecht zu finden in 


. dem Wibderfpruch ihres Zuftandes mit ibren Wünfchen; 


fegne vornehmlich auch jezt unfere frommen Zufamnten: 
Fünfte su deiner Verehrung! verleihe den Lehrern dei 


Glaubens Muth und Weisheit, daß ſie ohne Scheu ver⸗ 
kuͤndigen deine Wahrheit und beine Rechte. Erleuchte 


Diejenigen, die fich einfinden an den Stätten deiner An 
betung, daß, wenn fie auch picleccht nur Troſt und Ruhe 


297 
fuchen, fie zugleich auch Weisheit und Heillgung finden. 
Segne vor allem die Erziehung der Jugend, daß fihönen 
Zeiten ein wuͤrdiges Gefchlecht durch unfere Sorgfalt 
entgegenreife und wir getreu jeden Keim des guten pfles 
gen, welches wir von deiner Daterliebe für die Zukunft 
hoffen. In allen Dingen, Herr, Iehre ung thun mag dir 
wohlgefällt, dein guter Geift leite ung auf ebner, Bahn. 
Amen. | ์ 


298 


VIII. 


Wie das edlere in der Welt ſich aus dem nie“ 
drigen entwikkelt. 





Weunn wir den Menſchen, ſowol einzeln, als in den großen 
Verbindungen, in denen er lebt, in feinem gegenwaͤrtigen Zuſtande 
weit entfernt von jener vollkommenen Seligkeit betrachten, welche 
dag unerreichte Ziel unſeres gemeinfchaftlichen Beſtrebens ift: ſo 
erfcheint ung das, was in jenem Zuftande eins und fein würd, 
nicht nur vermindert, fondern auch getrennt, indem fich ung af 
der einen Seite das gufe, was er thun foll um jenen Zuftand 
herbeiführen zu helfen, als eine Aufgabe darftellt, die er untet 
vielen Hinderniffen und Schwierigkeiten zu löfen bat, wiewol auf 
nicht entblößt von Hülfe und Unterſtuͤzung; auf der andern Seite 
aber erfcheint auch das befriedigende. in feinen Verhaͤltniſſen, die 
Annehmlichkeit und Freude feines Lebens nicht als der Erwerb fe, 
nes Fleißes in jenem Werk, fondern als eine zufällige Gabe, die ihm 
gugetheilt wird, größer oder Eleiner, twie es jedesmal der gemein 
ſchaftliche Zuftand der menfchlichen Angelegenheiten mit fich bringt. 
Sp wie nun eigentlid) das böfe-darin befteht, wenn der Menfh 
um des angenehmen willen das gute unterdrüfft oder fortwaͤh⸗ 
rend wiſſentlich vernachläßige und fo den Genuß des Lebens ald 
einen Raub ergreifen will: fo ไก ้ 68 wiederum das niedrige und 
gemeine, wenn der Menfch, jenen Unterſchied zwiſchen der Ar, 
wie dag gute und wie das angenehme im menfchlicyen Leber ent: 
ſteht, unachtfam überfehend, lezteres zu feinem eigentlichen Ge— 


299 


genftande macht, bon dem guten aber meint, es werde fich ſchon 
von ſelbſt finden, wenn er es nur da, wo es ihm als eine be⸗ 
fimmte geſellige Pflicht entgegentritt, nicht offenbar befeinde und 
zuruͤkkſeze. Gewiß fühlen wir alle, daß nur bie überrviegende 
keine, ganz hingegebene Liebe zum guten das edle ift in der menſch⸗ 
lichen Natur; und wenn wir ung umfehn, wie doch und wo bie 
Veſtimmung des Menſchen ſich vor unſern Augen entfaltet, ſo 
richten wir unſer Augenmerk nicht nur dahin, wo der Krieg gem. 
gen das böfe geführt voird, fondern noch weit mehr fehen wir 
it, ob wol jene viel weiter verbreitete gemeine Denkungsart ſich 
allmaͤhlig verliere und das wahrhaft gute. und ſchoͤne an der 
Stelle derfelben in dem Herzen der Menfchen Raum gewinne. 


zu allen Zeiten ift es ein fehnlicher Wunfch aller befferen, - 
diefed Heil des Herrn zu fehen: aber er erhöht fich zu einer ban- 
gen Sehnſucht in folchen- Zeiten, wo in furchtbaren Heeren bie 
dolgen jenes niederen Sinnes hereinbrechen, die bei dem Mans 
gel an heiliger und tapferer Liebe zum guten fich immer weiter 
berbreiten und immer tiefere Wurzel fchlagen; wo es fich nun zeigt, 
tie durch das Teichtfinnige Jagen mac) den Fleinen und flüchtigen 
AnhmlichEeiten des Lebens die Menfchen der größten und wah- ' 
tin Güter verluftig gehen. Wenn folder Zeiten drüffendes 
Gefuͤll aus ung jest beengt; wenn jene Sehnfucht ung mehr als 
jmals beunruhiget und wir ungeduldiger und, wie es fcheint, - 
unvermögender felbft wirkfam gu fein der Hülfe des Herrn har: _ 
tn: fo laßt zu unferer Beruhigung ung fleißig auf die Wege 
hen, welche Gott die Menfchen แน führen -pflegt; und dies fei 
auch jest das Ziel unferer Betrachtung. u 


Tert. Chang. oh. 2, 1— 11. . 


Und am dritten Tage ward eine Hochzeit zu Cana in 
Baliläa, und die Mutter Jefu war da. Jeſus aber und 
feine Jünger wurden auch auf die Hochzeit geladen. Und 
da es an Wein gebrach, fpricht die Mutter Jeſu zu ihm, 
Sie haben nicht Wein. Jeſus fpricht zu ihre, Weib was 
babe ich mit dir zu fchaffen? meine Stunde ift noch nicht 
gekommen. : Seine Mutter fpricht gu ben Dienern, Was 
er euch faget, das thut. EB waren aber allda ſechs ftei- 
nerne Mafferfrüge gefezt, nad) der Weife der jüdifchen 





300 


: Reinigung, und gingen je in einen zwei oder drei Madh 
Jeſus fpricht zu ihnen, Fuͤllet die Waſſerkruͤge mit Wal: 
fer. Und fie fülleten fie bie oben an. Und er fpricht zu 
ihnen, Schöpfet nun und bringet e8 dem Speifemeifte; 
und fie brachten eg; als aber der Speijemeifter koſtete 
den Mein, der Waffer geroefen war, und mußte nicht, 
von wannen er Fam, die Diener aber wußten eg, die dad 
Waſſer .gefchöpft hatten, rufet der Speifemeifter den 
Bräutigam und fpricht zu ihm, Jedermann giebt zuerſt 
guten Wein, und wenn fie trunfen geworden find, al& 
Bann den geringeren; dus haft den guten Wein’ bisher [6 
halten. Das ift das erſte Zeichen ſo Jeſus that, gr 
fchehen zu Cana in Galilaͤa, und offenbarte feine Het 
lichkeit, und feine Sünger glaubten an ihn. 


Die einzelnen Gefchichten aus den Leber Jeſu, meine Freun 
de, treten. eigentlich alle in der heiligen Schrift fehr demüthig 
auf; aud) die, in welchen die wunderbare Wirkung ins Ange fall, 
erfcheinen nur wie Handlungen, die auf das nächte Beduͤrfniß 
berechnet waren, ohne daß fie Anfpruch darauf- machen; daß ir 
gend eine andere höhere Beziehung darin folle entdekkt voerden. 

‚Wenn man aber des Johaunnes Befchreibung von dem Leben un 
ſeres Herrn mit Aufmerkfamfeit und Andacht Liefer: fo kann man 
ſich des Gedankens Faum erwehren, daß er .eine befondere Auf 
wahl gemacht habe unter diefen einzelnen Zügen und daß fe 
ſinniges Gemuͤth ſich darin gefallen, fie mit den Reden Jeſu oder 
mit den großen Momenten feines Lebens in eine ſolche Verbin 
"dung zu fegen, daß eine -befondere Deutung Derfelben ſich fal 
- aufdringt. So ſtellt er die vorgelefene Begebenheit zufammen 
mit der Nachricht von dem Antritte des Lehramtes unſeres Herm 
und erwähnt ausdrüfflich, es fei dag erfte Zeichen gemefen, web 
ches er gethan. Ermwägen wir nun, wie oft Chriftus das Leben 
feldft einem Gaftmahle vergleicht und wie der Wein, den er (pi: 
terhin zum Darreichungsmittel der Fräftigften geiffigen Stärkung 
erwählt, die er den feinigen mittheilen wollte, wie eben der auch 
bier dagjenige ift, mag er mwohlthätig fpendet, indem er aus dem 
gemeinften Getränk das edelſte wunderbar hervorruft, eben wie 
von ihm alle Veredlung der Menſchen und ihres Lebens ausge 
gangen ift; und was zu dieſem Behuf nur je noch gefchehen kann, 
fih am ihn und feine Wirkfamkeit anfchließt: fo wird ung leicht 


| dieſe merkwürdige Erzählung als ein Vorbild davon erſcheinen, 








๑ 


301 


wie.unter.der Leitung Gottes'flatt des gemeinen 
und niedrigen das edlere in der menſchlichen Ge; 
fellfhaft pflegt die Oberhand zu gewinnen; 


und unter biefem Gefichtspunft tollen wir fie jest näher betrach⸗ 
ten, indem wir dasjenige herausheben, was am meiſten hieruͤber 
lehrreiche Winke zu enthalten. ſcheint. 


1. Es war eine Hochzeit heißt eg; und Ehriſtus und 
ſeine Juͤnger waren auch geladen. Keinesweges wurde er 
von denen, welche zu dieſer Feier verſammelt waren, etwa fuͤr die 
Hauptperſon oder fuͤr etwas ausgezeichnetes gehalten; er war noch 
nicht der in. dem. ganzen Volk beruͤhmte Lehrer, wie hernach, ber 
vielgefeierte, auf welchen man uͤberall vor allem ſah und hoͤrte, 
ſondern wahrſcheinlich aͤußerer Verbindungen wegen war er mit 
eingeladen, und ſo war er eben mit den ſeinigen auch da. 

So iſt es in der Welt noch immer, meine Freunde. Die⸗ 
jenigen, welche am meiſten von Liebe zu allem guten und vor⸗ 
trefflichen durchdrungen find; diejenigen, in denen ſich jene goͤtt⸗ 
lichen Kräfte am lebendigften regen; durch deren Thätigfeit auch 
in andern dag gute muß erwekkt und fo der geiftigen Duͤrftigkeit 
de Lebens muß abgeholfen werden, genießen zwar urfprünglich 
felten einer ausgezeichneten Achtung in der Welt; aber mo immer 
dns Gaſtmahl des Lebens gefeiert wird, da fehlen fie wenigfteng 
nicht. Es ſei nun, daß man nur hergebrachter. Sitte und Ord⸗ 
nung wegen die Gemeinfchaft: mit ihnen nicht vermeiden kann, 
oder daß bie Gäfte, die eigentlich nur den Genuß des Lebens ab: 


(höpfen. wollen, von jenen ihrer auggezeichneten Gaben wegen - 


eine Erböbung ihrer Freuden erwarten: kurz fie find auch ka, 
Daß es fo im. allgemeinen, daß es fo auch im einzelnen fei, 
daran laßt ung feſt glauben. Auch: dort mag vielleicht Chriſtus 
mit den feinigen manchem der verfammelten Gäfte entgangen, 
von noch mehreren gar auf Feine Weife -unterfchieden worden 
fein; und fo geht es. ung auch. wol, daß wir bisweilen unfere 
Augen umbergehen laffen. in einer großen Verfammlung und ung 
fragen, Iſt wol hier einer, der, felbft. von dem beſſeren Geift bes 


feelt, den höheren Entzwekken des Lebens fich widmend, den- Trieb 


in fih fühle, andere ebenfalls dafür zu gewinnen und von ihren 


Eleinen unbedeutenden Beſtrebungen zu etwas edlerem zu erbeben? . 


und dag wir dann EFeinen feben. So übel iſt e8 aber nicht ber 
ก ณั um die Welt. Die Chriſto angehören, Die feine Stelle ver 
treten und nur auf Die Gelegenheit twarten, den Menfchen dag Be— 


๊ 


- da, meine Sreunde, es ergehet denen, die auf dem Gaſtmahle 


302 

duͤrfniß nach einem höheren Dafein zu erwekken น ก 6 ihnen von 
den Gütern deflelben zu Eoften zu geben: fie find überall vertheilt, 
und bie wirkende Kraft Gottes ift immer in ihmen. Unſcheinbar 
kann fie fein und kann lange Zeit unbemerkt bleiben, aber fie if 
da. Laßt ung zurüfffehen,. meine Freunde, auf die Gefchichte 
des menfchlichen Gefchlechtg, wie oft Die Fchönften Verbefferungen und 
Bereicherungen deffelben vor Chrifto und nach ihm aus einem gerin 
gen, nicht geachteten Anfang hervorgegangen find, wie lange oft die 
Netter und Helfer verborgen geblichen find und ihren großen Beruf in 
ſich verfchloffen getragen haben. Laßt ung vertrauen, es fei auch jet, 
eg fei überall fo, wo ung bie Wehmuth überfällt Darüber, daß ber 
große Haufen der. Menſchen ſich in den niederen. Gegenden dei 
Lebens genügen läßt. In den feinigen fortlebend, deren größte 
Angelegenheit es iſt, die-Menfchen zu ihm zu ziehen, ift Chriſtus 
überall eben fo aufmerkſam, eben fo bereitwillig, und überall fir 
det er früher oder fpäter Gelegenheit, wenn auch nur einigen, 
feine Wohlthaten zu fpenden. Und das Wertrauen wird und 
Bie Augen öffnen, daß wir überall, auch ehe fie noch wirken 
koͤnnen, diejenigen herausfinden, die ber Herr als feine Werkzeuge 
-auggerüftet hat. 0, | 2 | 


II. Und da es am Wein gebrach, fpricht die Mus 
ter Jeſu zu ihm, fie haben nicht Wein. Wie die Sraum | 
bei einem folchen Maple felbft am wenigſten am Dem bereiteten 
Genuͤſſen theilnehmen, ‚aber am meiften gefchäftig find herbeijzu⸗ 
fchaffen, zu forgen und jedem den Genuß ſoviel möglich zu ehe 
ben; und wie auch hier die Mutter Jeſu nicht von eigenem Br 
duͤrfniß getrieben, fondern nur von dem Werlangen, ben andern 
gutes zuzuwenden, dem Erlöfer den eintretenden Mangel bekannt 
"machte: fo wird auch im Laufe des Lebens vorzüglich das He 
derjenigen fchon voraugfehend von guten Wünfchen beimegt, dit 
für fich felbft .am wenigſten den Genüffen ergeben, die- Eitelkeit 
derfelben einfehen und den Zuftand derer bedauren, welche die 
Duelle erfchöpft haben, ohne doch je gefättiget worden zu fe. 











des Lebens nur genießen wollen, überall wie hier, Es gebridt 
an Wein. Die Sinnlichkeit ift unerfättlich, die Spenden des 
reichlichften Gebers find ungulänglich, und wie auf einem Gaſt 
mahl, je weiter hin, deſto mehr, zwar nicht wahrhaft genoflen, 
denn der Reiz ftumpft fih-ab uud die wähligen Sinne verwer⸗ 
- fen mehr als fie in fich aufnehmen, aber eben deshalb doch ver 
braucht und verſchwendet wird, fo auch.im Leben der genußſuͤch⸗ 


303. 


tigen wird die Befriedigung immer fehtwieriger. Zumal die edel: 
fin Genüffe, bei denen noch am meiften die Seele felbft gefchäf: 
fig iſ und in deren mehr geiftiger Befchaffenheit fich noch bie 
Epuren von der höheren Beſtimmung des Menfchen erhalten, de: 
ten Untermifchung mit den übrigen noch dem Gemüth feine Em⸗ 
pfänglichEeit bewahrt und dem Weberdruß vorbeugt, den das nie - 
drig finnliche allein weit eher herbeigeführt hätte, dieſe vorzüglich, 
wenn fie nur Genüffe find, nur des vorübergehenden Eindrukks 
willen gefucht und geliebt, werden immer feltener und gehen zu⸗ 
Ist ganz aud. Die Menfchen müflen fich, wenn fie diefem Wege 
folgen, immer mehr herabftimmen und mit dem gröberen vorlieb 
nehmen: das ift die Nothwendigkeit, melcher die finnliche Natur 
unterliegt. Sie felbft aber allmaͤhlig abgeftumpft bemerfen es 
nicht, fie forgen auch nicht, two neuer Vorrath und neue Reisuns 
gen herfommen follen, und betrachten leichtfinnig das Leben wie 
iin Gaftmahl, wo es andern obliegt, alle ihre Wünfche zuvor: 
fommend zu. befriedigen. So verfiegen ihnen unbemerkt die Quel⸗ 
km de8 Genuffes, und fie nahen fich dem leerften und peinlich- 
fen Zuffande. Aber die zufchauenden, ſtill hingehenden, felbft im 
höheren Leben bes Geiftes fellgen und darum forgfam zärtlichen 
Gemuͤther, Diefe fehen mit innigem Mitgefühl, welch ein dürfti- 
ges Ende es nehmen will mit ihren mißleiteten Brüdern. So 
lange diefe แน ะ mit leichtem Sinne die unfchuldigen Freuden des 
ใด้ (แอ genießen und, wenn auch nicht zu den tieferen Quellen 
des befeligenden Borns hinabfteigend, aus welchem der ewig nicht 
durften Iaffende Trank fich ergießt, fich. doch nicht: ganz dem ent 
jehen, was der eigenthümlichen Natur des Menfchen Kraft ge 
ben kann, fondern ‚ihre andern Freuden dadurch wuͤrzen und er⸗ 
hoͤhen, fo bleiben fie -swar den edleren Seelen fremd und fern, 
tie sarten Srauen die Gemuͤthsſtimmung derer, die zu den Freu: 
den der Tafel und des Bechers vereinigt find, fremd bleibt: aber 
Sorge und Schmerz über fie bemächtigt fich des frommen Ge⸗ 
muͤthes erft, wenn es die Spuren des befferen gang verſchwinden 
feht in diefen feinen Brüdern. Dann wendet es fich mie bie 
Mutter Jeſu Elagend und fürbittend an den Herrn; dann hält eg 
Ihm den fraurigen, bürftigen Zuftand. derer vor, um derentwillen 
et doch gekommen ift; Dann möchte es ihn, der allein bie Men- 
hen erheben Eann, von dem alle befeligende Kraft ausgeht, be- 
wegen: ob denn nicht nun, da fie doch faft am Ende wären mit... 
Ihren irdifchen Herrlichkeiten, die Stunde gefommen fei, wo er 
hr Herz auffchließen koͤnne für Die. ewigen Güter, wo er ihnen 
den Schaz unvergänglicher Seligfeit öffnen โอ แท ห 6 O meine 


804 


Sreunde, diefe theilnehmenben Gefühle, wenn fie ung auch fa 
ängftigen, wie wir denn etwas Ängftliches finden. in der Anrede 
ber Mutter Jeſu, wollen wir Doch nicht zu den Leiden, vieleicht 
gar zu den vergeblichen, des Lebens zählen. Denn fie bürgen 
uns dafür, daß wir reineres Herzens find, daß wir den Ruf Gotted 
‚beffer verftehen, daß wir in den Math des Herrn hineingefchaut 
haben. Hüten wir ung vielmehr, daß wir bem verkehrten Tre 
ben der Menfchen um ung ber nicht gleichgültig zufehen, und 
faffen nicht ab, unter Umftänden, wo wir ſelbſt nichts thun für 
nen, in frommer betender Zaflung des Gemüthes ihr Heil zu ım 
wägen und zu barren, daß auch ihnen dag Reich Gottes Fomm 
und die Duelle der Seligkeit ſich öffne, über welche Chriſtus zu 
gebieten hat. Auch diefe Wünfche find nicht vergeblich, auch fi 
muͤſſen das ihrige beitragen zur Verbreitung der Segnungen des 
Erlöfers, obgleich, . ณ์ 8 die Mutter Chriſti ihrem Sohne dieſen 
Munfch vortrug, 
II. Jeſus zu ihr fprach, Weib, was habe ich mit 
dir zu [chaffen? meine Stunde ifinoch nicht gekommen. 


Es gehört nicht in. die Graͤnzen unferer. Betrachtung, ji 
zeigen, Daß dieſe Antwort nicht fo hart ift, nicht fo dem Derhält 
niß des Sohnes zur Mutter entgegen, als man anfänglich glau— 
ben möchte. Wir Eünnen dies gern auch ohne Beweis annehmen; 
allein niemand wird doch ได ้ แด ท 6 , daß fie, wirklich hart Flint 
daß fie den fo. befcheiden. vorgetragenen Wunfch -der Mutter nicht 
erfüllt und fie für den Augenblikk wenigfteng ihrem aͤngflichn 
Gefühl uͤberlaͤßt. Wenn wir ung hieran halten, fo werden fit 
nicht Iäugnen können, daß es uns nur zu oft eben fo geht. Mi 
fehen einen Theil unferer Brüder. immer tiefer in niedere Sins 
lichEeit verfinfen; wir ahnden angftuoll, wie immer unbefriedigen 
der und gehaltlofer ihr Leben werden muß; wir flehen für fie | 
Sort mit inbränftigem Herzen; oder, indem wir bei ung fehl 
nachrechnen, wie es nun unmöglich laͤnger fo gehen koͤnne, To: 
dern nothwendig, ‚nachdem alles finnliche erfchöpft ift, bie ซี 
müther für den geiftigen Genuß muͤſſen empfänglic) werden, tra⸗ 
gen wir eben dadurch unfern Wunſch fo ftill und befcheiden mit 
Maria dem Herrn vor: und wie oft fchallt ung nicht aus dem 
ungeſtoͤrt fortgehenden immer tieferen Verfall, aus dem immer 
wieder unfruchtbar zu ung zuruͤkkkehrenden brübderlichen Ermah⸗ 
nungen, aus der Unwirkſamkeit des wenn auch noch ſo hellglän⸗ 
jenden Beifpield, aus der Vergeblichfeit aller Außeren Veranlaß 
fungen jene traurige unferm Eifer und unferm Mitgefühl eben ſo 


ง 








| 


"805 


hart duͤnkende Antwort zuruͤtt, Meine Stunde iſt noch nicht ge⸗ 
kommen. 

Laßt uns nur eben ſo wenig Sen Muth und den Glauben 
verlieren, wie Maria ihn verlor. Sie wurde durch Chriſti Ant⸗ 
wort nicht betroffen oder muͤrriſch gemacht, daß ſie nun die Sache 
aufgegeben haͤtte; auch nicht aus ihrer hoffenden Gemuͤthsſtim⸗ 
mung ward ſie herausgeſezt. So laßt uns auch nie die gute 
Sache aufgeben oder irre werden in unſerer Hoffnung auf den 
Herrn, wenn auch oft lange Zeit unſere dringenden Wuͤnſche für 
die Verbeſſerung der Menfchen in unferer Nähe unerfüllt bleiben. 
Maria, -ohnerachtet fie recht wohl wußte und auch feſt darauf 
beharrte, was fie im ganzen von Chriſto zu erwarten hatte, be 
ſchied fich Boch, daß fie feine Art zu Werke zu gehen noch nicht 
fannte, denn es war das erfte Zeichen was er that, Muüffen wir 
ung nicht eben fo befcheiden, ‘Daß wir des Herrn. Wege noch 
nicht Eennen, daß wir in dieſer Hinficht immer Kinder bleiben, 
welche erwarten, was des Vaters Weisheit nicht erfüllen kann? 
Bir fehen auf dag. nächtte und werden Davon ergriffen, es ver⸗ 
tt und die niedrige Weife ber Menfchen die ung umgeben, ober 
wir werden beivegt von ihrem ihnen unbewußten troftlofen Zus ง 
fande, und fo gelten freilich "unfere Wünfche und unfere 6 ห นิ ว 
hungen zunächft ihnen; aber ift nicht gewöhnlich auch davon et⸗ 
was beigemifcht, daß wir von ber. eigenen Pein, die ung ihr An⸗ 
blikk und das Leben mit ihnen verurfacht, wollen befreit: fein? 
und ift e8 ‚nicht gerade dieſes, was ung am meiften ungeduldig 
macht, daß wir die rechte Stunde nicht gern: erwarten mögen? 
Die Schikffale der Menfchen, eben auch die geiftigen, werden 
von Bott nach einem allgemeinen Zufammenhange geleitet, von 
dem diefes nächfte Beduͤrfniß, welches uns fo ſtark ergreift, nur 
in Heiner: Theil ift. Laßt uns dann Hoffnung behalten und: har- 
ten, aber nicht unthätig, fondern immer fortfahrend in allent, 
was ung felbft obliegen kann, um zu dem Zwekke zu gelangen, 
der ung fo am Herzen liegt; und wie Maria that, welche zu den | 
Dienern fprach, Was er euch faget, das thut, fo tollen 
auch wir andere um uns her, welche fähig find, bei dem Gefchäft 
der Beſſerung und Begluͤkkung der Menſchen Dienfte zu leiſten, 
aufmuntern, daß fie der Winke des Herin getwärtig ſeien, und 
fe immer hinweiſen auf die göttliche Kraft, die allein das beffere 
in dem Menfchen zum Leben bringen kann, welche gewiß nicht 
แน ะ immer bereit ift, fondern gewiß auch ſchon immer bie Rich⸗ 
tung hat, die wir wunſchen/ nur daß ihre Wurungen noch nicht 

น 





.306 


hervorbrechen. O meine Sreunde, diefe Beharrlichkeit, diefer un 
‚ erfchüsterliche Glaube, dieſe durch Fein Mißlingen zu tilgenbe Br 
reitwilligfeit, immer wieder das unfrige zu thun zur Beſſerung 
der Menſchen, ใน ้ ja das einzige, wodurch wir ung um fie ein 
Verdienft erwerben Eönnen, das in etwas mehr beftcht, als in 
guten Wünfchen; es iſt ja das einzige, wodurch mir taugliche 
Werkzeuge des Herrn werden Eönnen, der, wie er felbft um แ 
lehren und zu heiligen menfchliche. Natur an fich genommen hat, 
fo auch bei feinen verborgenen, beiligenden und befeligenden Wir: 
fungen auf die Gemüther der Menfchen fich immer menſchlicher 
. Kräfte bedient und auch der unfrigen fich bedienen will, mm 
gleich wir dag, was gefchieht, nicht: aus dem, mag wir gethan 
haben, begreifen Eönnen, fondern e8 immer nur ihm und feine 
wunderbaren göttlichen Kraft zufchreiben muͤſſen. Ihm fei alle 
zu dieſem Behuf immer alles, was: in ung iſt, geheilige, 
und Fein lieberes Gefchäft gebe es für ung, als feinen Wir 
Een zu folgen! Dann koͤnnen wir ficher fein, daß er ſich um 
ferer auch bedienen wird, bier und da, um.andere zu einem bei: 
feren Leben zu erwekken und fie größere Herrlichfeiten genießen 
zu laften, als die, welche fie bald erfchöpft haben wuͤrden. 





2 0 1 Wenn nun aber unfere Wünfche erfüllt werden; wenn 
irgendwo, fei 68 im großen oder Eleinen, der jämmerlichften Rot) 
ber Menſchen ein Ende gemacht wird und ftatt der immer ſchlech 
ser werdenden finnlichen Genuͤſſe ihnen bie ‚höheren Freuden dei 
geiftigen Lebens aufgehen: fo verfichen wir davon, wie das ge 
fihieht, eben fo wenig, und es erfcheint ung eben fo wunderbar, 
wie und Diefe Gefchichte erfcheinen muß. Wir ſehen Maria, wir 


ſehen Chriſtum, wir fehen die Diener jeden auf feine Weife ge 


ſchaͤftig; Maria bittend, empfehlend,. vorbereitmd; Chriftum ar 
orönend, gebietend; Die Diener wine äußere Handlung gehorfam 
vollziehend: aber wie, wo Waſſer eingefchöpft ward, Bein kann 
ausgeſchenkt werden, wer wollte ถิ ด 8 begreifen? So ift es auch 
bier. Wir find da als fürbittende, guted wuͤnſchende nnd, wenn 
wir nur wuͤßten wie, zur Bewirkung deffelben gern bereite Ge⸗ 

muͤther; aber wir thun nichts in dieſem entſcheidenden Augenblift, 

als was wir fchon lange vorher nur immer ohne Erfolg getan 
haben. Andere find mit ung zugleich-da, nicht einmal von den 


felben Geſinnungen befeelt, nur denen bienend, welche bisher 


nichts anders, als die Luft diefer Melt fuchten, und auch nicht 
glaubend, daß fie etwas anderes thäten, als nur wieder, wie im 
mer, Diefer Luſt behuͤlflich ſein: und eben durch dieſe leitet der 





307 


Herr irgend eine dußerliche Veränderung ein, aus welcher dann 
auf eine unbegreifliche Weife das hervorgeht was wir gemwünfcht 
hatten. O es ift eine verborgene wunderbare Handlung, wenn 
hie Kraft Gottes fo in das Leben der Menfchen eintritt, ihnen 
plöglich ftatt des gewohnten niederen das höhere und göttliche dars 
bietet und oft mitten aus der Abftumpfung, in welche Die Ans 
häufung finnlichee Genüffe fie verfest hatte, ihnen die Empfäng- 
lichkeit für geiftige. Freuden mittheile! 

Nach der Weife der jüpifchen Reinigung flanden die Krüge 
a, und des Waſſers, was zu biefer beſtimmt war, bediente fich 
Ehriftus, um daraus den ftärfenden neubelebenden Trank hervor⸗ 
rufen. Dies ift ung freilich ein bedeutender Wink über die Ber 
fahrungsart des Höchften. Wenn bie Menfchen, welche ท ิ ด์) zum. 
bloßen Genuß des Lebens vereinigt haben, noch unter der Zucht - 
ine Sitte oder eines Gefeges ſtehen, fo haben fie auch Reini: 
gungen bereit, freilich nur aͤußere Gebräuche, fo tie fie fie nach 
ihrer Sefinnung anfehn und behandeln, ohne innern Gehalt und 
Seihmaft, die ihnen weder Kraft geben, noch Luft gewähren 
koͤnnen, fondern womit fie fich nur ein anftändiges äußere geben, 
fich einen guten Ruf und ein gutes Zeugniß erhalten wollen bei 
ker übrigen menfchlichen Geſellſchaft, feien es nun religiöfe Uebun⸗ 
bungen, oder feien es pflichtmäßige wohlthätige, aber nur um ber 
6 แพ und des Gebrauches veillen verrichtete Handlungen. Wie 
oe beffer find nicht dennoch diejenigen daran, Denen dies wenig⸗ 
Ren in ihrer Erniedrigung noch bewahrt wird; denn gern und 
oft bedient fich die göftliche Gnade grade dieſer Mittel, um ihnen - 
wm höheren Bewußtſein zu verhelfen. Eben unter folchen Hand⸗ 
lungen tritt nicht felten zuerft das lange verfannte ober unter: 
terdruͤkte Gefühl twieder in feine Rechte ein; was nur eine um 
bedeutende ‚Unterbrechung gewohnter Zerftreuungen und Genüffe 
(tin ſollte, wird der Anfang eines ganz anderen und neuen Les 
bins; und, wo fie es gar nicht erwarten mochten, iu den viel 
kicht verfpotteten Gefühlen, in ben. als Aberglauben gering ges 
fhästen Vorftellungen ber Religion, welche durch ‚jene Handlun⸗ 
gen hervorgerufen werden, finden fie vortreffliches und ſeliges 
ehr, als fie je wagten zu wuͤnſchen. Wo aber freilich nichts 
mehr übrig ift von der heiligen Scheu, bie das Beduͤrfniß eins. 
fößt, fich, wenn auch nur äußerlich, zu reinigen, da müffen es 
dann wol gewaltigere Kämpfe des Gemüthes fein, da ift es viels 
licht der bittere Kelch des Leidens, ber fich in die Stärkung zum 
migen Leben verwandelt. แร 


. 308 | 

Bleibt aber auch immer etwas unbegreifliches in, biefer Ber 
änderung, mie ein durch lange Zeit nur der Sinnlichkeit hinge 
gebenes Gemuͤth oft ſchnell beſſerer Anſichten, edlerer Thätigkeis 
ten, höherer Genuͤſſe fähig wird: fo liegt ung doch die ganze N 
fur. diefer Veränderung, es Liegen ung ihre erfien Folgen far 
genug, vor Augen Sie iſt nemlich eine allgemeine Ermenerung 
und Erfrifchung des Lebens, wie fie dem erfchöpften nur der ff 
lichſte Trank gemoähren kann. Höhere, vorher nicht gekannte Kräfte 
wekkt fie in dem erfchlafften; zu ſtarken, erfolgreichen und doch 
milden Thätigfeiten vegt fie alle fein Vermögen auf, die nicht nır 
nach außen hin wirken, fondern auch als der erſte Vorſchmak 
eines. göftlichen Lebens zum reinften Genuß nach innen gurüfffch 
ven: Und eben deshalb find die nächfien Folgen diefer Verin 
derung ganz fo wie in unferer Gefchichte erzählt wird. Und al 
der Speifemeifter den Wein. Eoftete, der Waſſer geweſen tat, 
ſprach er zum Bräutigam, Ale geben. zuerft den guten Wein und 
dann den fhlechten, du aber haft zuvor den fchlechten gegeben. 
Alles vorherige, auch das. befte, was doch der angeführten Sitte 
gemäß auch dort gewiß.fchon war vorgeſezt worden ) erfchien ald 
Schlecht im Vergleich mit dem, was nun dargeboten: wurde. Ad 
dem, der dafür anerkannt war, fich am beſten auf den Werl 
des Genuffes zu verftehen, Eonnte der höhere Reiz, die größere 
innere Würde diefeg nicht auf demfelbigen Wege toie die andern 
entftandenen nicht entgehen. So ift es, meine Zreunde. Das 
Gefühl, welches aus einem auf bag göttliche und ewige ſich rich 
tenden Gemuͤth entſteht, das Gefühl, welches die Veſtrebungen 
ſich Gott zu nähern und feinen Willen zu erfuͤllen begleitet, darf 
nur einmal. gefoftet fein, fo erfcheint jeder andere Genuß, fit 
auch noch fo ſchuldlos in den Augen der Geſellſchaft, noch ſo 
genau von einer gewiſſen Bildung des Verſtandes abhängig, ten 
‚ von diefem Gefühl nichts in ihm vorhanden ift, ſchaal und ler. 
. Und darin liegt die tröftliche Gewißheit, daß, wer einmal dit 
Seligkeit gefoftet hat, nicht mehr von ihr laffen wird, ſondem 
immer größern Reichthum hinnehmen aus ber unerfchöpflichen 
Duelle, immer mehr alles andere gering achten, fich von- alem 
‚gemeinen reinigen und in einem Gott geweihten Reben allein Hei 
und Freude fuchen. \ | 





| . v. Von dieſem Zeichen nun, welches ung ſo ſchoͤn di 
ganze Wirkſamkeit Chriſti, ſein ganzes erloͤſendes Verhaͤltniß uu 
dem geſunkenen Menſchengeſchlechte verſinnlichet, wird geſagt, es 





309 
fi das erſte geweſen, und feine NHerrlichFeit habe ſich darin ofs 
fenbart, und feine Juͤnger haben an ihn geglaubt. Eben fo, 
meine Freunde, offenbart fich feine Herrlichkeit immer noch. Es 
it auch jest Ehriftug, es ift auch jezt die vereinigte Gewalt alles 
beffen, was durch ihn ſchon in der Welt gerwirft worden iſt, wo⸗ 
durch immer noch Menfchen der Gewalt des irdifchen und ſinnli⸗ 
hen entzogen zu einem höheren Leben und einer höheren Gelig- 
keit gebildet werden, wenn auch viele- nicht wiffen, oder zu ven 
gefien fcheinen, woher alle höheren Güter fommen und ‘auf wel⸗ 
Hm Wege die Menfchen ihrer theilhaftig werden. Alle diejeni- 
gen, die irgend: als Werkzeuge find gebraucht worden um den” 
Menfchen diefe Güter auszufpenden, wiſſen es gewiß, daß fie zur 
fommenhängen mit feiner Lehre und feiner Erlöfung, und erken⸗ 
nen darin feine Herrlichkeit. Laßt ung nur อ ด 8 Gebot derſelben 
recht feſt in ſeinem ganzen Umfange ins Auge faſſen. 

Nemlich nicht nur fuͤr die große Veraͤnderung iſt unſere 
Etzaͤhlung ein Sinnbild, durch welche der Menſch zuerſt von dem 
gemeinen zum edleren, vom ſinnlichen zum geiſtigen erhoben wird; 
ſondern auch nach dieſer vom ganzen Leben: des Chriſten. Denn 
da wir weder auf einmal, noch jemals ganz rein werden von der 
Einde, fondern immer wieder die Sinnlichkeit mit ihren Reizen; 
immer wieber Die alte Gewöhnung mit ihrer verborgenen Macht 
immer wieder Das DBeifpiel mit feiner unmerflichen Anfteffung auf. 
ung wirkt; und in diefen Kämpfen, oder, was noch gefährlicher 
it, in diefer VBermifchung, die uns nicht einmal ald ein: Kampf 
eriheint, allmählig die höhere Kraft und mit ihr auch der- höhere 
Genuß abgeftumpft wird: fo kommen Zeiten, two die. Seele in. 
den Betrachtungen und in der Handlungsweiſe, in“ welcher fie 
doch leben ſoll, fich nicht ๒ ๓ 6 zu Haufe fühlt, wo wir ohne 
Freude unfere Pflichten erfüllen, wo felbft die Liebe und die Anz 
dacht ung nicht wie fonft hewegen und befeligen, Zeiten, we alle, 
die Theil an ung nehmen und. ung beobachten โอ ก ก อ น , auch -in ' 
die feomme Klage ſich ergießen möchten, daß es gebricht: 
Dan ift ed immer wieder die Kraft des Glaubens, die auf. dies 
[[ imunderbare Weife ung ſtaͤrkt und. aufs neue helebt, es iſt 
immer wieder Chriftus, beffen Herrlichkeit fich in der Nahrung 


” 


unferes höheren Daſeins offenbart. Ja nicht nur. das Leben 008 : : 


einzelnen Chriſten iſt einer folchen fich immer wiederholenden Ab⸗ 
nahme unterworfen, welche immer ‚neue Stärfungen erfordert, in 
denen Chriſtus sich verherrlicht; fondern wir finden daffelbe auch, 
wenn wir auf das Leben ganzer Völker fehen, der Völker zumal, 


310 


die ben Namen Chrifti führen und wenn fie auch nicht ganz aus 
wahren Verehrern deffelben -befteben, doch durch das Ehriftenthum 
gebildet und gereiniget worden find. Alle Zeiten, in denen ein. 
ſolches Volk wahrhaft Eräftig lebt, wahrhaft große Thaten aus 
. übt, große Geifter in. feiner Mitte erzeugt, Beiſpiele großer Tu 
genden aufftellt und eine Lebensweiſe ſich felbft bilder und ordnet, 
. die e8 lange auf einer würdigen Bahn erhält, diefe Zeiten find 
“ immer. folche, in denen der. Glaube, die Frömmigkeit: und alles 
was in diefes Gebiet gehört fich als große bewegende Kräfte be 
mweifen und auch auf den großen Haufen eine, wenn auch nidt| 
ganz lautere, wenn auch nicht in dem innerften jedes einzelnen 
Gemüthes für immer fich feftfegende, “aber doch eine begeiſternde 
und durch alles andere fich hindurch arbeitende Gewalt ausübten. 
‚Aber diefe Begeifterung -verraucht allmählig, die Söhne und En 
kel gleichen ‚fchon nicht mehr den Vätern, bie kuͤnftigen Geſchlech⸗ 
ser werden immer tiefer verflochten in die irdiſchen Dinge, ซ 
kemmen Zeiten der Erfchlaffung, wo es an allem hohen und ger 
ſtigen leider faft gänzlich gebricht. Und. wenn dann wieder eine 
neue Kraft die faft erfiorbene Maffe durchdringen, wenn wieder 
eine neue heilige Glut das träge Blut rafcher umhertreiben fon; | 
nicht von denen fanu dies ausgehen, welche dag ſchon fo ſchlect 
beſtellte Gaſtmahl des Lebens zu ordnen übernommen haben; (0 
bern von denen, die einer reinen Luft an dem Milten Gott 
fähig, die von. der Kraft der Wahrheit begeiftert, die um Üf 
Volk zu retten und gu erhöhen zu jeder Aufopferung bereit nt 
Iſt dag aber nicht der Geift Chrifti? iſt cr es nicht, deſſen dan 
lichkeit an folchen Wiederherſtellungen fich offenbarte? 

Aber ſo oft auch alles- dieſes erfolgt, es gefchieht doch mut 
wie in unferm Text gefchrieben ſteht, Und feine Juͤnget 
‚glaubten an ihn, Andere haben immer eine andere Art, all 
Ereigniſſe in der Welt zu betrachten; fie fuchen eher in allem an | 
dern, als in dem Chriftenthum und in frommer- Erhebung uͤber- 
haupt, bie Kraft, welche. die Menfchen veredelt und fie, nahdım 
fie gefunfen find, wieder im die Höhe. zieht. Es find nur M 
von der Wahrheit feiner Lehre fchon überzeugten, in die goͤttliche 
Kraft feines verſoͤhnenden Daſeins ſchon mit verflochtenen, dent 
er ſich in ſolchen Wirkungen erklaͤrt und die dann vornehmli 
on. ihn glauben. "Aber wie Damals alle anderen, von welchet 
ihre Weisheit auch fein und wie fie fich auch ihres Einfluſſs 
bedient haben mochten, nichts ausrichteien, um ด แอ dem alt 
meinen Verfall ein neues und. fchöneres Heil gu bilden, ſondem 





311 


nur die Juͤnger Chriſti: fo wird es auch jezt fein. Laßt uns 
an ihn glauben, auf ihn fehen, ob feine Stunde. nicht kommt, 
und fo viel wir koͤnnen, aller Augen auch dahin richtend und auf 
ipn mweifend, als Herolde feiner Herrlichkeit feinem Dienft ges 
wärtig fein. Am weiteften werden wir doch. alle von dem irdi⸗ 
(hen und falfchen entfernen, die wir zu ihm binführen, und aus 
der alten geprüften Duelle wird am ficherfien ung und unferm 
Volke Stärkung fließen und  Erbebung über alles, was nie⸗ 


drig iſt. 


312 





X. 
Was nicht aus dem Glauben Fommt, ift Sünde 


6, iſt ein koͤſtlich Ding, daß das Herz ก ั พ werde. Immer 
muß diefeg Ausfpruches tiefe Wahrheit dem reblichen und nady 
denkenden einleuchten; wann aber Fann fie allgemeiner und int 
ger gefühlt werden, ald in Zeiten, wie die gegentwärfigen. Den 
bei voller Ruhe und Ordnung kommt dem Menfchen auf feiner 
Lebensbahn gar manche Unterſtuͤzung von außen, um ihn zu Der 
wahren, daß er nicht gefährlich falle. Durch die berrfchende 
Sitte, durch das Öffentliche Urtheil, durch den rechtlichen Geil 
der Verbindungen, denen er zunächft angehört, und durch mar 
‚ches andere wird der einzelne getragen und gehalten, daß er ei 
‚gene innere Seftigkeit eher entbehren Fann und, wenn man bloß 
auf fein Handeln und den Einfluß deffelben fieht, oft beſſer 
ſcheint, als er wirklich iſt. Aber in Zeiten der Zerrüttung und 
Verwirrung, wo fo manches gefellige Band und zwar von den 
wirkſamſten aufgelöft wird, wo die Öffentliche Meinung ſich fpab 
tet oder ſchweigt, wo die Grängen des Nechtes und Unrechtes 
von ihren alten Plägen verrüfft zu fein fcheinen, wo Rathgeben 
laͤſtiger ift, als je, und jeder genug bat, wenn er nur feine eignen 
Angelegenheiten in leidlicher Verfaſſung erhaͤlt: da wird jede 
wol ausrufen, Wohl dem, der in ſich ſelbſt feſt gegruͤndet iſt! 
wohl dem, welchen auch der Sturm nicht aus ſeinem Wege wirft, 
welchem auch die Nebel, Die fich um ihn her Ingern, den ชิ [ฝี 
nicht verdunfeln Eönnen,. welcher auch auf bem ſchluͤpfrigen ซิ ย 
deorn feſt ſteht und ficher fortfchreitet, 

Solches gefchiehet durch Gnade, fezt freilich die Schrift 
hinzu, dieſe Sicherheit kann nur das Werk des goͤttlichen Gei— 
ſtes ſein. Aber das iſt nicht dazu gemeint, um uns etwa itgend 





313 


iu einer Entfchuldigung zu dienen, daß wir fagen dürften, wenn 
unfer Herz nicht feft und unfer Weg nicht ficher if, wir truͤgen 
nur die Schuld der Natur und der Nothwendigkeit. Wir follen _ 
ja nicht .vergefien, daß wir als Ehriften nichts anderes erkennen. 
in unferm Handeln, als Gnade entweder, oder Sünde, fo daß, 
was der erften nicht angehört, nothwendig bie lezte fein muß. 
Niemand aljo beruhige fich bei der Unficherheit feines Herzeng, 
fondern überzeugt, daß er fonft immer tiefer in die Gewalt der 
Sünde fich begiebt, trachte jeder, daß er immer mehr feſt werde 
durch die Gnade. 

Darum mag e8 heilfam fein, daß wir auch gemeinfchafts 
ih ung dieſes Ziel recht oft vor Augen fielen und den Weg, 
auf dem wir dazu durch die göftliche Gnade gelangen Eönnen, 
techt betrachten. Das fei denn auch jegt unfere andbächtige Bes 
ſchaͤſtigung. 


Text. göm. 14, 23. 


Mer aber zweifelt und iffet doch, der iſt verdammt; 
Denn es gehet nicht aus dem Glauben. Was aber nicht 
aus dem Glauben gehet, das ift Sünde. Ä 


Es war unter den Chriften der erften Zeit eine Streitfrage, 
die häufig -aufgerworfen und von verfchiebenen verfchieden beant- 
wortet wurde: inwiefern fie verbunden wären, oder auch nur be⸗ 
fügt; als Chriften noch. die äußeren Gebräuche ihres vormaligen. 
Glaubens zu befolgen. Uns kann dies ganze in dem Licht unſe⸗ 
rer Zeit und in unferer Lage geringfügig erfcheinen: allein es ift 
ber Geift der wahren Frömmigkeit, auf dem Gebiet de8 Gewiſ⸗ 
[ต เ 8 den Unterfchied zwiſchen wichtig und geringfügig immer mehr 
aufzuhellen, oder vielmehr, fo wie er gewöhnlich genommen wird, 
ihn gänzlich aufzuheben, .indem großes und Feines aus Einer 
Kraft hervorgehn und nach Einem Geſez muß beurtheilt werden. 
Darum giebt auch der Apoftel feine Entfcheidung fo, daß er ung 
ein allgemeines Geſez vorhält, nach welchem wir überall die - 
Stage über Necht und Unrecht im Geifte des Chriftenthums ent 
ſcheiden follen. Eben diefes nun laßt ung jest näher erwägen, 


Mie alled, was nicht aus bem Glauben kommt, 
Suͤnde ſei. | 


Bir wollen ung, um hievon uͤberzeugt zu werden, zuerſt barüber 
verſtaͤndigen, was doch der Glaube fei, ber bie erſe Bedin⸗ 


- 


| 314 
gung des rechten ift, und dann fehen, wie denn dasjenige 


Handeln entfteht, welches nicht aus dem Glauben 
kommt. 


I Wenn man bie Frage aufwirft, was doch im Sinn⸗ 
der Schrift der Glaube ſei, ſo wird man heutzutage gewißſ 
am haͤufigſten die Antwort vernehmen, es ſei ein ſchwieriges 
und vieldeutiges Wort, worunter ſie bald dieſes, bald jenes ver⸗ 
ſtehe, und es ſei nicht leicht, in jedem Falle auszumachen, was 
eigentlich. So richtig dieſe Antwort zu ſein ſcheinen mag, wenn 
man an manche ihrem Inhalt nach ſehr verſchiedene Ausſpruͤch 
denkt, in denen dies Wort herrſcht: fo wenig wird fie doch dem 
jenigen genügen, ber in den Geiſt der Schrift und des Ehriften 
thums eingedrungen iſt; vielmehr wird ihm ahnden, daß doch 
๒ ๐ [ alles’ zufammen gehören und allem derfelbige große Gedanke 
zum Grunde liegen möge. So in Beziehung auf unfere Stelle 
ift es leicht zu fagen, der Glaube fei hier nichts anders, ale die 
fefte Uebergeugung von dem, was recht fei und unrecht. Und 
gewiß ift Dies das nächfte, woran wir zu denken haben. Dent 
dem Glauben wird hier der Zweifel entgegengefest, und mag dem 
Zweifel gegenüber fteht in dem Gemüthe, das ift eben die Si 
cherheit der Webergeugung. Aber laßt uns doch weiter frage, 
was denn dazu gehört um dieſe zu haben?‘ Einzelne Weber 
gungen kann fich, der Menfch wol anlernen, wenn fie ihm von 
andern vorgetragen und mit Gründen unterflügt werden, denen 
er feinen Beifall nicht verfagen kann; zu anderen kann er gelan 
gen durch Gemöhnung, indem fein Gefühl ſich anfchliege an die 
Empfindung anderer und, was er immer mit Bewunderung ode 
Abichen erwähnen hört; fich ihm einprägt als ſchoͤn oder ven 
werflih. Allein ift es denn möglich, daß fo ertvorbene Leber 
zeugungen das ganze Leben beberrfchen Eönnen? Die angelernten 
find unfräftig, fobald ein neuer Fall eintritt, auf welchen dieſe 
Entfcheidungen mit ihren Gründen nicht recht paflen wollen; bie 
angemöhnten müffen ihre Wirkung verfehlen, wenn die Verhält: 
niffe, wenn die Umgebungen fich ändern, weil es dann der &e 
wohnheit an ihrer Haltung fehlt, und an folchen Aenderungen 
fehlt es doch nirgend im ‚menfchlichen Leben. Nur dann alle 
kann jemand feiner Ueberzeugung in einzelnen Faͤllen ſicher fein, 
wenn ſie in Einer allgemeinen Ueberzeugung gegruͤndet iſt, deren 
ſich der Menſch als ſeiner eignen in feinem innern bewußt if, 
wenn er eine Wahrheit in ſich hat, die ihm uͤberall wieder im 
einzelnen vor Augen tritt, oder, wo vornehmlich vom Handeln 











315 

die Rede iſt, wenn ihm ein Geſez einwohnt, welches ſich au 
gleiche Weiſe in jedem einzelnen Fall in eine ſichere Anweiſung, 
was zu thun ſei, geſtaltet. Und dieſes Geſez muß er, eben we⸗ 
gen ſeiner Allgemeinheit und ſeiner immer regen Kraft, nothwen⸗ 
dig als ein goͤttliches verehren. So koͤnnen wir auch begreifen, 
wie doc die Schrift das Mefen und den ganzen Inbegriff der 
chriſtlichen Sefinnung bald ald Glaube bezeichnen kann, bald wie⸗ 
der eben _duffelbige als Liebe. Denn fehen wir auf den Jnhalt 
dieſes Geſezes, wozu ed den Menfchen treibt, daß er als ein thäs 
tiger Bürger eintrete in daB grofie Neich Gottes, das Dafein dies 
fer göttlichen Kraft in ihm allen andern fühlbar machend, ‚indem 
er alles zu einem Ausdruff derfelben geftalte: fo ift chen dag 
Eiebe; fehen wir darauf, Daß es eine Tebendige, ท ิ ด์ ) immer gleiche _ 
Kraft in ihm ift, Die als eine Zeftigkeit des Herzend, als ein 
nicht zu betäubendes Gefühl, als eine unmiderlegliche wohlbe⸗ 
gründete Einficht in ihm lebt: fo -ift das der Glaube; und nur 
das ft die rechte Liebe, welche ben Glauben beweiſet und bewaͤh⸗ 
แย nur das iſt der rechte Glaube, welcher thätig iſt durch bie 
แย | und ohne dieſen Glauben ift es nicht möglich Gott zu 
gefallen. | | ' 

Aber wenn der Menſch in einem folhen Sinne und aus . 
eirer folchen Kraft handeln fol, immer nur bag ergreifend, was 
ſich ihm darſtellt als dasjenige Werk der Liebe, welches ihm grade 
in diefem Augenblikk obliegt: wie Eönnte er 98 mol, ‚wenn ihm 
eine eben fo Elare Einficht fagte, daß er mit diefem Beftreben - 
fc im Miderfpruch befinde gegen. die ganze Welt; daß der nas 
tirliche Lauf der Dinge, wie er ihn täglich vor ſich fieht, grade 
auf das Gegentheil gerichtet ſei; daß dag gute, welches er will, 
der Gegenwirfung aller dem böfen gewidmeten Kräfte unterlies 
gen müffe; daß Seldftfucht und Ziwietracht bei weitem mächtiger 
fin als Liebe; daß, wo er etwas bilden und erhalten will, tau⸗ 
ſend Kräfte fich vereinigen es gu zerftören, und to er gegen et⸗ 
was verwerfliches angehen mollte, alles zufammentreten werde; 
um es zu unterftügen und zu befeftigen; kurz Daß das gute und 
göttliche fich zwar in Anregungen und Verfuchen offenbare, daß 
8 aber ein Reich und eine Macht immer nur gebe für das 
döfe? Ya wenn er auch nur annehmen müßte, die Richtung aller 
Ereigniffe in der Welt. fei eine andere, wenn auch. nicht. grade 
eine entgegengejezte, amd das Ziel dem ſich alles nähert, mag es 
hun ein abfichtlich geftefftes fein, oder nur ein ohngefähres Zu: 
ſammentreffen des mannigfaltigen und verworrenen, fei ein an: 
deres, als dag, welches ihm in ſeinem innern vorgebildet iſt: 


316 


mäßte er ſich nicht auch dann fchon, wiewol traurig, zuruͤkkziehn 
in Unthätigfeit, oder aus Weberdruß, fortgeriffen vom Strom, 
feine Kraft ebenfalls ‚anderwärts hin wenden? Iſt dies nicht chen 
die meitverbreitete Meinung, um derentwillen fo viele dag gute, 
wozu fich Luft und Liebe in ihnen regt, doch nur als einen ſchoͤ 
nen Traum anfehen, an deffen Ausführung der verftändige nicht 
muͤſſe denfen wollen? Darum ift, wie laut auch die Stimme dee 
göttlichen Geſezes fich hören laffe, der Glaube, aus welchem al 
โค่ ก fommen muß, was nicht Sünde fein fol, nur bei denen, 
welche inne geworden find, daß dag Geſez, welches in ihnen gr 
bietet, und. die Kraft, welche das ganze der menfchlichen Ange 
legenbeiten leitet, eines und daffelbige find, daß das göttliche 
außer ihnen eben fo mächtig und zu demfelben Ziele binführend 
wirke, wie. dag -göftliche in ihnen. Darum beißt es, durch den 
Slauben wiſſen wir, daß die Welt nur durch dag Wort Gottes 
durch daffelbige was wir in’ ung wahrnehmen, entftanden ift un) 
nur durch daffelbe befteht; darum iſt der Glaube eine fee Zu 
verficht auf das Zufammenftimmin, auf das Gelingen, melde 
man nicht fiehet; darum muß.der Glaube roiflen, daß Ein Gott 
ift, der in allem und über alles gebietet,. und in dem daher auf 
alles eines fein muß, und daß er denen, Die ihn ſuchen, ein Der 
gelter fein wird, DVergelter dadurch, „daß er ihre im feinem Geife 
gemachten Beftrebungen- mit Erfolg Erönet, daß er ihnen die Au 
gen Öffnet, damit fie fehen, wie fie in der That mitwirken in fir 
nem Neiche zu feinen Abfichten. Und ohne biefen Blauben if es 
nicht möglich Gott zu gefallen. 

Aber wenn nun Gott- in. biefem Sinne DVergelter if und 
wir das böfe, welches ung in der Welt auf den erften Anblift 
ſo ก ิ ล ธ์ enfgegentritt, auch in ung felbft wiederfinden, ung felbf 
aufgeregt von den dem guten widerſtrebenden Neigungen, in un 
fern eigenen Herzen einen Zürfprecher für alles verkehrte; und 
wenn wir fchon felbft empfinden bie Uebel, von denen unfer hir 
ligftes Gefühl ung fagt, daß fie nur auf irgend eine Weiſe De 
gleiterinnen und Folge des böfen fein Eönnen: wie muß das nic! 
den Muth niederfchlagen und die Kraft Tähmen? mie muß und 
das nicht mit der Beforgniß erfüllen, an unferm Handeln koͤnne 
doch Gott Fein Wohlgefallen haben, ung koͤnne doch der Hei 
lige nichts anvertrauen und nichts gelingen laſſen in feinem Reich? 
So wäre denn alle Einficht in dag göttliche Gefeg und alle Leber 
geugung von der göftlichen Macht und Regierung doch nur ber 
geblih, um ein zum guten thätiges Leben zu bewirken; und in 
dem dieſes druͤkkende Gefühl der Unwuͤrdigkeit ung bei jedem 











. 817 


neuen Verſuche nur mächtiger ergriffe, je genauer wir auf uns 
ſelbſt zu achten gelernt haͤtten, koͤnnten wir uns wiederum vor 
der Unthaͤtigkeit nur in das verwerfliche retten, vergeblich ausru⸗ 
fend, Wer will mich erloͤſen von dieſem Leibe der Suͤnden! 
Darum iſt der Glaube zugleich auch Glauben an die Erloͤſung, 
an die ewige Erloͤſung, vermoͤge deren eben durch den Muth dem 
Geſeze Gottes zu folgen und dem böfen überall zu widerſtreben, 
indem wir die Uebel, welche die Solgen davon find, geduldig er 
tragen, alles böfe in uns felbft aufgehoben wird und vernichtet, 
ja vermöge deren von dem Augenblikk an, wo dieſer Entfchlug 
bersichend geworden ift in ung, nichts angefehen wird für unſer 
ſelbſt, als eben dieſer durch den Geift Gottes Fräftige Wille, als 
les andere aber außer ung’ liegt, weil es ja dag ift, dem wir 


widerfireben. Darum ift der Glaube zugleich auch Glauben an ' 


die Verſoͤhnung, die Chriftug geftiftet bat, der geborfame big zum 
Zode, in dem Die Fülle der Gottheit auf eine menfchliche Weiſe 


gewohnt hat, der die. Sünde der Welt. trug ohne Theil an ihr 


แ haben, in deſſen Tod wir alles ungöftliche mit ‘begraben fol» 


Im, an deffen Wirken fich jedes gottgefällige Dafein anfchließe 


und der allen, Die ihn aufnahmen, die Macht gegeben hat, gehei⸗ 
lite und begnadigte Kinder Gottes zu fein. . Darum Fann nie 
mand zum Water Fommen als durch den Sohn, in welchem wir. 
die ewige Erlöfung anfchanen und feſt halten; darum ift eg der 
Ville Gottes, dag wir den erkennen, den er gefandt hat; darum. 
ft 8 unfer Ruhm, daß wir durch ihn an Gott glauben, und ohne 
diefen Glauben: ift 68 nicht möglich Gott wohlzugefallen. 

So genau, meine Zreunde, hängt alles sufammen was bie 
Schrift unter dem Namen des Glaubens zufammenfaßt, daß, neh⸗ 
met ihr irgend etwas davon hintveg, die ganze Kraft der Gefins 
nung, die ganze Zuverficht des Gemuͤthes, welche doch zunaͤchſt 
dadurch ſoll bezeichnet werden, nothiwendig verſchwinden muß. 
So gewiß ift es, daß der Glaube nicht jedermanns. Ding iſt, 
fondern nur des wahren Chriften, daß das eigentlich chriftliche 
darin. der Schlußſtein des ganzen iſt; und wer auch manches 
eben zum Glauben gehoͤriges haben mag, doch den Glauben ſelbſt 
eigentlich nicht hat, wenn nicht eben dieſe Ueberzeugung, fei fie- 
auch anders vorgeſtellt oder ausgedruͤkkt, in der Seele ruht und 
ſie befeſtiget. | 

Daß nun, was aus dieſem Glauben geſchieht, nothwendig 


recht gethan fein muß und Gott wohlgefaͤllig, daruͤber kann wol 


fein Zweifel obwalten unter und. Geſchieht es doch alles nach, 


der Auffoderung -868 göftlichen Geſezes der Liebe; geſchieht es 


— 


318 


doch im feſten Vertrauen auf den, ber ber Herr tt über alles, 
ber allem fein Ziel fezt nnd über alles waltet; in heiliger Ehr⸗ 
furcht vor. dem, der ung erforfchet und kennet, ber feinen Stuhl 
niebergefegt hat zum Gericht und vor dem fein böfer beſtehn 
kann; gefchieht e8 doch, indem wir Chrifti Beifpiele folgen, dad 
er ung sum Vorbilde gelaffen hat, indem toir dem guten Hirten 
folgen, deffen Stimme nie irre leiten Eann, indem wir ihm ge 

horchen wie die Glieder dem Haupte, indem wir aug ihm unfere 
- Kraft nehmen wie die Neben aus dem Weinſtokk. Aber fo ge 
wiß alles gut fein muß, was aus dem Glauben fommt; fo tie 
' ห ได wir, nachdem wir uns fo dag Weſen deſſelben vor Augen 
geftellt haben, irre gemacht werden koͤnnten, wenn auch ſolche, 
die wir nicht gern Feinde der Religion nennen moͤchten, die aber 
nur zu geneigt find ihre Aeußerungen mißzuverſtehen, an bie 
Stelle aller Tugenden des Glaubens, mie Die Apoftel ſie aufjäh 
fen, eine Reihe von Verirrungen oder Verbrechen hinftellen wol 
fen, welche von Zeit zu Zeit vorgegeben haben, nach höheren ฏิ ก 
fenbarungen durch eine ย อ น Gott gewirfte Kraft entſtanden zu 
fein; fo wenig wir auch hiedurch, fage ich, Fönnten geirrt ter 
den, fondern ficher im voraus wiſſen müffen, daß wir in jedem 
ſolchen Beijpiele, wenn auch nicht SFalfchheit und Betrug, doch 
einen durch das ungöttliche im Menſchen erzeugten Irrthum fir: 
ben werden, an dem wir den Namen des Glaubens nicht ent 
weihen dürfen: eben fo wahr ift auch auf der andern Seite, daß 
nur das allein, was aus jenem Glauben kommt, recht fein kann 
vor Gott, alles andere aber Sünde fein muß. „Um ung: hiervon 
zu überzeugen, wollen wir แม ธ์ nun - . 


. IL die Frage beancworten aus was fuͤr Gruͤnden und 
aus welcher Kraft denn wol gehandelt werden Fönnt 
. wenn man nicht aus dem Glauben handelt. 

Damit aber diefes nicht weit die Gränzen unferer Unter 
haltung überfchreite,. und damit nicht über dem leichteren etwa 
daB ſchwierigere ung entgebe; fo laßt ung alles bei Seite laflen, 
was .auch der Apoftel gewiß nicht mit gemeint. hat und weshalb 
wir jeben auf fein eigenes Gefühl vermweifen koͤnnen. Daß die 
jenigen nichts thun Fönnen als Sünde, welche von dem Glar 
ben gar nichts in fich haben, in denen ſich entweder die Stimme 
des göttlichen Geſezes gar nicht. hören ได ้ ธี ย ober die aus der Er 
Eenntniß Gottes und Chrifti die Kraft nicht nehmen um es wirk⸗ 
lich zu befolgen; daß da Sünde fein muß, ๒ 6 ber Menfch im 
ünglauben an alled höhere ‘meint, jebes, was es auch [ hun 








19 


zu muͤſſen um feines irbifchen Dafeind und Wohlfeins willen, 
und wo er in liebloſer Selbftfucht firebt irdifche Guter um fich 
her zu häufen; daß da Sünde fei, wo auch bei Außerlichen 
Rechthandeln an der Stelle des Eindlichen Glaubens nur vorfich- 
tige Klugheit fteht, welche es an der Stirn gefchrieben trägt, 
daß fie Hald umkehren würde, wenn um des Rechts willen dag 
Bohlfein in Gefahr Fäme: davon und von anderem ähnlichen 
wer von und wäre nicht fchen für fich vollfommen überzeugt. 
Mein auch bei denen, welche den Glauben bäben, denen wir im 
ganzen das Zeugniß geben müflen, daß fie dem Glauben gemäß 
ben und feinem Geſez alle Bewegungen ihres Gemüthes unters 
terfen, auch bei dieſen kommt manches vor, was wir ‚ung doch 
nicht aus dem Glauben erklären koͤnnen, was — denn warum 
folte ich nicht ung alle .auf unfer eigenes Bewußtſein verwei⸗ 
in? — was wir bei fpäterer Ueberlegung mit den Glauben. 
nicht übereinftimmend finden. Wie Eommen wir nun zu einem 
ſolchen Handeln? Es gefchieht, meine ich, entweder in einem Zu- 
Hande deg Zweifelg, wie der Apoftel fchon diefen in unferm 
Iert als etwas verdbammliches dem Glauben gegenüberftellt, oder 
es gefchieht in einem Zuftande der Webereilung: und beibem, 
wir werden es bei näherer Betrachtung nicht laͤugnen Fönnen, 
muß etwas fündliches sum Grunde liegen, 

Zweifeln, wird man fagen, darüber mag recht ſei oder 
unrecht kann doch unmoͤglich Suͤnde ſein; denn erſt durch Zwei⸗ 
feln Eommt der Menſch im einzelnen zur Gewißheit. Keiner Faun 
wol fo vollendet fein, daß in- jedem Falle ihm gleich. im er 
fen AugenblifE อ ด 8 rechte mit ganzer Klarheit vor Augen ſtaͤnde; 
fondern mehrere Arten fielen ſich ihm dar, wie er koͤnne zu 
Verke gehen, und die oft nicht ein ſo entſchiedenes Gepraͤge des 
rechten oder unrechten tragen, daß ihm die Wahl leicht gemacht 
waͤre. Daher muß ja wol jeder hin und her uͤberlegen, alles 
genau ins Auge faſſen, ſich betend bei ſich ſelbſt berathen, und 
ſo erſt kann er durch den Zweifel hindurch zu einer Entſcheidung 
kommen, die ihn nicht wieder gereuet. Wenn aber nun die Um⸗ 
ßaͤnde auf ihn eindringen, wenn er ſich nur mehr verwikkelt, 
anfatt ing Elare zu kommen, und früher, als er gewuͤnſcht hätte, 
der Jugenblikk kommt, wo er handeln muß: follte es auf dieſe 
Weiſe nicht öfters ohne Verſchuldung gefchehen Fönnen, daß wir 
handeln muͤſſen faft aufs gerathewohl, ehe wir zu einer völligen 
Beruhigung gekommen find und ohne in uns ſelbſt jene fefte Zus 
bericht des Glaubens zu empfinden? 

Alerdinge iſt immer แน das rechte zu finden nur die 


320 


höchfte Tugend; aber doch je weiter wir von diefer entfernt fin 
defto ſchwaͤcher fühlen wir ung noch und zwar ſchwaͤcher gra 
im Slauben. : Denn wenn fi uns aufer dem rechten ห ล ด์) «6 
was anderes darftellt, als dürften wir es wählen: kann Died w 
anderswo gewachfen fein, als auf dem noch ungereinigten Bob 
des Herzens? und fest es nicht außerdem noch große Schwaͤ 
voraus, wenn wir eg nicht gleich für dag erkennen was ei 
Freilich müffen wir diefe Stufen alle durchgehn, und jenes Zi 
fen, jenes innere Abwaͤgen und Berathen gehört zu dem heilſa 
ften Uebungen, es ift die Arbeit des göttlichen Geiſtes an unſ 
Herzen, diejenige vielleicht, wodurch wir am, beften auf der ein 
Seite in alle Verhältniffe des Lebens eingeleitet werden, auf d 
andern zugleich am ficherfien Die Tiefen unferes eigenen Here 
Eennen lernen, und jede Gelegenheit diefer Art fol ung eben fide 
rer und felter machen und ung jener Vollfommenheit näher [ป ย 
gen. Eben darum aber foll auch jeder Ehrfurcht haben vor bir 
ſem Geſchaͤft, ſoll Abſcheu haben vor jeder leichtfinnigen ชั ย 
rung oder frevelhaften Unterbrechung deſſelben. Und hiegegm 
kann wol niemand einwenden, es Fünne, wer in Diefem Gin 
zweifelt, auch: wol immer tiefer in Dunfelheit gerathen, daß er 
fih hernach gewaltſam durch einen Machtfpruch der Willkuͤht 
herausreißen müßte aus dem Zuftande der Unentfchloffenheit. Es 
kann es wol denen ergeben, bei welchen, ohne Daß in rag 
kaͤme, was wol der Gefinnurng des Chriften gemäß iſt, แนะ die 
- Stimmen verfchiedener Neigungen oder mehrere Maaßregeln dr 
Klugheit in Streit kommen; denn da ift alles feiner Natur nd 
unbeftimmt und verrworren. Wo aber dag Gemuͤth ſchwankt zwi⸗ 
fchen dem wahren und guten und dem oder jenem, was finnlidt 
Triebe angegeben haben und was unter irgend einem Vorwande 
dag trügerifche Herz neben jenes zu ftellen wagt: da ift em 
„Streit bes Lichtes gegen die Finſterniß, umd jenes muß mit fd 
ner Kraft, wenn man es nur gewähren läßt, dieſe nothwendig 
‚vertreiben. Auch darf niemand fagen, dag doch oft, ehe noch 
diefes gefchehen koͤnne, der Augenblikk der Entfcheidung da di 
und dann, wenn auch nicht durch eigentlihe Wahl von dem 
göttlichen Gefez fich eritfernend, wenn auch nicht von ſtraͤflicher 
Vorliebe verleitet; die Seele doch falfch greifen koͤnne in dem 
zweifelhaften Scheine. Denn gewiß je dringender. die DVerhält 
niffe find, deſto näher treten ung auch die Gegenftände, ก ย ใย 
deutlicher geben fie fich zw erkennen; je nothwendiger 08 ift, daß 
wir uns in einem beftinmten Augenblikk entfcheiben, deſto mehr 
muß auch die Sache zu dem eigentlichen Kreife unferes Lebens 


321. 


und Berufs gehören, . bem wir oft in ruhigen Stunden unfer 
Nachdenken widmen follen und worin mir chen deshalb alles 
kicht und Elar fehen müffen, wenn mir anders recht gethan has 
ben, ihn gu dem unfrigen zu machen. Darum ift es fo wahr, 
was ein Mann Gottes fagt, der oft in diefem Falle war und 
der großes zu berathen hatte bei fich felbft, daß der Glaube auch, 
wo es noth thut, raſch zufaͤhrt, feines feſten Grundes und fei- - 
ner goͤttlichen Abkunft ſich bewußt, und ſich nicht erſt beſpricht 
mit Fleiſch und Blut. Was kann es alſo ſein, wenn wir das 
Gefuͤll der frommen Ueberlegung ohne Noth abbrechen, oder 
wenn es ſich uns uͤber die vergoͤnnte Friſt hinaus verlaͤngert? 
Kann wol das Abbrechen der Ueberlegung, ehe ſich eine Ueber⸗ 
zeugung gebildet hat, etwas anders ſein als eine ſtraͤfliche Un⸗ 
geduld, die nach außen treibt und eilt mit Vernachlaͤſſigung deſ⸗ 
ſen was innerlich vorgeht, die lieber den Schein haben will, ſich 
leicht und ſchnell zu bewegen, als daß ſie ſich gruͤndlich unter⸗ 
richten ſollte, wo fie zu gehn hat, die das Gegentheil iſt von ber 
kommen Sehnſucht des Gemüthe, fich in ſtillem gefegnetem Ges 
bet zu fammeln und zu erleuchten, und die alfo eben fo verderb- 
lich ift für Die Heiligung des Menfchen, als fie frewelt gegen die 
6 แฟ ห ์ แห ล ด 1 des göttlichen Geiftes? Und was nicht anders ale 
ſo angufehen und zu verftehen iſt, อ ด 8 follte nicht Sünde fein? . 
Een fo nun wenn fich die Veberlegung über die vergönnte Friſt 
hinaus verlängert, was kann das anders fein, als entweder die 
fräfliche Folge der eingewurzelten Trägheit eines Gemütheg, wel⸗ 
ches nerfäumt hat fich in ruhigen. Zeiten aus Gottes Wort zu 
leuchten und zu Eräftigen, oder die verwerfliche Aeußerung ei⸗ 
18 forglofen Herzens, melches nicht fo, wie es fein follte, von 
dem einen, was noth thut, durchdrungen ift, das offenbare Zei: 
Gen einer Laune und gleichgültigen Seele, die nicht mit inniger 
kuſt und Liebe an ihrem Beruf hängt. Und ein fo bedenklicher, 
ſo offenbar ſchwaͤchender und gurüfffegender Zuftand follte nicht. 
Sünde fein? “ nn ย | 

Jedoch es อ ด ท น -fcheinen Noch andere Zweifel zu geben, 
nicht darauf fich besiehend, was. wol das rechte fei unter meh⸗ 
terem, fondern darauf, ob wol, was als recht erfannt, ift, auch 
ME zu thun fei, oder beffer aufzufchieben; und noch ſchwerer 
Tann man denken fei 68 zu wermeiben, daß. nicht hier oft ohne 
unere Gewißheit müßte. ein Entfchluß gefaßt werden, die Gele 
genheit entweder’ zu ergreifen oder worbeizulaffen. Allein, meine 
dreunde, die Ueberzeugung des Glaubens iſt ja nicht ein.kaltes 
md trokknes Miffen, welches Verhaͤltniſſe und Handlungen nur 


322 


im allgemeinen und von ferne anfchaut und beurtheilt. Sie ค 


wächft ung ja vielmehr jedesmal im Leben felbft, aus der An- 
ficht aller unferer Verhaͤltniſſe, wenn wir und anders an fromme 
Aufmerkſamkeit gewöhnt haben; und was fie als recht aus 
fpricht, das ift deshalb eben jest und eben hier recht. Sie giebt 
ung ja nur zu erfehnen die Foderung der Liebe, die immer Gott 
aͤhnlich das ganze im Herzen trägt; und was dieſe auszeichnet, 
das muß auch das beſte ſein und das einzig gute im ganzen 

Koͤnnen alſo wol ſolche Zweifel anders aufſteigen, als ต กช ย์ ห 


weil e8 uns an dem wahren Bertrauen zu Gott fehlt, daß wir 


nicht, allein unferer Heberzeugung freu, ihm den Ausgang anheim: 
ſtellen wollen, ficher und freudig ausrufend, Hier ftehe ich, Gott 
helfe mir, ich kann nicht anders? oder weil es und an reinem 


' Eräftigen Willen fehlt und wir nur, vielleicht unbewußt, einen 


Vorwand fuchen, um uns dem zu entziehen, was ung mit Ent: 
behrungen und. Befchwerden droht? Und ein fölcher unganzer 
Sinn follte nicht fündlich fein? O warlich wer in folchem Zwei 
fel die Zeit vorbeifieß, in der er wirkſam fein konnte, der bat 
verdammlich gehandelt; denn ‚dies von fich weiſen konnte -ihm 
nicht aus dem Glanben kommen, fondern er ift ein furchtfame 
Knecht, welcher nichts fchaffen wollte mit dem anvertrauen Pfunde. 
Ja felbft wer auch gehandelt hat, aber doch unficher und ohm 
dag ihm Har geworben wäre, wie e8 doch fand mit feinen Zi. 
feln, der war unmwerth etwas auszurichten in dem Gebiete dit 


“guten und nicht, in dem Zuſtande Gott ein angenehmes Hpfet 


darzubringen. 
Wenn aber zweitens jemand, ohne daß er von reich 
umbhergetrieben worden, dennoch nicht thut was aug dem Glas 


ben kommt: wie koͤnnen wir von dem anders urtheilen, als daß— 


mag er fi) im ganzen nod) fo fehr des Glaubens zu ruͤhmen 


haben, in dem Augenbliff eines folchen Handelns ihm doch dad 


rechte noch gar nicht erfihienen war, fondern etwas ganz ande 
reg ihn fortgeriffen hat; und ein folhes Handeln nennen wir 
mit Recht Vebereilung, weil alles zu früh kommt, was ge 


ſchieht, che das rechte da ift, welches ung allein beftimmen folk. 


O fo herrlich es ift, wenn vafch bei jeder Gelegenheit der Menfd 
das rechte ergreift, fo flärkend ihm hernach das Bewußtfein wer⸗ 


‚ ben muß, ficher und leicht fortgefchritten zu fein auf der rechten 


Bahn, eben fo demüthigend und Kleinmuth erregend muß es j 
fein, wenn wir ung zu ſpaͤt geftehen müflen, daß wit uns in 
einer fremden Gewalt befunden haben! 

Wer nicht noch ganz ein Anfaͤnger iſt in der Heiligung und 











323 


( fehr unvolllommen befreit von der Knechtſchaft der Sünde, - 
den wird wol nicht leicht dag offenbar böfe und unter allen Vers 
haͤltniſſen tadelnswerthe fo fchnell ergreifen und fo raſch mit fich 
fottreißen. Uber 68 giebt Fälle, ๒ ๐ das rechte unfcheinbar ift, 
vielleicht rauhen, und harten Anſehns, oder andere preisgebend — 
wiewol nicht mehr als wir Diejenigen preisgeben dürfen, die wir 
doch nur lieben follen wie ung ſelbſt — und wo fich zugleic) 
andere Gefühle regen, die ung täufchen durch‘ einen -Schein bes 
guten, milden, anmuthigen, vielleicht mohlthätigen für andere 
einzelne: denen folgt dann, jenes überfehend ober verkennend, 
nur gar zu leicht ein mehr bewegliches, als befeftigteg Gemuͤth 
und wird fo auf etwas anderes geführt, als auf die Werke, die 
bei genauerer Ueberlegung wuͤrden hervorgegangen fein aus dem 
guten Schage des Herzend. Die Welt. mag bag verzeihliche 
Schwachheiten nennen, oder edle Sehltritte; wenn wir es aber . 
irgend treu mit ung felbft meinen, müffen wir nicht geftehen, es 
fi ein Zeichen eines uͤblen unbewachten Zuſtandes, mern wir fo 
gan ohne Ahndung, ohme ein, wenn gleich unbeftimmtes, war⸗ 
uendes Gefühl zu einer That fchreiten Eönnen, die fo gar nicht 
dem entfpricht, was wir zu ſpaͤt erft als dag richtige einfehn? 
miffen wir das nicht für Sünde erkennen, was wie ein leiden> 
fhaftlicher Rauſch, fobald wir แน nüchterner befonnener Betrach- 
tung zuruͤkkkehren, uns nur Mißbehagen und Neue übrig läßt? — 
68 gefchieht zu andern Zeiten, baß einer mitten aus der Ruhe, 
in welcher er vielleicht auf manche Verhältniffe am menigften ges 
achtet hatte, plözlich aufgeftört wird durch eine allgemeine Bewe⸗ 
gung um ihn her, deren Grunde oder Zwekke ihn im erften Aus 
genblifE einnehmen, fo daß er von dem übereinftimmenden Beis 
piel der Menge fortgeriffen an allem Theil nimmt mas gefchieht. 
O es iſt etwas herrliches, wenn, aus welcher Veranlaffung es 
auch gefchehe, plözlich in dem großen Haufen der Menfchen durch 
eine in allen gemeinfchaftliche Wirkung des befferen Geiftes die . 
Stimme der Pflicht oder der Ehre oder. einer alten vergeffenen 
fiebe erwacht. Aber was auf eine heilfame Weiſe die Menge | 
ergreifen kann, das follte ja wol grade in dem befferen, vom 

Geiſte befeelten fich ſchon früher geregt haben, das follte grade 
fie nicht unerwartet und unbereitet fortreißen müffen! Darum 
muß es ja verdächtig fein, wenn diejenigen, welche der Menge 
um Vorbilde dienen und fie führen follten, von ihr felbft ges 
führt werden, ob das nicht eine Verführung if. Darum muß 
6 immer Webereilung fein, mas wir fo angeftefft und fortgerif 
fen unternehmen; denn des Glaubens Art ift es nicht; in denen, 


324 


-über welche er eigentlich. herrfcht und in Denen er. eine Duell 
richtiger und heilfamer Ueberzeugungen und Gemuͤthsbewegungen 
iſt, [0 aufgeregt von außen andern zu folgen, fondern- felbft er 
vegend. voranzugehn. Sa auch wo er, fchmwächer noch, oft der 
Gemeinſchaft und der Aufmunterung bedarf, um fich deutlich zu 
äußern, auch da bezeugt ihm 506) ein ficheres Gefühl und eine 
lebendige Einftimmung, daß feine Aeußerung nicht ein Werk der 
Nachahmung ift, fondern ein Erzeugniß des eignen geiftigen Lebens. 
Wenn nun nicht alles, was Uebereilung heißen muß in un. 
ſerm Leben, zuſammengefaßt iſt unter dieſe Beiſpiele, ſo ſind ſie 
doch gewiß grade die, welche am leichteſten hoffen dürften Ent 
fchuldigung. zu erhalten; wenn nicht immer, wo Zweifel vorwal: 
"tet, das Semüth fich in einem folchen Zuftande befindet, mie wir 
ihn ung befchrieben, ſo maren doch jenes gewiß die ſchwerſien 
Zweifel, unter deren Laft die Seele am leichteften erliegen Fann: 
aber. wir fehen, es ift nichts rechtfertigendes aufzubringen für it 
gend etwas, was der Menfch thut, ohne daß es aus der ein 
gen heilfamen Duelle alles. wahren und guten hervorgegangen 
wäre, und eben fo wenig fir irgend etwas, was er thut, ohne 
ſowol in dem Augenblikk der That, als für jede folgende Zeit 
der Ueberlegung eins geweſen zu fein mit fich: ſelbſt. Diefe göft 
liche Duelle in uns, diefer. felige Zuftand vollfommener inner 1 
Eintracht ift der Glaube; und für alles alfo, was nicht aug dem 
Glauben kommt, haben wir: kein anderes Wort, um es richtig zu 
bezeichnen, als Sünde. Sa, es Fönnte fein, daß, ohne eind 06 
worden zu fein mit: fi) felbft, der Menfch im Zweifel auf gr 
rathewol dag rechte gewählt hätte, es koͤnnte dag gute felbft ge 
weſen fein, was er ubereilt, "ohne in dag. Weſen deffelben einge 
drungen zu fein, nur dem Schein trauend, ergriffen hat; eg koͤnnte 
fein, daß dasjenige, wozu er fich hat fortreißen Faffen von am 
dern, in dieſen eine untadelige und fchöne Gefinnung geweſen it: 
ihm iſt es doch Sünde, weil es nicht aus dem Glauben fan; | 
denn 0 muß ſich geftehen, er war in einer folchen Verfaſſung, 
daß, was er that, eben fo leicht konnte dag unrechte geweſen 
ſein und das boͤſe; er kann nicht laͤugnen, daß er hingegebe 
war einer ungoͤttlichen Gewalt. 
| Sehet .da, meine Freunde, biefes ift die Strenge der chriſt⸗ 
lichen Lehre, über welche fo häufig geklagt wird, daß fie fich mit 
feinem Scheine begnügt, daß fie nie abgefondert die That be 
frachtet und beurtheilt, fondern nur im Zufammenhange mit dem 
Menfchen und nach der Art, wie fie aus feinem innern hervor 
gegangen iſt. Aber dieſe Strenge iſt ja nichts als die rechte 











325 


Gruͤndlichkeit des göttlichen Lebens, ohne welche bier fo wenig 
als anderwaͤrts auf ein regelmäßiges Sortfchreiten und auf wahre 
Vervollkommnung zu rechnen ift. Sie ift alfo aud) nichts, mas 
ung abfchreffen follte, fondern nur anfeuern, ung immer felter zu 
halten an den heiligen Ernft diefer Lehre. Sehet zuruͤkk auf bie 
Zeiten der herrſchenden Seichtigkeit, welche fich, ohne auf Kraft 
und Geift แน fehen, ‚begnügen ließ mit irgend einem Scheine des 
guten und verftändigen: wer kann fie glüfklicher überftanden ha⸗ 
ben, ohne von ihrem fchmwächenden Einfluß ergriffen worden zu 
fein, ๕ 8 die einhergegangen find nach dieſer Negel! ſehet auf- 
‚die gegenwärtigen, verwirrungsvollen, verfuchungsreichen Zeiten, 
wo allem feindfeligem Macht gelaffen ift und es umbergeht, um 
wo möglich zus fallen auch bie gläubigen; wo alles voll ift. der 
anſtekkendſten Leibenfchaftlichen Betvegungen; wo in der allgemeis 
nen Unentfchiedenheit faft jeder Entfchluß als Yebereilung erfchei- 
nen muß: fehet zu, ob wir irgend worin anders Heil finden 
Tonnen, als daß wir ung feſt gründen in ung felbft durch die 
Gnade Gottes, daß wir ung verwahren gegen jeden fremden Eins . 
Aug und in uns zu flärken fuchen bie Einficht und die Tugend, 
welhe eins find im Glauben; ſehet zu, ob e8 einen beffern 
Kath giebt, als, Stehet ก ก im Glauben und wachet und betet, 
daß ihr nicht in Anfechtung fallet. | 


Ja heiliger Gott, in dieſen Zeiten, wo ſo vieles theure 
und werthe verwuͤſtet und zerſtoͤrt wird, bewahre nur uns 
ſelbſt. Du haſt uns erbauet zu deinem Tempel, o daß nur 
dieſer uns nicht entheiliget werde, daß deine Stimme ſich 
immer darin vernehmen laffel daß er immer reicher, ausge 
fchmuffe werde zu deinem Preiſe mit wohlgefaͤlligen Werken 
des Glaubens! Ja, das bitten wir, daß ſich unter allen 
Stuͤrmen immer herrlicher in uns bewaͤhren moͤge die goͤtt⸗ 
liche Kraft, welche auch die e Macht der เป น น nicht übermäl, 
tigen kann. Amen. 


326 





Der. heilfame Rath zu haben, .als hit 
Ä ten wir nit. 





Wa⸗ hoͤrt man wol jezt öfter und was glaubt jeder, der ค 
vorträgt, mit allgemeinerer Zuftimmung auszufprechen, als ber 
fehnlichen Wunfch, daß dorh nun endlich in unfere Gefchäfte und 
in alle Zweige unferes gemeinfchaftlichen Dafeins Leben und Orb 
nung zurüfffehre, daß ber Friede, der dem Namen nach mid 
bergeftele ift, uns doch ถนน auch der Wahrheit nach gegehm 
werde, daß auf die allgemeine Zerrüttung doch ห น น endlich Kuh 
folgen möge, damit das zerftörte koͤnne wieder gebanet werden. 
Diefer natürliche Wunfch kann auch wirklich im eigentlichen Sinn 
ein frommer Wunſch fein, wenn wir nemlich glauben, wirflid 
gefättiget zu fein mit allen den guten Folgen, welche diefe Zeit 
ber Verwirrung und der Trübfal nach den Abfichten Gottes un 
ftreitig in uns hervorbringen ſollte, und nun in dem Gefühl er 
neuter und gereinigter Kräfte wuͤnſchen, wieder in eine rege Wirk: 
famfeit fobald als möglich einzutreten, den Neichthum ermorbent 
Tugenden zur Förderung alles guten in Umlauf zu fegen un 
weſſen fich jest fat niemand rühmen kann, in einen angemeſſenen 
Wirkungskreis mit Sicherheit und mit der in einer allgemeinen 
Ordnung gegründeten Unterſtuͤzung eingreifen zu koͤnnen. Al, 
wir müffen 68 ung geftehen, fo wie fich dieſe Sehnfucht nad 
Ruhe größtentheild ausfpricht, nicht als ein muthiges Verlangen 
nach Thätigkeit, ſondern verbunden mit einem Gefühl von Er 
fchöpfung durch das Leiden, mit Klagen über den ſchon allı 
fange geftörten und verminderten Lebensgenuß und über die noch 
mehr fchroächenden trüben Ausfichten in .die Zukunft: fo koͤnnen 











327 


wir fie nicht für einen frommen Wunſch halten, ſondern vielmehr 
für einen eitlen; fo iſt fie nicht im Sinne derer gefühlt, die gern 
ſobiel als möglich arbeiten wollten im Reiche Gottes, ſondern 
derer, welche für fich und andere nur auf bag bloße Wohlfein 
ausgehen. Oder wenn wir auch annehmen, dag nicht alles ſitt⸗ 
lihe und thätige ausgefchloffen ift bei diefer Sehnfucht: fo offen⸗ 
bart fich doch darin eine verderbliche Anhänglichkeit an die alte 
herfömmliche Geſtalt des Lebens, als ob nur die Gewohnheit den 
Menihen ſtark genug machen koͤnnte das feinige su tbun, eine 
fränfliche Abhängigkeit des Eifers und der Treue im guten von 
dem Gefühl äußerer Sicherheit, โน น eine Trägheit, welche nur 
in dem befannten, ſchon oft durchlaufenen Kreife den Beruf dee 
Lebens anerkennen will und fich fcheut, in irgend einen ernflen 
Kampf einzugehen. Und diefe Scheu, wie gefährlich tft es nicht, 
fe einreigen zu laſſen! Mer fich einmal fcheut vor dem, mas 
bei einer treuen Erfüllung der göttlichen Gebote ihm äußerlich 
begegnen kann, wie nahe tft der fchon dem Ungehorfam! mie 
licht wird dem alles eine Verfuchung, fich feinen Verbindlichkeis 
ten zu entziehen! mie Leicht: täufcht der fich ſelbſt und hält jede 
Ehmierigkeit für ein unuͤberwindliches Hinderniß, laßt fo dieſes 
und jened Fahren, was er ausrichten könnte, opfert einen Theil 
nah dem andern von dem, was ihm aufgetragen mar, und เน 
nu zu bald von denen gar nicht zu unterfcheiden, in denen fich 
niemals Luft und Liebe zum guten geregt hat. O möchten wir 
nie und am wenigſten in Zeiten immer neuer drohender Schwie⸗ 
tigkeiten vergeflen, daß unſer Leben auf Erden mehr ein Kampf 
ift al eine ruhige Anfiedlung! o wären mir immer rüflige Streis 
ter, die alles andere gern dahinten laſſen und nur das bei ſich 
behalten wollen, was ſich mit der leichten und behenden Fuͤhrung 
der Waffen verträgt! Zu dieſer Geſinnung nun ſoll unſere heu⸗ 
tige Betrachtung ung ermuntern. 


Text. 1 Cor. 7, 20. 30. 


Weiter iſt das die Meinung daß, die Weiber haben, 
ſeien, als hätten fie Feine, und. bie da weinen, als wei⸗ 
neten.fie nicht, und die ſich freuen, als freueten fie fich 
nicht, und die da Eaufen, als befäßen fie nicht, und die 
der Welt brauchen ) daß fie ihrer nicht. mißbrauchen; dem 
dag Weſen der Welt vergehet. 


328 


Der -Apoftel war vor der Gemeine zu Korinth gefragt wor⸗ 
den, ob wol unter den damaligen Umſtaͤnden, wo den Chriſten 
mancherlei Verfolgungen und Gefahren drohten, es rathſam fuͤr ſie 


wäre, diejenigen Bande zu knuͤpfen, durch welche der Menſch 
auf die mannigfaltigſte Weiſe an die Welt geheftet wird; oder ob. 


es nicht vielmehr bei der Ausficht auf Entbehrungen und Drang ! 
fale beſſer wäre, fich möglichft frei zu halten von allem, fund 
deren Erduldung erfchmweren koͤnnte. Indem der AUpoftel biefem | 
lezteren beiftimme, giebt er fich große Mühe recht nachdruͤkklich 
einzuſchaͤrfen, daß dieſer Rath ja nicht als ein allgemeines Gebot 
ſolle angeſehen werden, und indem, er verſichert, daß er ihn nur. 
um der gegenwärtigen Noth willen gebe, muͤſſen wir ſchließen 
er habe auch auf den’ inneren Zuſtand jener Gemeine, wie ศ 
eben damals war, Nükkficht genommen. Er kannte fie als neh 
ſehr reisbar für alles irdifche. und fürchtete Daher, aus je mehre 
ren Verbindungen mit der Melt fie ihre Zufriedenheit ſchoͤpften 


um deſto eher koͤnnte es ihnen an Freimuͤthigkeit im Bekenntniß 


des Evangelit fehlen, oder fie koͤnnten gar abfallen, wenn in 
- allen feinen Quellen jenes Wohlfein angegriffen würde. Von die | 


fen befonderen Rath aber feheint er in den Worten unferes Te 
fe8 zu einer allgemeinen Anweiſung zurüffgufehren, um feſtjuſtel⸗ 
len, was nun eigentlich in dieſer Hinficht das vollkommene und 
wefentliche fei; nemlich ‚nicht, Feine Verbindungen anzuknuͤpfen 
mit der Welt, -fondern fich allerdings auf alle Weife mit ihr cin 
zulaffen, nur fo, dag man nicht dadurch gefeffele werde und zu 
ruͤkkgehalten auf feinem eigentlichen Wege. Eben dieſes num, dab 
alles, was mir haben, ung nicht hindern ſoll, zu ſein und J 
thun was wir ſollen 


daß wir alles haben ſollen, als passen wir 
es nicht, | ) 


wollen wir als einen heilſamen Rath beherzigen. Auf dreierli 
macht uns der Apoſtel in dieſer Hinſicht aufmerkſam in unferm 
Text, erftlich auf unfere aͤußere Lage in dee Welt, die Ar 
wie wir fie gebrauchen‘ und etwas von ihr ung aneignen, zwei⸗ 
tens auf die abwechfelnden Stimmungen -unferes dr 
müthes, das Meinen und die Freude, und endlich auf die 
verfchiedenen Verbindungen der Liebe, von denen er 
gleichfalls auf Veranlaffung der an ihm gerichteten Frage nur die 
jenige heraushebt, von der ale übrigen unfprünglich abſtammen. 
Auf dieſe Drei Stüffe laßt audy ung jezt unſere Gedanfen richten. 





329 


1: Was zuerſt unfere aͤußere Lage in ber Welt betrifft: 
o ift der Apoftel weit entfernt, die Chriften in eine genußleere 
Sinfamkeit zuruͤkkzuweiſen, oder ihnen einen befizlofen, bebürftigen 
zuſtand zu empfehlen, aus Furcht, fie möchten durch einigen An⸗ 
heil an den Gefchäften und Sorgen der Welt von dem Ewigen 
bgezogen werden. So fehr dies auch leider nicht lange darauf 
n der Ehriftenheit zur Gewohnheit wurde, fo fehr ift «8 ‚body 
en erften Grundſaͤzen alled Glaubens an Gott entgegen. Denn 
er Menfch ift dazu eingefest, daß durch ihn, - indem er die Erde . 
bericht und bildet, das Werk Gottes auf ihr vollendet werde; ) 
nd weit entfernt, daß dieſes Gefehäft etwa nur benen- überlaffen 
Hibe, die von jedem höheren ausgefchloffen find, gehört es viel- 
nehr ganz weſentlich zu dem Ebenbilde Gottes und ift eben das⸗ 
enge, worin jede höhere Eigenfchaft und Tugend des Geiftes 
ih offenbaren fol. Darum fol es audy allgemein feinen Gang 
when, und jeder von uns foll e8 betreiben, wie er eben dazu 
ommen kann. Kaufen und der Welt brauchen follen wir alle, 
ſolen ung aneignen von den Erzeugniffen der Natur, follen was 
fe giebt verfchönernd umbilden durch menfchlichen Fleiß und Kunft, 
ſolen alles todte dem Leben einverleiben, alles geiftlofe der Ver⸗ 
nunft unterwerfen ald Werkzeug und Ausdruff ihres Wefeng. 
Und nicht minder auf die .gefelligen Verhälmiffe der Menfchen 
weiſet er uns an, ohne Die auch fchon jenes Gefchäft- nicht beſte⸗ 
ben und ohne bie wir noch meniger ung felbft beherrfchen und 
bilden kͤnnen. Auch der Zuſammenhang, in welchem wir ſtehen 
mit andern Menſchen durch gegenſeitiges Geben und Empfangen 
von Einſicht, Rath und thaͤtiger Unterſtuͤzung, auch das ehrer⸗ 
hietige und unterwuͤrfige Anſchließen an diejenigen, bie ung. uͤber⸗ 
legen ſind, daß wir an ihrem Urtheil haͤngen, uns von ihnen 
แฟ Geſchaͤft anweiſen und uns darin leiten laſſen, auch das 
ein Brauchen der Welt; auch der Einfluß, den wir uns er 
werden auf andere, denen wir überlegen find, die Achtung die 
Ne ung beweiſen, der gefegmäflige oder freiwillige Gehorfam ben 
fe ung Teiften, Die Leichtigkeit mit: der wir in ihr Gemuͤth ein- 
witken, auch daB ift ein Erwerb und zwar ein ſehr vorzüglicher 
und den. billig niemand wohlfeilen Kaufe erlangt. Wer dies 
(8 verſchmaͤhen und fich aus den Verbindungen mit ber Welt 
moͤglichſt zuruͤkkziehen wollte, der würde fein ‚Leben in demfelben 
aaß von allem guten und fchönen ausleeren; denn eben in die: 
ſen Verhaͤltniſſen muß fich beweiſen die Kraft des göttlichen Sin⸗ 
nes, der 8 einwohnt, eben fie find die. Gelegenheiten, um aus 
dem Herzen voll Liebe alle Tugenden zu entwikkeln. 


“ 


330 


-, Über auch je getreuer wir hierin unſern Beruf erfuͤllen, je 
weniger bei dieſer Thaͤtigkeit weichliche Neigungen ung leiten, oder 
gewaltſame Leidenſchaften uns bewegen, ſondern Vernunft und 
Gehorſam gegen das goͤttliche Geſez allein ung regieren, um deſto 
mehr, ich will nicht ſagen haͤufen ſich die Guͤter der Welt unter 
unſern Händen zu einem üppigen Reichthum, oder verbreitet ſich 
um ung ber ein überftrahlender Glanz, aber doch um deſto fihe 
rer knuͤpft ſich an unfere Pflichterfüllung ein. ſtilles ruhiges Wohl— 
"befinden; wir wohnen uns freundlich. ein unter den Umgebu 
gen, die wir ung nach eigenem Sinn angebildet, Gaben, und dad 
Gefühl geachter zu fein, Einfluß auf das Leben und das Gemüt) 
anderer. zu haben wird uns ein unentbehrlicher Beftandtheil des 
Lebens. Ye mehr num dies als eine natürliche Folge ห ท แค่ 
frommen Sinnes und unferes richtigen Verhaltens erfcheint, | 
"mehr fich die göttliche, des guten fi) annehmende ‚Gerechtigkeit 
darin bewährt, und je länger wir diefe Vorzüge, wie es in dm 
gewöhnlichen. Laufe der Dinge zu gefchehen pflegt, ohne merklicht 
Störung zu genießen haben, um defto leichter kommen mir in 
Verſuchung, fie als dasjenige. anzuſehn, morauf alle gute Gef 
nung und alles richtige Verhalten binausläuft, als dasjenige 
was eigentlich Dadurch: fol erreicht und ausgerichtet werden. Wenn 
dann. die Gewalt göftlicher und natürlicher Geſeze in dem 


ม 


Theile der Gefellfchaft, dem wir angehören, wie dies die menſch 


liche Schwachheit verurfacht, allmaͤhlig abnimmt und fo mil 
daß jener gewöhnliche. Lauf der Dinge, durch welchen das ange 
nehme im allgemeinen unmittelbar mit dem guten verbunden il, 
ſich umfehrt; wenn die immer hierauf gerichteten Bemühungen ให้ 
gottlofen endlich unſere Verhaͤltniſſe auf eine folche Spize ftellen, daß 
wir, um der Uebung des guten, um der Erfüllung des göttlichen Wib 
lens treu zu bleiben, den freundlichen Belohnungen Gottes und din 
wohlerworbenen Früchten des guten auf eine ſchmerzhafte Weife entſa⸗ 
gen müflen: 0 daß wir ung dann nur von jener Täufchung zeitig genug 
befreien! daß wir uns dann nur im erfien bedenklichen Augenblik 
lebendig jener früheren Zeiten-erinnern, wo uns alle Diefe Güter zuerſ 
almählig zu Theil wurden, ohne daß wir fie eigentlich geſucht 
hätten; wo es ung um nichts zu thun war, als mit allen unfen 
- Kräften das Reich Gottes zu fördern und uns treuen und une 
flefften Sinnes in bemfelben zu erhalten; wo wir eben badje 
nige, was wir jest in Verfuchung find auf Koften jener Yelite 
bungen fefthalten zu wollen, nur .anfahen als das nebenbei und 
zugefallene, wonach wir nicht getrachtet -hatten es gu erlangen 
und. auch nie ein eigenes Gefchäft daraus machen wuͤrden «8 zu 








331 


ewahren; wo ung nichts Irbifches als ein feſter Beſiz erfchten, 
ondern wir in ber richtigen Stimmung waren, dem natürlichen 
Bechfel menfchlicher Dinge, mochte er nun ung, oder andere tref⸗ 
en, rubig zugufehen; wo mwir immer fcharfen Blikkes umherfchaus 
en, wie mir wol der Welt gebrauchen Eönnten um gutes zu 
haffen, aber das reine Herz frei war von jeder, auch der leifes 
In Antwandlung von Mißbrauch! Gelingt e8 ung nicht, diefe 
Berfaffung unferes Gemürhes berzuftellen, fobald es darauf ans 
kommt, daß mir die Tüchtigfeit unferer Gefinnung und die Freis 
yit unferes Geiftes bewähren follen; gelingt e8 ung nicht, fo 
Derr zu fein über, alles aͤußere, daß mir leicht verfchmerzen, was 
mit der Treue gegen das eigentliche Geſez unfered Lebens nicht 3 
befieht: อ ด ท ท trifft ung auch alled, was je die Schrift, was je 

das Gewiffen den treulofen hartes androht. Nicht nur diejenigen 
find ausgefchloffen aus der innigften Gemeinſchaft mit Gott und 1 
Ehrifto, welche fogar, wenn fie zum Gaftmahl des geiftigen Le 
bens eingeladen find — zu jener herrlichen und fröhlichen Feier 
der göttlichen Güte, wo mit der Uebung des guten, mit dem Er- 
weis frommer Gefinnung auch der Genuß eines ungeftörten Frie⸗ 
dens und’ ber ausgefuchteften Güter des Lebens fich verbindet — 
nicht nur welche dann Entfchuldigungen machen und vorsiehn, 
fc) mit irdifchen Dingen zu befchäftigen und an niederen Genuͤſ⸗ 
fen ſich zu ergoͤzen: fondern auch diejenigen haben nichts beffereg 
iu erwarten, welche daflelbige thun, wenn ein anderer, nicht fo 

erfreulicher Ruf Gottes an fie gelangt, wenn fie aufgefordert 
werden, Opfer nieberzulegen auf dem Altare bes Heren, um et 
was beizutragen zum ‚Heile der Welt und fi unter feinen Fah⸗ 
nen als rüftige Streiter gegen die Gewalt des böfen allen Ges 
fahren, die es anhäufen kann, bloß zu fielen. Dann nicht er- 
(Heinen wollen, entweder weil man feft hängt an irbifchen Guͤ⸗ 
tm und Befisungen,. fei ed auch nicht Bloß um fie zu genießen, 
fondern vielmehr um fie ๕ 8 Werkzeuge für das gute zu gebraus 
chen, welches ja aber felbft gefährdet ift von der hereinbrechen 
den Gewalt; oder weil man undankbar. verfchmähen und wegwer⸗ 
ſen müßte, was man als göttliche Belohnung für bewieſene Treue 
forgfältig beivapren und den Augen der Welt barfiellen follte; 
der weil man preisgeben und aufopfern müßte die Ruhe, den 
Wohlſtand, welche die unentbehrliche Grundlage bilden zu jeder 
Jaͤtigkeit, die wir ale den ordentlichen Beruf Gottes anzufehen 
haben: dag, meine Freunde, heißt nicht nur zu ſchwerfaͤllig und 

ernſtlich was ung Gott erfreuliches zugetheilt hat befigen, recht 
8 waͤren wir nur auf dieſen DBefiz ausgegangen, ſondern es 


332 

heißt ſelbſt beſeſſen werden von den Guͤtern dieſer Welt, กิ | in 
unwuͤrdige Bande verftriffen laſſen mit feinen höheren Kräften, 
ſich freiwillig in die Knechtfchaft ber Dinge begeben. Das heikt 
nicht mehr die Welt brauchen, fo fehr auch der Anfchein da iſt 
als hielten wir alles nur deshalb.fo fell, um es zur Ehre Got 
tes zu benuzen; fondern es heißt fie mißbrauchen, weil «8 tin 
Gebrauch ift, der beides, den, der er ihn macht, und dasjenige, wovon 
er gemacht wird, auf gleiche Weiſe zerſtoͤrt. Denn, meine Freunde, 
wer von ben göttlichen Gefegen fich entfernt; wer auf die Auffot⸗ 
' derungen Gottes — wie außerorbentlich fie auch unter außerordent 
lichen Umftänden fein mögen, das Gewiſſen wird fie immer bs 
ſtimmt genug unterfcheiden — nicht hört; wer nicht die Ca 
der Wahrheit, 568 Nechtes, ded Glaubens, der Ordnung um je 
den Preis vertheidigen will: der nimmt ja den Guͤtern des Le— 
bens, von denen er zu feigherzig ift fich rennen zu wollen, da& 
jenige, was ihnen allein Sicherheit und Beſtand neben Fam. 
Abgefondert von jenem fi find-fie nichts, als der Schein ohne Wahr 
. beit, die Schale ohne Kern, das immer .vergängliche und fluͤch 
tige, ohne irgend ein beftehendes und ewiges, nichts ale dad Wr 
fen diefer Welt, welches vergeht; und mer daran fich feſtzuhab 
ten meint, vergehet mit und ift, wie ficher er auch geſtellt fchein, 
der unftätefte Flüchtling, folgend mit feinem ganzen Dafein der 
Vergänglichkeit der Dinge, mit umhergeworfen von den ป ห นะ 
Eelungen, die wir Zufall nennen, nichts in fich tragend ala die 
unficheren, mwechfelnden, immer wieder verfchwindenden Eindrüfft 
welche der Spiegel find von dem, mas er unglüfklich genug ก 
zu fehr gu lieben. Aber wer das vergängliche dahin giebt und 
feine Luft hat an den ewigen Gefegen des Herrn, wer ſich en 
äußert und mit dein geht, welcher oft „nicht hatte wo er fein 
Haupt hinlegte, der allein hat eine bleibende Stätte in den Woh⸗ 
nungen Gottes, der allein ift wahrhaft Herr auf: der Erde, ber 
allein bleibt gewiß immer ein wuͤrdiger Verwalter göttlicher &% 
ben, und niemand kann das anvertraute Gut aus feinen Hin 
den reißen. 








III. Zweitens aber auch in Abſicht auf dasjenige, was eben 
jener Wechſel der Ereigniffe, jene Mannigfaltigkeit der menſchli⸗ 
chen Verhaͤltniſſe innerlich auch wechſelndes in uns wirkt, in Ab⸗ 
ſicht auf die verfchiedenen Stimmungen des Gemuͤthes 
nemilich ift der Apoſtel Eeinesweges gefonnen, ung jene Empfir 
dungsloſigkeit zu_gebieten, welche fonft wol von vielen für einen 

Vorzug iſt gehalten worden. Mein, wir follen vielmehr alles 


333 


mpfinden; Freude und Weinen als die aͤußerſten Graͤnzen menſch⸗ 

icher Gefuͤhle ſtellt der Apoſtel auf und giebt ſie uns frei, ohn⸗ 
teitig alles dazwiſchen liegende mit darunter begreifend. Nur 
zaß wir ung freuen ſollen, als freuten wir ung nicht, und weis 
un, als weineten wir nicht; nur daß von den nachtheiligen Fol⸗ 
vn, welche beiberlei Gemuͤthsbewegung - hervorzubringen ‚pflegt, 
ichts an, und fol zu merken fein. Der Unterfchied aber, wel⸗ 
der in diefee Beziehung flatt findet zwifchen denen, an welchen 
er Rath des Apoſtels in Erfüllung geht, und denen, welche fich 
von den. traurigen oder frendigen Bewegungen ihres Gemüthes 
fortreißen laſſen, liegt weniger, wie man gewöhnlich glaubt, in 
dem Maaß der Empfindungen, daß nur alles minder ſtark und 
bervortretend fein müffe in der Seele deg gottfeligen, als vielmehr in 
der gang verfchiedenen Art derfelben. Schon wozu der Apoftel an 

ner andern Stelle‘ ermahnt, daß wir meinen follen mit den 
weinenden und‘ ung freuen mit den fröhlichen, find Empfindun- 
gen, die nicht erft bedürfen gemäßiget zu werben, fondern von 
denen fchon ihrer Natur nach gilt, daß die zerſtreuenden Wirkun- 
gen einer bloß irdifchen und felbftfüchtigen Sreude und die ſchwaͤ⸗ 
enden eier eben folchen Traurigkeit nicht daraus entftehen Eön- 
nen. Und wenn jemand fpisfindig zweifelhaft fragen wollte, two: 
tin doch der Unterfchied gegruͤndet fein Eönne, den man zu machen 
pflegt, daß nemlich Freude und Leid über daffelbige, wenn es 
andern begegnet ift, empfunden, etwas ebleres fein folle, als 
wenn es ung felbft getroffen hat: fo müßte ſchon dieſe Antwort 
hinreihen, daß nemlich Mitleiden und Mitfreude Empfindungen 
ind, die nothiwendig und natuͤrlich ihr Maaß in fich felbft haben, 
Nie, außer in einem krankhaften Zuftande, der aber nicht, ihr eig: 
nes Werk iſt, zu Feiner Ausfchweifung, zu Feiner Lähmung ver⸗ 
anlaſſen können, die ung dag Bewußtſein des beften und edelften 
in unferer Natur niemals verlieren laffen. Noch mehr aber gilt, _ 
(don an fich und nicht etwa erft durch eine gewiſſe Maͤßigung, 
dasjenige, was der Apoftel durch feinen Rath erreichen möchte, 
von jener Freude am Heren, zu welcher er felbft uns anderwaͤrts 
aufmuntert, von jener göttlichen Traurigkeit, welche er derfelben - 
Öemeine, an die unfere Tertesworte gerichtet find, in feinem 
Weiten Briefe anpreifet. Wer von ung, meine Freunde, Fönnte 
wol unbekannt fein mit der göttlichen Traurigkeit, welche. nur zur 
Geligfeit betruͤbt, mit dem Scherz über die Gewalt, welche bie 
1006 Natur. noch ausübt in unferm Leben? und ‘wer fie kennt, 
der muß auch: mwiffen, daß fie nie gu groß fein kann. Sie iſt, 
tie das erfie, fo auch das immer erneuerte und mächtiger bil: 





334 


dende Eintreten des göttlichen Geiftes in uns, und mit ihr zu 
gleich ift ung alfo auch dag über jene rohe Natur ung erhebende 
Gefühl, die göttlich belebende anfrechthaltende Kraft gegeben, und 
daher in der Traurigkeit felbft fchon das Vorgefuͤhl der größeren 
Seligkeit, welche nothwendig ihre Srucht fein muß. Darum je 
reisbarer wir find für diefe Traurigkeit, je. mehr ſchon Eleine Ab 
mweichungen und Verſehen fie in ung hervorrufen, nicht deſt 
ſchwaͤcher find wir und unglüfflicher, fondern defto feliger. und 
ftärker und — ๕ 8 weineten wir nicht oder müßten die Hänk 
‚ringen und die Thränen trokknen — nur defto. bereiter, aufs new 
in den Kampf zu gehn und in Verfuchungen und Anſtrengungen 
aller Art ung eingutauchen. Eben fo nun ift 68 auch mit be 
Freude am Herrn. Wenn wir Sort erkennen in feinen Werken 
und Wegen, gleichviel ob im großen, oder im Eleinen die ewige 
unendliche Kraft, die alles vereinigende. unerfchöpfliche Liebe ſich 
ung offenbart; wenn wir in Diefem Gebiete Elarer fehen, ย ย 
uns dunfel war, und die fcheinbaren Widerfprüche in der Natır 
und dem Zufammenhang der Dinge fich löfen; ja auch nur wem 
ſich uns, was wir fchon im allgemeinen erkannt hatten von göft 
licher Macht und Liebe, im einzelnen aufs neue beftätigend und 
belebend wiederholt: wird dann nicht das Innigfte Verlangen un 
ferer Seele geſtillt? iſt das wicht eben die Thätigfeit des wahren 
Lebens, welches allein diefen Namen verdient? muß nicht beim 
Bewußittſein in ung Luft und Sreude fein? und eine Freude, von 
der wol niemand, der auch) nur eine Vorftellung von ihr fallen 
kann, glauben darf, fie Fünne jemals ausarten in irgend frevels 
den Uebermuth, es koͤnne je aus ihr entfprießen ein leidenſchaft 
liches Wefen, fie koͤnne fich je äußern wollen in einer Vernach 
läffigung deffen, was ung zu thun- obliggt. 

Wenn alfo die Bewegungen unſeres Gemütheg immer mt 
mären dieſe Freude am Herrn und dieſe göttliche Traurigkeit, dann 
würde ficher der Rath des Apoſtels in und ausgeführt. Und 
diefe Forderung ift in der That nichts überfpanntes, tie fie auch 
dem nicht fo’ kann gefchienen haben, welcher ung aufmunten, 
allewege uns zu freuen am Herm. Es mag wol fein, bi 
wir diefe Freude am innigften empfinden, wenn wir frei von ale 
weltlichen Sorgen und Gefchäften, in abgegogener Stille di 
Höchften entweder in dem Leben der Natur quffuchen, oder in 
der großen Regierung der menfchlichen Angelegenheiten ihn tab 
ten fehn, oder dankbar gerührt in der Leitung unſeres eigenen 
Lebens feine Güte erkennen; 68 mag fein, daß auch die goͤttliche 
Traurigkeit am ungeftörteften und reinften gedeiht, wenn mir in 











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“335 


ndächtiger Einſamkeit in die Tiefen bes menfchlichen Herzens / 
ineinbliffen und die Abweichungen unferes Lebens ung ย 0 เปิ ด โด ร 

m: aber. fehr gering wuͤrde der die Macht und den Einfluß der 
zottſeligkeit fehägen, voelcher glaubte, daß beide Empfindungen 
ur auf Einfamfeit und. Stille befchränft wären. Nein, meine 
reunde, was uns auch mitten im Gefümmel der Welt berwege, - 
ann und irgend eine Luft kommen, die nicht aus den Anordnun⸗ 
en Gottes hervorginge und eine Ausftrömung waͤre der goͤttli⸗ 
hen Liebe? kann ung irgend ein Leid treffen, was nicht den finnigen 
Renfchen zuruffführte auf bie Quellen alles Leides, den ungoͤtt⸗ 
dien Sinn und: das thoͤrichte Mefen der Menfchen? Je mehr 
vit nun bei jeder Luft, von der perſoͤnlichen Begünftigung hin: 
vegſehend, an die göftlichen Einrichtungen ung halten, aus de 
in fie hervorgeht; je mehr wir hiedurch lernen ung am wahren 
wien erfreuen, wenn ihm auch die anmuthig bewegende äußere 
ชิต ใน [6 abgeht; Eurs je mehr wir in allem das Reich Gottes und 
die Kraft der Natur lieben: defto mehr geftalten fich alle unfere 
sreuden in Die Sreude am Herrn; befto reiner und andächtiger 
twerden alle unfere heiteren Bewegungen, defto genauer geſondert 
von allem unmärdigen, ‚von jedem Keim Fünffiger Neue. O mer 
auf deſer Stufe fteht oder. je geftanden hat, wie es denn in je 
dem Lehen Zeiten giebt, die -vor andern fchön find und hei- 
lg, ja wer auch nur mit Kenntniß und Gefühl folche Menfchen 
beobachten Eonnte: auch der ſchon muß inne geworben fein, wie - 
die Freude am Herrn in jeder nur nicht fchon an fich firafbaren 
Freude enthalten fein kann und wie fie dann jede heiliget, felbft 
(พ ไต 6 Freuden, Die für ein minder geläuterted Gemuͤth ſchon 
nicht felten an der Gränze der Schuld fiehen! Und eben fo, je . 
teuer und Eindlicher jedes Uebel, das ung drüffen kann, ung auf 
die Betrachtung der Sünde zuräffführt, je mehr wir, wie es ſich 
ziemt, das Gefühl des ganzen in ung fragen, um die verurſa⸗ 
chende Sünde, wenn fie auch nicht perfönlich ung felbft einwohnt, 
dennoch inne แน werben: befto mehr verwandelt fich fogar unfer 
Weinen. mit den weinenden in jene göftliche Traurigkeit, daß mir 
auch für andere und mit ihnen Eeinen Schmerz fühlen, als nur 
um die Sünde und dag ſittliche Elend. Werden wir dann nicht 
ſedes Leid, in welchem ſeiner Natur nach nichts ſein kann von 
dieſem goͤttlichen Schmerz, auch austilgen fuͤr uns und gar nicht 
als ein ſolches anerkennen wollen, immer mehr uns befeſtigend 
in der Lebensregel, daß wo der Schmerz uͤber die Suͤnde nicht 
hervortritt, da die Freude am Herrn ungeſtoͤrt muͤſſe walten koͤn⸗ 
nen, ſo daß kein bloß irdiſches Leid uns jemals uͤberwaͤltigen 


336 


wird, weder durch nieberfchlagende Wirkungen, noch ย ิ น เค ์ ) Auf, 
regung zu verberblichen Leidenfchaften, fondern gegenüber der 
. Sreude am Herrn und nichts anders übrig bleibt um und zu be 
wegen, als eben jener Schmerz über geiftige Schwäche und Elend, 
der fich immer mehr in heilige Wehmuth umgeftalter? Und ย 
wer dieſe je felbft empfunden, mer mit andächtigem Auge Chi: 
fium - betrachtet hat, wie er in den gefahrvollfien Augenbliften 
mir von ihr ergriffen war; wem es nicht enfgangen iſt, wie chen 
fie alle Helden des Glaubens befeelt hat: der weiß auch, daß ſie 
fo wenig ausfchweifendeg und wildes bei ſich führt, als ſchwi 
. chendes und aufloͤſendes, daß fie nie dahin führen. โด ย ย , meh 
in Verzweiflung die heiligen Schranken der Pflicht zu uͤberſptin 
gen, noch feigherzig feinen Beruf aufzugeben. 

Ohne Zweifel alfo ift e8 möglich, wir koͤnnen es dahin 
bringen, dag wir in allem, was ung erfreuliches begegnet, nut 
die Freude am Herrn fühlen und Feine andere, und in allem ใต ้ 
nur die göttliche Traurigkeit, welche über die Sünde meint und 
keine andere; und eben fo gewiß find wir dann folche, die fd 
freuen, als freueten fie fich nicht, und weinen, als weineten fi je 
wicht. Denn nichts von dem zeigt fich dabei in ung, mag die 
Sreude und die Traurigkeit der Kinder diefer Welt zu begleiten 
pflegt; und darum halten auch diefe ung nicht für fröhliche oder 
weinende, da fie feinen Sinn haben für ſo ſtille Teidenfchaftleie 
Gefühle. Aber damit wir ung dem wirklich nähern, was mög! 
lich ift, bedürfen wir gar .fehr eines ermunternden und waren 
den Zurufes, wie. der Apoftel ihn bier an ung ergehen laͤßt! 
Denn wenn es wahr iſt, wie es denn wirklich iſt, daß das Va— 
derben, welches wir, betrauern ſollen, ſich uns am deutlichſten 
offenbart an den verſchiedenen Arten des Unheils, welche auch 
denen, die von der goͤttlichen Traurigkeit nichts wiſſen, Schmen 
verurſachen, und am meiſten durch das allerſchmerzlichſte, พ 
Schaam; wenn e8 wahr ift, dag Erkenntniß und Gefuͤhl von 
6 ๐ fih dam am lebhafteſten äußern und am merklichſten 
die Oberhand gewinnen, wenn Bedenklichkeiten, die ung entge 
gentraten, verfchtwinden, wenn trübes, das ung umgab, fih auf 
heilt, Eurg wenn irgenbiwo in unfern Angelegenheiten etwas er⸗ 
freuliches und. heilbringendes für ung fich ereignet: wie ſollten 
wir-deshalb, wenn wir auch noch keine demüthigenden Erfahrungen 
vor ung haben, billig beforgt fein, daß nicht in Freude und Bid 
ſich unfer Herz unvermerkt mehr auf das irdifche und finnlict 
lenke, welches doch nur die Hülle jenes geiftigen und hinnmlilhen 
fein fol! daß wir nicht, von der füchtigen Gegentvart, von dem | 


337 


ſtaͤrkeren Eindrukt fortgeriſſen, in guten Tagen mehr ซา 
über die Sicherftellung unferes Wohlftandes und die Erheiterung 
unferer Zukunft, mehr eitel. über die Achtung, die ung wider 
fährt, über den Einfluß, den wir ausüben, mehr finnlich über 
die hinfällige - ung aufgehende Luft, uber die ungeftörte Bewe⸗ 
gung unferes Lebens, als fromm über die allgemeine Wohlthaͤ⸗ 
tigkeit der göttlichen Anordnungen ung erfreuen; und ſo auch in 
böfen Tagen weniger bie Sünde felbft und. die züchfigende Hand 
Gottes fühlen, als nur an und für fich die üblen Folgen derfelben, 
die unfer Eeben betreffen, fchmerzlich empfinden. Je mehr wir 
und dies hingehn laſſen, defto näher. gefellen wir ung zur- Luft 
und zum Leide der irdifchgefinnten, deſto leichter werden mir mit 
bingeriffen werden zu ihrer Art ihr Gefühl-zu äußern, die ſchon 
an fih die Duelle vieler Zerrüttungen und Vergehungen ift und | 
bei welcher noch mehr die Empfänglichkeit für jene höheren Ge 
genftände der Luft und des Leides fich verlieren muß. Haben 
wir aber Feine Sreude mehr am Herrn, woher fol der kindliche 
Gehorſam Eommen? fühlen wir Feine göttliche Traurigkeit mehr, 
woher die Schen vor der Sünde? O daß ja nicht irdifche Freude 
uns ย อ ก dem ſtrengen Ernft frommer Tugend entwöhne! daß ja 
nicht finnliche Zerftreuung und den Geſchmakk benehme an ans 
daͤchtigem Inſichkehren! daß ja nicht irdifche Thraͤnen unfer Auge 
umduͤſſern und wir dann weder des heiteren Himmeld ung er 
freuen, "noch den fchmalen Weg vor uns deutlich und beſtimmt 
erblikken koͤnnen und mir ſo, allmaͤhlig allem was und fonft das 
theuerſte war entfremdet, von unreinen Gemüthsbewegungen bes 
berrfcht, mit den Kindern dieſer Welt muthlog fcehmachten lernen 
im Leide und ſtuͤrmiſch freveln in der Luft! Darum laßt ung 
immer mehr dem Wahlfpruch folgen, Alles was ihr thut, thut | 
jur Ehre Gottes! laßt ung immer mehr von ung thun -alleg, 
was nicht fchön ift und nicht fromm. And wenn mir auch ba, 
wo es darauf ankommt, unmittelbar mit Chrifto zu leiden, des 
Zuruſes nicht bedürfen, Wachet und. betet, fo wird er ung gewiß 
nöthig fein, fo oft wir mit dem großen Haufen der Menfchen 
tin und daffelbe erſchuͤtternde Loos zu theilen haben. Ermattens 
der Schlaf oder wilder Rauſch wird fich" aller bemächtigen, Die | 
ſich nicht ftärfen und reinigen durch Gebet um nicht in Anfech- 
tung zu fallen; im thörichter Sreude und unheiligem Schmerz 
— ſie ſich um die Kraft betruͤgen / mit der fie thaͤtig ſein 
ollen. 

I. ใน demſelbigen Sinne erwaͤhnt der Apoſtel noch, und 
zwar indem ๓ bie urſprunglichne und heiligſte von allen zum 

9 


๑ 


335 


-@ ฝ ที ทศ wählt, bie Verbindungen der Liebe, im denen wir 
mit andern ftehen, als etwas das wir haben follen, als hätten 
wir es nicht. 
| Hhnftreitig wird in‘ gewoͤhnlichen Zeiten kein Seil unferes 
apoftolifchen Rathes fo wenig begriffen als dieſer. Mer zählt 
es da nicht zu den größten Gütern des Lebens, in jener innig 

ſten und heiligen ‚Verbindung zu ftehen, durch ๒ ๕ 6 [โต้ ) 

häuslicher Kreis bildet! oder wen find nicht wenigſtens feine 
füßeften Freuden die, welche in einem folchen genoſſen werden! 

Yufgemuntert wird von allen Seiten jeder,. der eine fefte Stell 
im bürgerlichen Leben gefunden hat, daß-er doch je eher je li 
ber im dieſen freudenreichen Stand treten möge, und bedauert 
wird jeder oder befchuldigt, dem dringende Umſtaͤnde den Eintritt 
in denfelben verfagten,: oder der vielleicht thörichter Weile nm 
kleinerer Befriedigungen willen diefe größte unter allen fic) mt 
zogen hat. Ja gleich auf diefe Rechnung werden gefchrieben al 
lerlei Abweichungen, wenn derjenige, der. fie fich zu Schulden 
fommen ließ, 68 verfäumt hat, ſich auf diefe Weiſe eine Haltun 
für fein. ganzes fittliches Leben. zu verfchaffen. Aber in Zeiten 

wie die gegenwärtigen, wie oft hören wir, und nicht von ben 
ſchlechteſten, gang das umgekehrte, gluͤkklich denjenigen preiſen, 

von dem nicht mehrere fo unmittelbar abhängen mit ihrer I 

tigkeit, an den nicht mehrere gewohnt find ſich zu halten in ihren 

Beduͤrfniſſen, gluͤkklich den, der nicht für eine geliebte Gattin 1 
forgen hat und für hoffnungsvolle Kinder. Und weil es nicht 
die fchlechteften find, die fo Hagen, fo haben fie auch nicht bloß 
die Schwierigkeit im Sinne, in .bedrängten- Zeiten unfern ange 
hörigen die gewohnten Bequemlichkeiten und Lebensgenüfle ji 

verſchaffen; fondern dag find ihre Beforgniffe, daß derjenige, dem 

8 eine füße Gewoͤhnung ift den feinigen Freude zu machen, leid’ 
ter durch den langfamen, allmählig zunehmenden Drukk der Um— 

ſttaͤnde muͤrbe gemacht werde und erſchuͤttert in feinem feſten Sinn, 

wenn ihn .]6 länger je mehr die Nothiwendigkeit drängt fie den 

- allen Seiten zu befchränfen, fo daß er am Ende nichts lieber 
mänfchen werde, als daß nur dieſer Drukk ein Ende getvinn 
am jeden Preis, und zulezt wol gar geneigt zu thun und zu kb 
den was nicht Recht iſt, um nur dies Ende herbeiuführen; das 
fürchten fie, daß derjenige, der mehr auf das Spiel zu ſezen bat 
als fein 'eignes Dafein, der, wenn irgend ein Schikffal ihn de 
hinrafft, für feine geliebteſten fürchten muß und niemanden zu⸗ 
ruͤkklaͤßt, welcher feine Stelle bei ihnen vertreten Eönnte, daß 
ber auch weniger entfchloffen fein wird, ผิ ต์) dem übermächtigen 








339 


Srevel entgegenzuftellen, weniger geneigt; dem Waterlande, wo 
8 feiner bedarf, mit gänzlicher Hingebung feiner felbft zu dienen. 
ein, kann dag wol natürlich fein und der göttlichen Ordnung 
der Dinge gemäß, daß der Menfch, wenn er ſchon viel gutes 
und fchönes entbehrt, auch das fchönfte und freudenreichfte lieber 
wuͤnſchen ſoll nicht zu befigen? und dürfen wir das böfe für fo 
gewaltig und gleichfam anfteffend halten, daß es, zu einiger Herr⸗ 
(haft gelangt, auch das gute und ſonſt am.meiften heilbringende 
in ein gefahrvolles Uebel vertvandeln koͤnne? Gewiß find aud) 
diefe Beforgniffe oft nur ein irriges Mißtranen, ohne weiteren ว 
Grund, -ald daß den Frauen, den Kindern und überhaupt den 
mehr im Hausweſen eingefchloffenen die gemeinfame Noth und 
Gefahr minder ins Auge faͤllt und fie alfo, mit den Urfachen. der 
Beſchraͤnkungen, mit dem Preife der Aufopferungen minder bes 
fannt, fich eher ‚Dagegen auflehnen möchten. Diefe Unbefannt 
(haft aber muß die Liebe durch das Mitgefühl deffen, was in 
andern vorgeht, ergänzen. Wenn es Umftände giebt, unter des 
nen wir unferer innigen Weberzeugung gemäß nicht Freude daran 
haben koͤnnen zu leben, weil fie ung Feine würdigen Gegenflände 
ober Richtungen unferer Thätigkeit, Feine angemeffenen Verhaͤlt⸗ 
nf fuͤr unſer Daſein übrig laſſen: ſollen wir glauben, daß die⸗ 
jenigen, die uns lieben und uns alſo auch kennen muͤſſen, uns, 
von perſoͤnlichen Ruͤkkſichten getrieben, hindern ſollten, das, was 
ohnedies ſeinen Werth und ſeine Bedeutung ſchon verloren hat, 
daran zu ſezen, um das wichtigere und herrlichere wieder zu ge⸗ 
winnen? wenn wir ſelbſt wegen wichtigerer Sorgen das Gefuͤhl 
für kleinere Entbehrungen verloren haben: ſollen wir glauben, 
daß die naͤchſten unſrigen mit verwoͤhntem Sinn immer nur an 
den gewohnten Befriedigungen haͤngen? muͤſſen ſie nicht, wenn 
fie ung อ ด 8 wirklich find, mas fie fein ſollen, entweder mit kla⸗ 
rer Einficht und vollem Berwußtfein an allem, was ung das wich⸗ 
tigfte iſt, ſo theilnehmen, daß fie unmoͤglich wollen koͤnnen, wir 
folten e8 um geringer irdiſcher Dinge willen aufgeben, oder durch 
die Kraft des liebenden Gemüthes fo innig mit ung vereiniget 
fein, daß fie fühlen, es müßte ihnen felbft durch. die. Dämpfung 
unfered Geiſtes, durch die unvermeidlich) nachfolgende Unzufrieden: 
heit mit ung ſelbſt dag härtefte Uebelbefinden ermachfen? 
Wenn die Liebe auf dieſer Stufe der Vollendung flcht, 
meine Freunde, wenn ung von 56 heiligen Wege unferer Pflicht 
nie eine ſolche Schonung auch nicht gegen das geliebteſte Weſen 
abführt, wie verweichlichte Liebe und eitle Zärtlichkeit fie andern 
eingeben: dann find wir in den Augen ber Fi folche, die Weis 
Fe 2 


340 : 


ber haben als haͤtten ſie keine; wir aber und die unſrigen wiſſen 


es beſſer, daß wir uns gegenſeitig auf die allerinnigſte Weiſe ha⸗ 
ben und beſizen, immer in Einem Sinne jeder ſo den andern be— 
handelnd, wie dieſer es ſelbſt begehrt. Wenn hingegen in der 
heiligſten Vereinigung der Gemuͤther von irgend einer Seite noch 
Schwachheit nnd Unentſchloſſenheit walten; wenn noch durch ein 


krankhafte Reizbarkeit die Einheit des Willens und des Handelns 


geftört wird; wenn noch eine zu große Anhaͤnglichkeit herrfcht an 
das, mas doch nur das finnliche und Außerliche bleibt: dann 
muß auch auf alle, welche ben andern vorangehn follen mit Kraft 


und Entfchloffenheit, auch auf diejenigen, welchen unmittelbar 


obliegt den Kampf zu beftehen und den gemeinfamen Willen aus: 


“zuführen, die Schwachheit der geliebten ſchwaͤchend wirken, mehr 


als ihre eigene und. um: fo ftärfer, als fie fich Doch verbergen 
will, um ihnen den. Kampf, der mar ein leichter Sieg fein follt, 


. nicht zu erſchweren. Dann entfichen jene bedenklichen Weberlegu 
‚gen, wenn auch nicht, ob das Gut, welches wir zu erringen oder 


= 


zu erhalten ſuchen, der Opfer wol werth fei, doch, ob bie Wahr: 
ſcheinlichkeit des Gelingend das Bleichgewicht halte gegen hi 


Aufopferungen und Leiden; dann fragen wir, ob es wol ausw 
halten wäre, wenn wir ung einft vorwerfen müßten, den แฟ โก 
gen geraubt zu haben, woran ihr Herz hing, fie herausgeriſſen zu 
haben aus einem gluͤkklichen Leben, hingegeben dem bitteren 
Sorgen und Dualen vergeblich und umfonft; dann fcheint es und 
fo wenig auszutragen für das gemeinfame Beftreben, ob auch wir 
hinzukommen mit der treueften Beharrlichkeit, „mit den verläug 
nungsvollſten Anftrengungen, und dagegen fcheint uns um fo viel 


größer, was wir preisgeben und faft ficher verlieren; dann fagen 


wir uns jene Täufchungen vor, daß jedem die feinigen auch di 
nächften wären und daß die nächften Pflichten auch zuerſt muͤßten 
bedacht fein. O meine Freunde, dann ift es Zeit, dag wir und 
ermannen und für ung und die unfrigen zu ung felbft forechen, Was 
Hülfe ง 8 dem Menfchen, wenn er die ganze Welt gewoͤnne und 
lite Schaden am feiner Seele; dann ift e8 Zeit, daß mir anfer 
Herz verſchließen gegen verführerifche Schwachheiten und Win 


The; und wenn twirklich die unfrigen auch nur im innern ihres 


Herzens ung zumuthen konnten, um ihres zeitlichen Wohle wil⸗ 
len unfern Beruf zu vernachläffigen und.der Stimme unfered ย 
wiſſens nicht überall zu folgen, fo iſt es dann Zeit für ung, in 
der That Weiber zu haben und Kinder und Freunde als hätten 
wir Feine, und feft darauf zu beharren, Daß wir nur Diejenigen 











241. 
mit Chriſto für die unfrigen halten dürfen, die in gleicher Treue 
zu gleichen Zwekken mit ung unter ihm verbunden bleiben. 

Das Verfahren, welches hieraus entſteht, wird oft für hart. 
verfchrieen werben von der Welt, weil e8 eben dem Verfahren, 
jener weichlichen Liebe entgegengefezt iſt, welche mur ein Wieder 
(Hein iſt ย อ น -fräflicher Selbftliebe und welche die Welt, Feiner 
größeren Tugend fähig, als eine fromme und edle Gefinnung 
vergeblich geltend zu machen fucht;- — indeffen dies fol ung nicht 
re machen, denn in einem dem Sinne Jefu und feinem Beifpiel, 
gemäßen Leben erfcheint gar vieles fireng und hart; aber dieſes 
Verfahren kann auch beſſeren, wenn fie für einen Augenblikk die 
tihtige Anficht der Dinge verloren haben, bedenklich erfcheinen 
als ein ſchwer zu fehlichtender Streit einer Liebe gegen Die andere. . 
Dennoch bleibe es dabei; denn es ift ja nichts, als daß wir nur 
Verweichlichung, Seigheit, fträfliche Liebe zur Welt denen, bie. 
wir lichen, eben fo wenig ณ์ 8 ung felbft -geftatten wollen; nichts, 
als daß wir uns und fie losmachen wollen von allem, was bie 
wahre Liebe ftören Eünnte; nichts, als daß wir fie auch wider ihr - 
tn Willen feft halten bei dem, was fie in den fehöneren Augens 
büllen ihres Lebens felbft fühlten und gelobten, und fie in der 
Tat beffer machen, indem wir aus der Vorausſezung handeln, 
daf fie im innerften ihres Herzens doch immer fo und nicht an⸗ 
ders gefinnt geblieben find und noch find: So allein .geben wir 
fe ſich ſelbſt wieder, wenn fie im Begriff find fich zu verlieren; 
ſo allein erhalten wir ihiten und. Denn wenn nun ohnerachtet 
unſerer ungeitigen Schenung dennoch Widermwärtigfeiten eintreten, 
was für Troft und Stärkung, ja auch in befferen Zeiten was für 
Auf und Freude Eönnte ſich wol über fie ausbreiten son ung, 
Wenn wir Boch ung felbft geringfchägen müßten, wenn doch bie 
Vorwuͤrfe in ung nicht fchwiegen, wenn wir doch fühlen müßten, 
daß mit der gebrochenen Treue die Kraft und der Muth des Les 
bend von ung gewichen find. Hier ift alfo Feine Härte, fondern 
Vehlthun; hier’ ift Fein Streit einer Liebe gegen die andere, fon 
dern die hoͤchſte alles vereinigende Liebe; hier iſt keine fehwere - 
Vahl, Keine bedenkliche Entfcheidung, ſondern die dinfachſte und 
treueſte Befolgung jenes. heiligften Grundgeſezes, Gott zu lieben 
über alles und auch die nächften unferem Herzen nur als uns. 
ſelbſt; uns nur, inwiefern wir wahre Buͤrger ſeines Reiches und 
Unterthanen ſeines Sohnes find, und fo auch กิ 6 nur; ung nur 
mit jener Liebe, welche eines ift mit der Liebe zu Gott, zur Wahr⸗ 


beit, zum Recht, und fo auch fie แน ะ . 


342 


Wir fehen alfo, meine Freunde, der Rath bed Apoftels in 
feinem ganzen Umfange empfiehlt nichts anderes als bie Gefin 
nung, ohne welche nichts großes und fchönes unter den Men 
fchen gedeihen kann und die wir an allen heldenmuͤthigen Seelen 
- aller Zeiten und Völker bewundern; die Gefinnung, ohne welche 
befonderd. auch die Segnungen des Chriftentbums nicht hätten 
fönnen verbreitet werden, und die fich daher auch fo ก ิ ด น ์ in dem 


Erlöfer felbft und in allen, bie ihm am treueften gedient haben, 
ausprägt. Es ift gewiß heilfam und nöthig, ſie jegt in ihrem. 


wahren Licht und in ihrer liebenswuͤrdigen Größe darzuftellen und 
ung recht in ihr zu befefligen. Was verloren ift für ung, fan 
nur wiedergewonnen werden durch diefen Sinn; was noch übrig 
ift und in Gefahr fchwebt, kann nur erhalten werden durch ihn, 
Ja wer die Zeichen der Zeit verfteht, dem wird egs- nicht une: 
wartet fein, ‚wenn bald an ung alle für alles, was ung wert 
it, diefe Aufforderung an ung ergeht, felbft für die heilige Sadı 
der Gewiſſensfreiheit und des Glaubens. Wolan denn laßt und 
waffer fein und ſtark! Mögen alle; die für eine gemeinfame 


Sache eifrig bemüht, ale, die einander ‚perfönlich werth find, fih 


auch unter einander ermuntern und Eräftigen, einer bei dem ar 
dern entgegenarbeiten allem weichlichen Wefen, aller serführer: 
ſchen Anhänglichkeit, damit das Band der Liebe in Wahrheit fi 
ein Band der Vollkommenheit und fie ung ftärfe, in den Kam 
für alles fchöne und gute nachzufolgen dem Anfänger und Volker 
der unferes Glaubens, der, mie ihm felbft Eein anderer bereit 
war, auch uns Eeinen andern Eingang verheißen bat, als dm 
durch Leiden und Trübfal, in das Keich Gottes, _ 








343 


Al, 


Von der Beharrlichfeit gegen das und be- 
! draͤngende boͤſe. 


Dis Leben des Ehriften, welcher, indem er dem Beifpiel und 
tet Aufforderung feines Erlöfers folgt, in ſich dag Ebenbild Got- 
tes je länger je mehr herftellen und außer ſich nach beſtem Ge⸗ 
wiſſen das Werk Gortes fördern will, wird uns von allen Seiten 
dargeftellt ๕ [8 ein immerwährender Kampf; und wem von ung, 
meine Freunde, follte nicht feine Erfahrung beftätigen, daß dieſe 
Darftellung richtig iſt. Zwar iſt diefer Kampf nicht dasjenige, 
wobei wir ung, als waͤre es das höchfte, beruhigen follen; zwar 
liegt vor ung ein ungetruͤbtes feliges Leben, in melchem nichts 
als der Friede Gottes und die volle Genüge feines ewigen Nei- 
68 zu finden iſt: allein fo deutlich wir dieſes Leben auch erken⸗ 
hen, fo liegt 68 doch vor ung als ein jezt ungrreichbares Ziel, fo 
gewiß haben wir nur in einzelnen Augenblikken ein Borgefühl 
deſſelben durch die fröftende Gnade des göttlichen Geiftes, das 
game unferes Lebens aber ift und bleibe jenem Kampfe geweiht. 
Der ungeftörten Herrfchaft des Geiſtes in dem Gefchäft unferer 
Stiligung widerſtrebt, wir fühlen e8 faft ununterbrochen, dag nie 
gang gebändigte Herz; und dem guten, welches wir aus dem 
Schaze des ſchon geheiligten Herzens ans Licht zu bringen und 
in gottgefaͤlligen Werfen der Welt darzuſtellen trachten, widerſezt 
ſich die rohe Gewalt, oder Die liſtige Klugheit der Kinder der 
dinſterniß, oder es wird geſtoͤrt und erſtikkt auch durch die zufaͤl⸗ 
ligen, unabſichtlichen Wirkungen ihrer Leidenſchaften und ihres 
ungöttlichen Weſens. ' 





344 | 


Nur daß wir Dies zu fehr als einen zwiefachen Kampf be 
trachten, daß wir zu fehr ald unabhangig von. einander anzufehn 
geneigt find dieſen dußeren Streit und jenen unfichern Zuftand 
unferes eigenen Herzens, darin täufchen wir ung nicht felten. O 
beides hänge nur alu genau zufammen! Je meniger wir auf 
äußeren Widerftand zu achten haben, um deſto genauer koͤnnen 
wir freilich auf ‚jede Bewegung unſeres Gemüthes merfen und 
das unrechte in der Geburt erffiffen: aber auch je weniger noch 
in uns der Geift Gottes allein regiert, um defto leichteres Spid 
haben biejenigen, welche fich von außen unferem Beruf in de 
Welt widerfegen; und auch die größte Gewalt Fönnte, wenn gleih 
ก ิ 6 die guten Wirkungen unferes. Dafeins. und -unferer Thaten für 
bie Welt größtentheil® zerſtoͤren dürfte, ung doch auf unferm ds 
genen Gebiet nicht treffen und ung. nicht hindern, immer fo น 
handeln wie 08 ums felbft genügt, wenn nicht eben durch jene 
feindſeligen Einwirkungen von außen auch die inneren Kräfte dei 
Geiftes gelähmt, auch, was verwerfliches in uns ſelbſt if und 
Antheil hat an irdifchem Sinn, aufgeregt würde, um bie Aus⸗ 
führung des guten zu hintertreiben. Wer dieſen Zufommenhang | 
einfieht, der wird auch gewiß darin einfimmen, das erſte, was 
wis เน thun haben, um fiegreich aus dem Kampf hervorzugehen, 
fei überall, dag wir diefe zuſammenwirkenden feindfeligen Gab 
ten trennen. müffen. Wenn es vorzüglich unfer eigenes Her it 
welches und verfucht, o dann befonders Iaffee ung fliehen unter 
den Schuz der guten, damit nicht Die böfen das Herz noch mehr 
in Aufruhr bringen gegen dag göttliche Geſez und ung nod tie 
fer verfiriffen in die Sünde. In eitter Zeit aber, wo vorzuͤglich 
von außen das böfe fich femme gegen alle, was wir ausführen 
möchten durch unfere innere Kraft; wenn es zerflörend in uniern 
Wirkungskreis eindringe und ung immer eriger und enger bedrangt: 
o dann vor. allen Dingen laßt น ก 8 unfere Aufmerkſamkeit nad 
innen Fehren, dann laßt und unfer Herz rein erhalten und frei 
. und dahin fehen, daß unfere Kraft wenigftens lebendig erhalt 
werde und regfam und unverrüfft auf dasjenige gerichtet bleibt, 
was noth thut. Daß fich num als eine folche Zeit auch die m 
' erkennen giebt, worin wir jet leben, daran bedarf es für unit 
aller Gefühl Eeiner befonderen Erinnerung. Wolan denn! fo M 
“ dag unfere Sorge, daß wir ung felbft wenigſtens unuͤberwindlich 
geigen, Daß wir nicht ermatten auf dem rechten Wege, nod Me 
niger ung ablenken. laffen auf einen falfchen, daß. wir das nie 
mals aufgeben, wodurch, allein unſer Leben einen Werth erhalten 


345 


an. Möge dazu auch unfere jezige อ ค ค พ ล โดน ไง Betrach⸗ 
ung etwas beitragen. 


Text. Hm. 19, 21.. 


Er dich nicht das böfe überwinden, fondern über. 
winde dag boͤſe mit gutem. 


So befchließt der Apoftel eine Reihe von Vorfchriften, 
velche fimmtlich den Zwekk haben, die Chriften zu warnen, daß 
ie durch das feindfelige Betragen der Gegner des Glaubens und 
des guten nicht follten, zu einem ähnlichen verleitet, gleichfalls 
Beleidigungen und Kränkungen vergeltend ausüben. Dies alleg 
fat er nach feiner Gewohnheit noch einmal im allgemeinen zus. 
fommen in den verlefenen Worten, indem er e8 ihnen von der 
Seite darftelle, fie würden .alsdann überwunden fein durch dag. 
böfe, wie denn Dies. allerdings zu dem traurigften gehört in dem 
Zuftande des überwundenen, daß er des Giegers Sitte, Gefes 
md Weife zu loben und anzunehmen genöthiget if. ber wie 
immer dag allgemeine noch weiter geht und mehr umfaßt als die 
beſonderen Fälle, in Beziehung auf welche es vorgetragen wird, 
fo au) hier. Denn überwunden ift auch ‚derjenige, für welchen 
ein. Streit einen folchen Ausgang. nimmt, daß er fich Verbote 
muß auflegen laffen, nicht mehr zu Chun was er fonft that, daß 
er eine- gewohnte, zu feinem- Leben gehörige Thätigkeit aufgeben 
muß; überwunden auch derjenige, welcher wider feinen Willen, 
แ Handlungen gezwungen wird, Die er fonft nicht that; übers 
kunden überhaupt jeder, der aus dem Streite fcheidet mit ge= 
ſchwaͤchter Kraft, unluftig und niedergefchlagen. . In diefem gan⸗ 
im Sinne des Wortes alfo wollen: wir ung nicht überwinden 
laſen von dem böfen und ben Zuruf des Apoftels fo betrachten, 
bie er ung in dem Streite, der ung obliegt, auffordert ‚sur 


Beharrlichkeit gegen das ung bedrängende 
böfe. = 


Wodurch aber erreicht das. boͤſe einen ſolchen Sieg uͤber 
diejenigen, welche das gute lieben und wollen, daß fie oft mif- 
müthig den. großen. Endzwekk ihres Lebens aufgeben? Ich berufe 
no auf eure Erfahrung, 06 es nicht vorzüglich dadurch gefchieht, 
daß das böfe, wenn eg auf und eindringt, theild unfen Muth 
niederſchlaͤgt, theils unſere Beſonnenheit uͤberraſcht, 
theils ung unſere Luſt und Lebensfreude raubt, und daß ei⸗ 


346. 


nes von dieſen muß vorangegangen fein, wenn wir ung follen 
überwunden geben, Wenigſtens follen dies die drei Stuͤkke fein, 
auf welche wir jegt- unfere Aufmerkfamfeit richten. 


I. Zuerſt alfo wollen wir ung hüten, daß das böfe nicht 
unfern Muth niederfchlage. Denn foniel ift gewiß, in dem 
Maaß, als ung der Muth benommen ift, find mir auch über 
wunden; von dem guten, twelches eben die böfen hindern wollen, 
gefchieht dann wenig mehr; die Luft wird aufgehoben durch die 
Furcht, und auch was der muthlofe noch unternimmt, dag ber 
mag er doch nur fo zu führen, daß es unmöglich gelingen kann. 
Sich beforge aber Feinen Mißverftand, wenn ich ung auffober, 
uns unfern Muth nicht fchiwächen zu Taffen. Denn wie wahre 
Muth und thörichte, hartnaͤkkige Tollfühnheit uͤberall in menſch 
lichen Handlungen verfchieden find, wiſſen wir, und fo find fie« 
auch bier. Wer, um irgend etwas geringfügige auszurichten, 
wodurch wenig erreicht wird, alle feine Kräfte und alle feine Zeit 
daran ſezt, nicht bedenkend, daß diefe zu größeren Dingen [6 
ſtimmt find, fondern nur von der eigenliebigen Meinung geleitet, 
als ftehe e8 einem Manne nicht an, mas er einmal begonnen, 
unvollendet zu laſſen, jeder Gefahr trozt und es felbft auf feinen 
Untergang wagt: den rühmen wir nicht feines unuͤberwindlichen 
Muthes wegen, fondern mit Bedauern fchreiben wir ihm nm 
Sinn zu, den feine eigene Vernunft billig ſchon laͤngſt ſollte über 
wunden haben. Eben [อ iſt es auch hier. Wem unter ung ſollte 
es nicht begegnet fein, irgend ein einzelnes Werk unternommen 

su haben, das eben fo ausführbar fchien für unfere Kräfte, als 
wir es loͤblich und rathſam fanden; und doch häuften fich je lin 
ger je mehr unertwartete Schtoierigfeiten, und doch wuchs un 
der MWiderftand von Seiten derer, welche eben dieſes gute nid! 
wollten, über unfere Kräfte hinaus, und nach allen vernünftigen 
Anferengungen Eonnten wir nur enden mit einem entfchiebenen 
Mißlingen. Sei es auch, daß dieſes oft nicht gang ohne unſen 
Schuld erfolgt, daß Verſtand und Geiſtesgegenwart in ber Auf 
führung nicht immer gleich kommen dem guten Willen und de 
ruhigen MWeberlegung beim Entwerfen, daß vielleicht voreiligt 
Freude uͤber einen ſcheinbar guten Fortgang, vielleicht. felbfigefäb 
liges Aufzeigen unferer Verdienfte gefchadet, oder dag bei völlige 
Schuldlofigkeit ย อ ก unferer Seite nur die Uebermacht auf der 
entgegengefezten unfer Vorhaben fcheitern macht: ‚niemand wird 
ung vorwerfen dürfen, es fei Mangel an Muth, ein Unternehmen 
aufzugeben, zu deſſen Unterftügung wir vernuͤnftigerweiſe nicht? 





347 

mehr aufbringen koͤnnen. Wielleicht. waren noch andere Anſtren⸗ 
gungen möglich, aber wenn nur foldhe, die in Bestechung auf Dies 
fen Gegenftand ihre Schifklichkeit werlören und offenbar dem wich: 
figeren und nothwendigeren entzogen würden: dann wird niemand 
fe fordern als einen Beweis des Muthes, oder behaupten wol⸗ 
km, auch unter folchen Bedingungen müfle der Menfch an einen 
tinmal gemachten Entwurf alle feine Kräfte, ja fein Leben felbft 
wagen. Vielmehr waͤre das nur fträfliche Hartnaͤkkigkeit und 
bieße unehrerbietig die Sügungen Gottes überfehen und anmaßend 
Recht haben wollen gegen ihn felbft, wenn der Menfch fich als 
sin verfchmenderifcher Haushalter ermeifen mollte mit dem anver⸗ 
trauten Gut, nur um bagjenige. zu erreichen, wovon nicht undeut⸗ 
lich der Herr felbft zu verſtehen giebt, daß jest wenigſtens noch 
nicht fein Wille fei ed zur Ausführung bringen. - I 

Aber allerdings, meine chriſtlichen Freunde, giebt es ande⸗ 
8, was ung ſo übertragen iſt und anbefohlen von Gott, daß 
und auf Feine Weiſe irgend etwas dahin bringen darf, davon ab» 
mlafen, und daß es nichts. giebt, was wir fchonen dürften und 
icht vielmehr mit Freuden daran ſezen müßten. Und wol ung, 
ใน es für jeden ein fo heiliges Beſizthum, einen fo.beftimme ihm 
andertrauten Kreis giebt und wir nicht mit allen unfern Kräften 
immerdar herumirren muͤſſen aufs gerathewohl. So ift einem 
jeden übertragen, zu. wachen über die Neinheit feines Herzens und 
die Heiligkeit feines Lebens. Hier fei ung Feine Anftrengung fo 
groß, vor der wir muthlos die Hände finkfen ließen, Eeine Gefahr 
ſo dringend, daß wir entfliehen wollten, Eeine Ausſicht fo ficher 
af immer wachſende Verführung oder auf immer fleigende Noth, 
daf wir dachten, Unterliegen fei doch nicht zu vermeiden in Dies 
fm Fall und alfo fei es beffer, fich überwunden geben, fo lange 
hoch am meiften Dadurch zu retten fei and zu gewinnen! - Denn. 
was kann der Menfch wol gewinnen, wenn er Schaden leidet an 
fine Seele? und was hat er noch zu fehonen, nachdem, er ben 
Vulluſt erlitten, daß er in die Sünde gewilliget hat? Hier alſo 
laſe fich niemand ablenken von feiner .eigenen. Ueberzeugung und 
vorſpiegeln, als fei nicht fo böfe und Gott mißfällig, was ihm 
Üsgefchmeichelt werben fol ober abgedroht, oder als bahne er fich 
durch eine Nachgiebigkeit den Weg, um viel gutes auszurichten; 
ſondern das gilt es eben und daran zeige jeber feinen Muth, daß 
et ſeinem eignen Gewiſſen treu bleibe und nicht laſſe von feinem 
Agnen Gefühl, überzeugt, er werde Nechenf&haft geben müffen für 
fh ſelbſt, und jeder ftehe und falle für fich feinem Herren. — 
©o iſt ein jeder verpflichtet überall, wo er im Namen eines grös 


318 


ßeren ganzen einen Dlaz ausfünt oder. zur Ausrichtung eines ber 
fiimmten Gefchäftes hingeſtellt ift, dem er fich ohne Vorbehalt 
gewidmet hat. Hier fei auch in jedem nicht mir feine, ſondern 





... die größere Kraft dieſes ganzen thätig; und wie ein ſolches fei 


nen eigeſchlagenen Weg fortzugehen pflegt; ohne weichlich zu fra— 
gen, wie etwa hier oder dort ein einzelner leidet, fo thue auch ie 
der, der im Namen deffelben handelt, unbefümmert was ihm felbf 
dem eingelnen begegnen Fann. Und daß ja nicht, was ihn boͤſes 
nahe bedrängt, was ihm von allen Seiten angedroht oder viel 
leicht von der empfindlichften ihm zugefügt wird, ihm täufche über 
den Willen des ganzen, dem er zu geborchen hat, ๕ [8 ob «8 mil 
- unter diefen Umftänden nicht fordern würbe oder Fönnte, daß dad 
aufgegebene Gefchäft nod) weiter verrichtet werde. . Denn tr 
ſich fo hat hinaus überreden oder drohen laſſen aus der Mehr 
einſtimmung feines Gefühlg mit dem Sinne der größeren menld; 
lichen Berbindungen, denen er angehört: was für Verlaß fan 
der noch verlangen, daß man auf ihn habe, und tie. hat er fh 
nicht vielmehr unmwiederbringlich herabgewuͤrdigt zu einem ausge⸗ 
ſtoßenen Fremdling auf Erden! — Endlich, meine Freunde, it 
‚auch, abgefehen von diefen befonberen Beziehungen, -einem jeben 
von ung ein Beruf angeniefen auf Erden.. In eine Bahn des 
Lebens find wir eingetreten, übereinftimmend mit unfern Kriften 
und Eigenfchäften, einen Wirkungskreis haben wir ung angeiy 
net, um darin nad). einer beftimmten Weife der Tchätigkeit dad 
gemeinfame Wohl zu fördern. Oder wäre einer: etwa fchon zum 
ſelbſtſtaͤndigen Leben hinauf ertwachfen und im ‚vollen Beſiz fein 
Kräfte, hätte aber doch einen folchen Beruf noch nicht gefunden, 
ber flände gewiß mehr auf der Seite. des böfen, als des guten; 
denn es gilt gar fehr von dem gemeinen Wohl der Menſchen, 
daß, wer nicht dafür iſt, dawider fein muß, und wer nicht ſo 
- faınmelt, daß er beſtimmte Rechenſchaft darüber geben kann, daß 
ber zerftvenet. Wer aber feinen Beruf ergriffen und fich hinein 
gelebt hat, der ift auch gewiß durchdrungen von ber Ueberjer 
‚gung, daß, wenn er diefe Bahn verließe, wenn er diefe Thaͤtig 
keit, gu der er vorzüglich geeignet iſt, ganz ‚aufgeben Eönnte, al® 
dann der eigentliche Werth feines Lebens verloren ginge und ค 
mit feinem ganzen Dafein gleichfam im leeren wäre und nicht in 
der Welt. Darum fei ung dies ein heifiges, unauflögliches Band, 
eine unverlezliche Liebe und die Argfte Verblendung bie, an irgend 
einem einzelnen Gute des Lebens fo zu hangen, oder irgend ein 
einzelnes Uebel fo zu fürchten, daß wir eben biefen sangen Werth 
des Lebens dafur bezahlten. 





ถ่ 349 


Dieſes alſo ſind die Gegenſtaͤnde, auf welche die Forderung 
anwendbar iſt, daß wir uns durch nichts ſollen verſcheuchen laſ⸗ 
ſen von unſerm Poſten und daß es und nie an Muth fehlen . 
darf ihn gu vertheidigen. Wer wiſſentlich in die Sünde williget, 
wer feine beftimmte Pflicht durch Gefahren geängfiiget verlest, 
der wirft. die heiligen Waffen thörichter Weife von fich, an denen 
allein alle. Streiche der böfen unfchädlich für das gute abgleiten; 
wer ſich überreden laͤßt, daß doch, weil ihm zuviel feindfelige 
Kräfte entgegenftänden, nichts auszurichten fei auf der Bahn fei- 
ud Berufes, fie aufgiebt und das Zeld den böfen räumt, der lie 
fert verrätherifch Die Werkzeuge, mit denen allein er feine thätige 
Gottesverehrung verrichten kann, den unheiligen zum verderblichften 
Mißbrauch in die Hände und giebt ſich auf das fehimpflichfte 
überwunden, indem: er einen Srieben macht, der ihm fein freies 
Dafein und Feine Thätigkeit übrig läßt. Nie laßt uns Daher, 
wo die Vollbringung eines beftimmten Gefchäfts ung zur heiligen 
Miht gemacht ift, bei drohender Gefahr feigherzig denken, daß, 
wenn wir nun alles daran fezen, wenn wir ung nun bei immer 
wachſender feindfeliger Macht dem Untergang überliefern, der vor: 
geſtelte Zwekk ja doch nicht erreicht wird; fündern, tie gewaltig 
die Natur in den Thieren wirkt, wenn fie um ihr Leben Eämpfen, 
daß fie, unbeforgt um den kuͤnftigen Augenblikk und um die alß 
möhlige Erfehöpfung ihrer Kräfte, nur in jedem gegentoärtigen 
alles daran fesen, was fie, haben: fo gewaltig wirke in ung die 
Gnade, dad Gefühl von der Heiligkeit des göttlichen, Willens, 
daß wir, unbefümmert um das Ende, nur jeden Augenbliff den 
Angriffen des böfen ale unfere Kräfte entgegenſtellen. Nie wol“ 
In wir, weil doch gar nichts durchzuſezen wäre gegen den über: 
mächtigen Widerftand, unfere Berufschätigkeit finfen laſſen, fon: 
rn auf Beharrlichkeit herausfodern alle, die ung in den Meg 
teten, damit, wie Die Thiere, was ihnen die Natur aufgegeben 
nt zu bilden, wie oft es ihnen auch die Macht der Elemente oder 
"6 Muthwille 868 Menfchen zerſtoͤrt, doch immer wieder von 
wem anfangen und alle Kräfte des Lebens an ihrem Werk er: 
choͤpfen, fo auch wir, je mehr einzelnes ung fchon geftört worden 
f, um defto eifriger, wo nur eine Gelegenheit fich aufthut, im: 
ner wieder treiben, was unferes Werkes ift, und alle Kräfte, Die 
bir ja -doch nicht beffer gebrauchen koͤnnen, daran fegen, damit 
icht die Gnade Gottes in ung fich ohmmächtiger und unwirkſa⸗ 
her beweiſe, als was mir die blinden Triebe ber Natur nennen 
n den unbernünftigen Geſchoͤpfen. 


| 350 

Und Biefen Muth uns immer und überalf gu erhalten wird 
in ber That nichts weiter erfordert, als zu der Sache, ber wir 
dienen wollen, die wahre und innige Liebe, ohne welche wir doch 
nichts von dem unternehmen würden, wozu e8 jenes Muthes ke: 
darf. Denn jegliche Sache wird von ihren Freunden zunäcft in 
dem Maaß vertheidiget, als fie geliebt und als ihre Unentbehtlich⸗ 
keit gefühlt wird: Was aber: kann uns wol unentbehrlicher fein, 
als an dem allgemeinen Zufammenhang alle8 guten und ſchoͤnen, 
der eben das Reich Gottes ausmacht, unfern Antheil zu behalten, 
welches nur in unferer Thätigkeit befteben Fann. Je mehr ฝา 
alles, was uns begegnet, und auch das niederfchlagende mul 
.biefe Richtung nehmen, jene Liebe in ung anfacht, je mehr chm 
die Unficherheit und der Wechſel des irdifchen ung zeigt, daß « 


nur im Neiche Gottes ป ิ ใน 06 giebt und Sicherheit, defto tapfer 


werden wir auch mit den Waffen des Geiftes Fämpfen über die 
fen Neich. Und was nächftdem einen beharrlichen Much fo [ehr 
unterftügt, die Hoffnung obzufiegen und das Ziel zus erreichen, vor 
Eönnte fie zuverfichtlicher nähren, als diejenigen, die fid) fein an 
deres Ziel gefeze haben, alg eben treu und gehorjam zu arbeiten 
an diefem Neiche Gottes, welches der herrlichſte Spiegel feine 
Allmacht ift!-O laßt ung nur in die erquiffende Betrachtung di: 
felben ung immer mehr vertiefen und. überall ſchauen, mie ber 
Herr fein Werk herrlich. hinaus führt: dann werden auch bie der: 
fuchungen des Kleinmuthes von uns weichen und Die Geſchn 
und Stuͤrme der Zeit uns vergeblich bedrohen. | 





I. Aber damit wir ung auch wirklich deffen erfreuen, tat 
durch Erhaltung unferes Muthes fol bewirkt werben: fo muͤſſn 
wir auch zweitens danach trachten, daß wir nicht in der Ausfüh 
rung und bei der That felbft durch Weberrafchung unfere dr 
fonnenheit verlieren. Denn dadurch werden mir nicht nur 
für den Augenbliff vom richtigen Wege abgelenkt, daß แท 
That und unter den Händen eine andere wird, ๕ 8 fie werden 
follte; fondern wir werden auch felbft auf eine längere oder Ar 
gere Zeit unbrauchbar gemacht zu einer gluͤkklichen Fuͤhrung une 
res Gefchäftes, bis nemlich allmählig Ruhe und Sicherheit in 
das Gemuͤth zurüfffehren; und wer wollte laͤugnen, daß auch das 
heißen muß überwunden fein? | | | 

Zuerft fchon, was urfprünglich vom Zorn geſagt wird in 
ber Schrift, daß er nicht thut, was recht ift vor Gott, leidet แม 
bier feine Antvendung. Denn nicht nur gilt daffelbe von jeder 
heftigen Gemuͤthsbewegung, daß fie ung des richtigen Maar? 














351 


beraubt [0 ๒ 0[ in dem was wir fehen, als in dem was wir felbft 
verrichten: fondern je mehr unfer Leben ein Kampf ift; je mehr 
das boͤſe in mancherlei Geftalten feindfelig gegen uns auftritt, 
um defto mehr Veranlaffung findet fich auch grade zum Zorn. 
Oder wer vom uns Eennt nicht den edlen Unwillen, der gegen die 
Geinde de8 guten defto heftiger auftwallt, je verwogener fie dem 
heiligen und göttlichen in ſich felbft mitfpielen, oder je niedrigerer 
Mittel fie fich bedienen, um fein Eräftiges Wirken durch andere 3 
แ hindern? Aber. wer weiß auch nicht,, wie dann von den befts 
gefinnten grade am leichteften, um den Frevel zu bämpfen. und 
ju firafen, die Graͤnze des rechten und des heilfamen überfchritten 
wird, und wie oft dann nicht nur dag einzelne Unrecht für fich 
der guten Sache ſchadet, fondern wie oft Dadurch auf lange Zeit 
hinaus die Stärke der Gegner vermehrt und unfere eigene Kraft 
gelähmt wird. Denn wie die heilige Sage von jenem Helden 
des alten Bundesvolkes erzählt, daß feine Kraft mit demjenigen 
แล ต ่ ด) verſchwand, was, wiewol an fich unbedeutend, durch ein 
beſonderes Gelübde geheiliget war: fo beruht auch die Stärke des 
Chriſten nur auf dem unentweihten Bunde eines guten Gewiſſens 
mit Gott, und iſt dieſer verlezt, fo iſt er nicht mehr im Stande, 
dem hohn ſeiner Feinde zu widerſtehen. Nicht, meine Freunde, 
als ob jede Uebereilung und jeder Fehltritt ung auf immer ſchwaͤ⸗ 
hen und unfere Wirkfamfeit hemmen müßte! bei den Mängeln 
der menfchlichen Natur, bei der Unmöglichkeit immer. das voll⸗ 
kommene genan zu treffen, giebt e8 deren viele, welche uns mit 
Recht weder tief fchmerzen, noch lange beunruhigen, und bei der 
um wir ben Vortheil, den fie ung fchaffen, als Belehrungen und 
Beiträge zu unferer Erziehung ing Gleichgersicht fegen dürfen mit 
den kleinen unweſentlichen Nachtheilen, welche wir als auch zu 
den Schikkungen Gottes gehörig hinnehmen. Allein voer dürfte 
wol fagen, daß folche unbedeutende Fehltritte die einzigen der Art 
wären, die ihm drohen? wer dürfte fi) rühmen, darüber hinaus 
fein, daß er nicht Eünnte — wenn fein Gefühl, habe es auch 
feinen andern Gegenſtand als das gute, einmal in Leidenfchaft 
Übrrgegangen iſt — verleitet werden zu etwas unwuͤrdigem, dag 
dem Verfechter der ehrenvollſten Sache nothivendig Schmach 
bringt und den Glanz früheren Ruhmes beflefft, — der eine in. 
dem böjen den Bruder vergeffend, Beleidigungen ausſtoßend, oder 
Ungerechtigkeiten verübend in mißleitetem Eifer — der andere, 
um frafend fich beffer แน gemägen, in Verbindungen fich verflech- 
ind, zu Huͤlfsmitteln fich herablaffend, deren er fich, fobald feine 
deſonnenheit wiederkehrt, aufs tiefſte ſchaͤmen muß. Wenn wir 


3332 


uns dann auch bei uns ſelbſt endlich, ich will nicht ſagen recht⸗ 
fertigen oder entſchuldigen, aber doch ſo weit beruhigen, daß wir 
uͤberzeugt ſind, es werde keine bleibende Gewalt des böfen über 
uns auf dieſes Vergeben ſich gründen: ach, ohne Neue ift doch 
dieſe Ruhe nicht und ohne das bittere Gefühl geſchwaͤchter Kraft, 
wenn wir vor der Welt baftehn einer That überführt, die unſeret 
Geſinnung zuwider ift und die auch fie Telbft mißbilliget, und 
wenn die Gegner des guten, übermüthig gemacht Durch แน เห 
Salt, ung nun dag Necht beftreiten, ung unferer Gefinnung 1 
rühmen mit Wort und That und biefelbe Strenge seo dad 
böfe zu üben wie zuvor! 

Doch es iſt nicht allein der leidenſchaftliche Unwille m 
die Srechheit des böfen, welcher und fo der Befonnenheit beran 
bend vom rechten Wege ablenken kann, fondern auch fonft mel 
hat jeder eine ſchwache Seite, welche den Verleitungen der böfn, 
preißgegeben ift und wodurch auch dem, der mitten im vollbrin 
gen des guten begriffen ift, von der Luft kann die Sünde ger 
ren werden. Bald find wir befonders empfänglich, denen, welche 
nur dag gute ฉก img rühmend unfere Eigenliebe unmerklich af 
regen und beftechen, zu trauen, als ob fie es auch redlich meine 
müßten mit derfelben Sache wie wir, und fo gefährlichen Kat: 
fchlägen zu folgen, welche vieleicht die Srüchte der muthigften 
Anſtrengungen verderben und, was ſchon aufs trefflichfte ange 
‚ legt war, verunftalten und_vereiteln. Bald laſſen fich durch die 
verführerifchen Aushauchungen der böfen die ſchon faſt erſtorbe— 
nen Funken alter Neigungen wieder anfachen, nicht zu einer ftröß 
lichen Flamme, deren Glanz augenblikklich das Gewiſſen träfe und 
aufriefe, fondern zu einer fcheinbar unſchuldig erwaͤrmenden Glut, 
ſo daß wir, bethoͤrt von der Hoffnung, indem wir dem Hem 
dienen, zugleich irgend einen erlaubten Wunſch zu befriedigen, 
oder für ung felbft etwas auszurichten in der Welt, ung abln 
fen laflen von dem ſchon eingefchlagenen Wege und theils ธ์ 
Ziel, auf welches wir richtig losgingen, verfehlen, theils, in die 
Beſtrebungen unferer Eitelfeit oder in die Reizungen der Luft cin 
. mal verflochten, vielerlei verfäumen in dem Gebiet unferes wah⸗ 
ren Berufes, was wir ſchwer wieder einholen, und vielerlei ver⸗ 
 berbliches anknüpfen, was wir mühfam wieder zerreißen müfn- 
Und fie ſinnen darauf, diejenigen, welche die DBeftrebungen MT 
guten ftören wollen, wie fie an jedem folche ſchwache Seite auf 
finden und zur. gelegenen. Zeit angreifen; und das iſt eben ihre 
‚ Weberlegenheit, durch welche fie Elüger find, als die Kinder dei 
Lichtes, daß fie fo die Irrthuͤmer und Schwächen ihrer Gegner 








‘853 


in bennzen wiflen, um bie Kraft derfelben zu lähmen und bie 
guten den guten werbächtig zu machen, indem fie fie durch die 
That felbft darſtellen als unzuverlaͤſſig, verführbar und unreinen 
Sntrieben nicht verfchloffen. 

Es thut gewiß nicht noth, bier mehr ing einzelne zu zeich⸗ 
nen, fondern ſchon an den allgemeinen Zügen des Bildes wird 
jeder erkennen, was gemeint iſt, und fich Beifpiele genug vorhal- 
ten aus dem Gebiet feiner Erfahrung, wieviel gutes auf diefe 
‚Weile unterbrochen wird und wieviel Zeit unkräftig und in inne 
ter Zerruͤtung verloren geht, um Fehler wieder gut gu machen, 
die fich doch nie ganz verwifchen laffen. O «8 iſt fchwer, niemals 
auf diefe Weiſe überwunden zu erden von dem böfen, und weni- 
gere giebt 68 gewiß, Die auch. nur ein ruhiges, nicht von gewalt⸗ 
ſamen Bewegungen bedrohtes Leben zu vollenden mußten, immer 
die That ihrem Vorſaz gemäß tadellos geftaltend und niemals in 
Schlingen diefer Art fich verwikkelnd, ja wenigere, ๑ 18 mir folche 
finden, welche den Muth ungefchtwächt bewahren ſogar in gefaͤhr⸗ 
lichen und verwirrungsvollen Zeiten und Lagen. Und wenn ich 
ſagen ſoll, wie doch hier dem Unterliegen vorzubeugen und, den 
guten Willen vorausgeſezt, auch die Beſonnenheit und das klare 
Vewußtſein unſeres Zuſtandes zu erhalten iſt: ſo weiß ich auf 
nichts ſichreres hinzuweiſen, als eben darauf, daß ung alle doch 
nicht ein immermährender Naufch vor ung feldft verbirgt, fon- 
dern Befonnenheit unfer herrfchender Zuftand ift und immer früs 
bir, ๕ 8 die Erregung irgend einer Luft oder Leibenfchaft. So 
muͤſen wir denn im Stande fein, den Einfluß des böfen in un⸗ 
fr Gemuͤth wahrzunehmen, wenn er noch ganz leiſe und gering, 
die Gefahr แน ahnden, wenn fie noch fern iſt. Mögen wir ung 
dann nur nicht zu gut duͤnken und zu ficher und ung nicht fchä- 
men der -Worficht, ung zeitig genug auf dag feftefte fo gu binden, 
daß wir den gefährlichen Lokkungen lieber gar nicht folgen koͤn⸗ 
hen, Jar meine Freunde, gegen ſolche Gefahren iſt nur Heil und 
Sieg in der Demuth, im Gebet, in der Einfalt und Wahrheit 
des Herzens. Nur der demuͤthige, der nicht glaubet, daß er es 
ſchon errungen habe, der ſich immer noch als Schuͤler anſieht in 
der Kunſt der Gottſeligkeit, dem keine Erfahrung zu geringfügig. 
ft; daß er fie nicht benugen follte zur Warnung und Lehre, nur 
der wird am genaueften auf feinen Zufland achten und am we: 
nigſten überfehen, was ihm bedenkliches droht. Und fühlt er fich 
dann angegriffen an feiner fchhoächften Seite, was follte ihm näher - 
legen und Mas follte wirkfamer fein, als fich der Gnade Gottes 
in empfehlen für bie Stunde der Verfuchung; denn Das beißt 





‚384 


eben göttliche Kräfte in fich ſelbſt wekken und die heilfamen Bir 
kungen des ‚göttlichen Geiſtes einlabend erregen. Mie derjenige 
feinem Sal nahe ift, der mit leichtfinniger Sorglofigkeit der Ver 
ſuchung entgegengeht, fo hat ſich derjenige hingegen gleichlam 
sehunden und feft gemacht, der Gott anruft um Beiftand. Dem 
er hat feine Gemeinfchaft mit ihm aufs neue angeknuͤpft eben in 
Beziehung auf feine Gefahr, und es wäre nicht mehr bie Lehr: 
macht der Verſuchung, fondern feine eigene unbeiligfte That, wenn 
er das Gebet, welches feine Erhörung in fich felbft hat, vernich⸗ 
tete. „Und eben weil er fich fchon fo gebeiliger fühlt, wird es ihm 
natürlich fein, noch die legte Hülfe zu finden in der Einfalt und 
Wahrheit auch gegen ‚die Menfchen. Denn man Eönnte fagen, 
der Ausfpruch, Als ich meine Sünde verfchweigen wollte, litt 
ich Pein, gölte auch in Beziehung auf die Meufchen. Gewij 
wenigſtens iſt Angftlich daran, mer fich vergeblich müht, fc 
. Schroachheit denen gu verbergen, welche fie laͤngſt ausgekund⸗ 


fchaftet und Entwürfe der Verführung darauf gebaut haben, und. 
wird nur um fo. ficherer dieſe überfehen und alſo begunftigen 


Dagegen eine befondere, bie böjen laͤhmende Kraft jenen feltenen 
Gemüthern eintwohnt, welche grade, wenn fie verfucht werden job 
. Ion, auch ihre Schwachheit und daß fie Kenntniß Haben von der 
drohenden Gefahr nicht- verhehlen und, indem fie .eine กั ย ย 
ausüben, welche die böfen nicht begreifen, aber welche fie geil 
zuruͤkkſchlaͤgt und mit unwillkuͤhrlicher Ehrfurcht erfuͤllt, ſich defo 
ſicherer in den Stand ſezen, gelaſſen und ruhig jeden Schritt ab⸗ 


zumeſſen und ſo, ehe ſie uͤberraſcht werden koͤnnen, ihre Veſen 


nenheit immer wieder zu beleben. 


Im. Endlich laßt uns diefen heilfamen Beftrebungen noch 
die dritte hinzufügen, ja zu verhäten, daß ung nicht durch den 
Andrang und die Wirkungen des böfen um uns her die kul 
und Freude am Leben genommen werde. Denn da mit bt 
Freudigkeit des Herzens gewiß immer auch die Luft den Kampf 
gu erneuern ‚verfchwindet und die Fähigkeit richtig. zu beurtheiln 
was gefchehen foll gefchtwächt ift: fo ift der gewiß für überwun 
Den zu achten im Streit, der etwas nicht nur fo großes und 
wichtiges, fondern, worauf er auch bie gerechtefien Anſpruͤcht 


hatte, es als fein Eigenthum anzufehen, einbuͤßen mußte. Dem 
‚wenn gleich der Jünger Jef in der Fuͤhrung feines kebens ic | 


su fehen hat auf bie Luft, welche aus .einer einzelnen That zu er⸗ 
arten iſt oder nicht, daß er etwa ihr nachginge oder um ihret— 
| veillen irgend etwas beugte von Pflicht und. Beruf: fo เว็ ม 











355 


doch auf der andern Seite eine eben fo natürliche als gerechte 
Sorderung, daß dem frommen wohl fein fol; und weit entfernt, 
died nur von einer Fünftigen, ganz abweichenden Einrichtung bes 
Daſeins zu erivarten, find wir vielmehr mit Recht geneigt, die 
Ruhe der Seele, bie heitere Stimmung des Gemütheg, bie: unges 
übte und felftgenägfame Luft und Freude anzufehen als einen 
ichern Maaßſtab für die Wechtheit und Vollendung der Sröms 
migkeit. Wie denn gewiß jeder geftehen wird, daß ein gottgefäl- 
liges Leben Frohſinn erzeugt und Frohfinn wiederum das Voll⸗ 
bringen ]6068 guten erleichtert, fo daß. beide, je vollfommener fie 
werden, um fo inniger auch eins find. - Nicht als ob wir den 
ſtommen frei zu fehen forderten; auch nicht von den tiefer als 
äufered Ungemach in dag Gemuͤth dringenden Schmerzen, weiche 
die Natur bald in größerem, bald in geringerem Maag jedem 
Menſchenleben auferlegt; aber diefe hemmen auch nicht nothwen⸗ 
dig jene innere Nuhe und Heiterkeit, und das mahre geiftige 
Bohliein wird durch fie weniger vermindert, als umgeftaltet, in- 
dem derjenige, der .feine Verhaͤltniſſe richtig ด น แก๊ ด ธั ย mitten unter 
ſolchen Schmerzen nur um fo ficherer den Werth feines Dafeing 
und die göftliche Abftammung feiner Natur fühlt. Ja jeder, ber 
Erfahrungen folcher Art gemacht hat, wird geftehen, daß «8 von 
diefer Seite ท แนะ felige Schmerzen giebt für den Chriſten und die 
in feinem Streit liegen gegen dag innere Eräftige Gefühl der Se 
ſundheit. Allein Mißmuth, Trübfinn, niedergefchlagenes Wefen, 6 
ſchon dieſe Benennungen beseugen, daß wir durch. fie nichts 'rei- 
nes, Fraftigeg, gefundes bezeichnen wollen, und jeder wohlgeſinnte 
wird bekennen, daß, wenn ihn vorübergehend folche. Stimmungen 
des Gemuͤths bejchleichen, er fie als Schwachheiten fühle. Weit 
weniger dazu veranlagt als andere ift allerdings der fromme, bei- 
welchen nicht ſchon zufälliges Ungemach oder mißlungene Beſtre⸗ 
dungen nach äußerem Wohlergehen, die fo häufig fein müffen bei 
den ſich durchkreuzenden Entroürfen der Menfchen, eine folche 
Wirkung dauernd hervorbringen können. Nur eben das böfe um 
ihn her fcheint gemacht, ihn um fo mehr in dieſen dürftigen 
ſcwaͤchlichen Zuſtand hineinzuwerfen, je waͤrmern Eifer er in ſich 
naͤhrt für die Sache des guten. Denn ſchon, wo wir dieſe 
ſelbſt zu fördern ſuchen, tritt jenes uns überall in den Weg, 
bemmend das freie Spiel unferer Kräfte, aufthürmend Schwies | 
rigkeiten bei jedem Schritt, Iangweilend die Geduld auch da, mo 
aus mſe hen iſt, daß wir am Ende doch ſiegen werden durch 
ม Kampf, aber leider auch nicht felten, wenn wir ung 
dem Ziele, ſchon nahe ‚glauben, pldzlich durch unbemerkt gebliebene 
32 . 


356 


Mittel vereitelnd alle bisherigen Anftrengungen. Und wer Fonnte 
ſich rühmen, nach wiederholten Anſtrengungen nicht zu bedürfen, 
daß der belebende Einfluß des Gelingens ihn erfrifche, und fomit 
fich nicht gedruͤkkt zu fühlen und unmuthig, wenn flat deſſen das 
Miplingen ihn überall verfolgt! Doch weit härter find wir ja 
noch da zu £reffen, wo wir nicht unmittelbar wirken, tie dem 
unfer eigentlicher Wirkungskreis nur ein geringes ift von den 
‚ganzen, welches wir mit unferer Liebe und unferen guten Win 
chen umfaſſen. Sind wir nicht alle fehr theilnehmende Zufchaue 
auf dem großen Schauplag der Welt? glauben wir nicht zu fehen, 
weſſen 68 bedarf?. harren wir nicht auf jedes bedeutende Ereignif 
und machen unfere Entwürfe über feinen Ausgang und uber dat 
gute was es bewirken fol? Wenn nun. immer wieder aufg ner 
die liebſten Hoffuungen betrogen werden, wenn nun alles fic im 
mer genauer zufammen zu verſchwoͤren fcheint, um das gute um 
terliegen zu machen: woher foll Bann den Freunden des guten 
Wohlſein und Freudigkeit des Herzens kommen, oder mag it an 
ders zu erwarten, als allgemeine Verſtimmung in traurige und 
duͤſtere Gefuͤhle? 
| Dennoch, meine Freunde, müffen wir von ung felbft for 
dern, daß wir auch hier überwinden, und gewiß Die Mittel dazu 
find in anferer Gewalt. Freilich macht fortgefegtes Miglingen 
" น ท น เน 6018 und trübe; über ift es unfer. Glaube, der ung feld 
ſehen läßt, oder_unfer Unglaube? Wer in fich geht, mird det 
nicht einen Gewinn finden von jeder Anfirengung, auch folcn, 
die in Abficht auf den vorgefesten Erfolg unfruchtbar geblicen 
- find? Wenn wir gewiffenhaft dag unfrige gethan haben, fo Ir 
nen wir ja durch jede That, wir erwerben einen ficherern Gebrauch 
unferer Kräfte, wir werden von andern geſehn und dienen ihnen 
zur Ermunterung oder zur Lehre; und außerdem, was wir Mr: 
hindern, was wir vorbereiten, vermögen wir mol dag zu überle 
‚ ben? Gewiß es giebt Feine vergebliche Anſtrengung, «8 giebt fein 
Mißlingen, laßt uns nur nicht ungläubig fein, fondern gläubi 
Sreilich follen wir nicht gefühllofe Zeugen deſſen fein, was in der 
Welt vorgeht; und getäufchte Erwartungen, dag ift ficher, betr 
ben und fchlagen nieder um deſto mehr, je mehr dag Herz dar 
bing. Uber das ift eben unfer größter Schler, daß wir und j 
ſehr am dag einzelne hängen und auch hier nicht genug mit ben 
Yugen des. Glaubens fehen. Laßt ung nur recht überlegen, wit 
wir ung doch vorkommen müffen, wenn wir gleichfam verlangen, 
' die Verwirrungen in der Welt follen ſich auf eine von und br 
ſtimmte Weife entwilkeln, und in einer von uns verzeichneten Ge⸗ 











087 u 
Ralt folle der Segen einer befferen und gläfflicheren Zeit erfcheis 
nn! Wie viele kennen wir wol von den unzähligen Geftaltun 
yen des guten und fchönen? und von denen, Die wir Eennen, wie 


siele find wol immer unſerer Einbildungsfraft gegenwärtig? Wie 
moolftändig ift doch die Kenntniß der Welt, von der wie aus⸗ 


yhn bei unferen Wänfchen! wie wenig Eönnen wir felbft von - | 


m, was wir ung als heilfam und nothtwendig vorftellen, bie 
beziehungen und die Erfolge überfchen! Warlich unmeiferes kann 
8 nichts geben, als wenn wir den Höchften gleichfam richten 
wollen nach unfern Ahndungen und Berechnungen, anftatt daß 
bir dieſe richten follten nach feinen Thaten und, wenn etwas an⸗ 
deres erfolgt, denken, das war alfo nicht ber richtige Weg, den 
wir ung verzeichnet. Meifer wäre es, wenn jeder, ber fich nicht 
enthalten Fann Wünfche und. Erivartungen zu bilden, fleißig auf 
(hlüge dag große Buch der Vergangenheit, um die Geſeze der 
göttlichen Regierung daraus kennen zu lernen und die eben fo 
einfache als Ben meiften verborgene Weisheit feiner Wege, um 
immer noch Heiterkeit zu behalten unter Trübfalen und zuver⸗ 
ſichlliche Hoffnung für das ganze, auf welches. doch alle unfere 
nen frommen Münfche fich beziehen. : 
Es giebt, meine Freunde, eine unverfiegliche Duelle wahrer 
Sriterfeit und Freude, aber gewiß auch nur dieſe eine; je mehr 
wir aus ihr ſchoͤpfen und trinken, je mehr wir ung durd) fie reis 
nigen, um deſto weniger wird irgend ZTrübfinn bie Geſundheit 
unſerer Seele ſtoͤren oder die helle und kraͤftige Farbe unſeres Le⸗ 
bend verunreinigen: ich meine die innige Bereinigung eines unbe⸗ 
ſchraͤnkten Vertrauens mit einer gränzgenlofen Ergebung. Und 
beide find auch nur Acht und flärkend, wenn fie vereiniget find. 
Vertrauen allein ohne Ergebung iſt aber jenes, welches nicht nur 
ausſpricht, daß Gott alles wohl machen wird, fondern auch, daß 
et es ſo und fo machen wird, oder daß es nun nicht noch uͤbler 
und und mißfähiger werden dürfe im einzelnen, weil. 68 fchon 
übel genug wäre, und ich Darf nicht erft fagen, wie fehr dieſes 
faſche Vertrauen zugleich täufeht. _Ergebung allein ohne Wer: 
trauen iſt eben jene, welche beſorgt, mit dem einzelnen, was wir 
verloren, oder was wir nicht erlangten, fei ein wefentlicher Nach: 
heil erfolge für irgend etwas zur Aufrechthaltung des guten, 
um Widerſtand gegen das böfe nothmwendiges und unentbehrli- 
ches; und dieſe falſche, die goͤttliche Weisheit verlaͤugnende, mit 
echt immer nur widerſtrebende Ergebung, wie leicht ermattet fie 
nicht! Aber voͤllige Ergebung in alles einzelne, wenn es als ber 
Nathſchluß Gottes dafteht, und feſtes Vertrauen in die Weisheit 


u 358 . 
‚Gottes, welche immer neues und größeres gute’ offenbart und 
berbeiführt, an dieſem zwiefachen Schilde des Glaubens müffen 
alle Streiche des boͤſen fruchtlog niederfallen. Und denket nur 
nicht, das Mittel fei wol zu leicht, als daß um dieſen Preis 
ſollte ungetrübte Ruhe und Heiterkeit der Seele zu erlangen fein; 
fondern wie der Vorzug groß. ift, fo eignet, er auch nur treum 
und geübten. Seelen. Denn der Menfc muß am fich felbft, an | 
der. eignen Eleinen Welt Erfahrung haben von demjenigen, was | 
er mit Mahrheit und innerer Ueberzeugung anerkennen fol als 
Geſez der Welt im großen. Woher: eine ſolche Ergebung, die 
mehr waͤre ale ein leerer, durch die leichteſte That widerlegter 
Gedanke, wenn nicht der Menfch weiß, daß ja in ihm felbft alles 
wie übel 06 fich auch anlaffe, zum Gedeihen des guten ausſchlage. 
Woher ein: folches Vertrauen, อ ด 8 mehr. wäre als eine angelernte 
Meinung, die ſich im Getümmel des Lebens nur allzu leicht wie 
der ablöfet, wenn nicht dag eigene Gefühl des Menfchen ihn er 
fichert, daß die Aebendige Kraft der Vernunft und der Liebe im 
Gemuͤth, dureh welche allein alles. bewirkt wird in dem geifligen 
Reiche Gottes, in ihm felbft ja ungefchwächt bleibe, immer ty 
fam, immer neues befchließend und erarbeitend. Denn mır in 
einem folchen Bemußtfein kann der Menfch feine einzelnen The 
ten verunglüffen und feine heiligſten Wünfche hinausgeſchoben 
fehen in eine unfichere Ferne, ohne daß er aufböre ruhig und hi 
ter zu fein, weil er den Sieg kennt und in ſich ſelbſt hat, der die 
Welt uͤberwindet. 

Denn ſo iſt es, meine chriſtlichen Freunde befeſtigen wir 
uns in dieſen Geſinnungen, ſtaͤrken wir uns durch ſolche Betrach 
tungen, um nicht uͤberwunden zu werden von dem boͤſen, fo Fam 
es nicht fehlen, daß wir es nicht ſelbſt uͤberwinden ſollten. Es 
muß immer etwas übrig bleiben von ber guten Kraft Gottes in 
‚ung, nachdens aller nöthige Widerſtand iſt geleiſtet worden, um 
etwas zu bauen an feinem herrlichen ewigen: Tempel. - D.marlid 
fie thut ung noth dieſe Zuverſicht แน einer Zeit, mo wir nicht 
wiſſen, welchen Muth wir noch werden bemweifen, welche Beſon⸗ 

nenheit noch betwähren müffen, wie weit noch Entbehrungen und 
Anfopferungen geben werden und 618 an welche, für jest noch 
unverlezte Heiligthümer man der Ruhe und Freude unferes Her 
zens drohen wird. Aber auch hier gewiß bürfen mir ung fr 
Fend und erbanlich zur Nachachtung vorhalten dag Beiſpiel แห่ 
res Grlöfers, der, wiewol aͤußerlich felbft unterliegend, Muth 06 
nug behielt, um, wie er fagte, den Dienft vieler Legionen Engel 
> zu verfchmähen, welcher ihn zwar aus’ den Händen feiner Feinde 


> 








359 


errettet, aber auch den natürlichen Werlauf bes größten Werkes " 
Gottes gehemmt häfte, fo daß eben durch dieſes muthige Ver 
(hmähen und durch den Gehorfam big zum Tode der größte Sieg 
erfochten wurde gegen das Neich des böfen; der, von feinen 
Feinden überfallen, Befonnenheit genug bebielt, um, indem er fich 
ſelbſt preisgab, die Erhaltung feiner Jünger und mit ihnen fei- 
ner ganzen Kirche zu fichern; der, im Begriff zu verfcheiden, nicht 
vom Tode überwunden, fondern ihn felbft übermwindend, durch 
Nittheilung Fräftigen Troftes aus "feiner göttlichen Fülle noch 
Heiterkeit und Ruhe einflößen konnte der Seele eines bußfertigen 
Einderd. Wolan, er hat uns ein Vorbild gelaſſen, ap wir 
nachfolgen ſollen ſeinen Supflapfen: 





x. 
Lieber die rechte Verehrung gegen das einhe 
miſche große aus einer fruͤheren Zeit. 





Am vierundzwanzigſten Jenner 1808. 


9, vierundzwanzigſte des erften Monats war ehedem in dik 
fen Ländern ein vielgefeierter Tag, an welchem die Bewohner der 
felben ſich โด น 6 und froh einem eigenthümlichen erhebenden Er: 
fühl überließen. Er war das Geburtsfeft des großen Könige, 
der eine lange Reihe von Jahren über ung geherrfcht hat und 
noch immer der Stolz feines Volkes ift; eines Koͤniges, auf den 
von dem erſten Augenbliff an, wo er dag Scepter ergriff, I 
an den lezten feines Lebens ganz Europa hinfah, bewundernd [6 
sen Durchdringenden Verſtand im großen, feine firenge und ge 
nane Auffiche im einzelnen, feine vaftlofe Thaͤtigkeit, feinen aus 
. dauernden Muth, feinen fchöpferifchen und erhaltenden Geift und 
erwartend von feiner Einficht und Entfchloffenheit den Ausſchlag 
in den wichtigften Angelegenheiten; eines Königes, der eben ſo 
fehr durch mweife Verwaltung fein Neich von innen Eräftigte, al 
durch Kriegskunft, Tapferkeit im Zelde und durch richtige Bent 
sung der Umftände im Frieden es von außen ficherte und verg® 
ferte, fo daß er es auf eine Stufe der Macht und des Anfehnd 
- erhob, für welche es vorher nicht geeignet fchien und von web 
. cher es in diefen neueften Tagen ſo ſchnell ift wieder herabge 
ſtuͤrzt worden, dag wir nicht abzufehen vermögen, ob oder wann 
es fie wieder werde erfteigen koͤnnen. 

. Eben deshalb, meine Freunde, weil eines Theils weder das 


361 


feierliche Gedaͤchtniß jenes großen Herrſchers unter ung kann ver: 
tilgt fein, der zu viel dauernde Denkmäler feines Dafeins in fei- 
nem Volke geftiftet hat, als daß jemals er felbft oder das, was 
wir durch ihn geworden und. unter ihm geweſen find, koͤnnte ver: 
geffen- werden, noch andern Theild irgend jemand ohne Schmerz 
und Beſchaͤmung denken fann an den jähen Sturz, den wir er- 
litten haben, eben deshalb kann es nicht anders fein, ๕ 8 daß 
die Bewegungen, welche der heutige Tag in ung hervorbringt, 
jene Wunden des Herzens wieder aufreißen, die wir gern heilen 
moͤchten durch Ruhe und Sille, und daß wir uns befangen fin⸗ 
den in einem zerſtoͤrenden Zwieſpalt von Gefuͤhlen, indem wir 
nicht davon laſſen koͤnnen, die großen Eigenſchaften und die herr⸗ 
lichen Thaten jenes Helden uns lobpreiſend zuzueignen, zugleich 
aber auch Die leichte Zerſtoͤrbarkeit faſt alles deſſen, was er unter 
uns gewirkt hatte, fchmerzlich zu beflagen. Wohin aber haben 
bir und zu wenden mit jeder Uneingkeit in ung ſelbſt, als zu 
den heilenden Duellen des Chriſtenthums? wo Schu; zu fuchen, 
wenn das zeitliche mit feinen Widerfprüchen ung aufzureiben droht, 
als bei dem ewigen? wo iſt eine beruhigende und einigende Ans 
fht der MWeltbegebenheiten zu gewinnen, als durch‘ die Beziehung 
auf Gott und “auf das Reich Gottes, durch welche jeder fchein- 
bare Widerfpruch verſchwinden und alles ſich auflöfen muß in 
Veisheit und Liebe. 

Auf dieſe Weife alfo laßt ung die Empfindungen heiligen. 
nd uns um Segen wenden, welche, wenn fie uns leibenfchaft- 
lich beftürmen dürften, daß Gfeichgemwicht unferes Gemüthes noch) 
mehr flören und unfere Kräfte noch flärker -aufreiben wuͤrden; 
Mogegen, wenn wir ung einer frommen Anſicht überlaffen, wir 
gewiß dahin gelangen erden, daß wir jedes große und werthe 
Andenken bewahren koͤnnen, ohne eine Duelle vergeblicher Schmer: 
in daran zu beſizen, und daß wir auch in die neueren betrübens 
den Wendungen unſeres Schikffaled ung fügen, ‚ohne uns etwa 
Ioöteiffen zu müffen von dem, mag fich edles und vortreffüches 
früher unter uns gebildet hat: 


Tert. Matth. 24, 1. 2. 


Und Jeſus ging hinweg von dem Tempel, und feine 
Juͤnger traten zu ihm, daß fie ihm geigten des Tempels 
Gebaͤu. Jeſus aber fprach zu ihnen, Sehet ihr nicht 
das alles? Warlich ich fage euch, es wird hier nicht ein 
Stein auf dem andern bleiben, der nicht gerbrochen werde. 





362 


"Nachdem .der Erlöfer, bebauernd, daß alle feine Aufforde⸗ 
rungen an das. Volk, fich zu einem reineren und vollkommueren 
Meiche- Gottes zu einigen, vergeblich geweſen, Unheil und Zerrüt. 
tung als. unvermeidlich vorhergefagt, fehen mir ihn hier. mit den 
feinigen das Gebäude des Tempels betrachtend, jenes herrlichen 
. Denkmals der Größe feiner Nation, an welches, was fie nır 

von Reichthum und Kunft befaß, ‚mar gewendet morben, und an 
welchem fich alles eigenthümliche ihrer Geſinnung, ihres gefeli: 
gen Zuftandes und. ihrer bürgerlichen Verfaſſung abfpiegelte. 
Wahrfcheinlich daß ihm bie Jünger biehergeführt, um ihm แ 
zeigen, was fie bei feinen traurigen Ahnungen. tröftete und wie 
' อ อ ด ์ ) alles. Ungluͤkk nur vorübergehend fein könne, da. eben an 
Diefem Tempel, als einem ungerfiörbaren Heiligthum, das Doll 
fich immer wieder vereinigen würde und an biefes Gebäudes Ein— 
richtungen und begeifternder Kraft gleichfam eine Gewaͤhrleiſtung 





) . befige gegen alle Zerftörung. Aber der Erlöfer fagte auch dieſes 


Heiligthumes Zertruͤmmerung mit einer ſolchen Gewißheit vor: 
her, daß wir ihn anſehn koͤnnen als einen, der empfinden mußte 
grade wie wir, die wir eine aͤhnliche Zerſtoͤrung früherer Herr 
lichkeit.und Größe fchon erlebt haben, und er thut es mit eine 
Ruhe, welche bei dem Werth, den dieſer Tempel für ihm hatte, 
wie wir aus mehreren Auftritten feines Lebens wiſſen, und bei 
der Liebe zu feinem Volke, die wir an ihm Eennen, nur aus คา 
nem richtigen Zufammenftellen der Vergangenheit und Zukunft, 
nur. aus einer höheren Anſicht aller menfchlichen Dinge fih er⸗ 
klaͤren laßt. Wir wollen alfo in der beftimmteren Beziehung, 
welche wir unferm heutigen Rachbenten ſchon gegeben haben, aus 
dieſem Beiſpiele lernen, 


Wie wir es anzuſehen haben, daß auch das großt 
deffen wir uns erfreuten, wieder verſchwunden iſt 


In allen menſchlichen Dingen koͤnnen wir zweierlei unter⸗ 
ſcheiden. Sie find auf der einen Seite irdiſches, zeitliches und 
eben deshalb ſchon in ihrem Entftehen und Wachfen den Kein 
der Vergaͤnglichkeit in fich tragend, welcher -fie das beftimmi 
Maaß ihrer Dauer nicht überfchreiten läßt. Sehen wir aber fit 
fer in ihr inneres hinein,: richten wir. unfere Aufmerkfamkeit we 
niger auf ihre äußere Geftalt und Erfcheinung, als auf ihr Ur 
‚fen und ihren wahren Gehalt, fo erbliffen wir in allen menſch⸗ 
lichen Dingen und in dem größten am meiften — denn warlich 
nichts ann wahrhaft groß, fein, was nicht gut ift, weil ja die 
Größe eines jeglichen Dinge nur das Maaß ſein kann ſeines 








363 | | 
wahren Seins und Weſens und ja nichts wahrhaft und wirklich 
ft als das gute — zugleich unter dem’ zeitlichen und vergänglis 
hen das göttliche und ewige: An dieſen Unterfchied ung haltend 
ft ums denn zuerſt jenes vergängliche nicht länger 
geltend machen wollen, nachdem eg fein Maag einmal 
erfüllt bat, gweitens aber auch dieſes bleibende und 
mige immer verehren und auch in den folgenden Ge 
kalten der Dinge feſtzuhalten und darzuftellen fuchen. 


I. Züerft alfo wollen wir was vergangen ift, weil es vers 
ginglich war, nicht noch über fein Maag hinaus geltend machen. 
Auf mancherlei Weife äußert fich bei ben Menfchen, welche 
an etwas großem Antheil gehabt, wenn diefes verſchwunden iſt, 
ein oft mehr leeres, oft mehr verberbliches fehnfüchtiges Zuruͤkk⸗ 
bliffen auf daſſelbe und Zurüffwünfchen deffelben, um fo mehr, 
als das äußere Verfchtwinden des großen immer mit einem, wenn 
ach แนะ vorübergehenden, Zuftande der Zerruͤttung verbunden iſt. 
Oft und bei den meiften wol zundchft durch den leeren. Ge⸗ 
danken, al8 ob in der gegenwärtigen Noth derjenige der ein 
tige Retter fein Fönnte, welcher zu feiner Zeit der 
erſe Begründer der nun vergangenen Größe gewe⸗ 
fen if. Gewiß hört auch unter uns der heutige Tag gar viele 
folhe, fonft moenigften® nicht gleich vernehmlich und โด น 6 geaͤu⸗ 
berte Wünfche, D wenn der große König noch da geweſen wäre, - 
ſo würden wir diefen Zuftand der Herabwärdigung nicht erfahren 
haben! er Härte nicht fo weit anwachſen Iaffen die Macht, die 
ung erdruͤkkt Hat, feinem Adlerauge würden fchon längft nicht uns 
bemerft geblieben fein die Fehler und Mißbraͤuche, ohne welche 
bir nicht fo leicht wären zu überwinden gewefen, und fofern jest 
noch Rettung und Wiedererhebung möglich waͤre, würde er fie 
Mi durch die Kräfte feines gewaltigen Geiftes herbeizuführen 
wiſſen. W 
Ich will nicht erinnern, wie verkehrt es uͤberhaupt iſt, in 
dem wunderbar zuſammenhaͤngenden Wechſel menſchlicher Dinge 
beſimmen zu wollen, wie das eine fein wuͤrde, wenn ein ande: 
tes geweſen waͤre; ich will nicht Elagen, wie fich folche Gedan⸗ 
fen, mie dieſer, felten ausfprechen laſſen ohne von ungerechten 
eußerungen begleitet zu fein gegen einzelne lebende: -fondern nur 
darauf will ich aufmerkffam machen, wie wenig ehrenvoll, ja ich 
darf wol fagen, wie fchimpflich 68 iſt für ein ganzes Volk, fein 
Sohlergehen, feine Selbſtſtaͤndigkeit nur hoffen zu wollen von 
nem einzelnen, von Eines Kraft, von Eines Art zu handeln. 


364 


Warlich hierin beſchaͤmt uns jenes alte Volk, deſſen Ungluͤkk 
Chriſtus vorherſagte. Viele ſahen es mit ihm voraus und faſt 
keiner war ſchon ſeit langer Zeit ohne bange Beſorgniß. Aber 
fie hofften nicht, wie ſie, vertraut mit dem wunderbaren, wol ge 
konnt hätten, daß David, jener große König, felbft wiederkehren 
möchte, der. die Selbftftändigkeit und Macht feines Volkes 06 
gründer hatte, fondern nur auf einen Nachkommen beffelben hof: 
ten” fie naͤchſt Gott; alfo auf einen freilich gleichen Stammes 
mit ihm und ihnen, aber der Zeit felbft angehörigen, für die er 
noth that. Und fo wird gewiß jeder wohlthaͤtige König aus 
früherer Zeit am beften geehrt. Denn mar e8 nicht eine in dem 
Schooße feined Volkes entftandene und gepflegte Kraft, durch di 
er fo großes auszurichten vermochte, o fo iſt der Stolz auf ihn 
ein leerer, und die Zeit der Herabwürdigung war [ด้ ว อ น die gr 
priefene ſelbſt. War aber. fein Geift fo einheimifch unter feinem 
Volk, warum follte e8 nicht vertrauen, daß er fich auch öfter m 
neuern werde unter ihm? tie viel mehr noch, wenn, tie in un 
ſerm Sale, der frühere Held und Herrfcher vorzüglich darauf be 
dacht gemwefen war, nicht efwa nur allein zu glaͤnzen Durch feinen 


Geiſt und feine Talente, alle andern aber fomweit als möglich zu 


überfirahlen, fondern foviel er nur irgend‘ Eonnte alle geifligen 
Kräfte in feinem Volk auszubilden und. durch den freieſten Gt 
Brauch aller Quellen der Erfenntniß immer reifere Einſicht in fin 
eignes Wohl in demfelben- zu entwikkeln. So mären ja fein 
fchönften Bemühungen dennoch. unfruchtbar geblieben, wenn wit 
nicht je Fänger je mehr im Stande wären uns felbft zu helfen 
in der Noth; und wir legten, indem wir ihn am fehönften zu 


. - preifen denken, ein’ hartes Zeugniß ab gegen ihn und ung. Sn 


der That, folche leere Wünfche gleichen nicht wenig denen aus 


jener Ichrreichen Erzählung des Erlöfers, wo einer, um fein 


Bruͤder aus dem bedauernswuͤrdigſten Zuftande des geiftigm 
Elendes zu erretten, auch wuͤnſchte, ihnen einen Todten zu er— 
toeffen, der Stammvater aber feines Volkes ihm verneinend anf 
wortete, Laß fie Mofen hören und die Propheten. Auch til 
meine Freunde, haben Mofen und die Propheten, die Belehrun— 
gen der Gefchichte und des göftlichen Geiſtes, und wenn Mit 
uns von diefen nicht Teiten laſſen, wenn durch diefe nicht waͤh 
vend der Zeit der Prüfung und der Bebrängniß allerlei gutes— 
wie es die Umftände erfordern, in uns felbft aufgeht: fo wuͤrde 
vergebens auch der größte der Könige von den todten wiederkeh⸗ 
ren um ung Heil gu bringen durch feine Herrſchaft; denm er würde 
nicht im Stande fein, ung, die wir "risk todt wären, zu beleben. 











363 

Aber eben dieſe leeren Wünfche bindern und nur, auf die 
Stimme der Wahrheit, wie. laut und vernehmlich fie ung auch 
töne, zu merken, und wie alles fchlechte ſich immer unter fich 
ermehrt, fo find auch fie zugleich ein Erzeugniß der Trägheit 
nd ein Beförderungsmittel derfelben; und nur um ihre Unge 
hiftheit, ihren Mangel an Eifer, ihr laues Weſen wo möglich 
ch felbft zu verbergen, täufchen fich die Menfchen, als würden 
e und alles beffer fein, wenn fie nur noch in Verbindung vods 
m mit denen, welche ehedem die gemeinfamen Ungelegenheiten 
teten. MS ob fie ſich nicht dadurch für unmuͤndig erklärten 
md als ob Unmuͤudige Nichter darüber fein könnten, wer ihnen 
in guter Vormund iſt oder nicht! — Und eine folche Wahrheit, 
velhe ihnen. unvernommen bleibt unter den Ausrufungen ihrer 
itlen Wünfche, ift vorgüglic) auch die, daß wie ein jeder Menſch 
on Gott in eine beſtimmte Zeit geſezt ift, fo auch jeder, ben 
groͤßten und Eräftigften nicht. ausgenommen, fondern vielmehr ein 
ſolcher am meiſten, nur in diefer Zeit wirken Fonnte, was er zu 
hirfen verordnet war. Es gilt auch Hier ganz firenge, Was 
Gott verbunden hat folk ber Menfch nicht fcheiden, noch in fei- 
ur Einbildung ein leeres Spiel treiben mit den Ordnungen Got 
td. In feine Zeit eben fo fehr als in fein Vol ift jeder ber 
deutendſte Menfch aufs innigfte verwachfen, an ihr hat er fich 
genähre und geuͤbt, in Beziehung auf fie hat er fich feine Fertig⸗ 
keiten und Tugenden erworben, ‚und eben fo haben auch ihre 
Mängel und Befchränkungen ſoviel Einfluß auf ihn gehabt, bag 
niemand einen folchen im feier Trefflichkeit recht verfiehen und 
gehörig würdigen Fan, wenn er ihm nicht immer in denen Ber; 
bindungen und Umftänden betrachtet, in welche ihn Gott gefest 
hatte; welches auch befonderd, wie jeder geftehen wird, mit dem 
großen Manne der Fäll ift, den mir mit gerechtem Stolz den 
unfrigen nennen und der eben auch in jener Beziehung fo häufig 
ft verfannt worden? So fei ung denn ſein Andenken zu heilig, 
um es auf eine fo unverfiändige Art zu entweihen, und eben je 
mehr großes Gott durch ihn gewirkt hat zu feiner Zeit, um deſto 
ſicherer laßt uns wiſſen, daß wir jezt anderer Werkzeuge Gottes 
bedürfen, und laßt uns aus der Betrachtung feines thatenreichen 
ebens etwas befferes gewinnen als leere und verkehrte Wuͤnſche. 

Abgefehen aber auch von den einzelnen Menfchen, welche 
großes in einer früheren Zeit begrimder haben, wuͤnſchen wenig⸗ 
hßens viele die aͤußeren Einrichtungen und die ganze 
Setfaffung einer glänzenden Periode zuruͤkkrufen 
iu koͤnnen, meinend, daß in dieſen bie beglüffende und erhe: 


366 


bende Kraft gewohnt habe. Wie oft hören mir wicht dergleichen 
unter uns! Wären wir nur allem, was jener große König ange 
geordnet hatte, buchftäblich treu ‚geblieben, Eehrten wir nur jet 
wieder zuruͤkk. zu derſelben Zucht und Vorfchrift, fo wuͤrde und 
am erften geholfen werden, meinen viele. Uber auch das, mein 
- Sreunde, ift eine thörichte Meinung und offenbar nicht uͤberein— 
ſtimmend mit ben Drönungen Gottes. Denn 68 giebt nirgendd 
eine Ruͤkkkehr in menfchlichen Dingen, und nichts kommt fo wie 
der wie e8 da geweſen ift, wie eifrig auch das Beſtreben der 
-Menfchen darauf gerichtet fei. - Erinnern wir ung nur an da 
Beiſpiel, welches unfer Tert ung vorhält. Wie oft hat nict 
das jüdifche Volk dieſen Wechfel erlebt von einem amfehnlicen 
Grade der Macht und des Anſehns 618 zur tiefften, an Nidtig 
keit grängenden Erniedrigung, und wiewol es, fo oft es ſich ır 
neuern -fonnte, immer wieder surüfffam auf- daflelbe, unter goͤt⸗ 
lichem Anfehn gegebene Gefes, fo nahm doch feine Verfaſſung je 
desmal eine veränderte Geftalt an, am: meiften aber nachdem dub 
Land und die Stadt Gotted von einem feindlichen Heere erobert 
und faſt gerftört und wicht die ftreitbaren allein, ſondern It 
größte Theil des Volkes fortgeführt. worden war in ferne Ge 
genden. So war auch der Tempel, vor dem Jeſus ſtand, nicht 
mehr der, den. die urväterlichen Könige erbaut hatten; die 0 
. nungen des ihm angehörigen Priefterthums hatten verloren von 
ihrer urſpruͤnglichen Geftalt, und es nahete die Zeit, mo diit 
ganze alte. Verfaffung mit ihren ehrwürdigen Denkmaͤlern ohne 
Wiederkehr folte zerftört werden, fo daß auch kein Stein auf dem 
andern gelaffen würde. Wenn แน น unter ganz veränderten Um 
ftänden fo wenig Beftändigfeit felbft folchen Geſezen und 0๓ 
nungen zu fichern war, welche, des Vorzuges einer höheren, ur 
mittelbar göttlichen Einfesung fich erfreuend, natürlich um fo tr 
ger die Kräfte. der Menfchen zu.ihrer Erhaltung vereinigten, da⸗ 
mit fie fich nicht fräflicher Vernachläffigung anvertrauten Gutes 
"gegen den fchuldig machten, der am härteften firafen Fann: mi 
follten wir ung wol fchmeicheln, daß wir, was der Gewalt br 
Zeit erliegend eingeſtuͤrzt ift, eben fo wieder follten aufbauen für 
nen, tie es ehedem beſtand? und unter wie veraͤnderten Umſtan⸗ 
den! Wenn jeuer zerſtoͤrenden Kraft, welche nach einer langen 
Stille zuerſt als ein über Einer Gegend furchtbar ſchwebendes 
Ungewitter ausbrach- und dann als ein ſchnell hineilender Sturm 
Verheerung über unfern ganzen Welttheil verbreitete, wenn iht 
nichts widerſtanden hat und alles, was aus den Trümmern al 
maͤhlig auffieht, fich in einer neuen Geſtalt erhebt: ſollen wir 





367 


glauben, daB wenn nur unfer altes Gebäude noch ohne alle Ver: 
änderungen beftanden hätte, wir würben verfchont. geblieben fein? 
glauben, daß. wir-auch für die Zufunft nicht ficherer-und anſtaͤn⸗ 
diger wohnen Eünnten, als wenn e8 ganz nach den alten Um⸗ 
riſen wieder -errichtet würde? Wie twiberfprechend allem, mas 
wir vor Augen fehen! wie zumider gewiß auch jedem nicht ganz 
verblendeten Verſtand, jedem nicht ganz in Einſeitigkeit verhaͤrte⸗ 
ten Gefuͤhl! Warlich ehe ſollten die Ereigniſſe der neueſten Zeit 
uns auf den Verdacht fuͤhren, ob wir nicht ſchon zu lange alles 
elaffen Hatten in feiner vaͤterlichen Geſtalt, ob nicht gar vieler: 
[ต 8 bei und das aͤußere überlebt hatte fein inneres! cher ſollten 
auch wir und vorbereiten darauf, daß von jenem alten und fei- 
ner Zeit trefflichen Gebäude bald Eein Stein wird auf dem am 
dern gelaffen werden; wir follten uns hüten, daß wir nicht etwa 
und zum Verderben über fein beichiedenes Zeitmaaß hinaus -fells 
halten tollen; was nur ehedem ein Segen fein Eonnte! 

Gewiß, meine Freunde, liegt in diefer Einficht, je mehr fie 
wol begruͤndet if, um defto weniger eine Undankbarfeit gegen die 
Ordnungen und Geſeze der früheren Zeit. Nein,” diefe wollen 
kit fern von ung ‚halten, wir wollen eingeftehen, daß wir woeife 
und gut find geführt worden, und wir koͤnnen es bemeifen durch 


die bewunderungswuͤrdigen Werke und Thaten, die aus jenen - 


2 กั แน ห ล hervorgegangen find. Aber wenn wir fehen, daß fie 
nt mit der Bluͤthe zugleich, welche fie Bervorgetrieben hatten, 
öögeftorben find: fo gefchehe auch das ohne Klagen und übelbes 


gründeten Mißmuth. Laßt ung nicht nach einen zu bejchränften | 


Naaßſtabe dag Dafein eines Volkes abmeffen und nicht, indem 
Bir nur mit dem vorigen blühenden Zuftande die gegentwärtige 
Zerruͤttung vergleichen, uns der Furcht wegen der Zukunft über: 
fen! Ein Wolf iſt ein ausdauerndes Gewaͤchs in dem Garten 
Gottes, 28 überlebt manchen traurigen Winter, der es feiner 
dierden beraubt, und oft wiederholt es feine Blüthen und Früchte. 
Ind fehet ob น ท 8 nicht das Leben eines jeden Menfchen etwas 
ähnliches zeigt von dem, was wir jest im großen erleiden. Wenn 
die Bäche der Kindheit ſich am ſchoͤnſten aufgethan hatte, folgt 
nicht gewoͤhnlich darauf eine Zeit der Trägheity der Erſchlaffung? 
aber vergeblicherweife beunruhigten wir uns darüber, denn es 
tar die Zeit, wo Eörperlich und geiftig die fchönere Entwifflung 
des Juͤnglings ſich vorbereitete. Und wenn der Juͤngling auf⸗ 
gebluͤht iſt, unterbricht nicht dieſe ſchoͤne Erſcheinung eine Zeit, 
wo er unſicher und ſchwankend in der Welt auftritt, nicht recht 
iu wiſſen ſcheinend, wie er ſein Leben geſtalten und in die mau⸗ 


368 = 


nigfachen Verhaͤtniſſe der Melt eingreifen fol, manches gute viel⸗ 
leicht vergeblich verfuchend und manchem gehaltlofen ſich getaͤuſcht 
bingebend? Aber mit Unrecht würden wir deshalb beforgen, jene 
Bluͤthe fei taub und werde nun fruchtlos abfallen; vielmehr wird 
in diefem unfcheinbaren und bedenklichen Zuftande der Grund gr: 
legt zu der Sefligkeit des Urtheils und zu den ficheren Kraftäufe 
rungen des Mannes. Go fritt auch in. den längeren gefchichtlis 
chen Lebenslauf eines Volkes. leicht zwifchen jede frühere und fp& 
tere Blüthe eine Zeit der Verwirrung und der Gefahr, die icod 
nur beftimme ift, zu einem vollendeteren Zuftand den Webergang 
. gu bilden. 

Damit fie ung aber biegu auch wirklich gereiche, fo last 
uns auch ja nicht eben durch jene verfehlte Anhäng 
lichkeit an das vergangene zuruͤkkgehalten werden, 
dasjenige nicht gern und willig zu thun, was ber ge 
genwärtige Zuftand der Dinge von, ung fodert. 

Laßt mich nur beifpielsmweife eines erwähnen, dag gewiß je 
dem jest am Herzen liegen muß. Unfer- bisheriger -Zuftand zeich 
nete ſich aus durch eine große Ungleichheit der einzelnen Theil 
. und Mitglieder des Staated. Mit Unrecht dachten mir daki 
nur an den Unterfchied der höheren Stände von den niederen, 
e8 war vielmehr fo in allen Ständen; von Laften und Obligar 
heiten war der eine befreit, die ein anderer ihm ganz ähnliche 
su tragen hatte, mit Freiheiten und Begünftigungen der eine พ 
fehen, welche andern aus derfelben Ordnung fehlten. Nicht ad 
ob jemals die Willkuͤhr Laften “aufgelegt oder den einzelnen de| 
günftigungen ertheilt hätte zum Nachtheil der übrigen, wenigſtens 
nicht feitbem wir in die Reihe der angefehenen und gebildet 
Völker eingetreten waren; aber durch alte Gewohnheiten aus ia 
früheften Zeiten ber beſtanden diefe Unterfchiede. Gewiß kann d 
niemand unrecht finden, wenn in dem gewöhnlichen Lauf der 
Dinge ein jeder behält. und vertheibiget was er befizt,- ohne fi 
an die einzelnen zu Eehren, welche, fei e8 nun ans Eiferfucht ge⸗ 
gen einzelne WBorrechte, oder aus guter Meinung, daß es fo heil 
famer wäre, auf ausgleichende Neuerungen dringen wollten; und 
* mit Unrecht würden wir 68 bloß “den Berblendungen des Eigen: 
nuzes zuſchreiben, wenn -viele Dagjenige, was für fie vortheihaft 
“war, auch als nuͤzlich für den Staat anfahen und darſtellten. 
Anders freilich wird ed, wenn der Widerwille gegen diefe Un 
gleichheiten und Vorrechte faft allgemein geworden ift, wenn trau⸗ 
rige Erfahrungen endlich nicht unzweideutig die nachtheiligen Gel: 
gen berfelben und der davon abhängigen Einrichtungen ing Licht 











369 | 
fegen, wenn bei der Nothwendigkeit einer allgemeinen Erneuerung 
nicht nur eingelne Stimmen, die fih aus dem Volk erheben, fons - 
dern auch der Verſtand, der an der. Spige der Verwaltung fteht, 
auf diefe Ungleichheiten und Vorrechte als auf dag größte Hin 
derniß einer vollſtaͤndigen und gedeihlichen Wiedergeburt hinwei⸗ 
ſet. Uber auch fo, meine Freunde, laßt und nicht voreilig fein 
in gehaffigen Befchuldigungen, menn viele noch mwünfchen, oder 
auch alles was in ihren Kräften fteht anwenden, um die Noth⸗ 
wendigkeit folcher Aenderungen zu umgehen, laßt ung nicht uns . 
brüderlich alles der härteften Selbftfucht Schuld geben, welche, _ 


um nur die eigenen Vorzüge ungekraͤnkt zu erhalten, fich gemalt 


ſam ſtemmt gegen jeden Verfuch, die Wohlfahrt des ganzen wie 
derherzuſtellen und - fefter zu gründen. Bedenken wir vielmehr, 
tie ſtark überall die Anhänglichkeit an dag alte wirkt, wie viel. 
Fröftiger fie noch in denen fein muß, denen es mit feinen wohl⸗ 
thaͤtigen Einflüffen. fo viel naͤher ſtand, und fchreiben lieber alles 
auf die Rechnung von dieſer unſchuldigen und natuͤrlichen An⸗ 
hänglichfeit. - Bedenken wir, wie, was ben einen nur als ein 
Erzeugniß finfterer Zeiten, der gegenwärtigen und kuͤnftigen uns 
würdig erfcheint, den- andern Dagegen fich darſtellt unter der beis 
ligen Geftalt des alten Nechtes, als ein Denkmal von der Weis 
beit der Väter, gepriefen durch die Erfahrung von Jahrhunder⸗ 
ten, während Deren dag gange ſich wohl befand bei dieſen Ans 
falten, durch die ſtillſchweigende Billigung der weiſeſten Zürften 
und Könige, welche dies alles nicht nur fo beftehen ließen, fon 
dern ſich dieſer Einrichtungen vortrefflich zu bebienen wußten in 
der weifeften und ruhmvollſten Regierung. 

Allein auch indem wir der Abgeneigtheit gegen Aenderun⸗ 
gen auf dieſem Gebiet einen ſolchen ohnſtreitig edleren Urſprung 
zuſchreiben, muͤſſen wir ſie doch fuͤr nicht minder gefaͤhrlich er⸗ 
klaͤren. Es iſt ein Uebel, welches uns allen droht, jeder wird. 
itgend etwas dieſer Art haftend finden an feiner Stelle in der 
bürgerlichen Geſellſchaft und vieleicht nur zu geneigt fein, fich 


das feinige vorbehalten zu wollen, indem er Aufopferungen for «.. 


dert von andern. O laßt ung ja nicht den Unterfchied der Zei- 
ten überfehend uns. degjenigen weigern, was die. gegenwärtigen 
dringend von ung fordern, fondern gern und willig bringe jeder 

dar, was er aus der. Zülle des ganzen empfangen. hat, damit 
alles uͤbereinſtimmend koͤnne umgebildet werden zu dem neuen 
Gebaͤude, deſſen wir beduͤrfen. Eben bei unſerer innigen Vereh⸗ 
rung gegen die Weisheit und Groͤße unſerer fruͤheren Zeiten 
möcht ich uns beſchwoͤren; denn dieſe legt uns ja die เปล 

An 





370 


auf zu ſorgen, baß nicht, was wir fo hoch achten ) unverfchuldet 
Verderben erzeuge, indem wir es unnatürlich nöthigen ſich ſelbſt 
zu Überleben. Eben bei der Heiligkeit des Rechtes moͤchte id 
ung beſchwoͤren, der Melt das Beifpiel zu zeigen, tie am mir 
digſten dad Necht fich bildet durch die Nebereinftimmung aller old 
die natürlichfte Wirkung des vereinigten Verſtandes ‚und der ver 
einten Kräfte, . nicht immer nur aus dem ermübdenden Streit ro 
ber Gewalten. Wenn wir von innerlichen Zwiſtigkeiten beherriät 
den günftigen Zeitpunkt verabfäumen, den eben diefe allgemein 
Zerrüftung ung barbietet, um uns auf eine neue Stufe der Vol 
Fommenheit zu erheben und für eine lange Zukunft ‚hinaus ein 
beſſeres Dafein zu begründen: dann gewiß droht ung ein Ärger 
Verluſt, ๕18 der fchon erlittene, dann droht ung eine völlige Zer— 
fförung, und wir gleichen ganz dem Bilde, ‚welches. unfer Tert 
ung darbietet. Daß Eein Stein auf dem andern bleiben follte au 
bem Tempel, der damals fand, dag konnte der Erlöfer mit Ruh 
anfehn, denn es Eonnte gar wol beftehen mit der gänzlichen Er 
neuerung feines Volkes, Die er herbeiführen wollte und bei dt 
es eines folchen Tempels nicht bedurfte. So koͤnnen auch wir mit 
Nuhe zerfallen fehn, was Macıt und Weisheit einer früheren 
Zeit für jene Zeit gebauet und erhalten hatte. Aber daß fein 
Zeitgenoffen in DVerftofftheit des Herzens die’ Zeichen. jener Zei 
nicht erfannten, daß fie mit unverftändigem Eifer an Sajungen 
hielten, ‚die ihre rechte Bedeutung verloren hatten und in denn 
kein Heil mehr zu finden war, das erregte mehr als einmal ft 
nen Unwillen; und daß fie, wie oft auch und laut von ihm af 
gefordert und belehrt, nicht bedenken wollten, was gu ihrem Frie 
den diente, das brachte ihn zum Meinen. über die heilige Stadt 
ſeines Volkes und zu der in jedem ähnlichen Fall gewiß nur น 
ficher erfüllt werdenden Weiffagung, Euer Deus ſoll auch เน 
gelaſſen werden. 


I. Wenn wir aber ſo auf der einen Seite die Vergaͤng 
lichfeit aller menfchlichen Dinge durch die That ſelbſt auch in dem 
anerkennen, was ſich unter uns früherhin großes und und vor 
trefflicheg gebildet hat: fo laßt ung auf der andern Seite auch 
das bleibende und ungergängliche darin verehren; in 
dem wir es ung durch nichts in der Welt entreißen laſſen, for 
dern es in jeder Fünftigen Geftaltung unferer Angelegenheiten im 
mer fchöner und vollkommner darftellen. _ 
| Deun fo gewiß ber König, an den uns der heutige 349 
beſonders erinnert und den wir gewohnt find als den Mittelpunkt 


ฑ์ 








371 


ber Größe in ber bisherigen Gefchichte unfered Volkes ansufehn, 
ſo gewiß er ein großer König war und das Gebäude des Staas 
tes, welches er aufführte, der Geift, in dem er es verwaltete, dag 
Gepräge der Größe trug: fo gewiß war auch gutes darin, was 
1 แล ง ผ่ muß und was wir nicht dürfen untergehen laſſen. 
Ind wer darf. on jener ‚Größe zweifeln, der die fchnellen Forts 
(hritte in dem wahren Wohlergehen unferes Vaterlandes in fein 
Gedaͤchtniß ruft, der fich erinnert, wie ein faft allgemeiner, nicht 
um der Gewalt zu froͤhnen erheuchelter, fondern freiwillig ſich 
außernder, ‘auch ausrwärtiger Beifall faft allen mwefentlichen Eins 
richtungen unferer Verfaffung folgte, tie viele davon ein Muſter 
wurden für andere Staaten Deutfchlandg, nicht ein gerwaltfam 
aufgedtungene®, fondern ein frei mit Weberzeugung angenomme⸗ 
nd. Solche Werkzeuge Eönnen nur da entfiehen, wo nicht nur 
mit einer richtigen Kenntnig und Benuzung der Zeitumftände. ges 
handelt wird, fondern auch dem Geift und der wahren Beſtim⸗ 
mung des Volkes gemäß. Jenes iſt dasjenige, wodurch menfchs 
liche Einrichtungen und Werke für den Augenbliff gelingen und. 
[ไท ได Wirkungen berborbringen, aber wodurch fie auch ihre Vers 
ginglichfeit fchon in fich tragen; diefes dasjenige, wodurch fie 
fh dauernd erhalten, um deswillen fie geliebt und willig befolgt 
erden. Wenn wir alſo jenes in dem Maaß preisgeben, als bie 
Imftände, auf welche fich einzelnes in unfern Gefegen und Ord⸗ 
nungen bezog, fich weſentlich geändert haben: fo laßt ung dage⸗ 
gen auch dieſes mit der größten Anſtrengung feſt halten, beden⸗ 
Ind, daß jede menfchliche Einrichtung, inwiefern fie den Geiſt 
eines Volkes wefentlich und unverfälfcht ausfpricht, infofern eben 
fo fehr ein goͤttliches Geſez und eine Offenbarung göftlicher Macht 
und Herrlichkeit iſt, wie jenes Geſez und jene Drönungen, denen 
dad Volk des alten Bundes diefen Namen gab. Denn Gott iſt 
es ja allein und unmittelber, der jedem Volk feinen beftimmten 
deruf auf Erden anweiſet und feinen befonderen Geift ihm eins 
fößt, um fich fo durch jedes auf eine eigenthümliche Weiſe zu 
verherrlichen. O warlich es giebt feinen fträflicheren Frevel, Feine 
verwerflichere Hintanſezung goͤttlicher Ordnungen, keine hoffnungs⸗ 
loſere Herabwuͤrdigung, als wenn ein Volk thoͤrichterweiſe mit 
dem vergaͤnglichen in ſeinen heimiſchen Einrichtungen zugleich auch 
das bleibende wegwirft und, entweder leichtſinnig verfuͤhrt, oder 
feigherzig erſchrekkt, freiwillig ſich in eine fremde Geſtalt hinein⸗ 
draͤngt. Vielmehr dadurch laßt uns die entſchlafenen Vaͤter und 
Helden des Landes, dadurch laßt uns die Geſchichte und die Sa⸗— 
tungen der Vergangenheit ehren, daB an den Geift, an dag ins 
จ ๑ 2 " 


- 


: 372 


nere Wefen berfelben jede folgende Umbildung fich anſchließe und 
wir eben dadurch eins mit ihnen bleiben und ung wahrhaft als 
ihre Nachkommen und Zöglinge erweifen. Wenn es wahr if, 
weſſen wir ung vorher erinnerten, daß jedes Volk mehrere Zeiten 
der Blüthe und des Fruchttragens durchlebt: fo iſt doch jede fol 
gende, aus der gleichen Natur defieldben Stammes hervorgegan 
gen, der vorigen ähnlich, und es ift nur ein und daſſelbe Wer 
Gottes, welches ‘gefördert werden foll durch die ganze Entwiff: 
. โฉ ย ล feines Daſeins. Eben fo fah auch der Erlöfer, wenn gleich 
von dem Verfall der beftehenden Verfaſſung und von der Not 
mwendigfeit eine neue: zu gründen uͤberzeugt, Doch zugleich auch von 
dieſer Seite das Geſez feines‘ Volkes an, mehrmals erklärend, a 
ſei nicht gefommen es aufzulöfen, fondern es gu erfüllen. And 
er bat es auch erfüllt und zu feiner Vollendung gebracht. Dem 
da feine Abzwekkung war, jene Gemeinfchaft, deren Mittelpunkt 
die Verehrung des Höchften ift, ‚vorzubereiten und die weſentlichen 
Züge derfelben allmählig zu entwikkeln: fo ift es zu feiner Volk 
endung gelangt, indem in dem Gebiet und durch den Dienft def 
felben die ’ Gemeine Jeſu geftiftet und and Licht geboren ward; 
und die dies nicht als feinen ZmorfE'iund feine Wollendung aner⸗ 

kennen wollten, weiheten ſich dadurch ſelbſt unvermeidlichem Un⸗ 

tergang. 

Das ſei alſo unſere Verehrung gegen alles. große im ve⸗ 
zirk unſerer eigenen Vergangenheit, daß mir mit andaͤchtigen 
Sinn immer richtiger ſuchen, das weſentliche darin zu ſcheiden 

von dem zufaͤlligen, dag, was nur die Wirkung einer gemiflen 
Zeit war, von dem, worin fich der Geift der Denfchen und de | 

Volkes felbft abfpiegelt, daß wir dem Triebe unferes Herjens 
. welches ung immer zu dem lezten in Liebe und Gehorfam hinjie | 
ben wird, redlich folgen, damit wir dag Eöftliche Erbtheil ruhm⸗ 
mwürdiger Vorfahren getrenlich bewahren, damit die Abficht Got 
te8 mit unferm gemeinfamen Dafein immer heller. ing Licht freit 
und ſich immer herrlicher entwikkle. 
Und wenn. wir auf das Leben und die. Thaten jenes großtk 
Königes und des glorwürdigften feiner Ahnherrn fehen, wievie 
treffliches wird ung nicht in die Augen leuchten, was wir nut 
feinem innern Wefen nach fefthalten, nur wie es jedesmal die 
Zeit erfordert immer weiter bilden dürfen, um ficher unferer Vor 
- fahren würdig und unferer Beftimmung treu zu bleiben. 

Zuerft, wie deutlich druͤkkt fich nicht uͤberall das Beſtreben 
aus, Urbeitfamkeit und Sparfamkeit zu herrſchenden Zu 
genden unfere Volkes zu machen. Wie durch die Natur, ſo 













373 


auch durch die Weranftaltungen unferer Beberrfcher find wir Ans 
mer vorzüglich gerwiefen worden an unſern im ganzen nicht eben 
wu reichlich begabten Boden, an ihm unfere bildende Kraft aus⸗ 
wmüben, daß er fruchtbarer werde und wohnlicher. Wie haben 
fie fi) immer dieſer inneren Eroberungen vor allen äufieren bes 
fiffen; und vorzüglich auch der große König hat fie nach jedem 
อ ิ แบ ล ด 8 an äußerer Macht nicht etiwa ruhen gelaffen, fpndern 
mit ernenerten Kräften weiter getrieben! Wie wohlgemeint und 
hilfam waren dabei die Ermunterungen, welche er allen Künften 
des Lebens gewährte, um folche Fortfchritte zu begünftigen, daß 


wir in Abficht auf ale würdigen Bedürfniffe in einem gewiſſen 


Naaß felbfiftändig fein Eönnten und unabhängig und unfer Vers 
Eche mit. andern Voͤlkern dadurd) immer freier würde und edler. 
Wie wohlthätig war fein Beifpiel von Mäßigung im Aufwande, 
von perfönlicher Sparfamkeit und Genuͤgſamkeit, um dag richtige- 
Befühl immer lebendig zu erhalten, daß unfer gemeinfamer Wohl 
Rand fih noch nicht dem Ueberfluß nähere, daß wir ihn noch 
nicht in unmefentlichen Dingen verfchwenden, fondern immer wies 
er zur Vermehrung unferer Kräfte anlegen müßten! Wenn wir 
vun an diefer väterlichen. Weiſe und an jenem großen Beruf feft- 
haltm; wenn wir dabei thun, mag die jesigen Zeiten erfordern, 
indem ja ‘alle bei dem wichtigen Gefchäfte bes Alkerbaues mits 
wirkenden Kräfte jezt richtiger gefchäzt werden und Einficht und 
Kunft, wenn. man ihnen freim Spielraum vergönnt, fich ย อ ก 
allen Seiten zur Veredlung deffelben vereinigen merden: o dann 
werben wir ja aufs mürbigfte bie Vorzeit ehren, dann tird man : 
ja ihre Art und ihren Geift überall an ung mwiedererfennen, und 
fern von üppiger Verweichlichung wird auch der alte Verſtand 
und der alte Muth ſich immer wieder erneuern koͤnnen un⸗ 
kr ung, 

Nicht minder aber erfreuten wir uns fchon in jenen frühe . 
ten glänzenden Zeiten des Nuhmes daran, daß überall bei ung 
in den Verhaͤltniſſen zwiſchen Obrigkeit und untergebenen recht⸗ 
lihes Wefen und wahre Biederkeit faft mehr bei: ung 
berrfchte, als in- anderen: Staaten von gleichem Umfang. Die 
parteüſche Bengung Des Rechtes, die freche Unterdrüffung des 
getingeren, die verrätherifche Zerfplitterung Öffentlicher. Güter, die 
Ehrlofigkeit der Beftechung und des Unterfchleifeß: wo. haben wol, 
ja wir Dürfen es zuverſichtlich fragen, wo haben dieſe verderbli- 
hen Uebel weniger geberrfcht al bei ung? wo ift mehr Der» 
fauen geweſen theils unmittelbar in die Rechtſchaffenheit der 
Nicburger theils in die Guͤte des เป ล น น น มี und ber ซิ พ ย 


374 


welche Fein Unrecht, auch nicht des höchften -gegen dem niebrig: 
fien, würden entdekkt und ungeahnet laffen? fo daß, wenn auch 
wir noch etwas im dieſer Hinficht zu Elagen fanden, dies nur 
Elein- war und unbedeutend. Wolan denn laßt uns dieſelbe Se 
finnung auch jest bewähren bei allem, was «8 mwird geben zu un 
ternehmen, anzuordnen, ſich gefallen zu laſſen! daß ja Aberal 
fefte Redlichkeit. herrfche und wahrer Gemeinfiun! Daß nicht chr 
füchtige Lift oder eigenmägige Nänfe ung das Gefchäft unſerer 
bürgerlichen Wiedergeburt verunreinigen! dag Feiner fich getaͤuſcht 
fehe, wenn er einen andern in biefer großen Gache von reinen 
vaterländifchen Eifer befeelt glaubt! daß vor allen. Dingen di 
untergebene treu und redlich feiner Obrigkeit fich vertraue, un 
dieſe auch offen und unverftellt fordre, anordne, auflege was 
nothwendig ift zum gemeinen Wohl! dann werben fir auf 
fo der Gemüthsart unferes Volkes getreu bleiben, und durd 
alle nothwendige Veränderungen wird fie fich immer mehr ver 
herrlichen. W 
Vergeſſen wir ferner nicht, wie ſehr als ein Grundſaz (den 
- in der Regierung jenes großen Königes hervorragte, daß allı 
Bürger gleich fein müßten vor dem. Gefez, wie laut e 
68 fagte, daß jeder einzelne ihm nur werth fei nach dem Madfı 
als er gehorfam und treu beitrüge- durch feine Thaͤtigkeit zum 
Wohl des ganzen. Denken wir zuruͤkk, wie fein Beifpiel allnih 
lig auch die öffentliche Meinung immer ftärker nach fich zog, Mt 
die fcharfe Trennung der verfchiebenen Stände von einander, die 
vorher noch obgewaltet hatte, anfing fich zu verlieren, mie je 
länger je mehr der Mann ohne inneren Werth außer Stand ge— 
fest wurde, troz der äußeren Zeichen eines hohen Ranges, ſich 
geltend zu machen und auf ungebuͤhrliche Weiſe ſich zu erhebt 
. und wie dagegen zwangloſere, vertraulichere Annäherung mögli 
wurde zwifchen Perfonen aus den verfchiedenften Ständen, welt 
ſich gegenfeitige Achtung abzugewinnen wußten und fich anzogen 
durch ihre Geiftedgaben oder ihre Denkungsart. Wenn wir อ 
fo weit. gebracht „haben zu einer Zeit, wo Die Geſellſchaft noch 
weit mehreren Vorurtheilen hingegeben war, wo der aͤußert 
Glanz aller Art noch weit ſtaͤrker blendete; was kann ang mehr ob 
liegen, was mehr uͤbereinſtimmen mit jenem Geiſte, als wen 
wir, weiter gehend auf demfelben Wege, in gleichem Verhaͤltniß 


mit den Huͤlfsmitteln, die ſich uns nun darbieten, und aus Kraft 


derſelbigen Gefinnung immer mehr das äußere auf feinen wel 
ren Werth einfchränfen, immer mehr die Schägung bes inner 
geltend machen in der Gefellfchaft und von den Umſtaͤnden ge 


— 








‚375 


leitet folche Einrichtungen unter ung treffen und begänftigen, wo⸗ 
durch ein jeder in Stand gefegt werde, feinen gangen innern Werth 
darzulegen durch mögliche Thätigkeit jeder Art und dann auch 
anerkannt werde von der Gefelfchaft? Marlich beffer werben 
wir durch folche Fortfchritte, und follte auch darüber von dem 
äußeren eines noch Älteren Gebäudes kein Stein auf dem andern 
bleiben, jene gepriefene Zeit und ihren Helden verchren, als wenn 
wir träge und nachläffig auf derfelden Stufe fiehen bleiben, auf 
welher er ung verlaſſen bat. | ZZ 

Eben fo laßt ung feft halten an dem wahren, fchon in fe+ 
nen Zeiten von bier aus fo laut verfündigten Grundfaz, dag vom 
ว แล nie etwas gutes, noch weniger befferes zu erwarten iſt, 
ald von der Wahrheit, daß Vorurtheil und Aberglauben nicht 
die Mittel fein Eönnen, um bie Menfchen bei dem, was recht 
und heilſam tft, feftzuhalten und im guten weiter zu führen! laßt 
ung fortfahren daher in dem rühmlichen Beftreben, rich⸗ 
tige Einfichten in alles, was dem Menfchen werth und 
wichtig fein muß, fo weit ๕ 8 möglich zu verbreiten, den 
6 แพ für Wahrheit zu erwekken, das Vermögen der Erfennmiß 
zu färfen und gu beleben! - laßt ung aud) fernerhin wakker fein 
und muthig, jeder, nachdem Gott ihm dag Licht ber Wahrheit 
angezuͤndet hat, hineinleuchtend in die dunklen Schlupfwinfel: der 
Unwiſſenheit und des immer unbeiligen Betruges. Und wenn, 
wie alled des Mißbrauchs fähig ift und das böfe und verkehrte 
fh immer mit einzufchleichen ſucht unter der Verkleidung dei . 
guten, auch hiermit Mißbrauch if getrieben worden unter ung; 
wenn frevelnde Gleichgültigkeit gegen frommen forſchenden Ernſt, 
tem feichte Unempfaͤnglichkeit für alles höhere und heilige fich 
nicht ſelten angemaßt bat zu belehren und Belehrungen zu leiten. 
und wir ung fo zu entfündigen haben von Bergehungen einer 
früheren: Zeit und wieder gut zu machen erlittenen Schaden: อ ก 
ſo laßt uns nur um fo mehr denfelben Ernft und Eifer kehren 
gen die blinden, welche der blinden Leiter fein wollen, und, 
ie es doch überall. leicht fein muß, aufdelfen ihren Mangel an 
Veruf! aber laßt ung zugleich auch unter ung immer mehr flär- 
ken und befeftigen jedes fromme Gefühl, jede dem Menfchen ein 
gepflanzte heilige Eprfurcht, damit jeder, bis er ſelbſt auch ger 
nugſam erleuchtet iſt, habe was ihn fchüzen koͤnne gegen die Eins 
kitfungen eines Teichfinnigen Unverſtandes. u u 

Endlich aber, was ung hier am naͤchſten liegt und ung faft 
als das größte erfcheinen muß, laßt uns ja heilig bewahren und - 
durch nichts in der Welt ung jemals entriflen werden die in jenen 

















376 


Zeiten fo oft als ein Grundgefeg unferes Vaterlandes ausgeſpro⸗ 
chene Eöftliche Freiheit des Glaubens -und des Gewiſſens⸗ 
D es war warlich nicht, wie manche wol geglaubt haben, nur 
Gleichgültigfeit gegen jede befichende Art gemeinfamer Gottesver⸗ 
ehrung, weshalb jener große König fo leicht und fo unbefchränf 
dieſe Freiheit beroilligte in feinem Neich; es war der Wan 
Unterthanen zur haben, welche würdig wären beherrfcht gu werden 
es war eine laute und "edle Anerkennung der Graͤnzen fein 
Macht; e8 war ein feinem liebevollen Gemüth einmohnendes 6 
fühl davon, daß alles, was zur unmittelbaren Befchäftigung da 
Seele mit Gott gehört, ein ungugängliches Heiligthum. fein mi 
für jede Willkuͤhr und jede Gewalt. Wem auch irgend Fromm 
feit einen Werth hat als göttliche Kraft und Tugend, der m 
ja fühlen, daß der tiefſte Verſtand keinen Eräftigeren Schu 
fie ausfinnen Fünnte als eben Biefe Sreiheit, indem die Frömmi 
feit fich nur da rein erhalten kann, two niemand durch Sc 
. und öffentliche Einrichtungen kann in Verſuchung geführt werd 
zu heucheln. "Wem irgend bie Liebe werth ift als die Quelle all 
Tugenden, ๑ [8 das vollfommene Band aller Kräfte, der muß | 
einfehn, daß es Feine innigere und umfaffehdere Neuerung, feine‘ 
Fräftigere Sicherftellung derſelben giebt, als dieſes bruͤderliche ชั ย 
erkennen deſſen, was einem jeden dag heiligfte if. Darum war 
auch ſoviel Liebe zu dem ganzen herrſchend, welches dieſe edle 
Freiheit ſicherte, eine Liebe, die noch in uns allen lebt und am 
maͤchtigſten wieder erwachen wird, wenn jemals jener Freihei 
Gefahr drohen ſollte. Denn ganz herabgewuͤrdigt iſt der Menſch 
dann erſt, wenn ihm auch der Werth der Ueberzeugungen und 
der Empfindungen von göttlichen Dingen,. die ſich im ihm gebib 
det haben, durch aͤußere Gewalt abgeläugnet und der ſegensreiche 
Umtauſch Derfelben gehemmt wird, ſo daß er ſich muß gebieten 
und anweiſen laſſen, wo er Wahrheit finden ſoll und fitlide 
Kraft; gang überwältigt it der Menſch dann erft, wenn er fi 
ſo anfchmieden läßt an ein fremdes Joch, daß fich auch das Hi 
nicht mehr in der ihm natürlichen Richtung auffchtingen dat 
zum Himmel; ganz arm und ausgeſogen ift er dann erfl, ivenn 
er auch unvermögend gemacht wird, ſolche Nahrung des Ar 
zens, ſolche Stärkung des Geiſtes und Befeſtigung im guten 14 
zu verſchaffen und in ſolcher Geſellſchaft zu genießen, wie er ft 
von jeher bemährt und heilfam gefunden hat. _ 
Schet da, meine Sreunde, bie alten fichern Grundlagen un⸗ 
ſeres Wohlergehens, die zu tief liegen und gleichſam Murel 
ſchlagen bei ung, als daß bie Aufere Verheerung fe ſollte gerfiört 


— 


377 


haben! Mögen wir nur recht bedenfen, wie nothwendig ſie zu 
unferm Frieden dienen; mögen mir fie nur immer anfehn als 
das heiligfte, was ung anvertraut ift, um es gu pflegen und um 
vergänglich zu bewahren; mögen wir nur auf ihnen Das neue Ges 
baude errichten, in welchem ‘wir wohnen wollen: dann werden 
wir nicht. Urfache haben zu flogen, daß das alte den Stürmen 
ber Zeit gewichen ift, dann werden wir ber gepriefenen Vorfah⸗ 
ren nicht unwuͤrdig und ihnen nicht unähnlich fein bei aller aͤuße⸗ 
ren Verſchiedenheit unferes Zuftandes; mit der Ruhe des Erlö- 
ſers werden wir dem: verſchwundenen nach und dem kommenden 
entgegenſehen, und indem ſich ein neues Wohlergehen unter uns 
erhebt als Buͤrger, werden wir uns auch zugleich bauen als ſeine 
Gemeine und ihn preiſen und verherrlichen als das Volk ſeines 
Eigenthums, welches ihm geweiht bleibt bis and Ende der Tage, 


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Wen es einen Werth hat, daß dieſe Samm⸗ 
lung von Predigten erjcheint, fo Eommt das Fleine 
Verdienſt auf Sie zurüff; denn ohne die Nach - 
ſchtiften, mit denen Sie mich beſchenkt haben, wäre 
@ mir nicht moͤglich geweſen fie auszuarbeiten. 
Darum gehören Ihnen nun billig diefe Predigten 
ganz befonders. 0 Aber wie foil ich damit vor hs 
nen erfcheinen? Im ganzen werden Sie freilich 
überall in Ton und Inhalt wiedererfennen, was. 
ih von Ihnen empfangen habe, auch vieles eine 
jene ziemlich genau. übereinftimmend finden; dabei 
aber auch mehr Weränderungen, ald Sie vielleicht 
erwarten. Und nicht etwa nur folche, wodurch ich 
das urfprünglich gefprochene gegen Fleine Abweichun: 
gen, wie fie fich auch in die beften Nachfchriften 
fat unvermeidlich einfchleichen, wieder hergeftellt 
habe; denn Bas möchte ich felten im Stande gewe— 
en fein: fondern weit mehr folche, wodurch ich 
ſelbſt das urfprünglich gefprochene und von Ihnen 
16 wiedergegebene abgeändert habe, und die mir 
แน ก wirklich unmöglich machen, ven Leſern die Ver— 





fiherung เน geben, "die Predigten erfcheinen hie 
jo mie ich fie gehalten habe. Diefe. Aenderungen 
gründen fich im. allgemeinen auf meine, auch fonk 
fhon ausgefprochene Anficht, . daß eine. gedruffte 
Predigt wol dürfe, ja bisweilen auch: müffe andır 
lauten als eine gefprochene; theils in einzelnen dib 
len auch darin, daß ich jest glaubte, manches Dr 
fer und einleuchtender ftellen zu koͤnnen, als us 
fprünglich gefchehen war. Nun ift es mir freilid) 
ſchon Begegriet, wenn die vorherigen Hörer nun 
£efer werden, daß fie Flagen, das gedrukkte gemähtt 
ihnen nicht diefelbe Befriedigung, wie Das geſpro— 
chene; und daſſelbe muß ich ‚auch jezt mol. befor 
gen, wenn es anders einige ‚giebt, die ſich noch 
folche Erinnerungen von zwei Jahren her zurmfk 
rufen Eönnen. Allein ich Eonnte doch diefer Ze 
- forgniß nicht meine Ueberzeugung aufopfern und 
will mich damit teöften, daß, wenn ich auch hätte 
die Predigten ganz fo twiederherftellen koͤnnen, mie 
ſie gefprohen. würden, jene Klage doch dieſelte 
wuͤrde geblieben fin. 





Wenn Sie die Feftpredigten vermifjen, welche 
fih unter Ihren Nachfchriften befinden: fo koͤmmt 
das daher, weil ich ernflhaft daran denke, das 
früßer gegebene Verſprechen, daß ich eine Somm: 
Ing von folchen mwolle folgen laſſen, zu Iöfen. 
Unter den Predigten, welche an die Stelle von 
imen getreten find, ift ebenfalls Feine, die nicht 
in dem Jahre 1812 wäre gehalten worden. 

Diefe Eleine Rechenfchaft, mein lieber Freund, 
glaubte ich Ihnen öffentlich fehuldig zu fein, und ' 
daraus erflären Sie fich dieſe unerwartete Zuſchrift. 
eben Sie wohl. 


Berlin, den 18. Juli 4814. 


Schleiermacher. 


Bb 


Nachſſchrift. 





Rasen ! Sie es r ch nicht befremden, mein lieber 
Freund, daß Sie die alte Zuſchrift faſt แล ย ต ล่ ก 
dert hier mwiederfinden, und fogar die Ermähnung 
der Fetpredigten, die nach fieben Jahren immer 
noch nicht erfchienen find. Es war mir zu mil 
Eommen, auch Die jesigen Eefer an den Umſtand zu 
erinnern, daß alle Predigten diefer Sammlung im 
Jahr 1812 gehalten find. Nämlich, als ich [6 
durchlas, bedachte ich, — denn wer Fan fich dei 
ungluͤkklichen Gedankens an deutelnde Lefer erweh 
‚ven? ich wenigftens. bin ſchon zufrieden Damit, dab 
ich auf der Kanzel nie an die laufchenden Zuhoͤrer 
denke, — daß manche denken Eännten, manches I 
heute und geſtern gefprochen. Doch verfolgen mol 
len wir dieſen Gedanfen. nicht weiter, fondern un 
der Leſer uud Hörer freuen, die nichts anders fuchen, 
als wahre Erbauung, und von Herzen wuͤnſchen, 
daß diefe durch Gottes Beiſtand immer bei un 
finden mögen was ſie ſuchen. Von Herzen der 
Ihrige. | 
Berlin, ben 18. November 1821. 








Soleiermacher 


387 


Das Zufammentreten Chrifti und feiner Zim- 
ger, ein Vorbild, wie wir ernfte gefellige Ver⸗ 
haͤltniſſe anzufnüpfen haben. 


N, Anfang eines neuen Jahres liegt und noch zu nahe, als 
daß unfere damalige Gemüthsverfaffung fchon verſchwunden fein 
folte; fondern wir befinden ung wol alle noch in derfelben Stim⸗ 
mung, mit der wir dieſen neuen Lebensabſchnitt anfraten, erwar⸗ 
tend, der eine gelaffener, der andre gefpannter, je nachdem es in 


der Natur eines jeden liegt, was die göftlichen Fügungen brinn 


gen werden, vor allem aber entfchloffen, unter Gottes Beiftand 
fein Werk in der Welt,. fo viel an ung ift, zu fördern. Gewiß 
find wir alle noch in der erften Wärme diefer erneuten Entfchlies 
Bungen. Nur wenig davon kann ſchon in wirkliche Thaͤtigkeit 
übergegangen fein, und nur wenig Eönnen fie ſich ſchon abgekühlt 
haben durch den Widerftand, den uns freilich auch in diefem Jahr 
die Welt in dem, Kreife und nach dem Maaß eines jeden entge- 1 
genſezen wird. Wie natürlich, daß wir diefe Gemuͤthsſtimmung 
vomehmlich hieher an unfern chriftlichen Verfammlungsort unges 
[พ พ ได ่ 06 mitgebracht haben, bieher, two die gute Saat Gottes 
begoffen und gepflegt wird, wo wir alle unfere frommen Ent 
ſchliegungen neu beleben, wo mir ung tröften und flärfen gegen 
die Schwächheiten und: Schmerzen, bie im Verfolg des thätigen 
Lebens nicht ausbleiben. Wie kann ic) diefer heutigen Stimmung, 
wie diefen allgemeinen Ermartungen befler entgegen Fommen, als 
indem ich euch einläde, mit mir den Erlöfer, der im Wollen und 
Vollbringen unfer ewiges Vorbild iſt, in feinem Leben und Wir⸗ 

352 | 


388 4 ป 
fen zu betrachten. Dies ſoll daher der Gegenftand unferer ge⸗ 
‚meinfchaftlichen Andacht fein, bis wir zu bem großen Tage kom: 
men, ber uns des Erlöferd herrlichen und ewig preismürdigen 
Tod vergegenwärtigt. . Und womit. Eönnten wir die Neihe biefer 
Betrachtungen beffer beginnen, was Eönnte fich genauer an un 
fere heutige Stimmung anfchließen, als wenn fir, da wir jet 
eben felbft einen neuen Abſchnitt unferes Lebens beginnen, und 
auch ihn vor Augen fielen, wie er den bedeutendften neuen Ab; 
fchnitt feines Lebens begann, als er nämlich aus der Dunkelheit 
eines ganz zurüffgesogenen Daſeins hervortrat und feinen großen 
Beruf als. Lehrer und DVerfündiger bes Gottesreiches, als Samm⸗ 
ler ſeiner Heerde übernahm. Wie wenig uns auch aufbehalten 
iſt von dieſen wichtigen Augenblikken feines Lebens, Ein allgemei 
nes giebt es, welches wir wiſſen, auch ohne daß es uns beſchrie— 
ben ift und worauf wir nicht zu oft hinfehen koͤnnen. Wir wiſ⸗ 
fen nämlich, wozu ค fich berufen fühlte, wie lebendig er di 
Schwierigkeiten dieſes Berufes vor fich fah und wie er fich Wort 
gehalten hat zu vollenden was ihm vom Vater aufgetragen war. 
Und Ein befonderes giebt es, was uns gerade aufgezeichnet ก 
und was fich heute vorzüglich für ung eignet. Nämlich für das 
. allgemeine Sortfchreiten der menfchlichen Dinge, ‚für das Gelin 
gen alles guten, was unfere gemeinfchaftlichen Wuͤnſche umfaflen 


für die Ausführung alles deffen, worauf ein. jeder Befonders kin 


Augenmerk gerichtet hat, was iſt nächfidem, daß wir ung fehl 
immer treu bleiben und von unfern Vorſaͤzen nicht abfallen in der 
- Stunde der Verfuchung, was iſt nächft. dieſem wichtiger, als daß 
ein jeder die Menſchen recht erkenne, die ihn umgeben, und nach 
einer richtigen Erkenntniß ſich ihnen hingebe ober fie am ſich sieht. 
Denn nichts ift-ja dem Menſchen gegeben. allein zu verrichten. 
Wol, fo laßt. ung denn fehen, mie Chriſtus zu feinen Juͤngen 
fam, vie diefe fi zu ihm heranfanden, und laßt ung von bi 
den lernen für jest und jeden Fünftigen Abſchnitt unſeres Lebens 


Text. Joh. 1, 85 — 51. 


Des anderen Tages ſtand abermals Johannes und 
zween ſeiner Juͤnger, und als er. ſah Jeſum war 
deln, ſprach er, Siehe das iſt Gottes Lamm! Und 
zween feiner Jünger hörten ihn reden und folgten Jet 
nach. Jeſus aber wandte fih um und fahe fie nachfol 
gen und fprach zu ihnen, Was ſuchet ihr? Gie abtt 

. fprachen zu ihm Meiſter wo o biſt du sur Herberge? Er 








389 


fprach zu Ihnen,. Komme und fehet es. Sie Eamen und 
faben e8 und blieben denfelbigen Tag bei ihm; es war 
aber um bie zehnte Stunde. Einer aus den zween, bie 
von Johanne hörten und Jeſu nachfolgten, war Andreas, 
ber Bruder Simonis Petri. Derfelbe findet zuerſt feinen 
Bruder Simon und ſpricht zu ihm, Wir haben den Meſ- 
fiam gefunden, und führte ihn zu จ ฝน, Da ihn Jeſus 
ſah, ſprach er, Du bit Simon, Jonas Sohn; du ſollſt 
Kephas Heißen, das wird verbolmetfchet ein Zeld.: Des 
anderen Tages wollte Jeſus wieder in Galilaͤam ziehen 
und findet Philippum und fpricht zu ihm, Folge mir. 
nach. Philippus aber war von Berhfaida, aus der Stadt 
Andreas und Petrus. Philippus findet Nathanael und 


fpricht zu ihm, Wir haben den funden, von welchem  - 


Mofes im Geſez und die Propheten gefchrieben haben, 
Jeſum, Joſephs Sohn von Nazareth; und Nathanael 
ſprach zu ihm, Was kann von Nazareth gutes- Eommen? 
Philippus fpricht, Komme und fiehe ed. Jeſus fah Na- 
thanael zu fich Eommen und fpricht von ihm, Siehe, ein 
rechter Sfraeliter, in melchem Fein Salfch iſt! Nathanael 
fpriche zu ihm, Woher Fenneft du mich? Jeſus antwor⸗ 
tete und fprach zu ihm, Ehe denn dich Philippus rief, 
da du unter dem Seigenbaum faßeft, fah ich dich. Na⸗ 
thanael antwortet und fpricht zu ihm, Nabbi, du bift 
Gottes Sohn, du biſt der König von Sfrael. Jeſus 
antwortete und fprach zu ihm, Du glaubeft, weil ich Bir 
gefagt habe, daß ich dich gefehen habe unter dem Fei⸗ 
genbaum; du wirft noch größeres denn das fehen. Und 
fpricht zu ihm, Wahrlich, wahrlich, ich fage euch, von 
nun an werdet ihr den Himmel offen fehen und die En- 
gel Gottes hinauf und herab fahren auf des Monſchen 
Sohn. oo 


‚Meine andächtigen Sreunde! Wie überaus wichtig war nicht 
für den Erlöfer die Wahl feiner Jünger! Darauf, dag fie fich 
recht mit ihm einlebten, ihm verfianden, mit ganzem Herzen an 
ihm hingen und daß fie eben dadurch auch ımter einander eng 
und freu verbunden blieben, darauf beruhte die Gründung feiner 
Örmeine, der fichere Fortgang feines ganzen Werkes auf Erden. 
Und der Augenblikk drängte, viel Muße war ihm nicht, vergönnt, 

et durfte es nicht darauf tagen, wenn er auch ſolche annaͤhme, 
die er wieder von ſich weiſen mußte ob er etwa durch oͤfteren 


390 - 


Mechfel die rechten fände; fondern bald mußte er wählen und 
fiher. Eben fo auf der andern Seite für alle diejenigen, bie 
damals erfüllt waren von der herrlichen Erwartung, daß bie Zeit 
des Irrthums und der Knechtfchaft ihrem Ende nahe, das Reid) 
Gottes herbeifomme und der lang ertwartete Netter fich nun bald 
geigen werde, wie unendlich . wichtig war es fuͤr alle dieſe, daß 
ſie allen verfuͤhreriſchen Stimmen entgingen und ſich nur an den 
rechten anſchloſſen mit ihrem redlichen Beſtreben, der Sache Got: 
te8 zu dienen! Und wie herrlich rechtfertiget ſich das Werfahren 
bes Erlöfers fowol, als feiner Jünger bei dieſem bochwichtigen 
Schritt durch. den auggezeichnetften, wenn gleich anfangs unfcheins 
baren Erfolg! Wolan fo laßt ung diefe Erzählung näher de 
trachten und ung fragen: | ” 


ie gingen Jeſus und feine erſten Juͤnger zu Werke, daß 
ſie einander fanden? 6 0 


. Was einem jeden unfehlbar gleich auffallen muß, iſt wol 
dieſes, daß in einer fo wichtigen Sache von beiden Seiten durch⸗ 
aus Fein Eünftliches und verwikkeltes Verfahren beobachtet wird. 
Kein langes Befinnen finden wir hier, Fein ängftliches Bedenken 
‚ Keine fchivierige Proben, überall Feine tief ausgejonnene, lang aus⸗ 

geſponnene Klugheit; fondern wir ſehen, daß beide Theile erß⸗ 
Lich hoͤchſt ſchlicht und grade und zwertens eben fo gläud 
und vertrauensvoll zu Werke gingen. Beides wollen wir von 
beiden lernen. | — ป 


I. Zuerft alfo laßt ung Iernen in der Anknuͤpfung un 
ferer Verhaͤltniſſe eben fo. grade und ſchlicht zu Ber 
fe gehn, wie unfer Herr.und wie feine Jünger. 

‚Wir fehen dabei zunächft auf den Erlöfer. — Für ihn, ment 
er feinen Beruf erfüllen ſollte, war es allerdinge unumgängli 
nothivendig, Jünger an fich zu ziehen und fich mit Anhängern 
und DVerehrern zu umgeben. Die Umftände, unter denen ber Er 
‚ Iöfer öffentlich auftrat, waren dazu außerordentlich günflig. Al 
Volk ſtroͤmte dem Täufer Johannes zu; dieſer in der Ueberjzen— 
gung, der ertvartete Meſſias muͤſſe noch-gleichzeitig mit ihm fell 
auftreten, hatte Gott gebeten, ihm denfelben auf eine unverkenn⸗ 
bare Art aussugeichnen. Seine Bitte war gewährt worden; Je 
ſus wußte diefeg; die Art wie Johannes ihn empfing bewies | 
deutlich, daß er ihn für den Meſſias halte, und wir fehen, Je 
hannes theilte auch Diefe feine Ueberzeugung feinen vertrauteren Freun 

den mit. Wie ſchnellen Vortheil hätte der Erlöfer hievon ziehen, 


| 391: 2. 1 
vie bald fich mit Glanz und hohem Anſehn umgeben koͤnnen, 
venn es ihm möglich geweſen wäre fo zu handeln, mie wir in 
er Welt nur เน oft handeln fehn. Sollte es wol ſchwer gehal⸗ 
en haben, den Täufer, der von der Wurde Jeſu fo feft über 
eugt war, dahin zu bringen, baß er Jeſum öffentlich vor allem 
Bolf, was zu ihm hinauskam in die Wüfte, als den erwarteten 
Neſſias ausgerufen haͤtte? oder. wenn auch dag nicht, wie leicht 
var e8, unter" der Hand durch Freunde und Bekannte dag Zeugs 
แร | was Johannes Jeſu gegeben, unter das Volk zu bringen? 
Benn dann derjenige, der von dem größten, beroundertfien Manne 
ſes Volkes als der noch größere angepriefen ward, fich auf eine 
hrfurchtgebietende Art gezeigt; wenn er fogleich vor den Augen 
er Menge eine von jenen wunderbaren Thaten verrichtet hätter 
vie fie ihm bernach immer gu Gebote fanden und wozu eine na 
irliche Gelegenheit bei einem -folchen Zufammenfluß von Mens 
hen nicht Leiche fehlen Eonnte: wie ſchnell hätte fich fein Ruf 
unter dem Volk verbreiten müflen und wieviel begeifterte Anhäns 
ger würden fich gleich um ihn gefammelt haben! Aber von fol 
hen Künften wußte der Erlöfer nichts, und freilich liegt eben in 
der fchlichten Einfalt feines Betragens auch. wieder die höchfte 
Weisheit. Denn wären wol bie fo gewonnenen ein fiherer Grund 
geweſen, auf dem er feine Kirche weiter hätte bauen koͤnnen? 
Penn unter der großen Menge, die ทิต) von Johannes taufen 
ließ, gewiß ſchon fehr viele waren, die in den wahren Geift der 
Predigt deffelben nicht eindrangen: „würden es grade die befleren 
und immer nur bie befferen geweſen fein, bie fo fchnel vom ihm. 
แ Jeſu übergegangen wären? แท อ die auch von Herzen dem 
Läufer zuftimmten, waren fie dadurch fchon vorbereitet, den Geift 
des Erlöfers und feines Unternehmens su fallen? was andreg 
würde bei den meiften zum Grunde gelegen haben, als eine irdi⸗ 
(de Erwartung? und Eonnte das einzige Mittel zur allmiähligen 
Reinigung und Erhebung des Gemuͤthes, der ‚vertraute fortwaͤh⸗ 
te Umgang bes Erlöfers eben fo gut bei einem großen buns 
ten Haufen angewendet werden, als bei ber Fleinen Zahl feiner 
een Seeunde? Darum konnte auch dem Erlöfer nichts in den 
Sinn fommen, was ihn zu einem fo fchnellen, aber zweideutigen 
Erfolg geführt hätte. — Auf der andern Seite, wohin war wol 
der Erlöfer mit feinem Beduͤrfniß, Theilnehmer an feiner Angele: 
genheit zu finden, zunaͤchſt gewieſen; von woher durfte er eher 
zuverlaͤßige und, wenn auch nicht fchon gang mit ihm verflans 
dene und. einſichtsvolle, doch bildfame Jünger erwarten, als eben 
aus den Jüngern des Johannes? Der Glaube Eommt durch die 


— 


Predigt, das ift der natürliche Weg, und fo war es natürlich 


gen Gemeine berausgreifen wollen, noch wollte er warten, d 
Gott fie ihm auf eine wundare Weife zuführe, noch wäre «8 ih 


ſchon in Einer Hinficht bewaͤhrt und mußten auch wol zum Ih 
- wenigfteng geneigt fein, ihres Meifters Weifung zu folgen, - dab 


392 


daß aus der Predigt bes Johannes der erfte Glaube an Jeſum 
kam. Auch Eonnte er weder auf das gerathetwohl aus dem gro 
Ben Haufen feine erften Jünger, die Grundlage zu feiner Fünfte 















ficher genug geweſen, etwa auf den erften Eindrukk gu trau 
den feine eignen öffentlichen Neben machen wuͤrden; denn 
leicht konnte wenigſtens ein flüchtiger Eindruff. hervorgebrach 
werden auch in .einem für das nähere Zufammenleben mit ih 
weder geeigneten noch vorbereiteten Semüth. Aber die dag firen 
Leben mit. Johannes nicht fcheuten, um eine ernfte Nichtung 
dag Reich Gottes zu bemeifen und dazu aufzufordern, die war 


fie durch Anfchliegung an Jeſum fich dem großen Ziel am fchneh 


ſten nähern und am meiften dafür wirken würden. Darum hielt 


Jeſus fih nun einige Tage nach feiner Taufe in der Nähe iii 


— 


Johannes auf; um abzuwarten, ob ſich nicht, mag fo natürlid 


und tahrfcheinlich mar, von felbft ergeben würde. „Und al! 


zuerſt zwei von den Jüngern des Johannes ihm nachgingen: ſo 
', weigerte er fich ihnen nicht, fondern Fam ihnen mit Sreundlidtat 


entgegen, und fo wurde auf die -einfachfte Weife- der. Bund gr 
fchloffen, der fie für das Leben und die Ewigkeit zuſammenhiel— 
und auf die gleiche Weiſe wurden ihm noch einige aus berfelben 
Schule hinzugefügt. 0 | 

Möchten wir doch alle, meine theuren Freunde, uͤberal 
eben fo handeln, two wir und in einem ähnlichen Falle befinde 
und wir befinden uns alle bisweilen darin. Denn wer fühlt fd 
nicht getrieben, Died und jenes in feinem Kreife auszurichten, auf 
das Leben oder auf die Gemüther der Menfchen zu wirken; un 
der Gegenftand fei welcher er wolle, fo muß doch immer des 
erfte_fein, daß. wir und Gehülfen und Mitarbeiter fuchen, wie dt 
Erlöfer that. Je mehr nun unfere DBeftrebungen auf dag gut 
gerichtet find, auf: etwas in näherem oder entfernterem Gin 
auch zum Meiche Gottes gehöriges, um deſto ſtrenger laßt und 
ber Regel des Erlöfers folgen. Was irgend gefchehen fol, um 
die Liebe zu befeftigen, um den Glauben zu flärfen, um dem boͤ 
fen zu begegnen, um Krafl, Weisheit und Zucht in einzelne 8X 
biete des Lebens zu bringen, es will auf göttliche Art geroirf 
fein,. und wir dürfen die göttliche Kraft, die dabei gefchäftig ih 
nicht verunreinigen. Wenn wir ung แน น bie Gehülfen dazu af 


mrechten Wege fuchen; wenn irgend etwas anderes als bie 
"ไต ล ด ( der Ueberzeugung und Gefinnung fie an ung heften fol, 
nd wenn wir meinen, auch ſolche, Die diefe nicht mit ung thei⸗ 
en, koͤnnten ung wahrhaft nüzlich fein; wenn es ung gleichgäls 
ig iſt, wodurch wir das nöthige Anfehn über fie erlangen und 
thaupten: fo werben wir ung gewiß auf eine bedauernswuͤrdige 
rt täufchen und weniger ein Merk Gottes fördern, als wenn 
ir entweder warten, 018 uns auf bem allein richtigen Wege zu 
heil wird, was wir brauchen, oder mit geringeren Kräften un⸗ 
ernehmen, wozu ber Augenbliff drängt. Eben fo gewiß aber ift 
mc diefes, daß wenn etwas, nachdem eg richtig unternommen 
norden, auch erfreulich gedeihen folk, 68 anf menfchliche und na- 
türlihe Art gewirkt. fein muß. Wie verfehrt ift es, wenn wir. 
DB, was wir wünfchen, gleichfam. aus nichts erfchaffen wollen, 
dab es wie vom Himmel gefallen da ſtehe! Keine leerere Einbil⸗ 
dung giebt e8 als dieſe. Es gelingt nichtd, was nicht vorbereis 
tet it, was fich nicht an eim fchon vorhandenes anfnüpft, und 
vergeblich werden mir ung anftrengen, etwas wirklich zu machen, 
was nicht an der Zeit ift. | 

Nun laßt uns aber auch von den Juͤngern lernen, wie fie ง 
in ihrer Art bei- diefem großen Gefchäft eben fo fchlicht und ein» 
fach verführen. Die beiden, die. Jeſu zuerſt nachfolgten und von 
denen wol gewiß der ergählende Evangelift felbft einer war, hat 
ten ſich bis dahin als nähere Juͤnger und treue Begleiter zu Io: 
hannes dem Täufer gehalten. Als er ihnen aber fagte, daß Je⸗ 
18 derjenige fei, auf den fich feine Verkündigung bezogen babe, 
da war auch. nicht erft ein langes Ueberlegen, ob es auch rath⸗ 
fm fei, fich gleich ganz zu Jeſu zu halten, fich ihm gleichfam 
anzubieten, und ob fie nicht erft eine Aufforderung oder Annaͤhe⸗ 
tung von feiner Seite erwarten Fünnten. Da war auch feine 
weichliche Zärtlichkeit, Die fich fcheute, Ken verehrten Meifter fo 
plöslich zu verlaffen, und lieber abwarten wollte, bis er feine 
kaufbahn geendet Hätte, oder big er ihnen wiederholt zureden 
twürde und es ihmen recht dringend machen, daß fie fich an Yes 
fum anfchliegen follten. Wir dürfen es ung ja nicht verbergen, 
wieviel gutes zu allen Zeiten durch folche vielfache, einander durch. 
kreuzende Ruͤkkſichten verzögert wird, oder. gar verdorben! Wer 
bei etwas gutem; was er ernftlich will, erft daran denfen kann, 
0 er fich nicht etwas vergiebt, ob er nicht hie und da anſtoͤßt; 
ย ก nicht bei allen, Die daffelbe wollen, oder wenigſtens wollen 
ſollen, auch dieſelbe Selbſtvergeſſenheit vorausſezt und aus dieſer 
Vorausſezung handelt: dem fehlt doch die rechte Begeiſterung und 


- 394 


bie rechte Stärke, der wird auch nicht weiter kommen, als bie 
welche erſt ihren Abſchied machen und ihre Todten begraben wol⸗ 
โด บ denn. er legt auch die Hand an den Pflug und ſiehet zu 
rüff. — Und nicht minder lehrreich find ung die andern. Phi: 
lippus ruft mit frifcher Zuverficht feinem Freunde Nathanael zu 
Wir haben den Meſſias funden. Er hält fich nicht etwa zurüff 
und denkt bei fich felbft, man müffe doch auch gegen den Freund 
das Herz nicht fo unbedingt auf ber’ Zunge tragen, fondern fih 
erft zu verfichern fuchen, wie. er eine Mittheilung von folhe 
Wichtigkeit aufnehmen werde, und mit Klugheit den Augenblifl 
abwarten oder herbeiführen, wo fie den guͤnſtigſten Eindruff mu 
chen könne. - Nathanael macht eben fo wenig Umſtaͤnde, was ihm 
auffällt, mas ihm verdächtig erfcheint gradehin zu Außern; un 
als Philippus, ohne beleidigt zu fein, daß feine Verficherung nict 
fchnelleren Glauben fand und ohne ſich nun noch auf Johannis 


Zeugniß แน berufen, ihm. nun zurief, Komm und fiehe, da war. 


jener gewiß zur firengften Prüfung um fo mehr entfchloffen, je 
feichter fie ihm gemacht ward, mie fie denn, Gott fei Dank, 
grade bei den wichtigften Dingen gewöhnlich) am Teichteften iR. 
D möchten wir doch. immer eben fo handeln, wenn wir für die 
wichtigen Zwekke, denen unfer Leben gewidmet ift, einen Zühre 
fuchen, oder wenn mir einen gefunden haben, unter dem mir 
gern alles, tag wir lieben, vereinigen möchten. Wie einfach un 
ficher und im wahrhaft großen Styl bes Lebens ift diefes Ber 
fahren. Wenn ung ein folcher dargeboten wird: wie. follten wit 
nicht unfre Bebenklichfeiten frei heraus aͤußern und ihnen auf ben 
Grund gehn, damit wir nicht aus Gefälligfeit einen falſchen 
“ Schritt thun, der unfer ganzes Leben verwirren müßte? wen 
wir einen folhen Zund gemacht haben, daß unfer Leben einen 
neuen Halt, eine neue beftimmte Nichtung gewonnen hat: wie 
koͤnnten wir dad ‘denen, die wir lieben, verfchtweigen, aber mie 
auch anders ald gern und willig, was fie zu thun haben, ihr 
eigenen Prüfung